Metformin, Statine und weitere Stoffwechselmedikamente · Kapitel 10 von 20 · Studienlage: Klinische Studien, Leitlinien und Tierversuche

Weitere Stoffwechselmedikamente und Zusammenschau der Studienlage

Weitere Stoffwechselmedikamente

Dieser Abschnitt ist bewusst knapper gehalten, weil die Fragestellung im Kern Metformin, Statine, Allopurinol und Colchicin betrifft. Im arabischen Raum fällt ein Muster auf: Zugelassene Antidiabetika (Sitagliptin, Linagliptin, Empagliflozin, Dapagliflozin, Semaglutid) werden als umgewidmete Schutzstoffe gegen Chemotherapeutika, Schwermetalle oder Antiepileptika geprüft und nicht in der Frage, was sie bei Diabetikern mit der Samenqualität machen [s07, s08, s14, s30, s31, s34, s90, s91, s93, s108, s111, s115, s130]. Viele dieser Abstracts nennen keine Zahlen.

GLP-1-Rezeptoragonisten und Tirzepatid.

  • Andersen et al. 2022 [s110] (Teilstudie der S-LITE-Studie, 56 Männer mit Adipositas, BMI 32 bis 43 kg/m²): acht Wochen kalorienarme Kost (800 kcal/Tag), dann 52 Wochen randomisiert zu Placebo, Training, Liraglutid oder Kombination. Der Gewichtsverlust der Diätphase betrug im Mittel 16,5 kg (15,2 bis 17,8); die Spermienkonzentration stieg 1,49-fach (1,18 bis 1,88; p < 0,01), die Gesamtzahl 1,41-fach (1,07 bis 1,87; p < 0,01). Die Verbesserung blieb bei Männern, die das Gewicht hielten, über 52 Wochen bestehen, nicht bei Männern, die wieder zunahmen; Volumen, Beweglichkeit und Zahl beweglicher Spermien änderten sich nicht. Der Anstieg betrifft die diätinduzierte Gewichtsabnahme und nicht Liraglutid allein. Die Autoren berichten Beziehungen zu Novo Nordisk und einer Firma für Fertilitätsprodukte.
  • Gregorič et al. 2025 [s32]: 25 Männer mit Typ-2-Diabetes und funktionellem Hypogonadismus, randomisiert offen auf Semaglutid 1 mg/Woche oder Testosteronundecanoat 1000 mg alle 10 bis 12 Wochen über 24 Wochen; die Ausgangsspermienqualität lag unter dem 5. Perzentil der Referenzwerte. Unter Semaglutid stieg der Anteil normal geformter Spermien von 2 % [2; 3,5] auf 4 % [2; 5,5] (p = 0,012); unter Testosteron sanken Spermienkonzentration und Gesamtzahl signifikant; Semaglutid war dem Testosteron in Morphologie, Konzentration und Gesamtzahl überlegen.
  • Jensterle et al. 2019 [s167]: 30 Männer mit Adipositas und funktionellem Hypogonadismus, 16 Wochen Liraglutid 3 mg oder Testosterongel; Gesamttestosteron +5,9 ± 7,2 nmol/l (Testosteron) gegenüber +2,6 ± 3,5 nmol/l (Liraglutid); unter Liraglutid stiegen LH und FSH; Samenparameter wurden nicht berichtet. La Vignera et al. 2023 [s97]: 110 Männer (18 bis 35 Jahre) mit metabolischem Hypogonadismus, nach Kinderwunsch in drei Gruppen (Gonadotropine, Liraglutid 3 mg, Testosteron transdermal) eingeteilt, vier Monate; die Liraglutid-Gruppe zeigte eine signifikante Besserung konventioneller Samenparameter; die Zuteilung erfolgte nach Wunsch und nicht zufällig.
  • Fontoura et al. 2014 [s199]: Fallbericht einer schädlichen Wirkung von Liraglutid; Peel et al. [s19] beschreiben dazu einen übergewichtigen Mann mit Azoospermie etwa fünf Monate nach Beginn von 0,6 mg Liraglutid täglich und teilweiser Erholung nach dem Absetzen. Die Metaanalyse von Peel nennt für Liraglutid (zwei Datensätze, n = 55) eine Differenz der Konzentration von 0,58 Mio./ml (−24,76 bis 25,91; p = 0,96).
  • Übersichten: Zafrani et al. 2026 [s22] (systematisch; im Abstract acht, im Text sieben Studien) fanden bei Männern mit Adipositas, Typ-2-Diabetes oder funktionellem Hypogonadismus mäßige Testosteronanstiege und Verbesserungen einzelner Samenparameter, bei gesunden eugonadalen Männern keinen Effekt; die Evidenz zu Samenparametern wird als sehr niedrig eingestuft. Deameh et al. 2026 [s06]: 10 Studien mit 639 Männern, Gesamttestosteron stieg durchgängig, besonders bei Adipositas, Typ-2-Diabetes oder funktionellem Hypogonadismus; verbesserte Samenparameter bei adipösen oder hypogonadalen Männern, keine signifikanten Änderungen bei Gesunden. Salvio et al. 2025 [s49]: 7 Studien (n = 680), Gesamttestosteron standardisierte mittlere Differenz 1,39 (0,70 bis 2,09); die Metaregression zeigte eine negative Korrelation zwischen Testosteronänderung und Gewichts- sowie BMI-Änderung, einen direkten Hodeneffekt halten die Autoren für nicht belegbar. Kuchakulla et al. 2026 [s11] und Varnum et al. 2023 [s104] sehen mögliche Verbesserungen bei begrenzter klinischer Evidenz. Klotz 2026 [s10] (deutsch; Titel auf Deutsch: „GLP-1-Rezeptoragonisten in Urologie und Andrologie: Indikationen, Chancen und klinisch relevante Nebenwirkungen“) berichtet als Warnsignal ein 4,5-fach erhöhtes Risiko für neu aufgetretene erektile Dysfunktion bei nicht diabetischen adipösen Männern unter Semaglutid und fordert prospektive Studien mit urologischen Endpunkten.
  • Tyuzikov et al. 2026 [s24]: Die russische Übersicht wertet die Wirkung moderner Antidiabetika auf Spermatogenese und endokrine Hodenfunktion bei Typ-2-Diabetes als überzeugend positiv (Wertung der Autoren); der Volltext schildert einen Fallbericht (42 Jahre, BMI 40,6, Azoospermie, Gesamttestosteron 3,2 nmol/l): Nach 6,3 kg Gewichtsverlust unter Semaglutid in drei Monaten und weiteren 10 kg unter Tirzepatid sank der BMI auf 32,1, das Spermiogramm besserte sich, nach acht Monaten gelang eine natürliche Zeugung.
  • Tierversuche: Exenatid und Liraglutid verbesserten bei adipösen Mäusen Spermienqualität und Hormone [s78, s196], Semaglutid minderte bei diabetischen Tieren Hodenschäden [s26, s84]; Yin et al. 2025 [s52] fanden dagegen, Liraglutid verbessere bei diabetischen Mäusen die Spermienparameter nicht (aber ohne Schaden), und in vitro hatten Liraglutid und Semaglutid keinen Effekt auf Zahl und Beweglichkeit. Albokhadaim 2026 [s01] (60 Ratten, 8 Wochen): Tirzepatid sei Metformin überlegen und weitgehend gewichtsunabhängig wirksam (Autorenaussage; Einzelergebnisse der Metformin-Gruppe fehlen im Abstract). Eine Arbeit zu Liraglutid bei Doxorubicin-Schaden ist als zurückgezogen gekennzeichnet [s88]; ihre Zahlen werden hier nicht wiedergegeben.

SGLT2-Hemmer. Kosinski et al. 2024 [s68]: 26 gesunde Männer, randomisiert doppelblind Placebo oder Empagliflozin 10 mg über vier Wochen; keine erkennbare Änderung von Androgenen, Gonadotropinen und Inhibin B; Samenparameter wurden nicht untersucht. In Mausmodellen des Diabetes verbesserten Dapagliflozin [s67, s99] und Empagliflozin [s74] Spermienkonzentration und Beweglichkeit; der GLP-1-Rezeptor-Antagonist Exendin (9-39) hob die Schutzwirkung von Dapagliflozin auf, ohne den Blutzucker zu ändern [s99]. Bei diabetischen Mäusen brachte Dapagliflozin alle Maße auf Kontrollwerte, Saxagliptin verstärkte dagegen die Abnahme von Zahl und Beweglichkeit [s89, s92]; die Autoren folgern, Saxagliptin „sollte bei jungen männlichen Diabetikern vermieden werden“ (Schluss aus Mausdaten, keine Empfehlung dieses Kapitels). Karaca et al. 2022 [s116] (Dapagliflozin 10 mg/kg, 28 Tage): bis auf die Spermienmorphologie glichen die behandelten Tiere der Kontrolle. Eine zitierte Studie von 2020 [s86] gab 16 Männern mit Adipositas und Typ-2-Diabetes über 12 Monate Dapagliflozin 10 mg zusätzlich zu Metformin: Gesamttestosteron 265 ± 11 gegen 296 ± 27 ng/dl; Samenparameter sind in der Wiedergabe nicht enthalten.

DPP-4-Hemmer. Ein Fallbericht [s208] beschreibt „einen ungewöhnlichen Effekt auf die Samenqualität“ nach Sitagliptin 50 mg bei einem 39-jährigen Arzt mit diabetesbedingter retrograder Ejakulation; die Art der Veränderung nennt der Abstract nicht. Ratten mit Streptozotocin-Diabetes: Sitagliptin senkte bei Kızılay et al. 2021 [s137, s169] Apoptoseindizes und Marker des endoplasmatischen Retikulums, bei Ersoy und Kızılay 2026 [s09] (34 Ratten, Streptozotocin 35 mg/kg mit fettreicher Vordiät) blieben Testosteron, FSH, LH, Johnsen-Score und Apoptoseindizes ohne Unterschied zwischen den Diabetesgruppen; der Unterschied zwischen beiden Studien wird in den Abstracts nicht erklärt. Weitere Arbeiten zu Sitagliptin und Linagliptin gegen Cadmium, Busulfan, Paclitaxel oder Cisplatin berichten Besserungen [s07, s90, s111, s115, s130].

Sulfonylharnstoffe, Glitazone, Fibrate. Gliclazid steigerte bei diabetischen Ratten die Spermienzahl, ohne die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse zu beeinflussen [s173]. Pioglitazon besserte in mehreren Rattenmodellen Spermienqualität und Oxidations- und Apoptosemarker [s102, s113, s155, s172]; Alfarhan et al. 2022 [s109] (diabetische Mäuse, 12 Wochen) fanden dagegen, dass die Aktivierung des PPAR-γ diabetesbedingte Effekte einschließlich oxidativer DNA-Schäden verstärkte, während die Hemmung Hoden- und Nebenhodengewicht und Spermienzahl verbesserte. Rosiglitazon schützte in Zellkultur Sertoli-Zellen [s179] und Eberspermien bei der Lagerung [s176]. Bezafibrat verbesserte bei diabetischen Mäusen Hodenhistologie und Spermienparameter [s75], Fenofibrat Hodengewicht, Testosteron und Histologie in Ischämie-, Cisplatin- und Fettdiätmodellen [s16, s91, s182]. Berberin, ein pflanzlicher Wirkstoff, verbesserte bei diabetischen Ratten die Parameter [s162], senkte aber bei gesunden Mäusen nach 14 Tagen Testosteron, Spermienkonzentration und Fruchtbarkeit [s79]; ein Stoffwechselwirkstoff kann also je nach Modell gegensätzlich wirken.

Hypoglykämie als Mechanismus. Kobayashi et al. 2021 [s138, s139, s140]: Der Glukokinase-Aktivator TMG-123 (Prüfsubstanz) verursachte bei normoglykämischen Sprague-Dawley-Ratten in 5, 20 und 100 mg/kg über 13 Wochen eine dosisabhängige, mehrstündige Senkung der Plasmaglukose, verstreut degenerierte Samenkanälchen, geringere Spermienkonzentration und Beweglichkeit und mehr Fehlbildungen; der Schaden erholte sich in der Erholungsphase nicht; Paarung und Fertilitätsrate waren unauffällig. Bei Goto-Kakizaki-Ratten mit Diabetes trat bei gleicher Exposition keine Hypoglykämie und keine Hodenveränderung auf. Auch Insulin in 100, 200 und 400 E/kg/Tag führte bei normalen Ratten zu einzelnen Tieren unter 50 mg/dl Blutzucker, Samenkanälchendegeneration und bei 400 E/kg zu niedrigerer Konzentration und mehr Fehlbildungen (nur als Tendenz). Die Autoren schließen, die Hodentoxizität sei sekundär durch anhaltende Hypoglykämie bedingt; für die klinische Übertragung bleibt das Hypothese.

Zusammenschau der Studienlage

WirkstoffStärkste HumanevidenzRichtung der Befunde beim MenschenTierversuchLeitlinien
Metforminkleine, meist einarmige Studien [s170, s189, s209]; Registerstudien [s73, s80, s119, s122, s124]Samenparameter: Besserungen ohne Kontrolle; Testosteron: Senkung in kurzen Studien; Fehlbildungen: nach Adjustierung überwiegend unauffälligüberwiegend Schutz im Krankheitsmodell, Nachteile bei Gesunden und in uteronicht adressiert [s21, s81]
Statinerandomisiert, placebokontrolliert [s225]; Cochrane [s145]Samenparameter überwiegend unauffällig, eine Studie mit Auffälligkeiten [s201]; Testosteron leicht niedrigergesunde Tiere hohe Dosis Nachteile, Krankheitsmodell Schutznicht adressiert [s21, s81]
Allopurinol, Febuxostateine prospektive Kohorte [s69]unter Allopurinol unverändert, unter Febuxostat Beweglichkeit niedrigerakute Ischämiemodelle, gemischte Befundenicht adressiert [s21, s81]
ColchicinFallserien, Beobachtungsstudien, Übersichten [s46, s47, s168, s240]uneinheitlich, durch Grunderkrankung verzerrteine Rattenstudie mit deutlichen Schäden [s56]nur FMF-Empfehlungen [s184]
GLP-1-Agonistenkleine Studien, Übersichten [s22, s32, s110]Gewichts- und Testosteroneffekte, Samenparameter sehr niedrige Evidenzüberwiegend Schutz im Modellnicht adressiert
SGLT2-, DPP-4-Hemmer, Sulfonylharnstoffe, Glitazoneeine Hormonstudie [s68]keine Samendatenüberwiegend Schutz, Einzelbefunde gegenläufig [s92, s109]nicht adressiert
Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Metformin: Metaanalysen und systematische Übersichten bis Allopurinol, Harnsäure und Colchicin: Metaanalysen und Übersichten
  5. GLP-1-Rezeptoragonisten und weitere Stoffwechselmedikamente: Übersichten
  6. Metformin: Beobachtungsstudien zur Samenqualität und zur Fruchtbarkeit bis Colchicin: Beobachtungsstudien
  7. Weitere Arbeiten: Stoffwechselsyndrom ohne Medikamentenbezug und ein Statinprotokoll ohne Ergebnisse bis Zusammenfassung des Kapitels
  8. Zur Lesart dieses Kapitels bis Metformin: Tierversuche
  9. Statine: Studien am Menschen bis Colchicin
  10. Weitere Stoffwechselmedikamente und Zusammenschau der Studienlage
  11. Mechanismen und biologische Plausibilität
  12. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  13. Englisch bis Koreanisch
  14. Russisch bis Türkisch
  15. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  16. Limitationen der Evidenz
  17. Offene Forschungsfragen
  18. Praktische Einordnung
  19. Glossar
  20. Quellenverzeichnis
  21. Diagramme
  22. Quellen s01–s117
  23. Quellen s118–s242
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle