2. Narrative und nicht systematische Übersichten
2.1 Übersichten zu Antiinfektiva und männlicher Fertilität
Drobnis und Nangia 2017 [s150]: Antimicrobials and Male Reproduction. Advances in Experimental Medicine and Biology (Buchkapitel). Die Autoren halten fest, Antibiotika stünden lange im Verdacht, zur männlichen Infertilität beizutragen, es gebe dafür aber „bemerkenswert wenige“ Daten. Die zentrale methodische Schwierigkeit sei, dass die behandelten Krankheiten selbst die männliche Fortpflanzung beeinträchtigen, die Behandlung also Zielgrößen verbessern könne; das gelte besonders für Krankheiten des männlichen Genitaltrakts. Antiparasitika seien als Klasse für eukaryotische Zellen toxisch und hätten ein erhebliches Potenzial für Reproduktionstoxizität; beim Menschen sei nur Niridazol belegt, das bei 20 Männern mit Schistosomiasis einen reversiblen Stillstand der Spermatogenese verursachte. Unter den Antimykotika habe Ketoconazol in einigen Studien das Testosteron vorübergehend gesenkt, Arbeiten zu Samenqualität oder Fertilität fehlten. Für Nitrofurantoin, Ciprofloxacin, Ofloxacin und Sulfamethoxazol gebe es „minimale“ Humandaten zu verminderter Samenqualität; einige dieser und anderer Antibiotika seien an anderen Spezies mit Ergebnissen untersucht worden, die auf negative Wirkungen auf die männliche Fertilität hindeuteten. Das Kapitel fordert gut geplante klinische Studien. Einordnung: Es ist die am besten als Referenz geeignete Zusammenfassung zu allen vier im Titel genannten Wirkstoffgruppen, bleibt aber in der Abstract-Fassung ohne Zahlen und ohne Studienliste. Wichtig ist die Aussage, die Datenlage sei dünn, nicht eine Aussage über einen nachgewiesenen Schaden [s150].
Millsop und Mitarbeiter 2013 [s180]: Dermatological medication effects on male fertility. Dermatologic Therapy. Suche in MEDLINE (englisch) mit Begriffen zu männlicher Infertilität, Spermatogenese, Arzneimittelwirkung und Dermatologie. Methotrexat und Finasterid führten zu Oligospermie und reversibler Infertilität; Ketoconazol habe negative Wirkungen auf Beweglichkeit und Testosteronbildung; Einzelfallberichte und eine begrenzte Zahl von Studien zeigten negative Wirkungen von Tetrazyklinen, Erythromycin, Chloroquin, Glukokortikoiden, Spironolacton und Antihistaminika. Für orale Retinoide, Ciclosporin, Azathioprin und TNF-alpha-Hemmer wird Entwarnung gegeben. Die Übersicht ist die einzige abgerufene, die Tetrazykline und Chloroquin namentlich als Arzneimittel mit gemeldeter negativer Wirkung nennt; sie stützt das auf „Einzelfallberichte“ und „wenige Studien“, nicht auf Zahlen [s180].
Schill und Przybilla 1985 [s276]: [Side effects of drugs on male fertility] (Nebenwirkungen von Arzneimitteln auf die männliche Fertilität), Zeitschrift für Hautkrankheiten, deutsch. Die Übersicht führt Antibiotika zu den antispermatogenen Mitteln (neben Zytostatika, Immunsuppressiva, Psychopharmaka) und nennt Antibiotika, Anthelminthika, Psychopharmaka und Betablocker als Mittel, die die Spermienbeweglichkeit hemmen können; sie fordert, künftig mehr auf solche Nebenwirkungen zu achten. Der Abstract enthält weder Zahlen noch Wirkstoffnamen und nennt keine Primärstudien [s276].
Hou und Mitarbeiter 2024 [s55]: The research progress on the impact of antibiotics on the male reproductive system. Environment International. Narrative Übersicht (im Abstract keine Methodik und keine Zahlen) über Antibiotika als endokrine Disruptoren, Expositionswege (Tierhaltung, Lebensmittel, Wasser), schädliche Wirkungen und Mechanismen einzelner Antibiotikaklassen sowie mögliche Schutzstoffe aus Lebensmitteln. Die Arbeitsgruppe hat selbst Tierversuche zu Ciprofloxacin und Enrofloxacin veröffentlicht, die Übersicht ordnet also teilweise eigene Arbeiten ein; sie argumentiert aus Sicht der Umwelt- und Lebensmittelexposition, nicht der klinischen Anwendung [s55].
Russischsprachige Übersicht zu Antibiotika und Spermatogenese (Kadyrow, Akramow, Aldyrakow 2020) [s119]: Воздействие антибактериальных препаратов на сперматогенез (обзор литературы) (Die Wirkung antibakterieller Präparate auf die Spermatogenese (Literaturübersicht)), Andrologija i genitalnaja chirurgija (RUDN-Universität Moskau). Es ist die ausführlichste Quelle des gesamten Materials zu dieser Frage (Volltext gelesen). Die Autoren stellen fest, dass viele experimentelle Studien dosisabhängig negative Wirkungen bestimmter Antibiotika auf die Spermatogenese zeigen und dass sich bei einigen Antibiotika, meist vor dem Hintergrund einer Entzündung, oxidativer Stress im Hodengewebe entwickelt. Sie geben, jeweils als Zweitangabe, Befunde aus anderen Arbeiten wieder: nach Semet Nitrofurantoin mit Senkung von Spermienzahl und Beweglichkeit und vollständiger Blockade der Spermatogenese bei hohen Dosen; Erythromycin in vitro mit weniger lebenden Spermien, die sich nach Absetzen normalisierten; Gentamicin, Neomycin und Streptomycin mit Senkung von Beweglichkeit, Zahl und normalen Formen; Penicillin und Tetrazykline mit mäßiger Verschlechterung (Evidenzstufe 3 oder 4). Adelakun und Mitarbeiter: Tetracyclin 30 mg/kg schädigte bei Ratten Samenzellen, verringerte Leydig-Zellen und senkte das Serumtestosteron, die behandelten Männchen konnten Weibchen nicht befruchten. Aly und Hassan: Gentamicin 0, 60, 80 und 100 mg/kg/Tag über 10 Tage senkte dosisabhängig Hodengewicht, Spermienzahl, Beweglichkeit und Testosteron. Tahri und Mitarbeiter 2017: Imipenem bei Ratten (n = 8 je Gruppe; 0, 30, 50, 80 mg/kg intraperitoneal über eine Woche) mit schlechterer Beweglichkeit, Vitalität und Zahl, mehr abnormen Spermien und weniger Testosteron, deutlichste Effekte bei 50 und 80 mg/kg (p < 0,001). Zu Levofloxacin bei Wistar-Ratten werden Spermienkonzentrationen von 200, 192, 170, 128 und 75 Millionen genannt (p < 0,05); die im Übersichtsartikel genannten Dosen von 0,03 bis 0,08 mg/kg sind auffallend niedrig und ohne die Originalarbeit nicht zu prüfen. Die Übersicht schließt, die Arbeiten seien überwiegend experimentell, die Wirkungen oft dosisabhängig und nach Absetzen meist reversibel, zur Erholungszeit der Spermatogenese gebe es zu wenig Daten, die Evidenz sei niedrig, der negative Antibiotikaeffekt sei vom Effekt der behandelten Krankheit schwer zu trennen, und Versuche an gesunden Männern seien aus ethischen Gründen unwahrscheinlich. Stärken: gute Zusammenstellung, offene Benennung der Störfaktoren. Schwächen: keine systematische Suchstrategie, ausschließlich Zweitangaben, keine Gewichtung der Studienqualität [s119].
Russischsprachige Übersicht zu Doxycyclin (Strygin, Nesmijanow, Tolkatschew 2015) [s171]: Положительное влияние доксициклина на показатели мужской фертильности (Positiver Einfluss von Doxycyclin auf Parameter der männlichen Fertilität), Westnik Wolgogradskogo GMU. Erzählende Übersicht mit programmatischem Titel; wiedergegeben werden, wiederum als Zweitangaben: bessere Spermienparameter unter Doxycyclin bei Asthenozoospermie mit Ureaplasma-Infektion, Verbesserung des Eipenetrationstests, bessere Spermienqualität in einer doppelblinden prospektiven Studie bei Epididymoprostatovesikulitis, 100 mg täglich über 14 Tage bei Prostatovesikuloepididymitis, Prostatitis und Prostatovesikulitis; In-vitro-Daten nach Kryokonservierung, wonach Doxycyclin die Hyperaktivierung verringere und Ciprofloxacin sie erhöhe, wobei die Autoren bemängeln, dass die In-vitro-Konzentration (mindestens 2,6 µg/ml) höher lag als die im Sperma gemessene mittlere Konzentration (0,89 µg/ml). Die Wirkung wird auf antioxidative Eigenschaften und geringere Bildung von Interleukin-2 und Interleukin-8 zurückgeführt; bei chronischer Prostatitis liege die Wirksamkeit bis zu 75 Prozent. Ungünstige Doxycyclin-Befunde führen die Autoren an (Ratten, 3 mg/kg/Tag über 10 Tage, vier Tiere je Gruppe, Rückgang haploider Zellen an Tag 11, an Tag 56 reversibel; Mäuse in der Pubertät mit 1,4, 2,8 und 5,6 mg/kg/Tag), bewerten sie aber als nicht übertragbar. Schwächen: Titel und Gewichtung sind einseitig, ungünstige Studien werden als methodisch schwach abgetan, ohne dass derselbe Maßstab an die günstigen angelegt wird; ausschließlich Zweitangaben. Der Befund steht in Spannung zur Beobachtungsserie von Lisakowskaja, in der Doxycyclin zu den Wirkstoffen mit anhaltender Störung zählte [s171, s229].
2.2 Übersichten zu Infektion, Bakteriospermie und Leukozytospermie
Henkel 2024 [s54]: Leukocytospermia and/or Bacteriospermia: Impact on Male Infertility. Journal of Clinical Medicine. Narrative Übersicht. Leukozytospermie komme bei 30 Prozent der infertilen und bis zu 20 Prozent der fertilen Männer vor; die Prävalenz männlicher Genitaltraktinfektionen liege Berichten zufolge bei 10 bis 35 Prozent. Als Grenzwert der WHO gelten 1 × 10⁶ peroxidasepositive Zellen/ml; für Bakterien nehme man in mehreren Studien Proben mit mehr als 10³ Kolonie-bildenden Einheiten/ml als bakteriospermisch an. Als Mechanismen werden die direkte Wechselwirkung von Bakterien mit Keimzellen, die Freisetzung spermientoxischer Stoffe sowie Zytokine und reaktive Sauerstoffspezies mit oxidativem Stress genannt. Bakterielle Infektionen einschließlich „stummer“ seien behandelbar, Antibiotika seien das Mittel der Wahl, daneben kämen nichtsteroidale Entzündungshemmer oder Antioxidantien infrage; „no specific strategy is available“ für die Leukozytospermie, und der Zusammenhang von Bakteriospermie und Leukozytospermie sowie ihr Einfluss auf Befruchtung und klinische Schwangerschaft müsse weiter untersucht werden. Bei assistierter Reproduktion senkten Spermientrennverfahren die Bakterienlast deutlich; Kontamination mit Hautkeimen sei durch Hygiene zu vermeiden. Stärken: gute Zusammenfassung der Definitionen. Schwächen: narrativ, keine Studienzahl, keine Effektgrößen [s54].
Dutta, Bocu und Agarwal 2025 [s27]: Role of Leukocytospermia in the Management of Male Infertility: Decoding a Mystery for the Busy Clinicians. World Journal of Men's Health. Leukozytospermie definiert als mehr als 1 × 10⁶ Leukozyten/ml; Folgen seien Akrosomschäden sowie Veränderungen von Mittelstück und Flagellum, oxidativer Stress und DNA-Schäden. Ursachen seien Infektionen, Autoimmunreaktionen, Lebensstilfaktoren und weitere Zustände, auch Diabetes mellitus. Als Behandlung werden Antibiotika, Entzündungshemmer und assistierte Reproduktion aufgeführt, abgestimmt auf die Ursache; die Diagnostik reiche von der Peroxidasefärbung bis zu Immunzytochemie und Durchflusszytometrie mit höherer Sensitivität und Spezifität. Der Abstract nennt keine Zahlen zur Wirkung von Antibiotika auf Spermien [s27].
Brunner und Mitarbeiter 2019 [s124]: Review of Guidelines for the Evaluation and Treatment of Leukocytospermia in Male Infertility. World Journal of Men's Health. Leukozytospermie wird als schlecht definierter und unzureichend verstandener Zustand bei bis zu 30 Prozent der männlichen Infertilität beschrieben. Die Autoren verglichen internationale Leitlinien und werteten Arbeiten zu Behandlung und Management (englischsprachige Humanstudien, Januar 2010 bis April 2018, plus vier in Leitlinien referenzierte Arbeiten) aus. Die Leitlinien widersprächen sich: Manche beschrieben keinen Zusammenhang zwischen Leukozytospermie und Infertilität, andere eine Besserung der Spermienqualität einschließlich der Schwangerschaftsrate durch Behandlung; genannt werden Antibiotika, Entzündungshemmer und häufige Ejakulation. Die Autoren verlangen, Leukozytospermie als Infektions- oder Entzündungsmarker neu zu charakterisieren, den Schwellenwert zu überprüfen und Studien mit Konzeption als Zielgröße durchzuführen [s124].
Rivero und Mitarbeiter 2023 [s81]: Evaluation and management of male genital tract infections in the setting of male infertility: an updated review. Current Opinion in Urology. Männliche Infertilität sei in schätzungsweise 15 Prozent der Fälle durch Genitaltraktinfektionen bedingt. Eine Reihe internationaler Leitlinien empfehle Samenkultur und PCR, die Bedeutung positiver Ergebnisse bleibe aber unklar. Klinische Studien zu Entzündungshemmern oder Antibiotika berichteten Besserungen von Spermienparametern und Leukozytospermie, Daten zur Konzeptionsrate fehlten. Zu den Behandlungsoptionen zählten Entzündungshemmer, häufige Ejakulation und Antibiotika, die „nicht ohne Symptome oder mikrobiologische Infektion“ angewendet werden sollten; humane Papillomviren und SARS-CoV-2 seien mit schlechteren Samenparametern und geringerer Konzeptionsrate verbunden [s81].
Zhou und Mitarbeiter 2024 [s64]: The Relationship Between Ureaplasma Species and Male Infertility: Pathogenicity, Biology, Diagnosis, and Treatment. Alternative Therapies in Health and Medicine. Die Übersicht stellt Biologie, Biovare und Übertragungswege dar und prüft Studien der letzten 30 Jahre zur Rolle von Ureaplasma. Ureaplasma parvum und Ureaplasma urealyticum könnten die Spermienbeweglichkeit beeinträchtigen; als Risikofaktoren gelten Spezies, Sexualanamnese, Zahl der Sexualpartner, Bakterienlast und Antibiotikaresistenz. Als Mittel der ersten Wahl bleibe Doxycyclin. Die Autoren schreiben, Ureaplasma seien „nicht einfach unschuldige Zuschauer“ und möglicherweise ein „unterschätzter Feind der menschlichen Fortpflanzung“; sie könnten als ätiologischer Faktor bei ungeklärter Infertilität und als nützlicher Marker gelten. Die Charakterisierung als Krankheitserreger bleibe laut Abstract umstritten, für Ureaplasma parvum gebe es nur begrenzte Evidenz. Die Aussage zu Doxycyclin betrifft die Erregerbehandlung, nicht eine Wirkung auf die Spermien [s64].
Haidl und Mitarbeiter 2008 [s208]: Chronic epididymitis: impact on semen parameters and therapeutic options. Andrologia. Die Nebenhodenentzündung scheine für die männliche Fortpflanzungsfunktion bedeutsamer als die Entzündung von Prostata oder Samenblasen; sie könne Spermienzahl und Beweglichkeit mindern, häufig verbunden mit atypischem Färbeverhalten der Spermienflagellen. Oft liege die Leukozytenzahl im Ejakulat unter 10⁶/ml, sodass Granulozytenelastase, Interleukin-6, Interleukin-8 oder reaktive Sauerstoffspezies als zusätzliche Marker hilfreich seien. Positive Wirkungen entzündungshemmender oder antibiotischer Behandlung auf die Samenqualität seien berichtet worden, kontrollierte prospektive Studien fehlten aber [s208].
Ďuračka und Mitarbeiter 2023 [s68]: Strategies for Bacterial Eradication from Human and Animal Semen Samples: Current Options and Future Alternatives. Sensors (Basel). Die Übersicht betrifft Samenverarbeitung und Konservierung im Labor, nicht die Behandlung von Patienten. Bakterielle Kontamination wirke sich unvorhersehbar und komplex auf die Samenqualität aus; Antibiotika seien die einfachste Maßnahme, Antibiotikaresistenz aber eine ernste Bedrohung; die Arbeit fasst Alternativen zusammen, darunter antibakterielle Zusätze und moderne Spermienselektion mit physikalischer Entfernung von Bakterien [s68].
2.3 Übersichten in deutscher Sprache
Pilatz und Mitarbeiter 2016 [s160]: [Infection and infertility] (Infektion und Infertilität), Der Urologe A. Epidemiologische Daten zeigten bei 6 bis 10 Prozent der Männer in der andrologischen Abklärung eine infektiöse Ursache; die Übersicht behandelt Prostatitis, Epididymitis, Orchitis und Infektionen der männlichen Adnexdrüsen (MAGI) und ihre Auswirkung auf die Fertilität [s160].
Ludwig und Mitarbeiter 2001 [s235]: [Prostatitis syndrome. Changes in the ejaculate and effects on fertility] (Prostatitissyndrom. Veränderungen des Ejakulats und Auswirkungen auf die Fertilität), Der Urologe A. Entzündungen und Infektionen des männlichen Genitaltrakts seien ein wichtiger, möglicherweise auf Behandlung ansprechender Faktor der männlichen Infertilität. Klinische Studien zur Ejakulatqualität bei den Formen des Prostatitissyndroms hätten widersprüchliche Ergebnisse geliefert; nur die antimikrobielle Therapie sei als Option ausreichend beschrieben. Entzündungsmediatoren (Zytokine, reaktive Sauerstoffspezies) werden als mögliche Mechanismen diskutiert [s235].
Spornraft-Ragaller und Mitarbeiter 2018 [s143]: [Sexually transmitted infections and male fertility] (Sexuell übertragbare Infektionen und männliche Fertilität), Der Hautarzt; Literatur bis 30. April 2018 einschließlich großer Kollektive aus dem asiatischen Raum. Das Bild sei uneinheitlich; ein direkter oder indirekter Beleg für den Einfluss eines einzelnen Erregers auf die Ejakulatqualität sei nicht eindeutig erbracht, es gebe jedoch Hinweise auf negative Wirkung von Mykoplasmen und Ureaplasmen in großen asiatischen Kollektiven; manifeste Entzündungen durch Chlamydien und Gonokokken oder HIV-Infektionen führten häufig zu einer Beeinträchtigung der Spermienqualität. Eine mikrobiologische Abklärung wird bei Fertilitätsstörungen empfohlen (Aussage der Autoren) [s143].
2.4 Übersichten in französischer Sprache
Saint und Mitarbeiter 2023 [s82]: [Infections and male infertility] (Infektionen und männliche Infertilität), Progrès en Urologie. Literatursuche, begrenzt auf englischsprachige Humanstudien vor Mai 2023, 189 ausgewertete Artikel. Infektionen seien eine der häufigsten behebbaren Ursachen männlicher Infertilität, die Erreger seien meist bakteriell oder viral, seltener parasitär; sie führten in der Regel zu Entzündung und oxidativem Stress und minderten die Fertilität vor allem durch veränderte Spermiogramm-Parameter und erhöhte Spermien-DNA-Fragmentierung. Die Suche nach einer urogenitalen Infektion solle systematisch erfolgen; eine ursächliche Behandlung könne je nach Bild und Keim vorgeschlagen werden [s82].
Boitrelle und Mitarbeiter 2012 [s185]: [Bacteriospermia in Assisted Reproductive Techniques: effects of bacteria on spermatozoa and seminal plasma, diagnosis and treatment] (Bakteriospermie bei Verfahren der assistierten Reproduktion: Wirkungen von Bakterien auf Spermien und Seminalplasma, Diagnose und Behandlung), Gynécologie Obstétrique Fertilité. Bakterien im Sperma könnten Spermienmorphologie und -funktion beeinträchtigen und den Samenweg mechanisch oder funktionell verlegen; Bakteriospermie bedeute nicht Infektion und sei von der Infektion der Adnexdrüsen zu unterscheiden. Die Arbeit definiert Schwellenwerte für eine Behandlung, festgelegt nach Literatur, Stellungnahme der französischen Mikrobiologiegesellschaft und Praxis der Autoren; das ist ausdrücklich keine allein auf Studien gestützte Schwelle [s185].
Lemkecher und Mitarbeiter 2005 [s221]: [Leucocytospermia, oxidative stress and male fertility: facts and hypotheses] (Leukozytospermie, oxidativer Stress und männliche Fertilität: Tatsachen und Hypothesen), Gynécologie Obstétrique Fertilité. Leukozytospermie über 10⁶/ml finde sich in 20 Prozent der Fälle männlicher Infertilität und führe zur Bildung reaktiver Sauerstoffspezies, die Funktion von Adnexdrüsen und Spermien stören könnten; die antioxidativen Abwehrkräfte des Seminalplasmas könnten überfordert werden. In vitro seien reaktive Sauerstoffspezies eindeutig toxisch (verminderte Akrosomreaktion, geringere Fusionsfähigkeit, mehr DNA-Fragmentierung). Bei männlicher Infertilität sei Leukozytospermie ein wesentlicher oder zusätzlicher Risikofaktor, der behandelt werden solle, besonders vor In-vitro-Verfahren (Aussage der Autoren) [s221].
2.5 Übersichten in spanischer und italienischer Sprache
Vives Suñé und Mitarbeiter 2026 [s18]: Infection and inflammation of the seminal tract: A review of its relationship to male fertility. Actas Urológicas Españolas. Die WHO habe 1997 die Rolle von Genitaltraktinfektionen bei der menschlichen Infertilität festgestellt; sie seien für etwa 15 Prozent der Fälle männlicher Infertilität verantwortlich. Die häufigsten Erreger seien Chlamydia trachomatis, Mykoplasmen, insbesondere Ureaplasma urealyticum, und gramnegative Bakterien; bei sexuell übertragenen Infektionen müssten beide Partner behandelt werden. Es gebe Belege, dass die Behandlung sexuell übertragbarer Infektionen die Samenparameter verbessere; „although antibiotics can improve sperm quality and reduce DNA fragmentation values, there is no evidence that they increase the probability of natural conception“. Die Übersicht stützt sich auf PubMed und auf europäische und amerikanische Leitlinien; Studienzahlen und Effektgrößen nennt der Abstract nicht [s18].
Mantovani und Mitarbeiter 1993 [s257]: [Seminal changes of inflammatory origin] (Samenveränderungen entzündlichen Ursprungs), Archivio Italiano di Urologia, Andrologia (italienisch). Bakterien im Sperma seien häufig mit verminderter Fertilität verbunden (geringere Zahl und Beweglichkeit, mehr abnorme Formen); die Behandlung sei schwierig, besonders hinsichtlich der Wahl eines Antibiotikums, dessen Pharmakokinetik für Erreger wie für das Gewebe am Infektionsort passen müsse; Therapieversagen seien zu häufig. Die Arbeit ist alt und liefert keine Zahlen [s257].
2.6 Weitere russischsprachige Übersichten zur Infektion
Wedenjapin und Mitarbeiter 2024 [s65]: Влияние распространенных бактериальных инфекций на индекс фрагментации ДНК сперматозоидов. Обзор литературы (Der Einfluss häufiger bakterieller Infektionen auf den DNA-Fragmentierungsindex der Spermatozoen. Literaturübersicht), Andrologija i genitalnaja chirurgija. Chlamydia trachomatis, Ureaplasma spp. und Mycoplasma genitalium erhöhten den DNA-Fragmentierungsindex deutlich; die Behandlung der Infektionen führe zu niedrigerem Index, besserer Wirksamkeit der assistierten Reproduktion und häufigeren Schwangerschaften. Zweitangaben aus dem Text: Moazenchi und Mitarbeiter, nach Antibiotikatherapie erfolgreiche Zyklen der assistierten Reproduktion bei 42 Prozent (21 von 50), kein Unterschied zwischen symptomatischen und asymptomatischen Patienten; Rybar und Mitarbeiter, 47 Patienten, davon 23 (55,3 Prozent) mit Ansprechen auf die Therapie, bei beiden Gruppen jedoch keine signifikante Verbesserung der Spermiogramm-Parameter; Jasinezki und Mitarbeiter, klinische und mikrobiologische Heilung 82,6 und 73,9 Prozent unter Azithromycin, 96,1 und 97,1 Prozent unter Josamycin, 92,3 und 84,5 Prozent unter Moxifloxacin, mit Annäherung des Fragmentierungsindex an Normalwerte sechs Monate nach Eradikation; außerdem die Studie von Gallegos und Mitarbeiter (siehe Teil „Studienlage: Beobachtungsstudien“). Die Übersicht rät, den Index erst 4 bis 6 Monate nach der Behandlung zu bewerten. Die Zahlen von Moazenchi, Rybar und Jasinezki sind hier nicht an den Originalen geprüft [s65].
Ibragimow und Mitarbeiter 2025 [s47]: Роль инфекции добавочных половых желез и лейкоспермии в андрологической практике (Die Rolle der Infektion der akzessorischen Geschlechtsdrüsen und der Leukospermie in der andrologischen Praxis), Experimentalnaja i klinitscheskaja urologija. Übersicht aus 38 Publikationen (PubMed, eLibrary.ru, CyberLeninka); Leukospermie komme bei 10 bis 20 Prozent infertiler Männer vor; erhöhte Leukozytenzahl gelte als Marker einer Entzündung der akzessorischen Drüsen, deren Radikalbildung oxidativen Stress fördere. Unklar sei, ob Leukospermie und Infektionen der akzessorischen Drüsen die Ergebnisse der assistierten Reproduktion beeinflussten. Eigene Daten zu Antibiotika enthält der Abstract nicht [s47].
3. Leitlinien als Evidenzzusammenfassungen
Leitlinien sind keine Metaanalysen, fassen aber die Evidenz zusammen und gewichten sie; deshalb stehen sie hier. Die wiedergegebenen Aussagen beschreiben den Leitlinieninhalt und sind keine Empfehlung dieses Textes.
EAU, Kapitel Male Infertility (Webfassung, abgerufen am 5. Oktober 2026) [s07]. Zusammenfassung der Evidenz zu Infektionen der Adnexdrüsen: Sie seien nicht eindeutig mit beeinträchtigter natürlicher Konzeption verbunden (Evidenzgrad 3). Antibiotische Behandlung beseitige oft nur die Erreger, ohne Wirkung auf entzündliche Veränderungen und ohne Umkehr funktioneller oder anatomischer Defizite (Evidenzgrad 2a). Antibiotika könnten die Spermienqualität verbessern, die Behandlung erhöhe aber nicht die Wahrscheinlichkeit der Konzeption (2a). Die Daten reichten nicht, um zu beurteilen, ob Antibiotika und Antioxidantien bei Leukozytospermie die Fertilität verbessern (3). Leukozytospermie (mehr als 10⁶ Leukozyten/ml) sei „nicht notwendigerweise“ mit bakteriellen oder viralen Infektionen verbunden und kein verlässlicher Indikator; es gebe keinen Beleg, dass die Behandlung der Leukozytospermie allein, ohne Erreger, die Konzeptionsrate verbessere. Asymptomatische Chlamydien und Mycoplasma hominis im Sperma könnten mit eingeschränkter Spermienqualität einhergehen, die sich nach antibiotischer Behandlung erhole; weitere Forschung sei nötig. Nur die antibiotische Therapie der chronisch bakteriellen Prostatitis (NIH-Kategorie II) habe Symptome, Erregerbeseitigung und Entzündungsmarker verbessert. Die Empfehlung (Stärke „schwach“) lautet, Adnexdrüseninfektionen zu behandeln, da dies die Spermienqualität verbessern könne, die Konzeptionswahrscheinlichkeit aber nicht notwendigerweise. Zu Ketoconazol, Nitrofurantoin oder Sulfasalazin enthält der abgerufene Text keine Aussage; gonadotoxische Medikamente (anabole Mittel, Chemotherapeutika) werden bei der Anamnese genannt. Die beiden in Abschnitt 1.2 beschriebenen Metaanalysen stehen im selben Kapitel [s07].
AUA/ASRM, Leitlinie und Aktualisierung 2024 [s105, s51]. Schlegel und Mitarbeiter 2021 (Diagnosis and Treatment of Infertility in Men: AUA/ASRM Guideline Part I, [s105]): Literatursuche in PubMed, Embase und Medline von Januar 2000 bis Mai 2019; Evidenzstärke A (hoch), B (mäßig) oder C (niedrig) für starke, mäßige oder bedingte Empfehlungen, sonst „Clinical Principles“ und „Expert Opinions“. Der von der Recherche durchsuchte Volltext enthält keine Aussagen zu Sulfasalazin, Nitrofurantoin, Ketoconazol, Tetrazyklinen, Metronidazol, Antimykotika oder Antimalariamitteln. Er verlangt, bei vermehrten Rundzellen (über 1 Million/ml) Leukozyten (Pyospermie) von Keimzellen zu unterscheiden und bei Pyospermie auf Infektion zu untersuchen (Clinical Principle). Chronische bakterielle Prostatitis könne lange Antibiotikakuren erfordern, einige Fälle erhöhter Leukozyten beruhten auf nichtbakterieller chronischer Prostatitis, Entzündung könne mit Entzündungshemmern behandelt werden. Die Aktualisierung 2024 (Brannigan und Mitarbeiter, Updates to Male Infertility: AUA/ASRM Guideline (2024), [s51]) stützt sich auf 4093 neue Abstracts, von denen 125 die Einschlusskriterien erfüllten und 22 Studien in den Evidenzkörper eingingen; sie betrifft laut Abstract Schwellen für Y-Chromosom-Mikrodeletionstests, die Magnetresonanztomografie des Beckens und die Verwendung testikulärer Spermien bei nichtazoospermen Männern, nicht Antiinfektiva [s105, s51].
WHO-Leitlinie 2025 und ihre Besprechungen [s01, s10]. Achermann und Mitarbeiter 2026 (Male Infertility in the 2025 WHO Infertility Guideline: A Comparative Analysis With AUA/ASRM, EAU, ESHRE, and NICE Recommendations, [s01]) vergleichen die männlichen Anteile der WHO-Leitlinie mit denen der AUA/ASRM, EAU, ESHRE und NICE: Die WHO-Leitlinie nehme eine Public-Health-Perspektive ein, betone Prävention, standardisierte diagnostische Algorithmen und die zentrale Rolle der Samenanalyse und sei bei der Behandlung selektiver, mit neutraler Haltung zu Antioxidantien und konkreter Empfehlung zur Varikozele. Esteves 2026 (The WHO 2025 Guideline for the Prevention, Diagnosis and Treatment of Infertility: A Comprehensive Review with Focus on Male Reproductive Health, [s10]) nennt unter den männlich ausgerichteten Empfehlungen und Good-Practice-Statements Lebensstil, sexuell übertragbare Infektionen, Samenanalyse, ungeklärte Infertilität, Antioxidantien und Varikozelenreparatur. Beide Abstracts nennen keine Aussagen zu Antibiotika, Antimykotika oder Antimalariamitteln; die Texte wurden nicht im Volltext gelesen [s01, s10].
Australische Leitlinie 2025 [s34]. Katz und Mitarbeiter, The first Australian evidence-based guidelines on male infertility, Medical Journal of Australia. Der Abstract nennt Anamnese, Untersuchung, Samenanalyse, Hormonuntersuchung, Spermien-DNA-Tests, genetische Tests, Bildgebung, Varikozelenbehandlung und weitere Themen, aber keine Antiinfektiva [s34].
Britische Leitlinie zur Epididymoorchitis 2020 [s100]. Chirwa und Mitarbeiter, United Kingdom British association for sexual health and HIV national guideline for the management of epididymo-orchitis, 2020, International Journal of STD & AIDS. Empirische Behandlung solle bei objektiver Schwellung und Druckschmerz des Hodens begonnen werden; als Erstbehandlung bei sexuell erworbener Form nennt die Leitlinie Ceftriaxon 1 g intramuskulär mit Doxycyclin, bei vermutlich nichtgonokokkenbedingter Form Ofloxacin oder Doxycyclin, bei nachgewiesenem Mycoplasma genitalium einen geeigneten Wirkstoff (zum Beispiel Moxifloxacin), bei wahrscheinlich enterischen Erregern Ofloxacin und Levofloxacin. Die Spermienqualität wird im Abstract nicht behandelt; dies ist eine Beschreibung des Leitlinieninhalts [s100].
4. Einordnung der Übersichtsliteratur
Übereinstimmungen. Die Übersichten stimmen darin überein, dass (a) Infektionen und Entzündungen des männlichen Genitaltrakts mit schlechteren Samenparametern und erhöhter DNA-Fragmentierung verbunden sein können [s82, s54, s18, s143, s160, s208], (b) Antibiotika bei nachgewiesener Infektion Samenparameter verbessern können, (c) aber kein Beleg vorliegt, dass sie die Wahrscheinlichkeit natürlicher Konzeption erhöhen [s07, s18, s81, s124], (d) für die Behandlung der Leukozytospermie ohne Erregernachweis keine gesicherte Strategie besteht [s54, s157, s07] und (e) beim Menschen Humandaten zu Schäden durch Antibiotika, Antimykotika und Antimalariamittel selbst dünn sind [s150, s119, s14]. Sulfasalazin ist die Ausnahme: Es wird in allen einschlägigen Übersichten und Metaanalysen als Ursache einer reversiblen Beeinträchtigung genannt [s123, s162, s112, s127, s111, s19, s154, s14].
Widersprüche und Unschärfen. Die Leitlinienübersicht von Brunner stellt fest, dass sich Leitlinien zur Leukozytospermie widersprechen [s124]. Die systematische Übersicht aus Korea hält fest, Antibiotika könnten Spermienparameter bis hin zur Schwangerschaftsrate verbessern, die Daten reichten aber nicht für eine Entscheidung [s157]; die EAU-Leitlinie bewertet dieselbe Lage mit Evidenzgrad 2a und 3 und einer schwachen Empfehlung [s07]. Zu Doxycyclin stehen eine Übersicht mit „positivem Einfluss“ [s171] und die Beobachtungsserie mit „anhaltender Störung“ [s229] einander gegenüber; beide sind methodisch schwach, und der Konflikt ist nicht aufzulösen. Zu Antimalariamitteln behauptet eine Scoping-Übersicht, sie verursachten männliche Infertilität [s05], während eine systematische Übersicht zu Antirheumatika für Hydroxychloroquin keinen sicheren Hinweis auf Schaden findet [s127]; die dänische Registerstudie zu väterlicher Einnahme (siehe Teil „Studienlage: Beobachtungsstudien“) betrifft Geburtsausgänge, nicht Spermien [s116].
Qualität. Die einzige Übersicht mit expliziter Bewertung der Evidenzsicherheit (Umbrella-Review) stuft 136 von 249 Effektgrößen als „sehr niedrig“ und 59 als „niedrig“ ein [s19]. Die Cochrane-Übersicht weist für ihre Hauptvergleiche Evidenz mäßiger bis sehr niedriger Qualität aus [s128]. Mehrere der Übersichten sind narrativ und stützen sich auf Zweitangaben. Dass fast alle Übersichten Tier- und Humandaten vermischen oder Antiinfektiva nur als Nebenthema behandeln, ist für das Gesamtbild wichtiger als ein einzelner Befund: Eine speziell auf Antiinfektiva und Samenparameter beim Menschen ausgerichtete systematische Übersicht mit Metaanalyse fehlt in den abgerufenen Quellen.
Offene Punkte und Grenzen. Die Metaanalysen aus der EAU-Leitlinie wurden im Original nicht eingesehen [s07]. Die russischsprachigen Übersichten geben überwiegend Zweitangaben wieder [s119, s171, s65]. Die Befunde zu Nitrofurantoin, Metronidazol und Tetrazyklinen stützen sich in den Übersichten auf wenige Sätze; sie sind im Teil zu den Beobachtungsstudien weiter belegt (Lisakowskaja, Junda und Kuschniruk, Gopalkrishnan, Lindhof, Okonofua, Shen). Arabischsprachige, koreanischsprachige und viele nationale Datenbanken waren mit den eingesetzten Schnittstellen nicht erreichbar; dort indizierte Übersichten fehlen möglicherweise.