Dieser Abschnitt ist knapper gehalten, weil die Fragestellung im Kern Metformin, Statine, Allopurinol und Colchicin betrifft. Die Übersichten zu GLP-1-Rezeptoragonisten sind wegen der Kürze der Datenlage trotzdem aufgeführt, weil sie in der Gesamtdiskussion häufig als Vergleich dienen.
Salvio und Mitarbeitende 2025 [s49]: GLP-1-Rezeptoragonisten und testikuläre Dysfunktion, systematische Übersicht mit Metaanalyse (Andrology). Autorengruppe aus Ancona. Gesucht wurde in PubMed, Embase und Scopus nach Wirkungen auf Hormone, Samenparameter und erektile Funktion bei übergewichtigen und adipösen Männern; es wurden Vorher-Nachher-Analysen und Vergleiche mit anderen Antidiabetika oder Gewichtssenkern ausgewertet. Sieben Studien (n = 680) gingen in die quantitative Analyse ein. GLP-1-Agonisten steigerten das Gesamttestosteron signifikant (standardisierte mittlere Differenz 1,39 ng/ml; 95-%-Konfidenzintervall 0,70 bis 2,09; p < 0,0001); freies Testosteron, SHBG, LH und FSH stiegen ähnlich, Gewicht, Body-Mass-Index, Taillenumfang und HbA1c sanken. Die Metaregression zeigte eine negative Korrelation zwischen der Testosteronänderung und der prozentualen Änderung von Gewicht und Body-Mass-Index. Die Autoren halten einen direkten Hodeneffekt nach der Literaturlage für nicht belegbar. Schwächen: nur sieben, großenteils nicht randomisierte Studien; Heterogenität im abgerufenen Abstract nicht genannt; Hormone als Schwerpunkt, Samenparameter nur am Rande. Einordnung: Der Befund passt zu einem überwiegend gewichtsvermittelten Testosteronanstieg.
Deameh und Mitarbeitende 2026 [s06]: GLP-1-Agonisten, Hormone, Samenparameter und Stoffwechsel, systematische Übersicht (Journal of Sexual Medicine, Autorengruppe aus Jordanien). Gesucht wurde in PubMed, Embase, Scopus und Web of Science bis April 2025 (Berichtsweise nach PRISMA); eingeschlossen waren randomisierte Studien und Kohortenstudien an erwachsenen Männern (Liraglutid, Semaglutid, Dulaglutid, Exenatid); die Verzerrung wurde mit RoB 2 und ROBINS-I bewertet. Zehn Studien mit zusammen 639 Männern. Das Gesamttestosteron stieg durchgängig, besonders bei Adipositas, Typ-2-Diabetes oder funktionellem Hypogonadismus; das freie Testosteron war uneinheitlich (oft durch steigendes SHBG aufgewogen); LH und FSH blieben erhalten oder stiegen, anders als unter Testosterontherapie als Vergleich. Verbesserte Samenparameter wurden bei adipösen oder hypogonadalen Männern berichtet, bei Gesunden fanden sich keine signifikanten Änderungen. Die Autoren sehen eine mögliche fertilitätsschonende Alternative zur Testosterontherapie (Autorenaussage) und fordern längere kontrollierte Studien mit standardisierten Fertilitätsmaßen. Schwächen: Keine Zahlen zu Samenparametern im Abstract, keine Metaanalyse. Einordnung: Der Befund unterscheidet Männer mit Stoffwechselstörung (Besserung) und Gesunde (kein Effekt).
Zafrani, Khan und Zitzmann 2026 [s22]: „Metabolic Reversal of Functional Hypogonadism? GLP-1 Receptor Agonists and Male Reproductive Endocrinology: A Systematic Review“. Gesucht wurde in PubMed/MEDLINE, Cochrane und Google Scholar (Januar 2021 bis Januar 2026, PRISMA 2020). Der Abstract nennt acht Studien (eine randomisierte placebokontrollierte Crossover-Studie und sechs Beobachtungs- oder Interventionsstudien; das ergibt sieben, ein Widerspruch innerhalb des Abstracts, den die Recherche dieser Studie festgestellt hat). Bei Männern mit Adipositas, Typ-2-Diabetes oder funktionellem Hypogonadismus waren GLP-1-Agonisten mit mäßigen Testosteronanstiegen und mit Verbesserungen von Erektionsfunktion oder einzelnen Samenparametern verbunden; in einer placebokontrollierten Studie an gesunden eugonadalen Männern zeigten sich keine signifikanten endokrinen oder reproduktiven Effekte. Die Wirkung scheine vom Stoffwechselzustand abzuhängen. Die Evidenz zu Samenparametern wird im Volltext als sehr niedrig eingestuft. Schwächen: nur sieben bis acht Studien, Google Scholar als Quelle, keine Zahlen im Abstract.
Kuchakulla und Mitarbeitende 2026 [s11]: „Impact of GLP-1 Receptor Agonists on Male Fertility: Emerging Evidence and Future Directions“ (Urology). Gesucht wurde in PubMed, MEDLINE und Embase bis 31. Mai 2025; 16 klinische Studien erfüllten die Kriterien. GLP-1-Rezeptoren seien in männlichem Fortpflanzungsgewebe vorhanden; in Nagermodellen mit Adipositas oder Diabetes förderten GLP-1-Agonisten Spermatogenese, Hormonprofil und Spermienfunktion (über cAMP/PKA und PI3K/Akt); im Zellversuch verbesserten sich Beweglichkeit und Stoffwechsel der Sertoli-Zellen. Begrenzte klinische Studien deuteten auf Verbesserungen von Samenparametern und Testosteron bei adipösen hypogonadalen Männern, bei heterogenen Ergebnissen. Die Autoren halten einen günstigen Effekt bei Stoffwechselstörung für wahrscheinlich, die klinische Evidenz aber für begrenzt. Keine Zahlen im Abstract.
Varnum und Mitarbeitende 2023 [s104]: „Impact of GLP-1 Agonists on Male Reproductive Health: A Narrative Review“ (Medicina). Nicht systematische Übersicht (PubMed, englischsprachig, bis November 2023). GLP-1-Rezeptoren seien im männlichen Fortpflanzungssystem nachgewiesen; bei adipösen Männern könnten GLP-1-Agonisten im Zellversuch Spermienstoffwechsel und Beweglichkeit und die menschlichen Sertoli-Zellen günstig beeinflussen; klinische Studien zeigten, dass der mit GLP-1-Agonisten verbundene Gewichtsverlust mit besseren Spermienzahlen, -konzentration und -beweglichkeit einhergehe; der direkte Einfluss auf Hormone bleibe unklar. Die Autoren sehen die Wirkstoffe als vielversprechenden Ansatz bei adipösen Männern und fordern Studien mit längerer Nachbeobachtung. Keine Zahlen.
Klotz 2026 [s10]: [GLP-1 Receptor Agonists in Urology and Andrology: Indications, Opportunities and Clinically Relevant Adverse Effects] (Zentralblatt für Chirurgie). Der Titel liegt in der Datenbank nur als englische Übersetzung vor; deutsch: GLP-1-Rezeptoragonisten in Urologie und Andrologie: Indikationen, Chancen und klinisch relevante Nebenwirkungen. Erzählende Übersicht auf Grundlage einer systematischen PubMed-Suche (2020 bis 2026). Sie berichtet Gewichtsabnahmen von bis zu 22 % unter Semaglutid, Liraglutid und Tirzepatid, einen Anstieg des Gesamttestosterons und eine Besserung der Erektion bei Männern mit adipositasbedingtem Hypogonadismus, Nierenschutz und Signale eines geringeren Prostatakrebsrisikos in epidemiologischen Studien. Als Warnsignale nennt sie ein 4,5-fach erhöhtes Risiko für neu aufgetretene erektile Dysfunktion bei nicht diabetischen adipösen Männern unter Semaglutid, neue urologische Nebenwirkungen in Fallberichten und perioperative Aspirationsrisiken. Die Arbeit fordert (Aussage der Quelle) systematisches andrologisches Monitoring und prospektive Studien mit urologischen Endpunkten. Zur Samenqualität enthält der Abstract keine Zahlen.
Capelo und Mitarbeitende 2024 [s58]: „Effects of major analgesics on male fertility: A systematic literature review“ (JBRA Assisted Reproduction). Randbefund zu Analgetika, hier nur geführt, weil die Arbeit über die Datenbanken SciELO und LILACS in portugiesischer, spanischer und englischer Sprache gesucht hat (Studien vom 1. März 2013 bis 31. März 2023). Es gebe In-vitro- und In-vivo-Studien, die Paracetamol und Ibuprofen mit endokrinen und Samenveränderungen verbinden, die der Fruchtbarkeit schaden; die Wirkung von Acetylsalicylsäure sei wegen fehlender Studien und uneinheitlicher Methodik unklar; zu Metamizol gebe es zu wenig Forschung. Keine Zahlen. Die fünf Stoffe dieser Studie behandelt die Arbeit nicht.
Leitlinien. Zwei Leitlinien wurden im Volltext durchsucht.
- Schlegel und Mitarbeitende 2024 [s81]: AUA/ASRM-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung der Infertilität beim Mann (2020, ergänzt 2024). Tabelle 8 fasst Risikofaktoren zusammen. Zu den Medikamenten steht im englischen Original: „There is low quality evidence for the medications listed in Table 8, none of which had any significant impact except for finasteride, which has been associated with decreased semen volume and appears to be dose-dependent.“ (Sinngemäß: Evidenz niedriger Qualität; außer für Finasterid, das mit verringertem Samenvolumen verbunden und dosisabhängig zu sein scheint, kein signifikanter Einfluss.) Bei Sorge um den Einfluss eines bestimmten Medikaments könnten Behandelnde Datenbanken wie REPROTOX heranziehen. Aufgeführt sind antirheumatische Medikamente (Thiopurine), Finasterid, Methotrexat und Kortikosteroide; Metformin, Statine, Allopurinol und Colchicin kommen in der Tabelle nicht vor. Für „Adipositas mit oder ohne metabolisches Syndrom“ lautet die Zusammenfassung: leicht verminderte Fruchtbarkeit.
- Salonia und Mitarbeitende 2026 [s21]: EAU-Leitlinie zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit (begrenzte Aktualisierung März 2026). Die Suchbegriffe Metformin, Statin, Allopurinol und Colchicin finden sich in sieben Textzeilen des Volltexts: Statine im Zusammenhang mit der erektilen Dysfunktion (Algorithmus zur Risikoeinschätzung und die Aussage, frühere Metaanalysen hätten eine Verbesserung der Erektionsfunktion gezeigt), die dazugehörigen Literaturangaben sowie Thiocolchicin in einer Literaturangabe zur Induratio penis plastica. Im Kapitel zur männlichen Infertilität kommt keines der fünf Medikamente vor.
Beide Leitlinien behandeln die Stoffe also nicht; das ist als „nicht adressiert“ zu lesen, nicht als „kein Effekt“. Eine AWMF-Leitlinie zur männlichen Infertilität konnte in der Recherche nicht abgerufen werden.
Gesamteinordnung der Übersichten. Von den hier geführten zusammenfassenden Arbeiten stellt keine eine gepoolte Wirkung von Metformin, Statinen, Allopurinol oder Colchicin auf Konzentration, Beweglichkeit oder Morphologie der Spermien beim Menschen fest. Gepoolt sind nur Testosteron (Statine, GLP-1-Agonisten), Fehlbildungen der Nachkommen (Metformin) und, in einer Teilanalyse von zwei Studien, Metformin und Samenparameter [s19]. Die Übersichten benennen übereinstimmend dieselben Grenzen: kleine Studien, fehlende Kontrollgruppen, die Grunderkrankung als Störgröße und die Abhängigkeit des Befunds vom Stoffwechselzustand der Untersuchten. Diese Grenzen gelten auch für die nachfolgenden Beobachtungsstudien.