Antibiotika, Antimykotika und weitere Antiinfektiva · Kapitel 6 von 22 · Studienlage: Beobachtungsstudien

Umfang und Ordnung und 5. Expositionsstudien: Antibiotika und andere Arzneimittel als mögliche Ursache

Umfang und Ordnung

Als Beobachtungsstudien gelten hier alle Arbeiten am Menschen, bei denen die Untersucher die Exposition oder Behandlung nicht zugeteilt haben: Querschnittsstudien, Fall-Kontroll-Studien, Kohorten, Registerstudien, Fallserien, retrospektive Auswertungen und Vorher-Nachher-Beobachtungen. Randomisierte Studien, pharmakokinetische Messungen sowie Tierversuche und In-vitro-Versuche gehören in andere Kapitel der Gesamtstudie; einzelne randomisierte Studien werden nur zum Vergleich erwähnt. Die Studien sind in drei Gruppen geordnet: (1) Expositionsstudien, die ein Arzneimittel oder seine Spuren mit Spermienparametern, Hormonen oder Geburtsausgängen verbinden; (2) Studien zu Infektion, Bakteriospermie und Leukozytospermie, die überwiegend Erreger, Resistenz und Samenparameter betreffen, aber keine Behandlung prüfen; (3) Beobachtungsstudien mit Behandlungsbezug, in denen Männer ein Antibiotikum erhielten und die Samenwerte vorher und nachher verglichen wurden. Jede Studie wird einzeln dargestellt; Zahlen stehen nur, wenn die Quelle sie nennt.

Ein Grundproblem ist allen drei Gruppen gemeinsam. In Studien der dritten Gruppe lässt sich der Effekt des Antibiotikums nicht vom Effekt der Erkrankung, von der Regression zur Mitte (extrem schlechte Ausgangswerte werden bei Wiederholung im Mittel besser) und vom natürlichen Verlauf trennen; Kontrollgruppen fehlen oder werden nach Behandlungserfolg gebildet. In den Studien der ersten Gruppe lassen sich Arzneimittel und Grunderkrankung nicht trennen, und die Exposition ist meist nur grob erfasst. Zahlen zu Konfidenzintervallen fehlen in den meisten Abstracts; wo das der Fall ist, steht es dort.

5. Expositionsstudien: Antibiotika und andere Arzneimittel als mögliche Ursache

5.1 Antibiotika im Urin und Spermienparameter, Hefei, China (Shen 2025) [s43]

Titel: Associations between urinary antibiotics exposure and semen parameters among adult men: A biomonitoring-based cross-sectional study. Environmental Pollution.

Design und Population. Querschnittsstudie mit Biomonitoring bei 986 Männern im fortpflanzungsfähigen Alter in Hefei. Gemessen wurden 42 Antibiotika (einschließlich zweier Metaboliten) im Urin und vier Samenparameter. Methodik. Verallgemeinerte lineare Modelle mit Adjustierung für Störgrößen, Schichtung nach Alter und Body-Mass-Index, Mischungseffekte mit der quantilbasierten g-Computation (QGComp). Ergebnisse. Ausgewählte Antibiotika waren in 98,9 Prozent der Urinproben nachweisbar, am häufigsten Doxycyclin (80,1 Prozent), Erythromycin (74,5 Prozent), Ciprofloxacin (67,1 Prozent) und Florfenicol (65,6 Prozent). Erythromycin und Doxycyclin im Urin waren nach Adjustierung umgekehrt mit Spermienkonzentration, Gesamtbeweglichkeit und progressiver Beweglichkeit assoziiert; die Assoziation mit der Konzentration schien bei jüngeren Männern stärker. Das Antibiotikagemisch war nach QGComp negativ mit denselben drei Parametern verbunden. Effektschätzer, Konfidenzintervalle und p-Werte nennt der Abstract nicht. Die Autoren sprechen von epidemiologischer Evidenz und fordern besser geplante Studien.

Stärken. Große Stichprobe für ein Biomonitoring, Messung vieler Substanzen, Mischungsanalyse, Schichtung. Schwächen. Querschnitt ohne zeitliche Abfolge; eine einzelne Urinprobe bildet die Exposition über den gesamten Zeitraum der Spermienbildung vermutlich schlecht ab (methodische Überlegung, kein Befund der Studie); die gemessenen Substanzen können aus ärztlicher Verordnung, aus Lebensmittelrückständen (Florfenicol ist ein Tierarzneimittel) oder aus der Umwelt stammen, der Abstract trennt das nicht; eine Verzerrung durch den Behandlungsanlass, also die Infektion selbst, ist denkbar. Die Studie belegt keine Kausalität. Einordnung. Es ist die einzige größere Humanstudie der Recherche, die Doxycyclin (Tetrazyklin-Gruppe) im Körper mit Spermienparametern verbindet; die tierexperimentelle Arbeit derselben Fragestellung zu frühem Doxycyclin bei Mäusen nimmt ausdrücklich auf Biomonitoring-Befunde Bezug, ist aber nicht Gegenstand dieses Kapitels [s43].

5.2 Antibiotika im Urin und Infertilität, Südnigeria (Okonofua 2025) [s41]

Titel: Association Between Antibiotic Exposure and the Risk of Male Infertility: A Case-Control Study. Journal of Xenobiotics.

Design und Population. Prospektive Fall-Kontroll-Studie mit 136 infertilen und 154 fertilen Männern aus fünf Krankenhäusern in Südnigeria; Hintergrund ist der in Nigeria verbreitete unregelmäßige Antibiotikagebrauch. Methodik. Samenanalysen; Antibiotika im Urin per Flüssigchromatographie mit Massenspektrometrie; Regressionsanalyse. Ergebnisse. Drei Antibiotika zeigten eine unabhängige Assoziation mit der Spermienqualität: Ampicillin im Urin war bei den infertilen Männern (Fällen) mit einem Abfall der Spermienzahl um „mehr als 3 ml“ verbunden (so die Angabe des Abstracts; die Einheit passt nicht zu einer Zahl, sie ist als Abstract-Angabe zu lesen), ohne signifikante Wirkung in der Kontrollgruppe; Chloramphenicol war bei infertilen Männern mit Beweglichkeit und Morphologie assoziiert; für Tetracyclin fand sich dagegen eine unabhängige Assoziation mit erhöhter Beweglichkeit bei infertilen Männern, aber keine bei fertilen. Die Autoren schließen, Antibiotika im Urin könnten mit unterschiedlichen Spermienmerkmalen verbunden sein.

Stärken. Objektive Messung im Urin statt Selbstauskunft; Vergleich mit fertilen Kontrollen; fünf Zentren. Schwächen. Der Abstract nennt weder Effektgrößen noch Konfidenzintervalle noch die Indikation der Antibiotika; die Messung im Urin erfasst nur die jüngste Einnahme; die Richtung kann umgekehrt sein (infertile Männer mit Genitalinfektion werden häufiger behandelt). Einordnung. Die beiden Urinstudien widersprechen sich beim Tetracyclin: In Nigeria geht es bei infertilen Männern mit höherer Beweglichkeit einher, in China ist Doxycyclin mit niedrigerer Beweglichkeit und Konzentration verbunden [s41, s43]. Unterschiede der Wirkstoffe (Tetracyclin gegenüber Doxycyclin), der Populationen, der Messverfahren und der Auswertung machen einen direkten Vergleich unmöglich; ein Widerspruch im strengen Sinn ist es erst, wenn beide Studien dieselbe Frage mit vergleichbarer Methodik beantworten würden.

5.3 Medikation und Samenqualität in einer Kinderwunschklinik (Horst 2025) [s31]

Titel: Medication, age and abstinence days associated with low semen quality: A cross-sectional study in more than 7000 men visiting the centre for reproductive medicine. PLoS One.

Retrospektive explorative Querschnittsstudie in einem Kinderwunschzentrum (Land im Abstract nicht genannt) an Männern über 18 Jahre mit dokumentierter Samenanalyse. Ausgeschlossen wurden unvollständige Analysen, Azoospermie, Samenanalyse nach Vasektomie und Abstinenzzeiten unter 2 oder über 7 Tagen. Verglichen wurden 722 Männer mit Medikation und 6716 ohne Medikation; Endpunkt war eine zusammengesetzte „niedrige Samenqualität“ nach WHO. Auf der Ebene einzelner Substanzen (ATC-7) fanden sich einfache, grenzwertig signifikante Assoziationen (Schwelle p < 0,100) für Metformin, Metoprolol und Lisinopril, die nach Adjustierung für Alter und Abstinenz bestehen blieben. Antibiotika oder Antimykotika werden im Abstract nicht als auffällig genannt. Schwächen, vom Autorenteam selbst genannt: Medikation selbstberichtet, Samengewinnung durch die Patienten, Beginn der Medikation relativ zum Auftreten niedriger Samenqualität nicht bestimmbar, Medikation und Grunderkrankung nicht trennbar; die Studie sei hypothesenerzeugend. Der großzügige Schwellenwert von p < 0,100 und die Vielzahl geprüfter Substanzen erhöhen das Risiko zufälliger Befunde. Einordnung. Für Antiinfektiva ist es ein Nullbefund ohne Aussagekraft: Der Abstract sagt nicht, ob Antibiotika in der Medikationsgruppe vorkamen und mit welcher Häufigkeit [s31].

5.4 Väterliche Medikamente vor der Konzeption, USA (McEwen 2024) [s61]

Titel: Patterns of paternal medication dispensation around the time of conception. Paediatric and Perinatal Epidemiology.

Registerstudie auf Basis der privaten Versicherungsdatenbank MarketScan (2011 bis 2020). Aus 4.437.550 Schwangerschaften ließen sich 51,6 Prozent einem Vater zuordnen; 1.413.762 erfüllten die Einschlusskriterien (Mindestdauer der Versicherung und Arzneimittelleistung). Beschrieben wurde die Abgabe verordneter Arzneimittel an den Vater in den 90 Tagen vor der geschätzten Konzeption. Die häufigsten Klassen waren Psychopharmaka (8,66 Prozent), Antibiotika (7,21 Prozent) und Analgetika (6,82 Prozent); die häufigsten Einzelstoffe Amoxicillin (3,75 Prozent), Azithromycin (3,15 Prozent), Fluticason (2,70 Prozent) und Acetaminophen/Hydrocodon (2,70 Prozent). Mehr als ein Drittel der Väter löste mindestens ein Rezept ein. Einordnung. Die Studie ist rein beschreibend: Sie zeigt, wie häufig Männer in der Phase der Spermatogenese Antibiotika einnehmen, untersucht aber keine Wirkung auf Spermien oder Schwangerschaft. Sie erfasst nur Privatversicherte und nur eingelöste Rezepte, nicht die tatsächliche Einnahme. Der Wert für die Gesamtstudie liegt im Ausmaß der Exposition: 7,21 Prozent der Väter erhielten in dem Zeitraum ein Antibiotikum [s61].

5.5 Väterliche Einnahme vor der Konzeption, Dänemark (Rizzi 2020) [s116]

Titel: Risk of pre-term births and major birth defects resulting from paternal intake of COVID-19 medications prior to conception. BMC Research Notes.

Landesweite Registerkohorte aus Dänemark. Als exponiert galten Nachkommen von Vätern mit mindestens einem Rezept über Chloroquin, Hydroxychloroquin, Losartan, Azithromycin, Naproxen, Dexamethason oder Prednison in den drei Monaten vor der Konzeption. Endpunkte waren Frühgeburt und schwere Fehlbildungen. Für Azithromycin und Naproxen waren mehr als 1800 Nachkommen exponiert; es fand sich keine Assoziation mit ungünstigen Geburtsausgängen. Für Chloroquin, Losartan und Dexamethason lag die Exposition bei etwa 900 Nachkommen, ohne statistisch signifikante Assoziation mit Fehlbildungen; für Hydroxychloroquin und Prednison unter 300 Nachkommen. Die Autoren schließen, Azithromycin und Naproxen seien im Hinblick auf Frühgeburt und Fehlbildungen sicher; für die übrigen Mittel seien größere Fallzahlen nötig. Der Abstract nennt keine Effektschätzer. Einordnung. Die Studie betrifft Geburtsausgänge und nicht Spermienqualität; sie ist hier aufgenommen, weil sie die einzige Registerauswertung zu Azithromycin und den Malariamitteln Chloroquin und Hydroxychloroquin bei väterlicher Exposition ist. Die Zahlen für Hydroxychloroquin sind zu klein für eine Aussage; die Formulierung „sicher“ geht über das hinaus, was ein Fehlen signifikanter Assoziationen bei geringen Fallzahlen belegt [s116].

5.6 COVID-19-Behandlung mit Favipiravir und Hydroxychloroquin (Gul 2021) [s102]

Titel: Do SARS-CoV-2 Infection (COVID-19) and the Medications Administered for Its Treatment Impair Testicular Functions? Urologia Internationalis (Bursa, Türkei).

Querschnittsanalyse an 49 genesenen COVID-19-Patienten, die vor der Pandemie ein Spermiogramm hatten; 29 geeignete Männer ohne andrologische Probleme wurden mindestens 3 Monate nach der Genesung erneut untersucht (Zeit zwischen Genesung und Samenabgabe 4,52 ± 1,36 Monate, Spanne 3 bis 8; Alter 31,21 ± 5,48 Jahre, Spanne 18 bis 41). 17 Männer erhielten Favipiravir zusammen mit Hydroxychloroquin, 12 Favipiravir ohne Hydroxychloroquin. Vor und nach der Erkrankung waren FSH, LH, Gesamttestosteron, Prolaktin und alle Samenparameter vergleichbar. Die Autoren sehen keine Langzeitwirkung von COVID-19 und der Behandlung auf Spermatogenese und Androgene. Stärken. Gepaarter Vorher-Nachher-Vergleich mit Werten aus der Zeit vor der Erkrankung. Schwächen. 29 Männer, keine Gruppe mit alleinigem Hydroxychloroquin, Teilgruppen im Abstract nicht getrennt ausgewertet, keine Zahlen und Konfidenzintervalle, Auswahl über vorhandene Voruntersuchungen; Infektion und Behandlung nicht trennbar. Es ist der einzige Humanbeleg zu einem Malariamittel (Hydroxychloroquin) mit Samenparametern in den abgerufenen Quellen [s102].

5.7 Sulfasalazin und Spermienkopfgröße (Hudson 1982) [s280]

Titel: Sperm size in patients with inflammatory bowel disease on sulfasalazine therapy. Fertility and Sterility.

Fall-Kontroll-Beobachtung an acht Männern mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung unter Sulfasalazin, bei denen die Spermienkopfgröße mit Bildanalyse gemessen und mit nichtkolitischen Männern mit normalen Samenwerten und nichtkolitischen oligospermen Männern verglichen wurde. Die Patienten unter Sulfasalazin hatten ein signifikant größeres 99. Perzentil der Spermienkopfgröße als die oligospermen Männer. Nach Absetzen stieg die Größe zunächst weiter und sank dann, ohne den Wert der normozoospermen Männer in der Beobachtungszeit zu erreichen. Die Autoren diskutieren Mechanismen und den Zusammenhang mit der reversiblen Infertilität unter Sulfasalazin. Schwächen: acht Männer, Land und Dosis im Abstract nicht genannt, keine p-Werte im Abstract. Einordnung: frühe Humanbeobachtung zu einem Sulfonamid, das in den Metaanalysen später als reversible Ursache bestätigt wurde [s280, s123].

5.8 Griseofulvin und Spermienchromosomen (Ko 2007) [s214]

Titel: Analysis of sperm karyotypes in a patient treated with griseofulvin. Archives of Andrology.

Fallstudie an einem Mann unter chronischer Griseofulvin-Behandlung (Antimykotikum). Griseofulvin bindet an mikrotubuliassoziierte Proteine und kann in Mauskeimzellen bei therapeutischen Konzentrationen Aneuploidie auslösen. Analysiert wurden 290 vollständige Spermienkaryotypen mit dem System Humanspermium-Hamstereizelle-Fusion. Das Verhältnis X- zu Y-tragenden Spermien war gleich; numerische Anomalien lagen bei 1,7 Prozent, strukturelle bei 9,3 Prozent, ohne Zunahme gegenüber nicht exponierten Kontrollen. Die Autoren nennen dies beruhigend, aber den ersten Bericht zu dem Thema. Schwächen: ein einziger Mann, Vergleich mit Kontrollwerten aus anderen Quellen. Es ist die einzige Humanstudie der Recherche zu einem Antimykotikum und Spermien-Chromosomen; verallgemeinerbar ist sie nicht [s214].

5.9 Beobachtungsserie zu 20 Antibiotika, Wladiwostok (Lisakowskaja 2003) [s229]

Titel: Влияние антибактериальных препаратов на качество эякулята мужчин репродуктивного возраста (Der Einfluss antibakterieller Präparate auf die Ejakulatqualität von Männern im reproduktiven Alter). Tichookeanskij medizinskij schurnal (Volltext gelesen).

Design und Population. Beobachtungsstudie an 243 Männern von 18 bis 39 Jahren, die wegen nicht schwerer Erkrankungen (unter anderem Pharyngitis, Otitis, Bronchitis, Pyelonephritis, subklinische intrazelluläre Infektionen des Harn- und Genitaltrakts, perioperative Gabe) eine Monotherapie mit einem von 20 Antibiotika für 10 bis 30 Tage in mittleren Dosen erhielten. Ejakulat und Serumtestosteron wurden dreimal bestimmt: vor der Gabe, 3 Tage nach dem Absetzen und 3 Monate nach Therapieende („unter Berücksichtigung des Spermatogenesezyklus“). Ergebnisse. Die Wirkstoffe fielen in drei Gruppen: (1) Keine Störung von Samenproduktion, Ejakulatqualität und Testosteron: nur Amoxicillin und Azithromycin. (2) Kurzzeitige Störung: Amikacin, Ampicillin, Cefazolin, Cefuroxim, Ciprofloxacin und Roxithromycin führten zum Kurende zu signifikant mehr pathologischen Spermienformen und geringerer Gesamtzahl und geringerem Anteil beweglicher Spermien; Furazidin und Nitroxolin senkten zusätzlich das Testosteron; nach drei Monaten waren die Werte wieder auf dem Ausgangsniveau. (3) Anhaltende Störung, am Kurende und nach drei Monaten nachweisbar: Metronidazol, Gentamicin, Doxycyclin, Lincomycin, Nitrofurantoin, Pefloxacin, Pipemidsäure, Rifampicin, Cefotaxim und Ceftriaxon; Doxycyclin, Lincomycin, Nitrofurantoin, Rifampicin und Ceftriaxon senkten zusätzlich die Testosteronkonzentration. Der Autor leitet daraus eine Kritik an der Praxis ab, Antibiotika bei jedem Entzündungsprozess oder „zur Vorbeugung“ zu geben.

Stärken. Eine der wenigen Humanstudien, die viele Wirkstoffe mit demselben Protokoll untersucht, mit Nachbeobachtung nach drei Monaten und Hormonbestimmung. Sie ist die einzige Quelle der Recherche mit Humandaten zu Metronidazol, Nitrofurantoin und Doxycyclin als Arzneimittel bei Männern ohne Genitalinfektion als Hauptgrund der Behandlung. Schwächen. Vom Autor selbst genannt: Der Ausgangswert wurde nur einmal und ohne Abstinenzzeit erhoben; neben den systemischen Mitteln wurden teils lokal Arzneimittel angewendet, eine Resorption sei nicht auszuschließen; schädliche Einflüsse (Alkohol, andere Arzneimittel, Berufsrisiken) zwischen zweitem und drittem Messpunkt seien nicht auszuschließen. Aus dem Text folgen weitere Grenzen: keine Kontrollgruppe ohne Antibiotikum, keine p-Werte, keine Zahl der Männer je Wirkstoff, die zugrunde liegende Erkrankung als Störfaktor. Einordnung. Dies ist der Befund mit der größten Tragweite für die drei Einzelwirkstoffe der Gesamtstudie, und zugleich einer der am schwächsten abgesicherten. Er steht im Widerspruch zu Studien, die unter Doxycyclin bei infizierten Männern bessere Werte sahen [s38, s117]; unterschiedliche Populationen (gesund gegenüber infiziert) und fehlende Kontrollgruppe verbieten eine Gewichtung zugunsten der einen oder anderen Seite [s229].

5.10 Nitrofurane, Neomycin, Streptomycin und Tetracyclin bei chronisch entzündlichen Urogenitalerkrankungen (Junda und Kuschniruk 1975) [s286]

Titel: [Functional state of the testis after the use of certain antibiotics and nitrofuran preparations] (Funktionszustand des Hodens nach Anwendung einiger Antibiotika und Nitrofuranpräparate; russisch, englische Titelübersetzung in PubMed). Antibiotiki.

Beobachtung an 50 Patienten mit chronischen entzündlichen Erkrankungen des Urogenitalsystems, behandelt mit Neomycin, Streptomycin, Tetracyclin, Furadonin (Nitrofurantoin) und Furagin. Nach dem Abstract hatten Nitrofurane und Neomycin einen negativen Effekt auf die Hodenfunktion: Spermienzahl pro ml und im gesamten Ejakulat sowie Beweglichkeit sanken. Tetracyclin hatte keinen signifikanten Effekt auf die Spermienzahl, unter Streptomycin zeigte sich eine Tendenz zur Zunahme. Die Befunde stimmten „in gewissem Maß“ mit tierexperimentellen Ergebnissen überein. Zahlen, p-Werte und Fallzahlen je Wirkstoff nennt der Abstract nicht. Einordnung. Es ist der älteste Beleg im Material und der einzige Humanbeleg speziell zu Nitrofuranen aus den abgerufenen Quellen; er liegt nur als Abstract vor, ohne Zahlen, und die Erkrankung ist wie in allen Behandlungsserien nicht von der Behandlung zu trennen. Er passt zur Beobachtungsserie von Lisakowskaja, die Nitrofurantoin und Furazidin ebenfalls mit einer Störung verband [s286, s229].

5.11 Antiretrovirale Mittel: Efavirenz und HIV

Frapsauce und Mitarbeiter 2015 [s165]: Impaired sperm motility in HIV-infected men: an unexpected adverse effect of efavirenz? Human Reproduction. Fall-Kontroll-Studie an 378 HIV-1-infizierten Männern aus serodiskordanten Paaren mit Kinderwunsch (Erstsamenanalyse 2001 bis 2007, Cochin-Universitätsklinik). Vier Gruppen nach Therapiestatus: nie behandelt (n = 66), nur nukleosidische Reverse-Transkriptase-Hemmer (NRTI, n = 49), NRTI plus Proteasehemmer (n = 144), NRTI plus nichtnukleosidischer Reverse-Transkriptase-Hemmer (n = 119). Standardsamenanalyse, computergestützte Bewegungsanalyse, bakteriologische und biochemische Marker, Plasmatestosteron; multivariate Auswertung. Die Spermienbeweglichkeit war der einzige Parameter, der je nach Therapie variierte: Der mediane Anteil schneller Spermien lag in der Gruppe mit Efavirenz-haltigem Regime bei 5 Prozent, in den anderen Gruppen bei 20 Prozent; Regime ohne Efavirenz waren nicht mit signifikanten Veränderungen verbunden. Schwächen: Das Design erlaubt keinen Kausalnachweis; die p-Werte sind im Abstract abgeschnitten; die Teilnehmer waren Paare mit Wunsch nach assistierter Fortpflanzung, nicht alle HIV-Infizierten. Einordnung: Antiretrovirale Mittel sind keine Antibiotika im engeren Sinn, bilden aber die am besten belegte Humanassoziation eines Antiinfektivums mit Spermienmotilität in den Beobachtungsstudien [s165].

Jerónimo und Mitarbeiter 2017 [s152]: Factors associated with seminal impairment in HIV-infected men under antiretroviral therapy. Human Reproduction. Prospektive Kohortenstudie an 139 HIV-infizierten Männern unter antiretroviraler Therapie, die zwischen März 2002 und Dezember 2013 in Madrid eine Beratung bei Kinderwunsch in einer Klinik für sexuell übertragbare Infektionen aufsuchten (männliche Partner serodiskordanter Paare). Erhoben wurden soziodemografische, Verhaltens- und klinische Daten, CD4-Zellzahl, Viruslast, Hepatitis- und Syphilisserologie sowie Samenparameter, verglichen mit WHO-Referenzwerten von 2010; bivariate und multivariate Analyse. Die Medianwerte aller Parameter lagen im Normbereich; bei bis zu 19 Prozent der HIV-positiven Männer lag mindestens ein Parameter unter der Norm. In der multivariaten Analyse war die Behandlung mit Efavirenz mit Dysmotilität verbunden. Einschränkungen (laut Autoren): kein Nachweis von Kausalität, keine echte Vergleichsgruppe (die WHO-Kohorte ist international und bildet lokale Besonderheiten möglicherweise nicht ab), Teilnehmer nicht repräsentativ für HIV-positive Männer allgemein. Einordnung: bestätigt die Assoziation von Efavirenz mit schlechter Beweglichkeit in einer zweiten, unabhängigen Kohorte [s152, s165].

Akang und Mitarbeiter 2022 [s84]: The impact of dolutegravir-based combination antiretroviral therapy on the spermatozoa and fertility parameters of men living with human immunodeficiency virus. Andrologia. 21 Männer mit HIV nahmen teil, nur 11 gaben vor und nach drei Monaten kombinierter antiretroviraler Therapie (Tenofovir, Lamivudin, Dolutegravir) Blut und Samen ab. Ausgewertet wurden Samen, Hormone, oxidative Stressmarker und DNA-Fragmentierung mit dem Wilcoxon-Test für gepaarte Stichproben. Die Viruslast sank signifikant (p < 0,01); progressive und Gesamtbeweglichkeit stiegen deutlich; Spermienzahl, Morphologie und Vitalität änderten sich nicht signifikant; Testosteron stieg von 2,48 auf 3,68 ng/ml (p < 0,05), LH sank von 9,6 auf 6,5 mIU/ml (p < 0,05); die DNA-Fragmentierung stieg signifikant (p < 0,01). Die Autoren schließen, HIV verringere Testosteron und beeinträchtige die Beweglichkeit, die Therapie senke die Viruslast und kehre diese Wirkungen um, scheine aber auf subzellulärer Ebene der Spermatogenese toxisch zu sein. Schwächen: 11 Männer mit vollständigen Daten, keine Kontrollgruppe, drei Monate Beobachtung, Land im Abstract nicht genannt; die Mehrfachtests bei kleiner Stichprobe machen Zufallsbefunde möglich; die gegenläufigen Befunde (bessere Beweglichkeit, mehr DNA-Fragmentierung) sind auf Grundlage des Abstracts nicht aufzulösen [s84].

5.12 Tuberkulosetherapie mit Pretomanid und Spermatogenese (klinische Beobachtungen)

Howell und Mitarbeiter 2026 [s12]: Preserved Spermatogenesis and Hormonal Function in Men Receiving a Pretomanid Regimen (BPaMZ) for Pulmonary Drug-Resistant Tuberculosis. Clinical Pharmacology and Therapeutics. Einarmige klinische Studie der Phase 2 an 26 erwachsenen Männern mit arzneimittelresistenter Tuberkulose (Südafrika und Georgien); 26 Wochen Behandlung mit Bedaquilin, Pretomanid, Moxifloxacin und Pyrazinamid, Nachbeobachtung bis Woche 78. Anlass waren Nagerbefunde, die den Hoden als Zielorgan zeigten. Primärer Endpunkt war die Änderung der Gesamtspermienzahl bis Woche 26: im Mittel von 48,8 auf 68,8 × 10⁶ pro Ejakulat. 15 Teilnehmer (68 Prozent) hatten höhere Gesamtzahlen, 17 (77 Prozent) höhere Konzentrationen, 13 (59 Prozent) eine Verbesserung um mindestens 50 Prozent bei beiden; bei zwei Teilnehmern fiel die Gesamtzahl um mehr als 50 Prozent (Konzentrationsabfall unter 50 Prozent; niedriges Volumen als Erklärung). Testosteron stieg bis Woche 44, Inhibin B bis Woche 78, FSH und LH blieben stabil; alle auswertbaren Teilnehmer erreichten bis Woche 12 eine Sputumkultur-Konversion; die Plasmakonzentration von Pretomanid korrelierte nicht mit der Änderung der Spermienzahl. Schwächen: keine Kontrollgruppe; Besserung gegenüber einem kranken Ausgangszustand (die Tuberkulose selbst kann die Samenqualität senken); 26 Männer [s12].

Boekelheide und Mitarbeiter 2022 [s87]: Male reproductive hormones in patients treated with pretomanid. International Journal of Tuberculosis and Lung Disease. Auswertung der Hormone FSH, LH, Inhibin B und Gesamttestosteron von über 800 Männern in vier klinischen Studien mit pretomanidhaltigen Regimen und dem Standardregime HRZE (Isoniazid, Rifampicin, Pyrazinamid, Ethambutol) mit beschreibender Zusammenfassung und Modellierung wiederholter Messungen. Die Hormonwerte verhielten sich in den Armen ähnlich; Testosteron und Inhibin B stiegen am Ende der Behandlung und in der Nachbeobachtung gegenüber dem Ausgangswert, FSH und LH waren variabel und lagen bei der Nachbeobachtung meist auf oder unter dem Ausgangswert; vor der Behandlung waren viele Patienten grenzwertig hypogonadal. Die Autoren schließen, pretomanidhaltige Behandlung sei nicht mit Hodentoxizität verbunden, sondern mit Besserung des zugrunde liegenden Hypogonadismus. Pretomanid ist ein Nitroimidazol, also ein Verwandter des Metronidazols, was bei der Einordnung für die Gesamtstudie von Interesse ist; die Arbeit betrifft aber Hormone, nicht Spermien [s87].

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Umfang, Ordnung und Lesehinweise bis 1. Systematische Übersichten und Metaanalysen
  5. 2. Narrative und nicht systematische Übersichten bis 4. Einordnung der Übersichtsliteratur
  6. Umfang und Ordnung und 5. Expositionsstudien: Antibiotika und andere Arzneimittel als mögliche Ursache
  7. 6. Infektion, Bakteriospermie und Leukozytospermie: Beobachtungsstudien ohne Behandlungsarm
  8. 7. Beobachtungsstudien mit Behandlungsbezug (nicht randomisiert) und 8. Einordnung der Beobachtungsstudien
  9. Wie dieses Kapitel gelesen werden soll bis Randomisierte und kontrollierte Studien am Menschen: Antibiotika bei Infektion und Leukozytospermie
  10. Kohorten, Vorher-Nachher-Studien und Fallserien mit Antibiotikabehandlung bis In-vitro-Studien an menschlichen Spermien und Messungen im Samenplasma
  11. Humanbefunde zu einzelnen Wirkstoffen und Wirkstoffgruppen und Tierversuche und Zellmodelle
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Chinesisch
  15. Japanisch bis Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  22. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s141
  25. Quellen s142–s286
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle