Zur Lesart: Die Evidenzstärke beschreibt Art und Umfang der Studien hinter dem Befund (Metaanalysen, randomisierte Studien, Beobachtungsstudien, In-vitro-Versuche, Tierstudien). Die Gewissheit ist die Einschätzung dieser Studie, wie belastbar die Aussage für den Menschen ist. Sie ist keine formale GRADE-Bewertung. Wo eine Originalarbeit selbst nach GRADE bewertet hat, ist das ausdrücklich gesagt. Die Stufen lauten hoch, mäßig, niedrig und sehr niedrig. Alle Zahlen stammen aus den Abstracts beziehungsweise, wo das vermerkt ist, aus den frei zugänglichen Volltexten.
- Längere Karenz bedeutet mehr Volumen, höhere Konzentration und höhere Gesamtzahl. Das ist der konsistenteste Befund des gesamten Feldes. Er findet sich in drei Metaanalysen [s32, s22, s38] und in großen Kohorten wie 11.782 Untersuchungen bei 10.095 Patienten [s104], 23.527 Proben [s23] und 11.297 Untersuchungen bei 9.595 Männern, dort auch innerhalb derselben Männer [s20]. Evidenzstärke: mehrere Metaanalysen und Kohorten mit insgesamt weit über 100.000 Proben, überwiegend Beobachtungsdaten. Gewissheit: hoch für die Richtung, mäßig für die Größe, weil Grenzen für kurz und lang zwischen den Studien nicht einheitlich sind.
- Die Beweglichkeit ist bei längerer Karenz in vielen Studien niedriger, der Befund ist aber nicht einheitlich. Die Metaanalyse randomisierter Studien fand bei längerer Karenz eine um 1,83 niedrigere progressive Beweglichkeit [s38], die Metaanalyse zu kurzer Karenz eine um 2,18 höhere [s22]. Bei normozoospermen Männern fanden Russo et al. keinen Unterschied (50,0 gegenüber 48,0 Prozent, p = 0,43), bei Männern mit auffälligem Befund fiel der Anteil von 28,0 auf 21,0 Prozent [s23]. Innerhalb derselben Männer zeigte sich in einer großen Analyse kein Zusammenhang [s20]. Evidenzstärke: Metaanalysen und Kohorten, uneinheitliche Richtung bei Normalbefund. Gewissheit: mäßig.
- Die DNA-Fragmentierung nimmt in der Mehrzahl der Studien mit der Karenz zu, bei gesunden Männern ist der Effekt klein. Metaanalytisch betrug die Differenz zwischen kurzer und langer Karenz bei gesunden Männern 2,37 Prozentpunkte, das Konfidenzintervall reichte von 4,73 bis 0,01 und berührte damit fast den Nullwert, bei Männern mit unerklärter Infertilität 5,63 Prozentpunkte [s32]. In Einzelstudien stieg der Index von 12,9 Prozent am zweiten auf 16,1 Prozent am siebten Tag [s59], die Mediane lagen bei 11,5, 13,1 und 16,8 Prozent in drei Karenzgruppen [s27]. Die randomisierte Studie mit 120 Paaren fand keinen signifikanten Unterschied zwischen einem und drei Tagen (p = 0,187) [s77]. Evidenzstärke: Metaanalysen und große Querschnittsstudien, eine kleine Randomisierung. Gewissheit: mäßig, wegen Messmethodenvielfalt und Störgrößen.
- Zur Morphologie ist der Befund widersprüchlich. Keine Veränderung berichteten mehrere große Studien [s27, s59, s14]. Eine U-förmige Beziehung mit Wendepunkt bei 4,62 Tagen fanden Liu-Qing und Jing [s08], eine Zunahme der Normalformen von 6 auf 12,5 Prozent zwischen Tag 1 und Tag 7 Russo et al. [s23]. Evidenzstärke: Kohorten, gegenläufig. Gewissheit: niedrig.
- Männer mit auffälligem Befund reagieren anders als Männer mit Normalbefund. Bei Oligozoospermie stieg die Konzentration mit längerer Karenz seltener [s104, s42, s44]; die Dosis-Wirkungs-Analyse sah einen Knickpunkt der Gesamtzahl um den vierten bis fünften Tag [s32]. Evidenzstärke: Metaanalyse und Kohorten. Gewissheit: mäßig.
- Ob das Alter die Wirkung der Karenz verändert, ist offen. Bei Männern ab 40 Jahren war die Qualität vor der Kryokonservierung nach 0 bis 2 Tagen am besten, bei jüngeren nach 3 bis 5 Tagen [s14]. In einer anderen Auswertung war die Wechselwirkung von Alter und Karenz nicht signifikant (p = 0,878) [s08]. Evidenzstärke: zwei retrospektive Einzelzentrumsstudien. Gewissheit: niedrig.
- Sehr kurze Abstände von Stunden senken Volumen und Gesamtzahl und verbessern in kleinen Studien häufig die DNA-Integrität. Der Fragmentierungsindex sank in einer zweiten Probe nach drei bis vier Stunden von 38,9 auf 35,1 Prozent [s47], nach drei Stunden von 34,6 auf 23,7 Prozent [s74], nach einer Stunde im Median von 19,0 auf 16,5 Prozent [s07]. Bei Männern mit niedrigem Ausgangswert stieg er in einer iranischen Studie dagegen [s80]. Eine Beobachtungsstudie mit Geschwister-Eizellen fand nach einer Stunde 43,6 statt 27,5 Prozent euploide Blastozysten (106 Blastozysten) [s92]. Einen Gegenbefund liefert die Beobachtung, dass Spermien nach einem Tag Karenz bei langer Inkubation viel stärker fragmentierten [s112]. Evidenzstärke: kleine einarmige Vorher-nachher-Studien, eine Metaanalyse sehr kurzer Karenz [s58]. Gewissheit: niedrig bis sehr niedrig, auch wegen der Regression zur Mitte; kontrollierte Studien fehlen.
- Bei Behandlungsergebnissen ist die Lage uneinheitlich. Zwei randomisierte Insemination-Studien widersprechen sich: 17,3 gegenüber 18,5 Prozent Schwangerschaften bei einem und drei Tagen [s77], aber 26,7, 16,7 und 6,7 Prozent bei steigender Karenz [s82]. Beobachtungsstudien sehen Nachteile langer Karenz [s106, s13, s88, s75, s147], andere keinen Zusammenhang [s99, s31, s57]. Systematische Übersichten fassen dies als „kürzer ist mit besseren Raten verbunden“ mit dem Vorbehalt der Heterogenität zusammen [s53, s98]. Evidenzstärke: zwei kleine RCT, viele retrospektive Studien. Gewissheit: niedrig.
- Die Ejakulationshäufigkeit als eigene Größe ist schwach belegt. Eine registrierte Querschnittsstudie mit 1.349 Männern fand bei mindestens zwei Ejakulationen je Woche gegenüber weniger als einer ein niedrigeres Risiko für einen Fragmentierungsindex über 30 Prozent (Odds Ratio 0,21; 95-%-Konfidenzintervall 0,10 bis 0,48), aber niedrigere Konzentration und Gesamtzahl [s26]. Zwei kleine Studien mit täglicher Ejakulation über zwei Wochen zeigten sinkendes Volumen und sinkende Gesamtzahl, sonst weitgehend stabile Werte [s113, s118]; eine dritte Studie über zehn Tage berichtet nur, die Samenqualität habe sich verbessert, ohne Zahlen oder benannten Parameter [s132]. Evidenzstärke: eine Querschnittsstudie, drei kleine Interventionsstudien. Gewissheit: niedrig; umgekehrte Verursachung ist möglich.
- In Tierversuchen sinkt die Spermienzahl je Ejakulat bei rascher Wiederholung. Das gilt für Hengste [s174], Esel [s159], Schimpansen [s168], Widder [s176] und Dromedare [s95]. Bei der Beweglichkeit fehlt ein einheitliches Bild, sie stieg bei Rüden [s158] und sank bei Katern [s137]. Evidenzstärke: 18 Tierstudien mit meist wenigen Tieren. Gewissheit: hoch für den Mechanismus der Entleerung von Reserven, niedrig für die Übertragung auf den Menschen.
- Gleitmittel beeinträchtigen die Spermienbeweglichkeit in vitro je nach Produkt sehr unterschiedlich. Die Vitalität lag in einer Untersuchung zwischen 92 Prozent unter dem besten und 28 Prozent unter dem schlechtesten Produkt [s123], die Progressivbeweglichkeit nach 60 Minuten bei 47 Prozent in der Kontrolle und 11 und 15 Prozent unter zwei Produkten [s54]. Ein parabenfreies Gel änderte nichts [s64]. Die Ergebnisse widersprechen sich teils zwischen Studien [s79, s21, s54]. Evidenzstärke: zwei systematische Übersichten [s33, s39] über überwiegend In-vitro-Studien mit 10 bis 60 Proben. Gewissheit: mäßig für die Aussage „produktabhängig“, niedrig für jede Übertragung auf den Geschlechtsverkehr.
- In Kohorten zur natürlichen Empfängnis war Gleitmittelgebrauch nicht mit verminderter Empfängniswahrscheinlichkeit verbunden. Die Fekundabilitätsquotienten lagen bei 1,02 (0,93 bis 1,11) für wasserbasierte Mittel und bis 1,27 (0,93 bis 1,73) für silikonbasierte [s101] sowie bei 1,05 (0,59 bis 1,85) in einer kleineren Kohorte [s135]. Evidenzstärke: zwei prospektive Kohorten mit Selbstangaben, 6.467 und 296 Frauen. Gewissheit: niedrig, die Samenqualität wurde nicht gemessen.
- Das fruchtbare Fenster umfasst sechs Tage. Empfängnis trat nur bei Verkehr in einem sechstägigen Zeitraum bis zum Eisprungtag ein, die Wahrscheinlichkeit lag zwischen 0,10 fünf Tage davor und 0,33 am Eisprungtag [s163]. Eine Reanalyse zweier Kohorten und eine Kohorte mit 782 Paaren bestätigen das Muster [s157, s154]. Die Cochrane-Übersicht fand für Urin-Ovulationstests ein Risikoverhältnis von 1,36 (1,02 bis 1,81) für die Lebendgeburt, aus einer Studie mit 844 Teilnehmerinnen, Sicherheit der Evidenz moderat [s46]. Evidenzstärke: prospektive Kohorten und Cochrane-Übersicht. Gewissheit: hoch für das Fenster, mäßig für den Nutzen der Ovulationstests.
- Häufigerer Verkehr hing mit höherer Empfängniswahrscheinlichkeit zusammen. In der norwegischen Kohorte mit 64.193 Frauen lag der Fekundabilitätsquotient bei mehr als viermal je Woche gegenüber ein- bis zweimal bei 1,16 (1,14 bis 1,19); die mittlere Zeit bis zur Schwangerschaft sank von 4,8 auf 3,7 Monate [s06]. Eine kleine japanische Kohorte fand eine Odds Ratio von 1,23 (1,02 bis 1,47) [s85]. Evidenzstärke: eine sehr große und eine kleine Kohorte, rückblickende Selbstangaben. Gewissheit: mäßig, Umkehr der Ursache ist nicht auszuschließen.
- Erregung, Dauer der Probengewinnung und Tageszeit sind mit Messwerten verknüpft, die Studien sind klein und unsystematisch. Bei 205 infertilen Männern lag die Konzentration nach verlängerter Videodauer (Median 15 gegenüber 8 Minuten) bei 24 statt 19 Millionen je Milliliter, die Reihenfolge der Sitzungen war aber nicht gewechselt [s15]. Längere Gewinnungsdauer ging mit schlechterer Beweglichkeit einher [s45]. Die Tageszeit änderte Messwerte in 33.430 Proben [s61], während Morgen- und Abendproben in einer anderen Studie das Gegenteil nahelegten [s87]. Evidenzstärke: Beobachtungsstudien. Gewissheit: niedrig.
- Eine einzelne Samenanalyse schwankt stark. Bei 19 Freiwilligen lag der Variationskoeffizient innerhalb einer Person bei 74,5 Prozent für die Gesamtzahl und 65,6 Prozent für die Konzentration [s110]. Bei Krebspatienten waren die Intraklassenkorrelationen für den Fragmentierungsindex 0,68 [s60]. Evidenzstärke: zwei kleine Messreihen. Gewissheit: mäßig für die Aussage, dass Einzelmessungen unsicher sind.
- Leitlinien äußern sich zu den drei Größen kaum. Der abgerufene Text der AUA/ASRM-Leitlinie erwähnt Karenz nur an zwei Stellen im Fließtext und enthält weder zu Gleitmitteln noch zum Zeitpunkt des Verkehrs eine Empfehlung [s29]. Das AUA-Amendment 2024 nennt die Themen nicht [s30], und das Abstract des Vergleichs der WHO-Leitlinie 2025 mit anderen Leitlinien enthält keine Aussage dazu [s01]. Meinungsbeiträge nennen die Standardkarenz einen unbelegten Mythos [s41] oder leiten ein Ejakulationsintervall von einem bis zwei Tagen ab [s04]; das sind Schlussfolgerungen der jeweiligen Autoren, nicht Ergebnisse dieser Studie. Evidenzstärke: Konsens und Expertenmeinung. Gewissheit: niedrig.
- Ein Randthema, das hier nur am Rande erscheint: Eine höhere Ejakulationshäufigkeit war in zwei Auswertungen derselben US-Kohorte mit einem niedrigeren Prostatakrebsrisiko verbunden (Hazard Ratio 0,81 bei mindestens 21 gegenüber 4 bis 7 Ejakulationen je Monat im Alter von 20 bis 29 Jahren) [s153, s111], in einer spanischen Fall-Kontroll-Studie ebenfalls [s51]. Das betrifft nicht die Samenqualität. Evidenzstärke: Kohorten und Fall-Kontroll-Studie mit rückblickender Selbstangabe. Gewissheit: niedrig bis mäßig.