Myo-Inositol, Astaxanthin, NAC, Melatonin und weitere Antioxidantien · Kapitel 9 von 24 · Studienlage: Beobachtungsstudien

Genetische Beobachtungsstudien und Mendelsche Randomisierung bis Gesamtbild der Beobachtungsstudien

Genetische Beobachtungsstudien und Mendelsche Randomisierung

Gene des Glutathion- und des Folatstoffwechsels werden untersucht, weil sie unabhängig von Lebensstil und Einnahme feststehen; das macht Assoziationsbefunde weniger anfällig für Störgrößen, aber anfällig für Mehrfachtests und kleine Fallzahlen.

Polonikov et al. 2010 [s342]. „The functional genotype of glutathione S-transferase T1 gene is strongly associated with increased risk of idiopathic infertility in Russian men“. Fall-Kontroll-Genstudie aus Kursk (Russland) mit 203 infertilen und 227 fertilen Männern: Der Nichtdeletions-(funktionelle) Genotyp von GSTT1 war stark mit idiopathischer männlicher Infertilität und Asthenozoospermie verbunden; der Abstract nennt keine Odds Ratio und keinen P-Wert.

Kulchenko et al. 2021 [s165]. „[Association of glutathione S-transferase gene polymorphism with risk of male infertility in Moscow region]“ (deutsch: Zusammenhang des Glutathion-S-Transferase-Genpolymorphismus mit dem Risiko männlicher Infertilität in der Region Moskau). Russischsprachige Studie aus Moskau mit 138 Männern (70 mit nachgewiesener Pathospermie, 68 fertile): Der Genotyp AA des GSTP1-Polymorphismus (Ile/Val, rs1695) überwog bei Fertilen, GG bei Pathospermie, der Unterschied war aber nicht signifikant (P = 0,344). In der Untergruppe mit Teratospermie unterschied sich die Genotypverteilung (χ² = 7,00; P = 0,03) und die G-Allelfrequenz betrug 52 % gegenüber 30 % (χ² = 10,004; P = 0,0015); bei Azoospermie und Asthenospermie fand sich kein Unterschied (P > 0,05). Einordnung: Der Gesamtvergleich ist negativ, die positive Untergruppe ist ein nachträglich gebildeter Teilbefund.

Kurashova et al. 2020 [s195]. „[Association of polymorphic markers of GSTP1 gene with oxidative stress parameters in infertility men]“ (deutsch: Zusammenhang polymorpher Marker des GSTP1-Gens mit Parametern des oxidativen Stresses bei infertilen Männern). Russischsprachige Studie aus Irkutsk mit 160 Männern mit Infertilität (mittleres Alter 29,9 ± 5,3 Jahre) und 104 fertilen Männern (30,2 ± 3,6): Die Verteilung des GSTP1-Polymorphismus Ile105Val unterschied sich (χ² = 7,487; P = 0,024), Ala114Val nicht (χ² = 3,823; P = 0,14). Bei infertilen Trägern des heterozygoten Ile105Val-Polymorphismus waren im Blut die Glutathionaktivität um 7 % erhöht, die Glutathionreduktase um 20 % erniedrigt und im Ejakulat die SOD-Aktivität um 8 % erniedrigt. Einordnung: Kleine prozentuale Unterschiede, keine Konfidenzintervalle.

Sharif et al. 2024 [s65]. „Antioxidant Genes Variants and Their Association with Sperm DNA Fragmentation“. Fall-Kontroll-Genstudie aus Gaza (Basma Fertility Center): 75 Proben mit abnormer Spermien-DNA-Fragmentierung (SDF) und 75 mit normaler SDF; Genotypisierung von zwölf Varianten (unter anderem CYP1A1, CYP4F2, NRF2, PON1, NOS3, GSTM1, CAT, SOD2, GSTP1, PON2, EPHX2, AHR). Zwischen Fällen und Kontrollen unterschieden sich Verflüssigungszeit, Gesamtmotilität und Normalformen; die Genotypverteilungen von NOS3 (GT), SOD2 (AA und AG), EPHX2 (CC und CT) und AHR (GA und GG) unterschieden sich, ebenso die Allelfrequenzen von SOD2 (G) und EPHX2 (T); die Kombination aus NOS3, SOD2 und EPHX2 hatte in der MDR-Analyse den größten Einfluss auf die SDF. Einordnung: 150 Proben und zwölf Varianten; Mehrfachtests und die Gruppenbildung nach SDF-Grenzwert schränken die Aussagekraft ein.

Weiner et al. 2014 [s308]. „Polymorphisms in folate-metabolizing genes and risk of idiopathic male infertility: a study on a Russian population and a meta-analysis“. Fall-Kontroll-Studie aus Nowosibirsk (Russland) mit 275 Männern mit idiopathischer Infertilität und 349 Kontrollen sowie Metaanalyse. Sieben Polymorphismen in Genen des Folatstoffwechsels (MTHFR C677T und A1298C, MTR A2756G, MTRR A66G, SHMT1 C1420T, MTHFD1 G1958A, CBS 844ins68) wurden bestimmt. Nach Bonferroni-Korrektur war keiner signifikant mit idiopathischer Infertilität assoziiert; MTHFD1 G1958A und MTR A2756G waren es nur vor der Korrektur. Die Metaanalyse im Festeffektmodell zeigte einen Zusammenhang von MTHFR C677T mit dem Azoospermierisiko. Die Autoren halten fest, Polymorphismen könnten an der Ätiologie beteiligt sein, brauchten aber größere Gruppen. Einordnung: Positiv ist, dass die Korrektur für Mehrfachtests berichtet wird; das Festeffektmodell der Metaanalyse ist bei Heterogenität zwischen Studien anfällig.

Zhang et al. 2022, Genpolymorphismen und Antioxidantientherapie [s143]. „Metabolic enzyme gene polymorphisms predict the effects of antioxidant treatment on idiopathic male infertility“. Fall-Kontroll-Studie aus China (Guizhou, nach den Recherchebefunden) mit 310 Männern mit idiopathischer Infertilität und 170 gesunden Kontrollen; Genotypen von CYP1A1, CYP2D6, GSTM1, GSTT1 und GSTP1. Die Infertilen erhielten drei Monate Vitamin C, Vitamin E und Coenzym Q10 und wurden sechs Monate nachbeobachtet. GSTM1(−), GSTT1(−) und GSTM1/T1(−/−) waren bei Infertilen häufiger als bei Kontrollen; bei Trägern waren Konzentration, Motilität, Vitalität, mitochondriales Membranpotenzial und Samen-TAC niedriger, DNA-Fragmentierungsindex, 8-OHdG, MDA und Stickstoffmonoxid höher. Die Antioxidantientherapie war bei Männern mit GSTM1- und GSTT1-Deletion nicht wirksam. Die Autoren deuten dies als Hinweis auf genetisch bedingtes Nichtansprechen. Einordnung: Der Interventionsteil hat keine Kontrollgruppe ohne Behandlung und der Abstract nennt keine Zahlen; „nicht wirksam“ bezieht sich auf Veränderungen unter Behandlung. Die Studie enthält also einen Interventionsarm und gehört auch zu den klinischen Studien.

Zhang et al. 2025, Mendelsche Randomisierung [s40]. „The causal effects of systemic antioxidant capacity on male infertility: A two-sample mendelian randomization analysis“. Zwei-Stichproben-Mendelsche Randomisierung (inverse Varianzgewichtung als Hauptanalyse, ergänzt durch MR-Egger, gewichteten Modus, einfachen Modus und gewichteten Median) mit zusammengefassten Daten des IEU OpenGWAS Project: 680 infertile Männer und 72.799 Kontrollen europäischer Herkunft; zehn Biomarker der systemischen antioxidativen Kapazität. Keine genetisch bestimmte antioxidative Kapazität hatte einen kausalen Einfluss auf das Infertilitätsrisiko: GST OR 1,08 (95-%-KI 0,91 bis 1,29; P = 0,35), SOD 0,83 (0,66 bis 1,04; P = 0,11), GPX 1,12 (0,92 bis 1,36; P = 0,26), Katalase 1,04 (0,83 bis 1,29; P = 0,75), Gesamtbilirubin 0,98 (0,94 bis 1,01; P = 0,18), Albumin 1,14 (0,73 bis 1,76; P = 0,57), α-Tocopherol 0,56 (0,03 bis 9,38; P = 0,69), Askorbat 1,06 (0,24 bis 4,60; P = 0,94), Retinol 1,29 (0,34 bis 4,96; P = 0,71) und Harnsäure 0,88 (0,67 bis 1,17; P = 0,39). Die Autoren sehen keinen kausalen Zusammenhang und fordern größere Stichproben aus anderen Bevölkerungsgruppen. Stärke: Die Methode umgeht Störgrößen und umgekehrte Verursachung. Schwächen: nur 680 Fälle; die Intervalle für α-Tocopherol, Askorbat und Retinol sind extrem weit (zum Beispiel 0,03 bis 9,38) und schließen daher sowohl starke Schutz- als auch starke Schadenseffekte ein; die Marker bilden die Zufuhr als Supplement nicht ab; die Stichprobe war europäisch; die Studie stammt von einer chinesischen Gruppe. Ein „Kein Effekt“ ist hier ein Fehlen von Evidenz, nicht der Nachweis fehlender Wirkung.

Retrospektive und unkontrollierte Beobachtungsserien

Die folgenden Arbeiten beschreiben Männer, die ein Präparat erhielten, ohne dass eine Kontrollgruppe mit Placebo bestand. Ihre Veränderungen lassen sich nicht vom Spontanverlauf, von Regression zur Mitte und von Zusatzmaßnahmen trennen.

Li et al. 2021 [s167]. „[L-carnitine-astaxanthin compound nutrients for the treatment of idiopathic oligospermia and asthenozoospermia: A multicenter clinical observation]“ (deutsch: L-Carnitin-Astaxanthin-Nährstoffkombination bei idiopathischer Oligo- und Asthenozoospermie: multizentrische klinische Beobachtung). Chinesischsprachige multizentrische klinische Beobachtungsstudie (Foshan) ohne Kontrollgruppe: 73 Männer mit idiopathischer Oligozoospermie und 220 mit Asthenozoospermie erhielten drei Monate lang die L-Carnitin-Astaxanthin-Kombination „Menglankang“ (ein Beutel, zweimal täglich). Bei Oligozoospermie stiegen vom Ausgangswert bis Monat 3 das Ejakulatvolumen (3,07 ± 1,47 auf 3,63 ± 1,39 ml), die Konzentration (10,96 ± 6,09 auf 20,56 ± 14,7 × 10⁶/ml), die Gesamtzahl (29,78 ± 17,48 auf 66,35 ± 55,91 × 10⁶), der Anteil progressiv motiler Spermien (39,8 ± 11,66 auf 49,24 ± 13,45 %) und der Normalformen (1,71 ± 1,07 auf 2,59 ± 0,93 %); bei Asthenozoospermie stiegen die progressive Motilität (19,23 ± 8,32 auf 29,11 ± 13,58 %), das Volumen (3,27 ± 1,42 auf 3,85 ± 1,59 ml) und die Normalformen (2,01 ± 1,14 auf 2,57 ± 1,15 %). Der DNA-Fragmentierungsindex sank bei Oligozoospermie von 25,87 ± 13,76 % auf 18,66 ± 10,83 % (Monat 2) und 16,48 ± 11,46 % (Monat 3), bei Asthenozoospermie von 26,40 ± 12,28 % auf 19,35 ± 11,54 % und 15,32 ± 10,89 %. Stärken: Fallzahl, drei Messzeitpunkte, multizentrisch. Schwächen: keine Kontrollgruppe, Astaxanthin nicht isoliert vom L-Carnitin geprüft, keine Trennung von Spontanverlauf; die hohe Streuung der Werte (Standardabweichung teils so groß wie die Veränderung) erschwert die Deutung.

Takeshima et al. 2022 [s139]. „Effect of keishibukuryogan combined with tocopherol nicotinate on sperm parameters in patients with a varicocele“. Retrospektive Auswertung von 119 Männern mit Varikozele (17 subklinisch, 41 Grad 1, 44 Grad 2, 17 Grad 3; mittleres Alter 35,6 Jahre) an der Yokohama City University (Japan), behandelt mit dem Kampo-Mittel Keishibukuryogan (7,5 g/Tag) und Tocopherolnicotinat (600 mg/Tag). Die Veränderung der Konzentration motiler Spermien nach drei Monaten war insgesamt nicht signifikant (Median 0,58 Mio./ml; 95-%-KI −0,12 bis 1,56; P = 0,115); bei niedriggradiger Varikozele stieg sie (Median 1,21; 0,45 bis 2,47; P = 0,024), bei hochgradiger nicht. Die Autoren sehen eine begrenzte Wirkung der Kombination. Schwächen: retrospektiv, keine Kontrollgruppe, Kombination aus Pflanzenmittel und Vitamin-E-Derivat; die Untergruppenbildung nach Varikozelengrad ist nachträglich.

Nashivochnikova und Krupin 2023 [s94]. „[Use of the antioxidant complex Androdoz in men with fertility impairments]“ (deutsch: Einsatz des Antioxidantienkomplexes Androdoz bei Männern mit Fertilitätsstörungen). Russischsprachige retrospektive Auswertung von Patientenakten von 32 Männern (21 bis 45 Jahre, Mittel 27,8 ± 6,7) mit Pathospermie unter dem Komplex Androdoz (zweimal täglich zwei Kapseln bis zu drei Monate); Nachbeobachtung nach 3 und 12 Monaten. Motilität und Vitalität verbessert, DNA-Fragmentierung unter 15 %, antioxidative Gesamtkapazität des Ejakulats erhöht. Zahlen nennt der Abstract nicht; keine Kontrollgruppe, retrospektiv, Handelspräparat.

Martín Adrados und Engels 2023 [s92]. „Estudio de la influencia del estilo de vida y tratamiento con antioxidantes orales sobre la fertilidad en varone“ (deutsch: Studie zum Einfluss von Lebensstil und oraler antioxidativer Behandlung auf die Fertilität von Männern) [Titel im Indexeintrag möglicherweise gekürzt]. Spanischsprachige retrospektive Beobachtungsstudie (Zeitschrift Toko-ginecología práctica, Dialnet) an 35 Männern mit Lebensstilhinweisen sowie Zink, Selen und Coenzym Q über etwa sieben Wochen. Der Anteil der für eine Insemination geeigneten Spermiogramme stieg von 20 % auf 37,1 % (P = 0,03); einzeln war nur der Anteil unbeweglicher Spermien signifikant verändert (Abnahme um 8,7 %; P = 0,025); keine Nebenwirkungen. Die Autoren fordern größere randomisierte Studien. Einordnung: Zwei Maßnahmen gleichzeitig (Lebensstil und Präparat), 35 Männer, kein Kontrollarm; für diese Arbeit liegt kein PubMed-Eintrag vor, die Angaben stammen aus dem Dialnet-Abstract.

Fathi et al. 2021 [s158]. „Varicocelectomy versus antioxidants in infertile men with isolated teratozoospermia: A retrospective analysis“. Retrospektive Analyse aus Qena (Ägypten, nach den Recherchebefunden), Datenbank eines tertiären Zentrums von Juli 2014 bis Januar 2019: 72 Männer mit isolierter Teratozoospermie nach mikroskopischer subinguinaler Varikozelenoperation gegenüber 60 Männern, die Antioxidantien (L-Carnitin, Vitamin C, Vitamin E) erhielten (Kontrollgruppe). Nach sechs Monaten besserten sich in der Operationsgruppe alle Parameter und die DNA-Fragmentierung (P < 0,001), in der Antioxidantiengruppe Morphologie und DNA-Fragmentierung (P < 0,05); Verbesserung der Samenparameter, der Fragmentierung und die Schwangerschaftsrate waren in der Operationsgruppe höher; spontane Schwangerschaften innerhalb von 12 bis 18 Monaten Nachbeobachtung: 30,5 % nach Operation gegenüber 16,7 % unter Antioxidantien. Die Autoren sehen einen positiven Effekt der Operation. Einordnung: Kein Placebovergleich, sondern ein Vergleich zweier Behandlungen; die Zuteilung war nicht zufällig (retrospektiv), und Männer mit tastbarer Varikozele wurden operiert; eine randomisierte Folgestudie aus Ägypten [s12] (81 Männer, 40 gegen 41) fand ebenfalls nach der Operation einen stärkeren Anstieg der Normalformen (P = 0,007) und eine stärkere Senkung der DNA-Fragmentierung (P = 0,013) und natürliche Schwangerschaften bei 9 Männern (22,5 %) gegenüber 5 (12,5 %); der Abstract nennt 12,5 %, obwohl 5 von 41 rechnerisch 12,2 % ergeben.

Fu et al. 2024 [s51]. „Astaxanthin compound nutrient improved insulin resistance, hormone levels, embryo quality and pregnancy outcomes in polycystic ovary syndrome patients undergoing in vitro fertilization/intracytoplasmic sperm injection“. Retrospektive Kohortenstudie an 92 Patientinnen mit polyzystischem Ovarsyndrom vor IVF/ICSI, die drei Monate lang ein Astaxanthin-Kombinationspräparat erhielten, gegen 92 Patientinnen ohne Präparat; Zhoushan (China). Stimulationsdauer, Gonadotropingesamtdosis, Östradiol-Spitzenwert und Zahl entnommener Eizellen unterschieden sich nicht; die Zahl der Zygoten mit zwei Vorkernen, übertragbarer und hochwertiger Embryonen war in der Präparategruppe höher, ebenso positive Schwangerschaftstests (frisch und aufgetaut); BMI, AMH, Nüchterninsulin, HOMA-IR und basale Hormone sanken. Zahlenwerte nennt der Abstract nicht. Die Arbeit betrifft Frauen und sagt nichts über die männliche Fertilität; sie ist nur aufgeführt, weil sie eine der wenigen Humanarbeiten mit Astaxanthin und klinischen Endpunkten im Fund ist.

Ogawa et al. 2024 [s59]. „Micronutrient Antioxidants for Men (Menevit®) Improve Sperm Function by Reducing Oxidative Stress, Resulting in Improved Assisted Reproductive Technology Outcomes“. Studie aus Japan (Sendai ART Clinic) an Partnern von Paaren mit geplanter assistierter Reproduktion mit selbst gewählten Vergleichsgruppen: tägliche Einnahme eines Mikronährstoffpräparats (Menevit®, mit Folsäure und Zink) oder keine Einnahme über sechs Monate; ausgewertet wurden Serum-Oxidanzien, Samenparameter, oxidativer Stress und DNA-Fragmentierung nach 3 und 6 Monaten sowie Implantations-, Schwangerschafts- und Fehlgeburtsrate nach Transfer vitrifizierter und aufgetauter Embryonen. Bei Männern mit hohem statischem Oxidations-Reduktions-Potenzial (sORP) stiegen Spermienkonzentration und sORP, Implantations- und klinische Schwangerschaftsrate nahmen nach sechs Monaten signifikant zu, die Rate hochwertiger Blastozysten tendenziell. Die Autoren halten Mikronährstoffe für eine mögliche Behandlungsoption. Schwächen: Selbstselektion der Gruppen (Gruppe und Ergebnis können gemeinsame Ursachen haben, etwa Gesundheitsbewusstsein), Teilnehmerzahlen im Abstract nicht stimmig (171 Männer gegenüber 84 plus 52), die Aussage beruht auf einer nachträglich gebildeten Untergruppe (hohes sORP); keine Randomisierung, keine Verblindung.

Grenzfälle mit Interventionscharakter. Zwei weitere Arbeiten tragen im Titel oder Register das Wort „Fall-Kontroll“, sind aber Interventionsstudien und werden an anderer Stelle der Gesamtstudie ausführlich behandelt. Alahmar und Mitarbeiter [s148] gaben 65 Männern mit idiopathischer Oligoasthenozoospermie drei Monate lang 200 mg Coenzym Q10 täglich und verglichen mit 40 fertilen Männern (Ausgangswerte); Konzentration, progressive Motilität, Gesamtmotilität und Seminal-CoQ10 stiegen, ROS und DNA-Fragmentierung sanken, ohne Placebogruppe unter den Patienten. Hodeeb und Mitarbeiter [s80] ordneten 80 Männer mit idiopathischer Asthenozoospermie zufällig 600 mg alpha-Liponsäure oder Placebo zu (je 40, 90 Tage); der Abstract nennt Verbesserungen von Motilität, Vitalität, Volumen, Konzentration und Morphologie in der Behandlungsgruppe und führt die Studie als „case-controlled“, obwohl sie randomisiert und placebokontrolliert war.

Plasmaspiegel in einer randomisierten Studie und oxidativer Status nach Varikozelenoperation

Knudtson et al. 2021, Sekundäranalyse der MOXI-Studie [s163]. „The relationship of plasma antioxidant levels to semen parameters: the Males, Antioxidants, and Infertility (MOXI) randomized clinical trial“. Sekundäranalyse der randomisierten Studie MOXI (Males, Antioxidants, and Infertility, USA): Es wurde geprüft, ob Plasmaspiegel von Vitamin E (α-Tocopherol), Zink und Selen mit Samenparametern, DNA-Fragmentierung und Ergebnissen der Paare (Schwangerschaft, Lebendgeburt) zusammenhängen. Zu Studienbeginn lagen Werte für Vitamin E bei 131, für Selen bei 124 und für Zink bei 128 Männern vor; alle Basiswerte lagen im Normbereich. Es fand sich kein Zusammenhang zwischen Selen-, Zink- oder Vitamin-E-Spiegeln und Samenparametern oder DNA-Fragmentierung; die Basisspiegel sagten weder Schwangerschaft noch Lebendgeburt voraus, und unter den Männern der Placebogruppe unterschieden sich die Basisspiegel nicht zwischen Paaren mit und ohne Lebendgeburt (Wilcoxon-Rangsummentest und lineare Regression). Die Autoren schließen, bei Männern in US-Kinderwunschzentren mit ausreichenden Plasmaspiegeln scheinen höhere Spiegel im Normbereich keinen Nutzen für Samenparameter oder Fertilität zu bringen. Stärken: Daten aus einer randomisierten, placebokontrollierten Studie mit standardisierter Erhebung. Schwächen: Es wurden nur Männer mit Werten im Normbereich untersucht, sodass über Mangelzustände nichts folgt; die Fallzahlen sind klein (124 bis 131), der Abstract nennt keine Effektschätzer oder Konfidenzintervalle. Für die Frage, ob Nahrungsergänzung bei ausreichend versorgten Männern etwas ändert, ist die Analyse dennoch aufschlussreich.

Mostafa et al. 2001 [s402]. „Varicocelectomy reduces reactive oxygen species levels and increases antioxidant activity of seminal plasma from infertile men with varicocele“. Prospektive Studie am Cairo University Hospital (1999) mit 68 infertilen Männern mit Varikozele, die zur Varikozelenoperation anstanden. Im Samenplasma wurden zwei reaktive Sauerstoffspezies (Malondialdehyd, Wasserstoffperoxid), ein Radikal (Stickstoffmonoxid) und sechs Antioxidanzien (Superoxiddismutase, Katalase, Glutathionperoxidase, Vitamin C, Vitamin E, Albumin) am Tag vor der Operation sowie nach 3 und 6 Monaten bestimmt. Nach drei Monaten waren MDA, Wasserstoffperoxid und Stickstoffmonoxid signifikant niedriger, nach sechs Monaten nochmals; vier der sechs Antioxidanzien (SOD, Katalase, Glutathionperoxidase, Vitamin C) stiegen nach drei und weiter nach sechs Monaten; Albumin änderte sich in den ersten drei Monaten nicht, stieg aber danach; Vitamin E dagegen sank nach drei und weiter nach sechs Monaten. Die Autoren schließen, die Operation senke die ROS und erhöhe die antioxidative Aktivität. Einordnung: Ohne Kontrollgruppe; der Abfall von Vitamin E nach der Operation zeigt, dass die Wirkung auf antioxidative Marker nicht einheitlich ist; die Studie zeigt, dass sich oxidativer Status durch eine Operation ändert, nicht, dass er durch Einnahme veränderbar wäre.

Özturk et al. 2012 [s323]. „Effect of spermatic vein ligation on seminal total antioxidant capacity in terms of varicocele grading“. Prospektive Studie aus der Türkei (Ankara, nach den Recherchebefunden) mit 20 infertilen Männern mit Varikozele (8 nicht tastbar, 12 tastbar, Grad II bis III) und 20 normalen fertilen Männern als Kontrollgruppe; alle Männer mit Varikozele wurden mikrochirurgisch operiert; verglichen wurden die präoperativen Werte mit denen nach 3 bis 6 Monaten und mit der Kontrollgruppe. Nach der Venenligatur stiegen die totale antioxidative Kapazität im Samen sowie Spermienzahl, Motilität und Normalformen signifikant; eine signifikante Zunahme der TAC zeigte sich nur in der Gruppe mit Grad II bis III. Die Autoren sehen eine Verbesserung der TAC besonders bei mittel- und hochgradiger Varikozele. Einordnung: Sehr kleine Untergruppen (8 und 12 Männer), keine Konfidenzintervalle im Abstract.

Gesamtbild der Beobachtungsstudien

Aus den Beobachtungsstudien lassen sich fünf Aussagen mit unterschiedlicher Sicherheit ableiten. Erstens hängen Marker des oxidativen Stresses im Samenplasma (MDA, TAC, ROS, Thiole) in den meisten Studien mit schlechterer Samenqualität zusammen [s388, s383, s375, s310, s373, s272]; dies bestätigt die Hypothese des oxidativen Stresses als Merkmal, nicht als Ursache, und sagt nichts über den Nutzen einer Einnahme aus. Zweitens sind die Befunde zu einzelnen Mikronährstoffen widersprüchlich: Für Zink [s170, s119, s174, s359], Selen [s406, s392, s77, s298], Magnesium (siehe oben), Vitamin B12 und Vitamin D finden sich Studien mit positiver, ohne und mit gegenläufiger Beziehung; die jeweils größten Studien zeigen schwache Zusammenhänge (Korrelationen von 0,2 bis 0,3) oder keinen. Drittens sprechen die beiden großen Studien zur Ernährung nicht für einen Zusammenhang der diätetischen antioxidativen Kapazität mit der Samenqualität [s81, s82]; eine retrospektive Kohorte bei Varikozele berichtet einen schwachen positiven Zusammenhang [s05], und in der Sekundäranalyse einer randomisierten Studie hingen Plasmaspiegel von Vitamin E, Zink und Selen im Normbereich weder mit Samenparametern noch mit Schwangerschaft oder Lebendgeburt zusammen [s163]. Viertens zeigt die einzige Mendelsche Randomisierung keinen kausalen Effekt systemischer antioxidativer Kapazität, aber mit sehr großer Unsicherheit [s40]. Fünftens liefern genetische Studien Hinweise darauf, dass Träger von GSTM1- und GSTT1-Deletionen anders auf Antioxidantien ansprechen könnten [s143], ohne dass eine Wirksamkeitsprüfung mit Kontrollgruppe vorläge. Für Myo-Inositol, Astaxanthin, NAC und Glutathion (als Einnahme) enthält die Beobachtungsliteratur keine Studien am Menschen; für Melatonin liegen vier Messstudien mit uneinheitlichem Ergebnis [s371, s187, s385, s294] vor.

Alle Kapitel und Anhänge (29)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Lesehinweise und Abgrenzung bis Übersichten und Metaanalysen zu Antioxidantien allgemein
  5. Metaanalysen zu einzelnen Wirkstoffen und Narrative Übersichtsartikel nach Substanz
  6. Übersichten zu Antioxidantien insgesamt und Gesamtbild der Metaanalysen und Übersichten
  7. Lesehinweise bis Glutathion, glutathionabhängige Enzyme und Selen
  8. Totale antioxidative Kapazität und Marker des oxidativen Stresses bis Vitamin D und Carnitine
  9. Genetische Beobachtungsstudien und Mendelsche Randomisierung bis Gesamtbild der Beobachtungsstudien
  10. Leitlinien und Konsensdokumente bis Melatonin
  11. Glutathion bis Selen, Omega-3, Lycopin, Vitamin D, weitere
  12. Tierversuche und Laborarbeiten im Überblick und Zusammenschau und Grenzen der Studienlage
  13. Mechanismen und biologische Plausibilität
  14. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  15. Englisch bis Koreanisch
  16. Russisch bis Türkisch
  17. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  18. Limitationen der Evidenz
  19. Offene Forschungsfragen
  20. Praktische Einordnung
  21. Glossar
  22. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 3)
  23. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 3)
  24. Quellenverzeichnis (Teil 3 von 3)
  25. Diagramme
  26. Quellen s01–s140
  27. Quellen s141–s281
  28. Quellen s282–s428
  29. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle