Ejakulationshäufigkeit, Gleitmittel und Sexualverhalten · Kapitel 3 von 21

Hintergrund

Biologie: was die Quellen über Speicherung und Nachlieferung sagen

Dieser Abschnitt beschreibt nur, was in den ausgewerteten Quellen steht. Zeiten der Spermienbildung und der Nebenhodenpassage beim Menschen werden hier nicht rekonstruiert, weil keine der ausgewerteten Quellen sie nennt. Das Ejakulat besteht aus den Spermien und aus den Sekreten von Nebenhoden und akzessorischen Geschlechtsdrüsen. Dass die Karenz beides verändert, zeigen biochemische Marker im Seminalplasma. Bei 422 Männern aus der Infertilitätsabklärung lag die neutrale Alpha-Glucosidase, ein Nebenhodenmarker, nach zwei bis drei Tagen Karenz bei 23 mU je Ejakulat gegenüber 34 mU nach vier bis fünf und nach sechs bis sieben Tagen, das Zink bei 6 gegenüber 8 µmol je Ejakulat [s146]. Bei 16 gesunden Männern sanken nach vier Stunden gegenüber vier Tagen Karenz Zitronensäure, Alpha-Glucosidase und Fruktose im Seminalplasma, ebenso die Fruktose je Spermium [s89]. Die Autoren deuten dies als Hinweis auf eine Anpassung des Stoffwechsels und auf einen Einfluss der Drüsensekrete auf die Beweglichkeit.

Wie groß die Vorräte außerhalb des Hodens sind, zeigt ein Tierversuch an Hengsten. Die extragonadalen Reserven betrugen 89 mal 10^9 Spermien bei sexuell geschonten 5- bis 16-jährigen und 60 mal 10^9 bei 2- bis 4-jährigen Tieren, davon 62 Prozent im unteren Nebenhodenabschnitt (Cauda epididymidis) und 7 Prozent im Samenleiter. Fünf aufeinanderfolgende Ejakulate entfernten 40 bis 60 Prozent der verfügbaren Spermien, und Ejakulation an jedem zweiten Tag senkte die potenziell verfügbare Zahl um 27 Prozent [s174]. Beim Menschen entspricht dem die Beobachtung, dass sieben Freiwillige nach Samenabgaben alle acht Stunden über zwei Tage sinkende Konzentration und Gesamtzahl zeigten, die nach drei Tagen Karenz wieder zu steigen begannen [s173]. Bei Männern mit niedrigen Normalzahlen erhöhten Mehrfachejakulate nach zehn Tagen Karenz die Gesamtzahl im Mittel um 230 Prozent, die Zahl normal geformter Spermien um 370 Prozent und die Zahl beweglicher um 520 Prozent [s165]. Das Volumen sinkt nach den frühen Messungen im Gleichgewicht linear mit steigender Ejakulationshäufigkeit [s175]; bei 64 normozoospermen Männern fiel es bei einem Abstand von einem Tag von 2,3 auf 1,6 Milliliter [s171].

Warum eine kürzere Karenz die Spermienfunktion verbessern könnte, ist in den Quellen als Hypothese formuliert, nicht als gesichertes Wissen. Genannt werden die Lagerung in der Cauda epididymidis mit längerer Verweildauer der Spermien [s86], oxidativer Stress mit erhöhten reaktiven Sauerstoffspezies, Lipidperoxidation, Entzündungsbotenstoffen und höherer Bakterienlast nach zwei Tagen gegenüber zwei Stunden [s55], eine häufigere positive Färbung im ROS-Test nach mehr als vier Tagen (70 Prozent gegenüber 43,3 und 50 Prozent) [s82], Unterschiede im Stoffwechselprofil des Seminalplasmas, etwa bei Pyruvat und Taurin [s71], und Veränderungen kleiner RNA-Fragmente [s18]. Gegenläufig zeigt eine Studie, dass Spermien nach nur einem Tag Karenz mehr Chromatinunreife aufwiesen als nach drei Tagen (p < 0,05) und fünf Tagen (p < 0,01) [s112]. Ein russischer Methodenbeitrag erwähnt, dass ein erhöhter Anteil von Spermien mit zytoplasmatischem Tropfen bei kurzer Karenz und häufigen Ejakulationen vorkommen könne [s126]; bei Widdern sank der Anteil normaler Spermien im zweiten Ejakulat desselben Tages vor allem durch Zytoplasmatropfen und Mittelstückanomalien [s24]. Der Vorteil kurzer Karenz ist damit nicht in jeder Hinsicht gesichert.

Für das Sexualverhalten betrifft die Biologie zwei weitere Fragen. Die erste ist die Lebensspanne der Spermien im weiblichen Genitaltrakt: In der Kohorte von Wilcox et al. waren nur 6 Prozent der Schwangerschaften eindeutig Spermien zuzuordnen, die drei Tage oder älter waren [s163]. Die Schleimqualität im fruchtbaren Intervall erklärte in einer Kohorte mit 782 Frauen das Muster der Tageswahrscheinlichkeiten [s151], und die Fruchtbarkeit der Frau sinkt mit dem Alter: Bei 19- bis 26-Jährigen war die Tageswahrscheinlichkeit doppelt so hoch wie bei 35- bis 39-Jährigen, und bei Männern über 35 Jahren war die Fruchtbarkeit nach Adjustierung für das Alter der Frau verringert [s154]. Die zweite Frage ist die Sexualfunktion selbst. Bei 120 gesunden Männern war eine geringere Ejakulationshäufigkeit mit einer schlechteren Ejakulationskontrolle verbunden [s134], und erektile Störungen waren bei bekannter Beeinträchtigung der Samenqualität häufiger [s68]. Solche Zusammenhänge können in beide Richtungen wirken und erschweren die Deutung von Verkehrshäufigkeiten.

Begriffe und Definitionen

Karenz, Abstinenz. Beide Begriffe bezeichnen die Zeit seit der letzten Ejakulation vor der Gewinnung der Probe. Die Angabe stammt in praktisch allen Studien vom Mann. Gruppengrenzen unterscheiden sich stark: Zwei Tage trennen kurz und lang in der Metaanalyse randomisierter Studien [s38], null bis ein Tag, zwei bis sieben Tage und mehr als sieben Tage sind die Gruppen in einer chinesischen Querschnittsstudie [s27]. Als sehr kurze Karenz gelten Abstände von Stunden, meist in Form einer zweiten Probe nach einer bis vier Stunden [s58, s47, s74]. Eine aufeinanderfolgende Ejakulation liegt vor, wenn zwei Proben unmittelbar hintereinander abgegeben werden, etwa im Abstand von 60 Minuten [s167, s34]. Die vorletzte Karenz ist das Intervall zwischen der vorletzten und der letzten Ejakulation vor der Probe und berücksichtigt damit die Ejakulationsfolge [s35].

Ejakulationshäufigkeit. Sie bezeichnet die Zahl der Samenergüsse je Zeitraum und ist von der Karenz zu unterscheiden. In der einzigen Studie, die beides getrennt untersuchte, wurde die Häufigkeit der letzten vier Wochen erfragt und in drei Gruppen eingeteilt: weniger als einmal, ein- bis unter zweimal und mindestens zweimal je Woche [s26]. In der Literatur zum Prostatakrebs zählt man Ejakulationen je Monat [s153]. Die Häufigkeit schließt Verkehr, Masturbation und andere Formen ein; die Studien trennen sie selten.

Koitusfrequenz, Verkehrszeitpunkt, zeitgesteuerter Verkehr. Die Koitusfrequenz ist die berichtete Verkehrshäufigkeit des Paares, bei Perlis et al. im Median sieben Mal im Monat [s129]. Der Verkehrszeitpunkt bezieht sich auf die Lage des Verkehrs zum Eisprung. Zeitgesteuerter Verkehr (timed intercourse) bedeutet, dass das Paar den Verkehr auf die fruchtbaren Tage legt, etwa mit Ovulationstests [s46]. Er ist in den Studien auch ein Marker der Belastung: In Changchun übten ihn 11,8 Prozent der Männer ohne bekannte Samenuntersuchung aus, aber 28,2 Prozent bei bekannter leichter bis mäßiger Beeinträchtigung [s68].

Empfängnis, Fekundabilität. Die Fekundabilität ist die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis je Zyklus. Der Fekundabilitätsquotient (Fecundability Ratio) vergleicht sie zwischen Gruppen; ein Wert über 1 bedeutet eine höhere Wahrscheinlichkeit [s101, s06]. Die Weltgesundheitsorganisation definiert Infertilität nach Boitrelle et al. 2021 (Life, PMID 34947899) als die Unfähigkeit, innerhalb eines Jahres bei regelmäßigem ungeschütztem Verkehr eine spontane Schwangerschaft zu erreichen; ein männlicher Faktor sei allein in 20 Prozent und beitragend in weiteren 30 Prozent der Fälle beteiligt, so die dort zitierte Angabe.

Gleitmittel. Gemeint sind rezeptfreie Vaginalgleitmittel unterschiedlicher Grundlage, wasser-, öl- oder silikonbasiert [s101], außerdem Produkte mit der Werbeaussage „fruchtbarkeitsfreundlich“ oder „spermienfreundlich“ [s62], Ultraschallgele [s79, s139] und in Laborversuchen auch Speiseöle wie Raps-, Sesam- und Senföl [s125, s162]. Zwei Kenngrößen gelten als zentral: der pH-Wert und die Osmolalität; viele Handelsprodukte überschritten die WHO-Empfehlung von 380 mOsm je Kilogramm [s39].

Befundgruppen. Studien teilen Männer üblicherweise nach dem Samenbefund ein: normozoosperm, oligozoosperm (niedrige Konzentration), asthenozoosperm (geringe Beweglichkeit), teratozoosperm (hoher Anteil abweichender Formen), nekrozoosperm (geringe Vitalität) und kombiniert als Oligo-Astheno-Teratozoospermie. Boitrelle et al. berichten, dass die sechste Auflage des WHO-Handbuchs diese Begriffe im gesamten Text nicht mehr verwendet, weil Grenzwerte allein keine Diagnose erlaubten. Die Studien dieser Studie benutzen sie weiter; sie werden hier so wiedergegeben.

Messgrößen

Grundparameter. Volumen in Milliliter, Konzentration in Millionen je Milliliter, Gesamtzahl in Millionen je Ejakulat, Gesamtbeweglichkeit und progressive Beweglichkeit in Prozent, Vitalität in Prozent, Anteil normal geformter Spermien in Prozent. Häufig wird daraus die Gesamtzahl beweglicher Spermien (total motile sperm count) gebildet [s27, s104]. Der pH-Wert wird gelegentlich berichtet und sank in einer Analyse von 8,1 auf 7,9 [s23]. Die Morphologie wird mit strengen Kriterien (Tygerberg) beurteilt [s65], weshalb die berichteten Anteile niedrig ausfallen, im Median zum Beispiel 6,0 Prozent [s27].

Erweiterte Parameter. Die DNA-Fragmentierung wird mit dem TUNEL-Test [s43, s80], dem Halosperm-Test [s74, s60], dem Chromatindispersionstest [s07] oder Verfahren der Durchflusszytometrie gemessen. Nach Boitrelle et al. beschreibt die sechste Auflage TUNEL, Chromatindispersion, Comet-Test und Akridinorange-Durchflusszytometrie, nennt aber keine Grenzwerte und empfiehlt, dass jedes Labor eigene Referenzbereiche aufstellt. Die Zahlen verschiedener Tests sind daher nicht vergleichbar [s77, s17]. Weitere Maße sind der Chromatinreifegrad (CMA3, Anilinblau, Toluidinblau [s80, s07]), reaktive Sauerstoffspezies mit dem Nitroblau-Tetrazolium-Test [s82] oder durchflusszytometrisch [s66], Malondialdehyd als Marker der Lipidperoxidation [s66, s72], der Akrosomenindex [s145] und der Anteil von Spermien mit Flagellumdefekten [s146]. Die computergestützte Spermienanalyse (CASA) liefert Geschwindigkeitsmaße wie die Kurvengeschwindigkeit; sie sanken bei langer Karenz [s27]. Ein Spermienbeweglichkeitsindex mit dem Grenzwert 0,75 dient der Toxizitätsprüfung von Gleitmitteln [s79].

Klinische Endpunkte. Schwangerschaft (biochemisch, klinisch, fortlaufend), Lebendgeburt, Einnistung und Fehlgeburt, bei assistierter Reproduktion außerdem Befruchtungs-, Blastozysten- und Euploidierate [s92, s63]. Sie stammen aus Behandlungszyklen mit aufbereiteten Spermien: Intrauterine Insemination [s77, s82, s147], Reagenzglasbefruchtung (IVF) [s13] und intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) [s88, s106, s31].

Streuung und Reproduzierbarkeit. Die Einzelprobe ist ein unsicheres Maß. Bei 19 gesunden Freiwilligen mit Proben im Abstand von vier bis sechs Wochen betrug der Variationskoeffizient innerhalb einer Person 74,5 Prozent für die Gesamtzahl, 65,6 Prozent für die Konzentration, 41,2 Prozent für die Morphologie, 30,1 Prozent für das Volumen und 14,6 Prozent für die Beweglichkeit; die Autoren folgern, eine einzelne Probe könne zur Fehldiagnose führen [s110]. Bei Krebspatienten mit Proben an aufeinanderfolgenden Tagen lag die Intraklassenkorrelation für den Fragmentierungsindex bei 0,68 [s60]. Eine große Analyse mit zwei Untersuchungen innerhalb eines Monats bei 1.702 Männern fand, dass die Schwankung kleiner ausfiel, wenn die Karenz bei beiden Proben um höchstens einen Tag differierte [s20]. Studien mit Messungen innerhalb derselben Männer sind deshalb aussagekräftiger für den Einfluss der Karenz als Vergleiche zwischen Männern.

WHO-Referenzwerte 2021

Das Laborhandbuch der Weltgesundheitsorganisation zur Untersuchung und Aufbereitung des menschlichen Samens liegt seit 2021 in der sechsten Auflage vor. Die Referenzwerte beruhen auf dem 5. Perzentil von Männern, deren Partnerinnen innerhalb von zwölf Monaten schwanger wurden. Campbell et al. 2021 (Andrology, PMID 33528873) werteten dafür Daten von mehr als 3.500 Männern aus zwölf Ländern auf fünf Kontinenten aus; Boitrelle et al. nennen für die sechste Auflage 3.589 Männer und für die fünfte in ihrer Tabelle 1.953 Männer (im Text steht für die fünfte Auflage 1.959). Die folgende Tabelle gibt die unteren 5. Perzentile mit 95-%-Konfidenzintervall nach der Tabelle 2 von Boitrelle et al. 2021 (Life, PMID 34947899) wieder:

ParameterWHO 2010 (5. Auflage)WHO 2021 (6. Auflage)
Ejakulatvolumen (ml)1,5 (1,4 bis 1,7)1,4 (1,3 bis 1,5)
Gesamtspermienzahl (10^6 je Ejakulat)39 (33 bis 46)39 (35 bis 40)
Gesamtbeweglichkeit (%)40 (38 bis 42)42 (40 bis 43)
Progressive Beweglichkeit (%)32 (31 bis 34)30 (29 bis 31)
Vitalität (%)58 (55 bis 63)54 (50 bis 56)
Normal geformte Spermien (%)4 (3 bis 4)4 (3,9 bis 4)

Die Konzentration ist in dieser Tabelle nicht enthalten; Campbell et al. nennen als 5. Perzentil 16 Millionen je Milliliter, dazu 30 Prozent progressive Beweglichkeit, 42 Prozent Gesamtbeweglichkeit und 4 Prozent normale Formen. Beide Quellen betonen, dass diese Werte keine Grenze zwischen fertilen und subfertilen Männern darstellen. Nach Boitrelle et al. ist die wichtigste Neuerung der sechsten Auflage, dass sie Referenzgrenzen als alleiniges Kriterium aufgibt: Die 5. Perzentile seien nur eine Möglichkeit der Interpretation, ein Wert allein reiche nicht für die Diagnose männlicher Infertilität, und es würden „Entscheidungsgrenzen“ empfohlen, für die aber weder für die Grundparameter noch für erweiterte Parameter Werte genannt seien.

Für die Karenz gibt die Literatur dieser Studie folgendes Bild. Die fünfte Auflage forderte zwei bis sieben Tage [s78]; ein Methodenbeitrag zur Zusammenfassung der Auflage von 2010 nennt zwei bis sieben Tage und hält drei bis vier Tage für maximale Standardisierung am besten [s126]. Als drei bis vier Tage werden die Empfehlungen von ESHRE und der Nordic Association for Andrology in einer Kohortenstudie zitiert, deren Originaltexte nicht abgerufen wurden [s13]. Der Wortlaut der sechsten Auflage zur Karenz konnte in den für diese Studie abgerufenen Texten nicht geprüft werden. Eine Kritik besagt, die Vorgabe beruhe auf Standardisierung und nicht auf Fruchtbarkeitsdaten [s78, s41]. Die Vorgabe wird in der Praxis unterschiedlich befolgt: In Russland nannten 48 von 72 Laborberichten (66,7 Prozent) die Karenz, und nur 3 Berichte (4,2 Prozent) verwendeten die Referenzwerte der sechsten Auflage, 58 (80,5 Prozent) die der fünften und 9 (12,5 Prozent) die von 1999 [s28]. In einer Querschnittsstudie mit 1.194 Militärangehörigen hatten 88,3 Prozent mindestens einen Parameter unter dem Referenzwert von 1999 und 62,5 Prozent unter dem von 2010 [s140]; bei 500 fertilen Männern vor einer Vasektomie lag der Anteil normal geformter Spermien in 87,2 Prozent unterhalb des WHO-Werts [s150]. Solche Befunde mahnen, Referenzwerte als Orientierung und nicht als Grenze zwischen fruchtbar und unfruchtbar zu lesen.

Geschichte der Forschungsfrage

Die Frage, wie oft und wann ejakuliert werden sollte, ist so alt wie die Samenanalyse selbst, und ihre Behandlung hat sich in fünf Abschnitten gewandelt. Die Geschichte des WHO-Handbuchs bildet den Rahmen. Nach Wang et al. 2022 (Fertility and Sterility, PMID 34996596) erschien es erstmals 1980 mit 43 Seiten, dann 1987 mit 67, 1992 mit 107, 1999 mit 128, 2010 mit 271 Seiten und 2021 als sechste Auflage. Die zweite Auflage von 1987 schlug vor, normale Werte an Männern zu bestimmen, die innerhalb von zwölf Monaten eine Schwangerschaft erreicht hatten. Das Handbuch dient seit seiner ersten Fassung der Standardisierung der Untersuchung; die Karenzvorgabe ist Teil dieser Standardisierung.

Erster Abschnitt: Modelle und Tierversuche (bis 1989). Die frühesten Arbeiten sind mathematische Modelle zum Zusammenhang von Verkehrshäufigkeit und Zeitpunkt mit der Empfängniswahrscheinlichkeit, mit fünf bis zwölf Verkehrsakten je Zyklus oder zufällig verteilter Aktzahl [s178, s177]. Die Mechanik der Entleerung von Spermienreserven wurde an Tieren geklärt: an Widdern 1976 [s176], Hengsten 1979 [s174], Kaninchen 1986 [s172], Hengsten und Ponys 1987 [s169] und Schimpansen 1989 [s168]. Am Menschen untersuchte Dunn 1977 die Verflüssigung des Samens in Abhängigkeit von der Ejakulationshäufigkeit [s175], Oldereid 1984 Samenabgaben alle acht Stunden [s173], Frank 1986 zwei aufeinanderfolgende Proben bei 64 normozoospermen und 19 oligozoospermen Männern [s171]. Sievers 1987 fand bei 1.063 Patienten, dass Karenz mit größerem Volumen und höherer Dichte einherging und, so seine Folgerung, die Spermienqualität besonders bei Oligospermie verbessere, ein Befund, der im Gegensatz zu späteren Studien steht und als historisch einzuordnen ist [s170].

Zweiter Abschnitt: Konzepte der 1990er Jahre. Die Arbeiten dieser Zeit stellen die Fragen, die bis heute offen sind. Gülmez et al. verglichen 1991 zwei Ejakulate im Abstand von 60 Minuten bei 33 infertilen Männern [s167]. Cooper et al. entleerten 1993 die Reserven durch mehrere Ejakulate an einem Tag [s165]. Frishman et al. prüften 1992 ein neues Gleitmittel auf seine Wirkung auf Spermien [s166], Miller et al. 1994 ein chirurgisches Gleitmittel in vivo am Zervikalschleim [s164], Kutteh et al. 1996 vier Gleitmittel und zwei Pflanzenöle [s162]. Wilcox et al. legten 1995 mit Hormonmessungen im Urin das sechstägige fruchtbare Fenster dar [s163], Hilsenrath et al. 1997 prüften den Anteil X-tragender Spermien in Abhängigkeit von der Karenz [s160], Dunson et al. 1999 korrigierten den Fehler der Eisprungbestimmung [s157].

