Zur Lesart: „Evidenzstärke" bezeichnet, was die Studiendesigns grundsätzlich tragen können (hoch, mäßig, niedrig, sehr niedrig, keine). „Gewissheit" bezeichnet, wie sicher die jeweils formulierte Aussage nach den abgerufenen Quellen ist. Beides sind qualitative Einschätzungen dieser Studie, keine formale GRADE-Bewertung (Näheres im folgenden Abschnitt).
- Parodontalstatus und Beweglichkeit, Morphologie und DNA-Fragmentierung der Spermien. In einem Teil der Klinikstudien hatten Männer mit schlechterem Parodontalbefund häufiger eingeschränkte Beweglichkeit, auffällige Morphologie oder höhere DNA-Fragmentierung. Beispiele: mäßige oder schwere Parodontitis bei 33,3 % der Männer mit Samenanomalie gegenüber 17,8 % bei Normozoospermie, adjustiertes OR 3,377 (p = 0,005; Konfidenzintervall im Abstract nicht genannt) [s54]; Spearman-Korrelation von Attachmentverlust und Beweglichkeit rho = −0,3841 [s61]. Evidenzstärke: niedrig (Querschnitt und Fall-Kontrolle, 75 bis 360 Männer, Kinderwunschkliniken). Gewissheit: niedrig für die Assoziation, sehr niedrig für einen ursächlichen Zusammenhang.
- Spermienkonzentration und Gesamtzahl: uneinheitlich. Keinen signifikanten Zusammenhang mit Zahl oder Konzentration fanden die Studien aus Shanghai und Jerusalem (so berichtet in der Übersicht [s24]) sowie die Studie mit der Mundspülprobe [s40]. Einen Zusammenhang mit der Zahl berichten die nigerianische Studie [s87] und der Abstract der indischen Studie [s61]; deren eigene Korrelationstabelle stützt das für die Konzentration nicht (rho = −0,1507; p = 0,1685). Zwei Studien aus Szeged (Ungarn) fanden keinen Zusammenhang beziehungsweise nur einzelne Merkmale in der Untergruppe kombinierter Oligo-Asthenozoospermie [s79, s78]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig; Nullbefunde bei 95 bis 199 Männern schließen kleine Effekte nicht aus.
- Die größte Studie misst keine Parodontitis. In der Studie mit 229 Männern wurde die orale Entzündungslast als Zahl von Neutrophilen in einer Mundspülung bestimmt. Je Einheit sank die Gesamtbeweglichkeit um 0,573 Prozentpunkte (95-%-KI −0,817 bis −0,329) und stieg der Spermien-DNA-Fragmentierungsindex um 0,733 Prozentpunkte (0,651 bis 0,814) [s40]. Der Messwert hängt auch von Rauchen und Alkohol ab; die Korrelation mit der DNA-Fragmentierung (rho = 0,826) ist auffallend hoch und unabhängig nicht bestätigt. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig.
- Die Übersichtsarbeiten stützen sich auf dieselben kleinen Studien. Sieben von sieben Studien positiv [s67], aber nur zwei von fünf Studien zur Samenqualität in einer anderen Auswahl [s52]; die Übersicht mit neun Studien und 1.386 Männern fasst nur qualitativ zusammen und nennt Zusammenhänge mit Beweglichkeit, Morphologie und DNA-Fragmentierung, uneinheitlich für die Konzentration [s24]. Publikationsverzerrung wird nirgends geprüft, Einzelzahlen stimmen zwischen Übersichten und Originalen teils nicht überein. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig.
- Interventionsdaten: praktisch keine. Die einzige zahnärztliche Intervention mit Spermiogramm stammt aus Aachen (36 Männer mit therapieresistenter Bakteriospermie, 1989 bis 1993); die Abstracts nennen keine Zahlen zu Spermienparametern, die drei Arbeiten beruhen wahrscheinlich auf demselben Kollektiv [s127, s125, s120]. Die einzige randomisierte Studie der gesamten Recherche (120 Männer) hat die erektile Funktion als Ziel, nicht die Spermien [s89]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: sehr niedrig.
- Tiermodell Parodontitis. Bei Wistar-Ratten mit Ligatur-Parodontitis (je 12 Tiere) berichten die Autoren niedrigeres Testosteron, weniger Sertoli- und Leydig-Zellen, Veränderungen am Flagellum und mehr Fehlbildungen bei den Nachkommen [s29]. Der Abstract nennt dafür keine p-Werte; das geringere Körpergewicht der Parodontitistiere ist ein möglicher Störfaktor. Evidenzstärke: sehr niedrig für den Menschen. Gewissheit: sehr niedrig.
- Nachbarendpunkte (erektile Funktion, Prostata): Beobachtung positiv, Genetik null, Spermien nicht gemessen. Beobachtungsstudien zu erektiler Dysfunktion liefern OR zwischen 1,29 und 4,84 [s93, s84, s75], in den Metaanalysen bei einer Heterogenität von I² um 98 % [s48, s80, s76]; die Mendelsche Randomisierung findet keinen ursächlichen Effekt in beide Richtungen [s43]. Für Prostataerkrankungen zeigt eine Metaanalyse mit 16 Studien assoziierte Effekte (BPH OR 1,55; Prostatakrebs HR 1,23) [s05], eine bidirektionale Mendelsche Randomisierung keinen kausalen Zusammenhang [s27]. Evidenzstärke: niedrig (Beobachtung) beziehungsweise mäßig (genetische Analyse, aber europäische Daten). Gewissheit: niedrig; für Spermienparameter ist nichts davon übertragbar.
- Amalgam und Spermienqualität: kein belegter Zusammenhang, kaum Daten. Die einzige Humanstudie mit Füllungszahl und Spermiogramm (80 Männer infertiler Paare) fand keine Korrelation; 75 % der Ejakulatwerte lagen unter der Nachweisgrenze [s117]. Eine Studie zur Füllungsentfernung fehlt. Übersichten aus der Zahnmedizin halten Fortpflanzungswirkungen für unbewiesen und fordern mehr Forschung [s115, s107, s112, s104]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: sehr niedrig; „nicht belegt" ist nicht „widerlegt".
- Quecksilber aus anderen Quellen: gemischt und mit Fischverzehr verflochten. Nullbefunde [s103, s90, s111], höhere Spermienwerte bei höherem Haarquecksilber [s70] und Zusammenhänge mit schlechterer Morphologie [s59, s04, s10] stehen nebeneinander; eine Hongkonger Studie findet je nach Bezugsgröße gegenläufige Richtungen [s10]. Keine dieser Arbeiten misst Amalgamfüllungen. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig; Übertragbarkeit auf Füllungsträger gering.
- Zahnärztliches Personal: Daten überwiegend zu Frauen. Hohe Quecksilberbelastung bei Zahnarzthelferinnen ging mit 63 % der Fekundabilität Unexponierter einher (95-%-KI 42 bis 96 %) [s119]; bei Beschäftigten in der Zahnmedizin war das Fehlgeburtsrisiko bei mäßiger Exposition OR 2,0 (1,0 bis 4,1), bei hoher 1,3 (0,6 bis 2,5), ohne konsistente Dosis-Wirkung [s102]. Über Spermien der Männer sagen diese Arbeiten nichts. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig.
- Mundflora und Samenflora: Lücke. Keine Studie vergleicht Proben aus Mund und Ejakulat desselben Mannes. Das Samenmikrobiom ist beschrieben (Lactobacillus eher mit besseren, Prevotella eher mit schlechteren Parametern assoziiert [s88, s47, s01]); die größte primäre Sequenzierungsstudie fand keinen Zusammenhang der Gesamtzusammensetzung mit der Samenqualität [s25]. Parodontalkeime wurden bei Männern in Prostataflüssigkeit nachgewiesen [s37]; eine Fusobacterium-Vermutung stützt sich auf sechs Männer [s14]. Evidenzstärke: keine für einen oral-seminalen Weg. Gewissheit: sehr niedrig.
- Leitlinien: keine Aussage. Die EAU-Leitlinie 2026 nennt chronische Parodontitis nur in einer Aufzählung von Erkrankungen, die mit erektiler Dysfunktion in Verbindung gebracht werden; das Kapitel zur männlichen Infertilität enthält nichts zu Zahnstatus, Amalgam oder Mundgesundheit [s03]. Im Text der AUA/ASRM-Leitlinie kommen Zähne nur im Zusammenhang mit Mukoviszidose vor [s53]. Evidenzstärke: nicht anwendbar. Gewissheit: hoch für die Feststellung, dass die Leitlinien schweigen (Stand der abgerufenen Seiten).
- Sprachräume: Die Lücke ist regional ungleich. Aus dem chinesischen Raum liegt eine direkte Studie vor (Shanghai [s54]), aus Japan ein Förderprojekt ohne Ergebnisse [s12], aus Korea keine; aus dem russisch-, arabisch- und türkischsprachigen Raum wurde keine Primärstudie zu Parodontitis oder Mundflora und Spermienparametern gefunden. Für Frankreich, Italien, Spanien und Portugal ist das Fehlen wegen gesperrter Datenbanken nicht als belegt anzusehen. Evidenzstärke: nicht anwendbar. Gewissheit: mäßig für das Gefundene, niedrig für das Fehlen.
- Typische Verzerrungen. Rauchen, Alkohol, Adipositas, Diabetes, Varikozele, Abstinenzzeit, Selektion über Kinderwunschkliniken, Mehrfachtests, keine oder zu kleine Kontrollgruppen und Abstracts mit nicht stimmigen Zahlen [s87, s79, s99, s61] begrenzen alle Humanstudien. Evidenzstärke und Gewissheit der Gesamtaussage „Parodontitis und Samenqualität hängen zusammen" daher: niedrig.