Häufigkeit und Zeitpunkt des Verkehrs, Sexualfunktion
Dieser Bereich berührt die Samenqualität nur mittelbar: Er entscheidet nicht darüber, wie gut die Spermien sind, sondern darüber, ob vorhandene Spermien auf eine Eizelle treffen. Die Studien messen die Empfängnis oder das Verhalten der Paare, nicht die Samenparameter. Im Material findet sich keine Studie, die Verkehrshäufigkeit, Samenqualität und natürliche Empfängnis bei denselben Paaren verknüpft.
Dreiås et al. 2026: Verkehrshäufigkeit und Empfängnis, norwegische MoBa-Kohorte [s06]. Prospektive Kohortenstudie an 64.193 Frauen mit geplanter natürlicher Schwangerschaft. Die mittlere Zeit bis zur Schwangerschaft sank von 4,8 Monaten bei weniger als einmal je Woche auf 3,7 Monate bei mehr als viermal je Woche (Trend p < 0,0001). Gegenüber ein- bis zweimal je Woche war die Empfängniswahrscheinlichkeit je Zyklus bei mehr als viermal je Woche um 16 % höher (Fecundability Ratio 1,16; 95-%-KI 1,14 bis 1,19); zwischen weniger als einmal, ein- bis zweimal und drei- bis viermal je Woche gab es keine klaren Unterschiede. Stärken: Größe der Stichprobe, Konfidenzintervall, Maß je Zyklus. Schwächen: Die Häufigkeit wurde selbst für die vier Wochen vor der Empfängnis berichtet, rückblickend; die Umkehr der Ursache (fruchtbare Paare haben möglicherweise häufiger Verkehr) ist nicht ausschließbar. Einordnung: Ein Vorteil zeigt sich erst bei mehr als viermal je Woche; unterhalb dieser Schwelle unterscheiden sich die Gruppen nicht klar.
Konishi et al. 2020: Koitusfrequenz und Empfängnis, Japan [s85]. Prospektive Kohortenstudie an 80 Frauen, die ihr erstes Kind erwarteten, über bis zu 24 Wochen. 44 % (35) empfingen natürlich; in 18 % (58 von 319) der Zyklen gab es keinen Verkehr in der fruchtbaren Phase; höhere Koitusfrequenz war mit höherer Wahrscheinlichkeit der Empfängnis verbunden (Odds Ratio 1,23; 95-%-KI 1,02 bis 1,47). Stärken: prospektive Erfassung, Konfidenzintervall. Schwächen: 80 Frauen, kurzer Beobachtungszeitraum. Einordnung: Die Studie zeigt, dass in knapp einem Fünftel der Zyklen in der fruchtbaren Phase kein Verkehr stattfand.
Bond et al. 2025: Sexuelle Funktion und Not der Frau und Zeit bis zur Schwangerschaft [s16]. Prospektive Kohortenstudie mit 2.500 Teilnehmerinnen vor der Empfängnis. Sexuelle Not war mit geringerer Fecundability verbunden (Fecundability Ratio 0,82; 95-%-KI 0,69 bis 0,98); keine Verbindung bestand für Funktionsstörung nach Grenzwert (1,00; 0,890 bis 1,13); häufige Schmerzen beim Verkehr: 0,81 (0,62 bis 1,06). Stärken: große prospektive Kohorte, Konfidenzintervalle. Schwächen: Selbstangaben, das Konfidenzintervall für Schmerzen schließt 1 ein. Einordnung: Die Studie betrifft die Sexualfunktion der Frau.
Wilcox et al. 1995: Verkehrszeitpunkt und Empfängnis, USA [s163]. Prospektive Kohorte an 221 gesunden Frauen mit Kinderwunsch, tägliche Urinproben (Östrogen- und Progesteronmetaboliten) und Tagebuch. In 625 Zyklen mit schätzbarem Eisprung entstanden 192 Schwangerschaften, zwei Drittel (129) endeten mit Lebendgeburt. Empfängnis trat nur bei Verkehr in einem sechstägigen Zeitraum bis zum Eisprungtag ein; die Wahrscheinlichkeit lag zwischen 0,10 (fünf Tage vor) und 0,33 (am Eisprungtag). Nur 6 % der Schwangerschaften waren eindeutig Spermien zuzuordnen, die drei Tage oder älter waren; ein Zusammenhang zwischen Alter der Spermien und Lebensfähigkeit der Schwangerschaft war nicht erkennbar; das Geschlecht des Kindes hing nicht erkennbar mit dem Zeitpunkt zusammen. Stärken: hormonelle Bestimmung des Eisprungs, tägliche Daten. Schwächen: gesunde Frauen mit Kinderwunsch, Konfidenzintervalle im Abstract nicht genannt. Einordnung: Die Arbeit ist die Grundlage der Vorstellung eines sechstägigen fruchtbaren Fensters.
Dunson et al. 1999 und 2002, Bigelow et al. 2004: Fruchtbares Fenster und Alter [s157, s154, s151]. Dunson et al. 1999 [s157] korrigierten den Fehler der Eisprungbestimmung in zwei Datensätzen (Basaltemperatur, London; Urinhormone, North Carolina) und fanden in beiden das gleiche sechstägige fruchtbare Fenster mit höchster Wahrscheinlichkeit am Tag vor dem Eisprung und Werten nahe null danach. Dunson et al. 2002 [s154] (782 Paare, 5.860 Zyklen) fanden fast alle Schwangerschaften im sechstägigen Fenster; die Tageswahrscheinlichkeit sank bei Frauen ab Ende der Zwanziger und war bei 19- bis 26-Jährigen doppelt so hoch wie bei 35- bis 39-Jährigen; bei Männern über 35 Jahren war die Fruchtbarkeit nach Bereinigung für das Alter der Frau signifikant verringert. Bigelow et al. 2004 [s151] (782 Frauen, 7.288 Zyklen) fanden, dass die Schleimqualität das Muster der Tageswahrscheinlichkeiten erklärte; nach Bereinigung war die Variabilität über das fruchtbare Intervall begrenzt. Stärken: Daten aus Kohorten der natürlichen Familienplanung mit Zervikalschleim-Beobachtung. Schwächen: Die Abstracts nennen keine Konfidenzintervalle; die Kohorten [s154] und [s151] überschneiden sich vermutlich (gleiche Kohorte der natürlichen Familienplanung, 782 Frauen beziehungsweise Paare), die Zyklenzahlen (5.860 und 7.288) unterscheiden sich; sie sind deshalb nicht als unabhängige Bestätigungen zu zählen. Einordnung: Diese Arbeiten bilden die Datengrundlage für die Kernaussage zum Zeitpunkt: Empfängnis ist an ein Fenster von etwa sechs Tagen gebunden.
Perlis et al. 2013: Koitusfrequenz bei infertilen Männern, Kanada [s129]. Querschnittsstudie an 1.298 infertilen Männern: Der Median des monatlichen Verkehrs lag bei 7 (Interquartilsabstand 5 bis 10; Spanne 0 bis 40); 24 % der Paare hatten höchstens viermal monatlich Verkehr. Je Lebensjahr erhöhte sich die Chance seltenen Verkehrs (Odds Ratio 1,05; 95-%-KI 1,03 bis 1,08); auch die Erektionsfunktion im Fragebogen hing mit seltenem Verkehr zusammen (Odds Ratio 1,12 je Punkt; 1,09 bis 1,18; die Richtung der Skala ist im Abstract nicht erläutert). Die Autoren schließen, die Koitusfrequenz solle in Fertilitätsabklärungen berücksichtigt werden. Stärken: große Stichprobe, Konfidenzintervalle. Schwächen: Selbstangabe, nur infertile Männer, die Skalenrichtung des zweiten Odds Ratio ist nicht erläutert. Einordnung: Seltener Verkehr hängt mit höherem Alter und mit der Erektionsfunktion zusammen; ein Samenparameter wurde nicht ausgewertet.
Yu et al. 2022: Zeitgesteuerter Verkehr nach bekannter Samenqualitätsstörung, Changchun [s68]. Querschnittsstudie an 509 Männern (Juni bis Oktober 2021). Gruppe A: nie oder höchstens vor sechs Monaten untersucht; Gruppe B: Samenanalyse mindestens sechs Monate zuvor, weiter unterteilt in schwer, leicht bis mäßig und normozoosperm. Erektile Dysfunktion war häufiger in Gruppe B leicht bis mäßig (Odds Ratio 1,86; 95-%-KI 1,07 bis 3,24; p = 0,027) und B schwer (5,312; 2,69 bis 10,49; p < 0,001), nicht in B normozoosperm. Zeitgesteuerten Verkehr praktizierten 11,8 % (20 von 170) in Gruppe A und 16,2 % (19 von 117) in B normozoosperm, aber 28,2 % (44 von 156) in B leicht bis mäßig und 25,7 % (17 von 66) in B schwer (p < 0,001). Die Autoren deuten dies als Folge langer erfolgloser Versuche, nicht als direkte Wirkung der Samenqualität. Stärken: klare Gruppendefinition. Schwächen: Querschnitt, Selbstbericht; Gruppe B unterscheidet sich vermutlich auch in der Dauer des Kinderwunsches (im Abstract nicht ausgewiesen). Einordnung: Das Verhalten folgt hier der Kenntnis des Befunds und ist keine Ursache der Samenqualität.
Yu et al. 2022: Sexualfunktion und Koitusfrequenz bei erhöhter DNA-Fragmentierung, Changchun [s69]. Querschnittsstudie an 426 Männern aus Paaren mit Schwangerschaftsverlust (normale Samenqualität n = 161, hoher Fragmentierungsindex n = 87, isolierte Asthenozoospermie n = 45, isolierte Teratozoospermie n = 44, mindestens zwei abnorme Parameter n = 89; Scientific Reports). Erektile Dysfunktion (IIEF-5) war bei hohem Index (OR 2,75; 1,49 bis 5,09; p = 0,001) und isolierter Teratozoospermie (OR 2,44; 1,22 bis 5,31; p = 0,024) häufiger, nicht bei isolierter Asthenozoospermie (20,0 % gegen 18,0 %; OR 1,24; 0,52 bis 2,97). Verkehr seltener als einmal je Woche berichteten 50,6 % der Gruppe mit hohem Index gegenüber 23,2 % der normozoospermen Gruppe (p < 0,05), in den Gruppen mit isolierter Teratozoospermie 44,4 % und mit mehreren Anomalien 46,1 %. Die Angstwerte (GAD-7) waren leicht erhöht. Stärken: Konfidenzintervalle, mehrere Befundgruppen. Schwächen: Der Befund ist querschnittlich und kann beide Richtungen bedeuten: seltener Verkehr durch Sexualstörung bei hohem Index oder seltener Verkehr als Mitursache eines höheren Index. Einordnung: Die Ursache bleibt offen.
Bak et al. 2012: Zeitgesteuerter Verkehr und Sexualfunktion, Seoul [s133]. Prospektive Studie an 439 Männern über drei Jahre (Juli 2008 bis Juni 2011), Zaii Medical Center. Bei 188 Männern (42,8 %) trat neu eine erektile Dysfunktion auf, 47 Männer (10,7 %) hatten außereheliche Kontakte; mit der Zahl der Episoden des zeitgesteuerten Verkehrs stieg die Zahl der Männer mit erektiler Dysfunktion und mit außerehelichem Verkehr (jeweils p < 0,0001). Männer, die Softdrinks tranken, hatten ein geringeres Ejakulatvolumen (p = 0,0363). LH, Testosteron und Östradiol waren bei erektiler Dysfunktion niedriger (jeweils p < 0,05), FSH höher. Stärken: dreijährige Beobachtung. Schwächen: kein Vergleichskollektiv ohne zeitgesteuerten Verkehr; die Samenparameter wurden erhoben, im Abstract aber nur zum Softdrink-Befund berichtet. Einordnung: Die Studie betrifft Verhalten und Sexualfunktion, nicht die Samenqualität im Mittelpunkt.
Gleitmittel in Kohorten und gemischte Studien
Die Laborstudien mit Spermien in Gleitmittellösungen sind Gegenstand eines anderen Kapitels. Hier stehen zwei Kohorten mit Empfängnis und zwei Arbeiten mit gemischtem Design.
Steiner et al. 2012: Gleitmittel und natürliche Fruchtbarkeit, 296 Frauen [s135]. Prospektive Kohorte mit Tagebuch bei Frauen im Alter von 30 bis 44 Jahren. 25 % nannten im Ausgangsfragebogen Gleitmittelgebrauch; nach dem Tagebuch benutzten 57 % nie, 29 % gelegentlich, 14 % häufig. Gebrauch im fruchtbaren Fenster war nicht mit geänderter Fruchtbarkeit verbunden (Fecundability Ratio 1,05; 95-%-KI 0,59 bis 1,85). Stärken: Tagebuch, Konfidenzintervall. Schwächen: Das Konfidenzintervall ist breit, sodass auch eine deutliche Verminderung oder Erhöhung nicht ausgeschlossen ist; Selbstangaben; die Abstracts nennen keine Messung von Samenparametern. Einordnung: Die Studie sagt etwas über die Empfängnis, nichts über die Samenqualität.
McInerney et al. 2018: Gleitmittel und Zeit bis zur Schwangerschaft, 6.467 Frauen [s101]. Prospektive Kohortenstudie bei Frauen aus Dänemark und Nordamerika. Gebrauch bei 17,5 %. Fecundability Ratio gegenüber Nichtgebrauch: 1,02 (0,93 bis 1,11) für wasserbasierte nicht pH-abgestimmte, 1,01 (0,86 bis 1,18) für wasserbasierte pH-abgestimmte „fruchtbarkeitsfreundliche“, 1,23 (0,94 bis 1,61) für ölbasierte und 1,27 (0,93 bis 1,73) für silikonbasierte Mittel. Der Zusammenhang mit Ölen war über Untergruppen nicht einheitlich. Stärken: sehr große Kohorte, Unterteilung nach Produktart, Konfidenzintervalle. Schwächen: Selbstangaben, keine Messung von Samenparametern, breite Intervalle bei Öl und Silikon, die die 1 einschließen. Einordnung: Beide Kohorten [s135, s101] fanden keine Verringerung der Empfängniswahrscheinlichkeit; in-vitro-Befunde mit Spermien in zehnprozentigen Lösungen weisen scheinbar in die andere Richtung. Die Abstracts erklären das nicht; mögliche Gründe wie Verdünnung im Zervikalschleim oder Gebrauchszeitpunkt sind Vermutungen, die in den abgerufenen Texten nicht geprüft wurden.
Rafaee et al. 2022: Gleitgel BabyDance, Teheran [s64]. Prospektive In-vitro- und Anwendungsstudie mit 45 Teilnehmern: In Phase 1 wurden Samenproben von 20 Patienten mit verschiedenen Konzentrationen des parabenfreien Gels inkubiert, in Phase 2 verwendeten 25 Männer das Gel bei einem neuen Spermiogramm. In vitro zeigte sich keine Wirkung auf pH-Wert, Farbe, Vitalität sowie Gesamt-, progressive und nicht progressive Beweglichkeit bei jeder Konzentration; in Phase 2 gab es keinen Unterschied mit und ohne Gel. Alle 25 Teilnehmer der zweiten Phase waren zufrieden. Stärken: Kombination aus Labor und Anwendung. Schwächen: kleine Zahlen, Konzentrationen im Abstract nicht genannt; der Zweck war die Eignung für die Samengewinnung in der Klinik, nicht die Wirkung beim Verkehr mit dem Ziel der Zeugung. Einordnung: gemischtes Design, in diesem Kapitel nur der Vollständigkeit halber.
Mackenzie und Gellatly 2019: Befragung von Fachpersonen und In-vitro-Test, Schottland [s90]. Befragung von 32 Fachpersonen der Fertilitätsversorgung und In-vitro-Test: Die Empfehlungen waren uneinheitlich, das Wissen über Spermientoxizität gering. Aquagel, das einzige verschriebene Mittel, senkte die Progressivbeweglichkeit nach zehn Minuten auf 49 % der Kontrolle, schon bei 5 % Konzentration (ohne Zelltod laut Vitalitätstest); ein als „spermiensicher“ geltendes Produkt (Pré) beeinflusste die gemessenen Parameter nicht signifikant. Schwächen: kleine Befragung, Laborversuch. Einordnung: Der Befragungsteil gehört zu den Beobachtungsstudien, der Laborteil in das Kapitel zu den In-vitro-Studien.
Ejakulationshäufigkeit und Prostatakrebs (Randthema)
Diese Studien betreffen die Samenqualität nicht, gehören aber zur Literatur über Ejakulationshäufigkeit.
Leitzmann et al. 2004: Prospektive Kohorte mit 29.342 Männern, USA [s153]. Männer im Alter von 46 bis 81 Jahren, Follow-up 1992 bis 2000, 1.449 Prostatakrebsfälle (953 organbegrenzt, 147 fortgeschritten). Relatives Risiko bei mindestens 21 gegen 4 bis 7 Ejakulationen je Monat: 0,89 (95-%-KI 0,73 bis 1,10) im Alter von 20 bis 29, 0,68 (0,53 bis 0,86) im Alter von 40 bis 49, 0,49 (0,27 bis 0,88) im letzten Jahr und 0,67 (0,51 bis 0,89) über das Leben gemittelt. Kein signifikanter Zusammenhang mit fortgeschrittenem Krebs. Die Autoren schließen, dass die Ejakulationshäufigkeit nicht mit erhöhtem Risiko zusammenhänge. Stärken: große prospektive Kohorte, Konfidenzintervalle. Schwächen: Selbstangabe der Häufigkeit, rückblickend für frühere Lebensabschnitte. Einordnung: Die Zusammenhänge im mittleren Alter sind signifikant, nicht im Alter von 20 bis 29 Jahren.
Rider et al. 2016: Dieselbe Kohorte mit zehn Jahren mehr Follow-up [s111]. 31.925 Männer, 3.839 Fälle in 480.831 Personenjahren. Hazard Ratio bei mindestens 21 gegen 4 bis 7 Ejakulationen je Monat: 0,81 (0,72 bis 0,92; p für Trend < 0,0001) im Alter von 20 bis 29 und 0,78 (0,69 bis 0,89) im Alter von 40 bis 49. Der Zusammenhang wurde von Tumoren mit niedrigem Risiko getragen und war bei PSA-gescreenten Männern ähnlich. Schwächen: Die Erhebung der Häufigkeit erfolgte rückblickend und per Selbstangabe; die Auswertung betrifft dieselben Männer wie [s153] und ist keine unabhängige Bestätigung. Einordnung: Mit längerem Follow-up wurde der Zusammenhang im frühen Erwachsenenalter signifikant (0,89 gegen 0,81).
Lozano-Lorca et al. 2023: Fall-Kontroll-Studie CAPLIFE, Spanien [s51]. 456 Fälle und 427 Kontrollen im Alter von 40 bis 80 Jahren. Ein Jahr vor dem Interview ejakulierten Fälle seltener als Kontrollen. Bereinigtes Odds Ratio gegenüber mehr als vier Ejakulationen je Monat: 1,64 (95-%-KI 1,03 bis 2,61) bei vier und 2,38 (1,57 bis 3,60) bei null bis drei je Monat; bei ISUP-Gruppe 3 bis 5 2,76 (1,34 bis 5,67) bei null bis drei je Monat; bei lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Tumor 4,70 (1,55 bis 14,29). Stärken: Konfidenzintervalle, Unterteilung nach Tumorstadium. Schwächen: Erinnerungsverzerrung und umgekehrte Verursachung sind möglich (Krankheit mindert die Häufigkeit); breites Intervall bei fortgeschrittenem Tumor. Einordnung: Der Zusammenhang beschreibt die Häufigkeit im letzten Jahr vor der Befragung.
Beobachtungsstudie zur Berichtspraxis der Laboratorien
Apolichin et al. 2025: Laborberichte in der Russischen Föderation [s28]. Querschnittsanalyse von Spermiogramm-Befunden, die Patienten aus 72 Laboratorien in 19 Regionen der Russischen Föderation zwischen September 2021 und September 2024 vorlegten, nach einer eigenen Prüfliste im Vergleich zum Musterbericht der sechsten Auflage des WHO-Laborhandbuchs. Der Titel lautet „Первый анализ приверженности лабораторий в Российской Федерации Шестому изданию Лабораторного Руководства ВОЗ по исследованию и обработке эякулята человека“ (Erste Analyse der Befolgung der sechsten Auflage des WHO-Laborhandbuchs durch Laboratorien in der Russischen Föderation). Nur 37 von 72 Berichten (51,4 %) nennen eine WHO-Auflage. Referenzwerte der sechsten Auflage fanden sich in 3 Berichten (4,2 %), der fünften in 58 (80,5 %), der vierten von 1999 in 9 (12,5 %), keine Referenzwerte in 2 (2,7 %). Die Vollständigkeit der Probe war in 5 Berichten (6,9 %) angegeben. Die Karenz war in 48 Berichten (66,7 %) angegeben, die Zeit zwischen Abgabe und Untersuchungsbeginn in 3 (4,2 %). Stärken: erste systematische russische Erhebung, klare Prüfliste. Schwächen: Die Berichte wurden von Patienten vorgelegt (mögliche Auswahl) und nicht zufällig aus den Laboren gezogen. Einordnung: Ein Drittel der Berichte nennt die Karenz nicht; wo sie fehlt, lässt sich ein Spermiogramm nicht mit den karenzabhängigen Befunden dieses Kapitels in Beziehung setzen.
Gesamteinordnung der Beobachtungsstudien
Was die Beobachtungsstudien gemeinsam zeigen. In fast allen großen Auswertungen steigen Volumen, Konzentration und Gesamtzahl mit der Karenz [s104, s23, s20, s63, s56, s27, s59, s14, s35, s146, s170]. Für die Beweglichkeit und die DNA-Fragmentierung ist das Bild weniger einheitlich: Längere Karenz geht in vielen Studien mit geringerer Beweglichkeit und höherer Fragmentierung einher [s27, s14, s35, s59, s63, s42, s44, s103], bei normozoospermen Männern fehlt der Beweglichkeitseffekt in einzelnen Studien [s23, s20, s83]. Bei Männern mit auffälligem Befund sind die Effekte meist größer, und bei Oligozoospermie bringt längere Karenz seltener einen Zuwachs der Zahl [s104, s42, s44]. Die Morphologie ist uneinheitlich [s08, s42, s23, s27, s59, s14].
Grenzen der Zusammenhänge. Die Zusammenhänge sind klein bis mäßig. Beispiele: Die Korrelation von Karenz und Fragmentierung beträgt bei 9.694 Proben nur r = 0,10 [s94]; die Fragmentierung steigt innerhalb der WHO-Spanne von 12,9 auf 16,1 % [s59]; in der Intra-Individuen-Analyse hing die Beweglichkeit innerhalb derselben Person nicht von der Karenz ab [s20, s170]. Die Querschnittsdaten sind durch Alter, Befund und Anlass der Probe verzerrbar, die Vorher-nachher-Studien durch Regression zur Mitte, die klinischen Kohorten durch das Alter der Frau und die Wahl des Verfahrens. Nur die Studien mit Intra-Individuen-Analyse [s20, s170] trennen Unterschiede zwischen Männern von solchen innerhalb eines Mannes.
Klinische Endpunkte. Die Beobachtungsstudien zu Insemination, ICSI und IVF sind gespalten: Nachteile langer Karenz [s147, s88, s106, s75, s13] stehen Kohorten ohne Zusammenhang gegenüber [s99, s31, s57]. Kein Befund belegt Vorteile einer Karenz von Stunden bei den Lebendgeburtenraten [s34, s49, s02].
Ejakulationshäufigkeit, Verkehr, Gleitmittel. Zur Ejakulationshäufigkeit liegen nur eine große Querschnittsstudie [s26] und kleine Studien zu täglicher Ejakulation vor [s113, s118, s132, s173]. Zum Zeitpunkt des Verkehrs sind die Tageswahrscheinlichkeiten der Empfängnis gut belegt, mit einem Fenster von etwa sechs Tagen [s163, s157, s154, s151]; die Häufigkeit zeigt in der größten Kohorte erst oberhalb von viermal je Woche einen Vorteil [s06]. Die beiden Kohorten zu Gleitmitteln fanden keine Verringerung der Empfängniswahrscheinlichkeit, mit breiten Konfidenzintervallen [s135, s101].
Abhängigkeiten zwischen den Studien. Mehrere Arbeiten stammen aus demselben Zentrum oder derselben Kohorte: die Studien aus Changchun [s26, s35, s68, s69], die Prostatakrebs-Kohorten [s153, s111], die Kohorten der natürlichen Familienplanung [s154, s151] und die beiden Cochrane-Fassungen [s117, s46]. Sie sind nicht als unabhängige Bestätigungen zu zählen. Alle Aussagen dieses Kapitels beruhen auf Abstracts, bei einzelnen chinesischen Studien auf frei zugänglichen Volltexten; eine formale Bewertung des Verzerrungsrisikos der Einzelstudien wurde nicht vorgenommen.
Kapitel 03: Studienlage, Mechanismen und Dosis-Wirkung
Lesehinweis. Dieses Kapitel behandelt drei Verhaltensgrößen und ihre Beziehung zur Samenqualität: erstens die Zeit seit der letzten Ejakulation (Karenz, in vielen Arbeiten auch Abstinenzdauer genannt) und die Ejakulationshäufigkeit, zweitens den Gebrauch von Gleitmitteln, drittens Häufigkeit und Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs im Zyklus der Partnerin. Die dritte Größe berührt die Samenqualität nur mittelbar: Sie entscheidet, ob vorhandene Spermien auf eine Eizelle treffen. Sie wird deshalb getrennt geführt. Alle Zahlen stammen aus den Abstracts beziehungsweise Webtexten, die für die Studie abgerufen wurden. Volltexte wurden nur für einzelne Arbeiten gelesen. Wo ein Abstract einen Wert nicht nennt, steht das ausdrücklich da. Das Kapitel gibt keine Therapie- und keine Verhaltensempfehlung. Wo Autoren selbst Empfehlungen aussprechen, werden diese als Aussage der Autoren berichtet und nicht übernommen. Zur Lesart der Zahlen: Mediane mit Interquartilsabstand sind keine Konfidenzintervalle, und die Vorzeichen der Differenzen unterscheiden sich zwischen den Arbeiten (kurze minus lange Karenz in [s32] und [s22], lange minus kurze Karenz in [s38]); die Richtung wird deshalb bei jeder Zahl benannt.