Kreatin, Proteinpulver und Sporternährung · Kapitel 17 von 21

Limitationen der Evidenz

Die Kernfrage ist beim Menschen kaum untersucht

Die Studie umfasst 175 Quellen, 113 davon aus den Jahren 2020 bis 2026. Die Menge täuscht über die Dichte der direkt einschlägigen Befunde. Für die vier Produktgruppen der Fragestellung gilt:

  • Kreatin: Eine randomisierte, placebokontrollierte Pilotstudie mit Samenanalyse und 15 Teilnehmern [s23, s40]. Daneben eine Querschnittsstudie ohne Samenanalyse und ohne Supplemente [s39], eine Hormonstudie an 20 Rugbyspielern [s163] und mechanistische Arbeiten an Tieren und Zellen [s53, s132, s09, s172]. Die Expertenübersicht hält fest, dass zum Zeitpunkt ihrer Abfassung keine Humanstudien zu Kreatinmonohydrat und Fruchtbarkeitsparametern bei normo- oder oligozoospermen Männern vorlagen [s32]. Aus den Räumen Russisch, Arabisch und Türkisch ist keine Studie zu Kreatinsupplementierung und Spermien bekannt geworden, aus dem ostasiatischen Raum ebenfalls keine mit abrufbarem Abstract. Ein japanischer Titel von 2023 verbindet nach seiner Formulierung ein Kreatin-Ergothionein-Supplement mit der Spermienbeweglichkeit; sein Abstract war nicht erreichbar, seine Ergebnisse sind unbekannt, und er steht deshalb nicht im Quellenverzeichnis.
  • Whey- und Proteinpulver: Zwei Humanstudien mit Proteinpulver als Exposition, eine Querschnittsstudie [s113] und eine unkontrollierte Pilotbeobachtung an 20 Männern [s119]. Die randomisierte Studie mit Sojaproteinisolat ist keine Whey-Studie und nennt im Abstract keine Fallzahl [s161]. Randomisierte Humanstudien mit Whey und Samenanalyse fehlen. Die Whey-Studie an Sprintern erhob nur Serumhormone, und beide Arme erhielten Whey [s05].
  • Energy-Drinks: Keine kontrollierte Humanstudie mit Samenanalyse. Die Humanbefunde betreffen zuckergesüßte Getränke insgesamt [s95, s51, s154, s84]; die beiden Studien an Menschen mit Energy-Drink oder Supplementgetränk erhoben Leistung beziehungsweise sexuelle Funktion, keine Samenparameter [s19, s97]. Die einzige Studie mit Energy-Drink-Exposition und Spermienendpunkten ist ein Rattenversuch mit vier Tieren je Gruppe [s54].
  • Taurin, β-Alanin, Aminosäuren, Pre-Workout-Mischungen: Für diese Stoffe wurde keine Humanstudie mit Samenanalyse gefunden; die Befunde stammen aus Tier-, Zell- und Metabolomstudien [s66, s88, s141, s61, s118].

Auch die Leitlinien helfen nicht weiter. Die abgerufenen Fassungen der AUA/ASRM-Leitlinie [s47] und des EAU-Kapitels [s175] enthalten die Begriffe Kreatin, Whey, Proteinpulver und Energy-Drink nicht als eigene Themen; das EAU-Kapitel nennt auch Koffein und Taurin nicht. Die Abstracts der AWMF-Leitlinie [s124], der ESHRE-Leitlinie zur ungeklärten Infertilität [s63] und der Übersichten zur WHO-Leitlinie 2025 [s01, s08] enthalten keine Aussage zu Sportnahrung; die WHO-Leitlinie selbst wurde nicht abgerufen. Die Umbrella-Übersicht mit 67 Risikofaktoren nennt im Abstract weder Kreatin noch Whey noch Energy-Drinks [s28]. Das spricht dafür, dass diese Produkte in den eingeschlossenen Metaanalysen nicht als eigener Faktor vorkamen; belegt ist es nicht, da nur der Abstract vorlag.

Studiendesign

  • Querschnitt und Selbstangabe. Die meisten Humanbefunde stammen aus Querschnittsstudien mit Fragebogenangaben zum Konsum. Sie erlauben keine Aussage über Ursache und Wirkung; Produktart, Dosis und Dauer sind meist nicht oder nur grob erfasst. In [s113] fehlten im Abstract Produktart, Dosis, Dauer und die Teilnahmequote.
  • Abstract-Ebene. Für viele Quellen lag nur der Abstract vor. Effektgrößen, Fallzahlen und Dosierungen, die dort nicht stehen, fehlen in der Studie, besonders bei [s113], [s161], [s109], [s54], [s02] und [s17]. Volltexte wurden nur für einzelne Arbeiten gelesen.
  • Mehrfachvergleiche. Mehrere Arbeiten prüfen viele Parameter oder Untergruppen ohne erkennbare Korrektur, zum Beispiel [s23], [s111], [s131], [s48], [s68], [s100] und [s171]. Untergruppen wurden teils erst nach dem Ergebnis gebildet [s89, s49]. Einzelne signifikante Befunde unter vielen Tests sind daher zurückhaltend zu lesen.
  • Fehlende Kontrollgruppen. Die Pilotbeobachtung zu Proteinpulver [s119], die Coenzym-Q10-Studie [s49], mehrere russische und türkische Antioxidantienstudien [s55, s105, s168, s112] und die Anabolika-Serie [s110] hatten keine oder keine placebokontrollierte Vergleichsgruppe.
  • Studiengröße. Die Pilotstudie zu Kreatin [s23] hat 15 Teilnehmer, die Anabolika-Studien teils 16 bis 30 [s50, s170], Tierstudien oft vier bis sechs Tiere je Gruppe [s54, s60, s11]. Aussagen zu Untergruppen beruhen auf einstelligen Fallzahlen.
  • Messverfahren. [s51] nutzte ein Heimtest-Kit, [s119] zählte in der Makler-Kammer statt im Standardverfahren, [s95] und [s84] arbeiteten mit Laboranalysen. Die Studien verwenden verschiedene Auflagen der WHO-Referenzwerte (die fünfte und die sechste Auflage kommen in den Quellen vor [s73, s82, s26]), sodass Anteile unter einem Grenzwert nicht ohne Weiteres vergleichbar sind. Karenzzeit und Zahl der Samenproben unterscheiden sich; in [s152] war der Zusammenhang bei kurzer Karenz am stärksten, und die Autoren können Restkonfusion durch die Karenzzeit nicht ausschließen.

Populationen und Übertragbarkeit

Die Humanstudien betreffen überwiegend junge westliche Männer (Dänemark, USA, Spanien) oder Männer in Kinderwunschkliniken in China, Ägypten, Russland und der Türkei. Ergebnisse zu subfertilen Männern lassen sich nicht auf gesunde Männer übertragen und umgekehrt. Bei den Antioxidantien-, Carnitin- und Coenzym-Q10-Studien sind alle Teilnehmer Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen; für gesunde Sportler lässt sich daraus nichts ableiten. Ältere Männer sind kaum untersucht; die Studie an Männern ab 45 Jahren mit metabolischem Syndrom hatte keine Placebokontrolle [s55].

Tierstudien verwenden meist sehr hohe Dosen oder Anteile am Trinkwasser (25 bis 100 % Energy-Drink in [s54] und [s147]), Schlundsonden- oder Injektionsgaben und Schädigungsmodelle (Alter, Hitze, Toxine, Diabetes), die mit dem Alltagskonsum gesunder Männer wenig gemeinsam haben. Der Rattenversuch zu Energy-Drinks [s54] kann den Effekt weder dem Koffein noch dem Taurin zuordnen, weil die Inhaltsstoffe nicht einzeln geprüft wurden, und Gewichtsverlust sowie Zuckerzufuhr sind als Mitursachen nicht ausgeschlossen. Die Ethikangabe lautet dort „nicht zutreffend". Der Versuch mit pubertärem Binge-Protokoll [s78] fand dagegen keine signifikanten Effekte der Kombination aus Energy-Drink und Alkohol auf die Fortpflanzungsparameter.

Störfaktoren

  • Anabolika. Sie sind der stärkste bekannte Störfaktor und kommen in Fitnessstudio-Populationen häufig vor: 30,4 % Anwender in einer Befragung in Sankt Petersburg (550 auswertbare Fragebögen von 1.815 verschickten) [s120] und 35,4 % hormonell definierte Anwender in einer türkischen Klinikstichprobe von 161 Sportlern [s07]. Beide Zahlen sind wegen unterschiedlicher Definition nicht vergleichbar, und die zweite ist kein Prävalenzwert für Fitnessstudio-Besucher allgemein. Nur [s113] hat für Anabolikagebrauch adjustiert, die Pilotbeobachtung [s119] nicht.
  • Verunreinigung der Produkte. Das stärkste Argument für ein Risiko durch Sportnahrung ist nicht die Wirkung der deklarierten Inhaltsstoffe, sondern die Möglichkeit nicht deklarierter Steroide. Die Übersicht dazu enthält im Abstract keine Fallzahlen oder Häufigkeiten [s43]. Die Zahlen (14,8 % von 634 nichthormonellen Supplementen; 23 von 24 Präparaten aus Fitnessgeräte- und Online-Shops) stammen als Sekundärzitate aus [s119]; die Originalarbeiten wurden nicht abgerufen. Eine Risikobewertung zu Schwermetallen in Proteinpulvern fand einen Hazard Index unter 1, mit den höchsten Werten bei Mass-Gainer-Pulvern und den niedrigsten bei Whey, und betrachtet keine reproduktiven Endpunkte [s101].
  • Training, Körpergewicht, Schlaf, Ernährung. Alle diese Faktoren hängen mit der Samenqualität zusammen und mit der Produktnutzung. Ein Beispiel für Mittlerwirkung ist der Schlaf in [s21]. Der Body-Mass-Index verstärkte in [s51] den Zusammenhang; in [s128] war ein Index von mindestens 25 kg/m² ein unabhängiger Risikofaktor für niedriges Testosteron. Ein Alltagsbündel aus Fitnessstudio, Supplementen, Ernährungsstil und möglicherweise Steroiden lässt sich aus Querschnittsstudien nicht in Einzelfaktoren zerlegen.
  • Körperzusammensetzung. In [s42] (117 Männer aus Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch) bestand außer einem Zusammenhang zwischen Hüftumfang und Samenvolumen kein Zusammenhang zwischen Muskel-, Fett- oder Viszeralmasse und Samenqualität.

Messgrößen: Samenparameter sind nicht Fruchtbarkeit

Die Mehrzahl der Studien misst Spermienkonzentration, -zahl, Motilität und Morphologie, teils DNA-Fragmentierung oder Hormone. Die Autoren von [s95] halten fest, ein Rückgang der Samenparameter bedeute nicht zwingend Fruchtbarkeitsverlust. Endpunkte wie Schwangerschaft oder Lebendgeburt sind selten (zum Beispiel [s136] und [s80]; in [s119] sind die Geburtsangaben ohne Vergleichsgruppe nicht interpretierbar, in [s12] wurde die Schwangerschaftsrate nicht erhoben). Hormonmarker wie Inhibin B und Anti-Müller-Hormon [s39] sind Ersatzgrößen. Die Hormonstudie an Rugbyspielern [s163] bleibt ohne Samenanalyse für die Spermienqualität unbestimmt. Hodenkrebs [s143, s166] ist ein anderer Endpunkt, der nur über den Zusammenhang mit Fruchtbarkeitsstörungen in die Fragestellung gehört.

Unabhängigkeit, Interessenkonflikte, Datenlage in den Sprachräumen

Die Kreatinliteratur zur Fruchtbarkeit stammt zu einem erheblichen Teil aus einer Arbeitsgruppe mit offengelegten Verbindungen zur Industrie [s23, s40, s39, s86]. Mehrere Arbeiten aus Shenyang beruhen auf annähernd denselben Fall-Kontroll-Gruppen (549 bis 552 Fälle, 581 bis 585 Kontrollen) und sind nicht voneinander unabhängig [s100, s82, s83]; wer „viele Studien" zählt, zählt dort dieselben Männer mehrfach. Interessenkonflikte sind bei Kleinstudien mit Markenprodukten häufig im Abstract nicht angegeben (zum Beispiel [s49]).

Die Recherche deckt die Sprachräume ungleich ab. Englischsprachige Quellen dominieren; für Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Deutsch fanden sich keine eigenen Primärstudien zu den Produktgruppen, aber französische [s70, s62] und deutsche [s87] Übersichten zu Lebensstil. Für Chinesisch, Japanisch und Koreanisch waren die nationalen Volltextdatenbanken (CNKI, Wanfang, KCI, DBpia) für automatisierte Abfragen nicht zugänglich; koreanischsprachige Originalliteratur wurde nicht erreicht. Für Russisch, Arabisch und Türkisch waren eLIBRARY.ru, Arab World Research Source, Mandumah, ASJP und DergiPark nicht zugänglich. Für die romanischen Sprachen waren SciELO, LILACS, Cairn und die Datenbank der Società Italiana di Andrologia nicht auswertbar, das AWMF-Register wurde nicht durchsucht. Europe-PMC-Suchen mit Feldfiltern scheiterten in einem Teil der Läufe an wiederholten 503-Fehlern, sodass die Suchabdeckung stärker auf PubMed beruht. Die Aussage „im Sprachraum nichts gefunden" bedeutet deshalb nur: nichts über die erreichbaren Wege. Ob eine Publikationsverzerrung (bevorzugte Veröffentlichung auffälliger Ergebnisse) vorliegt, lässt sich aus den Quellen nicht beurteilen.

Schließlich ist das Alter der Literatur zu beachten: Die Studie umfasst 49 Quellen aus den Jahren 2010 bis 2019, 9 aus 2000 bis 2009 und 3 aus der Zeit vor 2000 [s174, s172, s173]. Der Produktmarkt und die Zusammensetzung der Produkte haben sich seitdem möglicherweise verändert; die Quellen erlauben dazu keine Aussage.

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Vorbemerkung zu Kapitel 02
  5. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  6. Proteinpulver und Kreatin bis Muskelaufbaupräparate, Hodenkrebs und Wissen über Fruchtbarkeit
  7. Anabole Steroide im Kraftsportumfeld und Nahrungsprotein, Milch, Fleisch und Ernährungsmuster
  8. Körperliche Aktivität bis Einordnung der Beobachtungsstudien
  9. Kreatin und Whey- und Proteinpulver
  10. Energy-Drinks, zuckergesüßte Getränke, Koffein und Taurin bis Anabolika als Begleit- und Störfaktor (Nachbargebiet, keine Sportnahrung)
  11. Weitere Sportnahrung und Fertilitätspräparate (Kontext) bis Leitlinien im Einzelnen
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Russisch
  15. Arabisch und Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis
  22. Diagramme
  23. Quellen
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle