Das Glossar erklärt Begriffe, die in der Gesamtstudie vorkommen. Die Erklärungen sind allgemein gehalten; wo ein Zahlenbeispiel genannt ist, stammt es aus den ausgewerteten Quellen.
Befunde und Messgrößen am Sperma
Asthenozoospermie. Verminderte Beweglichkeit der Spermien im Spermiogramm.
Oligozoospermie. Verminderte Spermienkonzentration. Die Studien nutzen unterschiedliche Grenzwerte; Kopets definiert ein „normales Spermiogramm“ als Konzentration von mindestens 15 Mio./ml, mindestens 32 % progressiv beweglichen Spermien und mindestens 4 % Normalformen [s193].
Teratozoospermie. Erhöhter Anteil morphologisch auffälliger Spermien.
Oligoasthenoteratozoospermie (OAT). Gleichzeitige Verminderung von Konzentration und Beweglichkeit mit erhöhtem Anteil auffälliger Formen.
Normozoospermie. Spermiogramm ohne Auffälligkeit nach den jeweils angewandten Grenzwerten.
Idiopathische Infertilität. Verminderte Fruchtbarkeit des Mannes ohne identifizierbare Ursache; die MOSI-Arbeit schlägt vor, einen Teil dieser Männer als Männer mit oxidativem Stress zu benennen [s213].
Spermiogramm. Laboruntersuchung des Ejakulats mit Volumen, Konzentration, Gesamtzahl, Beweglichkeit, Morphologie und Vitalität. Die Werte schwanken zwischen Messungen; die französischen Empfehlungen sehen zwei Spermiogramme bei Auffälligkeit des ersten vor [s162].
Progressive Beweglichkeit. Anteil der Spermien, die sich vorwärts bewegen; in den Studien häufig als Kategorie A oder A plus B angegeben.
Vitalität. Anteil lebender Spermien.
Varikozele. Erweiterung der Venen im Hodensack; viele Studien untersuchen Männer vor oder nach einer Varikozelenoperation. Die Operation selbst verbessert die Parameter teils bereits [s35].
Spermien-DNA-Fragmentation (DFI, SDF). Anteil der Spermien mit geschädigter DNA; gemessen mit verschiedenen Tests, unter anderem TUNEL. Der Fragmentationsindex wird je nach Studie als DFI oder SDF bezeichnet.
TUNEL. Färbetest zum Nachweis von DNA-Strangbrüchen in Spermien [s381].
CMA3. Chromomycin-A3-Färbung, mit der ein Protamindefizit der Spermien sichtbar gemacht wird [s220].
Protamine, Dekondensation. Protamine verpacken die DNA im Spermienkopf. Dekondensation bezeichnet eine unzureichende Verpackung des Chromatins; Menezo und Mitarbeiter fanden unter einer Antioxidantienkombination eine um 22,8 % höhere Spermiendekondensation bei gleichzeitig niedrigerer DNA-Fragmentation [s365].
Akrosom, Akrosomenreaktion. Kappe am Spermienkopf mit Enzymen, die für das Eindringen in die Eizelle nötig sind; die Akrosomenreaktion ist der dazugehörige Vorgang.
Flagellum. Geißel der Spermien; in den Tiermodellen zu Vitamin-B12-Mangel fanden sich Spermien ohne oder mit verkürztem Flagellum [s391, s368].
Oxidativer Stress und seine Messung
Oxidativer Stress. Ungleichgewicht zwischen oxidativen Substanzen (reaktiven Sauerstoffspezies) und antioxidativer Abwehr. Nach der MOSI-Arbeit haben 30 % bis 80 % infertiler Männer erhöhte reaktive Sauerstoffspezies im Sperma [s213].
Reaktive Sauerstoffspezies (ROS). Sauerstoffhaltige, reaktionsfreudige Moleküle, die in geringen Mengen eine physiologische Rolle spielen können [s285] und in größeren Mengen Zellen schädigen.
Reduktiver Stress. Von einigen Autoren beschriebener Zustand eines Überschusses an reduzierenden Substanzen (Antioxidantien); als mögliche Folge unangemessener Antioxidantiengabe wird eine Beeinträchtigung der Spermien-DNA diskutiert, belegt ist das nur im Tierversuch [s57].
Antioxidans. Stoff, der oxidative Schäden vermindert. Als „Antioxidantien“ werden in der Literatur sehr verschiedene Stoffe zusammengefasst; die Cochrane-Fassungen werteten 18 [s228] und 20 [s111] verschiedene Antioxidantien aus.
Oxidations-Reduktions-Potenzial (ORP, sORP). Messgröße, die nach den Autoren der MOSI-Arbeit sowohl Oxidantien als auch Reduktionsmittel berücksichtigt [s213]; „sORP“ bezeichnet das statische ORP im Sperma. Grenzwerte unterscheiden sich zwischen Studien (zum Beispiel sORP ≥ 1,38 in [s50]).
TAC (totale antioxidative Kapazität). Messgröße für die antioxidative Gesamtkapazität in Samenplasma oder Serum. Verwandt sind TAS und TOS (totaler Antioxidans- und Oxidansstatus) und FRAP.
MDA (Malondialdehyd). Abbauprodukt der Lipidperoxidation, in vielen Studien als Marker des oxidativen Schadens gemessen.
8-OHdG. 8-Hydroxy-2'-desoxyguanosin, Marker oxidativer DNA-Schäden.
SOD, Katalase, Glutathionperoxidase (GPx), PHGPx. Antioxidative Enzyme. PHGPx ist die selenabhängige Phospholipid-Hydroperoxid-Glutathionperoxidase; sie war in Spermien infertiler Männer niedriger als bei Kontrollen [s395].
Glutathion (GSH), Glutathion-S-Transferase (GST). Glutathion ist ein Bestandteil der antioxidativen Abwehr des Keimepithels und des Nebenhodens [s412]; GST-Gene (GSTM1, GSTT1, GSTP1) werden auf Assoziationen mit Infertilität untersucht [s342, s165].
Die in der Gesamtstudie genannten Stoffe
Myo-Inositol. In der Literatur als antioxidativ und beweglichkeitsfördernd beschrieben [s256] und von anderen Autoren eher als „Redox- und Stoffwechselmodulator“ [s07]; beim Menschen in Tagesdosen von 4.000 mg mit Folsäure geprüft [s276].
Astaxanthin. In den Studien als Antioxidans in Tagesdosen von 6 bis 16 mg geprüft [s45, s378, s194].
N-Acetylcystein (NAC). In den klinischen Studien meist 600 mg täglich [s349, s348, s220]. Ethylcystein ist ein verwandter Cysteinabkömmling, aber nicht NAC [s408].
Melatonin. In den Humanstudien 3 mg [s396] bis 6 mg [s296] täglich; in vitro in Konzentrationen im millimolaren Bereich [s335, s17].
Magnesium. In den Studien als Konzentration im Samenplasma oder Serum gemessen oder als Magnesiumorotat (3.000 mg täglich) gegeben [s393].
Vitamin B12 (Cobalamin, Methylcobalamin, Mecobalamin). In Japan wurde Methylcobalamin als Arzneimittel bei Oligozoospermie geprüft [s422, s426].
Coenzym Q10, L-Carnitin, Zink, Selen, Folsäure, Vitamin C, D und E, Omega-3-Fettsäuren, Alpha-Liponsäure, Lycopin. Weitere in den Studien geprüfte Stoffe, die hier als Vergleich zu den im Titel genannten dienen.
Studiendesigns und Statistik
RCT (randomisierte kontrollierte Studie). Studie, in der die Teilnehmer zufällig auf Behandlung und Vergleich verteilt werden. Doppelblind bedeutet, dass weder Teilnehmer noch Behandelnde die Zuteilung kennen. Placebo ist eine Scheinbehandlung. Ein aktiver Vergleichsarm erhält dagegen eine andere Substanz.
Überkreuzstudie (Crossover). Jeder Teilnehmer erhält nacheinander beide Behandlungen, getrennt durch eine Auswaschphase.
Vorher-nachher-Studie. Vergleich der Werte desselben Teilnehmers vor und nach einer Behandlung, ohne Parallelgruppe.
Fall-Kontroll-Studie, Querschnittsstudie, Kohortenstudie. Beobachtungsstudien, die Zusammenhänge beschreiben, aber nicht belegen, dass ein Stoff eine Wirkung hat.
Metaanalyse, Netzwerk-Metaanalyse. Statistische Zusammenfassung mehrerer Studien; die Netzwerk-Metaanalyse vergleicht mehrere Behandlungen untereinander. SUCRA ist ein Ranking-Maß in solchen Analysen; ein hoher Rang bedeutet nicht automatisch einen signifikanten Effekt (Vitamin C stand bei der Morphologie mit SUCRA 93,6 % vorn, aber ohne signifikanten Effekt [s138]).
Odds Ratio (OR), relatives Risiko (RR). Maße für den Unterschied der Häufigkeit eines Ereignisses zwischen zwei Gruppen; Werte über 1 bedeuten ein häufigeres Ereignis in der Behandlungsgruppe. Peto-OR ist eine Variante, die in den Cochrane-Fassungen für die Sensitivitätsanalyse verwendet wurde [s228, s111].
Mittelwertdifferenz (MD, WMD), standardisierte Mittelwertdifferenz (SMD). Maße für den Unterschied von Mittelwerten; die SMD erlaubt den Vergleich verschiedener Messskalen.
Konfidenzintervall (KI). Bereich, in dem der wahre Wert mit der angegebenen Wahrscheinlichkeit (meist 95 %) liegt; schließt es den Nullwert (bei Differenzen) oder den Wert 1 (bei Verhältnissen) ein, ist der Effekt nicht signifikant.
Vorhersageintervall. Bereich, in dem der Effekt einer künftigen Studie nach dem Modell der Metaanalyse liegen würde; in [s10] schlossen die Vorhersageintervalle für alle vier Endpunkte den Nullwert ein.
I² (Heterogenität). Anteil der Streuung zwischen Studien, der nicht auf Zufall beruht; hohe Werte (zum Beispiel 85 % in [s52]) bedeuten, dass die Studien sehr unterschiedliche Ergebnisse liefern.
GRADE, RoB 2. GRADE bewertet die Gewissheit der Evidenz („very low“ bis „high“); RoB 2 ist das Cochrane-Werkzeug zur Bewertung des Verzerrungsrisikos randomisierter Studien [s28].
Sensitivitäts-, Subgruppen-, Post-hoc-Analyse. Zusatzauswertungen; Subgruppen und Post-hoc-Analysen erzeugen Hypothesen und gelten als weniger belastbar.
Publikationsverzerrung. Tendenz, dass Studien mit positivem Ergebnis eher veröffentlicht werden.
Surrogatendpunkt. Ersatzmessgröße (zum Beispiel Beweglichkeit) statt des eigentlich interessierenden Ereignisses (Geburt eines Kindes).
Lebendgeburt, klinische Schwangerschaft. Endpunkte, die für das Paar am bedeutsamsten sind; klinische Schwangerschaft ist die nachgewiesene Schwangerschaft, Lebendgeburt die Geburt eines lebenden Kindes.
Mendelsche Randomisierung. Verfahren, das genetische Varianten als Ersatz für eine Exposition nutzt, um Kausalität zu prüfen [s40].
Delphi-Verfahren. Strukturierte Expertenbefragung zur Konsensbildung; die Leitlinie des Global Andrology Forum nutzt es [s01].
ART, IVF, ICSI, IUI. Verfahren der assistierten Reproduktion (Befruchtung außerhalb des Körpers, Spermieninjektion, intrauterine Insemination).
Leitlinie. Systematisch entwickelte Entscheidungshilfe einer Fachgesellschaft; die AUA/ASRM-Leitlinie [s44] und die EAU-Leitlinie [s20] sind hier gemeint.
MOSI. „Male Oxidative Stress Infertility“, ein vorgeschlagener Begriff für infertile Männer mit auffälligem Sperma und oxidativem Stress [s213].