Dieser Abschnitt umfasst alle Arbeiten der Recherche, in denen Menschen beobachtet, aber nicht zu einer Intervention zugeteilt wurden: Querschnitts-, Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien, Mendelsche Randomisierung, einarmige Vorher-nachher-Beobachtungen, klinische Verlaufsserien, Fragebogenerhebungen und Laboruntersuchungen an Ejakulat ohne Eingriff. Er ist nach Exposition geordnet: Proteinpulver und Kreatin, zuckergesüßte Getränke und Energy-Drinks, Koffein, Muskelaufbaupräparate und Hodenkrebs, anabole Steroide, Nahrungsproteine, Milch und Fleisch, Ernährungsmuster, Bewegung und schließlich die Biomarkerstudien zu Carnitin. Ein Grundproblem aller Studien dieser Klasse gilt durchgängig und wird deshalb nicht bei jeder Arbeit wiederholt: Assoziationen sind keine Wirkungen, Störfaktoren (Gesamternährung, Training, Gewicht, Schlaf, Steroidgebrauch) lassen sich nie vollständig bereinigen, und die Exposition beruht meist auf Selbstauskunft.
Proteinpulver und Kreatin
Für Proteinpulver gibt es zwei Beobachtungsstudien am Menschen, für Kreatin keine mit Samenanalyse nach Einnahme von Kreatinpulver.
Tøttenborg et al. 2020, Fertility and Sterility [s113]. „Semen quality among young healthy men taking protein supplements“ (Dänemark; Kopenhagen und Aarhus). Querschnittsstudie in der Kohorte „Fetal Programming of Semen Quality“ (FEPOS), einer Teilstichprobe von 778 jungen Männern, deren Mütter 1996 bis 2002 in die Dänische Nationale Geburtskohorte eingeschlossen waren. Samenproben wurden von April 2017 bis März 2019 gewonnen. Exposition: selbstberichteter Gebrauch von Proteinpulver; 28 % nutzten es aktuell, 24 % früher. Zielgrößen: Ejakulatvolumen, Spermienkonzentration, Gesamtspermienzahl, Anteile progressiv beweglicher, nichtprogressiv beweglicher und unbeweglicher Spermien sowie der Anteil morphologisch normaler Spermien. Auswertung: negative Binomialregression (beste Anpassung unter den geprüften Modellen), Ergebnisse als prozentuale Differenz mit 95-%-Konfidenzintervall gegenüber Nie-Nutzern, getrennt für frühere und aktuelle Nutzer; angepasst wurde an Lebensstilfaktoren einschließlich Training, Body-Mass-Index und Gebrauch anaboler Steroide sowie an mütterliche und väterliche Faktoren. Ergebnis laut Abstract: Proteinpulvergebrauch war weder in rohen noch in adjustierten Analysen mit geringerem Ejakulatvolumen, geringerer Konzentration, Gesamtzahl, schlechterer Morphologie oder Motilität verbunden. Prozentdifferenzen und Konfidenzintervalle stehen im Abstract nicht, daher können sie hier nicht wiedergegeben werden. Eine Sekundärquelle [s86] nennt für aktuelle gegenüber Nie-Nutzern höhere Mittelwerte von Konzentration und Gesamtzahl (42 gegenüber 36 Millionen pro Milliliter; 108 gegenüber 90 Millionen); ob roh oder adjustiert, bleibt offen. Die Autoren regen eine Wiederholung an, weil selbst ein kleiner schädlicher Effekt bei der Verbreitung der Produkte auf Bevölkerungsebene groß wäre. Stärken: große Stichprobe junger, nicht nach Fruchtbarkeit ausgewählter Männer; standardisierte Samenanalyse; Anpassung an Anabolikagebrauch, einen wichtigen Störfaktor. Schwächen: Querschnitt; Exposition selbstberichtet, im Abstract ohne Produktart, Dosis oder Dauer; Teilnahmequote im Abstract nicht angegeben; kein Beleg zu Schwangerschaft oder Fertilität im Sinne eines Kinderwunschs; eine Heterogenitätsangabe entfällt (Einzelstudie). Einordnung: Die Studie ist die belastbarste Beobachtung zu Proteinpulver bei Gesunden und findet keinen Zusammenhang; sie schließt kleine Effekte und Effekte bestimmter Produkte nicht aus.
Ketheeswaran et al. 2019, Asian Journal of Andrology [s119]. „Protein supplementation intake for bodybuilding and resistance training may impact sperm quality of subfertile men undergoing fertility treatment: a pilot study“ (Skive, Dänemark). Prospektive Vorher-nachher-Beobachtung ohne Kontrollgruppe (Pilotstudie im Briefformat) an 20 subfertilen Männern der Fertilitätsklinik Skive, 2014 bis 2016. Einschluss: Spermienkonzentration unter 15 Millionen pro Milliliter, regelmäßiger Proteinpulvergebrauch für Bodybuilding (mehr als zweimal pro Woche seit über drei Monaten), Nichtraucher, Alkohol unter 14 Einheiten pro Woche, keine Varikozele. Mittleres Alter 32,2 Jahre (SD 5,1), mittlerer BMI 25,8 kg/m² (SD 9,2). Die Produkte bestanden laut Deklaration überwiegend aus Whey. Alle 20 beendeten den Gebrauch; die Karenzzeit bis zur Folgeprobe betrug 2 bis 16 Monate (Median 4,5; Interquartilsabstand 2,0 bis 8,5). Ergebnisse: Die mediane Spermienkonzentration stieg von 1,8 Millionen pro Milliliter (IQR 0,5 bis 5,0) auf 8,9 (IQR 1,0 bis 13,0); das Verhältnis der Mediane betrug 2,6 (95-%-KI 1,1 bis 5,8; gepaarter t-Test P = 0,03; Wilcoxon P = 0,02). Die Gesamtspermienzahl stieg von median 3,1 Millionen (IQR 1,0 bis 18,5) auf 13,1 Millionen (IQR 1,8 bis 31,8), Verhältnis 2,1 (95-%-KI 0,8 bis 9,1; P = 0,14; Wilcoxon P = 0,27), also nicht signifikant. Die mediane progressive Motilität lag bei 50,0 % (IQR 33,3 bis 65,3) vor und 60,0 % (IQR 52,3 bis 69,0) nach dem Absetzen, die mediane Gesamtzahl beweglicher Spermien bei 1,6 Millionen (IQR 0,3 bis 8,1) bzw. 7,7 Millionen (IQR 0,6 bis 21,7); für beide Größen werden keine Signifikanztests berichtet. Ein Mann mit Azoospermie (Nr. 9) blieb azoosperm und wurde aus der Analyse ausgeschlossen; bei fünf von 20 Männern (25 %) sank die Konzentration leicht. Nach dem Absetzen wurden bei Paaren dieser Männer acht Lebendgeburten und vier klinische Schwangerschaften nach assistierter Reproduktion berichtet; ein Mann (Nr. 10) erreichte nach drei Monaten eine natürliche Konzeption, beim azoospermen Mann entstand eine Schwangerschaft mit Spendersamen. Diese Fallangaben sind ohne Vergleichsgruppe nicht als Effekt des Absetzens zu lesen. Stärken: erste Beobachtung dieser Art (so die Autoren); definierte Einschlusskriterien; Konfidenzintervalle für die Hauptgrößen. Schwächen: nur 20 Männer, kein Kontrollarm; Regression zur Mitte, weil alle Männer wegen eines niedrigen Ausgangswertes eingeschlossen wurden; natürliche und saisonale Schwankung der Samenparameter (die Autoren nennen sie selbst); sehr unterschiedlich lange Karenz; Spermienzählung in der Makler-Kammer statt im Standardverfahren; Expositionsangaben teils nachträglich per Telefon; Gewicht, Training und weitere Supplemente nicht kontrolliert; eine Heterogenitätsangabe entfällt (Einzelstudie). Im Text wird zudem auf zwei Untersuchungen verwiesen, nach denen nicht deklarierte anabole Steroide in Supplementen häufig seien (23 von 24 Präparaten aus Fitnessgeräte- und Online-Shops bzw. 14,8 % von 634 nichthormonellen Supplementen); diese Angaben sind Sekundärzitate, die Originalarbeiten wurden nicht abgerufen, und ob die beobachtete Veränderung mit solchen Verunreinigungen zusammenhängt, wurde nicht geprüft. Einordnung: Das Ergebnis ist ein Hinweis auf eine mögliche Besserung nach Absetzen bei bereits subfertilen Männern, aber wegen Regression zur Mitte und fehlender Kontrolle keine Wirkung von Proteinpulver. Der gegensätzliche Befund bei Gesunden [s113] ist wegen der verschiedenen Populationen und Designs nicht direkt vergleichbar.
Nedeljkovic et al. 2025, Reproduction and Fertility [s39]. „Association between dietary creatine intake and serum biomarkers of spermatogenesis in males aged 12 years and older“ (Forschungsbrief). Querschnittsstudie auf Basis von NHANES 1999 bis 2004 mit 1.350 männlichen Teilnehmern ab 12 Jahren (Alter 37,6 ± 21,8 Jahre), für die ein Ernährungsprotokoll sowie gemessenes Inhibin B und Anti-Müller-Hormon (AMH) vorlagen. Kreatin aus der Nahrung wurde rechnerisch aus Lebensmitteln geschätzt (0,20 g/kg für Milchprodukte, 3,88 g/kg für Fleisch); Supplemente wurden ausdrücklich nicht erfasst. Mittlere Zufuhr 0,97 ± 0,87 g pro Tag; mittleres Inhibin B 135,7 ± 66,0 pg/mL, mittleres AMH 10,45 ± 13,4 ng/mL. Ergebnisse: Kreatin und Inhibin B roh B = −1,49 (P = 0,48), adjustiert für Alter, Gesamtenergie und Proteinzufuhr B = −2,20 (P = 0,40); Kreatin und AMH roh B = −0,92 (P = 0,03), adjustiert B = −0,92 (P = 0,09). Kein Unterschied in der Kreatinzufuhr zwischen Männern mit Inhibin B unter bzw. über 112 pg/mL. Konfidenzintervalle stehen in den abgerufenen Angaben nicht. Stärken: bevölkerungsbasierte, große Stichprobe. Schwächen: keine Samenanalyse, nur indirekte Hormonmarker; Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren mit Erwachsenen vermischt; Kreatinzufuhr nur aus Lebensmitteltabellen geschätzt und ohne Supplemente, daher nicht auf Kreatinpulver übertragbar; Querschnitt. Interessenkonflikte: Der letzte Autor erklärt eine Mitgliedschaft in einem wissenschaftlichen Beirat zu Kreatin (AlzChem), Patente und Forschungsgelder von Kreatinherstellern sowie die Gründung von Firmen für kreatinhaltige Produkte; die Autoren überlappen mit der Mini-Übersicht [s86] und mit der Kreatin-Pilotstudie derselben Gruppe (randomisiert, nicht Gegenstand dieses Kapitels). Einordnung: Kein Zusammenhang zwischen Nahrungskreatin und Inhibin B; für Kreatinpulver nicht aussagekräftig.
Nasrallah et al. 2020, Clinical Laboratory [s111]. „Semen Creatine and Creatine Kinase Activity as an Indicator of Sperm Quality“ (Tunesien). Querschnitts- bzw. Fall-Kontroll-Vergleich im Samenplasma. 88 Männer: 62 aus Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch und 26 Väter; 53 normozoosperm, 35 asthenozoosperm. Kreatin wurde per GC-MS, Kreatinkinase (CK) spektrophotometrisch bestimmt. Kreatin im Samenplasma war hoch, ohne signifikanten Unterschied zwischen normozoospermen und asthenozoospermen Männern (791 ± 342 gegenüber 744 ± 422 µmol/L). CK war bei Asthenozoospermie höher (1.360 ± 1.050 gegenüber 830 ± 580 U/L; p = 0,013). Kreatin korrelierte positiv mit der progressiven Motilität (r = 0,284; p = 0,010); CK korrelierte negativ mit der Konzentration (r = −0,29; p = 0,01), der progressiven Motilität (r = −0,26; p = 0,03) und dem Anteil abnormaler Spermien (r = −0,28; p = 0,02). Stärken: objektive Messung mit zwei Methoden, Vergleichsgruppe. Schwächen: reine Zusammenhangsanalyse; Korrelationen schwach (|r| zwischen 0,26 und 0,29); mehrere Tests ohne erkennbare Korrektur für Mehrfachvergleiche; keine Angabe zu Ernährung oder Supplementen. Einordnung: Zeigt, dass das körpereigene Kreatin-/CK-System mit der Spermienfunktion zusammenhängt, sagt aber nichts über zugeführtes Kreatin.
Ünal, Yeni, Verit und Erel 2001, Türk Üroloji Dergisi [s171]. „Correlation of sperm parameters with seminal plasma creatine phosphokinage and chlosterol levels in fertile and infertile men“ (Korrelation der Spermienparameter mit Kreatinphosphokinase und Cholesterin im Seminalplasma bei fertilen und infertilen Männern; Türkei; Titel im Original mit Schreibfehlern). Querschnitts- und Korrelationsstudie an 38 infertilen und 15 fertilen Männern (mittleres Alter 29,5 Jahre, Spanne 20 bis 39). Oligospermie war als weniger als 20 Millionen pro Milliliter definiert, Asthenospermie als weniger als 60 % Beweglichkeit, Teratospermie als weniger als 60 % normale Formen. Die Mittelwerte von CPK und Cholesterin unterschieden sich zwischen den Gruppen nicht signifikant (p > 0,1); die CPK lag bei oligo- und asthenozoospermen Männern tendenziell niedriger, das Cholesterin höher. In der Gruppe der subfertilen Männer korrelierte die CPK signifikant positiv mit der Spermienzahl (r = 0,523; p = 0,005); das Cholesterin korrelierte mit der Spermienzahl bei normozoospermen subfertilen Männern (r = 0,814; p = 0,049). Stärken: früher Beitrag zum Kreatin-Stoffwechsel im Ejakulat. Schwächen: kleine Stichprobe, Mehrfachvergleiche ohne Korrektur, die zweite Korrelation stammt aus einer sehr kleinen Untergruppe und liegt knapp an der Signifikanzgrenze, keine Information zu Ernährung oder Supplementen; die Autoren weisen selbst darauf hin, dass ihr Befund früheren Berichten ohne Korrelation zwischen CPK und Spermienzahl widerspricht. Einordnung: Hintergrund zum Energiestoffwechsel, nicht zu Supplementen.
Zuckergesüßte Getränke und Energy-Drinks
Für Energy-Drinks als eigene Exposition gibt es nur eine russische Arbeit mit Abstract ohne Zahlen. Die verwertbaren Humanbefunde betreffen zuckergesüßte Getränke (SSB, sugar-sweetened beverages) insgesamt, in denen Energy-Drinks eine Teilgruppe sind.
Nassan et al. 2021, Human Reproduction [s95]. „Association between intake of soft drinks and testicular function in young men“. Querschnittsstudie an 2.935 jungen Männern (Median 19 Jahre), eingeschlossen 2008 bis 2017; das Studienland nennt der Abstract nicht, die Förderung stammt überwiegend von dänischen Stellen. Zufuhr von zuckergesüßten Getränken, künstlich gesüßten Getränken, Fruchtsäften und Energy-Drinks per validiertem Fragebogen; Zielgrößen waren konventionelle Samenparameter, das mit Ultraschall bestimmte Hodenvolumen und Serumhormone (Gesamt- und freies Testosteron, Östradiol, Inhibin B, LH, FSH, SHBG). Im höchsten SSB-Bereich (Median 1,1 Portionen, rund 220 mL pro Tag) lag die mediane Spermienkonzentration um 13,2 Millionen pro Milliliter niedriger als bei Nichtkonsumenten (95-%-KI −21,0 bis −5,5); Gesamtspermienzahl −28 Millionen (−48 bis −9); Inhibin B −12 pg/mL (−21 bis −4); Inhibin-B/FSH-Quotient −9 (−18 bis 0). Pro zusätzlicher Portion (rund 200 mL) täglich anstelle von Wasser: Konzentration −3,4 Millionen pro Milliliter (−5,8 bis −1,0), Inhibin B −7 pg/mL (−11 bis −3). Ein eigener Effektschätzer für Energy-Drinks steht im abgerufenen Abstract nicht. Die Autoren nennen die Querschnittsanlage als Grenze, schließen unbekannte Störfaktoren aus Lebensstil und Verhalten nicht aus und betonen, ein Rückgang der Samenparameter bedeute nicht zwingend Fruchtbarkeitsverlust. Stärken: laut Autoren größte Studie ihrer Art, zusätzlich Hormone und Ultraschall, validierter Fragebogen, Adjustierung für mehrere Störfaktoren. Schwächen: Querschnitt, Selbstauskunft; Teilnahmeselektion im Abstract nicht beschrieben; Energy-Drinks nicht getrennt ausgewiesen; eine Heterogenitätsangabe entfällt (Einzelstudie). Einordnung: konsistente inverse Assoziation für Limonaden, aber ohne Aussage zu Energy-Drinks.
Joseph et al. 2024, Andrology [s51]. „A preconception cohort study of sugar-sweetened beverage consumption and semen quality“ (Nordamerika; Teilnehmer aus den USA). Prospektive Präkonzeptionskohorte „Pregnancy Study Online“ (PRESTO), Querschnittsanalyse der Ausgangsdaten von 690 Männern mit 1.247 Samenproben, 2015 bis 2022. SSB (Limonaden, Energy-Drinks, Sportgetränke, Fruchtsäfte) per Fragebogen; zwei Proben je Mann mit einem Heimtest-Kit. Lineare Regression (adjustierte Prozentdifferenz) und modifizierte Poisson-Regression (Risikoverhältnis für Werte unter WHO-Grenzen). Männer mit mindestens 7 SSB pro Woche gegenüber Nichtkonsumenten: Volumen −6 % (95-%-KI −13 bis 0), Konzentration −22 % (−38 bis 0), Gesamtzahl −22 % (−38 bis −2), Motilität −4 % (−10 bis 2), Gesamtzahl beweglicher Spermien −25 % (−43 bis −2). Risikoverhältnisse für Werte unter WHO-Grenzen: Konzentration ≤ 16 Millionen pro Milliliter 1,89 (1,11 bis 3,21), Gesamtzahl ≤ 39 Millionen 1,75 (0,92 bis 3,33), Motilität ≤ 42 % 1,23 (0,87 bis 1,75), Gesamtzahl beweglicher Spermien ≤ 21 Millionen 1,95 (1,12 bis 3,38). Die Zusammenhänge waren bei BMI ≥ 25 kg/m² stärker. Stärken: zwei Proben je Mann, Präkonzeptionskohorte, Adjustierung. Schwächen: Heimtest-Kit mit geringerer Genauigkeit als Laboranalyse; Selbstselektion in einer Online-Kohorte; Energy-Drinks nicht getrennt ausgewiesen; mehrere Konfidenzintervalle berühren 0 bzw. 1; die offengelegten Beziehungen einzelner Autoren zu Unternehmen betreffen nach Angabe der Autoren Arbeit außerhalb der Studie. Einordnung: Übereinstimmend mit Nassan et al. [s95], aber ebenfalls ohne Aufschlüsselung nach Energy-Drinks.
Chiu et al. 2014, Human Reproduction [s154]. „Sugar-sweetened beverage intake in relation to semen quality and reproductive hormone levels in young men“ (University of Rochester, USA). Querschnittsstudie „Rochester Young Men's Study“ an 189 gesunden Männern von 18 bis 22 Jahren, 2009 bis 2010; Samen- und Blutproben, körperliche Untersuchung, validierter Verzehrhäufigkeitsfragebogen; lineare Regression mit Adjustierung. Männer im höchsten Quartil der SSB-Zufuhr (≥ 1,3 Portionen pro Tag) hatten 9,8 Prozentpunkte (95-%-KI 1,9 bis 17,8) niedrigere progressive Motilität als Männer im niedrigsten Quartil (< 0,2 Portionen pro Tag; P-Trend = 0,03). Der Zusammenhang war bei schlanken Männern stärker (P-Trend = 0,005) und bei übergewichtigen oder adipösen Männern nicht vorhanden (P-Trend = 0,98). Die SSB-Zufuhr war nicht mit anderen Samenparametern oder Hormonen verbunden. Stärken: gesunde junge Männer, validierter Fragebogen, Hormone. Schwächen: nur 189 Männer, nur eine Samenprobe pro Person, Querschnitt; einzelner signifikanter Befund unter vielen geprüften Parametern. Einordnung: schwacher, nicht über alle Parameter konsistenter Zusammenhang; die Autoren halten weitere Studien für nötig.
Meldgaard et al. 2022, International Journal of Environmental Research and Public Health [s84]. „Consumption of Sugar-Sweetened or Artificially Sweetened Beverages and Semen Quality in Young Men: A Cross-Sectional Study“ (Dänemark, FEPOS-Kohorte). 1.047 junge Männer (mittleres Alter 19 Jahre), Online-Fragebogen zu Gesundheit, Verhalten und Ernährung, Samenprobe; multivariable negative Binomialregression; moderater Konsum (mindestens 3 Tage pro Woche) gegenüber seltenem (unter 3 Tagen). SSB wurden von 28 % der Teilnehmer moderat getrunken, künstlich gesüßte Getränke von 11 %. Weder SSB noch künstlich gesüßte Getränke waren deutlich mit Volumen, Konzentration, Gesamtzahl oder Gesamtmotilität verbunden. Der Anteil normal geformter Spermien lag bei moderatem Konsum künstlich gesüßter Getränke um 11 % niedriger (angepasstes Verhältnis 0,89; 95-%-KI 0,76 bis 1,04, schließt also 1 ein). Tägliche Konsumenten waren selten (SSB n = 38, künstlich gesüßt n = 15); Zusatzanalysen mit BMI, ungesunder Ernährung und Varikozele änderten wenig. Die Autoren sehen bei den untersuchten Mengen einen begrenzten Effekt. Stärken: große junge Stichprobe in derselben Kohorte wie [s113], standardisierte Methoden. Schwächen: Querschnitt, grobe Kategorien, sehr wenige tägliche Konsumenten, daher geringe Teststärke für hohe Mengen. Einordnung: In einer dänischen Kohorte kein klarer Zusammenhang bei moderatem Konsum, während die Studien mit höherem Konsum [s95, s51] Zusammenhänge fanden; Unterschiede in Expositionsdefinition und Kategorien sind plausibel, die Abstracts erlauben aber keine Auflösung.
Chen et al. 2018, Reproductive Biology and Endocrinology [s128]. „Sugar-sweetened beverage intake and serum testosterone levels in adult males 20-39 years old in the United States“ (Guangzhou, China; Daten aus den USA). Querschnittsstudie auf Basis von NHANES 2011 bis 2012. 545 Männer von 20 bis 39 Jahren: 486 (90,4 %) mit normalem Testosteron (mindestens 231 ng/dl) und 59 mit niedrigem Testosteron (unter 231 ng/dl); die im Abstract genannten Prozentwerte (90,4 % und 9,6 %) entsprechen nicht genau den Anteilen 486 und 59 von 545, vermutlich handelt es sich um gewichtete Anteile (das Abstract sagt dazu nichts). Multivariate logistische Regression mit Adjustierung für Alter, Herkunft, Einkommen, BMI, Cotinin, starken Alkoholkonsum und körperliche Aktivität. Die Wahrscheinlichkeit für niedriges Testosteron war bei höherer SSB-Aufnahme größer (viertes Quartil, mindestens 442 kcal pro Tag, gegenüber erstem Quartil, höchstens 137 kcal pro Tag: adjustiertes OR 2,29; p = 0,041). Ein BMI von mindestens 25 kg/m² war ein unabhängiger Risikofaktor (aOR 3,68; p = 0,044). Konfidenzintervalle nennt das Abstract nicht. Stärken: nationale Erhebung mit standardisierten Messungen. Schwächen: Endpunkt ist Testosteron, nicht die Spermienqualität; Querschnitt; Selbstangaben zur Ernährung; knappe Signifikanz. Einordnung: Hinweis auf eine Verbindung zu niedrigem Testosteron, aber nur mit wenigen Fällen und ohne Samenanalyse.
Akaev und Adilov 2021, Urologiia [s91]. „[The impact of energy drinks consumption on male reproductive health]“ (Der Einfluss des Energy-Drink-Konsums auf die männliche Fortpflanzungsgesundheit; Russland). Literaturanalyse plus eigene Untersuchung an 60 Patienten (22 bis 40 Jahre); nur der Abstract wurde abgerufen. Berichtet wird eine Korrelation zwischen Energy-Drink-Konsum und schlechterer Ejakulatqualität; die Autoren folgern, systematischer Konsum wirke sich negativ aus. Der Abstract enthält keine Zahlen und keine Angaben zu Design, Patientenauswahl, Expositionsdefinition oder Störfaktoren. Schwächen: nicht prüfbar; ein Vergleich mit Kontrollen ist nicht erkennbar. Einordnung: Das ist die einzige menschliche Studie der Recherche, die Energy-Drinks gezielt untersucht; ihr Beleg ist aus den verfügbaren Angaben als schwach einzustufen.
Koffein und Kaffee
Karmon et al. 2017, Andrology [s136]. „Male caffeine and alcohol intake in relation to semen parameters and in vitro fertilization outcomes among fertility patients“. Prospektive Kohorte (Environment and Reproductive Health Study) an 171 Männern mit 338 Samenanalysen und 205 Zyklen assistierter Reproduktion. Fragebogen mit 131 Punkten. Koffein und Alkohol waren nicht mit der Samenqualität verbunden. Koffein war negativ mit der Lebendgeburt nach assistierter Reproduktion verbunden (p-Trend < 0,01): bereinigte Lebendgeburtenrate 19 % im höchsten Quartil (≥ 272 mg pro Tag) gegenüber 55 % im niedrigsten (< 99 mg pro Tag; p < 0,01). Alkohol war positiv mit der Lebendgeburt assoziiert (p-Trend = 0,04): 61 % im höchsten (≥ 22 g pro Tag) gegenüber 28 % im niedrigsten Quartil (< 3 g pro Tag; p = 0,05). Stärken: prospektiv, Endpunkt Lebendgeburt, mehrere Samenanalysen pro Mann. Schwächen: nur Paare in Kinderwunschbehandlung; kleine Fallzahlen pro Quartil; Störfaktoren der Partnerin; die ungewöhnliche Richtung beim Alkohol bleibt ohne Erklärung. Einordnung: Kein Zusammenhang mit der Samenqualität, aber ein unerwarteter mit dem Behandlungserfolg; schlechter Beleg für Kausalität.
Ramlau-Hansen et al. 2008, Human Reproduction [s165]. „Semen quality according to prenatal coffee and present caffeine exposure: two decades of follow-up of a pregnancy cohort“ (Dänemark). Kohorte aus einer dänischen Schwangerschaftsstudie (1984 bis 1987); 343 Söhne wurden etwa 20 Jahre später untersucht. Mütterlicher Kaffeekonsum in der Schwangerschaft zeigte einen Trend zu geringerem Ejakulatvolumen (P = 0,06), niedrigerem Testosteron (P = 0,06) und Inhibin B (P = 0,09); Söhne von Müttern mit 4 bis 7 Tassen hatten niedrigeres Testosteron als bei 0 bis 3 Tassen (P = 0,04). Der aktuelle Koffeinkonsum der Männer war nicht klar mit der Samenqualität verbunden, wohl aber ging eine hohe Zufuhr mit rund 14 % höherem Testosteron einher (P = 0,008). Die Autoren nennen die Ergebnisse tentativ. Stärken: lange Nachbeobachtung, Daten zur Exposition in der Schwangerschaft. Schwächen: Trends knapp am Signifikanzniveau, Selbstangabe, Teilnahmeverluste über 20 Jahre sind nicht beziffert. Einordnung: Eine Quelle zu pränataler Exposition; für Energy-Drinks im Erwachsenenalter nicht aussagekräftig.
Liu et al. 2026, Archives of Medical Research [s21]. „Sleep as a Mediator: Decoding the Complex Relationship Between Coffee, Exercise, and Semen quality“ (Shenzhen, China). Querschnittsstudie an 3.302 urologisch untersuchten Männern von 18 bis 60 Jahren; Samenprobe, Körpermaße, Lebensstilfragebogen; multiple lineare Regression und Mediationsmodelle. Wer keinen Kaffee trank, hatte eine höhere Gesamtmotilität und progressive Motilität und eine niedrigere Immotilitätsrate. Körperliche Aktivität war mit höherem Samenvolumen verbunden, schwächte in der Subgruppenanalyse aber den Kaffeeeffekt ab. Die Einschlafzeit vermittelte den Zusammenhang zwischen Kaffee und Samenqualität, die durchschnittliche Schlafdauer den zwischen Aktivität und Motilität. Effektgrößen und Konfidenzintervalle stehen im Abstract nicht. Stärken: große Stichprobe, Mediationsanalyse. Schwächen: Querschnitt, daher keine Ursache-Wirkung-Aussage; Selbstauskunft; Kaffeemenge im Abstract nicht beziffert; Männer einer urologischen Untersuchung, möglicherweise nicht repräsentativ. Einordnung: Kaffee ist hier ein Marker für Schlaf und Lebensstil; mit Energy-Drinks nicht gleichzusetzen.
Lin et al. 2026, Annals of Medicine and Surgery [s20]. „The influence of unhealthy lifestyle on semen quality: results from a cross-sectional study and Mendelian randomization analysis“ (Wuxi, China). Querschnittsstudie mit 508 Teilnehmern (binär-logistische Regression) und anschließender Zwei-Stichproben-Mendelscher-Randomisierung. Untersucht wurden Rauchen, Alkohol, Kaffee, sitzendes Verhalten, Adipositas und Schlafstörung (Querschnitt) sowie zusätzlich Cannabis und Koffeinaufnahme (MR). Im Querschnitt hingen Rauchen, hoher Alkohol- und Kaffeekonsum und sitzendes Verhalten signifikant mit erhöhter Prävalenz niedriger Samenqualität zusammen (P < 0,05 in beiden Modellen). Die MR stützte nach Aussage der Autoren einen kausalen Zusammenhang zwischen Rauchen, Alkohol, Koffeinaufnahme, Cannabis und sitzendem Verhalten und genetischen Aspekten der Samenqualität (Gene WFDC3, PATE1, CFAP45, SPEF1, CREM, SPATA20, SPATA9, SPATA46, CCDC103, CRISP2, EQTN, SPAG11A; P < 0,05), ohne erkennbare Pleiotropie. Odds Ratios nennt das Abstract nicht. Stärken: Kombination von Beobachtungs- und genetischem Ansatz, Sensitivitätsanalysen (MR-Egger, MR-PRESSO, Cochran-Q, Leave-one-out). Schwächen: Der MR-Endpunkt sind genetische Aspekte der Samenqualität, nicht Samenparameter; kleine Querschnittsstichprobe; Zahlen im Abstract nicht lesbar. Einordnung: Hinweis auf Koffein als möglichen Faktor, aber ohne verwertbare Effektgrößen.
Yang et al. 2015, Medicine [s148]. „Lifestyles Associated With Human Semen Quality: Results From MARHCS Cohort Study in Chongqing, China“. Basiserhebung einer prospektiven Kohortenstudie (Male Reproductive Health in Chongqing College Students) an 796 gesunden jungen Männern (Medianalter 20 Jahre) aus 872 Teilnehmern; 81,8 % erfüllten die WHO-Kriterien von 2010 für die sechs Routineparameter. Interview mit 93 Fragen, Blut-, Urin- und Samenproben am selben Tag. Gesamtspermienzahl und Konzentration lagen bei höherer kumulativer Rauchmenge niedriger (Abnahmen um 12,7 %, 19,8 % und 17,0 % bzw. 7,7 %, 17,6 % und 14,7 % über die Terzile). Frittierte Speisen (ein- bis zweimal pro Woche bzw. dreimal und häufiger gegenüber keinem Konsum) gingen mit geringerer Gesamtspermienzahl (10,2 % bzw. 24,5 %) und Konzentration (13,7 % bzw. 17,2 %) einher. Kaffee war mit höherer progressiver und nichtprogressiver Motilität verbunden (plus 8,9 % bei ein bis zwei Tassen pro Woche, plus 15,4 % bei drei und mehr Tassen). Cola ging mit niedrigerem Samenvolumen einher (4,1 % bei ein bis zwei Flaschen, 12,5 % bei drei und mehr Flaschen pro Woche). Stärken: junge, gesunde Studierende, einheitlicher Ablauf, Gradienten über Terzile. Schwächen: nur Basisdaten, daher Querschnitt; Selbstangaben; Konfidenzintervalle und P-Werte stehen im Abstract nicht. Einordnung: Der Kaffeebefund (höhere Motilität) widerspricht [s21] und [s20] und zeigt, wie uneinheitlich die Kaffeeliteratur ist.
Shi et al. 2018, Systems Biology in Reproductive Medicine [s131]. „Lifestyle and demographic factors associated with human semen quality and sperm function“ (Chinesische Universität Hongkong). Querschnittsstudie an 328 Männern zur Samenanalyse; Routine-Spermiogramm, Vitalität, Akrosomreaktion, DNA-Fragmentierungsindex (DFI); Fragebogen zu BMI, Rauchen, Alkohol, Schlaf, täglicher Flüssigkeitsaufnahme, Fleischkonsum, Sporthäufigkeit, Mobiltelefon in der Hosentasche, Alter und Karenzzeit; verallgemeinerte additive Modelle für nichtlineare Zusammenhänge. Die Gesamtspermienzahl hing mit Alter (P = 0,001), Karenzzeit (P = 0,001) und täglicher Kaffeemenge (P = 0,044) zusammen. Das Samenvolumen hing mit Alter (P < 0,001) und täglicher Kaffeemenge (P < 0,001) zusammen. Konzentration: Karenzzeit (P = 0,011) und Schlafdauer (P = 0,010). Motilität: Alter (P = 0,002) und täglicher Saftkonsum (P = 0,001). Gesamtzahl beweglicher Spermien: Alter (P = 0,003) und Karenzzeit (P = 0,009). DFI: Alter (P = 0,002), unregelmäßiger Schlaf (P = 0,008) und Karenzzeit (P = 0,032). Der Anteil akrosomreagierter Spermien hing mit dem täglichen Saftkonsum zusammen (P = 0,013). Das Alter hatte nach den Autoren mehr Einfluss als die übrigen Merkmale. Stärken: funktionelle Spermientests zusätzlich zum Routinebefund, nichtlineare Modelle. Schwächen: Querschnitt, 328 Männer; viele Variablen und viele Tests ohne erkennbare Korrektur für Mehrfachtests; die Richtung der Kaffeeeffekte wird im Abstract nicht angegeben. Einordnung: Kaffee ist ein Faktor unter vielen; Alter und Karenz erklären mehr.
Chen et al. 2024, Frontiers in Endocrinology [s48]. „Mendelian randomization reveals the impact of diet on infertility in men and women“ (Tianjin, China). Mendelsche Randomisierung mit GWAS-Daten zu 31 Ernährungsmerkmalen (23 einzelne Nahrungsmittel, 8 Ernährungsgewohnheiten) und Infertilität; multivariate MR zur Adjustierung, MR-Egger, Cochran-Q, radiale MR und MR-PRESSO zur Prüfung von Heterogenität und Pleiotropie. Kaffeeaufnahme erhöhte das Risiko männlicher Infertilität (OR 3,6967; 95-%-KI 1,0348 bis 13,2065; P = 0,0442); gekochtes Gemüse ebenfalls (OR 54,7865; KI 2,9011 bis 1030,5500; P = 0,0076). Bei Frauen war Bier ein Risikofaktor (OR 4,0932; KI 1,8728 bis 8,9461; P = 0,0004), verarbeitetes Fleisch negativ mit Infertilität assoziiert (OR 0,5148; KI 0,2730 bis 0,9705; P = 0,0401); Selen war in der multivariaten MR bei Frauen protektiv (OR 7,4474e-12; KI 5,4780e-22 bis 1,0125e-01; P = 0,0314). Stärken: genetische Instrumente verringern Störgrößen und umgekehrte Kausalität. Schwächen: sehr breite Konfidenzintervalle (Kaffee: untere Grenze knapp über 1, obere über 13; gekochtes Gemüse: 2,9 bis über 1000); sehr große Effektgrößen bei sehr breiten Intervallen; viele geprüfte Merkmale ohne erkennbare Korrektur für Mehrfachtests; der Endpunkt männliche Infertilität ist grob. Einordnung: Einer der wenigen Befunde mit Kaffee als Risikofaktor in dieser Richtung, im Widerspruch zur Metaanalyse [s104].
Muskelaufbaupräparate, Hodenkrebs und Wissen über Fruchtbarkeit
Diese Arbeiten messen mit einer Ausnahme nicht die Spermienqualität, sondern Hodenkrebs (der selbst mit Fruchtbarkeitsstörungen zusammenhängt) oder das Wissen und Verhalten in Fitnessstudios.
Li et al. 2015, British Journal of Cancer [s143]. „Muscle-building supplement use and increased risk of testicular germ cell cancer in men from Connecticut and Massachusetts“ (USA). Bevölkerungsbasierte Fall-Kontroll-Studie mit 356 Männern mit Keimzelltumor des Hodens und 513 Kontrollen (18 bis 55 Jahre; Rekrutierung 2006 bis 2010; Teilnahmequote 57,4 % bei den Fällen, 47,8 % bei den Kontrollen). Die Kontrollen wurden per Zufallswahl über Telefon gezogen und nach Alter gruppenweise angepasst. Standardisiertes persönliches Interview; Muskelaufbaupräparate waren definiert als Gebrauch mindestens einmal pro Woche über mindestens vier aufeinanderfolgende Wochen, erfasst für 30 Pulver und Tabletten; Hauptbestandteile Kreatin, Protein sowie Androstendion oder Booster wurden aus den Produktangaben abgeleitet. Ergebnisse: Odds Ratio für jemals Muskelaufbaupräparate 1,65 (95-%-KI 1,11 bis 2,46). Stärker bei Gebrauch vor dem 25. Lebensjahr (2,21; 1,34 bis 3,63), bei zwei oder mehr Produktarten (2,77; 1,30 bis 5,91) und bei Gebrauch über 36 Monate (2,56; 1,39 bis 4,74). Seminom und Nichtseminom verhielten sich ähnlich. In explorativen Schichtungen erhöhte nur die Kombination aus Kreatin und Proteinen das Risiko signifikant (2,55; 1,05 bis 6,15). Stärken: inzidente, histologisch gesicherte Fälle; standardisierte Interviews; Dosis-Wirkungs-Hinweise (Alter, Anzahl der Produkte, Dauer). Schwächen: selbstberichteter Gebrauch (Erinnerungsfehler möglich, die Autoren halten ihn wegen der damals neuen Hypothese für unwahrscheinlich); mäßige Teilnahmequoten, besonders bei den Kontrollen; die Kreatin-Protein-Analyse ist explorativ mit weitem Konfidenzintervall; Produktinhalte wurden nicht analysiert, also lässt sich keine Rolle einzelner Inhaltsstoffe ableiten. Die Autoren verweisen selbst auf nicht deklarierte anabole Steroide in Handelsprodukten (rund 15 % in einer internationalen Untersuchung) und nennen die Befunde vorläufig. Einordnung: Ein Zusammenhang mit Hodenkrebs, nicht mit Spermienqualität; die Studie sagt nicht, ob Kreatin oder Protein, Verunreinigungen oder Begleitumstände die Ursache sind.
Cazorla-Saravia und Pereyra-Elías 2015, British Journal of Cancer [s142]. „Is it the creatine or the anabolic androgenic steroids? Need for assessing the steroids role in testicular cancer“ (Leserbrief zu [s143]). Die Autoren verweisen darauf, dass anabole Steroide bei Freizeitsportlern häufig seien (30 % bis 50 % laut den zitierten Arbeiten) und der gleichzeitige Gebrauch von Steroiden und Muskelaufbaupräparaten wahrscheinlich sei; Nandrolon und Stanozolol förderten in Ratten die Leydig-Zellproliferation. Daher könne die Steroidexposition eine unerkannte Rolle spielen, oder die Präparate könnten mit Steroiden verunreinigt gewesen sein. Das Schreiben fordert, den Steroideinfluss in künftigen Studien zu erfassen. Es enthält keine eigenen Daten; die genannten Anteile von 30 % bis 50 % sind Zitate aus anderen Arbeiten, die nicht abgerufen wurden. Einordnung: ein methodischer Einwand, der für jede Beobachtungsstudie an Kraftsportlern gilt.
Chang et al. 2005, Urology [s166]. „Performance-enhancing supplement use in patients with testicular cancer“. Fragebogenstudie (Fallserie) an 129 Patienten mit Hodenkeimzelltumor, 1990 bis 2004, ohne Kontrollgruppe, Einzelzentrum. 26 Patienten (20,1 %) hatten Supplemente verwendet, meist zur Leistungssteigerung; am häufigsten Protein und Aminosäuren (12,4 %), dann Kreatin (9,3 %) und Androstendion (1,6 %). Die mittlere Anwendungsdauer betrug 17,0 Monate. Die Anwender waren jünger (Mittel 27,6 Jahre) als die Nichtanwender (35,7 Jahre). Von 57 vor dem Jahr 2000 Diagnostizierten gaben 9 (16 %) Supplementgebrauch und 3 (5 %) Kreatingebrauch an, von 72 ab 2000 17 (24 %) bzw. 9 (13 %). Die Autoren folgern, ein Zusammenhang sei offen. Stärken: erste Erfassung des Themas bei Hodenkrebspatienten. Schwächen: keine Vergleichsgruppe, daher sind 20,1 % ohne Bezugswert nicht zu deuten; Einzelzentrum; Rückschau; kleine Zahlen. Einordnung: Die Arbeit ist hypothesengenerierend und wurde von der späteren Fall-Kontroll-Studie [s143] aufgegriffen.
Newman-Sanders, Kirkman-Brown und Gallagher 2024, Reproductive BioMedicine Online [s56]. „Gym lifestyle factors and male reproductive health: a study into young adult usage and perceptions“ (Großbritannien). Fragebogenerhebung (n = 153; Februar bis März 2023) mit zwei Fokusgruppen (n = 10 insgesamt). Frauen und Männer unterschieden sich signifikant im Bewusstsein für mögliche Auswirkungen von hochintensivem Training und Proteinpulvern auf die männliche Fortpflanzungsgesundheit (P = 0,045). Nur wenige Männer hatten über ihre Fruchtbarkeit nachgedacht (P = 4,7 × 10⁻⁵ im Vergleich mit Neugierigen; P = 8,1 × 10⁻⁶ im Vergleich mit denen, die sie für wichtig halten); Verhaltensänderungen wären bei langfristigen Folgen wahrscheinlicher. Stärken: erste Erhebung zu Wissen und Einstellungen in dieser Gruppe, qualitative Ergänzung. Schwächen: kleine, selbstselektierte Stichprobe; keine Samenanalyse; Einstellungsstudie, die keine Wirkung der Produkte belegt. Einordnung: Zeigt allenfalls, wie wenig Gymnutzer die Frage bedenken.