Die Einstufung in „bewiesen“, „plausibel“ und „spekulativ“ ist eine Bewertung dieser Studie und folgt einer einfachen Regel. Als bewiesen gilt, was in mehreren unabhängigen Studien direkt gemessen wurde und in Richtung und Größenordnung übereinstimmt. Als plausibel gilt, was in mindestens einer Studie gemessen wurde und zu einem bekannten Mechanismus passt, aber nicht unabhängig bestätigt ist oder durch Gegenbefunde eingeschränkt wird. Als spekulativ gilt, was nur als Deutung der Autoren, aus kleinen Gruppen oder ohne Messung des vermuteten Zwischenglieds vorliegt. Von den Studien selbst gemessen wurden fast immer Zusammenhänge; die Mechanismen sind in der Regel Deutungen. Das gilt auch für Tierstudien.
Übersicht
| Mechanismus | Einstufung | Wichtigste Belege | Grenze |
|---|---|---|---|
| Volumen, Gesamtzahl und Konzentration steigen mit der Karenz | bewiesen | Metaanalysen [s32, s22, s38], große Kohorten [s104, s23, s20, s27, s59, s14] | Zusammenhang gemessen; wie viel davon Speicherung und wie viel Sekretvolumen ist, trennt keine der Studien |
| Wiederholte Ejakulation entleert Reserven, die Nachlieferung ist begrenzt | bewiesen (Tier und Mensch, qualitativ) | Hengst: Reserven 89 Milliarden, 62 % in der Cauda, fünf Ejakulate entfernen 40 bis 60 % [s174]; Schimpanse, Esel, Widder [s168, s159, s176]; Mensch: zweite Probe [s171, s47, s74, s07, s52, s89], tägliche Ejakulation [s113, s118] | Beim Menschen sind Reserven nie direkt gemessen worden; die Menge „vorrätiger“ Spermien wird aus Probenzahlen erschlossen |
| Tageswahrscheinlichkeit der Empfängnis im sechstägigen Fenster bis zum Eisprung | bewiesen | [s163, s157, s154, s151] | Betrifft das Paar, nicht die Spermien allein |
| Bestimmte Gleitmittel hemmen die Beweglichkeit in vitro | bewiesen (in vitro, produktabhängig) | [s162, s143, s125, s123, s54, s21, s79, s62, s107] | Hohe Gelanteile (häufig 10 %), meist aufbereitete Spermien; Produkte widersprechen sich zwischen Studien |
| Spermien in längerer Speicherung stehen unter höherem oxidativem Stress | plausibel | ROS-Test häufiger positiv bei über 4 Tagen [s82]; ROS, Protein- und Lipidoxidation nach 2 Tagen höher [s55]; oxidative Aktivität nach 1 Tag niedriger [s86]; ROS und Karenz positiv verbunden [s93] | Gegenbefunde: kein Karenzeffekt auf DNA-Fragmentierung und ROS bei Normozoospermie [s66]; ROS-Abwärtstrend bei täglicher Ejakulation nicht signifikant [s118] |
| Längere Karenz erhöht die DNA-Fragmentierung | plausibel | Metaanalysen [s32, s22, s38], Kohorten [s27, s14, s35, s59, s100, s94, s103] | Effekt bei gesunden Männern klein (-2,37 Prozentpunkte, Intervall bis -0,01 [s32]); Heterogenität; unterschiedliche Testverfahren |
| Sekrete der Anhangsdrüsen und Nebenhoden ändern sich mit der Karenz | plausibel | Neutrale Alpha-Glucosidase und Zink bei 2 bis 3 Tagen niedriger [s146]; Zitronensäure, Alpha-Glucosidase, Fruktose nach 4 Stunden niedriger [s89]; Alpha-Glucosidase-Abfall bei kürzerer Karenz in einer Untergruppe [s156]; Pyruvat und Taurin nach 2 Stunden höher [s71] | Kleine Studien (16 bis 31 Männer); ob die Marker die Beweglichkeit bestimmen, ist nicht gezeigt |
| Nebenhoden-Lagerung als Ort der Alterung | plausibel | Deutung der Autoren zu besserer Beweglichkeit und DNA-Integrität nach 1 Tag [s86]; Lagerungsort im Tiermodell [s174] | Nebenhodenfunktion selbst unterschied sich nicht [s86] |
| Entzündung und Keimlast wachsen mit der Karenz | plausibel | TNF-alpha, Interleukin-6, Interferon-gamma und Bakterienlast nach 2 Tagen höher [s55] | Eine Studie mit 51 Männern; Zusammenhang mit der Fruchtbarkeit nicht geprüft |
| Osmolalität, pH und Hilfsstoffe der Gleitmittel schädigen Spermien | plausibel | Zusammenfassende Deutung [s39, s33]; Aquagel hemmt schon bei 5 % ohne Zelltod [s90]; Senföl löst Hyperaktivierung aus [s125] | Ursache (Toxizität, Viskosität, pH, Osmolalität) wird in den Studien offen gelassen [s54]; Rezepturen fehlen in den Abstracts |
| Hohe Schwankung der Einzelprobe | plausibel (gut belegt, aber kein Mechanismus) | Variationskoeffizient innerhalb der Person bis 74,5 % für die Gesamtzahl [s110]; Intraklassenkorrelation für Fragmentierung 0,68 bei Krebspatienten [s60]; Aussage der AUA-Leitlinie [s29] | Beide Studien klein; ein Teil der Unterschiede zwischen Proben kann bloße Messstreuung sein |
| Regression zur Mitte erklärt Teile der Verbesserung bei kurzer Karenz | plausibel (Messartefakt) | Nur der Ausgangswert sagt den Abfall unter 30 % voraus [s47]; bei niedrigem Ausgangswert steigt die Fragmentierung [s80]; einarmige Designs [s47, s74] | Keine Studie dieser Gruppe hat eine Kontrollgruppe mit gleichem Abstand und gleichem Ausgangswert |
| Sehr kurze Karenz schadet der Chromatinreife | spekulativ (isolierter Befund) | Mehr Chromatinunreife nach 1 Tag als nach 3 und 5 Tagen; nach 24 Stunden Inkubation das 40-Fache fragmentierter Spermien [s112] | Einzelstudie mit 19 Freiwilligen; Deutung der Autoren |
| Transfer-RNA-Fragmente und MAPK-Signalweg vermitteln den Effekt kurzer Karenz | spekulativ | 245 unterschiedlich exprimierte Fragmente bei fünf Männern [s18] | Fünf Männer, keine Effektgrößen im Abstract |
| Vorletzte Ejakulation prägt die Probe zusätzlich | spekulativ | Anstieg des Fragmentierungsindex um 5,38 Prozentpunkte im oberen Quartil [s35] | Eine Studie; selbst berichtet; Adjustierung für die aktuelle Karenz unvollständig |
| Wechselwirkung von Alter und Karenz | spekulativ | Beste Qualität bei Männern ab 40 Jahren nach 0 bis 2 Tagen [s14]; Wechselwirkung nicht signifikant (p = 0,878) [s08] | Kein formaler Test in [s14] |
| Sexuelle Erregung und Dauer bis zur Ejakulation beeinflussen die Samenqualität | spekulativ | Längere Erregung, bessere Konzentration und Beweglichkeit [s15]; Veränderung von Volumen und Gesamtzahl beweglicher Spermien [s65]; Dauer der Gewinnung und Asthenozoospermie [s45]; Hengste: niedrige Erregung, bessere Beweglichkeit [s19] | Feste Reihenfolge der Sitzungen [s15]; Richtung bei [s65] unbekannt; widersprüchlich zwischen Arten |
| Verdünnung durch häufigere Entleerung erklärt, warum Konzentration sinkt, die Fragmentierung aber auch | spekulativ | Muster in [s26] | Die Studie prüft es nicht |
| Verdünnung der Gleitmittel im Zervikalschleim erklärt die Diskrepanz zwischen In-vitro- und Kohortenbefund | spekulativ | Kein Beleg; Kohorten [s135, s101] zeigen keine Verringerung der Empfängnis | In den abgerufenen Texten nicht geprüft |
| Seltener Verkehr verursacht schlechtere Samenqualität | spekulativ | Verkehr seltener als einmal pro Woche bei 50,6 % mit hohem Fragmentierungsindex gegen 23,2 % [s69] | Querschnitt; Umkehr der Ursache (Erektionsstörung, Kenntnis des Befunds) ebenso möglich [s68, s129] |
Erläuterungen
Reserven und Nachlieferung. Der am besten gesicherte Mechanismus ist rein mengenbezogen. Beim Hengst lagen 62 % der extragonadalen Reserve in der Cauda epididymidis und 7 % im Samenleiter, fünf aufeinanderfolgende Ejakulate entfernten 40 bis 60 % der verfügbaren Spermien, und die tägliche Produktion (6,4 und 4,2 Milliarden) begrenzte die Nachlieferung [s174]. Bei Schimpansen fiel die Gesamtzahl über sechs stündliche Ejakulate von 1.278 auf 587 Millionen, während das Volumen stieg [s168]; bei Eselhengsten war die Gesamtzahl im zweiten Ejakulat niedriger [s159]; beim Widder sank sie über acht Stunden signifikant [s176]; beim Kaninchen erholten sich Volumen, Konzentration, Beweglichkeit und der Fertilitätsindex nach 24 Tagen Karenz [s172]. Beim Menschen folgt auf eine zweite Probe nach 1 bis 4 Stunden ein Volumen- und Zahlenabfall in allen Studien dieser Gruppe [s171, s47, s74, s07, s52, s89, s17, s167]. Für den Menschen fehlt die direkte Messung der Reserve; die Studien messen nur, was ausgestoßen wird.
Warum Qualität und Menge auseinanderlaufen können. Dass Beweglichkeit und DNA-Integrität in vielen Studien bei kürzerer Karenz besser sind, während Volumen und Zahl sinken, wird in den Arbeiten unterschiedlich gedeutet. Eine Deutung ist die Alterung in der Speicherung: Spermien, die länger im Nebenhoden verbleiben, sind länger oxidativem Stress ausgesetzt [s86, s82, s55]. Eine andere sind Sekrete der Anhangsdrüsen, die sich mit der Karenz ändern [s146, s89, s71]. Eine dritte ist ein reiner Messartefakt, bei dem hohe Ausgangswerte bei Wiederholung auch ohne Eingriff sinken [s47, s80]. Keine Studie in diesem Material trennt diese Deutungen. Ein deutlicher Gegenbefund ist die höhere Chromatinunreife nach nur einem Tag [s112]; ebenso fand die Studie an Rauchern und Nichtrauchern bei Normozoospermie keinen Karenzeffekt auf Fragmentierung und ROS [s66] und die Studie bei täglicher Ejakulation keine Verschlechterung der DNA-Integrität, aber auch keine Verbesserung [s113, s118].
Warum die Effekte bei Normozoospermie und Befundstörung unterschiedlich ausfallen. Bei Normozoospermie steigen mit der Karenz Zahl und Konzentration weiter, bei Oligozoospermie dagegen nicht (außer dem Volumen) [s104, s42, s44], und bei Oligozoospermie liegt der Knickpunkt der Gesamtzahl um den vierten bis fünften Tag [s32]. Die Studien liefern dafür keine Erklärung; der Unterschied ist nur beschrieben. Auch der Befund, dass bei Männern mit abnormen Basisparametern am Folgetag eine Verbesserung erwartet wird, bei normalen dagegen ein Rückgang [s122], ist eine Beschreibung ohne Mechanismus.
Gleitmittel. Als Ursachen der Beweglichkeitshemmung werden Osmolalität, pH, Viskosität und Hilfsstoffe (Parabene, Glycerin) diskutiert [s39, s54]. Die Osmolalität vieler Handelsprodukte überschritt in der Übersicht die WHO-Empfehlung von 380 mOsm/kg [s39]. Dass die Hemmung nicht immer mit Zelltod einhergeht, zeigt die Vitalitätsmessung bei Aquagel [s90]; dass die Wirkung produktabhängig ist, zeigt der Widerspruch zwischen den Studien zu Durex [s79 gegenüber s21, s54]. Warum In-vitro-Hemmung nicht in einer verringerten Empfängnis in Kohorten sichtbar wird [s135, s101], ist offen.
Verkehrszeitpunkt. Hier liegt der Mechanismus auf Seiten des Zyklus: Empfängnis trat nur bei Verkehr in den sechs Tagen bis zum Eisprung ein [s163], und die Schleimqualität erklärte das Muster der Tageswahrscheinlichkeiten [s151]. Nur 6 % der Schwangerschaften waren eindeutig Spermien zuzuordnen, die drei Tage oder älter waren, und ein Zusammenhang zwischen dem Alter der Spermien und der Lebensfähigkeit der Schwangerschaft war nicht erkennbar [s163]. Damit ist die in einer Inseminationsstudie geäußerte Vermutung, alte Spermien führten zu weniger Schwangerschaften [s147], für natürliche Empfängnis in diesem Material nicht bestätigt, aber auch nicht widerlegt.
Verhalten als Folge statt Ursache. Mehrere Verhaltensbefunde sind in beide Richtungen deutbar: Männer mit höherem Fragmentierungsindex berichten seltener Verkehr [s69]; Männer mit bekannter Befundstörung praktizieren mehr zeitgesteuerten Verkehr [s68]; Männer ohne Spermiennachweis berichten weniger Masturbationen [s84]; Verkehrshäufigkeit hängt mit Alter und Erektionsfunktion zusammen [s129]. In diesen Fällen ist die Samenqualität vermutlich auch Ursache des Verhaltens und nicht nur Folge.