Zur Einordnung: „Evidenzstärke“ beschreibt, wie belastbar die zugrunde liegende Studienlage nach Art, Größe und Kontrolle der Studien ist (hoch, mäßig, niedrig, sehr niedrig). „Gewissheit“ beschreibt, wie sicher die jeweilige Aussage dieser Studie ist, also ob weitere Studien sie voraussichtlich kippen könnten (hoch, mittel, gering). Beide Einstufungen sind eine eigene, an GRADE angelehnte Bewertung des Verfassers dieses Kapitels auf Basis der Abstracts; sie ersetzen keine formale GRADE-Bewertung.
- Antioxidantien als Gruppe verbessern in Metaanalysen Laborwerte, aber mit sehr unsicherer Aussagekraft. Eine Metaanalyse von 41 randomisierten Studien mit 3.615 Männern fand höhere Konzentration (SMD 1,09; 95-%-KI 0,10 bis 2,08), progressive Beweglichkeit (SMD 1,11), Gesamtbeweglichkeit (SMD 0,69) und Normalformen (SMD 0,43), bei Heterogenität über 80 % und Vorhersageintervallen, die den Nullwert einschließen [s10]. Eine Auswertung von 101 Publikationen mit 11.889 Männern kam zu ähnlichen Richtungen und lehnt eine definitive Empfehlung ab [s14]. Evidenzstärke: sehr niedrig bis niedrig. Gewissheit: mittel, dass es Verbesserungen von Laborwerten in einem Teil der Studien gibt; gering, dass sie bei einem einzelnen Mann zu erwarten sind.
- Bei Schwangerschaft und Lebendgeburt schrumpft der Effekt mit jeder Überarbeitung des Cochrane-Reviews. Lebendgeburt: Odds Ratio 4,85 (3 Studien), 4,21 (4), 1,79 (7), 1,43 (12) [s329, s306, s228, s111]. Nach Ausschluss von Studien mit hohem Verzerrungsrisiko lag das Peto-Odds-Ratio bei 1,38 (0,89 bis 2,16) und 1,22 (0,85 bis 1,75), also ohne gesicherten Unterschied [s228, s111]. Die Autoren halten die Lage für nicht belastbar. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: hoch, dass ein Nutzen für die Lebendgeburt nicht gesichert ist.
- Die strengste jüngere Übersicht findet keinen überzeugenden Beleg. Die Auswertung von 50 randomisierten, placebokontrollierten Studien mit mindestens zwölf Wochen Dauer fand keinen Effekt auf Schwangerschaft und Lebendgeburt; einzelne Stoffe verbesserten einzelne Laborwerte (Zink, Folsäure und Mehrstoffpräparate die Konzentration, Selen, Carnitin und Coenzym Q10 die Beweglichkeit, alpha-Liponsäure die Form), Vitamin D, Vitamin E und Omega-3-Fettsäuren keinen Parameter [s28]. Evidenzstärke: niedrig bis sehr niedrig. Gewissheit: mittel.
- Die großen placebokontrollierten Studien mit Geburtsendpunkt sind negativ. FAZST (2.370 Männer, 5 mg Folsäure und 30 mg Zink): Lebendgeburt 34 % gegenüber 35 % unter Placebo, DNA-Fragmentierung 29,7 % gegenüber 27,2 % [s204]. MOXI (174 Männer, siebenstoffiges Präparat): kumulative Lebendgeburt nach sechs Monaten 15 % gegenüber 24 %, keine Verbesserung von Spermienparametern oder DNA-Integrität [s205]. Vitamin D plus Calcium (330 Männer): keine Änderung der Samenparameter; in einer Untergruppe mit Oligozoospermie höhere Lebendgeburtenrate (35,6 % gegenüber 18,3 %), von den Autoren als überprüfungsbedürftig bezeichnet [s233]. Evidenzstärke: mäßig (für die geprüften Kombinationen). Gewissheit: mittel; die Ergebnisse gelten für diese Präparate und Populationen, nicht für jeden Einzelstoff.
- Leitlinien: keine Grundlage für die Empfehlung bestimmter Wirkstoffe, mit einer abweichenden Expertenmeinung. Die EAU nennt die Evidenz „still conflicting“ und „No clear conclusions were possible regarding the specific antioxidants to use“ [s20]; die AUA/ASRM-Leitlinie bezeichnet den Nutzen als „questionable“ (Statement 45, Evidenzgrad B) [s44]; das Global-Andrology-Forum-Konsensdokument 2026 hält Antioxidantien bei dokumentiertem oxidativem Stress für möglicherweise nützlich und warnt vor unterschiedsloser und verlängerter Anwendung [s01]. Evidenzstärke: Expertenkonsens, niedrig. Gewissheit: hoch, was die Aussagen der Leitlinien betrifft.
- Myo-Inositol: eine Metaanalyse, kleine Studien, keine Geburtsdaten. Metaanalyse von 16 Humanstudien: Gesamtbeweglichkeit SMD 0,90 (0,34 bis 1,46), progressive Beweglichkeit SMD 1,48 (0,37 bis 2,59), Testosteron SMD 0,54; DNA-Fragmentierung SMD -1,37 bei I² = 85 % [s52]. Zwei Vorher-nachher-Studien (eine mit Kombinationspräparat) [s276, s235]. Das meiste Material betrifft Tiersperma und die Aufbereitung im Labor. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: gering.
- Astaxanthin: beim Menschen kein gesicherter Effekt. Die Metaanalyse der drei klinischen Studien fand keine signifikante Verbesserung; in Tierstudien klare Effekte [s03]. Die doppelblinde Studie mit 80 Männern fand keine Wirkung [s194]; die kleine Studie mit 30 Männern berichtete höhere Schwangerschaftsraten (54,5 % gegenüber 10,5 %) bei sehr kleinen, ungleichen Gruppen [s378]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: mittel, dass eine Wirkung beim Menschen nicht belegt ist.
- N-Acetylcystein: positive Einzelstudien, keine Geburtsdaten. Die größte Studie (468 Männer, zusammen mit Selen) berichtet Verbesserungen aller Samenparameter [s349]; die kontrollierte Studie mit 120 Männern fand bessere Beweglichkeit und Viskosität, aber keine Änderung von Zahl und Form [s348]. Die Metaanalysen zu NAC beruhen auf wenigen Studien (drei NAC-Studien in [s178, s27]) und enthalten keine Geburtsdaten [s178, s176, s27]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: gering bis mittel.
- Melatonin: wenig Humanevidenz, ein Warnsignal aus einer Kleinstudie. Eine randomisierte Studie mit 54 Männern nach Varikozelenoperation berichtet Verbesserungen [s241]; bei acht gesunden Männern sank unter 3 mg täglich bei zwei Teilnehmern die Samenqualität [s396]. Messstudien zeigen uneinheitliche Zusammenhänge [s385, s294, s371, s187]. Viele Tier- und Laborarbeiten. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: gering.
- Glutathion: als Einnahme beim Menschen praktisch ungeprüft. Die einzige kontrollierte Humanstudie ist eine Überkreuzstudie mit 20 Männern und intramuskulären Injektionen (1993) [s417]. Messstudien verknüpfen niedriges Glutathion bzw. glutathionabhängige Enzyme mit schlechterer Samenqualität [s395, s400, s39]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: hoch, dass Daten zur oralen Einnahme fehlen.
- Magnesium: Messwerte statt Studien. Eine Pilotstudie (20 Männer, 90 Tage) fand keine Wirkung [s393]; in einer Querschnittsanalyse von 299 Männern lag die Konzentration im obersten Terzil des Serummagnesiums bei 20,9 gegenüber 8,6 Mio/mL, ein Zusammenhang, kein Wirkungsnachweis [s15]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: hoch, dass eine Wirkung der Einnahme nicht belegt ist.
- Vitamin B12: Beobachtung und ältere Studien. Zusammenhänge von B12 im Samenplasma mit der Spermienkonzentration [s361]; in der größten Studie mit Placebo (375 Männer) im Gesamtkollektiv kein Unterschied [s422]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: gering.
- Schaden ist möglich und wird zu selten gemessen. Magen-Darm-Beschwerden unter Antioxidantien (OR 2,51 bzw. 2,70) [s228, s111]; höhere DNA-Fragmentierung unter Folsäure und Zink [s204]; Dekondensation der Spermienkerne unter hochdosierten Vitaminen als Hypothese [s365]; Warnung vor Überdosierung aus Tierversuchen [s57]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: mittel.
- Oxidativer Stress ist real, seine Messung und Behandlung sind nicht standardisiert. In 30 % bis 80 % der infertilen Männer sind reaktive Sauerstoffspezies im Sperma erhöht [s213]; zugleich gelten kleine Mengen als physiologisch notwendig, und auch ein Mangel an Oxidantien („reduktiver Stress“) kann schaden [s32]. Die EAU nennt keine standardisierten Verfahren [s20]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: mittel.
- Die Literatur ist verzerrungsanfällig. Kleine Studien, Kombinationspräparate, Vergleiche mit Vitamin E statt Placebo, wiederholte Veröffentlichungen derselben Arbeitsgruppen und Herstellerbezug sind häufig; eine dänische Stellungnahme hält Publikationsverzerrung für nicht ausschließbar [s326]. Evidenzstärke: nicht anwendbar. Gewissheit: hoch.
- Die nichtenglischen Räume ergänzen Details, ändern aber das Gesamtbild nicht. Sie liefern regionale Präparate, Zink- und Spurenelementmessungen, einen japanischen Methylcobalamin-Block, einzelne positive Studien mit Geburtsdaten (zum Beispiel 263 Teilnehmer in Tunesien, Lebendgeburt p = 0,031 [s88]) und negative Befunde, die in der englischsprachigen Literatur fehlen. Deutschsprachige Arbeiten sind in der Quellenliste kaum vertreten. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: mittel.