Lesehinweis zu diesem Kapitel
Dieses Kapitel stellt die vorhandenen zusammenfassenden Arbeiten und die Einzelstudien am Menschen vor, die für die Frage „Parodontitis, Zahngesundheit, Amalgam und Mundflora und die Spermienqualität“ in der Recherche gefunden wurden. Die zusammenfassenden Arbeiten stehen im ersten, die Beobachtungsstudien im zweiten Abschnitt. Tierversuche, Laborversuche mit Zellen oder Spermien und die mechanistische Einordnung werden in anderen Kapiteln der Gesamtstudie behandelt und hier nur genannt, wenn sie für das Verständnis einer Übersichtsarbeit nötig sind. Die Mendelschen Randomisierungen (genetische Analysen mit Beobachtungsdaten) sind am Ende des zweiten Abschnitts aufgeführt, weil sie dieselben Zusammenhänge prüfen wie die Beobachtungsstudien.
Alle Zahlen stammen aus den abgerufenen Abstracts oder, wo ausdrücklich vermerkt, aus Volltexten. Wo ein Konfidenzintervall, eine Fallzahl oder ein Heterogenitätsmaß im Abstract fehlt, steht das so da und wird nicht ergänzt. Schlussfolgerungen der Autorinnen und Autoren sind als solche gekennzeichnet; sie sind keine Empfehlung dieser Studie. Der Text enthält keine Therapie- oder Verhaltensempfehlung.
Vorab die wichtigste Einordnung: Für die Kernfrage, ob ein schlechter Parodontal- oder Zahnstatus mit schlechteren Spermienparametern zusammenhängt, gibt es keine Metaanalyse mit gepoolten Effektschätzern. Es gibt vier systematische Übersichtsarbeiten (zwei davon mit stark überlappenden Studien), die die kleine Zahl von Beobachtungsstudien qualitativ zusammenfassen [s24, s35, s52, s67]. Gepoolte Effektschätzer liegen dagegen für Nachbarfragen vor: Parodontitis und erektile Dysfunktion (vier Metaanalysen), Parodontitis und Prostataerkrankungen (eine Metaanalyse), Bakterien im Ejakulat und Samenqualität (eine Metaanalyse) sowie Schwermetalle und männliche Infertilität (eine Metaanalyse). Diese Nachbarfragen sind keine Spermienbefunde und werden entsprechend getrennt behandelt.
Übersichtsarbeiten zu Parodontalstatus und Spermienqualität
Mortazavi et al. 2025 (BMC Oral Health): die umfassendste qualitative Übersicht [s24]
Land und Design. Systematische Übersichtsarbeit, bei PROSPERO registriert (CRD420251005800). Die erste Affiliation ist die Gulf Medical University in Ajman (Vereinigte Arabische Emirate); die Autorenschaft ist nach den Namen überwiegend iranisch, was die Recherche nicht weiter geprüft hat [s24]. Die Daten wurden ausschließlich qualitativ zusammengefasst; es gibt weder eine Metaanalyse noch einen gepoolten Effekt noch ein Heterogenitätsmaß [s24].
Suche und Auswahl. Durchsucht wurden PubMed, EMBASE, ProQuest, Scopus, Web of Science und Google Scholar bis September 2024. Aus 710 Datenbanktreffern, 100 Google-Scholar-Treffern und 2 Handsuchtreffern blieben nach Entfernung von 321 Dubletten 491 Datensätze; 434 wurden nach Titel und Abstract ausgeschlossen, 57 Volltexte beurteilt, 48 davon ausgeschlossen, 9 Studien eingeschlossen [s24].
Population. Zusammen 1.386 Männer, je Studie 75 bis 360. Fünf Querschnittsstudien und vier Fall-Kontroll-Studien. Herkunft nach Angaben im Volltext: Iran (2), China (2), Indien (1), Ungarn (2), Nigeria (1), Israel (1) [s24]. Eingeschlossen waren Pourabbas 2023 (n = 229), Kheradmand 2022 (n = 75; Kongressbeitrag der iranischen urologischen Gesellschaft), Tao 2021 (n = 192), Chidambar 2019 (n = 85), Práger 2017 (n = 199), Pásztor 2016 (n = 95), Nwhator 2014 (n = 76), Klinger 2011 (n = 75) und Zhu 2010 (n = 360; 180 normozoosperme und 180 subfertile Männer; veröffentlicht in „China Modern Medicine“) [s24]. Kheradmand 2022 und Zhu 2010 konnten in dieser Recherche weder in Europe PMC noch in PubMed gefunden werden; was hier zu ihnen steht, stammt ausschließlich aus der Übersicht [s24].
Qualitätsbewertung. Newcastle-Ottawa-Skala, 3 bis 8 von 9 Punkten. Nach der Übersichtstabelle: Pourabbas 8, Nwhator 8, Tao 7, Práger 7, Pásztor 7, Klinger 7, Zhu 7, Chidambar 5, Kheradmand 3 [s24]. Die Daten wurden nach Angabe der Übersicht von zwei Personen unabhängig extrahiert [s24].
Ergebnisse (nach den Angaben der Übersicht).
- Parodontitis-Prävalenz: Tao 33,3 % gegenüber 17,8 % mäßiger oder schwerer Parodontitis bei Männern mit auffälligem gegenüber normalem Ejakulat (p = 0,012); Zhu 48,3 % gegenüber 31,7 % bei subfertilen gegenüber normozoospermen Männern (p < 0,01); Práger 45,7 % schlechter Parodontalstatus in der Gesamtgruppe [s24].
- Beweglichkeit: Zusammenhänge bei Pourabbas (p < 0,001), Tao (progressive Beweglichkeit 36,5 % gegenüber 17,9 %, p = 0,008; Gesamtbeweglichkeit 36,2 % gegenüber 18,6 %, p = 0,005, nach den Angaben der Übersicht jeweils bei Männern mit schwererer Parodontitis niedriger), Klinger, Práger und Chidambar; nicht bei Pásztor [s24].
- Morphologie: Zusammenhänge bei Pourabbas, Chidambar und Zhu; nicht bei Pásztor [s24].
- DNA-Fragmentierung: höher bei stärkerer oraler Entzündung (Pourabbas) beziehungsweise bei Parodontitis (Kheradmand, P < 0,05) [s24].
- Spermienzahl und -konzentration: uneinheitlich. Chidambar und Zhu (und nach [s24] Nwhator) fanden einen Zusammenhang, drei bis vier weitere Studien nicht [s24].
Schlussfolgerung der Autoren. Es gebe einen signifikanten Zusammenhang zwischen Parodontitis und verminderter Beweglichkeit, abnormer Morphologie und erhöhter DNA-Fragmentierung; als Mechanismen kämen entzündliche Zytokine und oxidativer Stress infrage. Die Autoren schreiben, Mundgesundheit könne als ergänzende Strategie im Umgang mit Infertilität dienen, und fordern große Längsschnittstudien [s24]. Der Satz über die ergänzende Strategie ist eine Aussage der Autoren und wird hier nicht übernommen.
Stärken. Registriertes Protokoll, sechs Datenbanken, standardisierte Qualitätsbewertung, Auswahlfluss transparent dargestellt, keine Sprachbeschränkung nach Angaben im Volltext [s24].
Schwächen. (1) Keine gepoolten Effektschätzer, kein Heterogenitätsmaß. (2) Die Quellstudien unterscheiden sich in der Parodontaldiagnose (Sondierungstiefe, Attachmentverlust, Blutung, in einem Fall Neutrophile im Mundspülwasser [s40]), im Spermiogrammstandard (WHO 1999 und 2010) und in der Population (fast ausschließlich Männer aus Kinderwunsch- und Andrologieambulanzen). (3) Interne Unstimmigkeiten des Volltextes: Das Abstract nennt neun Studien, die Qualitätsbeschreibung spricht von „acht Studien“; ein Einschlusssatz nennt „alle relevanten Studien bis zum Jahr 2000“, was nicht zu den eingeschlossenen Studien (2010 bis 2023) passt; Tao wird einmal mit 2020, einmal mit 2021 datiert; der Text spricht von vier Studien hoher Qualität, die Tabelle weist sieben Studien mit 7 oder 8 Punkten aus [s24]. (4) Die Übersicht führt Chidambar 2019 als Beleg für einen Zusammenhang mit Spermienzahl und -konzentration; die Korrelationstabelle der Originalarbeit stützt das nicht (Konzentration: rho = −0,1507; p = 0,1685; siehe Abschnitt Beobachtungsstudien) [s24, s61]. (5) Das Konfidenzintervall für die Gesamtbeweglichkeit bei Pourabbas gibt die Übersicht mit −0,819 bis −0,329 an; die Originalarbeit nennt −0,817 bis −0,329 [s24, s40]. (6) Die Übersicht gibt Pourabbas als „Parodontitis“-Studie mit Sondierungsbefunden wieder; tatsächlich wurde keine klinische Parodontaldiagnose erhoben, sondern die Zahl der Neutrophilen im Mundspülwasser [s40]. (7) Eine Prüfung auf Publikationsverzerrung fehlt.
Einordnung. Die Übersicht ist die beste verfügbare Zusammenfassung des Kernthemas, aber sie fasst neun kleine, querschnittliche Studien zusammen. Von „einem Beleg für einen Zusammenhang“ lässt sich nur im Sinne einer wiederholten, nicht durchgehenden Beobachtung in Kinderwunschkliniken sprechen; Kausalität, Dosis-Wirkung und Zeitfolge sind nicht untersucht.
Kellesarian et al. 2018 (American Journal of Men's Health): „alle sieben positiv“ [s67]
Design. Systematische Übersichtsarbeit mit Suche bis März 2016 (Stichwörter unter anderem Infertilität, Parodontitis, dentale Infektion, Karies, odontogene Infektion). Ausgeschlossen waren Leserbriefe, Fallberichte, Kommentare, historische Übersichten und experimentelle Studien. Sieben Studien wurden eingeschlossen, 18 bis 360 Teilnehmer je Studie [s67]. Die Zahl der Gesamtteilnehmer, ein Heterogenitätsmaß und eine Qualitätsbewertung nennt der Abstract nicht. Es lag nur der Abstract vor.
Ergebnisse. Alle sieben Studien berichteten eine positive Assoziation zwischen männlicher Infertilität und Zahngesundheit. Sechs Studien betrafen die chronische Parodontitis, drei odontogene Infektionen (nekrotische Pulpa, chronische apikale Ostitis, radikuläre Zysten) und eine den Kariesindex [s67]. Die Autoren verlangen Längsschnittstudien und randomisierte Studien mit Kontrolle von Störgrößen. Sie schreiben außerdem, Zahnärzte und Hausärzte sollten wissen, dass orale Erkrankungen systemisch wirken können, und die andrologische Untersuchung solle eine orale Beurteilung einschließen; das ist die Position der Autoren und keine Empfehlung dieser Studie [s67].
Stärken. Breite Fassung des Begriffs Zahngesundheit (Parodontitis, Karies, apikale Herde), klar definierte Ausschlusskriterien.
Schwächen. Rein qualitativ; kleine Beobachtungsstudien; dass alle sieben Studien „positiv“ sind, kann auf Publikationsverzerrung hindeuten, die nicht geprüft wird (Hinweis dieser Recherche). Keine Angabe zur Qualitätsbewertung im Abstract. Die Studien sind zum Teil dieselben wie bei Mortazavi (Klinger, Nwhator, Pásztor), zum Teil ältere Arbeiten (unter anderem die deutschen Fokalinfektionsarbeiten, siehe Beobachtungsstudien); aus dem Abstract geht nicht hervor, welche sieben Studien es im Einzelnen waren.
Lecaplain et al. 2021 (Andrology): männliche Sexualgesundheit insgesamt [s52]
Land und Design. Systematische Übersichtsarbeit nach PRISMA (Nantes, Frankreich; dieselbe Arbeit ist in HAL über Inserm nachgewiesen). Durchsucht wurden MEDLINE, PubMed, Scopus, Cochrane, EMBASE und Web of Science von den frühesten Einträgen bis Oktober 2020 [s52].
Population. 19 Studien, 53 bis 197.136 Teilnehmer je Studie, Alter 18 bis 95 Jahre (Mittel 41,2 Jahre); sechs Studien machten keine Altersangabe [s52].
Ergebnisse. Von neun Studien zur erektilen Dysfunktion fanden acht einen signifikanten Zusammenhang mit Parodontitis. Nur drei Studien untersuchten Sexualhormone; zwei davon zeigten bei Parodontitis höhere Testosteronspiegel. Zur Samenqualität zeigten zwei von fünf Studien einen signifikanten Zusammenhang mit Parodontitis [s52]. Die Autoren halten fest, die Zusammenhänge zwischen Sexualhormonen, Samenqualität und Parodontitis seien noch nicht belegt; die Arbeit sei durch Qualität und geringe Zahl der Studien begrenzt, Beobachtungsstudien könnten durch Erinnerungsverzerrung und Störgrößen beeinflusst sein [s52]. Ein Teil der 19 Studien betrifft nicht Spermien [s52].
Einordnung. „Zwei von fünf“ ist ein deutlich zurückhaltenderes Verhältnis als „alle sieben“ bei Kellesarian [s67]. Die Zählweisen sind nicht identisch: Lecaplain schließt nur Studien mit Parodontitis als Exposition ein, und die Suchzeiträume unterscheiden sich [s52]. Stärken: sechs Datenbanken, drei Endpunkte (Erektion, Hormone, Samen), ausdrücklich zurückhaltende Schlussfolgerung. Schwächen: keine gepoolten Schätzer, im Abstract keine Qualitätsbewertung, Mischung sehr unterschiedlicher Endpunkte und Studiengrößen (von 53 bis 197.136), sodass das Auszählen signifikanter Studien („Vote Counting“) wenig über Effektstärken sagt.
Márquez-Arrico et al. 2024 und 2025 (Medicina Oral, Patología Oral y Cirugía Bucal): Männer und Frauen gemischt [s23, s35]
Land und Design. Systematische Übersichtsarbeit aus Valencia (Spanien) über Parodontalerkrankungen und männliche wie weibliche Infertilität; englische Fassung 2024, spanischsprachige Ausgabe 2025 (Dialnet, Titel „¿Existe una asociación entre la enfermedad periodontal y la infertilidad?: una revisión sistemática“, deutsch: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Parodontalerkrankung und Infertilität? Eine systematische Übersichtsarbeit). Die spanische Ausgabe ist dieselbe Arbeit und das einzige spanischsprachige Dokument zum Thema, das die Recherche fand [s23, s35].
Population. Aus 143 Treffern erfüllten 14 Studien die PICO-Frage: sechs zur männlichen, acht zur weiblichen Infertilität; zusammen 4.871 Patienten (732 Männer, 4.139 Frauen). Studientypen: sechs Fall-Kontroll-Studien, drei Querschnittsstudien, eine Beobachtungsstudie, zwei Pilotstudien und zwei randomisierte Studien [s35].
Ergebnisse. Nach dem Abstract war die Prävalenz von Parodontalerkrankungen bei Infertilen höher als bei Kontrollen [s35]. Für die Männer berichtet der Volltext: Gingivale Entzündung (meist Blutung auf Sondieren) war bei infertilen Männern in allen betrachteten Studien häufiger als bei Kontrollen; schlechtere Parodontalwerte gingen mit niedrigerer Spermienzahl und verminderter Beweglichkeit einher; die Prävalenz von Gingivitis und Parodontitis lag bei Infertilen bei etwa 40 % beziehungsweise 75 %; höherer Attachmentverlust wurde mit geringerer Beweglichkeit, kleinerem Ejakulatvolumen und Morphologieveränderungen verbunden [s35]. Als mögliche gemeinsame Mechanismen nennen die Autoren Insulinresistenz, chronische niedriggradige Entzündung und oxidativen Stress, wie sie auch bei Adipositas, Typ-2-Diabetes und dem polyzystischen Ovarsyndrom vorkommen; Kausalität sei offen [s35].
Stärken. Einbezug beider Geschlechter, diskutierter gemeinsamer Mechanismus (Stoffwechsel und Entzündung).
Schwächen. 4.139 von 4.871 Patienten sind Frauen; für die Männer stützt sich die Arbeit auf dieselben kleinen Studien wie Mortazavi [s24]. Die Gliederung des Abstracts mischt Methoden und Ergebnisse [s35]. Im Zusammenhang mit der Beschreibung von Práger 2017 weicht diese Übersicht von dem Abstract der Originalarbeit ab (99 Infertile und 100 Kontrollen gegenüber 93 Pathospermie und 106 Normozoospermie im Original), ein Hinweis auf Übertragungsfehler in Sekundärquellen [s35, s78].
Narrative Übersichten und Positionsartikel zur Parodontitis und Fortpflanzung [s09, s18, s19, s74, s82]
Fünf weitere Arbeiten sind erzählende Übersichten ohne eigene Daten und ohne systematische Methodik, im Abstract jeweils nur zusammenfassend abgerufen. Sie sind keine eigenständigen Belege, zeigen aber, wie das Thema in der Fachliteratur dargestellt wird.
- Wetzel et al. 2026 (Journal of Dental Research; München, Deutschland): „Infertility and Periodontitis: Are We Connecting the Right Dots?“ [s09]. Beschreibt als mögliche biologische Mechanismen mikrobielle Translokation, chronische Entzündung, Immundysregulation, oxidativen Stress und epigenetische Veränderungen. Bei Männern seien beeinträchtigte Spermienparameter und idiopathische Infertilität mit schlechterem Parodontalstatus verknüpft worden. Die Autoren halten die Studienlage für „weitgehend assoziativ“, begrenzt durch methodische Heterogenität, mangelnde Kontrolle von Störgrößen und fehlende standardisierte Zielgrößen, und schlagen ein Rahmenkonzept für künftige Forschung vor. Schon der Titel stellt die Frage, ob die Punkte richtig verbunden werden; die Arbeit gehört zu den kritischsten der abgerufenen Quellen.
- Krueger et al. 2025 (zahnärztliche Fortbildungszeitschrift): „Periodontal Disease and Infertility: Probing the Depths of This Potential Connection“ [s18]. Erzählende Übersicht ohne Zahlen im abgerufenen Abstract.
- Eastham und Seymour 2015 (Dental Update): „Is oral health a risk factor for sexual health?“ [s82]. Neue Hinweise deuteten darauf, dass Ausmaß und Schwere der Parodontalerkrankung ein Risikofaktor für erektile Dysfunktion, Spermienbeweglichkeit und die Zeit bis zur Empfängnis sein könnten.
- Kurtzman et al. 2025 (Cureus): „Oral Biofilm and Gender-Specific Health Considerations“ [s19]. Bei Männern trete häufiger schwere Parodontitis auf, möglicherweise im Zusammenhang mit testosteronabhängigen Immunreaktionen und Verhalten; genannt werden Assoziationen mit niedrigeren Spermienzahlen, Prostatakrebs und erektiler Dysfunktion.
- Khanna et al. 2017 (gynäkologische Zeitschrift): „Oral Health Status and Fertility Treatment Including IVF“ [s74]. Verweist auf eine begrenzte Zahl von Studien zu männlicher Infertilität und Zahngesundheit; der Schwerpunkt liegt auf Frauen und IVF.
Einordnung. Diese Texte fassen vorhandene Beobachtungsstudien zusammen und tragen keine zusätzliche Evidenz bei. Dass sie überwiegend Zusammenhänge nennen, ohne die Schwächen der Primärstudien zu gewichten, ist ein Merkmal dieser Textgattung (Hinweis dieser Recherche).
Weitere Übersichten zum Umfeld (Frauen und Randgebiete)
Zwei Übersichten betreffen Frauen oder weitere Randgebiete und sind der Vollständigkeit halber aufgeführt: Gazhva et al. 2025 (Sibirien; russisch) beschreiben in einem erzählenden Review das Mundhöhlenmikrobiom mit mehr als 700 Bakterienarten und mögliche Wirkungen auf die weibliche Fortpflanzung; Zahlen enthält der Abstract nicht, Männer kommen nicht vor [s30]. Rusetskaya et al. 2023 (Saratow, Russland) behandeln in einem erzählenden Review die Redox-Regulation der NLRP3-vermittelten Entzündung und Selen; der Abstract nennt Parodontalgewebe unter den Geweben mit Inflammasom-Aktivierung und weist darauf hin, dass Selenmangel zum programmierten Zelltod unter anderem von Spermien beitragen könne. Selenwerte im Blut von 0,86 µM (68 µg/l) oder weniger beeinflussten die Expression von mehr als 250 Genen gegenüber 1,43 µM (113 µg/l). Eigene Daten zu Parodontitis oder Spermienqualität enthält die Arbeit nicht [s41].
Übersichten und Metaanalysen zu Testosteron, erektiler Dysfunktion und Prostata
Diese Arbeiten betreffen nicht die Spermienqualität. Sie sind aufgenommen, weil sie zeigen, wie belastbar Beobachtungsdaten bei besser untersuchten Nachbarfragen sind und weil mehrere Autoren der Parodontitis-Spermien-Literatur diese Nachbarfragen als Argument heranziehen.
Kellesarian et al. 2017: niedriges Testosteron und chronische Parodontitis [s73]
Systematische Übersichtsarbeit (Suche bis Juni 2016, ohne Zeit- und Sprachbeschränkung), acht Studien mit 24 bis 1.838 Männern im Alter von 15 bis 95 Jahren. Testosteron wurde in sieben Studien im Serum, in zwei im Speichel und in einer im Zahnfleisch gemessen. Vier Studien berichteten eine negative Assoziation zwischen Serum-Testosteron und chronischer Parodontitis, zwei einen positiven Zusammenhang zwischen erniedrigtem Serumspiegel und Parodontitis (die Richtungsangaben des Abstracts sind nicht widerspruchsfrei formuliert und werden hier wie dort wiedergegeben), eine fand erhöhtes Speicheltestosteron bei Parodontitis, eine keinen Unterschied; eine Studie zeigte eine gesteigerte Testosteron-Verstoffwechselung im Zahnfleisch. Fazit der Autoren: Die Beziehung zwischen niedrigem Testosteron und chronischer Parodontitis bleibe strittig [s73]. Die Arbeit steht im Gegensatz zu Lecaplain, der bei zwei von drei Studien höhere Testosteronwerte bei Parodontitis fand [s52]; die beiden Übersichten widersprechen sich im Detail, was die Uneinheitlichkeit der Primärlage unterstreicht [s73]. Schwächen: keine Metaanalyse, sehr kleine Teilstudien, gemischte Körperflüssigkeiten und Altersgruppen.
Metaanalysen zu Parodontitis und erektiler Dysfunktion [s48, s66, s76, s80]
Vier Metaanalysen aus den Jahren 2016 bis 2021 poolen Fall-Kontroll- und Querschnittsstudien zu Parodontitis und erektiler Dysfunktion (ED):
| Metaanalyse | Studien | Teilnehmer | gepoolte OR (95-%-KI) | Heterogenität |
|---|---|---|---|---|
| Wang et al. 2016 (Chengdu, China) [s80] | 4 | 38.111 Fälle, 174.807 Kontrollen | 3,07 (1,87 bis 5,05); p < 0,001 | I² = 98 % |
| Liu et al. 2017 (Guangzhou, China) [s76] | 5 (4 Fall-Kontroll, 1 Querschnitt) | 213.006 | 2,28 (1,50 bis 3,48) | I² = 97,8 % |
| Zhou et al. 2019 (Shenzhen, China) [s66] | 5 Fall-Kontroll | 213.076 | 2,85 (1,83 bis 4,46); hohe Qualität und Fall-Kontroll: 2,44 (1,44 bis 4,14); asiatische Männer 3,07 | hoch, in der Sensitivitätsanalyse instabil |
| Farook et al. 2021 (Saudi-Arabien) [s48] | 6 Artikel | 215.008 | 2,56 (1,70 bis 3,85); p < 0,0001 | I² = 98 % |
Stärken. Wang 2016 verwendet zufällige Effekte, Liu 2017 und Zhou 2019 prüfen die Sensitivität; Liu 2017 bewertete die Qualität mit der Newcastle-Ottawa-Skala, und Sensitivitäts- und Subgruppenanalysen stimmten im Wesentlichen überein [s76]. Die gepoolten Odds Ratios liegen in einem engen Bereich von 2,28 bis 3,07 mit Konfidenzintervallen, die die 1 ausschließen.
Schwächen. (1) Der gemeinsame Bestand an Primärstudien ist klein (vier bis sechs Studien), und die großen taiwanesischen Datensätze (Keller 2012, Tsao 2015) dominieren alle Analysen; die vier Metaanalysen sind deshalb keine unabhängigen Bestätigungen, sondern wiederholte Auswertungen derselben Datenbasis [s66, s76, s80]. (2) Die Heterogenität liegt bei 97,8 bis 98 %; ein gepoolter Mittelwert ist damit kaum interpretierbar. Die Autoren von Wang 2016 und Farook 2021 betonen das ausdrücklich und mahnen zur Vorsicht [s48, s80]. (3) Zhou et al. räumen ein, die Evidenz sei wegen hoher Heterogenität und Instabilität in der Sensitivitätsanalyse nicht robust, und wichtige Störgrößen wie Alter und ED-Typ seien nicht berücksichtigt [s66]. Die Bemerkung der Autoren zur Zahnhygiene bei der Behandlung von ED-Patienten ist eine klinische Schlussfolgerung und wird hier nicht übernommen. (4) Die eingeschlossenen Studien beruhen großenteils auf Abrechnungsdaten mit Diagnosekodierung ohne Schweregrad.
Einordnung. Der beobachtete Zusammenhang zwischen Parodontitis und ED ist konsistent in der Richtung, aber sehr heterogen in der Größe. Er wurde durch eine Mendelsche Randomisierung genetisch nicht bestätigt (siehe Abschnitt Beobachtungsstudien) [s43]. Für die Spermienqualität lässt sich daraus nichts direkt ableiten.
Li et al. 2026: Parodontitis und Prostataerkrankungen [s05]
Design. Systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse beobachtender Studien (Suche in PubMed, Embase, Web of Science, Scopus, CENTRAL sowie CNKI und Wanfang bis 31. Juli 2025), mit Subgruppen-, Sensitivitäts- und Publikationsverzerrungsanalysen [s05]. Es wurden 16 Studien eingeschlossen [s05].
Ergebnisse. Parodontitis war mit Prostatakrebs assoziiert (gepoolt HR 1,23; 95-%-KI 1,16 bis 1,29; p < 0,001) und mit benigner Prostatahyperplasie (OR 1,55; 1,41 bis 1,70; p < 0,001). Für Prostatitis lag nur eine Kohortenstudie vor (HR 2,521; 1,685 bis 4,005). Die Wirkung einer Parodontalbehandlung auf die Prostata sei unklar. Alle Studien waren Beobachtungsstudien; die Autoren betonen, die Ergebnisse zeigten Assoziation, nicht Kausalität, und es seien prospektive und mechanistische Studien nötig [s05].
Stärken. Sieben Datenbanken einschließlich chinesischer, Subgruppen- und Sensitivitätsanalysen, Publikationsverzerrung geprüft. Schwächen. Der Abstract nennt keine Heterogenitätsmaße, keine Zahl der Teilnehmer und keine Zuordnung der Studien zu den Endpunkten; die Prostatitis-Schätzung beruht auf einer einzigen Kohorte. Spermienparameter wurden in keiner der Studien gemessen [s05].
Übersichten zum Seminalmikrobiom
Farahani et al. 2021 (Andrology): Metaanalyse mit 55 Beobachtungsstudien [s47]
Design und Methodik. Systematische Übersicht mit Metaanalyse nach PRISMA; durchsucht wurden MEDLINE, OVID und PubMed für englischsprachige Studien von 1992 bis 2019. Eingeschlossen wurden 55 Beobachtungsstudien mit 51.299 Probanden, in denen Bakterien im Samen fertiler und infertiler Männer per Sequenzierung, Kultur oder PCR nachgewiesen wurden [s47].
Ergebnisse. Das Seminalmikrobiom war bei Fertilen und Infertilen reich und vielfältig. Drei Sequenzierungsstudien beschrieben Cluster mit einer vorherrschenden Art, in denen Lactobacillus beziehungsweise Prevotella dominierten; Lactobacillus war mit besseren, Prevotella mit schlechteren Samenparametern verbunden. Bakteriospermie war mit niedrigerer Konzentration und progressiver Beweglichkeit sowie höherem DNA-Fragmentierungsindex verbunden (mittlere Differenz 3,518; 95-%-KI 0,907 bis 6,129; P = 0,008). Ureaplasma urealyticum war bei Infertilen häufiger (OR 2,25; 1,47 bis 3,46) und mit niedrigerer Konzentration und Morphologie verbunden. Für Chlamydia trachomatis fand sich kein Unterschied. Enterococcus faecalis war mit geringerer Gesamtbeweglichkeit, Mycoplasma hominis mit niedrigerer Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie verbunden. Die Autoren bezeichnen die Evidenz zur Wirkung des Seminalmikrobioms auf die Fertilität als nicht schlüssig und halten weitere Studien für nötig [s47].
Stärken. Große Datenbasis, getrennte Auswertung der Erreger, ausdrücklich zurückhaltende Schlussfolgerung. Schwächen. Nur englischsprachige Studien, heterogene Methoden (Kultur, PCR, Sequenzierung), der Abstract nennt kein Heterogenitätsmaß und sagt nicht, wie zwischen Besiedelung und Kontamination unterschieden wurde. Mundkeime sind in den berichteten Ergebnissen nicht als solche ausgewiesen; die Übersicht sagt also nichts über eine orale Herkunft der Bakterien im Samen.
Bazzar et al. 2026 (Biology of Reproduction): systematische Übersicht zum Seminalmikrobiom [s01]
Systematische Übersicht (PubMed, Scopus, ScienceDirect; 2015 bis 2025). Nützliche Gattungen wie Lactobacillus verbesserten nach den Befunden Beweglichkeit, Konzentration und DNA-Integrität, dysbiotische wie Prevotella, Pseudomonas und Ureaplasma gingen mit Verschlechterung einher; Sexualkontakt ermögliche bidirektionalen Keimtransfer; bei HPV-positiven Proben fand sich mehr Fusobacterium. Standardisierte Methoden und Längsschnittstudien seien nötig, um Kausalität zu belegen; die Autoren sehen Probiotika als „vielversprechend“, was ein Urteil der Autoren und keine Empfehlung dieser Studie ist [s01]. Die Teilnehmerzahl ist im Abstract nicht angegeben. Die Arbeit enthält keine Mundproben.
Übersichten zu Quecksilber, Schwermetallen und zahnärztlichen Stoffen
Zu Amalgam im engeren Sinn gibt es keine systematische Übersicht mit Metaanalyse. Die vorhandenen Übersichten betreffen Quecksilber aus allen Quellen (Beruf, Fisch, Umwelt, Zahnamalgam) und sind entsprechend vorsichtig zu lesen.
Systematische Übersichten und Metaanalysen
Henriques et al. 2019 (Quecksilber und menschliche Fortpflanzung) [s62]. Systematische Übersicht nach PRISMA, PubMed, 1975 bis 2017; Zahl der Studien im Abstract nicht angegeben. Erhöhte Quecksilberwerte seien mit Infertilität oder Subfertilität assoziiert, und bei Infertilen ohne erkennbare Ursache seien die Werte in Haar, Blut und Urin höher als bei Fertilen. Quecksilberexposition habe nach der Formulierung des Abstracts Spermien-DNA-Schäden und abnorme Morphologie und Beweglichkeit „induziert“; die Mechanismen seien unbekannt. Einordnung: Die Kausalformulierung („induziert“) geht über das hinaus, was beobachtende Studien tragen, und ist eine Wortwahl der Autoren; die Suche war auf eine Datenbank beschränkt.
Kaur et al. 2024 (potenziell toxische Elemente und männliche Infertilität) [s34]. Systematische Übersicht mit Metaanalyse nach PRISMA (PubMed, Google Scholar, ScienceDirect; Protokoll PROSPERO CRD42023465776; Auswertung mit Review Manager 5.4). Blei im Blut Infertiler gegenüber Gesunden: standardisierte mittlere Differenz (SMD) 0,67 (95-%-KI 0,07 bis 1,28; p = 0,03); Blei im Samen SMD 1,19 (0,42 bis 1,96; p = 0,002); Cadmium im Samen SMD 0,92 (0,54 bis 1,29; p < 0,00001). Für Arsen, Barium und Quecksilber ergaben sich nach dem Abstract keine signifikanten Ergebnisse. Die Zahl der Studien ist im Abstract nicht genannt; Heterogenitätsmaße nennt er nicht. Einordnung: Für Quecksilber im Blut gibt es in der einzigen Metaanalyse zu Metallen keinen signifikanten Unterschied zwischen Infertilen und Kontrollen; die Daten stammen aus Fall-Kontroll-Vergleichen, bei denen Fischverzehr, Rauchen und Beruf Störgrößen sind.
Giulioni et al. 2025 (Schwermetalle, Scoping Review) [s15]. Von 1.709 Studien wurden 21 eingeschlossen; betont werden Blei, Cadmium und Arsen. Die Übersicht ist keine Metaanalyse und kein Wirksamkeitsnachweis; sie kartiert die Literatur.
Erzählende Übersichten zu Quecksilber und Metallen
- Kumar et al. 2022 (Journal of the Turkish-German Gynecological Association; Autoren aus Gujarat, Indien) [s45]. Erzählender Review mit systematischer Suche; mehr als 500 Artikel gefunden, 75 aufgenommen. Er nennt Quecksilber aus Zahnamalgam ausdrücklich als Expositionsquelle und fasst negative Wirkungen auf Samenqualität (Zahl, Beweglichkeit, Morphologie) und möglicherweise Fortpflanzungshormone zusammen, bezeichnet die Humandaten aber als wenige und uneinheitlich. Referiert werden unter anderem eine Studie, in der bei höherem Blutquecksilber Konzentration, Morphologie und Beweglichkeit niedriger, aber nicht signifikant unterschiedlich waren, Befunde ohne Hinweis auf Schäden bei Männern aus Grönland und Europa [s90], höheres Haarquecksilber mit höherer Konzentration, Zahl und Beweglichkeit [s70] und die Studie von Hanf und Kollegen ohne Beziehung zwischen Amalgamfüllungen und Fertilitätsindex [s117]. Über Amalgam schreibt der Review, die Debatte über die Folgen niedriger chronischer Exposition bei Amalgamträgern sei nicht entschieden. Schwächen: keine Gewichtung der Studien; der Abstract spricht von möglicher Toxizität „besonders bei Männern“, während die einbezogenen Humanstudien gemischt sind; die Aussage, es gebe keine bekannte sichere Dosis, ist eine Aussage der Autoren, keine Messung.
- Kushawaha et al. 2025 (Quecksilber und männliche Fortpflanzung, Mechanismen) [s20]. Betont fehlende Standardisierung; keine Zahlen im Abstract.
- Sheiner et al. 2003 (berufliche Expositionen und männliche Fertilität) [s109]. Nennt Blei und Quecksilber als Metalle mit signifikanten Zusammenhängen zu Samenparametern; ohne Zahlen im Abstract, ohne Bezug zu Amalgam.
- Bjørklund et al. 2019 (Mini-Review) [s60]. Quecksilber könne Leydig-Zellen und Samenkanälchen schädigen und Hodendegeneration verursachen; der Autor prüft die Hypothese, dass Quecksilber das Risiko verminderter Fruchtbarkeit erhöht. Nur Abstract.
- Zhu et al. 2000 (Fukui, Japan; endokrine Wirkungen von Quecksilber) [s113]. Für Schilddrüse, Nebenniere, Eierstock und Hoden gebe es ausreichend Hinweise aus Tierversuchen; die Humanstudien, die vor allem Serumhormone betrachteten, hätten keine schlüssigen Daten geliefert, weitere gut geplante epidemiologische Studien seien nötig.
- Sheng et al. 2023 (Zhonghua Nan Ke Xue, englisches Abstract) [s42]. Schwermetalle wie Cadmium, Blei und Quecksilber könnten auch in sehr niedriger Dosis die Fortpflanzung beeinträchtigen; ohne Zahlen, ohne Amalgambezug.
- Weber und de Baat 2000 (Niederlande; „Male fertility. Possibly affected by occupational exposure to mercury“; deutsch: Männliche Fertilität. Möglicherweise durch berufliche Quecksilberexposition beeinträchtigt) [s112]. Quecksilber könne sich in Hypophyse und Hoden ablagern; „evidenzbasierte Forschung ist nötig“.
- Patial et al. 2024 (Fluorid und männliches Fortpflanzungssystem) [s36]. Übersicht zu Fluorosen und höheren Konzentrationen: Histologie- und Biochemieveränderungen, Beeinträchtigung der Spermienqualität, Defekte an Flagellum, Akrosom und Kern, niedrigeres Testosteron. Nicht auf zahnärztliche Fluoridanwendung bezogen.
Übersichten zum zahnärztlichen Beruf und zu Amalgam
- Schuurs 1999 (Reproduktionstoxizität von berufsbedingtem Quecksilber) [s115]. Negative Fortpflanzungswirkungen durch Quecksilber in der Zahnarztpraxis seien „unbewiesen“, sichere Grenzwerte aber nicht festgelegt; Studien zur Quecksilberbelastung bei Männern seien selten. Das Risiko durch Amalgamfüllungen bei Patienten sei wegen der geringen freigesetzten Mengen noch geringer als beim Personal.
- Hörsted-Bindslev 2004 (Amalgamtoxizität, Umwelt- und Berufsrisiken) [s107]. Bei guter Quecksilberhygiene bleibe die Belastung des Personals unter den üblichen toxikologischen Grenzen; Fortpflanzungswirkungen seien dann nicht bewiesen.
- Bates 2006 (epidemiologische Bewertung von Amalgamfüllungen) [s104]. Es gebe wenig direkte Evidenz für Fortpflanzungsgefahren und insgesamt wenige relevante epidemiologische Studien; als Mängel nennt er unzureichende Expositionserfassung über die Zeit und „negatives Confounding“ durch besseren Zahnarztzugang in höheren sozialen Schichten.
- Olfert 2006 (Fortpflanzungsergebnisse beim zahnmedizinischen Personal) [s106]. Die Evidenz für einen Zusammenhang zwischen elementarem Quecksilber und Fehlgeburt, Fehlbildungen und verminderter Fruchtbarkeit sei begrenzt; stärker sei sie für Lachgas.
Einordnung dieser Übersichten. Die Autoren der zahnmedizinischen Übersichten kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass schädliche Fortpflanzungswirkungen durch Amalgam nicht bewiesen sind und dass Daten zur männlichen Fertilität fehlen [s104, s106, s107, s112, s115]. Das ist eine Aussage über die Datenlage, nicht über das Fehlen eines Effekts. Alle diese Übersichten sind erzählend, keine ist auf Spermienparameter bei Amalgamträgern spezialisiert, und die meisten betreffen berufliche Exposition mit weit höheren Dosen als bei Füllungsträgern.
Leitlinien und Lehrbuch
EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health (Ausgabe 2026) [s03]. Die Stichwortsuche im gesamten Leitlinientext (Parodont-, Amalgam-, Quecksilber-, „oral health“, „dental“) ergab genau zwei Treffer: Erstens führt Tabelle 5.1 („Pathophysiology of ED“, Zeile „Mixed pathophysiological pathways“, chronische Systemerkrankungen) „chronic periodontitis“ in einer Aufzählung von Erkrankungen, die mit erektiler Dysfunktion in Verbindung gebracht werden (neben Psoriasis, Gicht, ankylosierender Spondylitis, nichtalkoholischer Fettlebererkrankung, Offenwinkelglaukom, chronisch-entzündlicher Darmerkrankung, chronischem Erschöpfungssyndrom, allergischer Rhinitis, obstruktiver Schlafapnoe und Depression). Zweitens steht im Abschnitt zu schmerzhafter Ejakulation, weitere Fallberichte hätten nahegelegt, dass Quecksilbervergiftung oder Ciguatera-Fischvergiftung schmerzhafte Ejakulation verursachen könnten. Das Kapitel zur männlichen Infertilität enthält keine Aussage zu Parodontitis, Amalgam oder Mundgesundheit.
AUA/ASRM-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung der Infertilität des Mannes (2021) [s53]. Der Abstract von Teil I beschreibt Anamnese, körperliche Untersuchung und Diagnostik und nennt weder Zähne noch Quecksilber. Im Volltext (rund 584 KB Text) kommt „dental caries“ ausschließlich als Merkmal der Mukoviszidose vor; im Literaturverzeichnis stehen zwei zahnmedizinische Titel (zu Mukoviszidose und die Übersicht von Kellesarian 2017 zu Testosteron und Parodontitis [s73]). Quecksilber kommt im Volltext nicht vor.
Weitere Quellen. Auf der abgerufenen ESHRE-Leitlinienseite war keine eigenständige Leitlinie zur männlichen Infertilität verzeichnet; der Inhalt der Leitlinie zur unerklärten Infertilität wurde nicht geprüft. Das AWMF-Register ist eine clientseitig gerenderte Anwendung und ließ sich nicht durchsuchen; über deutsche Leitlinien wird daher nichts behauptet. Auf der Seite der Società Italiana di Andrologia fand eine Schlagwortsuche nach „parodontite“ keinen Treffer. Eine einschlägige Cochrane-Übersicht wurde nicht gefunden: Sieben Europe-PMC-Treffer in der Cochrane Database of Systematic Reviews zu Parodont-, Amalgam- oder „oral health“-Begriffen mit Sperma- oder Subfertilitätsbegriffen betrafen andere Themen.
Lehrbuchkapitel. Das italienische Lehrbuchkapitel „Fattori maschili dei disturbi della fertilità“ (deutsch: Männliche Faktoren der Fertilitätsstörungen; Comhaire et al. 2010, Andrologia clinica) enthält im Volltext keinen der Suchbegriffe „parodont“, „amalgam“, „mercur“, „batteri“ [s98].
Einordnung. Die Leitlinien behandeln das Thema praktisch nicht. Das ist kein Beleg für oder gegen einen Zusammenhang, sondern zeigt, dass er in der klinischen Standardliteratur der Andrologie nicht als etabliert gilt.
Zusammenschau der Übersichtsarbeiten
| Frage | Übersichtsarbeiten | Gepoolte Schätzer? | Kernaussage | Hauptgrenze |
|---|---|---|---|---|
| Parodontitis und Spermienparameter | Mortazavi 2025 (9 Studien, 1.386 Männer); Kellesarian 2018 (7); Lecaplain 2021 (5 von 19); Márquez-Arrico 2024 (6 von 14) | nein | Beweglichkeit, Morphologie, DNA-Fragmentierung eher betroffen, Konzentration uneinheitlich | kleine Querschnittsstudien aus Kinderwunschkliniken, überlappende Quellstudien |
| Parodontitis und ED | Wang 2016, Liu 2017, Zhou 2019, Farook 2021 | ja, OR 2,28 bis 3,07 | konsistent positiv | I² 97,8 bis 98 %, überlappende Datensätze; genetisch nicht bestätigt |
| Parodontitis und Prostata | Li 2026 (16 Studien) | ja, HR 1,23 (Krebs); OR 1,55 (BPH) | positive Assoziation | nur Beobachtung; Prostatitis nur eine Kohorte |
| Parodontitis und Testosteron | Kellesarian 2017 (8 Studien) | nein | strittig | gemischte Richtungen |
| Seminalmikrobiom und Samenqualität | Farahani 2021 (55 Studien, 51.299); Bazzar 2026 | ja (Teilanalysen) | Lactobacillus günstiger, Prevotella, Ureaplasma ungünstiger; „nicht schlüssig“ | Kontamination, keine Mundproben |
| Metalle und Infertilität | Kaur 2024; Henriques 2019 | ja (Kaur) | Blei und Cadmium signifikant, Quecksilber im Blut nicht | Störgröße Fisch, andere Expositionsquellen als Amalgam |
| Amalgam und Spermien | keine spezifische Übersicht | nein | Datenlage fehlt | nur eine kleine Humanstudie [s117] |
Drei Punkte sind für die Gesamtbeurteilung wichtig. Erstens ist die Evidenz zur Kernfrage nach den Übersichten selbst nur „assoziativ“ und durch Heterogenität und Störgrößen begrenzt [s09, s24]. Zweitens überlappen die Übersichten stark; vier Übersichten zu denselben acht bis neun Studien ergeben keine vierfache Evidenz. Drittens fehlt für Amalgam eine eigene Übersicht, sodass jede Aussage zu Füllungsträgern auf einer einzigen kleinen Humanstudie beruht.