Antispermien-Antikörper und immunologische Infertilität · Kapitel 1 von 23

Das Wichtigste in Kürze

Die Angaben zu Evidenzstärke und Gewissheit sind eine qualitative Einschätzung dieser Studie (Erklärung im Abschnitt zur Methodik), keine formale GRADE-Bewertung.

  1. ASA sind bei infertilen Männern meist selten, aber je nach Test sehr unterschiedlich häufig. Große Serien: 1,03 Prozent bei 8265 Proben [s15], 1,4 Prozent bei 2727 Männern [s30], 4,0, 3,4 und 2,0 Prozent bei Grenzwerten von 10, 50 und 100 Prozent (10 025 Männer) [s88], 6,35 Prozent bei 1827 Männern [s48]. Übersichtsarbeiten nennen 5 bis 12 Prozent [s12] und 2,6 bis 6,6 Prozent [s74]. Eine usbekische Serie mit 56 Männern berichtet 66,1 Prozent und ist methodisch kaum belastbar [s17]. Evidenzstärke: mäßig (große, aber retrospektive Einzelzentrumsserien). Gewissheit: niedrig bis mäßig für jede einzelne Zahl, hoch dafür, dass die Zahl vom Verfahren abhängt.
  1. Es fehlen einheitliche Grenzwerte und Normbereiche. Die EAU nennt für MAR- und Immunobead-Test keine evidenzbasierten Referenzwerte und rät jedem Labor zu eigenen Normbereichen [s04]. Studien verwenden Grenzwerte von 10, 20, 40, 50 und 100 Prozent [s88, s137, s48]. Eine japanische Studie hält 20 Prozent für passender als den vielfach genannten Wert von 50 Prozent [s137]. Evidenzstärke: hoch für die Aussage über den Mangel (übereinstimmend in Leitlinie und Übersichten). Gewissheit: hoch.
  1. Leitlinien raten von der Routinetestung ab. AUA/ASRM: ASA-Testung nicht in der Erstabklärung; Evidenzstufe Expertenmeinung [s78]. Der Überblick von 2026 spricht von einer Entwicklung von der Routine zu einem gezielten Auswahlinstrument [s12]. Die Abstracts der WHO-Leitlinie von 2025 und des Leitlinienvergleichs nennen ASA nicht [s14, s01]. Evidenzstärke: niedrig (Expertenmeinung). Gewissheit: mäßig.
  1. ASA hängen nicht durchgängig mit der klassischen Samenanalyse zusammen. Eine Metaanalyse fand niedrigere Konzentration und Beweglichkeit bei ASA-positiven Männern, mit unplausibel großen Beträgen der Effektmaße [s119]; mehrere Kohorten fanden keine Unterschiede [s48, s95]. Eine Moskauer Serie zeigt bei 1060 infertilen Männern mit normalen Standardwerten gestörte Akrosomreaktion, mehr DNA-Fragmentierung und höhere Bildung reaktiver Sauerstoffspezies bei ASA [s118]. Evidenzstärke: niedrig bis mäßig. Gewissheit: niedrig (uneinheitlich).
  1. Sehr hohe Beladung der Spermien mit Antikörpern ist klinisch relevanter als niedrige. In einer italienischen Serie war die Lebendgeburtenrate bei natürlicher Zeugung 4,5 Prozent (100 Prozent IgG-MAR-positiv) gegenüber 30,0 Prozent (50 bis 99 Prozent) [s79]; die vollständige Positivität war der einzige unabhängige Bestimmungsfaktor eines negativen Postkoitaltests [s88]. Der einzige fest etablierte Wirkweg ist nach einer älteren Übersicht die Störung der Penetration des Zervixschleims [s266]. Evidenzstärke: niedrig bis mäßig (retrospektiv). Gewissheit: mäßig.
  1. Ob ASA die Ergebnisse von IVF und ICSI mindern, ist widersprüchlich. Metaanalyse (16 Studien): kein Zusammenhang, OR 1,08 (0,85 bis 1,38) [s157]. Prospektive ICSI-Studie mit 184 Männern: keine Unterschiede bei Befruchtung und Schwangerschaft [s67]. Dagegen niedrigere Befruchtungsraten bei IVF in neueren Serien [s89, s15]. Evidenzstärke: mäßig (Metaanalyse, aber heterogene Grenzwerte). Gewissheit: niedrig.
  1. Gesicherte Auslöser sind selten, gut belegt sind Obstruktion und Verletzung. Vasektomie und Umkehr sind der am häufigsten untersuchte und deutlichste Faktor [s22]; Serum-ASA sagen eine operativ gesicherte Obstruktion mit hoher Genauigkeit voraus (Fläche unter der Kurve 0,92 für IgG) [s167]. Für Prostatitis liegt eine Metaanalyse vor (OR 3,26; 1,86 bis 5,71) [s111]. Skrotaltrauma und Orchitis erhöhten in einer großen Moskauer Erhebung die Chance (OR 1,84 beziehungsweise 4,0), doch in 41 Prozent der Fälle blieb kein Faktor erkennbar [s148]. Evidenzstärke: niedrig bis mäßig. Gewissheit: mäßig für Vasektomie und Obstruktion, niedrig für die übrigen.
