Überblick und Gliederung
Die Beobachtungsstudien machen den größten Teil der Literatur aus. Sie lassen sich in sieben Gruppen ordnen, die im Folgenden nacheinander behandelt werden: erstens große retrospektive und prospektive Auswertungen von Samenbefunden nach Karenz (Europa, Amerika, Afrika, Indien und Vietnam), zweitens dieselbe Fragestellung in China, Japan und Hongkong, drittens Studien zur Ejakulationshäufigkeit und zu wiederholten Ejakulaten, viertens Studien mit einer zweiten Probe nach Stunden, fünftens Studien zu klinischen Endpunkten (Insemination, ICSI, IVF) und zu Erregung, Tageszeit und Dauer der Probengewinnung, sechstens Studien zu Häufigkeit und Zeitpunkt des Verkehrs sowie zur Sexualfunktion und siebtens die Kohorten zu Gleitmittelgebrauch und zum Prostatakrebs.
Gemeinsam ist fast allen Arbeiten, dass die Karenz von den Männern selbst angegeben und nicht überprüft wurde, dass die Männer zur Abklärung eines unerfüllten Kinderwunsches oder zur Kryokonservierung kamen und dass Männer mit unterschiedlicher Karenz sich auch in Alter, Befund und Anlass der Probe unterscheiden können. Die Studien zeigen Zusammenhänge und keine Ursachen. Wo Vorher-nachher-Studien ohne Kontrollgruppe vorgestellt werden, wird dies jeweils gesagt, weil bei ihnen die Regression zur Mitte (hohe Ausgangswerte sinken bei Wiederholung auch ohne Eingriff) eine Teilerklärung sein kann.
Große Auswertungen von Samenbefunden nach Karenz (Europa, Amerika, Afrika, Indien, Vietnam)
Levitas et al. 2005: Retrospektive Analyse von 9.489 Proben [s149]. Die Autoren aus Israel (Affiliation) analysierten rückblickend 9.489 Samenproben von 6.008 Patienten nach dem WHO-Handbuch. Die Proben wurden nach Konzentration gruppiert (schwere, mäßige und leichte Oligozoospermie sowie Normozoospermie) und nach Karenztagen ausgewertet. Bei den 3.506 oligozoospermen Proben lag die höchste mittlere Beweglichkeit (30,3 %) nach einem Tag Karenz. Der Anteil normal geformter Spermien erreichte bei leichter bis mäßiger Oligozoospermie (n = 2.260) Spitzenwerte von 7,4 bis 8,6 % bei null bis zwei Tagen. Bei den 5.983 normozoospermen Proben sanken Beweglichkeit und Normalformen bis zu den Tagen 11 bis 14 auf 33,1 % und 7,0 %. Die Autoren folgern, bei Patienten mit männlichem Faktor sei eine Probe nach nur einem Tag günstig und bei Normalbefunden oder Spendern sei eine Karenz von höchstens zehn Tagen vertretbar; das ist ihre Schlussfolgerung. Konfidenzintervalle nennt das Abstract nicht. Stärken: sehr große Probenzahl, Trennung nach Befundgruppen. Schwächen: Mehrfachproben desselben Mannes sind nicht unabhängig, keine Randomisierung, Karenz nach Selbstangabe. Einordnung: Die Arbeit gehört zu den frühen großen Auswertungen, die zeigten, dass das Muster der Karenz vom Ausgangsbefund abhängt.
Levitas et al. 2006: Akrosomenindex bei Teratozoospermie [s145]. Dieselbe Arbeitsgruppe wertete 1.800 Proben mit Teratozoospermie aus. Bei normozoospermen Proben (n = 1.264) sank der Akrosomenindex von 10,2 ± 3,6 % am zweiten Tag auf 8,5 ± 4,0 % am fünften Tag (p = 0,001). Bei oligozoospermen Proben (n = 536) sank er von 8,7 ± 3,5 % am ersten Tag auf 6,8 ± 3,7 % am fünften Tag (p = 0,04). Konfidenzintervalle fehlen. Schwächen: Es werden nur Zeitpunkte zwischen Tag 1 und Tag 5 verglichen; die Folgen für die Befruchtung wurden nicht untersucht. Einordnung: Ein selten betrachtetes Funktionsmerkmal (Akrosom) folgt derselben Richtung wie Beweglichkeit und Morphologie: günstigere Werte bei kürzerer Karenz.
Keihani et al. 2017: Große Kohorte aus den USA [s104]. Aus 15.623 Patienten einer Praxis (2002 bis 2013) gingen 11.782 Untersuchungen von 10.095 Patienten in die Auswertung ein (mittleres Alter 32,4 Jahre, mediane Karenz 4,0 Tage; 9.840 normozoosperme und 1.939 oligozoosperme Proben). Die Karenz wurde in vier Gruppen geteilt (bis 2 Tage, über 2 bis 5, über 5 bis 7 und über 7 Tage). Gemischte Modelle berücksichtigten das Alter und die Mehrfachproben. Bei normozoospermen Männern waren längere Karenzgruppen mit größerem Volumen, höherer Konzentration, höherer Gesamtspermienzahl und höherer Gesamtzahl beweglicher Spermien verbunden. Bei oligozoospermen Männern verbesserte sich außer dem Volumen kein Parameter mit längerer Karenz. Konfidenzintervalle nennt das Abstract nicht. Stärken: große Zahl, Berücksichtigung der Mehrfachproben und des Alters, getrennte Auswertung nach Befund. Schwächen: retrospektiv, Selbstangabe der Karenz, nur Daten einer Praxis. Einordnung: Der Befund, dass bei Oligozoospermie längere Karenz seltener einen Zuwachs bringt, wird von weiteren Arbeiten bestätigt [s42, s44].
Russo et al. 2025: 23.527 Samenproben aus Italien [s23]. Retrospektive Analyse aus Catania (2013 bis 2024), Karenz zwei bis sieben Tage. Bei normozoospermen Patienten stieg von Tag 1 bis Tag 7 die Gesamtspermienzahl von 92,4 auf 191,1 Millionen (p < 0,01), die Konzentration von 44,5 auf 72,0 Millionen je ml (p < 0,01) und der Anteil normal geformter Spermien von 6 auf 12,5 % (p = 0,03). Die Beweglichkeit (Kategorien A und B) lag bei 50,0 gegen 48,0 % (p = 0,43). Bei Patienten mit auffälligem Befund stiegen Gesamtzahl (16,38 gegen 56,0; p < 0,01), Konzentration (8,0 gegen 18,0; p < 0,01) und Morphologie (3,0 gegen 5,0; p < 0,01), während die Beweglichkeit von 28,0 auf 21,0 % (p < 0,01) und der pH-Wert von 8,1 auf 7,9 sanken. Bei Asthenozoospermie fiel die Beweglichkeit von 11,8 auf 6,1 %, bei Teratozoospermie die Morphologie von 2,13 auf 1,26 % (jeweils p < 0,01). Die Autoren schließen auf je nach Befundtyp unterschiedliche Verläufe. Es sind Medianwerte und p-Werte genannt, Konfidenzintervalle fehlen. Koautoren stammen auch aus Riad. Stärken: sehr große Fallzahl, getrennte Auswertung nach vier Befundtypen, Beweglichkeit und Morphologie getrennt betrachtet. Schwächen: retrospektiv, Selbstangabe der Karenz, ob Mehrfachproben desselben Mannes vorkommen, nennt das Abstract nicht, Einzelzentrum. Einordnung: Bei normozoospermen Männern ändert sich die Beweglichkeit über die Karenz kaum, bei auffälligem Befund sinkt sie: Dieselbe Karenzdauer wirkt in den Befundgruppen unterschiedlich [s63, s42].
Nguyen et al. 2025: Querschnitt mit Intra-Individuen-Analyse aus Vietnam [s20]. Die Arbeit aus Hanoi wertete 11.297 Untersuchungen von 9.595 Männern aus; 1.702 Männer hatten innerhalb eines Monats zwei Analysen. Dadurch ließen sich Unterschiede zwischen Personen von Unterschieden innerhalb derselben Person trennen. Die Karenz korrelierte positiv mit Volumen, Konzentration und Gesamtzahl beweglicher Spermien, und zwar sowohl zwischen als auch innerhalb der Männer. Eindeutige Gipfel bei Verlängerung der Karenz fanden sich nicht. Der Anteil beweglicher Spermien stieg zwischen den Personen leicht mit der Karenz (β = 0,16; p < 0,01), nicht aber innerhalb der Person. Mit der Geradeaus-Geschwindigkeit bestand kein Zusammenhang. Ein Unterschied der Karenz zwischen den zwei Proben von höchstens einem Tag verringerte die Schwankung der Werte. Konfidenzintervalle nennt das Abstract nicht. Stärken: Die Intra-Individuen-Analyse nimmt Störgrößen heraus, die zwischen Personen bestehen (Alter, Befund); die Fallzahl ist sehr groß. Schwächen: Selbstangabe der Karenz, Männer in der Fertilitätsabklärung, zwei Proben nur bei einem Teil. Einordnung: Das ist eine der methodisch sorgfältigsten Beobachtungsstudien; die Beweglichkeit hängt innerhalb derselben Person nicht von der Karenz ab, ein Hinweis, dass Gruppenunterschiede teilweise auf Unterschiede zwischen Männern zurückgehen können.
Meitei et al. 2022: Registerkohorte aus Indien [s63]. Ausgewertet wurden 10.674 Ejakulate von 7.972 subfertilen Männern in vier Karenzintervallen über 0 bis 15 Tage, bereinigt für das Alter. Längere Karenz ging mit höherem Volumen, höherer Gesamtspermienzahl und (außer bei Oligozoospermie) höherer Konzentration einher (p < 0,05). Beweglichkeit (außer bei Asthenozoospermie) und Vitalität waren niedriger (p < 0,05); in der Gruppe mit abnormem Befund war die DNA-Fragmentierung höher (p < 0,01). Nach der Aufbereitung stiegen bei Normozoospermie Konzentration und Gesamtzahl beweglicher Spermien mit längerer Karenz (p < 0,05). Die Autoren folgern, eine allgemeine Empfehlung langer Karenz habe keinen klinischen Wert. Konfidenzintervalle nennt das Abstract nicht. Stärken: große Zahl, Registerdaten, Alter berücksichtigt, Aufbereitung berücksichtigt. Schwächen: retrospektiv, Mehrfachproben, nur subfertile Männer. Einordnung: Die Arbeit zeigt, dass der Nachteil langer Karenz vor allem in der Gruppe mit abnormem Befund sichtbar wird.
Xie et al. 2024: 4.423 Männer aus der Schweiz [s42]. Retrospektive Auswertung aus Zürich mit 1.256 gesunden Proben und 3.167 Proben mit Oligo-, Astheno-, Terato- oder kombinierter Störung; die Karenz wurde je Tag sowie in den Gruppen 0 bis 2, 3 bis 7 und über 7 Tage betrachtet. Längere Karenz ging mit höherer Konzentration einher (p < 0,001; nicht bei Oligozoospermie) und mit geringerer Progressivbeweglichkeit bei normalen (p < 0,001) und teratozoospermen Proben (p < 0,001). Normal geformte Spermien waren bei Normalbefund nach kürzerer Karenz häufiger (p = 0,03), bei kombinierter Störung nach längerer (p = 0,013). Die Autoren nennen die Ergebnisse zur Morphologie unschlüssig. Konfidenzintervalle fehlen. Stärken: Trennung nach Befundtyp, Betrachtung von Tagen und Gruppen. Schwächen: retrospektiv, Selbstangabe, gegenläufige Morphologiebefunde. Einordnung: Die gegenläufige Richtung der Morphologie bei Normalbefund und bei kombinierter Störung ist ein Beispiel dafür, dass „besser bei kürzerer Karenz“ nicht für jeden Parameter und jede Gruppe gilt.
Akhigbe et al. 2022: 5.165 Proben aus Nigeria [s56]. Retrospektive Auswertung (April 2015 bis April 2020) mit den Karenzgruppen unter 2, 2 bis 3 und 3 bis 7 Tage, getrennt nach normozoospermen und oligozoospermen Proben. Bei Normozoospermie waren Konzentration und Gesamtzahl bei längerer Karenz höher. Bei Oligozoospermie stieg das Volumen, während Konzentration, Gesamtzahl und Progressivbeweglichkeit sanken. Das Abstract nennt keine Zahlen und keine Konfidenzintervalle. Stärken: Daten aus einem Land Subsahara-Afrikas, die in der Literatur selten sind. Schwächen: keine Zahlen im Abstract, retrospektiv, enge Karenzgruppen bis höchstens sieben Tage. Einordnung: Die Verläufe entsprechen den Befunden aus Europa, Nordamerika und Asien.
Dupesh et al. 2020: 2.037 Befunde aus Indien [s83]. Retrospektive Auswertung bei tamilischen Männern (1.621 normozoosperm, 416 oligozoosperm) in sechs Karenzgruppen von unter 24 Stunden bis über 30 Tage. Konzentration, Progressivbeweglichkeit und Normalformen unterschieden sich nicht signifikant; nur das Volumen unterschied sich (p < 0,0001). Die Gruppe unter 24 Stunden hatte in beiden Befundgruppen die höchsten mittleren Anteile progressiv beweglicher und normal geformter Spermien. Die Autoren halten die starre Zwei-bis-sieben-Tage-Vorgabe für lockerbar; das ist ihre Schlussfolgerung. Konfidenzintervalle fehlen. Schwächen: Die Gruppen mit sehr langer Karenz sind klein, der Studientyp erlaubt keinen Kausalschluss, und höchste Mittelwerte in der Kurzgruppe sind ohne signifikanten Gruppenunterschied zurückhaltend zu lesen. Einordnung: Die Studie bildet den Bereich bis über 30 Tage ab, den die meisten Arbeiten nicht erfassen.
Comar et al. 2017: Kohorte mit 2.458 Männern aus Brasilien [s103]. Die Karenz hing positiv mit Konzentration, Volumen und Leukozytenzahl zusammen, negativ mit Beweglichkeit und Vitalität. DNA-Fragmentierung (TUNEL) und mitochondriale Schädigung nahmen mit der Karenz zu, der Anteil protaminierter Spermien ebenfalls. Die Gruppen waren unter 2, 2 bis 5 und über 5 Tage. Das Abstract nennt keine Effektgrößen und keine Konfidenzintervalle. Stärken: Funktionsmaße (Mitochondrien, Chromatin) neben den Standardwerten. Schwächen: keine Effektgrößen im Abstract, Selbstangabe der Karenz. Einordnung: Eine der wenigen großen Studien mit Funktionsmessung auf Zellebene.
Badreddine et al. 2023: 3.469 Proben aus Heimversand-Tests (USA) [s44]. Retrospektive Auswertung von 3.469 Proben (2.609 normozoosperme, 860 oligozoosperme Männer), die per Post an ein Labor geschickt wurden. Bei Normozoospermie gingen längere Karenzzeiten mit höherer Konzentration, Gesamtzahl und Gesamtzahl beweglicher Spermien, aber geringerer Gesamt- und Progressivbeweglichkeit einher. Bei Oligozoospermie fielen die Zahl beweglicher Spermien und die Beweglichkeit rasch. Die Morphologie zeigte keinen Zusammenhang. Die Verläufe entsprachen denen der Praxisanalysen. Konfidenzintervalle fehlen im Abstract. Schwächen: Transport per Post kann die Beweglichkeit beeinflussen, Selbstangaben, Selbstselektion. Einordnung: Die Studie zeigt, dass die Muster auch in einer Gruppe auftreten, die nicht in einer Praxis, sondern zu Hause Proben abgibt.
Sievers 1987: Studie an 1.063 Patienten (deutschsprachige Zeitschrift) [s170]. Die Arbeit in der Zeitschrift für Hautkrankheiten untersuchte 1.063 Patienten (mittleres Alter 32 Jahre) in zwei Untersuchungen (1981 bis 1984) und wertete sowohl zwischen den Probanden (n = 1.001) als auch innerhalb der Probanden aus (kurze Karenz von 1 bis 4 Tagen gegen längere als 4 Tage). Volumen und Dichte stiegen mit der Karenz (innerhalb der Probanden p < 0,001). Der pH-Wert und die Fruktose blieben unbeeinflusst. Zwischen den Probanden nahm der Anteil beweglicher und normal geformter Spermien mit der Karenz ab, innerhalb der Probanden gab es keinen Einfluss. Die Arbeit folgert, Karenz bewirke eine Verbesserung der Spermienqualität, besonders bei Oligospermie; weitere Zahlen nennt das Abstract nicht. Stärken: Trennung von Zwischen- und Innersubjektvergleich lange vor ähnlichen Arbeiten, frühe große Stichprobe. Schwächen: Die Folgerung steht im Gegensatz zu späteren Studien und ist als historisch einzuordnen; die Fallzahl der Innersubjektauswertung ist nicht genannt. Einordnung: Die Beobachtung, dass der Unterschied der Beweglichkeit nur zwischen, nicht innerhalb der Männer auftritt, stimmt mit der Beobachtung in [s20] überein.
Elzanaty et al. 2005: Karenz und Nebenhodenmarker aus Schweden [s146]. Untersucht wurden die Ejakulate von 422 Männern zur Abklärung einer Infertilität in den Gruppen G2-3, G4-5 und G6-7 (Karenztage). Der Anteil progressiv beweglicher Spermien war in G4-5 am höchsten (Mediane 55 gegen 47 und 42 %; p = 0,039 und p < 0,001). Spermien mit Flagellumdefekten waren in G6-7 häufiger (Mediane 14 gegen 10 und 10 %; p = 0,011 und p = 0,002). Die neutrale Alpha-Glucosidase als Nebenhodenmarker war in G2-3 niedriger als in G4-5 und G6-7 (23 gegen 34 und 34 mU je Ejakulat), ebenso Zink (6 gegen 8 und 8 µmol je Ejakulat). Konfidenzintervalle fehlen. Stärken: gleichzeitige Messung der Drüsensekrete, enge Karenzstufen innerhalb der WHO-Spanne. Schwächen: Männer in der Fertilitätsabklärung, Selbstangabe, Medianwerte ohne Streuungsmaße im Abstract. Einordnung: Der Befund, dass die Beweglichkeit in der mittleren Gruppe (vier bis fünf Tage) am höchsten war, widerspricht der Annahme eines einfachen Verlaufs (je kürzer, desto besser).
Sobreiro et al. 2005: 500 fertile Männer vor Vasektomie aus Brasilien [s150]. Die prospektive Studie untersuchte 500 fertile Männer, die sich für eine Vasektomie entschieden hatten. Ab fünf Tagen Karenz war die Beweglichkeit reduziert. Hinzu kamen Zusammenhänge mit einem Alter über 45 Jahren, der Jahreszeit (niedrigste Werte im Sommer) und dem Kaffeekonsum; 87,2 % hatten Normalformen unterhalb des WHO-Werts. Konfidenzintervalle und genaue Effektgrößen nennt das Abstract nicht. Stärken: fertile Männer ohne Fertilitätsabklärung, prospektives Vorgehen. Schwächen: Referenzbezug auf die damals geltenden Normwerte, keine Effektgrößen im Abstract, Selbstselektion durch den Entschluss zur Vasektomie. Einordnung: Die Studie ist eine der wenigen, die nicht an Männern mit Fertilitätsproblemen erhoben wurde.
Sheybaee Moghaddam et al. 2019: Querschnitt an 100 Patienten einer urologischen Klinik [s93]. Die im französischen Archiv HAL geführte Arbeit stammt aus dem Ali-Ibn-Abitaleb-Hospital. Karenzgruppen waren unter 2, 2 bis 9 und über 9 Tage. Die Korrelationsanalysen zeigten positive Beziehungen zwischen Karenz und Gesamtzahl, Konzentration, Volumen, DNA-Fragmentierung, reaktiven Sauerstoffspezies und pH-Wert sowie inverse Beziehungen zu Beweglichkeit und Morphologie. Das Abstract nennt keine Koeffizienten. Auffällig ist, dass die Einleitung des Abstracts vom vorzeitigen Samenerguss handelt, während Fragestellung und Methode die Karenz betreffen. Schwächen: keine Koeffizienten, Fallzahl klein, Unstimmigkeit im Abstract. Einordnung: Die Richtung der Befunde entspricht den großen Studien; wegen der Mängel des Abstracts hat die Arbeit wenig Gewicht.
Direk et al. 2018: Retrospektive Auswertung bei 170 Patienten mit Normalbefund (Türkei) [s97]. Die Arbeit in der Androloji Bülteni trägt den Titel „Cinsel perhiz süresi ve semen parametreleri arasındaki ilişki“ (Zusammenhang zwischen der Dauer der sexuellen Enthaltsamkeit und den Spermaparametern). Ausgewertet wurden 170 Patienten mit normalem Spermiogramm (Januar 2015 bis Juni 2017) in den Karenzgruppen 0 bis 1 Tag (30 Patienten), 2 bis 5 Tage (90) und 6 bis 7 Tage (50); das mittlere Alter war 31,06 ± 6,08 Jahre ohne Gruppenunterschied. Mit längerer Karenz stiegen Volumen, Konzentration und der Anteil unbeweglicher Spermien signifikant, während Gesamt- und Progressivbeweglichkeit signifikant sanken. pH-Wert und nicht-progressive Beweglichkeit unterschieden sich nicht. Effektgrößen, p-Werte und Konfidenzintervalle nennt das Abstract nicht. Stärken: einheitlicher Ausgangsbefund. Schwächen: retrospektiv, ausschließlich Normalbefunde, Karenz vermutlich nach Selbstangabe, kleine Kurzgruppe. Einordnung: Die türkische Arbeit bestätigt für Normozoospermie ein Absinken der Beweglichkeit mit längerer Karenz; andere Studien an Normozoospermie sehen das nicht [s23].
Agarwal et al. 2016: Verlauf über 1 bis 11 Tage bei Normozoospermie (Cleveland, USA) [s108]. Normozoosperme Männer gaben Proben nach 1, 2, 5, 7, 9 und 11 Tagen Karenz ab. Volumen, Konzentration und Gesamtzahl stiegen mit der Karenz (jeweils p < 0,001). Die DNA-Fragmentierung hing mit der Dauer zusammen (p < 0,001); ein und zwei Tage Karenz hatten die geringste Fragmentierung. Kurze Karenz hatte keinen schädlichen Einfluss, gemessen an den WHO-Grenzen von 2010. Die Fallzahl nennt das Abstract nicht. Stärken: enge Abstufung der Tage, vorgegebene Karenz. Schwächen: Fallzahl und Effektgrößen im Abstract nicht genannt. Einordnung: Die Studie ist die wichtigste Grundlage dafür, dass bei Normozoospermie auch ein oder zwei Tage Karenz die WHO-Grenzen nicht unterschreiten; Wirkungen auf die Fruchtbarkeit wurden nicht gemessen.
Weitere Arbeiten zu Karenz und besonderen Messgrößen. Hilsenrath et al. 1997 [s160]: Bei zehn normozoospermen Männern lagen die Anteile X-tragender Spermien nach 1,0 bis 1,5 Tagen Karenz bei 47,6 ± 1,7 % und nach 7 bis 10 Tagen bei 49,6 ± 2,1 % (Verhältnis X zu Y von 0,905 auf 0,981; 40.273 Spermien analysiert). Die Autoren sehen die Grenzwertigkeit des Unterschieds und kaum Einfluss auf das Geschlechterverhältnis der Geburten. Sehr kleine Gruppe, Konfidenzintervalle fehlen. Dunn und Picologlou 1977 [s175]: Verflüssigungszeit und Volumen des Samens hängen von der Ejakulationshäufigkeit ab; das Volumen nimmt im Gleichgewicht linear mit steigender Ejakulationshäufigkeit ab (Viskosität im verflüssigten Zustand im Mittel 3,37 Centipoise). Das Abstract nennt keine Fallzahl. Peña et al. 2001 [s156]: Die chilenische Laborstudie (spanischer Originaltitel „Efecto de enzimas proteolíticas y de la abstinencia sexual en la cuantificación bioquímica de alfa-glucosidasa en plasma seminal humano“; Wirkung proteolytischer Enzyme und sexueller Karenz auf die biochemische Bestimmung der Alpha-Glucosidase im menschlichen Seminalplasma) bestimmte die Normwerte der Alpha-Glucosidase bei 50 Spendern mit normalem Spermiogramm (14,52 bis 25,69 µU/ml). Bei Serienproben von neun Patienten blieben die Werte im Bereich des Einzelnen; eine Untergruppe zeigte einen deutlichen Abfall der Aktivität bei kürzerer Karenz (im Abstract als „40 %“ ohne nähere Angabe). Das Thema ist der Nebenhodenmarker, nicht die Samenqualität im engeren Sinn. Pérez Palazón et al. 2016 [s110]: Die einjährige Verlaufsstudie aus Spanien (Titel „Factores asociados a la variabilidad de la calidad seminal: un estudio de seguimiento“; Faktoren, die mit der Variabilität der Samenqualität zusammenhängen: eine Verlaufsstudie) verfolgte 19 gesunde Freiwillige mit Proben alle vier bis sechs Wochen. Der höchste Variationskoeffizient innerhalb einer Person lag bei 74,5 % für die Gesamtzahl und 65,6 % für die Konzentration, gefolgt von 41,2 % für die Morphologie und 30,1 % für das Volumen; der niedrigste lag bei 14,6 % für die Beweglichkeit. Die Schwankungen waren bei Teilnehmern mit leichter bis mäßiger sportlicher Betätigung oder ohne regelmäßigen Konsum von Wein, Bier oder Kaffee geringer. Die Autoren folgern, eine einzelne Probe könne zur Fehldiagnose führen. Karenz und Ejakulationshäufigkeit sind als Einflussgrößen genannt, Zahlen dazu fehlen im Abstract; kleine Stichprobe. Alipour et al. 2021 [s71]: Eine Pilotstudie aus Aalborg (Dänemark) mit 31 normozoospermen Männern verglich per NMR-Metabolomik das Seminalplasma nach 2 Stunden und nach 4 bis 7 Tagen Karenz. Von 30 identifizierten Metaboliten waren je Million Spermien Pyruvat (1,92 [1,12 bis 3,87] gegen 1,29 [0,83 bis 2,62] ng; p < 0,001) und Taurin (0,58 [0,36 bis 0,92] gegen 0,43 [0,28 bis 0,95] ng; p < 0,05) nach kurzer Karenz höher; zugleich war der Anteil progressiv beweglicher Spermien nach kurzer Karenz höher. Die Streuungsangaben in Klammern stehen so im Abstract; ihre Art wird im Abstract nicht erläutert. Die Rolle von Pyruvat und Taurin für die Beweglichkeit ist eine Hypothese der Autoren; es ist eine Pilotstudie. Sinan et al. 2022 [s66]: Der Projektbericht „Sigara İçen Bireylerde Cinsel Perhiz Süresinin Sperm Parametrelerine Etkisi“ (Einfluss der Dauer der sexuellen Enthaltsamkeit auf die Spermaparameter bei Rauchern; Projekt 220S052 der Forschungsbehörde TÜBİTAK, Eintrag im türkischen Zeitschriftenverzeichnis TR Dizin) verglich normozoosperme Starkraucher und Nichtraucher nach 7 Tagen und nach 1 Tag Karenz (der Grenzwert der Zigarettenzahl ist im Abstract typografisch beschädigt als „?20“, vermutlich 20 oder mehr; das ist eine Vermutung). Gemessen wurden Konzentration, Beweglichkeit, Morphologie, persistierende Histone, Vitalität, DNA-Fragmentierung und intrazelluläre reaktive Sauerstoffspezies, im Seminalplasma Malondialdehyd. In allen Gruppen stiegen Volumen und Gesamtzahl signifikant mit der Karenz. Raucher und Nichtraucher unterschieden sich bei den übrigen Parametern nicht signifikant, und die Karenzdauer veränderte diese Parameter nicht signifikant; nach langer Karenz war das Malondialdehyd bei Nichtrauchern signifikant höher. Fallzahlen und p-Werte stehen nicht im Abstract. Es handelt sich um einen Projektbericht, nicht um einen begutachteten Zeitschriftenartikel; die Autoren fordern selbst die Wiederholung bei Männern mit abnormen Befunden. Abweichend von Studien an Männern mit auffälligem Befund fand sich hier keine Änderung der DNA-Fragmentierung durch kurze Karenz.