Kreatin, Proteinpulver und Sporternährung · Kapitel 8 von 21 · Studienlage: Beobachtungsstudien

Körperliche Aktivität bis Einordnung der Beobachtungsstudien

Körperliche Aktivität

Training ist ein eigener Einflussfaktor, der in jede Aussage zu Sportnahrung eingeht. Supplemente wurden in den beiden folgenden Arbeiten nicht erfasst.

Tian et al. 2026, Reproductive Biology and Endocrinology [s26]. „Moderate-intensity physical activity is associated with favorable semen-parameter changes and normalization of selected abnormalities in men with impaired semen quality“ (China). Prospektive Beobachtungskohorte (kein Interventionsvergleich) mit 1.316 Männern, die mindestens einen Parameter unter dem Referenzwert der WHO (sechste Auflage) hatten: 434 inaktiv, 430 gering aktiv, 452 moderat aktiv. Alle erhielten standardisierte Lebensstilberatung; die Aktivität wurde per Fragebogen mit Borg-Skala und Sprechtest erfasst, die Samenparameter nach drei Monaten. Gegenüber Inaktivität war moderate Aktivität mit günstigeren adjustierten Unterschieden in Konzentration, Motilität, Morphologie, Zahl progressiv beweglicher Spermien und DFI verbunden; die größte relative Differenz zeigte die Gesamtzahl progressiv beweglicher Spermien (+51,01 %; 95-%-KI 18,03 bis 93,64 %; P für Trend = 0,001). Chancen auf Normalisierung (Odds Ratio): Konzentration 2,32 (1,12 bis 4,81), progressive Motilität 1,53 (1,09 bis 2,15), Gesamtmotilität 2,17 (1,41 bis 3,36), Morphologie 1,54 (1,13 bis 2,12); keine signifikante Normalisierung bei niedriger Gesamtzahl oder erhöhtem DFI. Die gering aktive Gruppe zeigte keine einheitlichen Vorteile. Stärken: große Kohorte, Männer mit nachgewiesener Beeinträchtigung, Verlaufsmessung, Konfidenzintervalle. Schwächen: Die Gruppeneinteilung erfolgte erst bei der Nachuntersuchung und war selbstgewählt (laut Abstract ausdrücklich keine Zuweisung); Selbstangabe; Restkonfusion durch den Lebensstil insgesamt; die Autoren verlangen kontrollierte Studien. Das Abstract nennt keine Ernährungs- oder Supplementdaten. Einordnung: moderate Aktivität ist mit besseren Verläufen verbunden; eine Aussage über Leistungstraining oder Sportnahrung ergibt sich nicht.

Li et al. 2025, Reproductive BioMedicine Online [s37]. „Physical activity, sedentary time and sperm DNA fragmentation index in healthy Japanese men“ (Japan). Querschnittsanalyse der Basisdaten einer laufenden randomisierten Studie (Preconception Research and Education Study for Men) an 323 Männern von 20 bis 39 Jahren aus betrieblichen Gesundheitsuntersuchungen, 2021 bis 2022. Kurzfassung des International Physical Activity Questionnaire (IPAQ-SF); DNA-Fragmentierungsindex (DFI) und konventionelle Samenparameter; verallgemeinerte lineare Modelle, adjustiert. Höhere Gesamtaktivität ging mit niedrigerem DFI einher (P für Trend = 0,002); das dritte und vierte Quartil zeigten gegenüber dem ersten eine Verringerung um 21 % (95-%-KI 5 bis 34 %; P = 0,013) bzw. 29 % (12 bis 43 %; P = 0,002). Beim Sitzen war der Trend nicht signifikant (P = 0,057); das erste Sitzzeit-Quartil zeigte gegenüber dem vierten 22 % weniger DFI (3 bis 37 %; P = 0,024). Konventionelle Parameter ohne signifikanten Zusammenhang. Stärken: klar definierte Stichprobe gesunder Männer, DNA-Marker zusätzlich zum Spermiogramm. Schwächen: Selbstangaben, Querschnitt; im Abstract sind nur das dritte und vierte Quartil beziffert. Einordnung: Aktivität ist selbst eine Einflussgröße, die in jeder Studie an Athleten mitbedacht werden muss.

Carnitin im Samenplasma

Carnitin ist ein verbreitetes Sportsupplement. Die folgenden Arbeiten messen es im Samenplasma, ohne dass Männer es einnahmen.

Mostafa et al. 2022, Journal of Reproduction & Infertility [s85]. „Seminal L-Carnitine In Infertile Oligoasthenoteratozoospermic Men with Varicocele“ (Kairo, Ägypten). Prospektive Querschnittsstudie an 86 Männern (45 mit Oligoasthenoteratozoospermie und Varikozele, 21 mit OAT ohne Varikozele, 20 fertile Kontrollen). Seminalplasma-L-Carnitin: 216,3 ± 57,1 ng/ml (OAT mit Varikozele), 252,9 ± 62,9 ng/ml (OAT ohne Varikozele; p = 0,01 gegenüber der ersten Gruppe), 382,8 ± 63,6 ng/ml (fertile Kontrollen; p = 0,001). Positive Korrelation mit Konzentration, Beweglichkeit und normaler Morphologie. Stärken: drei klar definierte Gruppen, Volltext mit Tabellen. Schwächen: Querschnitt, kleine Gruppen, keine Aussage über Ursache oder Einnahme. Einordnung: Niedrigeres Carnitin im Samenplasma bei Subfertilen sagt nichts darüber, ob Einnahme die Werte verändert.

Arslan et al. 2023, European Review for Medical and Pharmacological Sciences [s59]. „Comparison of sperm carnitine profiles of normospermic, oligospermic and azospermic individuals“ (Uşak, Türkei). Fall-Kontroll-Metabolomik (LC-MS/MS) von Carnitinprofilen im Seminalplasma, normozoosperm gegenüber oligozoosperm gegenüber azoosperm; Gruppengrößen im Abstract nicht angegeben. Acetylcarnitin (C2), Octenoylcarnitin (C8:1) und Palmitoleylcarnitin (C16:1) werden als mögliche neue Marker genannt. Schwächen: keine Zahlen im Abstract, keine Interventionsstudie. Einordnung: Biomarkerarbeit ohne Bezug zu Supplementen.

Einordnung der Beobachtungsstudien

Fasst man die Beobachtungsstudien zusammen, ergibt sich ein uneinheitliches Bild mit wenig direkter Information zur Kernfrage. Für Proteinpulver stehen eine große Querschnittsstudie ohne Zusammenhang [s113] und eine kleine, unkontrollierte Vorher-nachher-Beobachtung mit höherer Konzentration nach dem Absetzen [s119] nebeneinander; beide sind nicht vergleichbar. Für Kreatin gibt es nur Studien zu Nahrungskreatin, zu Kreatin und Kreatinkinase im Samenplasma und zu Hormonmarkern [s39, s111, s171], die Kreatinpulver nicht abbilden. Für Energy-Drinks gibt es eine russische Arbeit ohne Zahlen [s91]; zuckergesüßte Getränke zeigen in zwei Studien mit höherem Konsum inverse Zusammenhänge [s95, s51], in einer weiteren mit moderatem Konsum keinen klaren [s84]. Die Kaffeestudien weisen je nach Studie in verschiedene Richtungen [s21, s20, s148, s131, s48, s136]. Der Hodenkrebsbefund zu Muskelaufbaupräparaten [s143] betrifft einen anderen Endpunkt, und seine Deutung wird durch mögliche Steroidbeimischung erschwert [s142]. Am dichtesten belegt ist die Hemmung der Spermienbildung unter anabolen Steroiden mit unvollständiger Erholung bei einem Teil der Männer [s98, s174, s170, s167, s74, s15]; sie ist ein Störfaktor, nicht Sportnahrung.

Zur Unabhängigkeit der Belege ist zu beachten: Die Fall-Kontroll-Studien aus Shenyang [s100, s82, s83] beruhen auf nahezu denselben Gruppen (549 bis 552 Fälle, 581 bis 585 Kontrollen, Erhebung 2020), ebenso stammen [s79] und [s64] aus derselben Stadt, wobei eine Überschneidung der Teilnehmer aus den Abstracts nicht hervorgeht; wer viele Studien zählt, zählt dort teilweise dieselben Männer mehrfach. Mehrere Studien der dänischen und US-amerikanischen Gruppen stammen aus derselben Kohorte [s113, s84] bzw. derselben Studienreihe [s154, s152, s156]. Die Kreatinliteratur zur Fruchtbarkeit stammt zu einem erheblichen Teil aus einer Arbeitsgruppe mit offengelegten Industriekontakten [s39, s86]. Mehrere Abstracts enthalten interne Unstimmigkeiten, die oben bei den jeweiligen Studien vermerkt sind [s79, s73, s106, s74, s128, s133, s68].

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Vorbemerkung zu Kapitel 02
  5. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  6. Proteinpulver und Kreatin bis Muskelaufbaupräparate, Hodenkrebs und Wissen über Fruchtbarkeit
  7. Anabole Steroide im Kraftsportumfeld und Nahrungsprotein, Milch, Fleisch und Ernährungsmuster
  8. Körperliche Aktivität bis Einordnung der Beobachtungsstudien
  9. Kreatin und Whey- und Proteinpulver
  10. Energy-Drinks, zuckergesüßte Getränke, Koffein und Taurin bis Anabolika als Begleit- und Störfaktor (Nachbargebiet, keine Sportnahrung)
  11. Weitere Sportnahrung und Fertilitätspräparate (Kontext) bis Leitlinien im Einzelnen
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Russisch
  15. Arabisch und Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis
  22. Diagramme
  23. Quellen
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle