Krebserkrankungen und Fruchtbarkeit · Kapitel 6 von 22 · Studienlage: Beobachtungsstudien

Hodentumoren

Beim Hodentumor ist die Besonderheit, dass das tumortragende Organ selbst Keimzellen bildet und dass zusätzlich der Messzeitpunkt (vor oder nach der Orchiektomie) wesentlich ist. Die Studien dieses Abschnitts messen die Ausgangsqualität mit unterschiedlichem Zeitbezug; das ist bei jeder Zahl zu beachten.

Rives et al. 2012 (französisches CECOS-Netz) [s235]. Titel: The semen quality of 1158 men with testicular cancer at the time of cryopreservation: results of the French National CECOS Network. (Journal of andrology, 2012, PMID 22837112). Land: Frankreich (Rouen und zehn weitere CECOS-Laboratorien). Design: retrospektive multizentrische Studie. Population: 1.158 Männer mit Hodentumor, die zwischen 1999 und 2003 in 11 CECOS-Laboratorien Samen einlagerten. Methodik: Auswertung der Parameter vor dem Einfrieren und nach dem Auftauen nach Vorgeschichte, histologischem Typ und Stadium. Ergebnisse: Reine Seminome fanden sich bei 48 %; die Diagnose wurde meist im Stadium I gestellt. Bei Kryptorchismus in der Vorgeschichte trat der Tumor bevorzugt im nicht herabgestiegenen Hoden auf. Die Proben wurden überwiegend nach der Orchiektomie gewonnen. Spermienkonzentration und Gesamtzahl waren vor der Orchiektomie bei Seminomen signifikant niedriger als bei Nicht-Seminomen (p < 0,001); nach der Orchiektomie nahmen diese Parameter bei Nicht-Seminomen ab, bei Seminomen nicht. Schwerer beeinträchtigt waren die Parameter bei Stadium III, bei Kryptorchismus in der Vorgeschichte und bei einem Alter unter 20 Jahren. Azoospermie war vor der Orchiektomie häufiger als danach. Die Autoren folgern, dass die Kryokonservierung vorzugsweise vor der Orchiektomie stattfinden solle und dass bei schwerer Spermatogenesestörung eine Hodenspermienextraktion zeitgleich mit der Orchiektomie genutzt werden könne; Seminome beeinträchtigten die Spermienproduktion stärker als Nicht-Seminome, offenbar bevorzugt im tumortragenden Hoden. Stärken: sehr große Serie, histologische Aufschlüsselung, Vorher-Nachher-Orchiektomie-Vergleich. Schwächen: Proben überwiegend nach der Orchiektomie, retrospektiv, keine Kontrollgruppe, Abstract ohne absolute Werte. Einordnung: Der Befund steht im Gegensatz zu Gandini 2003 [s271], Vicari 2005 [s266] und Tovar-Rodríguez 2014 [s213], in denen Seminompatienten bessere Werte hatten, und zu Xavier 2021 [s127], die die Wirkung beim Nicht-Seminom ausgeprägter sehen; die Studien messen zu verschiedenen Zeitpunkten und in verschiedenen Populationen.

MacKenna et al. 2017 [s181]. Titel: Semen quality before cryopreservation and after thawing in 543 patients with testicular cancer. (JBRA assisted reproduction, 2017, PMID 28333030). Land: Chile (Santiago). Design: retrospektive Studie. Population: 589 Proben von 543 Patienten mit Hodentumor (1995 bis 2015). Methodik: WHO-Kriterien 2010, Auftautest an einer Portion je Patient. Ergebnisse: Hypospermie in 28,7 % der Proben, mediane Spermienkonzentration 18 Mio/ml, 35 % Oligozoospermie, 22 Patienten (4,1 %) azoosperm, 12,7 % schwere Oligozoospermie, mediane Spermienzahl 31,3 Mio, 261 Proben (44,3 %) in allen Parametern normal. Die Gesamtzahl beweglicher Spermien betrug vor der Kryokonservierung 12 Mio (Spanne 0 bis 412,2) und nach dem Auftauen 7 Mio (0 bis 303,9; p < 0,00001; 95-%-Konfidenzintervall der Differenz 5,48 bis 14,91), das entspricht einer Verminderung um 32 %. Nur zwölf Patienten (2,2 %) nutzten ihren Samen. Stärken: große Einzelzentrumsserie mit Auftautest. Schwächen: Auftautest nur an einer Portion je Patient, keine Kontrollgruppe, der Messzeitpunkt zur Orchiektomie wird im Abstract nicht angegeben.

Badia et al. 2023 [s74]. Titel: Impact of testicular cancer stage on semen parameters in patients before orchiectomy. (Urologic oncology, 2023, PMID 36697315). Land: USA (Dallas). Design: retrospektive Studie, ausschließlich Proben vor der Orchiektomie (2006 bis 2018). Population: 38 Patienten mit Hodentumor, mittleres Alter 27 Jahre (Interquartilsabstand 23 bis 32). Ergebnisse: Vier (11 %) waren azoosperm; kein signifikanter Unterschied zwischen Stadium I und II/III oder zwischen Seminom und Nicht-Seminom. Nach WHO 2010 hatten 7 (18 %) ein abnormes Volumen, 18 (47 %) eine abnorme Gesamtspermienzahl und 9 (24 %) eine abnorme Beweglichkeit. Stärken: Proben ausschließlich vor der Orchiektomie, also ohne Operationseffekt. Schwächen: nur 38 Patienten, keine Kontrolle, keine Konfidenzintervalle; die Aussage „kein Unterschied nach Stadium oder Histologie“ beruht auf kleinen Gruppen mit geringer Teststärke.

Buonacquisto et al. 2026 (Zeitpunkt der Kryokonservierung) [s04]. Titel: Semen Cryopreservation in Testicular Cancer: Before or After Orchidectomy? (Andrology, 2026, PMID 41664519). Land: Italien (Rom). Design: retrospektive Studie zur Samenqualität vor und nach der Orchiektomie; die Fallzahl nennt der Abstract nicht. Ergebnisse: Proben nach der Orchiektomie zeigten einen signifikanten Rückgang von Gesamtspermienzahl und Progressivmotilität sowie mehr morphologische Auffälligkeiten; zugleich sank die Spermien-DNA-Fragmentierung nach der Operation signifikant, was die Autoren als verbesserte Chromatinintegrität nach Tumorentfernung deuten. Erhöhtes präoperatives FSH und höherer BMI waren Risikofaktoren für eine postoperative Oligozoospermie; FSH und LH stiegen nach der Operation, Gesamttestosteron sank leicht. Zwischen dem Volumen des gegenseitigen Hodens und der Änderung der DNA-Fragmentierung bestand ein signifikanter Zusammenhang. Die Autoren halten die Probe nach der Orchiektomie wegen besserer DNA-Integrität für möglicherweise besser geeignet für die assistierte Reproduktion. Schwächen laut Abstract: Nicht alle Teilnehmer erhielten die vollständige Diagnostik, was einzelne Analysen einschränkt; keine Zahlen im Abstract. Einordnung: Das Ergebnis steht in Spannung zu Rives [s235], der die Einlagerung vor der Orchiektomie bevorzugt, weil dort die Konzentration höher ist; beide Befunde betreffen unterschiedliche Parameter (Menge gegenüber DNA-Integrität).

Fosså et al. 1989 [s296]. Titel: Is routine pre-treatment cryopreservation of semen worthwhile in the management of patients with testicular cancer? (British journal of urology, 1989, PMID 2611625). Land: Norwegen (Oslo, Norwegian Radium Hospital). Design: retrospektive Kohorte. Population: 147 Patienten mit Hodentumor, die zwischen 1979 und 1987 nach der Orchiektomie vor Behandlung ein Spermiogramm erhielten. Ergebnisse: Kryokonservierung wurde von 91 Patienten gewünscht, war aber bei 38 wegen schlechter Parameter unmöglich. Von 99 auswertbaren Patienten hatten 44 nach der Behandlung eine Spermienzahl von mindestens 10 × 10^6/ml, und 22 von ihnen wurden Väter. Die Fertilität nach der Behandlung war bei Patienten mit und ohne Kryokonservierung in gleichem Maß zu beobachten; vier von 53 nutzten ihren Tiefkühlsamen, es entstand eine Schwangerschaft. Die Autoren halten die klinische Bedeutung der routinemäßigen Kryokonservierung für zweifelhaft (so im Titel als Frage formuliert). Stärken: Vergleich mit und ohne Kryokonservierung. Schwächen: alte Daten (vor ICSI), kleine Gruppen, Auswahlverzerrung. Einordnung: Der Anteil von 38 unmöglichen Einlagerungen unter 91 Wünschen (rund 42 %) ist wegen der damaligen Aufnahmekriterien nicht mit heutigen Zahlen vergleichbar.

Záková et al. 2014 [s215]. Titel: Sperm cryopreservation before testicular cancer treatment and its subsequent utilization for the treatment of infertility. (TheScientificWorldJournal, 2014, PMID 24587730). Land: Tschechische Republik (Brno). Design: kontrollierte klinische Studie beziehungsweise Kohorte. Population: kryokonservierter Samen von 523 Männern mit Hodentumor (1995 bis 2012); 557 entschieden sich zum Einfrieren; Azoospermie bei 34 (6,1 %); Samen von 532 Patienten wurde kryokonserviert; 283 (54,1 %) hatten ein Seminom, 240 (45,9 %) ein Nicht-Seminom. 34 Männer (6,5 %) nutzten den Samen: 57 Behandlungszyklen mit kryokonserviertem, frischem oder Spendersamen; 16 Schwangerschaften bei 46 Zyklen mit kryokonserviertem Samen, entsprechend 34,8 %. Hinweis: Die Zahlenangaben im Abstract sind teils uneinheitlich (523 gegenüber 532 und 557 Patienten) und werden hier wortgetreu übernommen. Schwächen: keine Kontrollgruppe im Abstract, Zahlenangaben unstimmig.

Vicari et al. 2005 [s266]. Titel: [Unilateral testicular cancer: incidence and effects of a contralateral testiculopathy on the sperm output]. (Einseitiger Hodenkrebs: Häufigkeit und Auswirkungen einer kontralateralen Hodenerkrankung auf die Spermienleistung) (Minerva urologica e nefrologica = The Italian journal of urology and nephrology, 2005, PMID 15944521). Land: Italien (Catania). Design: Querschnittsstudie (italienischsprachig). Population: 24 Patienten (mittleres Alter 26 Jahre, 19 bis 38) mit Hodenkeimzelltumor (10 Seminome, 14 Nicht-Seminome) nach Orchiektomie und vor Strahlen- oder Chemotherapie. Ergebnisse: Seminompatienten hatten signifikant höhere Konzentration, Gesamtzahl und Vorwärtsbeweglichkeit als Nicht-Seminompatienten. Fünf von 24 (20,8 %) waren azoosperm, 10 (41,7 %) hatten ein oligo-, astheno- oder teratozoosperme Muster, 9 (37,5 %) waren normal. Das Volumen des verbleibenden Hodens war bei 4 von 5 azoospermen Patienten (80 %) und bei 7 von 10 oligoasthenoteratozoospermen (70 %) vermindert (unter 12 ml), bei normozoospermen nie; die Biopsie bei fünf Azoospermen zeigte Sertoli-Zell-Syndrom bei vieren und Reifungsstopp bei einem. Die Autoren deuten dies als zufällige kontralaterale primäre Hodenerkrankung. Stärken: Verbindung von Samen, Ultraschall und Histologie. Schwächen: kleine Zahl, nach Orchiektomie untersucht, keine Kontrollgruppe, keine Konfidenzintervalle.

Tovar-Rodríguez et al. 2014 [s213]. Titel: [Serum hormones that regulate the reproductive axis in men with testicular germ cell cancer and its impact on fertility]. (Serumhormone der Reproduktionsachse bei Männern mit Hodenkeimzelltumor und ihre Auswirkung auf die Fertilität) (Cirugia y cirujanos, 2014, PMID 25510790). Land: Mexiko (Mexiko-Stadt). Design: Vergleichsstudie mit Kontrollen (spanischsprachig). Population: 37 Patienten mit Keimzelltumor (15 Seminom, 22 Nicht-Seminom) und 35 Kontrollen; Hormone per Radioimmunoassay. Ergebnisse: Bei Nicht-Seminomen waren LH, FSH und Testosteron erniedrigt, Estradiol und Prolaktin erhöht im Vergleich zu Seminomen. Von den Nicht-Seminom-Patienten hatten 5 eine Oligozoospermie, 3 eine Azoospermie, 6 eine normale Konzentration und 8 gaben keine Probe ab; in der Seminomgruppe war einer azoosperm, 9 hatten eine normale Konzentration und 5 gaben keine Probe ab. Die Autoren folgern, dass die Beeinträchtigung der Fertilität bei Nicht-Seminomen größer sei. Stärken: Hormon- und Samenbefund, Kontrollgruppe. Schwächen: kleine Fallzahlen, viele Patienten ohne Probe (13 von 37), keine Konfidenzintervalle.

Molnár et al. 2014 [s209]. Titel: [Influence of malignant tumors occurring in the reproductive age on spermiogenesis: studies on patients with testicular tumor and lymphoma]. (Einfluss bösartiger Tumoren im reproduktionsfähigen Alter auf die Spermiogenese: Untersuchungen an Patienten mit Hodentumor und Lymphom) (Orvosi hetilap, 2014, PMID 25109916). Land: Ungarn (Debrecen). Design: retrospektive Analyse (ungarischsprachig; Ungarisch gehört nicht zu den ursprünglich angefragten Sprachräumen, die Studie wird wegen ihres Inhalts geführt). Population: Spermiogramme von 68 Männern mit Hodentumor, 37 mit Hodgkin-Krankheit und 14 mit Non-Hodgkin-Lymphom (zusammen 119) vor Kryokonservierung. Ergebnisse: Azoospermie bei 11,8 % (14 Männer), Oligozoospermie bei 58,8 % (70 Männer) schon vor Behandlung; die Spermienkonzentration sei bei Hodentumor signifikant niedriger als bei Lymphomen, angegeben als „32,8 gegenüber 24,9 Mio/ml; p = 0,03“. Hinweis zur Konsistenz: Die Richtung der angegebenen Mittelwerte (32,8 bei Hodentumor, 24,9 bei Lymphomen) widerspricht der Aussage, die Konzentration sei bei Hodentumor niedriger; der Abstract (auch die ungarische Fassung) wird hier wörtlich wiedergegeben, ohne den Widerspruch aufzulösen. Zwischen Hodgkin und Non-Hodgkin bestand kein Unterschied. Schwächen: Abstract ohne Streuungsmaße, Widerspruch in den Zahlen, keine Kontrollgruppe.

Höppner et al. 1986 [s300]. Titel: [Examination of the fertility of patients with malignant testicular cancer at the time of orchiectomy. The question of the opinion on cryopreservation]. (Untersuchung der Fertilität von Patienten mit bösartigem Hodentumor zum Zeitpunkt der Orchiektomie. Die Frage der Stellungnahme zur Kryokonservierung) (Andrologia, 1986, PMID 3752544). Land: im Abstract nicht angegeben (deutschsprachig, Zeitschrift Andrologia). Design: Querschnittsstudie. Population: 29 Patienten mit Hodentumor; bei 19 wurde vor und nach der Orchiektomie, aber vor jeder weiteren Behandlung, eine Samenanalyse gemacht. Ergebnisse: ohne offensichtlichen Unterschied zwischen beiden Zeitpunkten. Nach den damals üblichen Annahmekriterien (mehr als 10 Mio/ml und mehr als 30 % Beweglichkeit) erfüllten 17 von 29 (58,6 %) die Bedingungen für das Einfrieren. Schwächen: sehr kleine Zahlen, Untersuchung vor Einführung der ICSI, keine Kontrollgruppe. Einordnung: Die fehlende Differenz vor und nach der Orchiektomie in dieser kleinen Serie steht im Gegensatz zu [s235] und [s04].

Schubert et al. 1989 [s297]. Titel: [Autologous frozen sperm--an alternative in infertility in the patient with invasively treated testicular tumor?]. (Autologes Gefrierejakulat - eine Alternative bei Infertilität des Patienten mit invasiv behandeltem Hodentumor?) (Zeitschrift fur Urologie und Nephrologie, 1989, PMID 2741565). Land: Deutschland (Dresden). Design: retrospektive Studie. Population: Patienten mit Hodentumor; bei 70 % (n = 30) fand sich vor der Behandlung ein abnormes Spermiogramm; nach retroperitonealer Lymphknotenausräumung bei 71 % (n = 45) ein vollständiger oder teilweiser Ejakulationsverlust; von 22 Patienten mit Kryosamen erfüllten nur diejenigen mit mehr als 10 Mio Spermien/ml, mehr als 30 % beweglichen Spermien und mehr als 30 % Beweglichkeit nach dem Auftauen die Anforderungen; unter diesen Bedingungen seien nur 25 % der Hodentumorpatienten für eine langfristige Konservierung geeignet. Schwächen: Gesamtzahl der Patienten im Abstract nicht genannt, damalige strenge Kriterien, keine Kontrollgruppe.

Barth und Schönfelder 1988 [s298], Joos et al. 1993 [s291], Köhn und Schill 1988 [s299]. Titel zu [s298]: [Fertility studies in malignancy (tumors of the testicle, malignant melanomas, cancer of the thyroid gland)]. (Fertilitätsuntersuchungen bei Malignomen (Hodentumoren, maligne Melanome, Schilddrüsenkarzinom)) (Andrologia, 1988, PMID 3369711). Titel zu [s291]: [Endocrinology and fertility in stage I testicular tumor]. (Endokrinologie und Fertilität beim Hodentumor im Stadium I) (Helvetica chirurgica acta, 1993, PMID 7509783). Titel zu [s299]: [The Munich cryopreserved sperm bank--intermediate 1974-1986 evaluation]. (Die Münchner Kryosamenbank - Zwischenauswertung 1974-1986) (Der Hautarzt; Zeitschrift fur Dermatologie, Venerologie, und verwandte Gebiete, 1988, PMID 3360601). Diese drei deutschsprachigen Arbeiten bleiben zahlenarm. Barth (Aue, damalige DDR) berichtet über 83 Patienten (78 Hodentumoren, 4 Melanoblastome, 1 Schilddrüsenkarzinom); Einschränkungen der Fertilität traten bei Gonadentumoren deutlicher auf als bei extragonadalen Tumoren; ein Ejakulationsverlust nach retroperitonealer Lymphknotenausräumung wird als die stärkste Fertilitätsstörung bezeichnet. Joos (Salzburg, Österreich) untersuchte 54 Patienten mit Hodentumor im Stadium I, bei 37 lag ein Spermiogramm vor der Semikastration vor; das beta-hCG im peripheren Serum sei für die Beurteilung der Hormone von großer Bedeutung. Köhn (München) berichtet über die Münchner Samenbank seit 1974 mit überwiegend Hodentumorpatienten, ohne Zahlen im Abstract.

Culpan et al. 2024 [s48]. Titel: The Status of Spermatogenesis in Germ Cell Tumor Bearing Testis and Its Association with Metastatic Disease. (Clinical genitourinary cancer, 2024, PMID 38728792). Land: Türkei (Istanbul Medeniyet-Universität und weitere Zentren). Design: retrospektive histologische Kohorte (multizentrisch). Population: 454 Patienten mit testikulärem Keimzelltumor nach Orchiektomie; 195 mit Seminom, 259 mit nicht seminomatösem Keimzelltumor (NSGCT); 306 hatten bei Diagnose eine lokalisierte Erkrankung; medianes Alter 31 Jahre (Interquartilsabstand 26 bis 38). Methodik: Alle nicht tumorösen Areale des Orchiektomiepräparats wurden histologisch auf Spermatogenese untersucht; multivariate logistische Regression für die Faktoren einer metastasierten Erkrankung. Ergebnisse: 102 Patienten (22,5 %) hatten eine normale Spermatogenese, 177 (39,0 %) eine Hypospermatogenese und 175 (38,5 %) keine reifen Spermien. Mit metastasiertem NSGCT waren assoziiert: Embryonalkarzinom über 50 % (Effektmaß 1,944; 95-%-Konfidenzintervall 1,054 bis 3,585; p = 0,033), Hypospermatogenese (2,796; 1,251 bis 6,250; p = 0,012) und das Fehlen reifer Spermien (3,907; 1,692 bis 9,021; p = 0,001); für Seminome fand sich keine signifikante Variable. Der Abstract nennt das Effektmaß ohne Bezeichnung (vermutlich Odds Ratio). Stärken: große Fallzahl, Konfidenzintervalle berichtet, Histologie als Direktmaß der Spermatogenese. Schwächen: Histologie statt Ejakulatanalyse, retrospektiv, kein Vergleich mit gesunden Kontrollen, Heterogenität nicht berichtet. Einordnung: Die Studie zeigt, dass beim Hodentumor schon im Gewebe des erkrankten Hodens vor jeder Systemtherapie ein verbreiteter Schaden besteht; sie erlaubt keinen Rückschluss auf die Ejakulatqualität einzelner Patienten.

Topuz et al. 2021 [s125]. Titel: Examination of clinical data and semen analysis results of patients undergoing orchiectomy for testicular tumor. (Revista da Associacao Medica Brasileira (1992), 2021, PMID 34495064). Land: Türkei (Ankara, Gülhane-Klinik). Design: retrospektive monozentrische Fallserie. Population: 53 Männer mit Orchiektomie wegen Hodentumor (2016 bis 2019), mittleres Alter 33,51 ± 12,86 Jahre. Ergebnisse: Die mittleren Spiegel aller Tumormarker lagen über den Referenzwerten; mittlere Tumorgröße 34,68 ± 23,32 mm; multiple Lokalisationen in 11,3 %, Mikrolithiasis in 13,2 %. Ein Spermiogramm samt Kryokonservierung wurde bei 29 der 53 Patienten (54,7 %) vor der Operation durchgeführt; die mittlere Spermienkonzentration vor der Orchiektomie betrug 24,21 × 10^6/ml. Die Beweglichkeit nach Kategorien lautet im Abstract wörtlich: Gruppe A 0,79 %, Gruppe B 39,10 %, Gruppe C 9,83 %, Gruppe D 22,69 %. Die Autoren schließen, die Spermatogenese sei vor der Behandlung durch lokale und systemische Effekte des Hodenkrebses beeinträchtigt. Stärken: Spermiogramme vor jeder Therapie. Schwächen: nur 29 von 53 mit Spermiogramm, keine Kontrollgruppe, keine Konfidenzintervalle, keine Streuungsmaße der Spermienwerte. Hinweise auf interne Unstimmigkeiten im Abstract: Die Beweglichkeitswerte der vier Kategorien summieren sich nicht auf 100 %, und der Wert von 0,79 % für Kategorie A ist ungewöhnlich niedrig; die Zahlen werden unverändert wiedergegeben.

Tangal und Yığman 2021 [s123]. Titel: Frequency of Testicular Tumor in Patients with a Diagnosis of Infertility and Asymptomatic Male Applied to a University Hospital (Acıbadem Üniversitesi Sağlık Bilimleri Dergisi, 2021). Land: Türkei (Istanbul, Acıbadem-Universität). Design: retrospektive Auswertung bei Männern mit Kinderlosigkeit oder Männerfaktor, also in umgekehrter Fragerichtung (Tumor bei Infertilen). Population: 954 Männer (August 2015 bis August 2018), mittleres Alter 31,6 Jahre. Ergebnisse: Bei fünf Männern (vier rechts, einer links; rechnerisch 0,5 % der Gruppe) wurde ein Hodentumor festgestellt; alle fünf hatten ein reines Seminom, keiner hatte einen Maldescensus testis in der Vorgeschichte, die Tumormarker waren normal, Metastasen fehlten. Drei dieser fünf hatten eine Oligospermie, zwei eine Azoospermie. Die Autoren raten, bei infertilen Männern auf Hodentumoren zu achten. Schwächen: nur fünf Fälle, keine Kontrollgruppe, Auswahl durch Kinderwunschsprechstunde. Einordnung: Die Studie liefert fünf Spermiogramm-Befunde vor einer Tumorbehandlung und ist mit der Annahme vereinbar, dass niedrige Spermienwerte dem Tumor vorausgehen können.

Kostin et al. 2017 [s186] und Kulchenko 2018 [s170]. Titel zu [s186]: Оценка перспективности адекватного сперматогенеза у пациентов с опухолями яичка (Bewertung der Aussichten auf angemessene Spermatogenese bei Patienten mit Hodentumoren) (Research'n Practical Medicine Journal, 2017). Titel zu [s170]: Мужское бесплодие и опухоли яичка (Männliche Unfruchtbarkeit und Hodentumoren) (Research'n Practical Medicine Journal, 2018). Land: Russland (Moskau). Design: zwei Kongressbeiträge zur Hormonlage bei nicht obstruktiver Azoospermie. Population: Kulchenko untersuchte 197 Patienten mit Azoospermie (Hormonprofil, Skrotalsonographie, bei Indikation Mikro-TESE mit Histologie). Ergebnisse: TSH, LH, Testosteron, Prolaktin und SHBG unterschieden sich nicht (p > 0,05); FSH (2,3 bis 26,8 mIE/l), Inhibin B (88,4 ± 7,8 pg/ml) und AMH (3,2 ± 1,4 ng/ml) veränderten sich signifikant (p < 0,05). Bei der Hodenbiopsie wurde bei 7 Männern (3,5 %) ein Hodenkrebs entdeckt, 4 Seminome und 3 gemischte Tumoren. Kostin nennt als häufigste Indikationen zur Spermakonservierung bei Hodentumoren Seminom (27,18 %), gemischten Hodenkrebs (14,98 %) und Tumoren des Keimepithels (12,34 %) und zitiert ohne Quellenangabe Werte „europäischer Forscher“. Schwächen: Kongressbeiträge ohne vollständige Methodik, Sekundärzahlen ohne Beleg, keine prätherapeutische Samenanalyse im eigentlichen Sinn; die Befunde bleiben in diesem Kapitel nachrangig.

Hagiuda et al. 2021 [s113]. Titel: Frequent azoospermia in patients with testicular germ cell cancer and a history of cryptorchidism: a report of nine cases and review of the literature (Syst Biol Reprod Med, 2021, PMID 33630670). Land: Japan (Ichikawa). Design: Fallserie. Population: 9 Patienten mit Hodenkeimzelltumor und früherem Kryptorchismus. Ergebnisse: 5 hatten eine Azoospermie; bei dreien davon wurde das Sperma vor der Orchiektomie gewonnen. Die Autoren sehen die Spermatogenese bei diesen Patienten schwer gestört. Schwächen: neun Fälle, keine Kontrollgruppe; Aussage zur Häufigkeit nicht möglich.

Pong et al. 2016 [s196]. Titel: The Biochemical and Pathological Correlates of Successful Semen Cryopreservation From Patients With Testicular Cancer: A Single Tertiary Center Experience (Urology, 2016, PMID 26610675). Land: Taiwan (Taipeh und Taoyuan). Design: retrospektive Studie mit Marker- und Pathologiekorrelaten. Population: 50 Männer (16 bis 36 Jahre) mit Hodentumor. Ergebnisse: Die Erfolgsrate der Kryokonservierung betrug 52 %. Alpha-Fetoprotein (4.113,1 gegenüber 81,2 ng/ml) und Tumorvolumen (77,7 gegenüber 25,5 ml) waren in der Misserfolgsgruppe höher als in der Erfolgsgruppe; das Verhältnis Seminom zu Nicht-Seminom betrug 9/17 gegenüber 3/21 (p = 0,066; die Zuordnung zu Erfolgs- und Misserfolgsgruppe ergibt sich rechnerisch aus 26 Erfolgen bei 52 %). Alpha-Fetoprotein über 1.000 ng/ml ergab den höchsten Youden-Index (0,689) bei einer Sensitivität von 0,625 und einer Spezifität von 1,0 für ein schlechtes Ergebnis. In der multivariaten Analyse waren Alpha-Fetoprotein (p = 0,013), Tumorvolumen (p = 0,047) und Alpha-Fetoprotein über 1.000 ng/ml (p = 0,010) mit schlechter Samenqualität und Misserfolg verbunden. Seminome hatten eine höhere Konzentration als Nicht-Seminome (21,5 gegenüber 11,8 Mio/ml; p < 0,027). Stärken: Tumormarker als objektive Kovariate. Schwächen: 50 Männer, Konfidenzintervalle fehlen, Zahlen im Abstract teils schwer zuzuordnen.

Hamano et al. 2018 [s163]. Titel: Differences in semen characteristics between patients with testicular cancer and other malignancies using various cut-off values (Int J Urol, 2018, PMID 29963714). Land: Japan (Hirosaki). Design: retrospektive Studie. Population: 117 Patienten (111 ausgewertet), die zwischen November 1999 und Mai 2016 vor der Krebsbehandlung Sperma einfrieren ließen: 29 (26 %) mit Hodentumor, 82 (74 %) mit anderen Tumoren. Ergebnisse: Bei Hodentumor war die Gesamtspermienkonzentration signifikant niedriger. Den WHO-Grenzwert für die Konzentration erreichten 41 % der Hodentumor- und 66 % der Nicht-Hodentumor-Patienten. Seminom gegenüber Nicht-Seminom und Stadium I gegenüber II/III unterschieden sich nicht. Pretherapeutische Samenparameter korrelierten nicht mit den ICSI-Ergebnissen. Die Autoren halten die ICSI-Ergebnisse für akzeptabel. Schwächen: kleine Hodentumorgruppe, keine Kontrollen, im Abstract keine Konfidenzintervalle.

Liu et al. 2021 (Hoden- gegen extragonadale Keimzelltumoren) [s115]. Titel: The effect of gonadal and extragonadal malignant cancers on sperm quality. (Translational cancer research, 2021, PMID 35116368). Land: China (Chengdu, Sichuan). Design: retrospektive Vergleichsstudie. Population: Patienten mit testikulären (83,9 %) und extragonadalen (16,1 %) Keimzelltumoren; die absoluten Zahlen nennt der Abstract nicht. Ergebnisse: Kein signifikanter Unterschied bei Volumen, Konzentration und Beweglichkeit vor dem Einfrieren und nach dem Auftauen sowie in der Wiederfindungsrate; beide Gruppen hatten niedrige Konzentrationen. Patienten mit Seminom hatten im Median eine höhere Beweglichkeit nach dem Auftauen als Patienten mit Nicht-Seminom. 67 % (testikulär) beziehungsweise 72 % (extragonadal) ließen die Proben eingelagert. Die Autoren folgern ein hohes Risiko für beeinträchtigte Samenqualität auch bei extragonadalen Tumoren. Schwächen: Fallzahlen im Abstract nicht genannt; die Deutung als Gonadenfunktionsstörung ist ohne Hormondaten nicht belegt. Einordnung: Das Ergebnis passt zu einem systemischen oder von der Tumorart unabhängigen Einfluss, nicht zu einem rein lokalen Tumoreffekt im Hoden; die Aussage ist aber auf einem kleinen extragonadalen Anteil aufgebaut.

Giwerc et al. 2021 [s112]. Titel: [Onco-TESE and testicular cancer]. (Onko-TESE und Hodenkrebs) (Progres en urologie : journal de l'Association francaise d'urologie et de la Societe francaise d'urologie, 2021, PMID 33612443). Land: Frankreich (Paris). Design: retrospektive Studie zur Onko-TESE (französischsprachig). Population: 24 Patienten mit Hodentumor (1996 bis 2019), mittleres Alter 26,6 ± 5,29 Jahre. Ergebnisse: 58,34 % schwere Spermienveränderung und 41,36 % Misserfolg der Spermiengewinnung (die Summe der beiden Prozentwerte übersteigt 100 %; der Abstract wird wörtlich wiedergegeben); mittlere Dauer des Eingriffs 71 Minuten (± 30,7), Krankenhausaufenthalt 3,75 Tage (± 2,83); positive Biopsien 58,33 % insgesamt und 66,67 % bei Biopsie des Tumorhodens; eine Komplikation Clavien-Dindo III; mittlere Zahl eingelagerter Pailletten 14,28 (± 15,34) bei 7,14 % Nutzung. Schwächen: 24 Patienten, Zahlen in sich widersprüchlich, keine Kontrollgruppe. Einordnung: Die Studie ergänzt, dass bei schwerer Störung vor der Orchiektomie Spermien aus dem Hodengewebe gewonnen werden können; sie misst die Ejakulatqualität nicht.

Hamada et al. 2026 [s10]. Titel: Spontaneous miscarriage after intracytoplasmic sperm injection with frozen sperm of patients with testicular germ cell tumour (BJU Int, 2026, PMID 42233170). Land: Japan (Yokohama). Design: retrospektive Studie zu Fehlgeburten nach ICSI mit kryokonserviertem Sperma. Population: 12 Hodentumor- und 25 andere Krebspatienten (April 2014 bis März 2023); 198 beziehungsweise 480 Eizellen. Ergebnisse: Die Fehlgeburtenrate war nach ICSI mit Sperma von Hodentumor-Patienten höher (43,8 gegenüber 9,1 %; p < 0,05), ohne Unterschied der Schwangerschaftsrate; in der Hodentumor-Gruppe traten drei Fälle wiederholter Schwangerschaftsverluste und Implantationsversagen auf. Die Autoren führen dies auf Chromosomenveränderungen oder DNA-Fragmentierung zurück und erwägen, dass Sperma nach der Behandlung weniger betroffen sein könnte. Schwächen: sehr kleine Gruppe; die Ursache ist im Abstract nicht gemessen, sondern vermutet; keine Konfidenzintervalle. Einordnung: Der Befund passt zu den erhöhten DNA-Fragmentierungswerten bei Hodentumorpatienten [s250], beweist aber keinen Kausalzusammenhang.

Ping et al. 2014 [s210]. Titel: Fertility outcome of patients with testicular tumor: before and after treatment. (Asian journal of andrology, 2014, PMID 24369141). Land: China (Shanghai). Design: retrospektive Kohorte mit Befragung. Population: 125 Patienten mit einseitigem Hodentumor (1996 bis 2010; 18 bis 54 Jahre); 117 (93,6 %) waren erreichbar. Ergebnisse: Von 81 vor der Diagnose Verheirateten hatten 21 bereits ein Kind gezeugt, 6 berichteten eine Azoospermie. Von den 96 Männern, die vor der Behandlung noch nicht gezeugt hatten, ließen 21,9 % (21 von 96) Sperma einfrieren, 23,8 % davon (5 von 21) nutzten es später. Nach der Behandlung versuchten 73 Männer eine Zeugung: 16 natürlich, 19 durch assistierte Reproduktion, zusammen 37 gesunde Kinder ohne angeborene Fehlbildungen. Retroperitoneale Lymphknotendissektion, Chemotherapie und Strahlentherapie hingen am stärksten mit ausbleibender Zeugung zusammen. Schwächen: Fragebogen- und Telefonerhebung (Erinnerungsfehler), keine Kontrolle. Einordnung: Die Arbeit liefert nur die Angabe von 6 Männern mit berichteter Azoospermie vor der Diagnose als Hinweis auf eine Ausgangsstörung.

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Hodgkin-Lymphom bis Leukämien und hämatologische Neoplasien
  6. Hodentumoren
  7. Mischkollektive mit Vergleichsgruppen
  8. Samenbankserien ohne Kontrollgruppe und Kinder und Jugendliche
  9. Überlebende nach Behandlung: Befunde zur Abgrenzung bis Einordnung der Beobachtungsstudien
  10. Vorbemerkung zur Evidenzbasis bis Kinder und Jugendliche
  11. Metaanalysen und systematische Übersichten bis Tierversuche
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Chinesisch
  15. Japanisch bis Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  22. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s153
  25. Quellen s154–s303
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle