Kreatin, Proteinpulver und Sporternährung · Kapitel 1 von 21

Das Wichtigste in Kürze

Zur Lesart: Die Evidenzstärke beschreibt, wie viel und wie gute Studien zu einer Frage vorliegen (Design, Größe, Direktheit, Unabhängigkeit, Konsistenz). Die Gewissheit beschreibt, wie sicher die hier formulierte Aussage ist, also wie wahrscheinlich es ist, dass neue Studien sie nicht umkehren. Beide Einstufungen sind eine eigene, informelle Bewertung in den Stufen hoch, mäßig, gering und sehr gering; sie ersetzen keine formale Bewertung nach GRADE (Abschnitt Aufbau und Methodik).

  1. Kreatin und Samenqualität beim Menschen: eine Pilotstudie, kein Beleg in irgendeine Richtung. Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie mit 15 Männern (acht Wochen, 5 g Kreatinmonohydrat täglich, mit oder ohne Ubiquinol) berichtet bei sechs von zehn Teilnehmern unter Kreatin eine höhere Konzentration gegenüber 20 Prozent in der Kontrollgruppe, der Konzentrationsvergleich selbst war aber nicht signifikant [s23, s40]. Die Angaben im Volltext und im Kongressabstract zum Kreatin im Sperma weichen voneinander ab (125,4 µmol/L im Volltext gegenüber 115,5 µmol/L, berechnet aus den Mittelwerten des Kongressabstracts). Die Arbeitsgruppe hat offengelegte Industrieverbindungen [s39]. Evidenzstärke: sehr gering. Gewissheit: sehr gering.
  1. Kreatin, Hormone und Mechanismus: Hinweise ohne Samenanalyse. Bei 20 Rugbyspielern stieg das Dihydrotestosteron unter Kreatin um 56 Prozent (nach 7 Tagen) und lag nach der Erhaltungsphase noch 40 Prozent über dem Ausgangswert, das Testosteron blieb unverändert [s163]. Kreatin aus der Nahrung (ohne Supplemente) hing in einer NHANES-Auswertung nicht mit Inhibin B zusammen [s39]. Mäuse mit Kreatinmangel im Hoden haben gestörte Zellverbindungen und weniger Spermien, Kreatinzufuhr behob das [s53]. Das ist ein Mechanismus für den Mangel, keine Aussage über Zusatzkreatin bei gesunden Männern. Evidenzstärke: gering. Gewissheit für Aussagen zur Spermienqualität: sehr gering.
  1. Whey- und Proteinpulver: ein Nullbefund im Querschnitt, ein Anstieg nach dem Absetzen in einer kleinen Beobachtung. In der FEPOS-Kohorte (778 Männer, 28 Prozent aktuelle, 24 Prozent frühere Nutzer) bestand weder roh noch adjustiert ein Zusammenhang mit Volumen, Konzentration, Gesamtzahl, Morphologie oder Motilität [s113]. Bei 20 subfertilen Bodybuildern stieg die mediane Konzentration nach dem Absetzen von 1,8 auf 8,9 Millionen pro Milliliter, ohne Kontrollgruppe und mit der Möglichkeit einer Regression zur Mitte [s119]. Die Befunde widersprechen sich nicht zwingend, sind aber nicht vergleichbar. Evidenzstärke: gering. Gewissheit: gering.
  1. Molkenprotein im Tierversuch: Schutzeffekte nur in vorgeschädigten Hoden. Die Modelle (Alterung, Hitze, Toxine) zeigen laut Abstracts bessere Hodenhistologie oder Beweglichkeit [s02, s17, s127]; ein Versuch an gesunden Mäusen mit hoher Whey-Dosis zeigte weder bei Spermien noch bei Trächtigkeit oder Wurfgröße einen Effekt [s109]. Für gesunde Männer folgt daraus nichts. Evidenzstärke: sehr gering. Gewissheit: sehr gering.
  1. Eiweiß aus der Nahrung: uneinheitlich. Verarbeitetes rotes Fleisch hing in einer Studie an 189 jungen Männern mit einer niedrigeren Gesamtspermienzahl zusammen (höchstes gegenüber niedrigstem Quartil: minus 78 Millionen, Konfidenzintervall minus 202 bis minus 5) [s152]; Gesamtfleisch in einer spanischen Studie nicht [s122]. Pflanzliches und tierisches Eiweiß gingen bei 270 infertilen Männern in entgegengesetzte Richtungen, wobei der Abstract den untersuchten Ausgang nicht benennt [s73]. Proteinpulver sind in keiner dieser Arbeiten erfasst. Evidenzstärke: gering. Gewissheit: gering.
  1. Energy-Drinks als eigene Exposition: keine kontrollierte Humanstudie. Direkte Befunde stammen aus Tierversuchen: Bei Ratten mit 75 Prozent Energy-Drink im Trinkwasser lagen Vitalität (63,25 gegenüber 91,25 Prozent) und Anomalienrate (36,5 gegenüber 12 Prozent) ungünstiger, mit je vier Tieren pro Gruppe und ohne Trennung der Inhaltsstoffe [s54]; bei Mäusen stieg der Anteil abnormaler Spermienköpfe mit dem Red-Bull-Anteil von 1,82 auf 21,81 Prozent [s147]; ein pubertäres Binge-Protokoll an Ratten hatte keine Effekte [s78]. Eine russische Studie mit 60 Patienten nennt im Abstract keine Zahlen [s91]. Evidenzstärke: sehr gering. Gewissheit: sehr gering.
  1. Zuckergesüßte Getränke (indirekt, einschließlich Energy-Drinks): mehrere Beobachtungsstudien mit niedrigeren Werten bei hohem Konsum. Bei 2.935 jungen Männern lag die Konzentration in der höchsten Konsumkategorie um 13,2 Millionen pro Milliliter niedriger (Konfidenzintervall minus 21,0 bis minus 5,5) [s95]; in der PRESTO-Kohorte (690 Männer) bei sieben oder mehr Getränken pro Woche um 22 Prozent (minus 38 bis 0) [s51]. Bei moderatem Konsum zeigte eine dritte große Studie keinen klaren Zusammenhang [s84]. Alle sind Beobachtungsstudien, Energy-Drinks sind nicht getrennt ausgewiesen, und die Rochester-Studie [s154] teilt ihre 189 Männer mit [s152, s156], die dänische Studie bei moderatem Konsum [s84] gehört zur selben FEPOS-Kohorte wie die Proteinpulverstudie [s113]. Evidenzstärke: mäßig für den Zusammenhang, gering für Ursächlichkeit. Gewissheit: gering.
  1. Koffein und Kaffee: uneinheitlich, mit Hinweisen auf Endpunkte jenseits der Samenparameter. Eine systematische Übersicht mit 28 Studien und 19.967 Männern nennt die Evidenz zu Samenparametern inkonsistent [s137]; die AUA-Leitlinie führt Evidenz mittlerer Qualität für keinen Zusammenhang mit männlicher Infertilität an [s47]. In einer Kohorte von Kinderwunschpaaren lag die bereinigte Lebendgeburtenrate nach assistierter Reproduktion im höchsten Koffeinquartil bei 19 gegenüber 55 Prozent im niedrigsten [s136]. Die Befunde zu Kaffee gehen in einzelnen Studien in gegensätzliche Richtungen [s21, s148]. Evidenzstärke: gering. Gewissheit: gering.
  1. Taurin, Beta-Alanin, Citrullin und weitere Inhaltsstoffe: keine Humanstudie mit Samenanalyse. Es liegen eine narrative Übersicht [s66] und Tierversuche vor, in denen Taurin gegen Hodengifte geprüft wurde und laut Abstracts schützend wirkte [s141, s61, s118], dazu ein Mausversuch, in dem die Taurinverarmung durch Beta-Alanin abnormale Spermien vermehrte [s88]. Evidenzstärke: sehr gering. Gewissheit: sehr gering.
  1. Muskelaufbaupräparate und Hodenkrebs: ein Zusammenhang in einer Fall-Kontroll-Studie, ohne Samenanalyse. Gebrauch von Muskelaufbaupräparaten war mit einem Odds Ratio von 1,65 (1,11 bis 2,46) für Hodenkeimzelltumoren verbunden, am stärksten bei langem Gebrauch und mehreren Produkten [s143]. Ein Leserbrief weist auf nicht erfasste Steroide als Störfaktor hin [s142]. Evidenzstärke: gering. Gewissheit: gering.
  1. Anabole Steroide: die am besten belegte Schädigung, aber keine Sportnahrung. In der HAARLEM-Kohorte mit 100 Freizeitsportlern hatten 77 Prozent während der Einnahme eine Gesamtspermienzahl unter 40 Millionen [s98]; im Vergleich von 41 Bodybuildern mit 41 Freiwilligen lag die Zahl bei 24 gegenüber 5 Männern unter der Normgrenze [s174], und bei 520 Männern mit Anabolikaanamnese in Abu Dhabi hatten 79 Prozent einen auffälligen Befund [s74]. Die AUA-Leitlinie nennt die aktuelle Einnahme eine starke Unterdrückung der Spermatogenese [s47]. Eine Metaanalyse über 32 Studien (9.371 Personen, davon 2.671 Anwender) fand dagegen eine ähnliche Konzentration bei Anwendern und Naiven, aber niedrigere Beweglichkeit, kleinere Hoden und niedrigere Gonadotropine, die nach einem Jahr nicht mehr unterschieden [s71]. Die Erholung gelingt bei der Mehrzahl, aber nicht bei allen Männern [s98]. Sie sind für die Fragestellung als Störfaktor und als Verunreinigung von Präparaten relevant [s43]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: hoch für die Hemmung während der Einnahme, mäßig für Dauer und Vollständigkeit der Erholung.
  1. Fertilitätspräparate (Carnitin, Coenzym Q10, Antioxidantien): einzige Interventionsstudien am Menschen, aber nicht an Sportlern. Das Cochrane-Review (90 Studien, 10.303 Männer) bewertet die Evidenz als niedrig bis sehr niedrig [s80]; einzelne Studien zeigen deutliche Verbesserungen [s12], andere ein Nullergebnis [s93]. Die Ergebnisse lassen sich nicht auf gesunde Sportler übertragen. Evidenzstärke: gering. Gewissheit: gering.
  1. Intensives Training verändert die Ausgangslage und ist ein Störfaktor. Übersichten finden bei Ausdauerleistungssport teils ungünstigere Werte, mit sehr niedriger Evidenzsicherheit [s45, s35]. Nur ein Teil der Studien zu Proteinpulver passt für Training, Körpergewicht und Anabolika an [s113]. Evidenzstärke: gering. Gewissheit: gering.
  1. Leitlinien schweigen zu den Kernprodukten, und die Sprachräume liefern kaum eigene Studien. AUA/ASRM und EAU nennen Kreatin, Proteinpulver und Energy-Drinks nicht [s47, s175]; die AUA hält fest, dass die Datenlage für Supplemente bei der Behandlung männlicher Infertilität keine Aussage zu bestimmten Wirkstoffen erlaube [s47]. Aus dem deutschen, französischen, italienischen, portugiesischen, spanischen, ostasiatischen, russischen, arabischen und türkischen Raum liegt keine Humanstudie mit Samenanalyse zu Kreatin oder Proteinpulver vor; zu Energy-Drinks finden sich eine russische Studie ohne Zahlen im Abstract [s91] und Rattenversuche aus dem Irak [s54]. Evidenzstärke: nicht zutreffend. Gewissheit für die Aussage der Lücke: hoch für die abgerufenen Fassungen, mäßig für den gesamten Sprachraum, weil mehrere nationale Datenbanken nicht erreichbar waren.
Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Vorbemerkung zu Kapitel 02
  5. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  6. Proteinpulver und Kreatin bis Muskelaufbaupräparate, Hodenkrebs und Wissen über Fruchtbarkeit
  7. Anabole Steroide im Kraftsportumfeld und Nahrungsprotein, Milch, Fleisch und Ernährungsmuster
  8. Körperliche Aktivität bis Einordnung der Beobachtungsstudien
  9. Kreatin und Whey- und Proteinpulver
  10. Energy-Drinks, zuckergesüßte Getränke, Koffein und Taurin bis Anabolika als Begleit- und Störfaktor (Nachbargebiet, keine Sportnahrung)
  11. Weitere Sportnahrung und Fertilitätspräparate (Kontext) bis Leitlinien im Einzelnen
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Russisch
  15. Arabisch und Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis
  22. Diagramme
  23. Quellen
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle