Dieser Abschnitt ordnet ein, was die ausgewertete Literatur trägt und was nicht. Er ist keine Therapieempfehlung, keine Diagnose und kein Ersatz für eine ärztliche oder zahnärztliche Beurteilung. Er nennt keine Handlungsanweisung für Leserinnen und Leser. Individuelle Fragen zur Fruchtbarkeit, zur Zahngesundheit oder zu Zahnfüllungen lassen sich aus einer Literaturübersicht nicht beantworten.
Was sich aus der Literatur sagen lässt.
- In Kinderwunsch- und Andrologie-Ambulanzen berichten mehrere Beobachtungsstudien, dass Männer mit schlechterem Parodontalbefund häufiger auffällige Spermienparameter haben, am ehesten bei der Beweglichkeit, auch bei Morphologie und DNA-Fragmentierung. Die Konzentration ist uneinheitlich, und zwei Studien aus Szeged fanden keinen oder nur einen merkmalsbezogenen Zusammenhang [s24, s54, s61, s96, s40, s79, s78].
- Die größte Studie misst eine Entzündungslast in der Mundspülung und keine klinische Parodontitis [s40]; die Shanghaier Studie mit klinischem Befund hat 192 Teilnehmer und im Abstract kein Konfidenzintervall [s54].
- Die Übersichtsarbeiten sehen die Evidenz als assoziativ, begrenzt durch Heterogenität, Störgrößen und fehlende standardisierte Zielgrößen [s09]; die Kausalität sei offen [s35, s24].
Was sich aus der Literatur nicht sagen lässt.
- Dass eine Parodontitis die Samenqualität verschlechtert, ist nicht belegt. Es gibt keine Kohortenstudie und keine randomisierte Studie mit Spermienendpunkt [s24, s52]. Die starken Beobachtungsbefunde bei erektiler Dysfunktion und Prostataerkrankungen wurden in Mendelschen Randomisierungen nicht als ursächlich bestätigt [s43, s27].
- Dass eine Behandlung der Zähne oder des Zahnfleisches die Samenqualität verbessert, ist nicht belegt. Die einzige Intervention mit Kontrollgruppe stammt aus den Jahren 1989 bis 1993 und ist methodisch nicht tragfähig [s127, s125, s120].
- Dass Amalgamfüllungen die Samenqualität beeinträchtigen, ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt; die einzige direkte Untersuchung an 80 Männern fand keinen Zusammenhang, ein kleiner Effekt ist damit aber nicht auszuschließen [s117]. Dass Amalgam unbedenklich sei, folgt daraus ebenso wenig. Die Quecksilberstudien an Fisch-, Berufs- und Umweltbelastung lassen sich nicht auf Füllungsträger übertragen [s10, s70, s90, s103].
- Dass Bakterien aus der Mundhöhle in den Samen gelangen und dort die Spermienqualität verändern, ist nicht belegt. Keine Studie hat Mundhöhle und Samen desselben Mannes verglichen [s88, s47, s25, s14].
Was die Leitlinien sagen. Die Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie zu Sexual- und Reproduktionsgesundheit (Ausgabe 2026) erwähnt chronische Parodontitis nur in einer Aufzählung von Erkrankungen, die mit erektiler Dysfunktion in Verbindung gebracht werden; das Kapitel zur männlichen Infertilität enthält nach der Stichwortsuche weder zu Parodontitis noch zu Amalgam oder Mundgesundheit Aussagen [s03]. Die AUA/ASRM-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung der Infertilität des Mannes (2021) nennt im abgerufenen Abstract weder Zähne noch Quecksilber; im Volltext der Webseite kommt „dental caries" nur als Merkmal der Mukoviszidose vor [s53]. Das ist eine Feststellung über den Inhalt dieser Dokumente, keine Wertung. Die abgerufenen Quellen geben keine Auskunft darüber, ob Fachgesellschaften das Thema künftig aufnehmen. Die AWMF-Leitlinien waren nicht abfragbar; über ihren Inhalt wird nichts behauptet.
Wie die Schlussfolgerungen der Autorinnen und Autoren einzuordnen sind. Mehrere Originalarbeiten und Übersichten formulieren eigene Folgerungen. Mortazavi und Kollegen schreiben, Mundgesundheit könne als ergänzende Strategie bei der Behandlung von Infertilität dienen und fordern große Längsschnittstudien [s24]. Kellesarian und Kollegen schreiben, die andrologische Untersuchung solle eine orale Beurteilung einschließen [s67]. Bazzar und Kollegen sehen Probiotika als „vielversprechend" [s01]. Das sind Einschätzungen der jeweiligen Autorinnen und Autoren auf der Basis von Beobachtungsdaten. Dieses Kapitel übernimmt sie nicht als Empfehlung.
Was Zahlen leisten und was nicht. Odds Ratios und Korrelationen aus Querschnittsstudien beschreiben Gruppen, nicht einzelne Männer. Die Odds Ratios aus Abrechnungsdaten (zum Beispiel 3,35 bei ED in Taiwan [s93]) können vor allem Unterschiede in der Inanspruchnahme der Versorgung widerspiegeln. Ein Zusammenhang auf Gruppenebene sagt nichts darüber, wie wahrscheinlich eine Samenauffälligkeit bei einem bestimmten Mann mit oder ohne Parodontitis ist. Dazu kommen die großen Schwankungen des Spermiogramms von Probe zu Probe, die in den Abstracts nicht quantifiziert sind.
Wie sich die Quellen zueinander verhalten. Beim Vergleich der Studienzahlen ist zu berücksichtigen, dass die Übersichtsarbeiten dieselben kleinen Primärstudien auswerten (die Männer in der Übersicht von Márquez-Arrico stützen sich auf dieselben Studien wie bei Mortazavi [s35, s24]) und dass drei Aachener Arbeiten wahrscheinlich dasselbe Kollektiv beschreiben [s127, s125, s120]. Mehr Quellen bedeuten daher nicht automatisch mehr unabhängige Belege.
Zusammenfassende Formulierung. Die Quellenlage trägt die Aussage, dass Männer mit schlechterem Parodontalbefund in Kinderwunschkliniken in einem Teil der Studien häufiger eingeschränkte Beweglichkeit hatten. Sie trägt weder die Aussage, dass Parodontitis schlechte Samenqualität verursacht, noch die Aussage, dass Amalgam Spermien schädigt, noch die Aussage, dass Mundbakterien über das Ejakulat die Spermienqualität verändern.