Statine: Studien am Menschen
Die ältere Literatur entstand aus Zulassungs- und Sicherheitsfragen, weil Cholesterin der Ausgangsstoff der Steroidhormone ist. Sie ist in sich weitgehend konsistent.
Randomisierte und kontrollierte Studien.
- Farnsworth et al. 1987 [s238]: 16 Männer mit Hyperlipoproteinämie Typ II, randomisierte doppelblinde Crossover-Studie mit Lovastatin und Neomycin; gemessen wurden Testosteron, Prolaktin, LH, FSH, LHRH-stimulierte Gonadotropine, Hodengröße und Samenanalysen. Befund: kein Hinweis auf nachteilige Wirkungen auf die Hodenfunktion trotz deutlicher Änderungen der Lipoproteine.
- Dobs et al. 1993 [s235]: 64 Menschen mit Hypercholesterinämie (61 % Männer), randomisierte doppelblinde Studie mit Pravastatin 20 bis 80 mg über 24 Monate gegen Cholestyramin oder andere Lipidsenker. LDL-Cholesterin −42 % (± 3) gegenüber −44 % (± 1). Basales Testosteron und die Testosteronantwort auf hCG blieben unverändert. In der Teilgruppe mit Samenanalyse (n = 14) war die Beweglichkeit nach 6 und 12 Monaten in beiden Behandlungsgruppen etwas vermindert (p < 0,05); die Autoren sehen die Änderungen nicht als statinspezifisch.
- Stein et al. 1999 [s226]: 132 Jungen (10 bis 17 Jahre) mit familiärer Hypercholesterinämie, randomisiert gegen Placebo, Lovastatin 10, 20 und 40 mg täglich; LDL-Cholesterin −17 %, −24 % und −27 % (p < 0,001). Wachstum, Tanner-Stadium und Hodenvolumen unterschieden sich nach 24 Wochen (p = 0,85) und 48 Wochen (p = 0,33) nicht von Placebo; die Studie war nach Angabe der Autoren für Sicherheitsparameter zu klein.
- Dobs et al. 2000 [s225]: 159 Männer (21 bis 55 Jahre) mit Hypercholesterinämie, randomisiert auf Simvastatin 20 mg (n = 40), 40 mg (n = 41), Pravastatin 40 mg (n = 39) oder Placebo (n = 39) über 24 Wochen. Gesamtcholesterin −24 bis −27 %, LDL −30 bis −34 % (p < 0,001). Kein signifikanter Unterschied zu Placebo bei Testosteron, hCG-stimuliertem Testosteron, freiem Testosteronindex, FSH, LH, SHBG; nach 12 und 24 Wochen auch nicht bei Spermienkonzentration, Ejakulatvolumen und Beweglichkeit. Die Autoren fanden keinen Beleg für klinisch bedeutsame Wirkungen. Das ist die größte placebokontrollierte Studie mit Samenanalyse. Einschränkung: Die Teilnehmer waren Männer mit Hypercholesterinämie und normalen Ausgangswerten der Hodenfunktion; die Befunde gelten nicht ohne Weiteres für Männer mit bereits eingeschränkter Samenqualität.
- Wiegman et al. 2004 [s221]: 214 Kinder (8 bis 18 Jahre), Pravastatin 20 bis 40 mg gegen Placebo über zwei Jahre; LDL −24,1 % gegenüber +0,3 % (p < 0,001); keine Unterschiede bei Wachstum, Endokrinum, Tanner-Stadium und Hodenvolumen.
Einarmige und kleine klinische Studien.
- Purvis et al. 1992 [s236]: 19 Männer mit familiärer Hypercholesterinämie, Simvastatin 40 mg über 14 Wochen, einfach verblindet; LDL −45 %, Triglyzeride −30 %, HDL +15 %. Keine signifikante Änderung der Spermienqualität, der Sekretprodukte der Geschlechtsdrüsen im Samenplasma oder der Serumhormone.
- Bernini et al. 1994 [s233]: acht Männer, Simvastatin 10 mg über 6 Monate; keine Änderung der hCG-, ACTH- und CRH-Tests.
- Azzarito et al. 1996 [s229]: acht Männer, Simvastatin 20 mg bis 12 Monate; freies Testosteron (basal und hCG-stimuliert) nach 6 und 12 Monaten signifikant niedriger, aber im Normbereich, keine Beschwerden; LH, FSH und andere Hormone unverändert.
- Bernini et al. 1998 [s227]: acht Männer, Pravastatin 20 mg über 6 Monate; Gesamtcholesterin −20,3 %, LDL −24,6 %, Apolipoprotein B −10,5 %, Apolipoprotein A1 +16,1 %; keine Änderung von Beweglichkeit, Morphologie und Spermienzahl.
- Pons-Rejraji et al. 2014 [s201]: 17 gesunde, normocholesterinämische, normozoosperme Männer, Atorvastatin 10 mg über fünf Monate, Messungen vor, während und drei Monate nach der Einnahme. LDL-Cholesterin −42 % und Gesamtcholesterin −24 % (p < 0,0001). Während und/oder nach dem Absetzen änderten sich zahlreiche Samenparameter: Gesamtzahl der Spermien −31 % (p < 0,05), Vitalität −9,5 % (p < 0,05), Gesamtbeweglichkeit +7,5 % (p < 0,05), Abnormitäten an Kopf, Hals und Mittelstück (p < 0,05) und die Kinetik der Akrosomreaktion (p < 0,05). Saure Phosphatase (p < 0,01), α-Glukosidase (p < 0,05) und L-Carnitin (p < 0,05) im Samenplasma sanken. Mindestens ein auffälliger Samenparameter fand sich bei 35 % der Teilnehmer unter der Behandlung und bei 65 % nach dem Absetzen. Die Autoren bezeichnen Atorvastatin in ihrer Studie als nicht sicher und nennen es die erste Beobachtung einer signifikanten Wirkung bei Gesunden. Stärken: prospektiv, umfassende Samenanalyse, Beobachtung nach dem Absetzen. Schwächen: nur 17 Männer, keine Kontrollgruppe, keine Angabe, ob die Veränderungen außerhalb der biologischen Schwankung der Einzelwerte liegen; die Beweglichkeit stieg, die Zahl fiel, das Bild ist nicht einheitlich. Mit [s225] (159 Männer, davon 39 unter Placebo, keine Wirkung auf Samenparameter) bildet [s201] den zentralen Widerspruch der klinischen Statinliteratur; die Unterschiede liegen in Wirkstoff, Population (Gesunde mit normalem Cholesterin gegenüber Hypercholesterinämikern) und Studiengröße.
Hormonstudien ohne Samenanalyse.
- Krysiak und Okopień: In [s200] (15 Männer mit koronarer Herzkrankheit, Rosuvastatin 20 bis 40 mg) sank das Testosteron nur mäßig, die Gonadotropine stiegen. In [s192] (26 Männer) senkte der Wechsel von hochdosiertem Statin auf Ezetimib plus niedrigere Statindosis das LH um 32 % (p = 0,043) und erhöhte das Testosteron um 20 % (p = 0,038).
- Hsieh und Huang 2016 [s187] (151 Männer mit Typ-2-Diabetes und Hypercholesterinämie; Rosuvastatin sechs Monate, Messung sechs Monate nach dem Absetzen): Gesamtcholesterin 198,1 ± 28,1 vor, 147,1 ± 22,8 unter und 205,2 ± 25,6 mg/dl nach dem Absetzen; LDL 121,3, 75,4 und 124,9 mg/dl. Berechnetes freies Testosteron 22,4 ± 3,1 vor, 20,9 ± 2,8 unter und 22,6 ± 2,6 ng/ml nach dem Absetzen (p = 0,006); der Erektionsscore SHIM blieb unverändert (16,3; 16,0; 16,3; p = 0,944). Keine Kontrollgruppe, das freie Testosteron ist berechnet.
- Chihaoui et al. 2024 [s59] (60 Männer mit Typ-2-Diabetes, Atorvastatin 40 mg sechs Monate): Gesamttestosteron 15,1 auf 12,7 nmol/l, bioverfügbares 6,3 auf 5,7, freies 0,27 auf 0,24 nmol/l, ohne Änderung von FSH und LH; Abnahme der Libido (22 auf 47 %, p = 0,001) und der Verkehrshäufigkeit (4 auf 3 pro Monat, p = 0,005), Gynäkomastie bei 22 %, Hypogonadismus (Testosteron unter 8 nmol/l) bei 3 Männern (5 %).
- Nakayama et al. 2021 [s143] (Subanalyse der randomisierten EMPATHY-Studie, 200 Männer mit Diabetes und Retinopathie, Matching): Unter Statin sank das Testosteron im Mittel auf 5,1 ng/ml proportional zur LDL-Senkung; das Testosteron nach einem Jahr war nicht mit dem kardiovaskulären Risiko assoziiert.
- Das Protokoll der Studie TRISTAN [s55] (Raevskii et al. 2025; Pitavastatin gegen Rosuvastatin bei 150 Männern von 40 bis 65 Jahren) hat Androgenstatus und Erektionsfunktion als Zielgrößen; Samenanalysen gehören nicht dazu, Ergebnisse liegen nicht vor, und es gibt keinen Placebo- oder Nichtbehandlungsarm.
Beobachtungsstudien.
- Davis et al. 2015 [s190]: Retrospektive Kohorte bei Versicherten (30 bis 85 Jahre, San Antonio), 3.302 Statinanwender gegen 3.302 gematchte Nichtanwender (aus 20.731). Odds Ratios: gutartige Prostatavergrößerung 1,08 (0,97 bis 1,19), erektile Dysfunktion 1,01 (0,90 bis 1,13), Infertilität 1,22 (0,66 bis 2,29), Hodenfunktionsstörung 0,91 (0,73 bis 1,14), psychosexuelle Störung 1,03 (0,94 bis 1,14). Schwäche: Diagnosecodes als Endpunkt, das Konfidenzintervall der Infertilität ist breit.
- Keihani et al. 2018 [s181]: Retrospektive Analyse von 10.140 Patienten einer Kinderwunschklinik (2002 bis 2013); 118 Männer (126 Proben) nahmen länger als drei Monate Statine, 7.698 Männer (8.760 Proben) ohne Medikamente dienten als Vergleich. Alters-adjustiert fanden sich keine signifikanten Unterschiede der Samenparameter; in Kombination mit anderen nicht spermatotoxischen Medikamenten war das Ejakulatvolumen um 0,3 ml niedriger (95-%-Konfidenzintervall 0,02 bis 0,58; p = 0,04). Die Autoren sehen keine klinisch relevanten schädlichen Wirkungen auf konventionelle Samenparameter. Schwächen: Querschnittscharakter, keine Dosis, nur Subfertile, 118 Anwender.
Fallberichte und Zellversuch. Tada et al. 2015 [s193]: Bei einem Mann (primäre Infertilität, Oligoasthenozoospermie) aus einem Paar in Vorbereitung auf eine In-vitro-Fertilisation traten nach vierwöchiger Rosuvastatingabe wegen Hypercholesterinämie keine beweglichen Spermien mehr auf; Azoospermie in Woche 3 und 7 bestätigt, nach zwei Wochen Absetzen erschienen Spermien wieder, in Woche 16 reichten Zahl und Beweglichkeit für eine intrazytoplasmatische Spermieninjektion. Der zeitliche Verlauf mit Besserung nach dem Absetzen spricht für einen Zusammenhang; ein Einzelfall ohne erneute Gabe belegt keine Häufigkeit. Linnebur und Hiatt 2007 [s216]: Hodenschmerz unter drei verschiedenen Statinen bei einem 54-jährigen Mann, jeweils nach Absetzen abgeklungen (Naranjo-Skala: wahrscheinlich Statin). Smals et al. 1991 [s237]: Simvastatin hemmte in Konzentrationen, die wahrscheinlich über den therapeutisch erreichten lagen, die Synthese von Androstendiol und Testosteron in menschlichen Hodenhomogenaten über eine Hemmung der 17-Ketosteroid-Oxidoreduktase; in üblichen Dosen werde die Steroidbildung nicht beeinflusst.
Statine: Übersichten, Metaanalysen, Genetik
Systematische Übersicht zu Samenparametern. Anagnostis et al. 2021 [s129] durchsuchten PubMed, CENTRAL und Scopus bis Januar 2021 nach randomisierten Studien oder prospektiven Kohorten bei Männern mit Hypercholesterinämie. Vier Studien aus den Jahren 1992 bis 2014 mit insgesamt 161 Teilnehmern (acht bis 120 je Studie, 14 bis 48 Wochen Dauer; Pravastatin 20 bis 80 mg, Simvastatin 20 bis 40 mg) erfüllten die Kriterien. Ejakulatvolumen (drei Studien) und Spermienkonzentration (vier Studien) blieben unverändert. Bei der Beweglichkeit fand sich ein Anstieg (zwei Studien), eine Abnahme (eine Studie) oder kein Effekt (eine Studie), bei der Morphologie eine Abnahme (zwei Studien) oder kein Effekt (zwei Studien), bei der Vitalität in einer Studie eine Abnahme unter Simvastatin. Wegen der Heterogenität wurde keine Metaanalyse gerechnet. Die Autoren halten fest, es gebe keinen Beleg für eine schädliche Wirkung. Die Studie [s201] mit Atorvastatin bei Männern mit normalem Cholesterin fällt vermutlich aus den Einschlusskriterien heraus; diese Zuordnung ist eine Schlussfolgerung aus den Angaben.
Narrative Übersichten. Banihani 2020 [s152] fasst zusammen, Statine hätten in Tierversuchen unter schädigenden Bedingungen die Samenqualität verbessert, während beim Menschen und in vivo bei normalem Fortpflanzungsstatus negative bis geringe Effekte, vor allem auf die Beweglichkeit, auftraten. Omolaoye et al. 2022 [s120] bezeichnen die Wirkung als umstritten; negative Wirkungen würden mit verminderten Steroidhormonen verbunden, günstige mit entzündungshemmenden und herzschützenden Eigenschaften, und die Widersprüche erklärten sich zum Teil durch Alter, Dosis, Art und Dauer der Behandlung sowie Grunderkrankungen. Stamerra et al. 2021 [s147] schreiben, Statine könnten die Bildung adrenaler und gonadaler Steroide leicht beeinträchtigen, beim Mann seien aber keine klinisch relevanten schädlichen Wirkungen auf Erektion und Spermatogenese festzustellen. Ein russischer Praxisbeitrag ohne genannte Autoren [s87] hält den Einfluss der Statine auf den Hormonstatus für klinisch unbedeutend und nennt eine frühe Studie, in der das freie Testosteron nach 6 Monaten im Mittel um lediglich „2 ng/ml“ gesunken sei (Einheit so im Original); es sind Aussagen des Artikels ohne eigene Datenerhebung.
Metaanalysen zum Testosteron.
- Schooling et al. 2013 [s204]: Metaanalyse placebokontrollierter randomisierter Studien (mindestens 2 Wochen; 11 von 29 identifizierten Studien geeignet). In 5 homogenen Studien mit 501 Männern senkten Statine das Testosteron um −0,66 nmol/l (95-%-Konfidenzintervall −1,18 bis −0,14; im Abstract sind die Grenzen in vertauschter Reihenfolge gedruckt), in 6 heterogenen Studien mit 368 jungen Frauen mit PCOS um −0,40 nmol/l (−0,75 bis −0,05), insgesamt −0,44 nmol/l (−0,75 bis −0,13). Die Autoren lassen offen, ob dies Nebenwirkung oder Wirkmechanismus ist.
- Glina et al. 2024 [s63] (Embase, Medline, Cochrane bis Mai 2023, PROSPERO CRD42021270424): 22 Studien. Sechs Querschnittsstudien: Gesamttestosteron bei Statinanwendern um 55,02 ng/dl niedriger (95-%-Konfidenzintervall 39,40 bis 70,64; I² = 91 %). Fünf randomisierte Studien: Reduktion um 13,12 ng/dl (1,16 bis 25,08; I² = 0 %; p = 0,03). Alle 15 prospektiven Studien: Reduktion um 9,11 ng/dl (0,16 bis 18,06; I² = 37 %; p = 0,04). Das FSH stieg; für LH, Östradiol, SHBG und freies Testosteron fand sich kein Unterschied. Die Autoren halten fest, die Abnahme reiche nicht aus, um unter den Normbereich zu fallen. Die Werte sind im Abstract als Reduktionen mit positivem Betrag angegeben.
- Shawish et al. 2021 [s145], Cochrane-Übersicht (Suche bis 9. November 2020): sechs randomisierte Studien mit 265 Teilnehmenden, davon zwei bei Männern (n = 140, mittleres Alter 68 Jahre, normales Lipidprofil oder leichte Dyslipidämie) und vier bei Frauen mit PCOS (n = 125). Bei Männern fand sich kein signifikanter Unterschied zwischen Atorvastatin und Placebo im Gesamttestosteron: mittlere Differenz −0,20 nmol/l (−0,77 bis 0,37). Bei Frauen sank das Gesamttestosteron um −0,27 nmol/l (−0,50 bis −0,04). Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz lag zwischen niedrig und sehr niedrig; keine Studie berichtete freies Testosteron.
Die Metaanalysen kommen für Männer zu unterschiedlichen Aussagen: kleine, signifikante Senkung gegen keinen signifikanten Unterschied. Mögliche Gründe nach den Abstracts sind unterschiedliche Einschlusskriterien (alle Statine und alle Studiendesigns gegen nur Atorvastatin in randomisierten Studien), die Population (im Cochrane-Review zwei Studien mit im Mittel 68-jährigen Männern) und die Studienzahl. Beide betreffen Hormone und nicht Samenparameter.
Mendelsche Randomisierung. Su et al. 2024 [s82] untersuchten sieben Zielgene von Lipidsenkern mit erektiler Dysfunktion als Hauptergebnis; für HMGCR, die Zielstruktur der Statine, war genetisch eine Senkung von Gesamt- und bioverfügbarem Testosteron signifikant. Yan et al. 2023 [s105]: Genetisch approximierte HMGCR-Hemmung war mit niedrigerem Gesamttestosteron (−0,20; 95-%-Konfidenzintervall −0,25 bis −0,15 je LDL-Standardabweichung von 38,7 mg/dl) und bioverfügbarem Testosteron (−0,15; −0,21 bis −0,10) assoziiert; Adipositas-bezogene Faktoren vermittelten dies; erektile Dysfunktion war nicht erhöht (P = 0,17). Li et al. 2024 [s70] (FinnGen): Ein HMGCR-Hemmer (1 SD niedrigeres LDL-C) war mit niedrigerem Risiko männlicher Infertilität assoziiert (OR 0,38; 0,17 bis 0,83), aber die Fehlerratenkorrektur (FDR 0,39) hob die Signifikanz auf; ein LDLR-Aktivator (OR 1,94; 1,14 bis 3,28; FDR 0,040), ein LPL-Aktivator (OR 1,86; 1,25 bis 2,76; FDR 0,022) und ein CETP-Hemmer (OR 1,28; 1,07 bis 1,53; FDR 0,035) waren mit höherem Risiko verbunden. Samenparameter wurden in keiner dieser Arbeiten untersucht.
Statine und Erektion (Randbefund). Chou et al. 2016 [s186]: landesweite taiwanesische Propensity-Kohorte, Statinanwendung mit geringerem Risiko für erektile Dysfunktion (HR 0,75; 0,63 bis 0,90), bei hochpotenten Statinen dosis- und dauerabhängig. Cai et al. 2014 [s198]: Metaanalyse von sieben randomisierten Studien (586 Patienten), Anstieg des IIEF-5 mit Statinen (Mittelwertdifferenz 3,27; 1,51 bis 5,02). Diese Arbeiten betreffen die Erektion, nicht die Samenqualität.
Statine: Tierversuche
Systematische Übersicht. Araújo Leite et al. 2025 [s27] durchsuchten unter anderem Embase, Web of Science, PubMed, LILACS, Scopus und SciELO nach Studien an männlichen Ratten und Mäusen. Gesunde normolipidämische Nager zeigten unter Statinen verminderte Spermienqualität, geringere Testosteronbildung und verzögerte Pubertät; in vitro und ex vivo war die Testosteronsynthese vermindert. Bei Nagern mit Diabetes, erektiler Dysfunktion oder fettreicher Kost besserten sich dagegen Erektionsfähigkeit und Spermienqualität, und das Testosteron blieb gleich oder stieg.
Gesunde Tiere.
- Omolaoye et al. 2023 [s101] (30 Wistar-Ratten, 30 Tage Rosuvastatin 50 mg/kg, Simvastatin 50 mg/kg oder Carboxymethylcellulose): Mit Rosuvastatin war die Spermienkonzentration niedriger als bei Kontrolle und Simvastatin (p < 0,005); laut Volltext 9,36 ± 3,87 gegenüber 24,7 ± 9,11 × 10⁶/ml (p = 0,004). Die Hodenproteine LH-Rezeptor, FSH-Rezeptor und der Schmerzrezeptor TRPV1 waren in den Statingruppen vermindert (der Volltext differenziert: LH-Rezeptor nur unter Rosuvastatin, FSH-Rezeptor unter Simvastatin); die Statin-Transporter SLCO1B1 und SLCO1B3 wurden in Sertoli- und Leydig-Zellen exprimiert. Hohe Dosis, eine Spezies, Beweglichkeit im Abstract nicht berichtet.
- de Mello et al. 2024 [s60] (Maus, Rosuvastatin 1,5 oder 5,5 mg/kg/Tag vom 23. bis 80. Lebenstag): Pubertätsbeginn verzögert, Spermienqualität in beiden Gruppen vermindert, Gefäßdichte im Hodenzwischengewebe dosisabhängig erhöht, nach Verpaarung mehr Verluste nach der Einnistung und Veränderungen bei den Nachkommen.
- Dostal et al. 2001 [s224] (Hund, 0, 10, 40 oder 120 mg/kg Atorvastatin über bis zu 104 Wochen, n = 10 je Gruppe): kein arzneimittelbedingter Unterschied bei Ejakulatvolumen, Gesamtzahl, Konzentration, Morphologie, Beweglichkeit; keine Wirkung auf Organgewichte und Histologie. Dostal et al. 1996 [s230] (Ratte, 20, 100 oder 175 mg/kg, elf Wochen vor der Paarung): keine Wirkung auf Hodengewicht, Spermienzahl, Beweglichkeit, Morphologie und Fruchtbarkeitsindizes.
Krankheits- und Schädigungsmodelle.
- Chen et al. 2025 [s28] (Maus, 60 % Fett über 8 Wochen, Atorvastatin 3, 6 oder 12 mg/kg/Tag): Atorvastatin stellte dosisabhängig Hoden und Spermien wieder her (Hodenmorphologie, Fehlbildungsrate, Zahl, Beweglichkeit, Testosteron, StAR, Blut-Hoden-Schranke, antioxidative Enzyme). Abstract ohne Zahlen; der Beitrag der Lipidsenkung ist nicht getrennt.
- Abdulwahab et al. 2021 [s128] (Ratten mit Hypercholesterinämie, 65 Tage Atorvastatin 1 mg/kg allein oder mit Traubenkernextrakt): Atorvastatin besserte die Lipide und erhöhte Testosteron, Spermienzahl, Beweglichkeit und Fertilitätsindex. Ohne Zahlen im Abstract.
- Öztaş et al. 2019 [s173] (Ratten mit Diabetes, Atorvastatin 10 mg/kg über 28 Tage): Atorvastatin beeinflusste Spermienzahl und Hodenstruktur nicht (p > 0,05), verbesserte aber die Spermienmorphologie (p < 0,05); Gliclazid steigerte die Spermienzahl.
- Elgohary et al. 2025 [s30] (Mäuse, Lipopolysaccharid-Hodenschaden, Atorvastatin 25 oder 50 mg/kg): höheres Testosteron und Dihydrotestosteron, weniger Malondialdehyd und Entzündungsmarker; Spermienparameter nennt der Abstract nicht. Ma et al. 2025 [s45]: Atorvastatin verbesserte in Mausmodellen der Orchitis Spermatogenese und Fertilität und stellte in kultiviertem menschlichem Hodengewebe Barriereproteine wieder her.
- Torsions- und Ischämiemodelle: Simvastatin 5 mg/kg (nicht 1 mg/kg) verminderte die Hodenschädigung bei Torsion-Detorsion der Ratte [s214] (60 Tiere, je 12 pro Gruppe); Simvastatin vor Ischämie erhöhte die Hämoxygenase-1 und senkte Apoptose, der Schutz verschwand unter einem Hämoxygenase-Hemmer [s210]; in einem türkischen Modell änderte Simvastatin 5 mg/kg den Johnsen-Score im Vergleich zur Ischämie/Reperfusion (p = 0,004), Atorvastatin 10 mg/kg und Pravastatin 5 mg/kg dagegen nicht [s207]; Rosuvastatin besserte bei Mäusen nach Torsion Gewebeschaden, Oxidationsstatus, Beweglichkeit und Morphologie [s53]. Es handelt sich um akute Verletzungsmodelle mit einmaliger Gabe.
- Zebrafisch: In zwei Studien eines Daegu-Instituts mit Policosanol-Bezug zeigte Atorvastatin allein die niedrigste Überlebenswahrscheinlichkeit (0,64 gegenüber 0,76 und 0,71 in Studie 1 nach 22 Wochen [s04]; 0,75 gegenüber 0,89 und 0,82 in Studie 2 nach 12 Wochen [s03]); der günstige Reproduktionseffekt wird Policosanol und der Kombination zugeschrieben. Die Studien sind produktnah, Reproduktionsbefunde sind Nebenendpunkte.
Gesamtbild Statine. Beim Menschen ist die Befundlage für konventionelle Samenparameter überwiegend unauffällig [s129, s181, s225, s227, s236, s238]; abweichend stehen eine kleine Beobachtungsstudie mit Atorvastatin bei Gesunden [s201] und eine Fallbeschreibung reversibler Azoospermie [s193] gegenüber. Für das Testosteron zeigen die Metaanalysen eine kleine mittlere Senkung bei uneinheitlicher Signifikanz [s63, s145, s204]. Im Tier hängt das Ergebnis von Dosis, Art, Alter beim Beginn und Stoffwechselzustand ab [s27].
Allopurinol, Febuxostat und Harnsäure
Studie unter Harnsäuresenkern. Li et al. 2024 [s69]: prospektive offene Kohortenstudie (NCT04213534) an 49 Männern von 18 bis 45 Jahren mit Gicht, die drei Monate lang Allopurinol, Febuxostat oder Benzbromaron erhielten; 40 Männer (81,6 %) beendeten die Nachbeobachtung; Messung bei Beginn, nach 1 und 3 Monaten. Unter Allopurinol änderten sich die Samenparameter nicht signifikant. Unter Febuxostat sank die Beweglichkeit nach drei Monaten (33,6 % [22,9 bis 54,3] gegenüber 48,4 % [27,4 bis 67,6]; p = 0,033; die Klammern sind Streubereiche und keine Konfidenzintervalle), die Gesamtzahl beweglicher Spermien unterschied sich nicht. Unter Benzbromaron stieg die Spermienkonzentration (laut Abstract 37,19 Mio./ml [29,6 bis 69,92] gegenüber 58,5 Mio./ml [49,8 bis 116,6]; p = 0,001). Die Zuordnung der beiden Werte zu den Zeitpunkten ist im Abstract nicht ausdrücklich ausgewiesen; die Autoren sprechen von verbesserter Konzentration. Spermien-DNA-Integrität und Hormone blieben in allen drei Gruppen unverändert, Nebenwirkungen waren gleich häufig. Die Autoren schließen, Allopurinol und Febuxostat hätten keine klinisch relevanten negativen Wirkungen auf Spermienqualität und Hormone. Stärken: prospektiv, Messung zu drei Zeitpunkten, DNA-Integrität erfasst, Registrierung. Schwächen: offen, nicht randomisiert, keine unbehandelte Kontrolle, 49 Männer auf drei Gruppen verteilt (nach Abbruch im Mittel unter 14 je Gruppe), Gicht als Störgröße, keine Korrektur für multiples Testen im Abstract erwähnt, nur drei Monate (der Zyklus der Spermienbildung dauert nach [s19] rund 64 Tage). Das ist die einzige klinische Samenstudie zu Allopurinol im erfassten Material.
Hyperurikämie als Zustand.
- Ma et al. 2022 [s118] (654 Männer, 20 bis 45 Jahre, infertil): In der Hyperurikämiegruppe waren Ejakulatvolumen und Gesamtspermienzahl niedriger (p < 0,05); mit steigender Harnsäure nahm das Volumen ab; LH stieg, Testosteron sank; im Samenplasma waren Superoxiddismutase, α-Glukosidase und alkalische Phosphatase niedriger und Endothelin höher. Die Autoren sehen die Serumharnsäure als möglichen neuen Risikoprädiktor.
- Han et al. 2018 [s180] (chinesisches Original, englisches Abstract; 402 infertile Männer; Harnsäure ≥ 420 µmol/l, n = 98 gegen 304): Ejakulatvolumen 2,40 gegenüber 2,80 ml und Gesamtspermienzahl 120,51 gegenüber 187,21 × 10⁶ (jeweils p < 0,05). Bei 30- bis 34-Jährigen betrug die Gesamtzahl 109,69 gegenüber 192,91 × 10⁶. Die Harnsäure korrelierte negativ mit dem Volumen (r = −0,193) und der Gesamtzahl (r = −0,163; jeweils p < 0,05). Die Korrelationen sind schwach (|r| unter 0,2), die Gruppen unausgeglichen, Medikamenteneinnahme nicht berichtet.
- Li et al. 2024 [s71] (Mendelsche Randomisierung): Die Serumharnsäure war genetisch nicht mit männlicher Infertilität verknüpft (OR 0,92; 0,614 bis 1,390; Rückrichtung 1,000; 0,997 bis 1,003); multivariabel adjustiert 0,839 (0,613 bis 1,148). Zhang et al. 2024 [s83] fanden in einem Panel von 16 Stoffwechselfaktoren nur für Körperfettanteil (OR 1,49; 1,01 bis 2,20) und Resistin (OR 1,55; 1,11 bis 2,19) einen kausalen Zusammenhang zu abnormen Spermien, nicht für Harnsäure, Glukosestoffwechsel oder Serumlipide. Das ist ein Gegenbefund zu den Querschnittsstudien; dort könnten Störgrößen wie Übergewicht und metabolisches Syndrom wirken (Deutung dieses Kapitels).
- Peng et al. 2025 [s48] (490 Paare, erste intrauterine Insemination): Anteil progressiv beweglicher Spermien vor der Aufbereitung 39,55 ± 11,29 % bei Hyperurikämie gegenüber 41,76 ± 11,89 % (p = 0,040); nach Dichtegradientenzentrifugation über 90 % in beiden Gruppen; die klinische Schwangerschaftsrate unterschied sich nicht (11,0 gegenüber 13,4 %; p = 0,230).
- Karimian et al. 2025 [s38]: Vier Varianten in den Harnsäuretransportergenen SLC2A9 und ABCG2 waren bei 193 infertilen Männern gegenüber 154 Kontrollen mit Infertilitätsrisiko, Oligozoospermie und Teratozoospermie verbunden. Mao et al. 2026 [s15] (Metaanalyse, 11 Studien): erektile Dysfunktion bei Gicht RR 1,37 (1,14 bis 1,65), Testosteron Mittelwertdifferenz −1,00 (−1,39 bis −0,62); zur Fertilität nur eine Studie. Banihani 2018 [s178] fasst zusammen, Harnsäure schütze als Antioxidans, hohe Spiegel könnten aber schaden; Liu et al. 2024 [s72] beschreiben die Kontroverse.
Tier- und Zellversuche zu Allopurinol und Xanthinoxidase-Hemmern.
- Kumagai et al. 2002 [s223] (junge Ratten, einseitiger Kryptorchismus, 7 Tage): Das Gewicht des kryptorchen Hodens sank in der Kontrolle auf 47 % des Gegenseitenhodens, unter Allopurinol (1 mg/kg/Tag oder mehr) nur auf 68 bis 77 % (P < 0,01); Allopurinol verringerte die Keimzellapoptose; ähnlich wirkte BOF-4272.
- Lin et al. 2010 [s213] (42 Kaninchen, Allopurinol 200 mg/kg intraperitoneal, abgestufte Ischämie): Johnsen-Score bei leichter Ischämie 9,10 ± 0,23 mit gegenüber 8,53 ± 0,22 ohne Allopurinol, bei mäßiger 7,03 ± 0,20 gegenüber 5,82 ± 0,33 (P < 0,05), bei schwerer 2,45 ± 0,33 gegenüber 2,30 ± 0,53 (kein Unterschied); Apoptoserate 1,68 gegenüber 7,12 % (leicht), 12,53 gegenüber 20,87 % (mäßig), 51,23 gegenüber 52,93 % (schwer, nicht signifikant). Allopurinol schützte bei leichter bis mäßiger, nicht bei schwerer Ischämie.
- Torsionsmodelle weiterer Gruppen: Akgür et al. 1994 [s232]: Die Allopurinol-Vorbehandlung verhinderte den weiteren Anstieg der Lipidperoxidation nach Detorsion (p < 0,01). Abasıyanık und Dağdönderen 2004 [s220] (60 präpubertäre Ratten, Allopurinol 200 mg/kg): Kreatinphosphokinase niedriger, histologischer Schaden nicht gemindert. Seker et al. 2020 [s161] (je 7 Ratten, Allopurinol 200 mg/kg): gegenüber Ischämie/Reperfusion „leicht gebessert“, Trolox stärker. Kehinde et al. 2005 [s218] und Anim et al. 2005 [s217] (peripubertale Kaninchen, je 8 Tiere): Die eine Arbeit fand nach drei Monaten nur unter Allopurinol weniger Malondialdehyd und einen Johnsen-Score über 7,6, die andere keinen wesentlichen langfristigen Schutz; der Widerspruch bleibt in den Abstracts ungeklärt. Silva et al. 2005 [s219] (Portugiesisch, Acta Cirúrgica Brasileira; Titel auf Deutsch: „Wirkung von Allopurinol auf die Morphologie von Rattenhoden nach Ischämie durch Samenstrangtorsion mit anschließender Reperfusion“; 80 Ratten, Torsion eine Stunde, Entnahme nach 60 Tagen): Allopurinol schützte nicht vor dem Reperfusionsschaden.
- Assis et al. 2010 [s211] (Hunde mit Leishmaniose, 150 Tage Allopurinol plus Amphotericin B): Beweglichkeit und normale Formen waren zu Beginn niedrig (35,7 ± 22,3 gegenüber 77,8 ± 7,1 % bei Kontrollen) und näherten sich bis Tag 150 an (normale Formen 48,3 ± 10,8 %); die Autoren sehen die Ursache in der Infektion, Allopurinol und Amphotericin lassen sich nicht trennen.
- Mäuse mit Kaliumoxonat-Hyperurikämie: Seltene Ginsenoside (Allopurinol 5 mg/kg als Vergleich) [s66] und Shenling Baizhu San (Febuxostat 10 mg/kg als Vergleich) [s37] stellten Spermiendichte beziehungsweise -qualität wieder her; zum Spermienbefund unter den Vergleichssubstanzen machen die Abstracts keine Angaben.
Gesamtbild. Beim Menschen gibt es unter Allopurinol keinen Hinweis auf eine Veränderung der Samenparameter, aber nur eine kleine, offene, dreimonatige Studie [s69]. Die Querschnittsstudien zur Hyperurikämie zeigen niedrigere Spermienzahlen bei infertilen Männern [s118, s180], die genetische Analyse spricht gegen einen ursächlichen Zusammenhang [s71]. Die Tierstudien zu Allopurinol betreffen fast ausschließlich akute Hodenischämie- und Torsionsmodelle und sind für die Dauereinnahme bei Gicht nicht übertragbar.
Colchicin
Colchicin wird bei FMF, Morbus Behçet und Gicht gegeben, und alle drei Erkrankungen können selbst Hoden oder Samenqualität beeinflussen (FMF über Amyloidablagerungen, Behçet über Nebenhodenentzündung). Mechanistisch ist Colchicin ein Hemmstoff der Mikrotubuli [s228]. Aus diesem Grund ist ein Colchicin-Effekt ohne unbehandelte Vergleichsgruppe nicht isolierbar [s228].
Beobachtungsstudien am Menschen.
- Levy und Yaffe 1978 [s241]: sechs FMF-Patienten, 7 bis 31 Monate Colchicin; Spermiogramme, Testosteron, FSH, LH und Prolaktin im Normbereich.
- Fukutani et al. 1981 [s240]: 31 Männer mit Morbus Behçet, Samen von 27; Azoospermie oder schwere Oligozoospermie bei 13 von 17 Patienten unter Cyclophosphamid mit oder ohne Colchicin, aber nahezu normale Spermienzahl bei sechs Patienten mit Colchicin allein und bei vier unbehandelten Kontrollen; das FSH der 12 Patienten unter Cyclophosphamid war signifikant höher als bei sechs Colchicin-Patienten und sechs Kontrollen. Die Autoren schließen, Cyclophosphamid beeinträchtige die Spermatogenese, Colchicin nicht. Gruppen von sechs und vier Männern, nicht randomisiert, nur Spermienzahl berichtet.
- Ehrenfeld et al. 1986 [s239]: 19 männliche FMF-Patienten, vier davon mit Fruchtbarkeitsproblemen unter Colchicin 0,5 bis 2,0 mg täglich (bis zu elf Jahre). Drei hatten Kinder gezeugt, solange sie das Mittel nicht nahmen; bei einem blieb die primäre Sterilität ein Jahr nach dem Absetzen bestehen; bei ihm und zwei weiteren war das Spermiogramm normal, der Spermienpenetrationstest jedoch pathologisch; der vierte Patient hatte eine Azoospermie. Die Autoren raten, Patienten über das mögliche Risiko aufzuklären, und halten den Nutzen insgesamt für größer als die Gefahr.
- Sarica et al. 1995 [s231]: 62 Männer mit Morbus Behçet unter Colchicin; Oligonekrospermie bei 23 (37,1 %), Azoospermie bei 2 (3,2 %); Nebenhodenentzündung bei 5 (8,1 %); die Autoren verlangen, mögliche Nebenwirkungen von Colchicin auf das Reproduktionspotenzial sorgfältig zu überwachen. Es gab keine unbehandelte Vergleichsgruppe, und Mittelwerte der Spermienparameter nennt der Abstract nicht.
- Kaya Aksoy et al. 2019 [s168]: 19 Jugendliche mit FMF (mittleres Alter bei der Studie 14,5 Jahre) mit Samenanalyse; Konzentration 66,26 ± 41,02 Mio./ml, Gesamtzahl 113,42 ± 132,39 Mio., Beweglichkeit 51,78 ± 23,70 %; nur 8 von 19 (42,1 %) hatten normale Parameter; die Konzentration war bei zwei, die Gesamtzahl bei vier, die Beweglichkeit bei neun vermindert. FMF-Attacken unter Therapie waren in der multivariaten Analyse mit verminderter Beweglichkeit verbunden (Odds Ratio 0,076; 0,005 bis 0,648; p = 0,031; die Richtung der Odds Ratio ist im Abstract nicht erläutert); die mittlere Colchicindosis war bei niedriger Beweglichkeit höher (1,72 ± 0,18 gegenüber 1,25 ± 0,08; p = 0,02); die Blutsenkung bei Diagnose war bei niedriger Spermienzahl höher (56,00 ± 8,51 gegenüber 24,35 ± 6,32; p = 0,03). Die Autoren sehen die Auffälligkeiten sowohl mit der Entzündung bei unkontrollierter Erkrankung als auch mit der Colchicinbehandlung verknüpft. Das ist der einzige neuere Befund mit Hinweis auf einen Dosiszusammenhang; er bleibt eine Korrelation bei 19 Patienten ohne Kontrollgruppe.
- Parlar et al. 2025 [s47]: 282 erwachsene männliche FMF-Patienten, 102 davon ohne Schwangerschaftsversuch ausgeschlossen. Von 180 Männern mit Kinderwunsch erreichten 177 (98,3 %) eine Schwangerschaft, drei (1,7 %) blieben infertil; 452 Schwangerschaften führten zu 85,0 % Lebendgeburten, 11,9 % Fehlgeburten, 0,9 % Totgeburten, 0,9 % Eileiterschwangerschaften; häufigste Komplikation Frühgeburt (4,2 %), dann Gestationsdiabetes (2,1 %). Elf Patienten mit Amyloidose erzielten 39 Schwangerschaften ohne Infertilität. Die Autoren folgern, FMF vermindere die männliche Fruchtbarkeit nicht und Colchicin sei bei Zeugung sicher anwendbar. Schwächen: Befragung und Akten, kein Vergleich mit Männern ohne Colchicin, keine Samenanalyse.
- Etem et al. 2010 [s212]: 74 infertile Männer, 155 Männer mit FMF und 55 gesunde fertile Männer; die Häufigkeit sechs häufiger MEFV-Mutationen war bei infertilen Männern nicht signifikant höher als bei gesunden Kontrollen (M694V 2,7 gegenüber 1,8 %). Kein Medikamentenvergleich, aber wichtig für die Frage der Störgröße.
Zellversuch. Ben-Chetrit et al. 1993 [s234]: Samen von 15 gesunden Freiwilligen, Inkubation mit Colchicin; 10 und 20 µg/ml minderten die Vorwärtsbeweglichkeit, 2 µg/ml nicht; die Minderung trat erst nach mindestens etwa 18 Stunden ein, und nach 24 Stunden waren noch 90 bis 95 % der Spermien vital. Die Autoren deuten dies als direkte Wirkung auf die Mikrotubuli und nicht als Zelltod, bei verhältnismäßig hohen Konzentrationen.
Tierversuch. Abd-Elhakim et al. 2024 [s56]: 40 Sprague-Dawley-Ratten, vier Gruppen zu je 10 (Kontrolle, Colchicin 0,6 mg/kg, Kürbiskernöl, Colchicin plus Kürbiskernöl), 60 Tage. Gegenüber der Kontrolle senkte Colchicin die Spermienbeweglichkeit um 19 %, die Konzentration um 38 %, Östradiol um 52 %, Testosteron um 37 %, LH um 54 % und FSH um 29 %. Im Hodengewebe stiegen abnorme Spermien um 156 %, Malondialdehyd um 354 %, Caspase-3 um 66 % und 8-Hydroxyguanosin um 65 %; Glutathion fiel um 74 %, Katalase um 73 %, Superoxiddismutase um 78 %. Histologisch zeigten sich Degeneration, verzerrte Samenkanälchen und apoptotische Zellen. Kürbiskernöl kehrte diese Veränderungen um. Die Dosis ist im Abstract nicht mit der menschlichen FMF-Therapie abgeglichen. Mahmoud et al. 2026 [s14] verwendeten Colchicin im Cisplatin-Modell als Vergleichssubstanz; der Abstract berichtet keine Colchicin-Ergebnisse. Aus dem ostasiatischen Raum wurde keine Tierstudie zu Colchicin und Spermienqualität gefunden.
Übersichten und Metaanalysen.
- Haimov-Kochman und Ben-Chetrit 1998 [s228] und Ben-Chetrit und Levy 2003 [s222]: Das Spektrum der Samenbefunde reiche von Oligo- und Azoospermie bis zu Normospermie mit Beweglichkeitsstörungen; die uneinheitlichen Befunde ließen sich zum Teil durch die Grunderkrankungen erklären; Colchicin allein habe vermutlich keine wesentliche direkte schädliche Wirkung.
- Both et al. 2012 [s205] (niederländisch; Titel auf Deutsch: „Colchicin hat keinen negativen Einfluss auf Fruchtbarkeit und Schwangerschaft“): Von 73 gefundenen Artikeln passten 13, weitere zwölf kamen über Querverweise. Kein statistisch signifikanter Effekt von Colchicin auf Samenqualität oder Hormonspiegel; unbehandelte FMF könne durch Amyloid in Hoden und Eierstock zu Infertilität führen.
- Otón et al. 2025 [s46]: Suche bis 23. August 2023; 25 Studien mäßiger bis niedriger Qualität. Relatives Risiko für Fehlgeburt oder Fetalverlust mit Colchicin bei FMF 0,87 (0,67 bis 1,12; Heterogenität 31 %); Fehlbildungsanteil in der exponierten Gruppe 0,6 bis 4,0 %. Zur Fertilität fanden sich keine erkennbaren Unterschiede zwischen exponierten und nicht exponierten Gruppen, weder bei Frauen noch bei Männern (Samenuntersuchung). Die Autoren halten bessere Studien für wünschenswert, vor allem zur männlichen Fertilität. Die Metaanalyse betrifft Fehlgeburten und nicht Samenparameter.
- Perez-Garcia et al. 2020 [s159] (systematische Übersicht zu väterlichen Immunsuppressiva, 161 Artikel mit Einschlusskriterien): ein klar negativer Effekt auf die Spermienqualität bei Sulfasalazin und Cyclophosphamid, ein „zweifelhafter“ Effekt bei Colchicin, Methotrexat und Sirolimus. Drobnis und Nangia 2017 [s185] führen Colchicin, Metformin und Statine in einem Kapitel über sonstige Arzneimittel mit gewissen Hinweisen auf schädliche Wirkungen auf die männliche Fortpflanzung auf.
- Zwei deutschsprachige Übersichten zu Colchicin, Lunzer et al. 2025 [s43] (Wiener klinische Wochenschrift; Titel auf Deutsch: „Colchicin, ein Phönix aus der Asche“) und Boyadzhieva et al. 2021 [s132] (Zeitschrift für Rheumatologie; „Colchicin: altes Medikament mit neuem Nutzen“), äußern sich in den abgerufenen Abstracts nicht zur Fruchtbarkeit; Volltexte wurden nicht geprüft.
Gesamtbild Colchicin. Die neueren Übersichten [s46, s205] und die größte neuere Beobachtungsstudie [s47] sprechen gegen eine ausgeprägte Beeinträchtigung bei üblicher Dosierung. Ältere Fallserien und Kleinstudien zeigen Einzelfälle von Azoospermie und Penetrationsstörung [s231, s239] und eine Dosis-Beweglichkeits-Korrelation bei Jugendlichen [s168]. Das Tierexperiment zeigt bei 0,6 mg/kg über 60 Tage deutliche Schäden [s56], die Übertragbarkeit der Dosis ist nicht belegt. Es gibt keine kontrollierte Studie mit Samenanalyse bei Männern unter Colchicin.