Krebserkrankungen und Fruchtbarkeit · Kapitel 1 von 22

Das Wichtigste in Kürze

Die Einstufung folgt keinem formalen Instrument wie GRADE. Sie beschreibt, was die Studiendesigns tragen können. Evidenzstärke bezeichnet Design, Fallzahl und Vorhandensein einer Vergleichsgruppe (hoch, mäßig, gering, sehr gering). Gewissheit unterscheidet, ob nur die Richtung eines Befunds gesichert wirkt oder auch sein Ausmaß.

  1. Vor der Therapie ist die Spermienqualität bei vielen Krebspatienten gegenüber Gesunden vermindert, besonders bei Hodentumor und Leukämie. Belege: [s189, s93, s102, s84, s206]. Evidenzstärke: mäßig (viele große, aber retrospektive Samenbankstudien, wenige Vergleichsgruppen). Gewissheit: Richtung hoch, Ausmaß gering, weil Kontrollen häufig ausgewählte Spender oder Männer einer Kinderwunschklinik sind [s93, s102].
  1. Beim Hodentumor ist die Beeinträchtigung am konsistentesten. Alle sechs Studien einer systematischen Übersicht [s206]; mittlere Konzentration 18,7 gegenüber 35,6 Mio./ml bei anderen Malignomen [s267]; Histologie: normale Spermatogenese bei 22,5 % von 454 Patienten [s48]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: Richtung hoch; Ursachen (Dysgenesie, kontralaterale Störung, Tumoreffekte) bleiben Hypothese [s13].
  1. Seminom gegenüber Nicht-Seminom: uneinheitlich. Niedrigere Werte bei Seminomen [s235], bessere bei Seminomen [s271, s266, s196]. Evidenzstärke: gering. Gewissheit: gering; unterschiedliche Messzeitpunkte (vor oder nach Orchiektomie) erklären einen Teil.
  1. Der Zeitpunkt der Probe in Bezug auf die Orchiektomie ist unklar. Rives et al. bevorzugen die Einlagerung vor der Orchiektomie [s235]; Buonacquisto et al. fanden nach der Orchiektomie sinkende Gesamtspermienzahl, aber sinkende DNA-Fragmentierung [s04]. Evidenzstärke: gering. Gewissheit: gering.
  1. Beim Hodgkin-Lymphom schwankt der Anteil normozoospermer Männer zwischen 14 % und 75 %. [s228, s256, s257, s278, s275, s195]. Evidenzstärke: mäßig (viele Serien, bis n = 519), aber heterogen. Gewissheit: Richtung (häufig auffällig) mäßig; das Ausmaß ist definitionsabhängig.
  1. B-Symptome, Fieber und Blutsenkung gehen beim Hodgkin-Lymphom mit schlechterer Qualität einher. Odds Ratio 2,77 für B-Symptome, 3,22 für Fieber, 3,78 für Nachtschweiß [s251]; bei Jungen adjustierte OR 2,3 [s49]; ältere Fallserie: Fieber als Erklärung [s301]. Evidenzstärke: mäßig (n = 474 und n = 101, multivariat). Gewissheit: mäßig; die Stadienabhängigkeit ist widersprüchlich [s278, s251, s271].
  1. Non-Hodgkin-Lymphome scheinen günstiger zu liegen, die Datenbasis ist aber dünner. Mehr als 80 % Normozoospermie bei n = 222 [s120]; Normozoospermie nur bei 25 % in einer sehr kleinen Gruppe [s228]; erhöhte DNA-Fragmentierung gegenüber Kontrollen [s51]. Evidenzstärke: gering bis mäßig. Gewissheit: gering.
  1. Leukämien haben in mehreren Serien die ungünstigsten Werte, vor allem wenn nach Therapiebeginn eingelagert wurde. Nur 37 % normozoosperm [s189]; 46,2 % ohne einfrierbare Spermien in einer hämatologischen Gruppe [s116]; Einfriererfolg bei hämatologischen Krebsarten 82,5 % gegenüber 93,6 % bei Hodentumor [s169]; vor Chemotherapie 96,1 % einfrierbar, danach 45,3 % [s273]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: Richtung mäßig; Zeitpunkt und Erkrankung sind kaum zu trennen.
  1. Für Sarkome, Hirntumoren, Magen-Darm-, Kopf-Hals- und andere Tumoren ist die Datenlage dünn. [s19, s58, s85]. Evidenzstärke: sehr gering. Gewissheit: sehr gering.
  1. Das Einfrieren senkt die Beweglichkeit, auch bei Gesunden. Bei Krebspatienten ist der Ausgangswert niedriger; bei fast der Hälfte der Proben von Hodentumor- oder Leukämiepatienten lag die Zahl beweglicher Spermien je Pailette unter 0,5 Mio. [s189, s222, s283]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: Richtung hoch, Ausmaß mäßig.
  1. Die Nutzungsrate eingelagerter Proben ist niedrig, die Erfolgsrate bei Nutzung erheblich. Gepoolt 8 % [s191] beziehungsweise 9 % [s58]; Einzelstudien 2,2 % bis 28,1 % [s181, s110]; 49 % der Nutzer wurden Eltern [s191]. Evidenzstärke: mäßig (Metaanalysen aus nicht randomisierten Studien). Gewissheit: Ausmaß gering wegen Heterogenität und kurzer Nachbeobachtung.
  1. Die Erfolgsrate hängt stark vom Verfahren ab. Klinische Schwangerschaft je Zyklus: ICSI 34 %, IVF 24 %, IUI 9 % [s58]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: mäßig.
  1. Die Spermien-DNA-Fragmentierung ist vor der Behandlung in mehreren Studien erhöht, nicht in allen. Erhöht [s250, s76, s204]; nach Ausschluss vorbehandelter Patienten nicht mehr signifikant [s84]. Evidenzstärke: gering bis mäßig (kleine Gruppen, wechselnde Methoden). Gewissheit: gering.
  1. Bei Jugendlichen gelingt die Samenabgabe meist, bei Vorbehandlung deutlich seltener. 78 % erfolgreiche Einlagerung bei 339 Versuchen; nach Vorbehandlung 84,0 % azoosperm gegenüber 16,9 % ohne [s176]; 4.345 Fälle in Frankreich [s199]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: Richtung hoch.
  1. Die Versorgung bleibt hinter dem Angebot zurück. Jordanien: Spermabanking bei 33,1 % [s133]; Saudi-Arabien: 6,7 % der Männer [s92]; Frankreich: etwa 41 % bei Hodentumor [s83]. Evidenzstärke: gering bis mäßig (Befragungen, Registerschätzungen). Gewissheit: Gefälle hoch, Zahlen schlecht vergleichbar.
  1. Zur Wirkung der Erkrankung selbst fehlen Tierstudien weitgehend. Mausmodell der akuten myeloischen Leukämie: schlechtere Spermienparameter und verminderte Fertilität schon durch die Erkrankung [s148]; Walker-256-Tumor bei Ratten: Veränderungen der Hodenmorphologie [s121]. Evidenzstärke: sehr gering für Menschen. Gewissheit: sehr gering.
  1. Umgekehrt ist verminderte Fertilität mit späterem Krebsrisiko assoziiert. Gepoolte OR 1,43 für alle Krebsarten, 1,91 für Hodentumor [s111]; Hodentumor-Hazard Ratio 3,3 [s193]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: Richtung mäßig; für die Frage nach der Wirkung des Tumors auf das Sperma nur als Deutungshilfe relevant.
Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Hodgkin-Lymphom bis Leukämien und hämatologische Neoplasien
  6. Hodentumoren
  7. Mischkollektive mit Vergleichsgruppen
  8. Samenbankserien ohne Kontrollgruppe und Kinder und Jugendliche
  9. Überlebende nach Behandlung: Befunde zur Abgrenzung bis Einordnung der Beobachtungsstudien
  10. Vorbemerkung zur Evidenzbasis bis Kinder und Jugendliche
  11. Metaanalysen und systematische Übersichten bis Tierversuche
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Chinesisch
  15. Japanisch bis Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  22. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s153
  25. Quellen s154–s303
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle