Ejakulationshäufigkeit, Gleitmittel und Sexualverhalten · Kapitel 15 von 21 · Widersprüche und ihre mögliche Erklärung

Ein Querschnittsproblem vorweg: Vorzeichen, Grenzen und Begriffe bis Widerspruch 10: Tierstudien, gegensätzliche Richtungen

Die Literatur zum Thema ist umfangreich, aber nicht einheitlich. Einige scheinbare Widersprüche lösen sich auf, sobald man genau liest, was gemessen wurde: Eine Studie vergleicht eine Stunde mit mehreren Tagen, eine andere zwei mit sieben Tagen, eine dritte vergleicht Männer mit und ohne Befundstörung. Andere Widersprüche bleiben bestehen und sind mit dem vorliegenden Material nicht zu entscheiden. Beides wird im Folgenden getrennt benannt.

Ein Querschnittsproblem vorweg: Vorzeichen, Grenzen und Begriffe

Bevor einzelne Befunde gegeneinandergestellt werden, sind drei Quellen scheinbarer Widersprüche zu nennen, die mit der Biologie nichts zu tun haben.

Erstens kehren Studien das Vorzeichen um. Die Dosis-Wirkungs-Metaanalyse von Du und Kollegen berechnet die Mittelwertdifferenz als kurze minus lange Karenz und findet bei gesunden Männern für das Volumen -0,95 ml (95-%-Konfidenzintervall -1,16 bis -0,74) [s32]. Die Metaanalyse von Lo Giudice und Kollegen rechnet dagegen lang minus kurz und berichtet ein um 0,96 größeres Volumen bei längerer Karenz [s38]. Beide Aussagen sind gleichsinnig; wer nur die Zahlen liest, könnte sie für gegensätzlich halten.

Zweitens ist „kurze“ und „lange“ Karenz nicht einheitlich definiert. In [s27] bedeutet kurz 0 bis 1 Tag, lang mehr als 7 Tage und die WHO-konforme Spanne 2 bis 7 Tage. In [s38] liegt die Grenze bei zwei Tagen, in [s22] ist kurz weniger als zwei Tage, in [s58] sehr kurz bis zu vier Stunden, in [s88] wird bei vier Tagen geteilt, und zwar mit einem Trennwert, der aus denselben Daten gewonnen wurde. Ein Ergebnis für „kurze Karenz“ ist deshalb ohne Blick auf die Definition nicht mit dem einer anderen Studie vergleichbar.

Drittens sind die Messverfahren verschieden. Die DNA-Fragmentierung wird je nach Studie mit dem Chromatindispersionstest (Halosperm), dem TUNEL-Test, der Durchflusszytometrie oder weiteren Verfahren bestimmt; Werte und Grenzwerte sind nicht direkt austauschbar. Die Diagrammunterlagen der Studie vermerken deshalb für zwei Arbeiten aus Denizli und Isfahan ausdrücklich, dass die Tests verschieden sind und die Werte nicht direkt vergleichbar [s77, s17]. Hinzu kommen unterschiedliche Auflagen des WHO-Laborhandbuchs: Eine russische Erhebung fand, dass nur 3 von 72 Laborberichten (4,2 %) Referenzwerte der sechsten Auflage nannten, 58 (80,5 %) dagegen solche der fünften [s28].

Widerspruch 1: Mehr Menge, aber nicht mehr Funktion

Was übereinstimmt. Mit der Karenzzeit steigen Ejakulatvolumen, Spermienkonzentration und Gesamtspermienzahl. Dieser Befund steht in Metaanalysen [s32, s22, s38] ebenso wie in großen Einzelstudien [s104, s23, s20, s27, s59] und ist der konsistenteste der gesamten Literatur. In der chinesischen Studie aus Nanyang lagen die Mediane des Volumens bei kurzer, empfohlener und langer Karenz bei 2,3, 3,1 und 3,9 ml, die der Konzentration bei 37,4, 60,3 und 92,2 Millionen je ml [s27]. In der Studie aus Fuzhou stieg das Volumen von 2,6 ml am zweiten auf 3,8 ml am siebten Karenztag [s59].

Was nicht übereinstimmt. Bei Beweglichkeit, DNA-Fragmentierung, Vitalität und Morphologie gehen die Ergebnisse auseinander. Die Metaanalyse von Du fand bei gesunden Männern eine um 2,37 Prozentpunkte niedrigere DNA-Fragmentierung nach kurzer Karenz, mit einem Konfidenzintervall von -4,73 bis -0,01, dessen obere Grenze also fast bei null liegt; bei Männern mit unerklärter Infertilität war die Differenz -5,63 (-10,19 bis -1,06) [s32]. In Nanyang lagen die Mediane des Fragmentierungsindex bei 11,5, 13,1 und 16,8 Prozent [s27], in Guangzhou bei 11,8, 15,8, 18,1 und 26,7 Prozent über vier Karenzgruppen [s14], und in Fuzhou stieg der Mittelwert von 12,9 Prozent am zweiten auf 16,1 Prozent am siebten Tag [s59]. Die Studie von Dupesh in Indien (2.037 Befunde) fand dagegen für Konzentration, Progressivbeweglichkeit und Normalformen keine signifikanten Unterschiede zwischen sechs Karenzgruppen; nur das Volumen unterschied sich [s83]. Bei normozoospermen Männern der italienischen Serie mit 23.527 Proben stieg die Gesamtzahl von Tag 1 bis Tag 7 von 92,4 auf 191,1 Millionen, die Beweglichkeit (A+B) blieb aber mit 50,0 gegen 48,0 Prozent praktisch gleich (p = 0,43) [s23]. Die Metaanalyse der Studien mit Randomisierung berichtet eine geringere Progressivbeweglichkeit nach längerer Karenz (-1,83; p < 0,01), die Gesamtbeweglichkeit zeigte ohne Signifikanz denselben Wert (-1,83; p = 0,06) [s38]. Dass derselbe Wert zweimal erscheint, ist kein Fehler dieses Berichts: Der über Europe PMC abgerufene Datenbankeintrag enthält ihn so, wie eine Kontrollabfrage ergab. Ob es ein Fehler im Abstract ist, lässt sich ohne den Volltext nicht klären.

Mögliche Erklärungen.

  • Abgrenzung der Parameter. Menge (Volumen, Zahl) hängt unmittelbar davon ab, wie lange sich Sekrete und Spermien ansammeln. Funktionsmaße wie Beweglichkeit und DNA-Integrität hängen von mehr Faktoren ab, darunter dem Alter. In Fuzhou fielen Volumen und Beweglichkeit mit dem Alter ab, der Fragmentierungsindex stieg von 12,3 auf 17,4 Prozent; Alter und Karenz wurden dort aber nur einzeln und nicht gemeinsam adjustiert ausgewertet [s59]. Ein Teil des Karenzeffekts auf Funktionsmaße könnte deshalb ein Alterseffekt sein (Einschätzung auf Grundlage des Studiendesigns).
  • Gespeicherte Spermien altern. Mehrere Gruppen deuten die Befunde als Folge der Lagerung im Nebenhoden. Die brasilianische Arbeit [s86] fand nach einem Tag Karenz niedrigeres Volumen und niedrigere Gesamtzahl, aber bessere Beweglichkeit, Akrosomintegrität, Mitochondrienaktivität und Kern-DNA-Integrität sowie geringere oxidative Aktivität; die Autoren deuten dies als Folge der Lagerung in der Cauda epididymidis. In der slowakischen Studie waren nach zwei Tagen reaktive Sauerstoffspezies, Proteinoxidation, Lipidperoxidation und entzündungsbezogene Botenstoffe höher als nach zwei Stunden, ebenso die Bakterienlast des Samens [s55]. Beide Befunde sind Deutungen mit Hinweisen aus Laborwerten, kein Beleg für die Ursache der Unterschiede in klinischen Studien.
  • Drüsensekrete. In der südafrikanischen Studie mit 16 gesunden Männern sanken nach vier Stunden gegenüber vier Tagen Zitronensäure, Alpha-Glucosidase und Fruktose im Seminalplasma, was die Autoren als Hinweis auf eine stoffwechselbezogene Anpassung deuten [s89]. Die schwedische Studie mit 422 Männern fand innerhalb des WHO-Zeitraums niedrigere Werte des Nebenhodenmarkers und von Zink bei kürzerer Karenz [s146]. Das stützt den Gedanken, dass Karenz nicht nur die Zahl, sondern auch die Zusammensetzung des Ejakulats verändert.
  • Gegenbefund. Die indische Studie mit 19 Freiwilligen fand nach einem Tag Karenz mehr Chromatinunreife als nach drei Tagen (p < 0,05) und fünf Tagen (p < 0,01); nach 6 und 24 Stunden In-vitro-Inkubation stieg der Anteil fragmentierter Spermien aus aufbereitetem Ejakulat nach einem Tag Karenz auf das etwa 20- und 40-Fache [s112]. Das ist der deutlichste Hinweis darauf, dass kurze Karenz nicht in jeder Hinsicht vorteilhaft sein muss.

Stand. Der Widerspruch ist weitgehend ein Widerspruch zwischen Parametern, nicht zwischen Studien. Menge und Funktion verhalten sich gegenläufig; wie stark, hängt von Befund und Alter ab. Diese Gegenläufigkeit ist gut dokumentiert, ihre Ursachen im Menschen sind nicht geklärt.

Widerspruch 2: Dieselbe Karenz, entgegengesetzte Richtung bei Männern mit und ohne Befundstörung

Die Richtung des Zusammenhangs hängt in vielen Studien vom Ausgangsbefund ab. Bei 11.782 Untersuchungen von 10.095 Patienten in den USA verbesserten sich bei normozoospermen Männern mit längerer Karenz Volumen, Konzentration, Gesamtzahl und Gesamtzahl beweglicher Spermien; bei oligozoospermen Männern verbesserte sich außer dem Volumen kein Parameter [s104]. Die italienische Serie fand bei auffälligem Befund zwar höhere Zahl und Konzentration nach sieben Tagen, aber eine Beweglichkeit (A+B), die von 28,0 auf 21,0 Prozent sank (p < 0,01); bei Asthenozoospermie fiel sie von 11,8 auf 6,1 Prozent, bei Teratozoospermie die Morphologie von 2,13 auf 1,26 Prozent [s23]. Die israelische Analyse von 9.489 Proben sah bei oligozoospermen Proben die höchste mittlere Beweglichkeit (30,3 Prozent) nach einem Tag, bei normozoospermen Proben sanken Beweglichkeit und Normalformen bis zu den Tagen 11 bis 14 auf 33,1 und 7,0 Prozent [s149]. In der Registerkohorte aus Indien (10.674 Ejakulate von 7.972 subfertilen Männern) nahm die DNA-Fragmentierung bei abnormem Befund mit längerer Karenz zu (p < 0,01) [s63]. Die Autoren dieser Studie schließen, dass eine allgemeine Empfehlung für lange Karenz keinen klinischen Wert habe.

Der Widerspruch innerhalb einer Studie. Die Schweizer Studie mit 4.423 Männern fand bei Normalbefund nach kürzerer Karenz mehr normal geformte Spermien (p = 0,03), bei kombinierter Störung dagegen nach längerer Karenz (p = 0,013) [s42]. Die Metaanalyse von Raditya sah in der Gesamtheit keinen Morphologieeffekt, in der Untergruppe der Oligozoospermie aber mehr Normalformen nach kurzer Karenz (1,64; p < 0,01) [s22]. Die Serie von Russo fand bei normozoospermen Männern mit längerer Karenz eher mehr Normalformen (6 gegen 12,5 von Tag 1 bis Tag 7; p = 0,03) [s23]. Die chinesischen Einzelstudien aus Nanyang, Fuzhou und Guangzhou fanden keinen Morphologieeffekt [s27, s59, s14], während die Analyse aus Tai'an von 1.262 Männern mit 2 bis 7 Tagen Karenz einen U-förmigen Verlauf beschreibt (Wendepunkt bei 4,62 Tagen, Tiefpunkt 3,01 Prozent am fünften Tag; quadratischer Term p = 0,002) [s08]. Für die Morphologie gibt es also je nach Studie keinen, einen fallenden, einen steigenden und einen U-förmigen Zusammenhang.

Das Alter als weitere Ebene. In Guangzhou war die Qualität bei Männern ab 40 Jahren nach 0 bis 2 Tagen am besten, bei jüngeren nach 3 bis 5 Tagen [s14]. Die Analyse aus Tai'an fand dagegen für die Wechselwirkung zwischen Alter und Karenz keinen signifikanten Wert (p = 0,878), obwohl der U-förmige Verlauf bei höchstens 35-Jährigen signifikant (p = 0,013), bei über 35-Jährigen nicht signifikant war (p = 0,075); die Autoren mahnen selbst zur Vorsicht bei der Deutung der Altersunterschiede [s08].

Mögliche Erklärungen.

  • Unterschiedliche Mechanismen. Bei Männern mit niedriger Konzentration scheint eine längere Karenz weniger zusätzliche Spermien zu liefern, während die Alterung gespeicherter Spermien trotzdem wirkt. Die Dosis-Wirkungs-Analyse von Du zeigte bei Oligozoospermie einen nichtlinearen Anstieg der Gesamtzahl mit einem Knickpunkt um den vierten bis fünften Karenztag [s32]. Das ist eine statistische Beschreibung, keine Erklärung des Mechanismus.
  • Regression zur Mitte. Bei Männern mit auffälligem Ausgangswert fällt ein zweiter Messwert im Mittel auch ohne Eingriff günstiger aus. Der iranische Befund passt dazu: Bei einem Ausgangswert der DNA-Fragmentierung (TUNEL) über 20 Prozent sank der Mittelwert nach kurzer Karenz von 27,85 auf 19,14 Prozent (p = 0,001), bei einem Ausgangswert unter 20 Prozent stieg er von 11,89 auf 15,17 Prozent (p = 0,045) [s80]. Die Autoren nennen das „paradox“; eine einfache Lesart ist Regression zur Mitte, die in der Studie nicht geprüft wurde (Einschätzung dieses Kapitels, nicht der Autoren). Dasselbe Argument gilt für die einarmigen Studien zur zweiten Probe [s47, s74].
  • Messunsicherheit der Morphologie. Die Morphologiebewertung bewegt sich bei kleinen Werten: Der Tiefpunkt in Tai'an lag bei rund 3 Prozent Normalformen, und die Autoren der Schweizer Studie nennen ihre Morphologieergebnisse selbst unschlüssig [s08, s42]. Es ist plausibel, dass bei so kleinen Werten schon geringe Unterschiede der Beurteilung Gewicht bekommen (Einschätzung).
  • Auswahl. Fast alle Daten stammen von Männern, die zur Abklärung kamen; die Karenz vor der Probe ist dort oft nicht zufällig, sondern vom Anlass bestimmt (Einschätzung).

Stand. Dass Karenzzeit und Befundtyp zusammenwirken, ist durch mehrere große Studien gestützt [s104, s23, s63, s149]. Aussagen zur Morphologie und zum Alterseffekt sind widersprüchlich und nicht belastbar.

Widerspruch 3: Klinische Endpunkte, einmal Vorteil kürzerer Karenz, einmal kein Unterschied

Bei Schwangerschaft und Lebendgeburt nach Insemination oder Reagenzglasbefruchtung stehen sich Studien mit und ohne Zusammenhang gegenüber.

Für einen Vorteil kürzerer Karenz sprechen die amerikanische Inseminationsstudie (417 Frauen, 929 Zyklen; Schwangerschaftsrate je Zyklus 14 Prozent bei höchstens 3 Tagen gegen 3 Prozent bei mindestens 10 Tagen, bei insgesamt 12 Prozent) [s147], die randomisierte Studie aus Ankara (Schwangerschaftsraten 26,7, 16,7 und 6,7 Prozent bei 0 bis 2, 3 bis 4 und über 4 Tagen; p = 0,039) [s82], die brasilianische ICSI-Kohorte mit 818 Patienten (mittlere Karenz in der Schwangerschaftsgruppe 3,14 gegen 4,83 Tage) [s88], die indische Analyse von 1.030 Zyklen (Lebendgeburt 34,1 gegen 24,1 Prozent bei 2 bis 7 gegen über 7 Tagen; Odds Ratio 1,6; 95-%-Konfidenzintervall 1,1 bis 2,4) [s106], eine zweite indische Analyse mit 1.691 ICSI-Zyklen (klinische Schwangerschaft 30,0 gegen 25,4 Prozent) [s75] und die britische Studie mit 3.873 IVF-Zyklen (bereinigtes Odds Ratio für Schwangerschaft bei längerer Karenz 0,786; 0,685 bis 0,903; die Lebendgeburt fiel nicht signifikant: 0,886; 0,769 bis 1,020) [s13]. Die systematische Übersicht von Sørensen und Kollegen (24 Studien) fasst zusammen, kürzere Karenz sei mit höheren Schwangerschafts- und Lebendgeburtenraten nach assistierter Reproduktion verbunden; wegen der Heterogenität lasse sich aber kein idealer Zeitraum ableiten [s53].

Dagegen stehen die randomisierte Studie aus Denizli (120 Paare, 1 gegen 3 Tage Karenz; Schwangerschaftsrate 17,3 gegen 18,5 Prozent; p = 0,803) [s77], die koreanische Analyse von 449 ersten ICSI-Zyklen, die in keinem Endpunkt einen Unterschied zwischen 2 bis 7 und mindestens 8 Tagen fand [s99], die italienische Analyse von 6.919 ICSI-Zyklen (je zusätzlichem Karenztag sank die Wahrscheinlichkeit für zweikernige Zygoten um 3 Prozent, bereinigtes Odds Ratio 0,97; 0,94 bis 0,99; für Blastulation, kumulative Schwangerschaft und Fehlgeburt zeigte sich kein signifikanter Zusammenhang) [s31], die iranische Analyse von 1.003 ICSI-Zyklen (kein Einfluss von Karenz oder Samenparametern auf die Schwangerschaftsrate) [s57], die britische Studie zum aufeinanderfolgenden Ejakulat vor Insemination (Lebendgeburt je Zyklus 11,3 gegen 13,1 Prozent; p = 0,52) [s02] und die Studie zum zweiten Ejakulat bei ICSI mit Geschwister-Eizellen (hochwertige Blastozysten 24,79 gegen 14,67 Prozent signifikant; klinische Schwangerschaft 59,09 gegen 47,37 Prozent, Lebendgeburt 40,91 gegen 31,58 Prozent, jeweils nicht signifikant) [s49]. Die Metaanalyse von Du fand von allen Endpunkten der assistierten Reproduktion nur für die klinische Schwangerschaftsrate nach Insemination einen Rückgang um den dritten Tag (Koeffizient 0,85; 0,75 bis 0,97) [s32].

Mögliche Erklärungen.

  • Verfahren. Bei der ICSI wird ein einzelnes, ausgewähltes Spermium injiziert; die Qualität des Ejakulats wirkt dadurch abgeschwächt (so argumentieren die Autoren von [s57] sinngemäß). Bei Insemination gelangen aufbereitete Spermien in größerer Zahl in die Gebärmutter; hier sind Zusammenhänge häufiger [s147, s82, s32]. Dieser Gedanke passt zum Muster, ist aber nicht in einer Studie geprüft, die beide Verfahren direkt vergleicht (Einschätzung).
  • Unterschiedliche Vergleiche. Die Studien vergleichen verschiedene Karenzspannen: 1 gegen 3 Tage [s77], 2 bis 7 gegen über 7 Tage [s106], 2 bis 7 gegen mindestens 8 Tage [s99], bis 2 gegen über 4 Tage [s82]. Nachteile bei sehr langer Karenz (über 7 oder 8 Tage) und das Fehlen von Unterschieden im Bereich von 1 bis 3 Tagen schließen sich nicht aus. Die Autoren der indischen Analyse sehen die Karenz über 7 Tage als den problematischen Bereich, nicht den unter zwei Tagen [s106].
  • Fallzahl und Teststärke. Die beiden randomisierten Studien haben 120 und 90 Teilnehmer [s77, s82]. Die Studie aus Denizli wurde nachträglich registriert (27. April 2020) und verglich nur 1 und 3 Tage; bei einer Fragmentierungsdifferenz von rund 3 Prozentpunkten (20,71 gegen 23,78; p = 0,187) fehlt die Stärke für kleine Unterschiede. „Kein signifikanter Unterschied“ ist hier nicht „kein Unterschied“.
  • Störgrößen. In retrospektiven Analysen sind Alter der Frau, Zahl der gewonnenen Eizellen und Anlass der Behandlung mit der Karenz verwoben. In Guangzhou unterschieden sich bei 104 Behandlungsfällen Alter der Partnerin, Embryonenzahl und Lebendgeburt zwischen den Altersgruppen des Mannes [s14]. Ein aus denselben Daten abgeleiteter Trennwert (wie die 4 Tage in [s88]) kann zu optimistischen Ergebnissen führen (Anmerkung des Rechercheberichts).
  • Aufbereitung. Spermien werden vor ICSI und Insemination aufbereitet (Swim-up oder Gradient). Dadurch können Unterschiede der Rohprobe teilweise ausgeglichen werden [s99].

Stand. Nachteile sehr langer Karenz bei Insemination und IVF sind wiederholt beobachtet, in den kontrollierten Studien aber nicht bestätigt worden. Ein Beleg, dass Karenz von wenigen Stunden zu besseren Lebendgeburtenraten führt als ein bis drei Tage, liegt im Material nicht vor. Dass kürzer und besser zusammengehören, ist damit eine Hypothese mit gemischter Stützung, kein gesicherter Befund.

Widerspruch 4: Sehr kurze Abstände von Stunden

Bei der zweiten Probe wenige Stunden nach der ersten zeigen alle Studien niedrigeres Volumen, meist niedrigere Gesamtzahl und häufig niedrigere DNA-Fragmentierung. In Toronto sank der Index von 38,9 auf 35,1 Prozent (p < 0,001) bei 52 Männern; bei 40 von 52 (76,9 Prozent) verbesserte er sich [s47]. In Montreal fiel er bei 112 Männern von 34,6 auf 23,7 Prozent (p = 0,0001), bei Ausgangswerten über 35 Prozent kam es bei 55 Prozent zu einer Normalisierung [s74]. In Polen sank der Anteil mit Index über 20 Prozent von 44,18 auf 24,46 Prozent [s07]. Im Iran fand sich bei 50 Männern mit Oligo-Astheno-Teratozoospermie ein Fragmentierungswert von 19,5 gegenüber 26,96 bei besserer progressiver Beweglichkeit (20,52 gegen 13,32), wobei das Abstract keine Einheiten nennt [s17].

Dagegen unterschieden sich bei 34 oligozoospermen Männern in Thailand Beweglichkeit, DNA-Fragmentierung und Normalformen nach vier Stunden nicht [s52]. Bei schwerer Oligoasthenozoospermie vor ICSI stieg die Gesamtbeweglichkeit zwar (22,52 auf 31,53 Prozent; p < 0,001), Befruchtungs- (61,41 gegen 55,45 Prozent; p = 0,081) und Teilungsrate (88,10 gegen 81,07 Prozent; p = 0,262) waren aber nicht signifikant verschieden [s34]. Die Studie aus Polen sah bei Anilin- und Toluidinblau keine Unterschiede [s07]. Die Studie aus Indien berichtet 33,33 gegen 16,66 Prozent normale ROS-Tests nicht signifikant; die mitgeteilte Korrelation zwischen ROS-Test und Fragmentierungsindex von r = 1,0 bei 30 Fällen ist statistisch auffällig und ohne Rohdaten nicht zu beurteilen [s11]. Die Studie mit Geschwister-Eizellen und Chromosomentest fand im zweiten Ejakulat 43,6 gegenüber 27,5 Prozent euploide Blastozysten (106 biopsierte; 22 Zyklen) [s92].

Mögliche Erklärungen.

  • Studiendesign. Fast alle Studien sind einarmige Vorher-nachher-Vergleiche derselben Männer. Die zweite Probe kommt zwangsläufig nach der ersten, es gibt keine Randomisierung der Reihenfolge und keine Kontrollgruppe. Regression zur Mitte, Gewöhnung an die Probengewinnung und Messvariabilität lassen sich nicht abtrennen (Einschätzung auf Grundlage des Designs; die Autoren von [s47] fordern selbst kontrollierte Studien).
  • Test und Population. Die Studien benutzen verschiedene Tests (Halosperm, SCD, TUNEL, Anilinblau) bei verschiedenen Männern (infertil, normozoosperm, oligozoosperm, Krebspatienten). Dass die Fragmentierung sinkt, der Farbtest für Chromatinreife aber unverändert bleibt [s07], zeigt, dass „DNA-Qualität“ kein einheitliches Maß ist.
  • Zeit in vitro. Die Gegenseite ist die indische Studie [s112] mit der starken Zunahme der Fragmentierung unter längerer Inkubation nach einem Tag Karenz. Nach zwei Stunden war in [s55] die DNA-Integrität dagegen höher. Aufbereitung und Wartezeit bis zum Einsatz könnten also über Nutzen oder Nachteil mitentscheiden; das ist eine Vermutung und nicht geprüft.

Stand. Der Befund „zweites Ejakulat: weniger Menge, oft weniger DNA-Schaden“ ist reproduziert, aber nur in kleinen, unkontrollierten Studien. Ob er klinische Ergebnisse verbessert, ist offen: Die Metaanalyse zur sehr kurzen Karenz berichtet bei kombinierter Störung bessere Konzentration, Beweglichkeit und geringere Fragmentierung, nennt aber im Abstract keine Effektgrößen [s58]; die klinischen Endpunkte sind in [s49, s34, s02] nicht signifikant.

Widerspruch 5: Ejakulationshäufigkeit, tägliche Ejakulation und die Meinung der Fachwelt

Die Ejakulationshäufigkeit im engeren Sinn (Zahl der Ejakulationen je Zeit, getrennt von der Karenz vor der Probe) ist deutlich schlechter untersucht als die Karenz. Im Material liegen eine große Querschnittsstudie, drei Interventionsstudien mit täglicher Ejakulation und einzelne Randbefunde vor.

Die Studien. Die Querschnittsstudie aus Changchun (1.349 Männer, vorab registriert unter NCT06127875) erfasste die Ejakulationshäufigkeit der letzten vier Wochen nach Selbstangabe in drei Gruppen (unter einmal, einmal bis unter zweimal, mindestens zweimal je Woche). Nach Adjustierung unter anderem für Alter, Körpermasseindex, Rauchen, Alkohol und die aktuelle Karenz hatte die häufigste Gruppe gegenüber der seltensten ein um 0,45 ml niedrigeres Volumen (95-%-Konfidenzintervall -0,70 bis -0,21), eine um 12,66 Millionen je ml niedrigere Konzentration (-19,32 bis -6,00) und eine um 72,78 Millionen niedrigere Gesamtzahl (-96,96 bis -48,60); zugleich waren die Odds Ratios für einen Fragmentierungsindex über 15 Prozent 0,69 (0,54 bis 0,89) in der mittleren und 0,41 (0,28 bis 0,59) in der häufigsten Gruppe, für einen Index über 30 Prozent 0,24 und 0,21; die Vitalität stieg, die progressive Beweglichkeit änderte sich nicht [s26]. Eine Studie mit täglicher Ejakulation über 14 Tage bei 20 jungen Männern fand sinkende Werte für Volumen, Gesamtzahl beweglicher Spermien und Konzentration mit einem Plateau nach Tag 3, unveränderte Beweglichkeit und Morphologie und keine bedeutsame Änderung der DNA-Integrität [s113]. Eine kolumbianische Studie sah bei täglicher Ejakulation über zwei Wochen sinkende Gesamtzahl und sinkendes Volumen, während Konzentration, Beweglichkeit, Morphologie, Vitalität und DNA-Fragmentierung sich nicht signifikant änderten [s118]. Eine indische Studie mit 21 Männern und täglicher Ejakulation über 10 Tage berichtet, die Samenqualität habe sich verbessert, nennt im Abstract aber weder den Parameter noch Zahlen [s132]. Bei Spenderkandidaten aus Hunan war die Masturbationshäufigkeit mit der Konzentration negativ korreliert (p = 0,013; die Stichprobengröße nennt das Abstract nicht) [s76].

Wo es hakt. In der Changchun-Studie sinken Konzentration und Gesamtzahl bei häufigerer Ejakulation, während die DNA-Fragmentierung niedriger ist. In den Interventionsstudien sinken Volumen und Zahl, die Fragmentierung bleibt unverändert. Eine Verbesserung der DNA-Integrität durch Häufigkeit zeigt also nur die Querschnittsstudie. Die Autoren der Interventionsstudien sehen in ihren Daten Unterstützung für kurze Karenz gefolgt von täglichem Verkehr um den Eisprung [s113]; das ist eine Deutung, die Studie hat keine Schwangerschaftsendpunkte und nur 20 Teilnehmer.

Mögliche Erklärungen.

  • Umkehr der Ursache. In der Querschnittsstudie waren Männer mit höherer Häufigkeit jünger, hatten kürzer zusammengelebt, und der Anteil gesunder Männer stieg von 33,3 über 44,9 auf 51,2 Prozent [s26]. Dass bessere Gesundheit zu mehr Verkehr führt und nicht umgekehrt, kann das Design nicht ausschließen; das Rechercheprotokoll nennt das als Schwäche der Studie.
  • Verdünnung. Das Zusammentreffen von sinkender Konzentration und sinkender Fragmentierung könnte eine Verdünnung durch häufigere Entleerung abbilden; die Studie prüft das nicht [s26].
  • Unterschiedliche Fragestellung. Die Interventionsstudien messen Veränderung innerhalb weniger Tage bei jungen, gesunden Männern. Die Querschnittsstudie vergleicht Männer in Abklärung mit Kinderwunsch. Beides ist nicht übertragbar aufeinander (Einschätzung).

Der Widerspruch zur Expertenmeinung. In einer russischen Fachdiskussion von 2013 wird die Ansicht wiedergegeben, täglicher Geschlechtsverkehr könne die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft senken, und man solle das den Paaren sagen; ein anderer Diskutant empfahl, vor der Probe jeweils 2 bis 3 Tage Abstinenz einzuhalten, „um einen Spermienvorrat zu schaffen“. Beides steht ohne Beleg [s121]. Die einzige große Kohorte zur Verkehrshäufigkeit mit natürlicher Empfängnis, die norwegische Studie mit 64.193 Frauen, fand dagegen eine um 16 Prozent höhere Empfängniswahrscheinlichkeit je Zyklus bei mehr als viermal wöchentlichem Verkehr gegenüber ein- bis zweimal (Fecundability Ratio 1,16; 1,14 bis 1,19), und keine klaren Unterschiede zwischen weniger als einmal, ein- bis zweimal und drei- bis viermal wöchentlich [s06]. Die mittlere Zeit bis zur Schwangerschaft sank von 4,8 auf 3,7 Monate. Diese Studie beruht auf rückblickend berichteter Häufigkeit und kann die Umkehr der Ursache ebenfalls nicht ausschließen (fruchtbare Paare könnten häufiger Verkehr haben). Eine japanische Kohorte mit 80 Frauen fand einen Zusammenhang höherer Koitusfrequenz mit der Empfängnis (Odds Ratio 1,23; 1,02 bis 1,47) [s85]. Die Expertenmeinung wird durch diese Daten nicht gestützt, widerlegt ist sie damit aber nicht, denn keine dieser Studien verbindet Verkehrshäufigkeit mit der Samenqualität derselben Männer.

Stand. Ejakulationshäufigkeit und Samenqualität: eine große Querschnittsstudie mit gemischtem Bild, drei kleine Interventionsstudien über wenige Tage, kein Schwangerschaftsendpunkt. Verkehrshäufigkeit und Empfängnis: zwei Beobachtungsstudien, ein Zusammenhang erst bei sehr häufigem Verkehr. Die beiden Fragestellungen sind im Material nirgends verknüpft.

Widerspruch 6: Gleitmittel, deutlicher Befund im Labor, unauffälliger Befund in Kohorten

Labor. Die In-vitro-Studien finden je nach Produkt deutliche Beeinträchtigungen. Handelsübliche Gleitmittel hemmten in einer Studie von 1996 die Beweglichkeit nach 60 Minuten um 60 bis 100 Prozent; unter zwei Produkten waren die Spermien nach 60 Minuten unbeweglich und nicht lebensfähig, wie bei der spermizid wirkenden Kontrolle; Rapsöl zeigte keine Schädigung [s162]. Spätere Studien bestätigen die Produktabhängigkeit: In einem Vergleich von neun Produkten an 10 Proben lag die Vitalität unter Pre-Seed bei 92 Prozent, unter dem schlechtesten Produkt bei 28 Prozent [s123]; in einer Studie mit 60 Proben verminderten alle Produkte außer Eiklar die Vorwärtsbeweglichkeit bis 24 Stunden signifikant (p < 0,001) [s62]; in Nottingham senkten bei 12 Spendern alle getesteten Gele Beweglichkeit und Geschwindigkeit signifikant (p < 0,01) [s54]. Zwei systematische Übersichten fassen zusammen: Die Daten seien spärlich, Schwangerschaftsendpunkte fehlten, eine evidenzbasierte Leitlinie sei noch nicht möglich [s33]; Osmolalität und pH seien zentral, viele Handelsprodukte überschritten die WHO-Osmolalitätsempfehlung von 380 mOsm/kg [s39].

Kohorten. Die beiden Kohortenstudien mit natürlicher Empfängnis fanden keine verringerte Empfängniswahrscheinlichkeit. In der amerikanischen Studie mit 296 Frauen war Gebrauch im fruchtbaren Fenster nicht mit geänderter Fruchtbarkeit verbunden (Fecundability Ratio 1,05; 95-%-Konfidenzintervall 0,59 bis 1,85) [s135]. In der Studie mit 6.467 Frauen aus Dänemark und Nordamerika lagen die Fecundability Ratios gegenüber Nichtgebrauch bei 1,02 (0,93 bis 1,11) für wasserbasierte, 1,01 (0,86 bis 1,18) für wasserbasierte pH-abgestimmte, 1,23 (0,94 bis 1,61) für ölbasierte und 1,27 (0,93 bis 1,73) für silikonbasierte Mittel [s101].

Widersprüche im Labor selbst. Ein und dasselbe Produkt wird je nach Studie unterschiedlich bewertet. Ein Durex-Produkt zeigte in Valencia als einziges keine schädliche Wirkung auf den Spermienbeweglichkeitsindex [s79], fiel dagegen in Chiang Mai [s21] und Nottingham [s54] durch (11 und 15 Prozent progressive Beweglichkeit gegenüber 47 Prozent in der Kontrolle nach 60 Minuten). Pre-Seed entsprach in Chiang Mai der Kontrolle [s21], senkte in einer Studie mit 22 Spendern aus dem Jahr 2014 die Progressivbeweglichkeit nach 30 Minuten aber leicht (rund 4 Prozent, signifikant) [s125], und die Autoren der Studie mit 60 Proben bestreiten die Werbeaussage „spermienfreundlich“ [s62]. Beim Vaginalreiniger aus Seoul fand sich kein Unterschied zur Kontrolle, doch war es kein Gleitmittel, und mit 20 Proben ist die Teststärke gering [s124].

Mögliche Erklärungen.

  • Konzentration und Dauer. Fast alle Laborstudien setzen 10 Prozent Gelanteil in der Samenprobe ein und messen nach 30 bis 60 Minuten oder wenigen Stunden. Im Körper wird das Gel im Zervikalschleim und in der Vaginalflüssigkeit verdünnt, und die Spermien verlassen den Ort der Ablagerung innerhalb von Minuten. Diese Verhältnisse bilden die Versuche nur begrenzt ab (Einschätzung; die Abstracts erklären den Unterschied nicht, und die genannten Gründe sind in den Studien nicht geprüft).
  • Produktfamilien. Die Abstracts nennen keine Rezepturen. Ob Unterschiede zwischen Produktlinien, Konzentrationen oder Messmethoden den Widerspruch bei Durex erklären, ist nicht erkennbar [s79, s21].
  • Selbstangaben in Kohorten. Gebrauch und Zeitpunkt beruhen auf Angaben der Frauen. Das Konfidenzintervall der Studie von Steiner ist breit und lässt sowohl eine Halbierung als auch eine Beinahe-Verdopplung der Fruchtbarkeit zu [s135]. Die Studien messen keine Samenparameter und sagen deshalb über Samenqualität nichts, sondern über die Empfängnis bei Frauen ohne Infertilitätsvorgeschichte.
  • Gebrauchsgrund. Wer Gleitmittel nutzt, tut dies unter Umständen wegen Trockenheit oder Schmerzen, was selbst mit der Fruchtbarkeit zusammenhängen kann (Einschätzung; die Praxisübersicht [s25] nennt Trockenheit, Schmerz und Kondomgebrauch als Anwendungsfelder, enthält aber keine Fertilitätsdaten).

Stand. Die Verbindung zwischen Laborbefund und Empfängnis ist offen. Im Labor sind viele Produkte spermienschädigend, und die Ergebnisse variieren stark; in den beiden Kohorten fand sich keine verringerte Fruchtbarkeit. Beides kann zugleich stimmen.

Widerspruch 7: Zeitpunkt und Häufigkeit des Verkehrs, belegte Fenster, schwach belegte Verfahren

Die Verteilung der Empfängniswahrscheinlichkeit über den Zyklus ist gut belegt. Empfängnis trat in der amerikanischen Kohorte mit 221 Frauen (625 Zyklen) nur bei Verkehr in einem sechstägigen Zeitraum bis zum Eisprungtag ein; die Wahrscheinlichkeit lag zwischen 0,10 (fünf Tage vor dem Eisprung) und 0,33 (am Eisprungtag) [s163]. Eine Reanalyse zweier Datensätze fand dasselbe sechstägige Fenster mit der höchsten Wahrscheinlichkeit am Tag vor dem Eisprung [s157]; auch die Kohorte mit 782 Paaren sah fast alle Schwangerschaften in diesem Fenster [s154]. In der Kohorte mit 782 Paaren war die Tageswahrscheinlichkeit bei 19- bis 26-jährigen Frauen doppelt so hoch wie bei 35- bis 39-Jährigen; bei Männern über 35 Jahren war die Fruchtbarkeit nach Adjustierung für das Alter der Frau verringert [s154].

Der Widerspruch. Ob die gezielte Zeitwahl die Geburtenrate erhöht, ist weniger sicher. Die Cochrane-Übersicht von 2023 (sieben randomisierte Studien, 2.464 Frauen oder Paare) bewertet Ovulationstests im Urin mit moderater Evidenzsicherheit als wahrscheinlich nützlich für die Lebendgeburt (Risk Ratio 1,36; 95-%-Konfidenzintervall 1,02 bis 1,81; eine Studie, n = 844) und für die klinische oder Urin-Schwangerschaft (1,28; 1,09 bis 1,50; 4 Studien, n = 2.202); für Methoden der Fruchtbarkeitswahrnehmung fand sie bei niedriger Sicherheit keinen Unterschied der Lebendgeburt (0,95; 0,76 bis 1,20; n = 157) [s46]. Die Vorgängerfassung hatte bei einer sehr kleinen Gruppe für die Lebendgeburt 0,75 (0,16 bis 3,41; n = 17) berichtet, bei Schwangerschaft 1,35 (1,06 bis 1,71) [s117]. Die beiden Fassungen widersprechen sich nicht; sie unterscheiden sich in Studienzahl und Endpunkten, und die Aussage der aktuellen Fassung gilt für Frauen unter 40 Jahren mit weniger als 12 Monaten Kinderwunsch.

Verhalten der Paare. Das tatsächliche Verhalten weicht von der Theorie ab. In der japanischen Kohorte hatten Paare in 18 Prozent der Zyklen (58 von 319) keinen Verkehr in der fruchtbaren Phase [s85]. In Kanada lag die mediane Verkehrshäufigkeit infertiler Paare bei 7 im Monat, 24 Prozent hatten höchstens viermal im Monat Verkehr [s129]. In Changchun hatten 44,6 Prozent der Paare Verkehr auf die Ovulationsphase abgestimmt, 81,4 Prozent wussten nicht, dass die Karenz die Samenqualität beeinflusst [s35]. Zeitgesteuerter Verkehr wurde dort von 11,8 und 16,2 Prozent der Männer ohne bekannte Störung angegeben, aber von 28,2 und 25,7 Prozent der Männer mit bekannter leichter bis mäßiger beziehungsweise schwerer Störung (p < 0,001); die Autoren deuten das als Folge langer erfolgloser Versuche, nicht als direkte Wirkung der Samenqualität [s68]. In Korea stieg mit der Zahl der Episoden zeitgesteuerten Verkehrs die Zahl der Männer mit erektiler Dysfunktion (p < 0,0001) [s133]. Bei Männern mit hoher DNA-Fragmentierung berichteten 50,6 Prozent Verkehr seltener als einmal in der Woche, gegenüber 23,2 Prozent bei normozoospermen Männern (p < 0,05); die Richtung der Ursache ist offen [s69].

Mögliche Erklärungen. Der scheinbare Widerspruch zwischen „sechs Tage genügen“ und „Zeitwahl hilft nur mäßig“ ist teilweise ein Messproblem: Ovulationsvorhersage verlangt vom Paar zusätzliche Handlungen, die die Zahl der Verkehre ändern und Stress erzeugen können; die Cochrane-Übersicht nennt Stress als Endpunkt mit sehr niedriger Sicherheit (Mittelwertdifferenz 1,98; -0,87 bis 4,83; n = 77) [s46]. Außerdem bestimmt bei häufigem Verkehr der Zeitpunkt weniger über den Erfolg. Das ist eine plausible, aber nicht geprüfte Überlegung (Einschätzung; die Simulationen von Stanford und Dunson zeigen, dass der Einfluss der Verkehrsmuster vor allem bei niedriger Verkehrsfrequenz oder geringer Fruchtbarkeit groß ist [s144]).

Stand. Das fruchtbare Fenster ist gut belegt, der Nutzen von Verfahren zur Zeitwahl mit moderater Sicherheit nur für Ovulationstests im Urin. Zur Verbindung mit der Samenqualität des Mannes gibt es keine Studie: Weder in den englischsprachigen Quellen noch im chinesischen, türkischen und russischen Material wurde eine Arbeit gefunden, die den Zeitpunkt des Verkehrs im Zyklus mit der Samenqualität verknüpft.

Widerspruch 8: Zeitpunkt der Probe und Erregung

Tageszeit. Die Studie aus Chongqing (33.430 Proben einer Spermabank, ein Laborteil mit 6 Freiwilligen und 36 Proben bei kontrollierter Karenz) fand ein Optimum zwischen 11 und 15 Uhr; jede Stunde früher oder später als 11 Uhr war mit einem 1,14-fachen Risiko der Nichteignung verbunden [s61]. Die japanische Studie mit 40 Männern fand bei festgelegten 3 Tagen Karenz dagegen höhere Gesamtzahl beweglicher Spermien am Abend als früh am Morgen, bei fertilen wie bei infertilen Männern [s87]. Die Studie nennt keine Effektgrößen und keine p-Werte im Abstract, und die Aussage zur Insemination ist eine Vermutung der Autoren. Mögliche Erklärungen: unterschiedliche Populationen (Spender gegen Fertile und Infertile), unterschiedliche Messzeitpunkte (8 bis 17 Uhr gegen früh und Abend) und kleine Fallzahlen; mehr lässt sich nicht sagen (Einschätzung).

Erregung und Dauer. Eine türkische Studie mit 205 infertilen Männern fand nach Verlängerung der Erregungsdauer von im Median 8 auf 15 Minuten höhere Konzentration (19 auf 24 Millionen je ml), Gesamtbeweglichkeit (43 auf 46 Prozent) und progressive Beweglichkeit (33 auf 37 Prozent), jeweils p < 0,001, bei schwachen Korrelationen (ρ 0,21 bis 0,27) [s15]. Die Reihenfolge der beiden Sitzungen war aber nicht vertauscht, ein Lern- oder Gewöhnungseffekt ist denkbar. Die Studie aus Hefei fand dagegen bei längerer Dauer der Probengewinnung schlechtere Samenqualität: im dritten Quartil ein adjustiertes Odds Ratio von 2,06 (1,31 bis 3,25) für Asthenozoospermie [s45]. Bei Araberhengsten war niedrige Erregung mit besserer Beweglichkeit verbunden (p < 0,01) [s19]. Eine weitere türkische Studie mit 100 Männern, die täglich ein Video sahen, fand Änderungen nur bei Volumen und Gesamtzahl beweglicher Spermien (p < 0,001), ohne dass das Abstract die Richtung nennt [s65].

Mögliche Erklärungen. Die Studien messen Verschiedenes: Dauer der Erregung bis zur Ejakulation bei vorgegebenem Material [s15], Gesamtdauer der Probengewinnung als Beobachtungsgröße [s45] und Erregungsintensität bei Tieren [s19]. Längere Probengewinnung kann Folge einer Erektionsstörung oder Anspannung sein (Einschätzung der Recherche), nicht Ursache schlechter Qualität. Die Befunde stehen deshalb nicht im Widerspruch zueinander, sondern beschreiben verschiedene Größen.

Widerspruch 9: Verschiedene Empfehlungen aus denselben Daten

Auffällig ist, dass aus der Karenzliteratur sehr verschiedene Empfehlungen abgeleitet werden. Diese sind Aussagen der jeweiligen Autoren und Gremien, nicht Empfehlungen dieser Studie. Die WHO nennt als Vorgabe 2 bis 7 Tage; die ESHRE und die Nordic Association for Andrology nennen nach einer Angabe in [s13] 3 bis 4 Tage, wobei die Originaltexte nicht abgerufen wurden. In der russischen Praxis wird 3 bis 4 Tage als optimal bezeichnet, bei einer Spanne von 2 bis 7 Tagen [s126]. Schlegel nennt die Karenzvorgabe für Spermaproben einen „unsubstantiated myth“ und als Zielwert für Proben der assistierten Reproduktion unter einem Tag, möglichst unter 4 Stunden [s41]. Clay und Kollegen leiten aus einer narrativen Übersicht ein Ejakulationsintervall von 1 bis 2 Tagen für Männer mit Kinderwunsch ab [s04]. Dagegen halten Hanson und Kollegen in einer systematischen Übersicht mit 28 Publikationen keine klaren Empfehlungen für möglich [s98]; Sokol und Kollegen sehen die WHO-Spanne durch belastbare Belege nicht gestützt [s78]; die Autoren der Registerstudie aus Indien sehen in einer allgemeinen Empfehlung zu langer Karenz keinen klinischen Wert [s63]; die Autoren der Studie an tamilischen Männern halten die starre Zwei-bis-sieben-Tage-Vorgabe für liberalisierbar [s83]. Die Autoren der israelischen Analyse empfahlen für Patienten mit männlichem Faktor eine Probe nach nur einem Tag und für Normalbefunde oder Spender höchstens 10 Tage [s149]. Die deutschsprachige Arbeit von Sievers aus dem Jahr 1987 sah innerhalb von Probanden einen Zuwachs von Volumen und Dichte mit der Karenz, aber keinen Einfluss auf Beweglichkeit und Normalformen [s170].

Mögliche Erklärungen. Die Empfehlungen unterscheiden sich, weil sie verschiedene Ziele haben: Standardisierung des Laborbefunds (WHO, russische Praxis), Verbesserung einzelner Funktionsmaße (Schlegel, Clay) oder Aussage über Fruchtbarkeit insgesamt (Hanson, Sokol, Meitei). Die WHO-Spanne beruht nach den Referenzstudien auf Standardisierung und nicht auf Fertilitätsdaten [s78, s41]. Die Leitlinie von AUA und ASRM spricht Karenz im Fließtext nur an zwei Stellen an: als mögliche Maßnahme zur Begrenzung des DNA-Schadens und im Kommentar zu Hodenspermien bei erhöhtem Index trotz kurzer Karenz unter zwei Tagen (Expertenkonsens); eine eigene Empfehlung zu Häufigkeit, Gleitmitteln oder Verkehrszeitpunkt enthält der abgerufene Text nicht [s29]. Die abgerufene Webseite der EAU (nicht Teil der Quellenliste) enthielt nach dem Rechercheprotokoll keine einschlägige Aussage. Die Leitlinien schweigen also, wo die Übersichtsarbeiten empfehlen.

Widerspruch 10: Tierstudien, gegensätzliche Richtungen

Die Tierstudien liefern die Mechanik: Wiederholte Ejakulation entleert die Reserven, die tägliche Produktion begrenzt die Nachlieferung. Bei Hengsten entfernten fünf aufeinanderfolgende Ejakulate 40 bis 60 Prozent der verfügbaren Spermien, Ejakulation jeden zweiten Tag senkte die potenziell verfügbare Zahl um 27 Prozent [s174]. Bei Schimpansen stieg bei stündlicher Wiederholung das Volumen von 2,6 auf 4,7 ml, die Gesamtzahl fiel vom ersten zum sechsten Ejakulat von 1.278 auf 587 Millionen [s168]. In allen Tierarten sinkt die Spermienzahl je Ejakulat bei rascher Wiederholung. Bei der Beweglichkeit gehen die Befunde auseinander: Bei Rüden mit Asthenozoospermie und Teratozoospermie stieg bei 12-Stunden-Intervall die Beweglichkeit von rund 65 auf etwa 80 Prozent, und der Anteil von Spermien mit abnormem Flagellum sank von 30 auf 15 Prozent [s158]; bei Katern nahmen Spermienzahl, Beweglichkeit und Vitalität bei vier aufeinanderfolgenden Ejakulaten ab [s137]; bei Dromedaren sanken Progressivbeweglichkeit und Geschwindigkeitsmaße bei zweimaliger gegenüber einmaliger Sammlung pro Woche (p < 0,001) [s95]; bei Bullen erhöhte der Übergang von 30 Minuten auf 24 Stunden Abstand zwischen den Ejakulaten die Beweglichkeit in beiden geprüften Rassen [s10]. Bei Widdern sank innerhalb eines Tages der Anteil normaler Spermien im zweiten Ejakulat signifikant, vor allem durch Zytoplasmatropfen und Mittelstückanomalien [s24]; bei Bullen führte wiederholte Entnahme in kurzen Abständen nicht zu signifikanten Änderungen von Volumen, Beweglichkeit und Konzentration [s72]. Die Erklärung liegt auf der Hand: Die Studien betrafen unterschiedliche Arten mit unterschiedlicher Hodengröße, Nebenhodenkapazität und Paarungssystem, unterschiedliche Sammelmethoden (künstliche Scheide, Elektroejakulation, Phantom) und teils Tiere mit vorbestehender Störung wie die Rüden. Übertragbar auf den Menschen sind die Befunde nur eingeschränkt; sie belegen nichts zur Fruchtbarkeit des Menschen.

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Überblick und Gliederung und Große Auswertungen von Samenbefunden nach Karenz (Europa, Amerika, Afrika, Indien, Vietnam)
  6. Karenz und Samenqualität in China, Japan und Hongkong und Ejakulationshäufigkeit, tägliche Ejakulation und wiederholte Ejakulate
  7. Zweite Probe nach sehr kurzer Karenz (Stunden): Vorher-nachher-Studien ohne Kontrollgruppe bis Erregung, Tageszeit und Dauer der Probengewinnung
  8. Häufigkeit und Zeitpunkt des Verkehrs, Sexualfunktion bis Gesamteinordnung der Beobachtungsstudien
  9. Gesamtbild der Evidenz in Kürze bis Ejakulationshäufigkeit, tägliche und wiederholte Ejakulation beim Menschen
  10. Zweite Probe nach sehr kurzer Karenz (Stunden) bis Sprachräume und Zugang
  11. Mechanismen und biologische Plausibilität
  12. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  13. Englisch bis Spanisch
  14. Chinesisch bis Türkisch
  15. Ein Querschnittsproblem vorweg: Vorzeichen, Grenzen und Begriffe bis Widerspruch 10: Tierstudien, gegensätzliche Richtungen
  16. Übersicht der Widersprüche
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis
  22. Diagramme
  23. Quellen
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle