Zu jedem Kernbefund stehen zwei getrennte Einschätzungen. Die Evidenzstärke beschreibt, wie tragfähig die vorhandenen Studien nach Design, Größe und Übereinstimmung sind (hoch, mäßig, niedrig, sehr niedrig). Die Gewissheit beschreibt, wie sicher die Aussage in der genannten Reichweite ist (hoch, mittel, gering). Beides sind Einschätzungen des Bearbeiters, keine formale Bewertung nach GRADE.
- Die Samenqualität ist bei urämischen und dialysepflichtigen Männern in den Vergleichsstudien vermindert. In Studien mit 24 bis 74 Patienten lagen Dichte, Beweglichkeit und Normalformenrate unter denen der Kontrollen, im Fertilitätsindex 0,23 bei Urämie gegenüber 13,02 bei gesunden Männern [s152, s168, s135, s127]. Evidenzstärke: niedrig (kleine Querschnittsstudien, Kontrollgruppen schlecht beschrieben, die Hangzhou-Arbeiten überlappen vermutlich). Gewissheit: hoch für die Richtung, gering für das Ausmaß.
- Die Beeinträchtigung wächst mit CKD-Stadium und Dialysedauer. Bei 66 Männern mit CKD-Stadium 1 bis 5 zeigten Volumen, Beweglichkeit, Konzentration und Gesamtzahl einen negativen Trend mit dem Stadium [s113]; die Dialysedauer korrelierte negativ mit Testosteron, Konzentration und Motilität [s127]. Evidenzstärke: sehr niedrig (Querschnitt ohne Kontrollgruppe beziehungsweise ohne Adjustierung, Alter als Störgröße). Gewissheit: gering bis mittel.
- Hormonell findet sich häufig niedriges Testosteron bei erhöhtem LH, teils FSH, und erhöhtem Prolaktin; die Häufigkeit schwankt stark. Hypogonadismus bei 56,7 % der Männer mit CKD gegenüber 13,3 % der Kontrollen [s01]; Testosteronmangel bei 44 % von 260 [s137] und 66 % von 420 Dialysemännern [s144]; 17,1 bis 20,9 % bei 105 Männern vor der Dialyse [s71]; 18,6 % bei 118 Hämodialysepatienten [s91]. Evidenzstärke: niedrig bis mäßig (viele, aber uneinheitliche Studien). Gewissheit: hoch für das Muster, gering für jede einzelne Prävalenzzahl.
- Es gibt Hinweise auf eine Beteiligung der Sertoli-Zellen. Inhibin B und das Verhältnis Inhibin B zu FSH waren bei CKD erniedrigt [s01]; das Anti-Müller-Hormon war bei 59 Patienten gegenüber 21 Gesunden erniedrigt [s90]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: gering (Korrelationen, keine Samenanalyse).
- Nach der Transplantation erholt sich in den meisten Studien die Testosteronachse, mit Ausnahmen. Die systematische Übersicht (23 Studien, 738 Patienten) berichtet meist steigendes Testosteron und fallendes LH und Prolaktin [s03]; in einer Kohorte blieb das Testosteron nach sechs Monaten unverändert bei 398 ng/dl, und der Anteil Hypogonadaler lag bei 24,5 % [s116]. Evidenzstärke: niedrig bis mäßig. Gewissheit: mittel.
- Die Spermienparameter bessern sich nach der Transplantation, erreichen aber im Mittel nicht das Niveau gesunder Männer. Metaanalyse von fünf Studien: Dichte SMD 1,58 und Beweglichkeit SMD 3,26 gegenüber Dialyse, aber minus 0,75 und minus 0,50 gegenüber Gesunden [s69]. Ein Inhibin-B-Abfall nach der Transplantation widerspricht der Besserung scheinbar [s01, s116]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: mittel für die Richtung, gering für Vollständigkeit und Dauer.
- Männer nach Nierentransplantation werden Väter, aber die Daten sagen wenig über die Fruchtbarkeit selbst. In der französischen Befragung (1332 Antwortende, Rücklauf 46 %) hatten 17 % nach der Transplantation ein Kind gezeugt, 27 % dieser Väter mit assistierter Reproduktion [s72]; eine chinesische Befragung fand 53 Väter unter 62 Paaren mit Kinderwunsch [s155]; in Belarus wurden nur 2 von 252 Männern nach Nieren- oder Lebertransplantation Väter [s84]. Evidenzstärke: niedrig (Selbstangaben, unbekannter Kinderwunsch). Gewissheit: hoch dafür, dass Vaterschaft möglich ist; gering für jede Rate.
- mTOR-Inhibitoren sind die am besten belegte Medikamentengruppe mit Spermienschäden. Unter Sirolimus Gesamtspermienzahl 28,6 gegenüber 292,2 Millionen und 5,9 gegenüber 92,9 gezeugte Schwangerschaften je 1000 Patientenjahre [s157]; Erholung bei vier von vier Männern nach dem Absetzen [s141]; Fallberichte [s161, s118]; Übersicht [s159]. Evidenzstärke: niedrig (nicht randomisiert, kleine Sirolimusgruppe). Gewissheit: mittel.
- Valganciclovir verzögert die Spermienerholung vorübergehend. In der prospektiven nichtrandomisierten Studie (59 Männer) war der Konzentrationsanstieg unter Valganciclovir bis zum Behandlungsende um 43,82 Millionen/ml geringer; sechs Monate nach Behandlungsende bestand kein Unterschied mehr [s78]. Evidenzstärke: niedrig bis mäßig. Gewissheit: mittel für die vorübergehende Verzögerung, gering für Langzeitfolgen.
- Für Ciclosporin, Tacrolimus und Mycophenolat sind die Humanbefunde widersprüchlich oder dünn. Kleine Serien sahen erhaltene Fertilität [s199], einen Zusammenhang des Ciclosporin-Talspiegels mit der Spermienbewegung [s185], günstigere Werte unter Tacrolimus [s163] oder kaum Dosiseffekte [s172]; für Mycophenolat fehlen Spermiendaten, die Väterstudien zeigen keine Fehlbildungshäufung [s72, s62]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: gering.
- Erbkrankheiten sind eigene Ursachen und verzerren Auswertungen. Bei ADPKD hatten 20 von 22 untersuchten Männern abnorme Spermienparameter [s154], bei Cystinose besteht überwiegend eine obstruktive Azoospermie [s64], bei Morbus Fabry hatten 14 von 17 Patienten mindestens eine abweichende Kategorie [s89]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: mittel für Cystinose, gering für ADPKD (widersprüchliche, selektierte Serien).
- Die Tierversuche stützen die biologische Plausibilität, sind aber nicht übertragbar. Ratten und Mäuse mit experimentellem Nierenversagen zeigen niedriges Testosteron und verminderte Spermienfunktion [s187]; die Hodenhistologie ist uneinheitlich [s180, s67]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: gering für den Menschen.
- Leitlinien schweigen zum Thema. EAU, AUA/ASRM und ESHRE enthalten keine Aussage zu CKD, Dialyse oder Transplantation [s25, s24, s13]; eine italienische Befragung von 29 Zentren zeigt ungleiche Beachtung [s06]. Evidenzstärke: nicht anwendbar. Gewissheit: hoch für die drei geprüften Leitlinien, offen für AWMF und Cochrane (nicht abrufbar).