Dritter Abschnitt: große Datensätze und Gleitmittel (2000 bis 2010). Die Fallzahlen wuchsen: Levitas et al. werteten 2005 9.489 Proben von 6.008 Patienten aus [s149], Elzanaty et al. 422 Männer [s146], Sobreiro et al. 500 fertile Männer vor Vasektomie [s150]. Dunson et al. beschrieben 2002 an 782 Paaren die Altersabhängigkeit der Fruchtbarkeit [s154], Bigelow et al. 2004 die Rolle der Schleimqualität [s151], Stanford und Dunson 2007 zeigten per Simulation den Einfluss des Verkehrsmusters auf Studienergebnisse [s144]. Agarwal et al. untersuchten 2008 Gleitmittel auf Beweglichkeit und Chromatinqualität [s143]. Jurema et al. 2005 und Marshburn et al. 2010 untersuchten Karenz und Ergebnis der intrauterinen Insemination [s147, s141]. Leitzmann et al. begannen 2004 die Auswertung zur Ejakulationshäufigkeit und zum Prostatakrebs [s153].

Vierter Abschnitt: sehr kurze Karenz und Kohorten zur Empfängnis (2011 bis 2019). Gosálvez et al. 2011 und Pons et al. 2013 führten die Idee ein, bei hoher DNA-Fragmentierung mit sehr kurzer Karenz zu arbeiten [s136, s130]. Vargas et al. 2011 zeigten, dass auch „nicht spermizide“ Gleitmittel und Ultraschallgele die Spermien schädigen können [s139], Mowat et al. und Sandhu et al. verglichen 2014 neun Gleitmittel und Öle [s123, s125]. Die beiden prospektiven Kohorten zur Anwendung bei natürlicher Empfängnis erschienen 2012 und 2018 [s135, s101]. Welliver et al. führten 2016 die erste Untersuchung beim Menschen mit täglicher Ejakulation über 14 Tage durch [s113], Mayorga-Torres et al. 2015 eine ähnliche [s118]. Hanson et al. 2018 und Ayad et al. 2018 fassten die Studien systematisch zusammen; Hanson et al. kamen zum Schluss, dass keine klaren Empfehlungen möglich seien [s98, s96]. Borges et al. 2019 verknüpften an 818 ICSI-Patienten die Karenz mit Embryo- und Schwangerschaftsergebnissen [s88], Scarselli et al. 2019 fanden nach einer Stunde mehr euploide Blastozysten [s92].

Fünfter Abschnitt: Randomisierung, Metaanalysen und neue Messgrößen (seit 2020). Es entstanden die beiden randomisierten Insemination-Studien [s82, s77], Metaanalysen zur sehr kurzen Karenz [s58], zu randomisierten Studien [s38] und mit Dosis-Wirkung bei 85 Studien [s32], und die Cochrane-Übersicht zum zeitgesteuerten Verkehr wurde 2023 aktualisiert [s46]. Neue Messgrößen kamen hinzu, die vorletzte Karenz [s35], die Ejakulationshäufigkeit als eigene Größe [s26], die Dauer der Probengewinnung [s45] und die Erregungsdauer [s15]. Seit 2024 erscheinen vermehrt Standpunkte, die die Karenzvorgabe selbst infrage stellen [s41, s04]. Die Zahl der Arbeiten ist erheblich: 87 der 178 Quellen erschienen seit 2020, 43 allein 2024 bis 2026. Zugleich hat sich der geografische Schwerpunkt verschoben, hin zu Kinderwunschzentren in China [s26, s27, s35], Vietnam [s20], Thailand [s52], Indonesien [s34], Iran [s57, s17] und Indien [s75, s106].

Die Entwicklung läuft von der Standardisierung zur Evidenzfrage. Die Vorgabe von zwei bis sieben Tagen war ursprünglich eine Regel, um Proben vergleichbar zu machen. Erst später wurde geprüft, ob sie die Fruchtbarkeit abbildet. Dabei zeigte sich, dass Volumen und Zahl mit der Karenz zunehmen, Beweglichkeit und DNA-Integrität in vielen Studien gegenläufig reagieren, und dass die Befunde bei Männern mit auffälligem Befund anders ausfallen. Ob sich daraus für die natürliche Empfängnis etwas ergibt, ist mit dem vorhandenen Material nicht zu entscheiden. Das ist der Ausgangspunkt der folgenden Kapitel.

Kapitel 02: Studienlage zu Metaanalysen, Übersichten und Beobachtungsstudien

Lesehinweis. Dieses Kapitel stellt die Arbeiten der Gesamtstudie einzeln vor, die keine randomisierten Eingriffe, keine Laborversuche an Zellen und keine Tierversuche sind. Es hat zwei Teile. Der erste Teil behandelt die zusammenfassenden Arbeiten: Metaanalysen, systematische und narrative Übersichten, die beiden Cochrane-Fassungen sowie einzelne Meinungs- und Methodenbeiträge. Der zweite Teil behandelt die Beobachtungsstudien am Menschen: Querschnitts- und Kohortenstudien, retrospektive Auswertungen von Laborbefunden, prospektive Vorher-nachher-Studien ohne Kontrollgruppe, Fall-Kontroll-Studien und Registerauswertungen. Nicht in diesem Kapitel stehen die randomisierten Studien [s77, s82, s128, s134, s164], die Laborstudien mit Spermien in Gleitmittellösungen, die Tierversuche, die Leitlinien [s29, s30, s12] und die mathematischen Modelle [s144, s177, s178]; sie sind Gegenstand anderer Kapitel. Wo ein Befund dort mitbesprochen wird, steht hier nur ein Verweis in einem Satz.

Alle Zahlen stammen aus den Abstracts beziehungsweise aus den Ergebnisteilen der frei zugänglichen Volltexte, die für die Gesamtstudie abgerufen wurden, und wurden mit der Quellenliste abgeglichen. Für die meisten Übersichtsarbeiten (die Metaanalysen, die systematischen Übersichten zu Karenz und zu Gleitmitteln, die narrativen Beiträge zur Häufigkeit und zur Karenz) wurden die Abstracts bei Europe PMC zusätzlich erneut abgerufen und mit den Angaben der Rechercheberichte verglichen; es gab keine Abweichungen. Wo ein Abstract einen Wert nicht nennt, steht das ausdrücklich da. Das gilt besonders für Konfidenzintervalle: Wenn nur p-Werte vorliegen, heißt es, dass das Abstract keine Konfidenzintervalle nennt. Die Vorzeichen von Mittelwertdifferenzen sind nicht einheitlich; sie werden bei jeder Arbeit angegeben. Dieses Kapitel gibt keine Therapie- und keine Verhaltensempfehlung. Wo Autoren Empfehlungen aussprechen, werden sie als deren Schlussfolgerung berichtet und nicht bewertet.

Der Begriff Karenz bezeichnet hier die Zeit seit der letzten Ejakulation, in den Quellen auch Abstinenz genannt. Die Ejakulationshäufigkeit ist die Zahl der Ejakulationen je Zeitraum. Beide Größen sind verwandt, aber nicht identisch; wo eine Arbeit sie getrennt misst, wird das hervorgehoben.

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Überblick und Gliederung und Große Auswertungen von Samenbefunden nach Karenz (Europa, Amerika, Afrika, Indien, Vietnam)
  6. Karenz und Samenqualität in China, Japan und Hongkong und Ejakulationshäufigkeit, tägliche Ejakulation und wiederholte Ejakulate
  7. Zweite Probe nach sehr kurzer Karenz (Stunden): Vorher-nachher-Studien ohne Kontrollgruppe bis Erregung, Tageszeit und Dauer der Probengewinnung
  8. Häufigkeit und Zeitpunkt des Verkehrs, Sexualfunktion bis Gesamteinordnung der Beobachtungsstudien
  9. Gesamtbild der Evidenz in Kürze bis Ejakulationshäufigkeit, tägliche und wiederholte Ejakulation beim Menschen
  10. Zweite Probe nach sehr kurzer Karenz (Stunden) bis Sprachräume und Zugang
  11. Mechanismen und biologische Plausibilität
  12. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  13. Englisch bis Spanisch
  14. Chinesisch bis Türkisch
  15. Ein Querschnittsproblem vorweg: Vorzeichen, Grenzen und Begriffe bis Widerspruch 10: Tierstudien, gegensätzliche Richtungen
  16. Übersicht der Widersprüche
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis
  22. Diagramme
  23. Quellen
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle