So werden die Befunde eingestuft. Die Evidenzstärke richtet sich nach dem Studiendesign: A = randomisierte kontrollierte Studie oder Metaanalyse solcher Studien; B = kontrollierte, nicht randomisierte Studie oder große Querschnitts- beziehungsweise Kohortenstudie; C = einarmige Vorher-Nachher-Studie oder Fallserie; D = Fallbericht oder Auswertung spontaner Nebenwirkungsmeldungen; E = Tierversuch oder Laborversuch. Die Gewissheit (hoch, mittel, gering, sehr gering) sagt, wie belastbar die jeweilige Aussage für erwachsene Männer bei üblicher Anwendung ist. Beides sind Einstufungen dieser Studie, keine Angaben der Quellen.
- Isotretinoin bei Akne, Spermiogramm unter Standarddosis. Mehrere kleine Vorher-Nachher-Studien zeigen unveränderte oder leicht höhere Spermienzahlen [s51, s100, s166, s150]; in zwei Studien lag der Anteil normal geformter Spermien am Ende niedriger [s51, s166]. Ein Jahr nach Therapieende waren in einer Studie alle Werte wieder auf dem Ausgangswert [s150]. Evidenzstärke C (Metaanalyse einarmiger Studien [s14]), Gewissheit gering, weil Kontrollgruppen fehlen.
- Isotretinoin, große dänische Kohorte. Anwender gegen Nichtanwender: nicht signifikant niedrigere Spermienzahlen, aber niedrigeres FSH, höherer Inhibin-B-FSH-Quotient und höheres Östradiol; bei früheren Anwendern blieben die Verschiebungen bestehen [s04]. Evidenzstärke B, Gewissheit gering, weil es ein Preprint ohne Begutachtung ist und die Samenunterschiede nicht signifikant waren.
- Isotretinoin als Versuchsbehandlung bei Unfruchtbarkeit. Bei Oligoasthenozoospermie stieg die mediane Konzentration von 2,5 auf 3,8 Mio./ml (n = 19, einarmig) [s89]; bei Azoospermie oder Kryptozoospermie fanden sich bei 11 von 30 Männern bewegliche ejakulierte Spermien [s26]. Evidenzstärke C, Gewissheit gering. Das sind Behandlungsstudien an Männern mit bestehender Störung, keine Sicherheitsstudien für Gesunde.
- Isotretinoin, Meldedaten. In der US-Meldedatenbank FAERS fallen erektile Dysfunktion (PRR 4,47; 195 Meldungen), verminderte Libido und Libidoverlust auf [s02]; die Meldungen sagen nichts über Häufigkeit oder Ursache. Evidenzstärke D, Gewissheit sehr gering.
- Spironolacton. Keine kontrollierte Samenanalyse beim Mann gefunden. Hodenhistologien bei Transfrauen unter Östrogen zeigen aktive Spermatogenese bei 53,3 % (Spironolacton) gegen 8,7 % (Cyproteronacetat) [s20]; die Aussage gilt nicht für Männer ohne Östrogen. Evidenzstärke B für diesen Vergleich, Gewissheit für Spironolacton als Einzelsubstanz sehr gering. Mechanistisch ist die Androgenrezeptor-Blockade beschrieben [s180].
- Glukokortikoide bei Antispermien-Antikörpern. Randomisierte oder kontrollierte Studien widersprechen einander: Vorteile bei Hendry 1990, Omu 1996 und Taiyeb 2017 [s154, s142, s97], keine bei Haas 1987, Bals-Pratsch 1992, De Almeida 1985 und Grigoriou 1996 [s157, s149, s162, s141]. Evidenzstärke A bis B, Gewissheit gering; die Studien sind klein und stammen überwiegend aus den Jahren 1978 bis 1996.
- Prednison nach Vasektomie-Rückverlagerung (iPRED). Schwangerschaftsrate nach 12 Monaten: Kontrolle 65 %, niedrig dosiert 67 %, hoch dosiert (20 mg) 17 %, nach Bedarf 38 %; zwei Arme wurden vorzeitig beendet [s33]. Evidenzstärke A, Gewissheit mittel für diese besondere Situation: Es gab 73 Männer mit Jahresdaten in sehr kleinen Gruppen.
- Glukokortikoide im Tierversuch. Hohe Dosen oder Stressmodelle senken Spermienqualität und Testosteron [s39, s07, s13, s23]; Exposition in Trächtigkeit oder Neugeborenenphase schädigt die Nachkommen [s11, s18, s43]; im Konservierungsmedium und nach Hodentorsion wirkten Glukokortikoide dagegen schützend [s53, s110]. Evidenzstärke E, Gewissheit für den Menschen sehr gering.
- Antihistaminika. Für H1-Blocker (Cetirizin, Fexofenadin) zwei berichtete Fälle mit Rückbildung nach Absetzen [s125] und eine nicht randomisierte Studie mit Selektion (Besserung 93 gegen 12 %, Konzeption 85 gegen 10 %) [s121]. Evidenzstärke B bis D, Gewissheit sehr gering. Für H2-Blocker zeigt Cimetidin eher Nachteile, Famotidin keine [s99, s158]. Gewissheit gering.
- Grunderkrankung als Störgröße. Selbstberichtetes Asthma war mit niedrigerer Gesamtspermienzahl verbunden (adjustierter Koeffizient −0,18; 95-%-Konfidenzintervall −0,33 bis −0,04) [s56]; genetische Studien kommen zu uneinheitlichen Ergebnissen [s17, s36]. Evidenzstärke B, Gewissheit gering.
- Übergeordnete Bewertung. Die Leitlinie AUA/ASRM stuft die Evidenz zu Arzneimitteln als Risikofaktoren als niedrig ein; die vier Wirkstoffgruppen kommen im abgerufenen Text nicht vor [s40]. Ein Umbrella-Review und eine große Pharmakovigilanzstudie nennen keine der vier Gruppen unter den bestätigten Risikofaktoren beziehungsweise Risikoarzneimitteln für männliche Infertilität [s19, s08]. Das ist kein Entwarnungsbeleg: Beide Arbeiten stützen sich auf vorhandene Studien beziehungsweise Spontanmeldungen und können Lücken nicht schließen.