Die Einstufung folgt einem einfachen Raster, das im Abschnitt „Aufbau und Methodik“ erklärt ist. Evidenzstärke beschreibt die Art der verfügbaren Studien (hoch, mittel, niedrig, sehr niedrig). Gewissheit beschreibt, wie sicher die Aussage selbst ist. Beides sind Einschätzungen der Autorenschaft dieser Studie nach dem Prinzip der GRADE-Methodik, keine formalen GRADE-Bewertungen. Wo eine Quelle selbst eine Einstufung nennt, ist das angegeben.
- Die Literatur ist breit, aber am Menschen dünn. Von 242 Quellen sind rund 110 Tierversuche, 14 reine Zell- oder In-vitro-Studien, 6 Mendelsche Randomisierungen, 4 Fallberichte und 2 Leitlinien; etwa 20 sind systematische Übersichten oder Metaanalysen. Studien am Mann mit gemessenen Samenwerten sind überwiegend klein. Evidenzstärke für die Frage am Menschen: niedrig. Gewissheit: hoch, dass die Datenlage dünn ist.
- Es gibt keine placebokontrollierte Studie mit Samenanalyse für Metformin, Allopurinol, Febuxostat oder Colchicin. Für Statine gibt es eine einzige [s225], für GLP-1-Rezeptoragonisten eine Placebogruppe in einer Diätstudie, deren Effekt die vorgeschaltete Gewichtsabnahme überlagert [s110]. Evidenzstärke: sehr niedrig bis niedrig. Gewissheit der Lücke: hoch, soweit die durchsuchten Datenbanken reichen.
- Metformin und Samenwerte beim Menschen: Hinweise auf Besserung, aber nur aus kleinen, unkontrollierten Studien. Morgante (45 Männer, ohne Kontrollgruppe), Bosman (34 Männer, mit Nahrungsergänzung) und La Vignera (79 Männer, Metformin zusätzlich zu FSH) berichten Verbesserungen [s209, s189, s170]. Die Metaanalyse von Peel fasst nur zwei Studien mit zusammen 63 Männern zusammen: Die Spermienkonzentration unterschied sich nicht (mittlere Differenz 1,28 Millionen pro Milliliter; 95-%-Konfidenzintervall −5,07 bis 7,62; I² = 74,2 %), die normale Morphologie lag um 4,40 Prozentpunkte höher (1,94 bis 6,86) [s19]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: sehr niedrig.
- Metformin in Zellversuchen: gegensätzliche Befunde, teils ein Dosiseffekt. Menschliche Spermien wurden bei 40 und 80 µM aktiviert [s163], bei 10 mM dagegen in der Beweglichkeit gehemmt [s165]; in kapazitierendem Medium wirkten 40 und 80 µM hemmend [s13]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: sehr niedrig.
- Metformin und Testosteron: in kurzen Studien am Mann sinkt das Testosteron. Nach einem Monat lag das Gesamttestosteron unter Insulin plus Metformin bei 12,7 gegenüber 15,3 nmol/l unter Insulin allein (70 Männer, randomisiert) [s136]; eine zweite Analyse fand dasselbe Muster [s133]. Samenwerte wurden nicht erhoben. Evidenzstärke: niedrig bis mittel. Gewissheit: niedrig.
- Väterliches Metformin und Fehlbildungen beim Kind: ein Signal, das bei besserer Anpassung verschwindet. Dänische Registerstudien fanden ein angepasstes Odds Ratio von je 1,40 [s124, s119]; Israel 1,00 (0,76 bis 1,31) [s80]; Norwegen und Taiwan gepoolt 0,89 (0,77 bis 1,03) [s73]; die Metaanalyse von vier Studien 1,05 (0,95 bis 1,17; I² = 76,9 %) [s50] beziehungsweise ein Risikoverhältnis von 1,03 (0,88 bis 1,21) [s05]. Dies betrifft die Kinder, nicht die Samenwerte. Evidenzstärke: mittel. Gewissheit: niedrig.
- Statine und konventionelle Samenwerte: überwiegend unauffällig, mit einem Gegenbefund. Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie (159 Männer, Simvastatin oder Pravastatin, 24 Wochen) [s225], eine systematische Übersicht über vier Studien mit 161 Männern [s129] und eine Auswertung von 7.816 Männern einer Kinderwunschklinik [s181] fanden keine klinisch relevanten Nachteile. Dagegen sank in einer Pilotstudie mit 17 gesunden Männern unter Atorvastatin die Gesamtspermienzahl um 31 % [s201]; ein Fallbericht beschreibt eine vorübergehende Azoospermie unter Rosuvastatin [s193]. Evidenzstärke: mittel. Gewissheit: niedrig bis moderat für „keine große Wirkung bei Männern mit Hypercholesterinämie“; sehr niedrig für Gesunde und für Männer mit bereits eingeschränkter Samenqualität.
- Statine und Testosteron: eine kleine Senkung, deren Bedeutung offen ist. Die Metaanalyse von Glina fand bei fünf randomisierten Studien eine Senkung um 13,12 ng/dl (1,16 bis 25,08), bei allen 15 prospektiven Studien um 9,11 ng/dl; die Cochrane-Übersicht fand bei Männern keinen signifikanten Unterschied (−0,20 nmol/l; −0,77 bis 0,37) und stufte die Evidenz als niedrig bis sehr niedrig ein [s63, s145]. Evidenzstärke: mittel. Gewissheit: niedrig.
- Allopurinol und Febuxostat: eine einzige kleine prospektive Studie. Von 49 Männern mit Gicht beendeten 40 die dreimonatige offene Beobachtung. Unter Allopurinol blieben die Samenwerte unverändert, unter Febuxostat sank die Beweglichkeit (33,6 gegenüber 48,4 %; p = 0,033), die Gesamtzahl beweglicher Spermien nicht; die DNA-Integrität und die Hormone blieben in allen Gruppen unverändert [s69]. Ob erhöhte Harnsäure selbst schadet, ist widersprüchlich: Querschnittsstudien sind auffällig [s118, s180], die Mendelsche Randomisierung nicht [s71]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: sehr niedrig.
- Colchicin: alte, kleine Studien ohne Kontrollgruppe, aber ein beruhigender neuer Befund. Unter 19 Jugendlichen mit familiärem Mittelmeerfieber hatten nur 8 (42,1 %) normale Samenwerte, die Beweglichkeit war bei höherer Colchicin-Dosis niedriger [s168]; bei Morbus Behçet fanden sich Oligonekrospermie bei 37,1 % und Azoospermie bei 3,2 % [s231]. Dagegen erreichten in einer Befragung von 282 Männern mit familiärem Mittelmeerfieber 177 von 180 mit Kinderwunsch (98,3 %) eine Schwangerschaft [s47], und die Metaanalyse der EULAR-Empfehlungen fand keine erkennbaren Unterschiede bei der männlichen Fruchtbarkeit, mahnt aber bessere Studien an [s46]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: sehr niedrig.
- GLP-1-Rezeptoragonisten: Besserung bei adipösen oder hypogonadalen Männern, kaum trennbar vom Gewichtsverlust. Eine systematische Übersicht (10 Studien, 639 Männer) fand durchgängig höheres Gesamttestosteron und bei adipösen oder hypogonadalen Männern teils bessere Samenwerte, bei Gesunden keine [s06]; die Metaanalyse von sieben Studien mit 680 Männern bestätigt den Testosteronanstieg und sieht keinen belegbaren direkten Hodeneffekt [s49]; die Übersicht von Zafrani stuft die Evidenz zu Samenparametern als sehr niedrig ein [s22]. Ein Fallbericht beschreibt eine Azoospermie unter Liraglutid [s199]. Evidenzstärke: niedrig bis mittel. Gewissheit: sehr niedrig für Samenwerte, niedrig für Testosteron.
- Tierversuche: Schutz im Krankheitsmodell, Nachteile bei Gesunden, hohen Dosen und pränataler Exposition. In Mäusen und Ratten mit Diabetes, Adipositas oder Vergiftung bessern Metformin, Atorvastatin, GLP-1-Rezeptoragonisten, SGLT2- und DPP-4-Hemmer meist Hoden- und Spermienmerkmale. Gegenbefunde: Metformin bei gesunden Ratten [s51], Rosuvastatin bei gesunden Ratten und Mäusen [s101, s60], Colchicin bei Ratten [s56], Metformin im Mutterleib [s134]. Evidenzstärke für den Menschen: sehr niedrig. Gewissheit: niedrig; die Übertragbarkeit von Dosis und Modell ist ungeklärt.
- Die Grunderkrankung ist von der Medikation kaum zu trennen. Männer mit Typ-2-Diabetes hatten eine niedrigere Normozoospermierate (9 gegenüber 24 %), niedrigere Konzentration und niedrigeres Testosteron als Männer ohne Diabetes; der Metformin-Anteil unterschied sich zwischen Männern mit normalen und mit auffälligen Samenwerten nicht (55 gegenüber 49 %) [s126]. Das Signal der Registerstudien schwächt sich bei besserer Anpassung ab [s73, s80]. Evidenzstärke: mittel. Gewissheit: moderat.
- Hypoglykämie als eigener Mechanismus. Japanische Rattenstudien führen die Hodendegeneration unter einem Glukokinase-Aktivator und unter hohen Insulindosen auf anhaltend niedrigen Blutzucker zurück; in diabetischen Ratten ohne Hypoglykämie blieb der Hoden unauffällig [s140, s139, s138]. Für den Menschen ist das eine Hypothese. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: sehr niedrig.
- Die Leitlinien äußern sich zu den fünf Kernmedikamenten nicht. Die AUA/ASRM-Leitlinie (Fassung 2024) nennt Medikamente nur mit niedriger Evidenzqualität und hebt Finasterid hervor; die EAU-Leitlinie (begrenzte Aktualisierung März 2026) behandelt Statine nur im Zusammenhang mit der erektilen Dysfunktion [s81, s21]. Evidenzstärke: nicht anwendbar. Gewissheit: hoch, dass die Medikamente nicht behandelt werden.
Eine Konsequenz für die Lektüre: Wo diese Studie „keine Wirkung“ schreibt, heißt das „in den vorliegenden, meist kleinen Studien kein Unterschied nachweisbar“ und nicht „bewiesen unschädlich“. Wo sie „Verbesserung“ schreibt, heißt das „in dieser Studie beobachtet“ und nicht „belegter Nutzen“.