  1. Varikozele: Assoziation, aber unsichere Kausalität. Metaanalyse mit erhöhter ASA-Positivität (MAR: OR 4,34; 1,09 bis 17,28) mit sehr breiten Intervallen [s21]; eine jordanische Studie fand keine höhere Rate [s158]. Nach Varikozelenoperation sank die Positivität in einer Metaanalyse von Vorher-nachher-Studien (RR 0,42; 0,35 bis 0,52) [s07], ohne Kontrollgruppe; zwei iranische und eine russische Studie fanden dagegen neue ASA nach dem Eingriff [s132, s181, s126]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: niedrig.
  1. Die Hodenentzündung als Ursache beim Menschen ist dünn belegt, im Tier gut. Beim Menschen gibt es kleine Biopsiestudien [s38], Fallserien [s286] und eine randomisierte Studie mit 24 Patienten mit akuter Orchitis [s248]. Im Tiermodell löst Immunisierung mit Keimzellen reproduzierbar eine Autoimmunorchitis aus, in einem Mausmodell mit bis zu 100 Prozent Häufigkeit [s271]. Evidenzstärke: sehr niedrig am Menschen, mäßig bis hoch im Tiermodell (für den Mechanismus). Gewissheit: niedrig für die Übertragung auf den Menschen [s16].
  1. Die Mechanismen werden zunehmend aufgeklärt, überwiegend an Tieren. Beteiligt sind regulatorische T-Zellen [s19, s151], Th17-Zellen [s33, s90, s09], Toll-ähnliche Rezeptoren [s121], Gasdermin D in Makrophagen [s43] und Neutrophile, die mit Hilfe von ASA Spermien durch Trogozytose beseitigen [s03]. Evidenzstärke: niedrig für den Menschen. Gewissheit: niedrig.
  1. Behandlungsstudien sind klein und widersprüchlich. Kortikosteroide: kein Effekt bei 10 Männern [s282], ein Nutzen bei 241 Männern in einer Untergruppe der IVF-Zyklen [s106], keine Schwangerschaften bei 20 Männern [s264]. Chinesische Metaanalysen berichten Effekte wie OR 6,35 [s42] aus kleinen, kaum verblindeten Studien [s64]. Die Studie gibt dies nur wieder, ohne Empfehlung. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: sehr niedrig.
  1. Die Literatur ist lückenhaft, sprachlich ungleich verteilt, teils alt und überwiegend klein. Von den 287 Quellen stammen 165 (57 Prozent) aus dem Jahr 2010 oder später (79 aus den 2010er-Jahren, 86 aus den 2020er-Jahren), 70 aus der Zeit bis 1999; verblindete, placebokontrollierte Studien von hoher Qualität fehlen; im deutschen Sprachraum gibt es nur zwei Arbeiten mit Abstract [s286, s253]. Evidenzstärke: nicht anwendbar. Gewissheit: hoch.
Alle Kapitel und Anhänge (27)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Überblick über die Evidenzlage auf der Ebene der Zusammenfassungen bis Erzählende Übersichtsarbeiten zu Klinik, Diagnostik und Behandlungsstand
  5. Übersichten zur Immunologie von Hoden und Nebenhoden
  6. Vorbemerkung zur Lesart und Häufigkeit von ASA und Zusammenhang mit Samenparametern
  7. Varikozele und ASA und Infektion, Entzündung und Prostatitis
  8. Trauma, Operationen, Samenwegsobstruktion und Kindheit bis Studien an Frauen und Paaren
  9. Diagnostische Vergleichs- und Methodenstudien am Menschen bis Zusammenfassende Einordnung der Beobachtungsstudien
  10. Leitlinien und Standards bis Randomisierte und kontrollierte Studien zu Behandlungsansätzen (nur Wiedergabe)
  11. Kohorten und Beobachtungsstudien am Menschen
  12. Tierversuche und Veterinärstudien
  13. Mechanismen und biologische Plausibilität
  14. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  15. Englisch bis Koreanisch
  16. Russisch bis Türkisch
  17. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  18. Limitationen der Evidenz
  19. Offene Forschungsfragen
  20. Praktische Einordnung
  21. Glossar
  22. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  23. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  24. Diagramme
  25. Quellen s01–s143
  26. Quellen s144–s287
  27. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle