Antibiotika, Antimykotika und weitere Antiinfektiva · Kapitel 4 von 22 · Studienlage: Metaanalysen und Übersichten

Umfang, Ordnung und Lesehinweise bis 1. Systematische Übersichten und Metaanalysen

Umfang, Ordnung und Lesehinweise

Dieses Kapitel stellt jede in der Recherche gefundene Übersichtsarbeit, Metaanalyse und Leitlinien-Zusammenfassung einzeln vor, die für die Frage „Antibiotika, Antimykotika, Antimalariamittel und weitere Antiinfektiva und die Spermienqualität“ von Belang ist, und im zweiten Teil jede einschlägige Beobachtungsstudie am Menschen. Grundlage sind die Rechercheberichte der drei Sprachgruppen und die Quellenliste der Gesamtstudie. Die Zahlen stammen aus den Abstracts beziehungsweise, bei einigen Arbeiten, aus dem von der Recherche abgerufenen Volltext; bei den wichtigsten Übersichten und Beobachtungsstudien wurden sie zusätzlich über die Schnittstelle von Europe PMC mit dem Abstract abgeglichen. Volltexte wurden nur in Ausnahmefällen gelesen. Wo ein Abstract bei einem Kleiner-als-Zeichen abbricht, steht kein p-Wert. Konfidenzintervalle, Heterogenitätsmaße und Effektgrößen werden genannt, wenn der Abstract sie enthält; fehlen sie, steht das ausdrücklich da, damit niemand eine Genauigkeit unterstellt, die die Quelle nicht hergibt.

Titel nicht englischer und nicht deutscher Arbeiten stehen in der Originalfassung beziehungsweise in der in PubMed hinterlegten englischen Titelübersetzung (erkennbar an eckigen Klammern im Titel), gefolgt von einer deutschen Übersetzung in Klammern. Dieses Kapitel gibt keine Therapieempfehlung. Es berichtet, was die Quellen sagen, und benennt ihre Grenzen. Leitlinientexte werden wiedergegeben, nicht bewertet.

Eine Vorbemerkung ist für alles Folgende wichtig. Bei Antibiotika im engeren Sinn stehen zwei Fragen nebeneinander, die in der Literatur oft vermischt werden. Die erste lautet: Verbessert die Behandlung einer Infektion oder Entzündung der männlichen Geschlechtswege die Spermienqualität? Die zweite lautet: Schädigt das Arzneimittel selbst die Spermienbildung oder die Spermienfunktion? Die Autoren der ausführlichsten Übersicht aus dem russischsprachigen Raum und die des Kapitels von Drobnis und Nangia weisen ausdrücklich darauf hin, dass die behandelte Krankheit die Spermien oft selbst beeinträchtigt und dass sich ein Arzneimitteleffekt davon schwer trennen lässt [s119, s150].

Gesamtbild der Übersichtsliteratur in Kürze

Eine Metaanalyse, die Antibiotika, Antimykotika oder Antimalariamittel bei Männern mit Spermienparametern oder Schwangerschaft als Zielgröße untersucht, wurde in keinem der drei Recherchestränge gefunden; die Berichte der Sprachgruppen halten das jeweils ausdrücklich fest. Auch eine Cochrane-Übersicht zu dieser Frage fand sich nicht; die einzige Cochrane-Übersicht im Themenfeld betrifft die Wahl des Antibiotikums bei urogenitaler Chlamydieninfektion und misst mikrobiologisches und klinisches Versagen, keine Spermienparameter [s128]. Was an Metaanalysen vorliegt, betrifft entweder Medikamentengruppen, die nur zum Teil Antiinfektiva sind (Sulfasalazin bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Antirheumatika), oder Risikofaktoren allgemein [s123, s73, s127, s19], oder es handelt sich um Metaanalysen, die in einer Leitlinie zitiert, aber im Original nicht eingesehen wurden [s07]. Die übrigen Arbeiten sind systematische, aber nicht metaanalytische Übersichten, narrative Übersichten und Leitlinien.

Für die drei im Titel der Gesamtstudie genannten Einzelwirkstoffe ist die Übersichtsliteratur dünn. Zu Nitrofurantoin sprechen die Übersichten von „minimalen Humandaten“ [s150], zu Metronidazol und Tetrazyklinen gibt es in den abgerufenen Übersichten keine eigene systematische Auswertung; Tetrazykline erscheinen als „Einzelfallberichte und wenige Studien“ [s180] und als Mittel der ersten Wahl bei Ureaplasmeninfektion [s64]. Gut belegt ist in den Übersichten dagegen ein Stoff, der kein klassisches Antibiotikum ist: Sulfasalazin, ein Sulfonamid-Salicylat, das bei Darm- und Rheumaerkrankungen eingesetzt wird [s123, s112, s162, s111].

1. Systematische Übersichten und Metaanalysen

1.1 Cochrane-Übersicht zu Antibiotika bei urogenitaler Chlamydieninfektion (Páez-Canro 2019) [s128]

Titel: Antibiotics for treating urogenital Chlamydia trachomatis infection in men and non-pregnant women. Veröffentlicht in der Cochrane Database of Systematic Reviews.

Fragestellung und Methodik. Die Übersicht prüft Wirksamkeit und Sicherheit antibiotischer Behandlung der genitalen Infektion mit Chlamydia trachomatis bei Männern und nicht schwangeren Frauen. Der Informationsspezialist der Cochrane-Gruppe für sexuell übertragbare Infektionen durchsuchte CENTRAL, MEDLINE, Embase und LILACS sowie Studienregister von Beginn bis Juni 2018. Eingeschlossen wurden parallele randomisierte kontrollierte Studien bei Männern und sexuell aktiven, nicht schwangeren Frauen mit nachgewiesener Infektion (Zellkultur, Nukleinsäurenachweis oder Antigennachweis), die mit einem der in den Leitlinien bis 2013 empfohlenen Schemata behandelt worden waren. Vier Autoren sichteten die Evidenz und extrahierten die Daten unabhängig, das Verzerrungsrisiko wurde bewertet, zwei Autoren erstellten die Evidenztabellen. Zusammengefasst wurde mit einem Modell mit festem Effekt (Risikoverhältnis). Primäre Zielgrößen waren mikrobiologisches Versagen und unerwünschte Ereignisse; sekundär klinisches Versagen, Antibiotikaresistenz und Reinfektion.

Population. 14 Studien mit 2715 Teilnehmenden, davon 2147 Männer (79,08 Prozent) und 568 Frauen (20,92 Prozent). Die Studien wurden überwiegend in Kliniken für sexuell übertragbare Krankheiten durchgeführt, die Stichproben lagen zwischen 71 und 606 Teilnehmenden, die Nachbeobachtung betrug im Mittel 29,7 Tage.

Ergebnisse, Azithromycin (Einzeldosis) gegen Doxycyclin (ein- oder zweimal täglich über 7 Tage).

  • Männer, mikrobiologisches Versagen: höher unter Azithromycin, Risikoverhältnis 2,45 (95-%-Konfidenzintervall 1,36 bis 4,41), 821 Teilnehmer, 9 Studien, Evidenz mäßiger Qualität.
  • Männer, klinisches Versagen: unsicher, Risikoverhältnis 0,94 (0,43 bis 2,05), I² = 55 Prozent, 525 Teilnehmer, 3 Studien, Evidenz niedriger Qualität.
  • Männer, unerwünschte Ereignisse: möglicherweise kaum Unterschied, Risikoverhältnis 0,83 (0,67 bis 1,02), 1424 Teilnehmer, 6 Studien, niedrige Qualität.
  • Frauen, mikrobiologisches Versagen: unsicher, Risikoverhältnis 1,71 (0,48 bis 6,16), 338 Teilnehmerinnen, 5 Studien, sehr niedrige Qualität. Zu klinischem Versagen und unerwünschten Ereignissen bei Frauen gab es keine Studien.
  • Beide Geschlechter, unerwünschte Ereignisse: Azithromycin wahrscheinlich mit weniger unerwünschten Ereignissen, Risikoverhältnis 0,83 (0,71 bis 0,98), I² = 0 Prozent, 2261 Teilnehmende, 9 Studien, mäßige Qualität.

Ergebnisse, Doxycyclin gegen Ofloxacin. Mikrobiologisches Versagen bei Männern unsicher, Risikoverhältnis 8,53 (0,43 bis 167,38), 80 Teilnehmer, 2 Studien, sehr niedrige Qualität; klinisches Versagen bei Männern 0,85 (0,28 bis 2,62), 36 Teilnehmer, 1 Studie; bei Frauen 0,94 (0,39 bis 2,25), I² = 39 Prozent, 127 Teilnehmerinnen, 2 Studien; unerwünschte Ereignisse bei beiden Geschlechtern 1,02 (0,66 bis 1,55), 339 Teilnehmende, 3 Studien, alle mit sehr niedriger Evidenzqualität. Die häufigsten unerwünschten Ereignisse waren nicht schwer und betrafen den Magen-Darm-Trakt. Keine Studie erfasste Antibiotikaresistenz oder Reinfektion.

Schlussfolgerung der Autoren. Bei Männern sind Azithromycin-Schemata wahrscheinlich weniger wirksam als Doxycyclin, gemessen am mikrobiologischen Versagen; beim klinischen Versagen gibt es möglicherweise keinen oder nur einen geringen Unterschied. Die Autoren verlangen künftig Studien mit ausreichend vielen Frauen, geringem Verzerrungsrisiko und mit Therapietreue, Resistenz und Reinfektion als Zielgrößen sowie eine Netzwerk-Metaanalyse.

Stärken. Vollständige Cochrane-Methodik, zwei Datenbanken mit Studienregistern, GRADE-Bewertung, getrennte Berichterstattung nach Geschlecht. Schwächen und Einordnung für die Gesamtstudie. Die Übersicht misst keine Spermienparameter und keine Schwangerschaften; sie beantwortet die Frage nach der Erregerbeseitigung, nicht nach der Spermienqualität. Die Nachbeobachtung von im Mittel knapp 30 Tagen ist für die Dauer der Spermatogenese kurz. Der Heterogenitätswert von 55 Prozent beim klinischen Versagen zeigt, dass die drei zugrunde liegenden Studien uneinheitlich sind. Die Übersicht ist hier aufgenommen, weil sie die einzige Cochrane-Arbeit im Themenfeld ist und weil sie zeigt, wie unterschiedlich die Erregerbeseitigung je nach Wirkstoff ausfallen kann; das ist eine Voraussetzung dafür, dass eine Besserung der Spermienwerte überhaupt eintreten kann [s128].

1.2 Metaanalysen zu Ureaplasma und Mycoplasma hominis sowie zur Leukozytospermie, zitiert in der EAU-Leitlinie [s07]

Der abgerufene Webtext des Kapitels „Male Infertility“ der EAU-Leitlinien (Abschnitt 11.4.4) zitiert zwei Metaanalysen, ohne dass die Originale in der Recherche eingesehen wurden. Eine fasst Fall-Kontroll-Studien zur Leukozytospermie zusammen und kommt dem Webtext zufolge zu dem Ergebnis, dass Leukozytospermie ohne Symptome weder die Fertilität nach assistierter Reproduktion noch die Samenqualität mindert. Die zweite Metaanalyse berichtet für Ureaplasma urealyticum einen Zusammenhang mit männlicher Infertilität (Odds Ratio 3,03; 95-%-Konfidenzintervall 1,02 bis 8,99), für Mycoplasma hominis dagegen keinen statistisch signifikanten (Odds Ratio 2,8; 95-%-Konfidenzintervall 0,93 bis 3,64) [s07].

Einordnung. Das Konfidenzintervall für Ureaplasma urealyticum ist sehr breit und reicht fast bis zur Nulllinie (untere Grenze 1,02); das Ergebnis ist also knapp signifikant und statistisch unscharf. Beim Mycoplasma-hominis-Wert liegt der Punktschätzer (2,8) nahe dem von Ureaplasma; der Unterschied in der Signifikanz entsteht allein dadurch, dass das Intervall die 1 einschließt. Zahl und Art der eingeschlossenen Studien, Heterogenität und Verzerrungsrisiko sind im Webtext nicht angegeben. Weil die Originale nicht gesichtet wurden, gelten die Zahlen als Zweitangabe aus der Leitlinie. Beide Aussagen betreffen die Infektion als Risikofaktor, nicht die Wirkung von Antibiotika [s07].

1.3 Metaanalysen und Übersichten zu Sulfasalazin und Medikamenten bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

Sulfasalazin gehört zu den am besten belegten Fällen einer Arzneimittelwirkung auf die männliche Fertilität; es ist ein Sulfonamid (Salicylat-Verbindung) und wird vor allem bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn sowie in der Rheumatologie eingesetzt. Es ist daher ein Grenzfall zu den Antiinfektiva und wird hier aufgenommen, weil die Metaanalysen dazu die verlässlichste Humanevidenz im Umfeld der Sulfonamide liefern.

Banerjee und Mitarbeiter 2019 [s123]: Inflammatory Bowel Disease Therapies Adversely Affect Fertility in Men- A Systematic Review and Meta-analysis. Drei Datenbanken wurden von zwei Untersuchern unabhängig für den Zeitraum 1964 bis 2015 durchsucht; 249 Arbeiten wurden gefunden, 14 Studien mit 327 Patienten und 110 Tieren ausgewertet. Mit Sulfasalazin behandelte Patienten hatten niedrigere Spermienzahl, geringere Beweglichkeit und ein höheres Risiko für Oligospermie als mit Mesalazin behandelte. Biologika erschienen sicher, doch fehlten geeignete klinische Studien. Azathioprin verursachte Oligospermie, eine metaanalytische Auswertung war wegen Heterogenität nicht möglich. Tierstudien zeigten für Methotrexat eine abnorme Hodenstruktur. Der Abstract nennt keine Effektschätzer oder Konfidenzintervalle. Stärken: Einschluss sowohl von Menschen als auch von Tieren in einem Zeitraum von mehr als 50 Jahren; unabhängige Doppelsuche. Schwächen: Heterogenität verhinderte die Metaanalyse für einen Teil der Wirkstoffe; die Mischung aus 327 Patienten und 110 Tieren macht den Abstract für die Frage der Humanwirkung nur eingeschränkt verwertbar; keine Effektgrößen im Abstract [s123].

Gubatan und Mitarbeiter 2023 [s73]: Paternal Medications in Inflammatory Bowel Disease and Male Fertility and Reproductive Outcomes: A Systematic Review and Meta-analysis. Registriert bei PROSPERO (CRD42020197098); durchsucht wurden Medline, Embase, Scopus und Web of Science bis April 2022. Gepoolt wurden standardisierte Mittelwertdifferenzen, Prävalenzen und Odds Ratios mit einem Modell mit zufälligen Effekten. Eingeschlossen waren 10 Studien zu Samenparametern (268 Patienten mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung) und 16 Studien zu Schwangerschaftsausgängen (über 25.000 Patienten). Biologika, Thiopurine oder Methotrexat waren nicht mit geringerer Spermienzahl, Beweglichkeit oder mehr abnormer Morphologie gegenüber Nichtexponierten verbunden. Die Prävalenz ungünstiger Schwangerschaftsausgänge lag bei väterlicher Exposition gegenüber Biologika bei 5 Prozent, gegenüber Thiopurinen bei 6 Prozent und gegenüber Methotrexat bei 6 Prozent, bei Nichtexponierten bei 5 Prozent. Odds Ratios: Biologika und früher Schwangerschaftsverlust 1,26 (I² = 0 Prozent; p = 0,12), Frühgeburt 1,10 (I² = 0 Prozent; p = 0,17), Fehlbildungen 1,03 (I² = 0 Prozent; p = 0,69); Thiopurine 1,31 (I² = 19 Prozent; p = 0,17), 1,05 (I² = 0 Prozent; p = 0,20) und 1,07 (I² = 7 Prozent; p = 0,34); Methotrexat: Frühgeburt 1,06 (p = 0,62), Fehlbildungen 1,03 (p = 0,81). Konfidenzintervalle nennt der Abstract nicht. Sulfasalazin war nicht Gegenstand dieser Metaanalyse. Stärken: Registrierung, mehrere Datenbanken, große Zahl von Schwangerschaftsausgängen, niedrige Heterogenität. Schwächen: Nur 268 Patienten für die Samenparameter; Konfidenzintervalle im Abstract fehlen; die Arbeit sagt nichts zu Antiinfektiva im engeren Sinn [s73].

Übersichten zu Darmerkrankungen (Shin und Okada 2016, Hammami und Mahadevan 2020, Sands 2015). Infertility in men with inflammatory bowel disease [s162]: systematische PubMed-Suche; Sulfasalazin senkt reversibel die männliche Fertilität, keine anderen Medikamente beeinflussen sie wesentlich, kleine Studien deuteten einige unerwünschte Wirkungen an; die Autoren nennen auch Entzündungsaktivität, Mangelernährung, Alkohol, Rauchen und Operationen als Einflüsse. Men With Inflammatory Bowel Disease: Sexual Function, Fertility, Medication Safety, and Prostate Cancer [s112]: ebenso; Sulfasalazin vermindert reversibel die Fertilität, andere Medikamente kaum; Methotrexat und Sulfasalazin seien selten mit Impotenz verbunden. Review article: the safety of therapeutic drugs in male inflammatory bowel disease patients wishing to conceive [s168]: PubMed-Suche auch mit den Begriffen „ciprofloxacin AND infertility“ und „metronidazole AND infertility“; über die Hälfte der männlichen Patienten mit Darmerkrankung habe einen gewissen Grad an Infertilität, gegenüber 8 bis 17 Prozent der Allgemeinbevölkerung; Samenparameter könnten durch Therapeutika beeinträchtigt werden. Der Abstract nennt keinen konkreten Befund zu Ciprofloxacin oder Metronidazol. Alle drei sind narrative Übersichten ohne dargestellte Studienzahl und ohne Effektgrößen; ihr Wert liegt in der übereinstimmenden Aussage zu Sulfasalazin [s162, s112, s168].

1.4 Systematische Übersicht zu Antirheumatika bei Männern mit Kinderwunsch (Mouyis 2019) [s127]

Safety of anti-rheumatic drugs in men trying to conceive: A systematic review and analysis of published evidence. PubMed und Embase wurden bis September 2017 durchsucht; die Suche ergab 724 Arbeiten, 233 wurden im Volltext geprüft, 84 gingen in die Auswertung ein; sie betrafen über 611 männliche Expositionen und über 5986 Schwangerschaften, die während väterlicher Exposition oder innerhalb von drei Monaten nach deren Ende eingetreten waren. Abgesehen von der bekannten Wirkung von Cyclophosphamid und Sulfasalazin auf die Spermatogenese ergab sich für Anti-TNF-Mittel, Abatacept, Rituximab, Azathioprin, Ciclosporin A, Hydroxychloroquin, Leflunomid, Methotrexat und Mycophenolatmofetil kein sicherer Hinweis auf Schaden für Fertilität oder Schwangerschaftsausgang. Für IVIG, Tacrolimus, Golimumab, Anakinra und Belimumab fand sich keine Evidenz. Für das Thema wichtig ist Hydroxychloroquin, das auch als Malariamittel eingesetzt wird: Es erscheint hier als Mittel ohne gesicherten Hinweis auf Schaden bei väterlicher Exposition. Der Abstract nennt keine Effektschätzer und keine Konfidenzintervalle; die Aussage „kein sicherer Hinweis“ bedeutet Abwesenheit von Beleg, nicht Beleg der Abwesenheit, zumal die Zahl der Exposition je Wirkstoff aus dem Abstract nicht hervorgeht [s127].

Verwandte Übersichten zu Antirheumatika. Bermas (2020) [s111]: Cyclophosphamid sei das einzige Mittel mit irreversibler Infertilität; Sulfasalazin könne reversible Azoospermie verursachen, bei verzögerter Konzeption solle es drei Monate ausgesetzt und ein Spermiogramm angefertigt werden; Hydroxychloroquin und weitere Mittel seien mit väterlicher Exposition vereinbar; für andere Biologika und kleine Moleküle reichten die Daten nicht. Ibarra Barrueta und Mitarbeiter (2023, Farmacia Hospitalaria, spanisch/englisch übersetzt) [s74]: 95 Literaturstellen bis April 2020; die meisten Mittel seien mit väterlicher Exposition verträglich, außer Sulfasalazin, Mycophenolat und Leflunomid, für die ein Absetzen vor der Konzeption empfohlen werde, sowie Ciclosporin mit Dosisvorgabe unter 2 mg/kg/Tag; Hydroxychloroquin gilt als sicher. Chin und Mitarbeiter (2025) [s24], Scoping-Review von Leitlinien: 18 Leitlinien ab 2014, davon 10 (56 Prozent) mit Aussagen zur Konzeption, 12 (67 Prozent) zur Stillzeit und 6 (33 Prozent) zur männlichen Fertilität; Empfehlungen für synthetische Basistherapeutika (Methotrexat, Sulfasalazin, Leflunomid, Hydroxychloroquin) waren ähnlich, für Biologika und zielgerichtete synthetische Mittel uneinheitlich. Diese Arbeiten sind Leitlinien- und Arzneimittelsicherheitsübersichten; sie bewerten Antiinfektiva nur am Rand (Hydroxychloroquin, Sulfasalazin) [s111, s74, s24].

1.5 Systematische Übersichten zu Arzneimitteln und männlicher Fertilität

Semet und Mitarbeiter 2017 [s154]: The impact of drugs on male fertility: a review. Systematische Literaturübersicht französischer Autoren über die Wirkung nichtzytotoxischer Arzneimittel auf die männliche Fertilität; die Zahl der eingeschlossenen Studien nennt der Abstract nicht. In den meisten Fällen seien die Wirkungen auf Spermatogenese, Spermienreifung und Sexualfunktion nach Absetzen reversibel. Wenn eine Behandlung nicht beendet werden kann oder die Wirkung auf Samenparameter und Spermien-DNA möglicherweise unumkehrbar ist (Sulfasalazin, Azathioprin, Mycophenolatmofetil, Methotrexat), solle die Kryokonservierung von Spermien angeboten werden. Arzneimittel mit sehr guter oder guter Evidenz für schädliche Wirkung seien Testosteron, Sulfasalazin, anabole Steroide, Cyproteronacetat, Opioide, Tramadol, GnRH-Analoga und Sartane. Antibiotika, Antimykotika und Antimalariamittel gehören im Abstract nicht zu den Substanzen mit guter Evidenz. Eine Zweitangabe aus der russischsprachigen Übersicht [s119] gibt wieder, nach dieser Übersicht habe Nitrofurantoin Spermienzahl und Beweglichkeit gesenkt, hohe Dosen hätten die Spermatogenese vollständig blockiert, Erythromycin habe in vitro die Zahl lebender Spermien gemindert, Gentamicin, Neomycin und Streptomycin hätten Beweglichkeit, Zahl und normale Formen gesenkt, Penicillin und Tetrazykline die Parameter mäßig verschlechtert, und die Evidenz sei überwiegend niedrig (Stufe 3 oder 4); diese Angaben stehen nicht im Abstract und sind hier nur als Wiedergabe von [s119] zu lesen [s154, s119].

Jebli und Mitarbeiter 2026 [s14]: The Impact of Common Medications on Male Fertility: An Updated Systematic Review. Aktualisierung der Übersicht von 2017 nach PRISMA 2020. Eingeschlossen wurden nur Originalarbeiten von 2016 bis 2025 an Männern, die nichtzytotoxische Arzneimittel erhielten und bei denen Spermatogenese, Samenparameter oder Hormonwerte berichtet wurden; die Synthese erfolgte beschreibend, geordnet nach Wirkstoffklasse und Wirkstoff. Von 16.310 gefundenen Studien wurden 184 eingeschlossen. Als schädlich werden im Abstract Testosteron, Sulfasalazin, anabole Steroide, Cyproteronacetat, Opioide, Sertralin, Tramadol, GnRH-Analoga und Sartane (bereits 2017) und neu Duloxetin, Thiopurine, Dutasterid, Valganciclovir, Efavirenz, Valproat und Hydroxyharnstoff genannt, jeweils mit gut bis hoch belegter Evidenz. Unter den Antiinfektiva werden Sulfasalazin, Valganciclovir (antivirales Mittel) und Efavirenz (antiretrovirales Mittel) genannt; Antibiotika im engeren Sinn, Antimykotika und Antimalariamittel erscheinen im Abstract nicht. Stärken: PRISMA-Verfahren, großer Umfang, Beschränkung auf Humandaten. Schwächen: Beschreibende Synthese ohne gepoolte Effektschätzer; der Abstract nennt weder die Studiengüte noch Zahlen je Wirkstoff; ob Antiinfektiva untersucht und nur nicht als schädlich eingestuft wurden, ist aus dem Abstract nicht ablesbar [s14].

Zakhem und Mitarbeiter 2019 [s132]: Infertility and teratogenicity after paternal exposure to systemic dermatologic medications: A systematic review. Ausgangspunkt waren dermatologische Systemtherapeutika der früheren US-Schwangerschaftskategorien D und X; Literaturübersicht plus Auswertung des Meldesystems für unerwünschte Ereignisse der FDA und der Fachinformationen. 13 Arzneimittel erfüllten die Einschlusskriterien; von 1032 Studien wurden 19 eingeschlossen. Für 10 der 13 Mittel lagen Studien zur väterlichen Exposition vor, bei 6 fand sich ein negativer Effekt. Welche Substanzen das sind, nennt der Abstract nicht. Einschränkung der Autoren: Für 3 Mittel fanden sich keine Studien, und Meldungen an die FDA bilden die Häufigkeit unerwünschter Ereignisse nicht sicher ab [s132].

Khaki 2015 [s166]: Assessment on the adverse effects of Aminoglycosides and Flouroquinolone on sperm parameters and male reproductive tissue: A systematic review. Die Übersicht ist die einzige abgerufene systematische Übersicht, die ausdrücklich zwei Antibiotikaklassen betrifft. Durchsucht wurden Google Scholar und PubMed für Januar 2000 bis Dezember 2013, Artikel in Englisch und Persisch; eingeschlossen waren randomisierte kontrollierte Studien zur Wirkung von Aminoglykosiden oder Fluorchinolonen auf Spermienparameter, künstliche Besamung und männliches Fortpflanzungsgewebe oder Vergleiche zwischen beiden Klassen; Daten wurden doppelt extrahiert. Ergebnis laut Abstract: Die Spermienvitalität sank signifikant unter Streptomycin, Gentamicin und Neomycin (p-Wert im Abstract abgeschnitten). Schlussfolgerung: Streptomycin schade der Apoptose und den Spermienparametern weniger als die anderen, Gentamicin stärker, weshalb geringere Dosis und Dauer empfohlen werde (Formulierung der Autorin); Fluorchinolone zeigten negative Wirkungen auf Hodengewebe und Spermienparameter; Ciprofloxacin habe bei künstlicher Besamung weniger Nebenwirkungen als Gentamicin. Eine Zweitangabe in der russischen Übersicht [s119] nennt p < 0,05 für die Beweglichkeit unter Gentamicin und Neomycin, p < 0,022 für die Gesamtspermienzahl nach Ofloxacin, Gentamicin, Streptomycin und Neomycin und p < 0,011 für den Hodenumfang nach Ofloxacin und Gentamicin. Schwächen: Die Zahl der eingeschlossenen Studien nennt der Abstract nicht. Die Erwähnung der künstlichen Besamung und der Hodengewebeuntersuchung lässt vermuten, dass tierexperimentelle Studien einen großen Teil ausmachen; das geht aus dem Abstract nicht eindeutig hervor und ist deshalb ein offener Punkt. Für Männer ist die Übersicht daher nur mit Vorbehalt verwertbar [s166, s119].

Jung und Mitarbeiter 2016 [s157]: Treatment of Leukocytospermia in Male Infertility: A Systematic Review. World Journal of Men's Health. Die Übersicht stammt aus Korea und ist die einzige koreanische Übersicht, die die Frage unmittelbar behandelt. Sie hält fest, Infektionen des Urogenitaltrakts könnten bis zu 15 Prozent der männlichen Infertilität mitverursachen und Leukozytospermie sei ein bekannter Hinweis auf Infektion oder Entzündung der Geschlechtsdrüsen; als Goldstandard der Behandlung sei bislang nichts geklärt. Antibiotika könnten Spermienparameter, die Rate des Verschwindens der Leukozytospermie, die bakteriologische Heilungsrate und sogar die Schwangerschaftsrate verbessern, einzelne Berichte widersprächen aber; für Antioxidantien gebe es Hinweise auf Nutzen für die Spermienfunktion aus In-vitro-Studien. Die Daten reichten nicht aus, um zu entscheiden, ob Antibiotika oder Antioxidantien bei Leukozytospermie wirksam seien. Der Abstract nennt weder die Zahl der Studien noch Effektmaße noch eine Qualitätsbewertung; ohne Volltext lässt sich die Suchstrategie nicht beurteilen [s157].

Wang und Mitarbeiter 2026, Umbrella-Review [s19]: Current risk factors for male infertility and semen parameters: an umbrella review of systematic reviews and meta-analyses. Asian Journal of Andrology. Web of Science, MEDLINE und Embase, Januar 2000 bis Februar 2025; Endpunkte waren Infertilität, Samenvolumen, Spermienkonzentration, Spermiengesamtzahl, Morphologie, Beweglichkeit und progressive Beweglichkeit. Eingeschlossen wurden 43 Übersichten mit 67 Risikofaktoren und 249 Effektgrößen, bewertet mit GRADE: 136 (54,6 Prozent) sehr niedrig, 59 (23,7 Prozent) niedrig, 54 (21,7 Prozent) moderat. Als Zustände, die das Risiko abnormer Samenparameter erhöhen können, nennt der Abstract unter anderem chronische Prostatitis und Leukozytospermie; bei den Arzneimitteln Sulfasalazin, Mesalazin und selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer; bei Infektionen unter anderem SARS-CoV-2, humane Papillomviren und Hepatitisviren. Antibiotika, Antimykotika und Antimalariamittel treten als eigene Faktoren nicht auf. Die Autoren betonen, dass bei einigen Faktoren ein ursächlicher Zusammenhang nicht geprüft wurde. Aus der Verteilung der GRADE-Stufen folgt, dass mehr als drei Viertel der Effektgrößen auf sehr niedriger oder niedriger Sicherheit beruhen. Das Fehlen der Antiinfektiva im Abstract spiegelt vermutlich, dass keine Metaanalyse dazu existierte, die die Einschlusskriterien erfüllte; das ist eine Schlussfolgerung aus dem Abstract, kein im Abstract genannter Befund [s19].

Chatterjee und Mitarbeiter 2026 [s05]: Consequence of malaria and dengue on reproductive vigor. A scoping review. La Clinica Terapeutica. Scoping-Übersicht auf Grundlage einer breiten systematischen Datenbanksuche nach englischsprachigen Arbeiten 2013 bis 2024. Malaria sei mit verminderter Samenqualität, Oligozoospermie und Nekrozoospermie verbunden; Antimalariamittel (Chloroquin, Chinin, Quinacrin, Pyrimethamin) verursachten männliche Infertilität; akute Denguefieber-Infektion führe zu vorübergehenden Spermienveränderungen, nicht zu dauerhafter Infertilität. Die Schlussfolgerung schreibt die Infertilität indirekt Antimalariamitteln zu. Der Abstract nennt keine Zahl eingeschlossener Studien, keine Effektgrößen und trennt den Einfluss der Krankheit nicht quantitativ vom Einfluss der Medikamente; die Aussage „verursachen“ ist daher stärker formuliert, als der Abstract belegt. Als einzige Übersicht der Recherche, die Antimalariamittel und männliche Fertilität zusammen behandelt, ist sie dennoch für das Thema wichtig, zugleich ein Beispiel dafür, wie eine Übersicht zu einer starken Formulierung kommen kann, ohne dass im Abstract Humandaten dafür vorgelegt werden [s05].

Adewole und Attah 2019 [s120]: Antimalarial plants with potential male-factor antifertility properties. Journal of Complementary & Integrative Medicine. Zusammenstellung pflanzlicher Antimalariamittel, die experimentell bestätigt männliche antifertile Wirkungen zeigen (Minderung der Spermienqualität, Veränderung der Hormonspiegel, Lipidperoxidation). Es handelt sich um Pflanzenpräparate, nicht um die klassischen Arzneimittel; die Arbeit gehört zur Frage, ob Malariabehandlung die Fertilität beeinflusst, nur über die in endemischen Gebieten verbreitete Selbstmedikation [s120].

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Umfang, Ordnung und Lesehinweise bis 1. Systematische Übersichten und Metaanalysen
  5. 2. Narrative und nicht systematische Übersichten bis 4. Einordnung der Übersichtsliteratur
  6. Umfang und Ordnung und 5. Expositionsstudien: Antibiotika und andere Arzneimittel als mögliche Ursache
  7. 6. Infektion, Bakteriospermie und Leukozytospermie: Beobachtungsstudien ohne Behandlungsarm
  8. 7. Beobachtungsstudien mit Behandlungsbezug (nicht randomisiert) und 8. Einordnung der Beobachtungsstudien
  9. Wie dieses Kapitel gelesen werden soll bis Randomisierte und kontrollierte Studien am Menschen: Antibiotika bei Infektion und Leukozytospermie
  10. Kohorten, Vorher-Nachher-Studien und Fallserien mit Antibiotikabehandlung bis In-vitro-Studien an menschlichen Spermien und Messungen im Samenplasma
  11. Humanbefunde zu einzelnen Wirkstoffen und Wirkstoffgruppen und Tierversuche und Zellmodelle
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Chinesisch
  15. Japanisch bis Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  22. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s141
  25. Quellen s142–s286
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle