Dieser Abschnitt ordnet die Befunde ein, damit sie sich richtig lesen lassen. Er enthält keine Therapieempfehlung und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung. Ob ein Arzneimittel verordnet, geändert oder abgesetzt wird, entscheiden die behandelnden Ärztinnen und Ärzte.
Was sich aus der Literatur belastbar sagen lässt
- Die behandelte Krankheit zählt mit. Infektionen und Entzündungen der männlichen Geschlechtswege können Spermienmerkmale beeinträchtigen, und die Studien zu Antibiotika vermischen Wirkung der Erkrankung und des Mittels [s119, s150]. In einer Längsstudie an 46 Patienten nach akuter einseitiger Nebenhodenentzündung zeigte sich acht Tage nach Beginn bei mehr als zwei Dritteln eine Oligoasthenospermie, die sich im Verlauf besserte; bei etwa 20 Prozent blieb eine so schwere Fertilitätsstörung, dass Sterilität resultierte [s284].
- Antibiotika bei nachgewiesener Infektion der Adnexdrüsen. Die EAU-Leitlinie fasst zusammen: Antibiotika beseitigen häufig nur die Erreger, ohne entzündliche Veränderungen oder funktionelle Defizite umzukehren (Evidenzgrad 2a); sie können die Spermienqualität verbessern, erhöhen aber nicht die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis (2a). Die Leitlinie nennt als „schwache“ Empfehlung, Adnexdrüseninfektionen zu behandeln, da dies die Spermienqualität verbessern könne, die Konzeptionswahrscheinlichkeit aber nicht notwendigerweise [s07]. Das ist eine Wiedergabe des Leitlinientextes.
- Leukozytospermie ohne Erregernachweis. Nach der EAU-Leitlinie gibt es keinen Beleg, dass die Behandlung einer Leukozytospermie allein, ohne nachgewiesenen Erreger, die Konzeptionsrate verbessert, und die Leukozytospermie sei nicht notwendigerweise mit Infektion verbunden [s07]. Die AUA/ASRM-Leitlinie verlangt, bei vermehrten Rundzellen (über 1 Million pro ml) Leukozyten von Keimzellen zu unterscheiden und bei Pyospermie auf Infektion zu untersuchen [s105].
- Kurze Antibiotikakurse bei Gesunden. Die Humanbelege für Schäden an den Spermien durch übliche Antibiotika sind dünn. Drobnis und Nangia sprechen von bemerkenswert wenigen Daten [s150]; in einer Querschnittsstudie an 7438 Männern fielen unter den Medikamenten Metformin, Metoprolol und Lisinopril auf, nicht Antibiotika oder Antimykotika (hypothesenerzeugend) [s31]; der Umbrella-Review führt Antibiotika nicht als eigene Faktoren auf [s19], und der abgerufene Text der AUA/ASRM-Leitlinie enthält keine Aussage zu Antiinfektiva als Ursache [s105]. Dem steht die größere Serie an 243 Männern gegenüber, die bei 10 von 20 Antibiotika eine auch nach drei Monaten noch bestehende Störung berichtet; sie hat jedoch keine Kontrollgruppe und keine p-Werte [s229]. Beides zusammen ist kein Nachweis der Unbedenklichkeit und kein Nachweis eines Schadens, sondern Ausdruck fehlender kontrollierter Daten.
- Arzneimittel mit besserer Belegbasis am Menschen. Sulfasalazin (kein klassisches Antibiotikum) wird in mehreren Übersichten als Ursache einer reversiblen Beeinträchtigung der männlichen Fertilität geführt [s14, s111, s112, s154, s162]; Ketoconazol senkt das Testosteron im Hoden (Studie an 40 Männern, nur Hormonmessung) [s182]; Efavirenz ist in zwei Kohorten mit verminderter Motilität verbunden, ohne nachgewiesene Ursächlichkeit [s152, s165]. Eine rheumatologische Übersicht beschreibt für Sulfasalazin bei verzögerter Konzeption ein vorübergehendes Aussetzen mit Kontrolle des Spermas [s111]; solche Entscheidungen gehören in ärztliche Hand.
Was sich nicht sagen lässt
- Aus Tierversuchen mit hohen Dosen lässt sich nicht ableiten, was übliche Therapien beim Menschen bewirken. Die Studien zeigen Schädigungsmöglichkeiten und Mechanismen, aber keine Häufigkeiten beim Menschen.
- Aus einer Besserung der Werte nach einer Behandlung lässt sich nicht folgern, dass das Antibiotikum sie bewirkt hat; ohne Kontrollgruppe sind Rückbildung der Entzündung, Schwankung und Regression zur Mitte nicht trennbar.
- Aus einer Assoziation zwischen Antibiotika im Urin und Spermienwerten lässt sich weder Ursache noch Wirkung ablesen [s43].
- Für Nitrofurantoin, Metronidazol, Tetrazykline, Antimykotika und Antimalariamittel liegen beim Menschen kaum Studien mit gemessenen Spermienparametern vor; „keine Studie gefunden“ heißt nicht „kein Einfluss“.
Wie sich Schlagzeilen prüfen lassen
Wer eine Aussage der Form „Wirkstoff X schadet den Spermien“ oder „Wirkstoff X verbessert die Spermien“ liest, kann sich folgende Fragen stellen, die sich aus den Widersprüchen dieses Kapitels ergeben:
- Wurden Menschen, Tiere oder Zellen untersucht? Bei Tieren: Welche Dosis, welcher Gabeweg, wie lange?
- Waren die Männer gesund oder hatten sie eine Infektion oder Entzündung?
- Gab es eine unbehandelte oder Placebo-Kontrollgruppe, oder nur einen Vorher-Nachher-Vergleich?
- Welche Zielgröße wurde gemessen: Leukozyten, Spermienkonzentration, Beweglichkeit, DNA-Fragmentierung, ein Hormonwert, Schwangerschaft?
- Wie groß war die Studie, und wird der Effekt mit Konfidenzintervall berichtet?
- Wurde das Mittel allein oder mit anderen Maßnahmen gegeben?
- Ist die Studie begutachtet, oder ist sie eine Vorabveröffentlichung oder eine Übersicht aus zweiter Hand?
Belastbarkeit nach Wirkstoffgruppe im Überblick
Die Einschätzung in der letzten Spalte ist eine Einordnung dieses Kapitels nach Design und Umfang der Quellen, keine Bewertung durch eine Fachgesellschaft.
| Gruppe | Humanstudien mit Spermienparametern | Tier- und Laborstudien | Einschätzung der Belastbarkeit |
|---|---|---|---|
| Antibiotika zur Behandlung genitaler Infektionen | mehrere kleine, überwiegend unkontrollierte Studien; wenige kleine randomisierte Studien mit widersprüchlichem Ergebnis | nicht Gegenstand | niedrig, widersprüchlich |
| Tetrazykline | Behandlungsstudien (Besserung), Urin-Biomonitoring (gegenläufig) | Schäden bei jungen Tieren, Schutz in Modellen | niedrig, widersprüchlich |
| Fluorchinolone | kleine Studien, meist ohne Kontrolle | Schäden bei hohen Dosen, nicht einheitlich | niedrig |
| Nitrofurantoin | eine alte Beobachtung ohne Zahlen, eine Serie | Keimepitheldegeneration bei hohen Futterdosen | sehr niedrig |
| Metronidazol | Konzentrationsmessung, eine unkontrollierte Studie bei Trichomonaden, eine Serie ohne Kontrolle | dosisabhängige, meist reversible Veränderungen | sehr niedrig |
| Antimykotika (vor allem Ketoconazol) | randomisierte Studie mit Hormonmessung (40 Männer), Samenplasmaspiegel | Hemmung der Hodensteroidsynthese, hohe Dosen schädigen | Hormonwirkung belegt, Spermienwirkung offen |
| Antimalariamittel | keine in der Malaria-Indikation; eine kleine Beobachtung (29 Männer) mit Hydroxychloroquin plus Favipiravir, ohne Befund | Schäden bei Meerschweinchen, Mäusen, Ratten; teils Schutzwirkung in Zellmodellen | sehr niedrig |
| Sulfasalazin (Grenzfall) | mehrere Übersichten und Metaanalyse | dosisabhängige, reversible Veränderungen | vergleichsweise am besten belegt, reversibel |
| Antiretrovirale Mittel (Efavirenz) | zwei Kohorten mit Assoziation | in vitro (Dolutegravir, Tenofovir, Emtricitabin); Aciclovir bei Nagern | niedrig, Ursächlichkeit offen |