Krebserkrankungen und Fruchtbarkeit · Kapitel 9 von 22 · Studienlage: Beobachtungsstudien

Überlebende nach Behandlung: Befunde zur Abgrenzung bis Einordnung der Beobachtungsstudien

Überlebende nach Behandlung: Befunde zur Abgrenzung

Studien an Überlebenden messen den Zustand nach Behandlung. Sie beantworten die Frage dieses Kapitels nicht, werden aber aufgeführt, weil sie zeigen, wie leicht Ausgangs- und Behandlungseffekte vermischt werden und welche Zahlen in der Literatur kursieren.

Yoon et al. 2017 [s184]. Titel: Gonadal and Sexual Dysfunction in Childhood Cancer Survivors (Cancer Res Treat, 2017, PMID 28161937). Land: Korea (Goyang). Design: Querschnittsstudie. Population: 105 Überlebende nach Krebs im Kindesalter (15 bis 29 Jahre, Therapieende über 2 Jahre; 57 Männer). Ergebnisse: Bei 5 Männern (8,8 %) bestand Verdacht auf Hypogonadismus; von 27 Samenproben zeigten 14 eine Azoospermie oder Oligozoospermie; der Anteil mit Normozoospermie war in der Gruppe mit hoher Cyclophosphamid-Äquivalentdosis (mindestens 8.000 mg/m²) niedriger als in der Gruppe mit niedriger Dosis (27,3 % gegenüber 62,5 %; p = 0,047). Schwächen: Von 57 Männern lagen nur 27 Samenproben vor (selektive Teilgruppe).

Karakaş et al. 2026 [s14], Cakmakci et al. 2026 [s05], Devecioğlu et al. 2003 [s272]. Titel zu [s14]: Long-term endocrine and testicular outcomes in male survivors of childhood acute lymphoblastic leukemia. (Journal of endocrinological investigation, 2026, PMID 41511747). Titel zu [s05]: High prevalence of gonadal dysfunction in pediatric sarcoma survivors: insights from hormonal and clinical markers. (Frontiers in pediatrics, 2026, PMID 42769405). Titel zu [s272]: Gonadal dysfunction after treatment for childhood heamatological malignancy (Çocuk Dergisi, 2003). Land: Türkei (Istanbul-Cerrahpaşa, Ankara, Istanbul). Design: drei Überlebendenstudien. Karakaş: 54 männliche Überlebende einer akuten lymphoblastischen Leukämie im Kindesalter (Behandlung 2000 bis 2020; Alter 17,5 ± 5,9 Jahre); endokrine Störungen bei 40,7 %; Samenanalyse bei 33 Männern: 42,4 % abnorm, 24,2 % Azoospermie; die Häufigkeit gonadaler Dysfunktion stieg von der Standard- zur Hochrisikogruppe; eine FSH-Schwelle von 3,55 mIU/ml sagte abnorme Spermaparameter voraus (Fläche unter der Kurve 0,88). Cakmakci: 38 Überlebende kindlicher Knochen- und Weichteilsarkome (17 Männer, 21 Frauen), gonadale Dysfunktion bei 18 (47,4 %); bei Männern war Azoospermie die häufigste Auffälligkeit. Devecioğlu: 50 Langzeitüberlebende (33 Jungen) einer akuten Leukämie oder eines Lymphoms; LH war bei 83 % der Leukämie- und 78 % der Lymphomfälle, FSH bei 79 % beziehungsweise 91 % erhöht; das Spermiogramm war bei 66 % abnorm; die Hodenbiopsie ergab bei 6 von 10 Leukämie-Patienten Keimzellschäden. Schwächen: Behandlungsfolgen, keine Ausgangswerte, Samenanalyse nur bei einem Teil, keine Konfidenzintervalle im Abstract.

Şalvarcı et al. 2022 [s100], Sahin et al. 2025 [s36], Zhang et al. 2024 [s67], Altan et al. 2025 [s22]. Titel zu [s100]: Ten-year outcomes of patients who developed persistent azoospermia following chemotherapy associated with different oncological diagnoses: A retrospective cohort study from a different perspective. (Turkish journal of medical sciences, 2022, PMID 36326321). Titel zu [s36]: The effect of intravesical Bacillus Calmette-Guerin (BCG) treatment on sperm parameters in non-muscle-invasive bladder cancer patients. (Basic and clinical andrology, 2025, PMID 40375148). Titel zu [s67]: Prediction model of male reproductive function damage caused by CHOP chemotherapy regimen for non-Hodgkin's lymphoma (BMC Cancer, 2024, PMID 39533240). Titel zu [s22]: Long-Term Sexual Dysfunction and Fertility Outcomes Following Post-Chemotherapy Retroperitoneal Lymph Node Dissection in Testicular Cancer Patients (Research Square, 2025). Land: Türkei (Konya; Istanbul; mehrere Zentren) und China (Xi'an). Design: vier Studien zur Behandlungsfolge. Şalvarcı: 63 Männer (mittleres Alter 30,16 ± 4,91 Jahre), die 11 ± 5 Jahre zuvor eine Chemotherapie erhalten hatten und anhaltend azoosperm waren; Spermiennachweis per Mikro-TESE bei 34,9 %, Schwangerschaft bei 20,63 %, Lebendgeburt bei 12,7 %; ohne prätherapeutische Daten. Sahin: 23 Männer mit nicht muskelinvasivem Harnblasenkarzinom unter intravesikaler BCG-Therapie; Konzentration, Gesamtzahl, Progressivbeweglichkeit und normale Morphologie sanken drei Monate nach der Induktionsphase (jeweils p < 0,05), FSH stieg (p < 0,05); die Ausgangswerte stehen nicht im Abstract. Zhang: 52 Patienten mit Non-Hodgkin-Lymphom plus Mausmodell; nach CHOP „signifikante“ Schädigung des Reproduktionssystems; im Vorhersagemodell war Östradiol die wichtigste Variable mit einer Fläche unter der Kurve von 1, was bei kleiner Stichprobe auf Überanpassung hinweist; die Patientendaten sind im Abstract nicht von den Mausdaten getrennt. Altan: nicht begutachteter Preprint zu Patienten nach Post-Chemotherapie-RPLND bei fortgeschrittenem Hodentumor; 38,5 % hatten vor der Behandlung Sperma kryokonserviert; der Vaterschaftsstatus war der einzige Prädiktor der Kryokonservierung (Odds Ratio 0,186; 95-%-Konfidenzintervall 0,062 bis 0,552; p = 0,002). Schwächen: keine Ausgangsparameter; bei Altan Preprint ohne Begutachtung und ohne Fallzahl im Abstract.

Gubernatorova et al. 2014 [s216], Zenkova et al. 2010 [s246], Kobayashi et al. 1996 [s285], Akisada et al. 2023 [s71]. Titel zu [s216]: Эндокринные и репродуктивные нарушения у мужчин, получавших лечение по поводу медуллобластомы и острого лимфобластного лейкоза в детстве (Endokrine und reproduktive Störungen bei Männern, die in der Kindheit wegen Medulloblastom und akuter lymphoblastischer Leukämie behandelt wurden) (Проблемы эндокринологии, 2014). Titel zu [s246]: Состояние репродуктивной системы у мужчин больных гемобластозами на различных этапах индукции ремиссии (Zustand des Fortpflanzungssystems bei Männern mit Hämoblastosen in verschiedenen Phasen der Remissionsinduktion) (Journal of Siberian Medical Sciences, 2010). Titel zu [s285]: Testicular morphological changes in children with acute lymphoblastic leukemia following chemotherapy (Acta Paediatr Jpn, 1996, PMID 9002301). Titel zu [s71]: Endocrine late effects in survivors of infantile acute lymphoblastic leukemia (Clin Pediatr Endocrinol, 2023, PMID 37020698). Land: Russland (Moskau; Nowosibirsk) und Japan (Tokio; Nara). Design: vier kleine Studien zu Hormonen und Gewebe. Gubernatorova: 23 erwachsene Männer nach Kindheitstherapie (17 nach Medulloblastom oder Hirntumoren der hinteren Schädelgrube, 6 nach ALL); kleines Hodenvolumen und niedriges Inhibin B vor allem in der Medulloblastom-Gruppe; LH median 4,545 gegenüber 2,86 IU/l (p = 0,063), FSH 11,5 gegenüber 4,115 IU/l (p = 0,21), keine signifikanten Unterschiede. Zenkova: 54 Männer mit Lymphogranulomatose (65 %) oder Non-Hodgkin-Lymphom (35 %), Kontrollen 20 Gesunde; Hormone, keine Samenanalyse; vor und zu Beginn der Therapie bei der Mehrheit keine pathologischen Veränderungen; während der Induktionsphase gegenüber Kontrolle: LH 7,05 ± 0,74 gegenüber 3,25 ± 0,66 IU/l (p < 0,004), FSH 18,97 ± 2,92 gegenüber 5,07 ± 0,78 IU/l (p < 0,001); der Schluss „keine Veränderung vor Therapie“ beruht auf etwa 10 Männern. Kobayashi 1996: Biopsiestudie bei 12 Kindern mit ALL (14 Hodenbiopsien am Therapieende); in allen Fällen Gewebeschäden, der tubuläre Fertilitätsindex lag 0 bis 42,8 % (Mittel 33,4 %) unter dem Normalwert; Leukämiezellinfiltration war der wichtigste Faktor; Spermienbildung in 6 Fällen. Akisada: 6 Überlebende einer Säuglings-ALL (Alter 12 bis 26) mit Cyclophosphamid-Äquivalentdosen von 3, 9 bis 11 und 24 g/m²; der Junge mit 24 g/m² hatte erhöhtes LH und FSH. Schwächen: sehr kleine Gruppen; Hormone und Gewebe sind Surrogatparameter für die Samenqualität.

DNA-Fragmentierung, Chromatin, oxidativer Stress, Epigenom und Proteom vor der Behandlung

Neben dem Spermiogramm untersuchen mehrere Arbeiten die Qualität des Erbguts der Spermien vor der Behandlung. Die Studienlage ist uneinheitlich: Einige finden erhöhte DNA-Fragmentierung bei Krebspatienten, andere nicht, und die Ergebnisse hängen von der Methode (TUNEL, Sperm Chromatin Structure Assay, Comet-Test), von der Krebsart und davon ab, ob frische oder aufgetaute Proben untersucht wurden.

Ståhl et al. 2009 [s250]. Titel: Sperm DNA integrity in cancer patients: the effect of disease and treatment. (International journal of andrology, 2009, PMID 19178596). Land: Schweden (Lund). Design: Kohorte mit gepaarter Vorher-Nachher-Analyse und Kontrollen. Population: kryokonservierter Samen von 121 Krebspatienten (vorwiegend Keimzelltumor und Hodgkin-Lymphom); bei 58 zusätzlich Proben nach Behandlung (mediane Nachbeobachtung 3 Jahre); 137 fertile Kontrollmänner (der Abstract nennt später 143 Kontrollen, ohne die Abweichung zu erklären). Methodik: Sperm Chromatin Structure Assay, angegeben als DNA-Fragmentierungsindex (DFI). Ergebnisse: Vor Behandlung hatten Keimzelltumorpatienten (n = 84) und Hodgkin-Patienten (n = 18) einen höheren DFI als Kontrollen mit mittleren Differenzen von 7,7 (95-%-Konfidenzintervall 3,2 bis 8,8) beziehungsweise 7,0 (2 bis 12). Bei anderen Diagnosen war der Unterschied nicht signifikant (3,6; −1,2 bis 8,4). Kein Anstieg des DFI nach Behandlung, unabhängig von der Behandlungsart. Hinweis: Der Punktschätzer 7,7 liegt nahe der Obergrenze des angegebenen Intervalls 3,2 bis 8,8; die Angaben werden wortgetreu wiedergegeben. Stärken: gepaarte Analyse, Kontrollgruppe. Schwächen: Die Hodgkin-Gruppe ist klein (n = 18); Kryoproben statt frischer Proben; Gruppengrößen nur zum Teil ausgewiesen. Einordnung: Bemerkenswert ist, dass dieselbe Studie keine Zunahme der DNA-Schäden nach der Therapie fand; in [s204] sank die Fragmentierung nach Behandlung ebenfalls zunächst.

O'Flaherty et al. 2008 [s255], 2010 [s243] und 2012 [s234]. Titel zu [s255]: Characterization of sperm chromatin quality in testicular cancer and Hodgkin's lymphoma patients prior to chemotherapy. (Human reproduction (Oxford, England), 2008, PMID 18346994). Titel zu [s243]: Impact of chemotherapeutics and advanced testicular cancer or Hodgkin lymphoma on sperm deoxyribonucleic acid integrity. (Fertility and sterility, 2010, PMID 19591994). Titel zu [s234]: Sperm chromatin structure components are differentially repaired in cancer survivors. (Journal of andrology, 2012, PMID 22052778). Land: Kanada (Montreal, McGill-Universität). Design: drei Arbeiten derselben Gruppe zu Spermienchromatin bei Hodgkin-Lymphom und fortgeschrittenem Hodenkrebs; die Veröffentlichungen können sich überschneiden. 2008: Fall-Kontroll-Studie; Patienten mit Hodentumor und Hodgkin-Lymphom vor Chemotherapie gegenüber Gemeinschaftsfreiwilligen und idiopathisch Infertilen; DNA-Schaden mit Sperm Chromatin Structure Assay, TUNEL und Comet-Test, reaktive Thiole (mBBr) und DNA-Verdichtung (CMA3). Ergebnis: Sowohl Hodentumor-Patienten (37 %) als auch Hodgkin-Patienten (81 %) hatten normospermische Proben mit erhöhtem DNA-Schaden gegenüber Kontrollen; Krebspatienten hatten außerdem mehr reaktive Thiole und stärkere CMA3-Färbung (geringere DNA-Verdichtung); die Prozentangaben beziehen sich laut Abstract auf normospermische Proben mit erhöhtem Schaden. 2010: prospektive Längsschnittstudie mit altersgleichen Gemeinschaftsfreiwilligen; vor der Chemotherapie hatten beide Krebsgruppen eine schlechtere Samenqualität als die Freiwilligen, und die DNA-Schäden waren höher; nach der Chemotherapie hatten 6 Monate später 67 % (Hodentumor) beziehungsweise 60 % (Hodgkin) weniger als 5 × 10^6 Spermien/ml, nach 24 Monaten hatten 60 % beziehungsweise 57 % normale Konzentrationen. 2012: 16 Männer mit Hodentumor, 15 mit Hodgkin-Lymphom, 11 Freiwillige und 11 idiopathisch Infertile; hohe DNA-Schäden vor der Chemotherapie, die bei Hodentumorpatienten im Beobachtungszeitraum hoch blieben; Konzentration und Beweglichkeit waren 6 bis 18 Monate nach Chemotherapie dramatisch vermindert und nach 24 Monaten nicht mehr von den Freiwilligen verschieden. Stärken: mehrere komplementäre Chromatinassays, Kontrollgruppen. Schwächen: kleine Fallzahlen (der Abstract der Arbeit von 2008 nennt keine), keine Konfidenzintervalle.

Calamai et al. 2023 [s76]. Titel: Testicular and Haematological Cancer Induce Very High Levels of Sperm Oxidative Stress. (Antioxidants (Basel, Switzerland), 2023, PMID 37371875). Land: Italien (Florenz). Design: Vergleichsstudie. Population: Krebspatienten gemischter Entitäten, normozoosperme subfertile Patienten (n = 52) und gesunde Spender (n = 19). Ergebnisse: Die Spermien-DNA-Fragmentierung betrug bei Krebspatienten (n = 85) 22,50 % (Interquartilsbereich 17,00 bis 26,75) gegenüber 12,75 % (8,63 bis 14,88) bei normozoospermen subfertilen Patienten (p < 0,001) und 8,50 % (7,00 bis 14,00) bei gesunden Spendern (p < 0,001). Der oxidative Stress in der vitalen Fraktion (n = 96) war bei Krebspatienten mit 36,60 % (24,05 bis 58,65) deutlich höher als bei subfertilen Patienten (11,10 %; 8,63 bis 14,90) und Spendern (9,60 %; 8,00 bis 14,03), jeweils p < 0,001. Die Korrelation von Fragmentierung und oxidativem Stress betrug bei allen Personen r = 0,591 (p < 0,001; n = 134), bei Krebspatienten allein nur r = 0,200 (p > 0,05; n = 63). Die Autoren vermuten zusätzliche Mechanismen neben dem oxidativen Angriff. Stärken: zwei Kontrollgruppen, Angabe als Median mit Quartilen. Schwächen: kleine Gruppen (19 Spender); Krebsarten gemischt; ob die Proben vor jeder Behandlung entstanden, geht aus dem Abstract nicht klar hervor.

Martins et al. 2020 [s137]. Titel: Alterations of Spermatozoa Proteomic Profile in Men with Hodgkin's Disease Prior to Cancer Therapy. (The world journal of men's health, 2020, PMID 31385466). Land: USA (Cleveland Clinic). Design: Fall-Kontroll-Studie mit Proteomik. Population: 38 Patienten mit Hodgkin-Krankheit vor Krebstherapie und 42 gesunde fertile Spender; für die Massenspektrometrie je drei Proben. Ergebnisse: Es wurden 1.169 Proteine identifiziert; Proteine für Kapazitation, Akrosomreaktion, Bindung an die Zona pellucida, Beweglichkeit, Regulation von DNA-Schäden und Apoptose waren bei Patienten herunterreguliert. Peroxiredoxin 2 war unterexprimiert (p = 0,015), Transferrin (p = 0,045) und SERPIN A5 (p = 0,010) überexprimiert. Stärken: molekulare Deutung der niedrigen Qualität vor Therapie. Schwächen: Proteomik an je drei Proben, Validierung nur für wenige Proteine, die Spermienparameter der 38 Patienten stehen nicht im Abstract.

Panner Selvam et al. 2019 [s150]. Titel: Altered Molecular Pathways in the Proteome of Cryopreserved Sperm in Testicular Cancer Patients before Treatment. (International journal of molecular sciences, 2019, PMID 30764484). Land: USA (Cleveland Clinic). Design: Proteomstudie an gepoolten Proben von Patienten mit Hodentumor vor Therapie. Population: 20 normozoosperme und 11 asthenozoosperme Hodentumorpatienten sowie 9 infertile Männer ohne Krebs als Kontrolle (Pools). Ergebnisse: 1.085, 846 und 982 identifizierte Proteine; mitochondriale Dysfunktion und veränderte Zellwege bei beiden Tumorgruppen; NDUFS1 unterexprimiert, CD63 überexprimiert. Kein signifikanter Unterschied fertilitätsassoziierter Proteine zwischen normozoospermen Tumorpatienten und infertilen Männern. Schwächen: gepoolte Proben, kleine Gruppen, keine Einzelpatientendaten.

Dupont et al. 2023 [s79] und Chan et al. 2023 [s77]. Titel zu [s79]: Impact of testicular cancer on sperm small non-coding RNA signature: a pilot study. (Epigenetics, 2023, PMID 37515809). Titel zu [s77]: Sperm DNA methylome abnormalities occur both pre- and post-treatment in men with Hodgkin disease and testicular cancer. (Clinical epigenetics, 2023, PMID 36611168). Land: Frankreich (Paris) und Kanada (Montreal). Design: zwei kleine Studien zu Spermien-RNA und Methylom bei Hodentumor und Hodgkin-Lymphom. Dupont: Pilotstudie mit 25 Männern von 19 bis 42 Jahren (16 mit, 9 ohne Hodenkeimzelltumor); die primäre Analyse zeigte keinen signifikanten Unterschied in der Population kleiner RNA, bei Berücksichtigung der Spermienparameter ließen sich 11 differenziell exprimierte kleine RNA nachweisen. Chan: prospektive Längsschnittstudie mit Kontrollpersonen aus der Gemeinschaft und Männern mit Hodgkin-Krankheit oder Hodentumor; die Methylierung geprägter Gene war nicht verändert; vor der Behandlung unterschied eine Teilmenge von 500 Sonden Proben von Hodentumor-, Hodgkin- und Kontrollpersonen; bei Hodentumorpatienten waren doppelt so viele Stellen betroffen wie bei Hodgkin-Patienten, überwiegend hypomethyliert; die größte Region differenzieller Methylierung lag im Promotor von GDF2; einige Patienten zeigten bis zu 2 bis 3 Jahre nach Chemotherapie vermehrte Veränderungen. Schwächen: Fallzahlen bei Chan im Abstract nicht ausgewiesen, Pilotcharakter bei Dupont, keine Konfidenzintervalle.

Li et al. 2020 (Sichuan) [s136]. Titel: Importance and safety of autologous sperm cryopreservation for fertility preservation in young male patients with cancer (Medicine (Baltimore), 2020, PMID 32282708). Land: China (Sichuan). Design: Befragung (332 Patienten, 103 Mitarbeitende) mit prospektivem Vergleich; hier nur der experimentelle Teil: 30 Krebspatienten gegen 30 Normalspender. Ergebnisse: Die Spermienqualität war bei Krebspatienten nach Strahlen- oder Chemotherapie weiter verschlechtert; die DNA-Fragmentierung änderte sich durch das Einfrieren nicht, obwohl sich die übrigen Qualitätsparameter vor und nach dem Einfrieren in beiden Gruppen signifikant unterschieden. Schwächen: Der Abstract trennt nicht klar zwischen Proben vor und nach Behandlung (die Aussage betrifft zum Teil bereits Behandelte), nennt keine Zahlenwerte und keine Konfidenzintervalle; die Patientenzahl 332 ist mit der Befragung von Zhang 2020 [s143] identisch, ob dieselbe Stichprobe vorliegt, lässt sich aus den Abstracts nicht sicher sagen.

Zusammenfassung der Befunde zur DNA-Integrität. Erhöhte DNA-Fragmentierung oder Chromatinschäden vor der Behandlung fanden Ståhl [s250], O'Flaherty [s255, s243, s234], Bujan [s204], Calamai [s76], Song 2023 [s84] (nur vor Ausschluss vorbehandelter Patienten signifikant) und bei Non-Hodgkin-Lymphomen Smit [s245] sowie Farnetani [s51]. Keinen signifikanten Unterschied bei Hodentumor und Hodgkin gegenüber fertilen Kontrollen fand Smit [s245]. Die Studien sind nicht direkt vergleichbar, weil sie verschiedene Assays, unterschiedliche Kontrollen und gefrorene beziehungsweise frische Proben verwenden; ob die Befunde mit Fieber oder Stadium zusammenhängen, wird in den abgerufenen Abstracts nicht berichtet.

Stabilität aufeinanderfolgender Ejakulate

Für die Praxis der Samenbank ist von Bedeutung, ob eine einzelne Probe die Ausgangsqualität repräsentiert.

Kim et al. 2014 [s208]. Titel: Semen quality of consecutive ejaculates from cancer patients for fertility preservation (Fertil Steril, 2014, PMID 25108463). Land: Korea (Bundang). Design: retrospektive Studie. Population: 86 Krebspatienten, 2004 bis 2013, bis zu fünf aufeinanderfolgende Tage lang Samenabgabe. Ergebnisse: Nur das Volumen der Tage 1 und 3 war gegenüber der ersten Probe signifikant geringer; fast alle Parameter hatten hohe Intraklassen-Korrelationskoeffizienten (ICC): Volumen 0,76 (95-%-Konfidenzintervall 0,52 bis 0,89), Gesamtzahl beweglicher Spermien 0,71 (0,30 bis 0,89), „Wobble“ am niedrigsten mit 0,14 (−0,13 bis 0,51). Schwächen: Die ICC-Intervalle sind wegen der kleinen Zahlen weit; für Männer mit sehr schlechter Qualität oder dringlichem Behandlungsbeginn sagt der Abstract nichts.

Kim et al. 2022 [s95]. Titel: Sperm DNA fragmentation in consecutive ejaculates from patients with cancer for sperm cryopreservation. (Clinical and experimental reproductive medicine, 2022, PMID 36097735). Land: Korea (Bundang). Design: prospektive Studie. Population: 81 Patienten mit verschiedenen Krebsarten, drei aufeinanderfolgende Tage lang Samenabgabe vor Krebsbehandlung. Methodik: Halosperm-Test. Ergebnisse: Das Volumen war am zweiten und dritten Tag signifikant geringer als am ersten. Die höchsten ICC fanden sich für die DNA-Fragmentierung (0,68; 95-%-Konfidenzintervall 0,45 bis 0,84) und das Volumen (0,67; 0,45 bis 0,84). Die Autoren folgern, dass wiederholte Ejakulate stabile Fragmentierungswerte zeigen. Stärken: Reproduzierbarkeit wird quantifiziert, prospektiv. Schwächen: Keine Kontrollgruppe; Männer mit dringendem Behandlungsbeginn sind kaum vertreten. Einordnung: Die ICC-Werte bedeuten, dass die Unterschiede zwischen Personen größer sind als die Schwankungen zwischen den Proben derselben Person; für einzelne Patienten bleiben die Intervalle weit.

Zeitpunkt der Probe: vor oder nach Orchiektomie, vor oder nach Behandlungsbeginn

Mehrere Studien dieses Kapitels zeigen, dass die Ausgangswerte vom Zeitpunkt der Probe abhängen. Bei Hodentumoren kann der Zeitpunkt der Orchiektomie wesentlich sein: Rives [s235] fand vor der Orchiektomie bei Seminomen niedrigere Konzentrationen als bei Nicht-Seminomen und danach eine Abnahme bei Nicht-Seminomen, Höppner [s300] bei 19 Männern keinen offensichtlichen Unterschied zwischen vor und nach der Orchiektomie, Buonacquisto 2026 [s04] nach der Orchiektomie einen Rückgang von Gesamtzahl und Progressivmotilität bei zugleich sinkender DNA-Fragmentierung, und Wang [s87] bei bereits Operierten eine niedrigere mediane Konzentration (33,0 gegenüber 51,0 Mio/ml). Beim Beginn der Chemotherapie gilt: Saito [s273] fand bei Hodentumor, Leukämie und Lymphom vor Chemotherapie bei 20 beziehungsweise 50 % Werte im WHO-Referenzbereich, nach Beginn der Chemotherapie nur bei 13 % (bei 42 % Azoospermie); Takeshima [s155] nennt eine signifikant niedrigere Dichte bei bereits Behandelten (p = 0,003) und dass 63,9 % der gescheiterten Einlagerungen erst nach Behandlungsbeginn überwiesen worden waren; DiNofia [s176] fand 84,0 % Azoospermie bei vorbehandelten gegenüber 16,9 % bei unbehandelten Jugendlichen; Ukita [s167] fand Azoospermie bei 5 nach gegenüber 1 vor Therapie; Dahar [s159] berichtet, dass bei Überweisung aus der Urologie nur 7,1 %, bei Überweisung aus anderen Fächern aber 53,8 % der Patienten schon Chemotherapie erhalten hatten; Fernández-González [s53] fanden bei 23 % der Proben einen Entnahmezeitpunkt nach Behandlungsbeginn und einen steigenden Anteil mit Oligoasthenozoospermie ab einem Jahr nach der Behandlung; Song 2019 [s152] nennen 15,4 % Einlagerung während oder nach der Behandlung, Song 2023 [s84] 8 von 65 Patienten mit Chemotherapie vor dem Einfrieren. Der Grad der Vermischung von Ausgangs- und Behandlungseffekt unterscheidet sich also erheblich zwischen den Studien; nur in wenigen ist der Anteil vorbehandelter Männer angegeben.

Umgekehrte Richtung: Subfertilität und späteres Krebsrisiko

Diese Studien beantworten nicht, wie die Samenqualität nach der Krebsdiagnose ist, helfen aber bei der Deutung: Eine schon vor dem Tumor bestehende Hodenfunktionsstörung könnte die Befunde bei Hodentumorpatienten teilweise erklären.

Hanson et al. 2016 [s193]. Titel: Subfertility increases risk of testicular cancer: evidence from population-based semen samples. (Fertility and sterility, 2016, PMID 26604070). Land: USA (Utah). Design: retrospektive Kohorte. Population: 20.433 Männer mit Samenanalyse und 20.433 nach Alter und Geburtsjahr gematchte fertile Kontrollen. Ergebnisse: Männer mit Samenanalyse hatten ein erhöhtes Hodentumorrisiko (Hazard Ratio 3,3). Bei Oligozoospermie nach Konzentration betrug die Hazard Ratio 11,9, nach Spermienzahl 10,3. Das unterste Quartil von Beweglichkeit (4,1), Vitalität (6,6), Morphologie (4,2) oder Gesamtzahl beweglicher Spermien (6,9) war mit höherem Hodentumorrisiko verbunden. Für Melanom fanden sich erhöhte Risiken bei sehr hohen Konzentrationen und Zahlen (Hazard Ratio 2,1, 2,7 und 2,0). Kein Unterschied bestand zwischen azoospermen und fertilen Männern. Stärken: große Kohorte, differenzierte Parameter. Schwächen: Männer mit Samenanalyse sind eine Auswahl; Konfidenzintervalle stehen nicht im Abstract.

Grasso et al. 2016 (EPSAM-Studie) [s192]. Titel: Subfertility and Risk of Testicular Cancer in the EPSAM Case-Control Study. (PloS one, 2016, PMID 28036409). Land: Italien (Turin). Design: Fall-Kontroll-Studie. Population: 245 Fälle von Hodentumor (1997 bis 2008) und 436 Kontrollen im Alter ab 20 Jahren; Genotypisierung des KITLG-Polymorphismus rs995030 bei 202 Fällen und 329 Kontrollen. Ergebnisse: Das Odds Ratio für Hodentumor betrug pro zusätzlichem gezeugten Kind (fünf Jahre vor Diagnose) 0,78 (95-%-Konfidenzintervall 0,58 bis 1,04) und pro zusätzlichem Geschwister 0,76 (0,66 bis 0,88). Ein Versuch zu empfangen von mindestens 12 Monaten, assistierte Reproduktion und eine ärztlich gestellte Infertilitätsdiagnose waren nicht mit dem Risiko verbunden. Die KITLG-Variante war stark mit dem Risiko verbunden (pro Allel 1,83; 1,26 bis 2,64). Schwäche: selbstberichtete Angaben. Einordnung: Das Ergebnis stützt die Assoziation zwischen Kinderzahl und Hodentumorrisiko, nicht aber eine Verbindung mit anderen Indikatoren der Subfertilität.

Versorgungsbezogene Beobachtungsstudien ohne Ausgangswerte der Samenqualität

Mehrere Beobachtungsstudien erfassen Beratung und Inanspruchnahme der Kryokonservierung, nicht die Samenqualität; sie werden der Vollständigkeit halber genannt. Uçar et al. 2020 [s141] (Türkei, Antalya): 110 Männer mit Hodenkrebs (2000 bis 2016), 42,7 % ließen nach der Diagnose Sperma einfrieren, 74,5 % waren beraten worden, 33 Patienten (30 %) wurden nach der Behandlung Väter. Abdel-Razeq et al. 2020 [s133] (Jordanien, Amman): 186 junge männliche Patienten mit potenziell kurativer Chemotherapie (Non-Hodgkin-Lymphom 31,7 %, Leukämie 25,8 %, Hodgkin-Lymphom 14,0 %); Beratung bei 75,0 %, Spermabanking bei 33,1 %, häufiger bei Ledigen (53,4 gegenüber 17,7 %), bei Kinderlosen (51,8 gegenüber 14,3 %) und bei hoch Gebildeten (47,6 gegenüber 17,1 %). Abusanad et al. 2022 [s92] (Saudi-Arabien, Dschidda): 135 Patienten im reproduktionsfähigen Alter, 39,3 % Männer, nur 37,8 % erhielten Fertilitätsberatung. Yildirim et al. 2024 [s66] (Türkei, Istanbul): 17 männliche Jugendliche (Median 15 Jahre), keine Ablehnungen, 11 konnten eine Probe abgeben. Menzel et al. 2024 [s61] (Deutschland, Dresden): 279 Überlebende eines Hodentumors, 33 % hatten Samen eingelagert, 11 % davon nutzten ihn; Alter von mindestens 37 Jahren (Odds Ratio 13,1) und niedrigere Bildung (3,3) waren mit Verzicht verbunden. Prades et al. 2023 [s83] und Walschaerts et al. 2018 [s168] (Frankreich) schätzen aus nationalen Daten, dass 41 % der Männer mit Hodentumor und 40 % mit Hodgkin-Lymphom, aber nur 7 % mit Non-Hodgkin-Lymphom Samen einlagerten, und dass die Einlagerungsinzidenz bei Hodentumor von 1,73 pro 100.000 Personenjahre im Jahr 1990 auf 5,57 im Jahr 2013 stieg. Diese Zahlen betreffen die Versorgung; sie zeigen aber, dass die untersuchten Samenbankkohorten je nach Krebsart nur einen Teil aller Erkrankten abbilden und daher selektiert sind.

Onko-TESE und Hodenspermiengewinnung vor und nach Chemotherapie

Wenn im Ejakulat keine Spermien vorhanden sind, kann Samen aus dem Hodengewebe gewonnen werden. Die Studien dieses Abschnitts zeigen indirekt, wie häufig die Ausgangsstörung so schwer ist, dass eine Ejakulatprobe nicht genügt; die Serien nach Chemotherapie betreffen dagegen die Behandlungsfolge und werden nur zur Abgrenzung genannt.

Karibe et al. 2024 [s57]. Titel: Testicular sperm extraction for fertility preservation in young patients with cancer (Transl Androl Urol, 2024, PMID 39280651). Land: Japan (Yokohama). Design: retrospektive Studie zur Onko-TESE bei jungen Krebspatienten. Population: 17 Männer. Ergebnisse: Bewegliche Hodenspermien fanden sich bei 9 von 17; bei bereits begonnener Chemotherapie bei 3 von 9, bei chemotherapienaiven Männern bei 6 von 8. Kryokonservierung gelang bei 10; 2 nutzten die Proben, beide mit Lebendgeburt nach ICSI. Schwächen: sehr kleine Gruppen; die Zahlen 3 von 9 gegenüber 6 von 8 sind ohne Konfidenzintervalle nicht belastbar, deuten aber in dieselbe Richtung wie die Ergebnisse zum Zeitpunkt der Probe.

Furuhashi et al. 2013 [s221]. Titel: Onco-testicular sperm extraction: testicular sperm extraction in azoospermic and very severely oligozoospermic cancer patients (Andrologia, 2013, PMID 22690948). Land: Japan (Kobe). Design: Fallserie zur Onko-TESE. Population: 6 Männer nach Orchiektomie (4 mit Azoospermie, 2 mit sehr schwerer Oligozoospermie). Ergebnisse: Bei 4 fanden sich Spermien, bei einem ein Sertoli-Zell-Only-Syndrom, bei einem ein Reifungsstopp; es entstanden 2 klinische Schwangerschaften. Schwächen: sechs Fälle ohne Kontrollgruppe.

Ito et al. 2020 [s135]. Titel: Barriers for sperm cryopreservation in advanced germ cell tumor patients: a 20-year experience (Int J Clin Oncol, 2020, PMID 31894434). Land: Japan (Kyoto). Design: retrospektive Studie zu Hindernissen der Spermienkryokonservierung bei fortgeschrittenen Keimzelltumoren (1996 bis 2016). Population: 91 Patienten. Ergebnisse: 43 (47 %) schlossen die Kryokonservierung ab; 30 (33 %) wurden nicht informiert, 9 (9,9 %) lehnten ab, 9 (9,9 %) konnten wegen Azoospermie (5) oder Anejakulation (4) keine Probe abgeben. Von den 43 nutzten 10 (23 %) ihre Proben in 21 IVF-Zyklen (10 Schwangerschaften, 7 Vaterschaften); 13 (30 %) verwarfen die Proben, 20 (47 %) lagerten weiter (Median 12,5 Jahre). Schwächen: Der Abstract nennt keine Spermienparameter; die Studie betrifft die Versorgung bei fortgeschrittener Erkrankung. Einordnung: Bei fortgeschrittenen Keimzelltumoren scheiterte die Einlagerung in 9,9 % an einer Azoospermie oder Anejakulation, in einem Drittel vor allem daran, dass die Patienten nicht informiert wurden.

Mikrochirurgische TESE nach Chemotherapie (Behandlungsfolge). Titel zu [s197]: Microdissection testicular sperm extraction in Japanese patients with persistent azoospermia after chemotherapy (Int J Clin Oncol, 2016, PMID 27306218). Titel zu [s212]: Microdissection testicular sperm extraction and salvage hormonal treatment in patients with postchemotherapy azoospermia (Urology, 2014, PMID 24269225). Titel zu [s86]: Prediction of microdissection testicular sperm extraction outcomes of azoospermic patients post-chemotherapy using cyclophosphamide equivalent dose (J Assist Reprod Genet, 2023, PMID 37368159). Titel zu [s55]: Association of the minimal cyclophosphamide equivalent dose and outcome of microdissection testicular sperm extraction in patients with persistent azoospermia after chemotherapy (F S Rep, 2024, PMID 38524218). Vier Serien aus Japan und Taiwan zur mikrochirurgischen Hodenspermiengewinnung bei Männern, die nach einer Chemotherapie anhaltend azoosperm waren, geben Einblick, wie viele dieser Männer noch Spermien im Gewebe hatten. Shin et al. 2016 [s197] (Koshigaya, Japan): 66 Patienten mit persistierender Azoospermie nach Chemotherapie, häufigste Diagnose Hodentumor (21), danach akute lymphatische Leukämie und Hodgkin-Lymphom (zusammen 9); Spermiengewinnung gelang bei 31 (47 %), klinische Schwangerschaft bei 23 (35 %), Lebendgeburtenrate 27 %; kein signifikanter Unterschied zwischen Hodentumor, Hodgkin-Lymphom, Non-Hodgkin-Lymphom, ALL, AML und Sarkom. Shiraishi und Matsuyama 2014 [s212] (Ube, Japan): 26 Patienten, mittleres Alter 34,6 Jahre, mittleres Intervall 14,8 Jahre; Spermien bei 11 (42 %), nach Hodentumor-Behandlung bei 75 %; Alkylanzien senkten die Gewinnungsrate; 7 (27 %) Schwangerschaften und 5 (19 %) Lebendgeburten. Tsai et al. 2023 [s86] (Taipeh): unter 1.098 Männern mit nichtobstruktiver Azoospermie hatten 23 eine frühere Chemotherapie; bei 11 (47 %) wurden Spermien gewonnen; bei Alkylanzien-Exposition 1 von 9 (11 %), ohne Alkylanzien 10 von 14 (71 %; p = 0,009); kein Mann mit einer Cyclophosphamid-Äquivalentdosis über 4.000 mg/m² (n = 6) hatte lebensfähige Spermien im Hoden. Huang et al. 2024 [s55] (Taipeh): 28 azoosperme Männer nach Chemotherapie (2002 bis 2017); Spermien bei 11 (39,3 %); bei einer minimalen Cyclophosphamid-Äquivalentdosis unter 4.000 mg/m² 10 von 14 (71,4 %), darüber 0 von 8. Beide Taipeh-Studien stammen aus derselben Klinik; ob Patienten in beiden Kohorten vorkommen, lässt sich aus den Abstracts nicht entscheiden. Weitere Kleinstserien: Hibi 2007 [s259] (Nagoya; 5 Männer mit früherer Chemotherapie unter 74 Patienten mit nichtobstruktiver Azoospermie, alle mit histologischem Sertoli-Zell-Only-Syndrom, bei dreien wurden Spermien gewonnen), Sakamoto 2007 [s261] (zwei Patienten nach Hodentumor-Chemotherapie), Sasaki 2004 [s270] (drei Fallberichte erfolgreicher Schwangerschaften), Hibi 2020 [s134] (Nagoya; 56 Krebsüberlebende unter 1.525 Männern einer Infertilitätssprechstunde, Azoospermie bei 26 [81,3 %] mit gegenüber 14 [58,3 %] ohne Antitumorbehandlung, Kryokonservierung vor der Behandlung nur bei 4). Schwächen: nur Männer mit persistierender Azoospermie, Auswahl, kleine Untergruppen. Einordnung: Diese Studien beschreiben die Behandlungsfolge, nicht die Ausgangsqualität; sie zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, nach Chemotherapie noch Spermien zu finden, wesentlich von Alkylanzien und kumulativer Dosis abhängt.

Vaterschaft und Beschwerden nach Hodentumor und Kinderwunsch nach Krebs (Behandlungsfolge). Titel zu [s128]: Fertility and reproductive technology use in testicular cancer survivors in Japan: A multi-institutional, cross-sectional study (Int J Urol, 2021, PMID 34278620). Titel zu [s282]: Sexuality and fertility in long-term survivors of testicular cancer (J Clin Oncol, 1997, PMID 9193338). Titel zu [s203]: Male infertility and androgen replacement therapy for subjects with bilateral testicular tumors (Reprod Med Biol, 2014, PMID 29699154). Yamashita et al. 2021 [s128] (Sendai, Japan): Befragung von 567 Überlebenden eines Hodentumors (mediane Alter 43 Jahre); 398 erhielten Chemotherapie; von 153 Überlebenden, die eine Kryokonservierung versuchten, hatten 133 (87 %) Erfolg; von 28 mit Nutzung zeugten 17 (61 %) Kinder; ohne Chemotherapie zeugten 33 von 169 (20 %) ohne gefrorenes Sperma Kinder, mit Chemotherapie 39 von 398 (10 %; p < 0,05); die Vaterschaftsrate betrug nach drei Zyklen 12 % und nach vier Zyklen 5 % (p < 0,05); Schwächen: Erinnerungs- und Antwortverzerrung, unterschiedlich lange Nachbeobachtung, im Abstract ist nicht angegeben, wie viele Männer überhaupt versuchten, Kinder zu zeugen. Arai et al. 1997 [s282] (Kyoto): Fragebogen bei 85 Langzeitüberlebenden nach Hodentumor; rund 70 % der Männer nach Lymphknotendissektion konnten nicht ejakulieren. Amano et al. 2014 [s203] (Nagano): fünf Männer mit bilateralen Hodentumoren, bei denen Androgenersatz wirksam, die Infertilitätsbehandlung aber unzureichend war.

Einzelfallberichte und kleinere Programmauswertungen. Titel zu [s284]: Pregnancy achieved by intracytoplasmic sperm injection using cryopreserved semen from a man with testicular cancer (Hum Reprod, 1996, PMID 9021367). Titel zu [s268]: Successful spouse pregnancy of male patients with severe aplastic anemia and chronic myelogenous leukemia using spermatozoa banked prior to bone marrow transplantation and using the ICSI procedure: case reports (J Assist Reprod Genet, 2004, PMID 15186024). Titel zu [s40]: Successful fatherhood of males with tyrosine kinase inhibitor-resistant chronic myeloid leukemia taking olverembatinib (Ann Hematol, 2025, PMID 41236637). Titel zu [s46]: Public fertility preservation programme for cancer patients in Hong Kong (Hong Kong Med J, 2024, PMID 39686560). Titel zu [s43]: Évaluation des paramètres spermatiques conventionels et des altérations nucléaires spermatiques chez de jeunes adultes guéris d'un cancer pédiatrique (Bewertung der konventionellen Spermienparameter und der Kernveränderungen der Spermien bei jungen Erwachsenen nach überstandener Krebserkrankung im Kindesalter) (2024). Titel zu [s188]: Cryoconservation spermatique dans le cadre d’un cancer masculin : incidence sur le déroulement de la grossesse, l’accouchement et l’état néonatal : étude comparative au centre de Procréation Médicalement Assistée du Centre Hospitalier Universitaire de Grenoble (Kryokonservierung von Sperma im Rahmen einer Krebserkrankung beim Mann: Auswirkung auf Schwangerschaftsverlauf, Entbindung und Neugeborenenzustand; Vergleichsstudie am Zentrum für Reproduktionsmedizin des Universitätsklinikums Grenoble) (2016). Chen et al. 1996 [s284] (Taipeh) berichten eine Schwangerschaft nach ICSI mit zuvor kryokonserviertem Sperma eines Mannes mit Seminom (nach Orchiektomie und Strahlentherapie Azoospermie; drei intrauterine Inseminationen erfolglos; 8 von 12 injizierten Eizellen normal befruchtet; Geburt eines gesunden Jungen in der 39. Woche). Cho et al. 2004 [s268] (Seoul) beschreiben zwei erfolgreiche Schwangerschaften von Partnerinnen mit lange kryokonservierten Spermien, die vor einer Knochenmarktransplantation (chronische myeloische Leukämie; schwere aplastische Anämie) gewonnen worden waren. Yu et al. 2025 [s40] (Peking) berichten über zwei Männer mit TKI-resistenter chronischer myeloischer Leukämie unter Olverembatinib, die gesunde Kinder zeugten; dies ist eine Einzelfallbeobachtung und kein Beleg für Fertilitätssicherheit. Chan et al. 2024 [s46] (Hongkong) werteten das öffentliche Programm aus (August 2020 bis Februar 2023): 58 Konsultationen von Männern, mediane Zeit von der Überweisung bis zur Konsultation 4 Tage, 55 Männer (94,8 %) versuchten die Kryokonservierung, 49 (84,5 %) gelang sie. Die französische Hochschulschrift aus Rouen von 2024 [s43] (56 Patienten nach pädiatrischer Krebserkrankung, 30 Spender als Kontrollen) betrifft Befunde nach der Behandlung: 78,5 % mit deutlich verminderter Spermienzahl, 48 % nichtobstruktive Azoospermie, DNA-Fragmentierung 7,2 gegenüber 4,4 % bei den Spendern (p = 0,0444); sie ist nicht begutachtet. Eine nicht begutachtete Hochschulschrift aus Grenoble von 2016 [s188] (Vergleichsstudie am Zentrum für Reproduktionsmedizin des Universitätsklinikums) fand keinen signifikanten Zusammenhang zwischen einer Schwangerschaft nach Fertilitätserhalt und dem Auftreten einer Schwangerschaftserkrankung; mütterliches Alter, Entbindungsmodus und Geburtsgewicht unterschieden sich statistisch. Die Einzelfälle belegen Machbarkeit, nicht Häufigkeit.

Tierexperimentelle Hinweise auf eine Wirkung der Erkrankung selbst

Tierversuche zu Schutzstoffen gegen Chemotherapie gehören nicht in dieses Kapitel. Zwei Arbeiten untersuchen jedoch den Einfluss der Tumorerkrankung selbst und liefern damit mechanistische Hinweise.

Michailov et al. 2019 [s148]. Titel: Acute Myeloid Leukemia Affects Mouse Sperm Parameters, Spontaneous Acrosome Reaction, and Fertility Capacity. (International journal of molecular sciences, 2019, PMID 30626098). Land: Israel (Ben-Gurion-Universität des Negev). Design: Tierversuch im Mausmodell der akuten myeloischen Leukämie. Modell: Mäuse, denen C1498-Leukämiezellen verabreicht wurden und die dadurch eine Leukämie entwickelten; anschließend Behandlung mit Cytarabin. Ergebnisse: signifikante Abnahme von Spermienkonzentration und Beweglichkeit, Zunahme abnormer Morphologie und spontaner Akrosomreaktion nach Leukämie und nach Chemotherapie jeweils allein und in Kombination; verminderte Fertilität und weniger Nachkommen. Die Autoren sehen darin die erstmalige Darstellung, dass die Leukämie die spontane Akrosomreaktion erhöht und die Fertilitätskapazität sowie die Zahl der Nachkommen vermindert. Stärken: Trennung von Krankheits- und Chemotherapieeffekt durch Gruppen mit Krankheit allein, Chemotherapie allein und Kombination. Schwächen: ein einziges Leukämiemodell, Übertragbarkeit auf Menschen offen, der Abstract nennt keine Fallzahlen oder Effektstärken.

Rocha et al. 2021 [s121]. Titel: Testicular morphometry of rats with Walker 256 tumor supplemented with L-glutamine. (Animal reproduction, 2021, PMID 34306213). Land: Brasilien (Natal). Design: Tierversuch an 40 pubertierenden Wistar-Ratten in vier Gruppen (Kontrolle; Kontrolle mit L-Glutamin; Walker-256-Tumorzellen; Tumorzellen mit L-Glutamin). Methodik: histomorphometrische Analyse der Hoden. Ergebnisse: Der Tumor verursachte quantitative Veränderungen der tubulären und intertubulären Kompartimente und der Tunica albuginea, mit verminderten Anteilen von Lumen und Tunica albuginea, geringerer Zahl der Sertoli-Zellen pro Gramm Hoden, geringerer Zahl der Leydig-Zellen und verminderten Anteilen von Blutgefäßen und Bindegewebe im Intertubulärraum. Die Glutaminzufuhr verhinderte einen Teil dieser Veränderungen. Stärken: vier Gruppen mit Kontrollen, morphometrische Endpunkte. Schwächen: Es wurde keine Samenanalyse berichtet, das Modell ist ein Kachexiemodell; der Abstract nennt keine Zahlen zu Effektgrößen. Einordnung: Beide Tierarbeiten stützen die Möglichkeit, dass die Erkrankung die Hodenfunktion unabhängig von der Therapie beeinträchtigen kann; sie erlauben keine Aussage über die Größe des Effekts beim Menschen.

Einordnung der Beobachtungsstudien

Was die Studien gemeinsam tragen. Erstens: Bei Hodentumoren ist eine verminderte Ausgangsqualität der am häufigsten und am konsistentesten beschriebene Befund. Die systematische Übersicht [s206], die großen Serien [s235, s189, s93, s87, s222] und kleinere Vergleiche [s267, s271] stimmen darin überein, dass Konzentration oder Gesamtzahl niedriger sind als bei anderen Krebsarten oder bei Kontrollen; ob Seminome oder Nicht-Seminome stärker betroffen sind, ist ungeklärt [s235 gegenüber s271, s266, s213]. Zweitens: Bei Leukämien berichten mehrere große Serien die niedrigste Ausgangsqualität oder den höchsten Anteil nicht einlagerbarer Proben [s189, s222, s116, s60, s145]; kleinere Serien zeigen dagegen überwiegend normale Werte vor der Erstbehandlung [s253, s23], und ein erheblicher Teil der Unterschiede geht auf den Zeitpunkt der Probe zurück [s273, s155]. Drittens: Beim Hodgkin-Lymphom reichen die Anteile normozoosperm untersuchter Männer von 14 % [s228] über 20 % [s256] und 23 % [s257], 53 % (normal oder subnormal) [s278] und 66 % [s275] bis 75 % [s195]; Fieber, B-Symptome und Blutsenkung sagen eine schlechte Qualität voraus [s251, s301, s96, s49], das Stadium dagegen nicht durchgängig [s251, s278 gegenüber s271, s286, s96]. Viertens: Beim Non-Hodgkin-Lymphom liegen die Anteile normozoosperm in der größten Serie bei über 80 % [s120] und in der kleinsten bei 25 % [s228]; aggressive Lymphome hatten schlechtere Ausgangswerte als indolente [s120]. Fünftens: Zu Sarkomen, Hirntumoren, Magen-Darm-Tumoren, Kopf-Hals-Tumoren und Nasopharynxkarzinom liegen nur wenige Zahlen vor, überwiegend aus gemischten Samenbankserien [s189, s179, s87, s116, s29, s85]. Sechstens: Marker für eine Ausgangsstörung, die nicht das Spermiogramm betreffen (DNA-Fragmentierung, oxidativer Stress, Chromatin, Proteom), sind bei Krebspatienten in mehreren, aber nicht allen Studien verändert [s250, s255, s204, s76, s137].

Wesentliche Schwächen der Literatur. (a) Die meisten Studien sind retrospektive Samenbankauswertungen ohne gesunde Parallelkontrolle; (b) Selektion: Nur Männer, die eine Probe abgeben konnten und wollten, gehen ein; die Ausschlusszahlen von [s87] (160 von 1.194) und [s199] (4.345 gegenüber 3.616 mit Einlagerung) machen den Effekt sichtbar; (c) Messzeitpunkt (vor oder nach Orchiektomie, vor oder nach Behandlungsbeginn, mit oder ohne Fieber) und WHO-Referenzauflage sind uneinheitlich; (d) bei Tumorarten außer Hoden, Hodgkin und Leukämie fehlen große Einzelserien; (e) viele Abstracts nennen keine Konfidenzintervalle oder Fallzahlen je Untergruppe; (f) Mehrfachveröffentlichungen derselben Kohorte kommen vor ([s238, s236, s225]; [s256, s257]; [s116, s115]; Sichuan-Arbeiten [s59, s60, s29]) und können in einer Synthese zu Doppelzählungen führen; (g) die Kontrollgruppen unterscheiden sich so stark (Spender, Partner Schwangerer, Männer aus Kinderwunschsprechstunde, Referenzdatensatz), dass die Größe des Unterschieds nicht zwischen Studien vergleichbar ist [s189, s93, s102, s84, s222]; (h) in keiner Studie wird zwischen Wirkung der Erkrankung selbst und Wirkung eines vorbestehenden Hodenschadens getrennt, außer indirekt über die Subfertilitätsstudien [s193, s192, s111].

Was offen bleibt. Es liegt keine Studie vor, die bei verschiedenen Krebsarten die Samenqualität vor Behandlung gegen eine nach Alter, Abstinenz und Fieber gematchte gesunde Parallelkohorte mit denselben Methoden untersucht und dabei Stadium, Tumorlast und Allgemeinsymptome erfasst. Ebenso fehlen Daten zu Immuntherapien und zu den meisten selteneren Tumorarten. Ob die gemessene Verminderung die Zeugungsfähigkeit im Einzelfall beeinträchtigt, lässt sich aus den Querschnittsdaten nicht ableiten: Mehrere Autoren betonen, dass die Mediane vieler Parameter noch im WHO-Normbereich liegen [s102, s190, s252, s251] und dass die Ausgangsqualität bei der Mehrzahl der Patienten für eine spätere Vaterschaft mit modernen Verfahren ausreichen könne (so die Autoren der EORTC-Auswertung für das frühe Hodgkin-Lymphom [s251]); die Autoren der großen Pariser Serie halten dagegen für die Mehrzahl der Patienten nach dem Auftauen eine ICSI für nötig [s189].

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Hodgkin-Lymphom bis Leukämien und hämatologische Neoplasien
  6. Hodentumoren
  7. Mischkollektive mit Vergleichsgruppen
  8. Samenbankserien ohne Kontrollgruppe und Kinder und Jugendliche
  9. Überlebende nach Behandlung: Befunde zur Abgrenzung bis Einordnung der Beobachtungsstudien
  10. Vorbemerkung zur Evidenzbasis bis Kinder und Jugendliche
  11. Metaanalysen und systematische Übersichten bis Tierversuche
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Chinesisch
  15. Japanisch bis Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  22. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s153
  25. Quellen s154–s303
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle