Metformin, Statine und weitere Stoffwechselmedikamente · Kapitel 18 von 20

Praktische Einordnung

Dieser Abschnitt ordnet ein, was die Befunde über die Spermienqualität unter diesen Medikamenten aussagen können und was nicht. Er enthält keine Therapieempfehlung und kein Diagnoseverfahren. Fragen zu einer laufenden Medikation oder zu einem unerfüllten Kinderwunsch gehören in ärztliche Hände; eine Medikation sollte nicht aufgrund dieses Textes verändert oder abgesetzt werden.

Was die Daten nicht zeigen. Für keines der fünf im Titel genannten Medikamente liegt in den ausgewerteten Quellen ein belastbarer Nachweis einer Schädigung der Spermienqualität beim Menschen vor, und für keines liegt ein belastbarer Nachweis vor, dass die Spermienqualität sich bessert. Die Datenlage ist dafür zu dünn: Es fehlen kontrollierte Studien mit Samenanalyse für Metformin, Allopurinol und Colchicin, und die einzige placebokontrollierte Studie bei Statinen untersuchte Männer mit normalen Ausgangswerten [s225]. Beide Aussagen, es gebe keinen Hinweis auf Schaden und es gebe keinen Hinweis auf Nutzen, beschreiben die Lücke der Literatur, nicht ein gesichertes „kein Effekt“. Das gilt auch für die Leitlinien: Die AUA/ASRM- und die EAU-Leitlinie führen keines der fünf Medikamente im Kapitel zur männlichen Infertilität als Risikofaktor [s81, s21]; das ist „nicht adressiert“, nicht „kein Effekt“.

Was die Daten zeigen. Einzelne Befunde bestehen, die man als Signale bezeichnen kann und die nach den Quellen weiter geprüft werden sollten. Bei Metformin sind das das Fehlbildungssignal in dänischen Registern (Odds Ratio 1,40), das in anderen Studien und in den Metaanalysen abgeschwächt oder nicht bestätigt wurde [s124, s119, s80, s73, s50, s05], und niedrigere Testosteronwerte in kurzen Studien bei Typ-2-Diabetes [s136, s133]. Bei Statinen sind es kleine Senkungen des Gesamttestosterons in Metaanalysen (mit uneinheitlichem Ergebnis in randomisierten Studien [s63, s145]), einzelne Studien mit Veränderungen von Samenparametern bei Gesunden [s201] und ein Fallbericht [s193]. Bei Colchicin gibt es Fallserien mit Oligo- und Azoospermie ohne Kontrollgruppe [s231, s239], eine Korrelation zwischen Dosis und Beweglichkeit bei 19 Jugendlichen [s168] und ein deutlich negatives Rattenmodell [s56], dem mehrere Übersichten mit dem Fazit gegenüberstehen, Colchicin allein habe vermutlich keine wesentliche direkte schädliche Wirkung [s228, s205, s46]. Bei Allopurinol und Febuxostat zeigt die einzige Studie keine klinisch relevanten negativen Effekte, bei geringer Fallzahl und einer Beweglichkeitsabnahme unter Febuxostat [s69].

Medikament oder Erkrankung. Für die Frage, ob eine Veränderung der Samenqualität vom Medikament oder von der Grunderkrankung stammt, liefern die Studien meist keine Antwort. Typ-2-Diabetes, Adipositas und metabolisches Syndrom gehen nach den Quellen schon für sich mit leicht verminderter Fruchtbarkeit einher [s103, s81]; die Querschnittsstudie aus Russland fand bei Männern mit Typ-2-Diabetes eine Normozoospermie bei 9 gegenüber 24 % bei Männern ohne Diabetes [s126]. Wer Studien an Männern mit und ohne Medikament vergleicht, vergleicht daher häufig auch Männer mit und ohne Erkrankung. Eine eingeschränkte Samenqualität lässt sich aus der Einnahme eines dieser Medikamente deshalb nicht ableiten, und umgekehrt schließt die Einnahme eine Einschränkung aus anderen Ursachen nicht aus.

Hormon, Samen, Schwangerschaft. Hormonwerte (Testosteron, LH, FSH) sind nicht dasselbe wie Spermienqualität, und Spermienqualität ist nicht dasselbe wie eine Schwangerschaft. Die Studien zu Statinen und Metformin messen überwiegend Hormone. In der Metaanalyse von Glina et al. reichte die Absenkung des Gesamttestosterons nach Angabe der Autoren nicht aus, um unter den Normbereich zu fallen [s63]. Eine Aussage über die Wirkung auf die Spermien ist daraus nicht abzuleiten.

Zeitfenster. Die Spermienbildung dauert nach Peel et al. rund 64 Tage [s19]. Studien, die kürzer beobachten, erfassen nur einen Teil des Zyklus; Beobachtungen nach dem Absetzen liegen bei Statinen aus drei Studien vor: Zwei zeigten eine Rückbildung (Azoospermie im Fallbericht, freies Testosteron in der Kohorte [s193, s187]), eine fand nach dem Absetzen mehr Männer mit auffälligen Samenparametern (65 gegenüber 35 % unter Behandlung [s201]); alle sind nicht kontrolliert.

Was die Leitlinien sagen. Die AUA/ASRM-Leitlinie bezeichnet die Evidenz zu den in ihrer Tabelle gelisteten Medikamenten als niedrig und sieht dort außer für Finasterid keinen signifikanten Einfluss; sie verweist darauf, dass Behandelnde bei Sorge um ein bestimmtes Medikament Datenbanken wie REPROTOX heranziehen können [s81]. Die EAU-Leitlinie behandelt Statine im Zusammenhang mit der erektilen Dysfunktion, nicht der Infertilität [s21].

Aussagen der Quellen selbst. Einige Quellen enthalten Empfehlungen oder Wertungen. Sie sind hier nur als Aussagen der Autorinnen und Autoren wiedergegeben und keine Empfehlung dieses Kapitels: Russische Übersichten nennen die Verordnung von Metformin bei Insulinresistenz bis zur Zeugung „obligatorisch“ [s197] und sprechen den modernen Antidiabetika eine überzeugend positive Wirkung auf die Spermatogenese zu, was die Autoren selbst durch große randomisierte Studien bestätigt sehen wollen [s24]; eine Leitlinienwiedergabe nennt für Männer unter Colchicin eine Fortführung vor der Zeugung, außer bei colchicinbedingter Azoospermie oder Oligospermie [s184]; Autoren aus Saudi-Arabien folgern aus Mausdaten, Saxagliptin solle bei jungen männlichen Diabetikern vermieden werden [s92]; die ältere Übersicht von Tavares et al. rät zur Vorsicht bei der Verordnung an junge Diabetiker [s175]; ein russischer Kommentar zur dänischen Kohorte fordert, Patienten über Risiken zu informieren und die Behandlung gemeinsam mit Endokrinologen zu überdenken [s127]. Keine dieser Aussagen beruht auf kontrollierten Studien zur Samenqualität beim Menschen.

Wohin der Blick geht. Wer sich mit der Frage befasst, findet die tragfähigsten Daten dort, wo große Stichproben vorliegen (Register zur väterlichen Metformin-Exposition, Metaanalysen zu Statinen und Testosteron) und wo kontrollierte Studien existieren (Statine bei Hypercholesterinämie). Die Zahl beteiligter Männer ist bei den Studien mit Samenanalyse klein. Für individuelle Fragen – etwa bei unerfülltem Kinderwunsch unter einer Dauermedikation – ersetzt die Literatur eine Untersuchung und Beratung durch Fachärztinnen oder Fachärzte nicht, die Medikation, Grunderkrankung und Befunde gemeinsam betrachten können.

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Metformin: Metaanalysen und systematische Übersichten bis Allopurinol, Harnsäure und Colchicin: Metaanalysen und Übersichten
  5. GLP-1-Rezeptoragonisten und weitere Stoffwechselmedikamente: Übersichten
  6. Metformin: Beobachtungsstudien zur Samenqualität und zur Fruchtbarkeit bis Colchicin: Beobachtungsstudien
  7. Weitere Arbeiten: Stoffwechselsyndrom ohne Medikamentenbezug und ein Statinprotokoll ohne Ergebnisse bis Zusammenfassung des Kapitels
  8. Zur Lesart dieses Kapitels bis Metformin: Tierversuche
  9. Statine: Studien am Menschen bis Colchicin
  10. Weitere Stoffwechselmedikamente und Zusammenschau der Studienlage
  11. Mechanismen und biologische Plausibilität
  12. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  13. Englisch bis Koreanisch
  14. Russisch bis Türkisch
  15. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  16. Limitationen der Evidenz
  17. Offene Forschungsfragen
  18. Praktische Einordnung
  19. Glossar
  20. Quellenverzeichnis
  21. Diagramme
  22. Quellen s01–s117
  23. Quellen s118–s242
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle