Ejakulationshäufigkeit, Gleitmittel und Sexualverhalten · Kapitel 17 von 21

Limitationen der Evidenz

Die Studienlage ist dicht, aber ihre Aussagekraft ist enger, als die Zahl der Quellen vermuten lässt. Die Quellenliste umfasst 178 Arbeiten. Nach den Design-Angaben in der Liste (eigene Zählung) sind 18 davon als Tierversuch bezeichnet (dazu eine Beobachtungsstudie an Bullen), etwa 18 als In-vitro- oder Laborstudie, 4 als Leitlinie oder Leitlinienvergleich, 3 als mathematisches Modell oder Simulation, 14 als systematische Übersicht, Metaanalyse oder Cochrane-Übersicht, und nur 5 sind als randomisierte Studien bezeichnet. Von diesen fünf hat nur ein Teil Schwangerschaft als Endpunkt: die Studien aus Denizli (120 Paare) und Ankara (90 Patienten) [s77, s82]. Aus den Jahren seit 2020 stammen 87 Arbeiten, 22 sind älter als das Jahr 2000. Der Schwerpunkt der Literatur liegt damit in den letzten Jahren, und sie ist vor allem in Fertilitätskliniken entstanden.

Studiendesign und Kausalität

Fast alle Studien zur Karenz sind Beobachtungsstudien an Männern, die zur Abklärung eines unerfüllten Kinderwunsches kamen oder Samen zur Konservierung abgaben. Diese Männer sind keine Stichprobe der Bevölkerung. Beobachtungsdaten zeigen Zusammenhänge; ob eine kürzere oder längere Karenz die Samenqualität verändert, lässt sich aus ihnen nicht ableiten, weil Alter, Befund, Anlass der Probe und Verkehrsmuster mit der Karenz verwoben sein können. Die Autoren der größten Metaanalyse mahnen selbst zur Vorsicht bei kausalen Schlüssen wegen Störgrößen und Wechselwirkungen [s32]. Besonders anfällig sind Querschnittsstudien, in denen jede Person nur einmal untersucht wird, wie in Nanyang (3.052 Männer) [s27]. Studien, die dieselben Männer mehrfach untersuchen, trennen Unterschiede zwischen Personen von Veränderungen innerhalb einer Person. In der vietnamesischen Studie mit 11.297 Untersuchungen von 9.595 Männern stieg die Gesamtbeweglichkeit nur zwischen Personen mit der Karenz, nicht innerhalb von Personen (β = 0,16; p < 0,01) [s20]; in der deutschsprachigen Arbeit von 1987 nahm der Anteil beweglicher und normal geformter Spermien nur zwischen Probanden mit der Karenz ab, innerhalb von Probanden gab es keinen Einfluss [s170]. Ein Teil der berichteten Zusammenhänge mit der Beweglichkeit könnte demnach Unterschiede zwischen Männern abbilden und keine Wirkung der Karenz (Einschätzung).

Messung der Karenz und der Häufigkeit

In praktisch allen Studien beruht die Karenzzeit auf Selbstangaben, rückblickend erhoben und nicht überprüft. Bei der Changchun-Studie hält das Rechercheprotokoll Erinnerungsfehler für möglich [s35]. Karenz und Ejakulationshäufigkeit sind verschiedene Größen, werden aber in vielen Arbeiten nicht getrennt. Nur die Studie aus Changchun trennt die Häufigkeit der letzten vier Wochen von der aktuellen Karenz und passt für beides an [s26]. Die vorletzte Karenz, also die Zeit zwischen der vorletzten und der letzten Ejakulation, wurde nur in einer Studie ausgewertet [s35]. Die Zahl der Männer mit sehr langer Karenz ist in vielen Studien klein, zum Beispiel 25 Männer mit mehr als 7 Tagen in Guangzhou [s14] oder 141 mit 0 bis 1 Tag in Nanyang [s27]. Viele Studien schließen ohnehin nur Proben mit 2 bis 7 Tagen Karenz ein, etwa die aus Fuzhou und Tai'an [s59, s08]; Aussagen zu sehr kurzer oder sehr langer Karenz sind dann nicht möglich. Die Verkehrshäufigkeit wird in den Kohortenstudien zur Empfängnis rückblickend für vier Wochen vor der Empfängnis erfragt [s06].

Messung der Samenqualität

Eine einzelne Samenprobe ist ein unsicheres Maß. In der spanischen Verlaufsstudie mit 19 gesunden Freiwilligen über ein Jahr lag der Variationskoeffizient innerhalb der Person bei 74,5 Prozent für die Gesamtzahl, 65,6 Prozent für die Konzentration, 41,2 Prozent für die Morphologie, 30,1 Prozent für das Volumen und 14,6 Prozent für die Beweglichkeit; die Autoren folgern, eine einzelne Probe könne zur Fehldiagnose führen [s110]. Die koreanische Studie an 81 Krebspatienten fand dagegen an aufeinanderfolgenden Tagen stabile DNA-Fragmentierung (Intraklassenkorrelation 0,68; 95-%-Konfidenzintervall 0,45 bis 0,84) und ein signifikant niedrigeres Volumen an Tag 2 und Tag 3 [s60]. Beide Befunde zusammen bedeuten, dass die Messung der Fragmentierung stabiler ist als die der Zahl, dass aber auch sie nicht frei von Schwankung ist. Hinzu kommen verschiedene Tests, verschiedene WHO-Auflagen und verschiedene Einheiten. Mehrere Abstracts nennen keine Einheiten oder keine Streuungen [s17], und die Vergleichbarkeit von Studien mit Medianen und Interquartilsabständen mit solchen mit Mittelwerten und Konfidenzintervallen ist begrenzt.

Populationen und Übertragbarkeit

Fast alle Befunde stammen aus klinischen Populationen mit Kinderwunsch. Männer ohne Kinderwunsch sind kaum vertreten; Ausnahmen sind Studierende [s73], Militärangehörige [s140], fertile Männer [s131, s67], Spenderkandidaten [s76, s61] und die Männer vor einer Vasektomie in Brasilien (500 fertile Männer, bei denen die Beweglichkeit ab 5 Tagen Karenz reduziert war) [s150]. Die jüngsten Interventionsstudien zur täglichen Ejakulation haben 20 und 21 Teilnehmer, alle gesund und überwiegend jung [s113, s132]. Die Ergebnisse gelten für die jeweilige Gruppe, nicht für alle Männer. Dazu kommen jahreszeitliche Einflüsse: In der brasilianischen Studie waren die Werte im Sommer am niedrigsten [s150], bei Militärangehörigen aus sechs Regionen Chinas waren Jahreszeit, mittlere Höhenlage und Dauer der Abstinenz jeweils mit der Samenqualität verbunden [s140], und in der türkischen Studie schwankte die berichtete Zahl der Ejakulationen pro Woche zwischen Winter und Sommer [s109]. Die jahreszeitliche Schwankung kann deshalb Querschnittsvergleiche zur Häufigkeit verzerren (Schlussfolgerung des Rechercheberichts).

Endpunkte

Die klinischen Endpunkte (Schwangerschaft, Lebendgeburt) stammen ausschließlich aus Behandlungszyklen, in denen Spermien aufbereitet und gezielt eingebracht werden. Im gesamten Material, in allen neun Sprachgruppen der Quellenliste, findet sich keine Studie, die Karenz oder Ejakulationshäufigkeit mit Schwangerschaft oder Lebendgeburt bei natürlicher Zeugung und gleichzeitig gemessener Samenqualität verknüpft. Die Studien zur Verkehrshäufigkeit messen die Empfängnis bei den Frauen [s06, s85], die zur Karenz messen Samenparameter oder Behandlungsergebnisse [s147, s88, s106]. Die Verbindung wird in der Literatur vorausgesetzt, nicht gezeigt.

Unabhängigkeit der Studien und Mehrfachzählung

Studien derselben Gruppe sind nicht unabhängig. Die Arbeiten aus Changchun [s26, s35, s69, s68] stammen aus demselben Zentrum; [s26] und [s35] stammen vermutlich aus demselben Patientenkollektiv (gleiches Zentrum, gleicher Zeitraum von November 2023 bis Juli 2024, gleiche mittlere Karenz von 4,2 ± 1,2 Tagen; 1.349 und 1.503 Männer) [s26, s35]. Die Studie von Du fließt als Metaanalyse in das Gesamtbild ein und wird zugleich als einzelne Studie gezählt; auch die Einzelstudien aus Nanyang, Changchun und Zürich könnten in der Metaanalyse enthalten sein oder nicht, soweit sich das aus den Abstracts beurteilen lässt, gibt es dafür keinen Hinweis. Viele Quellen tauchen in mehreren Sprachraum-Berichten auf; in der Quellenliste sind diese Dubletten zusammengeführt.

Gleitmittel

Die Gleitmittelstudien sind überwiegend In-vitro-Versuche mit kleinen Probenzahlen (10 bis 60 Proben oder Spender) und einer Gelkonzentration von meist 10 Prozent [s125, s21, s62, s54, s123]. Die Messzeiträume reichen von 5 Minuten bis 24 Stunden. Welche Rezeptur ein Produkt zum Zeitpunkt der Studie hatte, geht aus den Abstracts nicht hervor. Für eine Übertragung auf den Geschlechtsverkehr fehlen Daten zur Verdünnung im Zervikalschleim, zur Verweildauer der Spermien und zur Interaktion mit Seminalplasma. Die einzige randomisierte In-vivo-Studie mit Zervikalschleim hat Schwangerschaft nicht als Endpunkt, und ihre Autoren betonen selbst, ihr Schluss sei inferentiell [s164]. Die beiden Kohortenstudien beruhen auf Selbstangaben und messen keine Samenparameter [s135, s101]. Die eine Studie zur Probengewinnung mit einem Gleitmittel (22 Männer, randomisiertes Cross-over) fand keine Änderung von Beweglichkeit, Vitalität, Membranintegrität, ROS, antioxidativer Kapazität und DNA-Schaden [s128]; sie betrifft die Probe im Labor, nicht den Geschlechtsverkehr. Aus dem ostasiatischen Raum liegt keine einschlägige Studie zur Wirkung eines Gleitmittels vor (nur eine Laborarbeit zu einem Vaginalreiniger [s124]), aus dem russischen, türkischen und arabischen Raum keine in der Landessprache.

Zeitpunkt

Zur Tageszeit der Probe gibt es zwei gegensätzliche Studien mit sehr unterschiedlichen Populationen [s61, s87]. Zum Zeitpunkt des Verkehrs im Zyklus gibt es gut belegte Daten zur Empfängnis bei Frauen [s163, s157, s154], aber keine zur Samenqualität des Mannes. Die zeitgesteuerten Verfahren wurden nur in der Cochrane-Übersicht mit moderater bis sehr niedriger Sicherheit bewertet, und die Aussagen gelten für Frauen unter 40 Jahren mit weniger als 12 Monaten Kinderwunsch [s46].

Tierstudien

Die Tierstudien (18 als Tierversuch bezeichnete Arbeiten, überwiegend mit 3 bis 16 Tieren; die größten Gruppen hatten 28 und 39 Tiere) sind nur eingeschränkt auf den Menschen übertragbar: Hodengröße, Nebenhodenkapazität, Paarungssystem und Gewinnungsmethode unterscheiden sich, und teils wurden Tiere mit vorbestehender Störung untersucht [s158]. Sie liefern Hinweise zur Mechanik, aber keinen Beleg für Fruchtbarkeit beim Menschen.

Lesbarkeit und Qualität der Berichte

Die Recherche stützt sich überwiegend auf Abstracts. Volltexte wurden in der Regel nicht gelesen; Ausnahmen sind fünf zentrale Arbeiten aus dem ostasiatischen Material, bei denen Ergebnisteil und Tabellen vorlagen [s14, s26, s27, s35, s59]. Methodische Einzelheiten (Adjustierung, Fallzahlberechnung, genaue Karenzdefinition, Verblindung) sind daher für viele Studien nicht überprüft. Zur Kontrolle wurden die Datenbankeinträge von Lo Giudice, Dreiås, Manders und Gibbons über Europe PMC erneut abgerufen; die in diesem Kapitel genannten Zahlen dieser vier Arbeiten stimmen mit den Einträgen überein. Hinzu kommen Unstimmigkeiten in den Quellen selbst:

  • Das Abstract von Frank und Kollegen ist im Datenbankeintrag nach 250 Wörtern abgeschnitten [s171]; zu Marshburn und zu Lehavi liegen nur Schlussfolgerungen ohne Zahlen vor [s141, s122]; bei Valsa fehlen Zahlen zu den einzelnen Parametern [s132]; bei Sachdeva steht eine Korrelation von r = 1,0 bei 30 Fällen [s11].
  • Bei Gupta wird die Studie im Titel retrospektiv, im Methodenteil prospektiv genannt [s75]; bei Tighe steht ein Schwellenwert „p > 0,001“, vermutlich ein Druckfehler [s13]; bei Lo Giudice erscheint der Wert -1,83 für Progressiv- und Gesamtbeweglichkeit, wie auch der abgerufene Datenbankeintrag zeigt [s38].
  • Bei Li und Kollegen nennt der Titel 49.189, das Abstract 49.819 Männer [s50]; bei Sheybaee Moghaddam behandelt die Einleitung des Abstracts den vorzeitigen Samenerguss, während Fragestellung und Methode die Karenz betreffen [s93]; bei der Studie aus Guangzhou nennt die Einleitung des Volltexts Patienten mit Samenaustritt vor dem Samenerguss, was nicht dem üblichen Kryokonservierungskollektiv entspricht [s14].
  • Beim Fragmentierungsindex und der Vitalität fehlen in der Koeffiziententabelle von [s26] die Einheiten; im Abstract von [s17] fehlen sie ebenfalls; bei den Silberfüchsen sind die Zahlen des Abstracts durch Formatverlust unleserlich [s161].
  • Die Korrelation zwischen Fragmentierungsindex und Karenz ist mit r = 0,10 in der Studie aus Zhengzhou (9.694 Proben) schwach [s94]; das gilt auch für die Korrelationen der Erregungsdauer (ρ = 0,21 bis 0,27) [s15].

Sprachliche Lücken und Zugangslücken

Die Erfassung nicht englischsprachiger Literatur ist unvollständig, und zwar wegen des Zugangs, nicht nur wegen der Literatur. Nicht abrufbar oder nicht auswertbar waren CNKI und Wanfang (China), KCI, KoreaMed und DBpia (Korea), Cairn, SciELO und LILACS (Frankreich, Brasilien und Lateinamerika), Mandumah, die Egyptian Knowledge Bank, die algerische Plattform ASJP und die Arab World Research Source (arabischer Raum), eLIBRARY.ru (Russland), DergiPark (Türkei) und das AWMF-Leitlinienregister (Deutschland), dessen Leitlinie zur männlichen Infertilität nicht lesbar war. Das Chinesische ist deshalb vermutlich deutlich unvollständig erfasst; nur die Metaanalyse von Du, die vier chinesische Datenbanken durchsuchte, gibt mittelbar Auskunft [s32]. Aus dem arabischen Raum wurde keine Humanstudie gefunden, aus dem portugiesischen keine Studie in der Landessprache, aus Frankreich nur die Zeitreihe von Prisant (101.404 Samenproben), die im Abstract keine Beziehung zur Karenz berichtet [s138], und aus Deutschland nur die Arbeit von Sievers [s170]. Drei japanische Literaturnachweise zur Abstinenz (aus den Jahren 1961, 1988 und 2003) und je eine italienische (1974) und französische (1979) Arbeit lagen ohne Abstract vor und wurden nicht bewertet. Das Fehlen einer Studie in einer Sprache belegt nicht, dass es sie nicht gibt.

Verzerrung der Literatur

Die Möglichkeit einer Publikationsverzerrung, bei der Studien mit Befund häufiger erscheinen als solche ohne, wurde in den Berichten nicht geprüft. Dass die Metaanalysen heterogen sind, wird in mehreren Arbeiten festgestellt; so lag die Heterogenität in der Metaanalyse von Kugelman bei I² = 85 Prozent [s37].

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Überblick und Gliederung und Große Auswertungen von Samenbefunden nach Karenz (Europa, Amerika, Afrika, Indien, Vietnam)
  6. Karenz und Samenqualität in China, Japan und Hongkong und Ejakulationshäufigkeit, tägliche Ejakulation und wiederholte Ejakulate
  7. Zweite Probe nach sehr kurzer Karenz (Stunden): Vorher-nachher-Studien ohne Kontrollgruppe bis Erregung, Tageszeit und Dauer der Probengewinnung
  8. Häufigkeit und Zeitpunkt des Verkehrs, Sexualfunktion bis Gesamteinordnung der Beobachtungsstudien
  9. Gesamtbild der Evidenz in Kürze bis Ejakulationshäufigkeit, tägliche und wiederholte Ejakulation beim Menschen
  10. Zweite Probe nach sehr kurzer Karenz (Stunden) bis Sprachräume und Zugang
  11. Mechanismen und biologische Plausibilität
  12. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  13. Englisch bis Spanisch
  14. Chinesisch bis Türkisch
  15. Ein Querschnittsproblem vorweg: Vorzeichen, Grenzen und Begriffe bis Widerspruch 10: Tierstudien, gegensätzliche Richtungen
  16. Übersicht der Widersprüche
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis
  22. Diagramme
  23. Quellen
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle