Myo-Inositol, Astaxanthin, NAC, Melatonin und weitere Antioxidantien · Kapitel 20 von 24

Praktische Einordnung

Dieser Abschnitt ordnet die Befunde für Leserinnen und Leser ein, die sich über Nahrungsergänzungsmittel und Spermienqualität informieren wollen. Er ist keine Therapieempfehlung und kein Ersatz für Diagnostik oder ärztliche Beratung. Ob ein Mann ein Präparat einnimmt, sollte er mit einer Ärztin oder einem Arzt besprechen, die den Einzelfall kennen. Die Studien beschreiben Gruppen von Männern; sie sagen nicht voraus, was bei einer einzelnen Person geschieht.

Was die Evidenz zeigt

Die Studienlage zeigt, dass in kleinen und mittelgroßen Studien, in Metaanalysen und in Laborarbeiten häufig Verbesserungen einzelner Samenparameter berichtet werden: bei Beweglichkeit, Konzentration, Morphologie oder DNA-Fragmentation. Das gilt in unterschiedlichem Maß für Coenzym Q10, Carnitine, Selen, Zink, Vitamin E und weitere Stoffe [s28, s10, s14, s138]. Die Metaanalysen der Cochrane-Reihe sahen über vier Fassungen hinweg nominell höhere Schwangerschaftsraten unter Antioxidantien (OR zwischen 1,89 und 3,43) [s306, s228, s111]. Für die im Titel der Gesamtstudie genannten Stoffe ist die Datenlage unterschiedlich dicht: Für Myo-Inositol gibt es eine Metaanalyse mit 16 Studien, deren Autoren die Daten „controversial“ nennen [s52]; für Astaxanthin zwei kleine Placebostudien mit gegensätzlichem Ergebnis [s378, s194]; für NAC eine große Vierarmstudie und eine Placebostudie mit gemischtem Ergebnis [s349, s348]; für Melatonin eine kleine Placebostudie nach Varikozelenoperation [s241]; für Glutathion einen Injektionsversuch von 1993 [s417]; für Magnesium eine Pilotstudie ohne Wirkung [s393]; für Vitamin B12 Beobachtungsstudien, offene Serien und eine große doppelblinde Studie ohne Unterschied zu Placebo in der Gesamtanalyse [s422].

Was die Evidenz nicht zeigt

Die Evidenz zeigt nicht, dass eines der Präparate die Chance auf ein Kind sicher erhöht. In der strengsten Übersicht fand sich kein Effekt auf Schwangerschaft und Lebendgeburt und „no convincing evidence of an effect of any dietary supplements on male infertility“ [s28]. In den beiden größten Placebostudien war die Lebendgeburtenrate nicht höher als unter Placebo (FAZST: 34 % gegenüber 35 % [s204]; MOXI: 15 % gegenüber 24 % [s205]). In den Cochrane-Auswertungen verschwand der Lebendgeburtenbefund, wenn Studien mit hohem Verzerrungsrisiko ausgeschlossen wurden [s228, s111]. Für Astaxanthin, Myo-Inositol, Melatonin, Glutathion, Magnesium und Vitamin B12 als Einzelsubstanz fehlen große Studien mit Geburtsendpunkt. Die Evidenz zeigt auch nicht, welcher Stoff, in welcher Dosis und über welche Dauer wirken könnte; dazu fehlt in den Fachtexten eine Aussage („No clear conclusions were possible regarding the specific antioxidants to use“ [s20]; „Existing data are inadequate to provide recommendation for specific agents to use for this purpose“ [s44]).

Die Positionen der Fachgesellschaften

Die Leitlinientexte sind zurückhaltend. Die AUA/ASRM-Leitlinie [s44] weist darauf hin, dass der Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln (zum Beispiel Antioxidantien, Vitaminen) bei männlicher Infertilität von „questionable clinical utility“ sei; die Daten ließen vermuten, dass solche Präparate wahrscheinlich nicht schädlich seien, ihr greifbarer Nutzen für die Fertilität aber fraglich sei (Moderate Recommendation, Evidenzgrad B). Das EAU-Kapitel [s20] bezeichnet die Evidenz zur Antioxidantientherapie als „still conflicting“, nennt die Qualität der berichteten Studien schlecht und verweist darauf, dass in der MOXI-Studie [s205] keine Verbesserung der Spermienparameter oder der DNA-Integrität gegenüber Placebo nachweisbar war; die Ausgabe 2021 [s169] sah unzureichende Evidenz für den breiten Einsatz empirischer Behandlungen wie Antioxidantien. Die Delphi-Leitlinie des Global Andrology Forum [s01] rät dagegen, oxidativen Stress zu dokumentieren und vor Beginn einer Antioxidantientherapie zugrunde liegende Faktoren zu prüfen; sie ist eine Leitlinie einer Expertengruppe, keine einer Fachgesellschaft, und ihre Erstautoren haben in diesem Feld auch eigene Beiträge veröffentlicht [s147, s213]. Eine eigene ESHRE-Leitlinie zur männlichen Infertilität ist in der abgerufenen Liste nicht aufgeführt; eine deutsche S-Leitlinie konnte nicht geprüft werden. Die Fachtexte beschreiben außerdem die Abklärung als eigenen Schritt (systematische Anamnese, körperliche Untersuchung, zwei Spermiogramme bei Auffälligkeit des ersten, Hodensonografie [s162]); die Leitlinienaussagen zu Nahrungsergänzungsmitteln betreffen die Behandlung, nicht die Abklärung. Der Überblick von Nieschlag hält fest, dass die meisten empirischen Behandlungen als wirkungslos erwiesen worden seien, und nennt den Rauchstopp als Präventionsmaßnahme [s313].

Sicherheitsaspekte, soweit die Quellen sie berichten

Nebenwirkungen werden in vielen Studien nicht systematisch erfasst. Wo sie erfasst sind, traten Magen-Darm-Beschwerden unter Antioxidantien häufiger auf (OR 2,51 und 2,70 in den Cochrane-Auswertungen [s228, s111]; Bauchschmerz 6 % gegenüber 3 %, Übelkeit 4 % gegenüber 2 % in FAZST [s204]). In FAZST war die DNA-Fragmentation unter Folsäure plus Zink höher als unter Placebo [s204]. Weitere Hinweise sind begrenzt belastbar: Dekondensation des Chromatins unter einer Kombination mit Vitamin C [s365], Tierversuche zur Beeinträchtigung der genetischen Integrität bei unangemessener Anwendung wasserlöslicher Mikronährstoffe [s57], eine Verschlechterung bei zwei von acht gesunden Männern unter Melatonin [s396] und ein steigender Missbildungsindex bei zehn Männern mit Thalassämie [s238]. Die MOSI-Arbeit nennt als mögliche Folgen von Antioxidantienprotokollen ohne Evidenzbasis Komplikationen und höhere Kosten [s213]. Die Quellen erlauben keine Aussage dazu, bei welcher Dosis oder Dauer Nachteile auftreten könnten.

Hinweise zum Lesen von Studienaussagen und Produktversprechen

Mehrere Gesichtspunkte aus den Quellen helfen bei der Einordnung von Aussagen zu Präparaten. Ein verbesserter Laborwert (zum Beispiel eine höhere Beweglichkeit) ist nicht dasselbe wie eine Schwangerschaft oder Geburt; nur ein kleiner Teil der Studien berichtet Geburten. Eine Verbesserung „gegenüber dem Ausgangswert“ ist kein Wirkungsnachweis, weil Spermienparameter zwischen Messungen schwanken [s427, s422] und weil in Placebogruppen ebenfalls Verbesserungen auftreten können [s194, s22]. Ergebnisse aus dem Reagenzglas oder Tierversuch (zum Beispiel Zugabe zum Einfriermedium) betreffen eine andere Frage als die Einnahme. Bei Mehrstoffpräparaten lässt sich der Beitrag eines einzelnen Stoffes nicht erkennen. Eine Marktanalyse für Italien fand, dass unter 21 untersuchten Präparaten 71,4 % nach der Bewertungsformel der Autoren in die Klasse mit niedrigerer erwarteter Wirksamkeit fielen und 19,1 % in die Klasse ohne erwartete Wirksamkeit; häufig lagen Wirkstoffe unter der minimalen wirksamen Tagesdosis oder hatten keinen Wirksamkeitsbeleg [s185]. Mehrere Studien prüfen namentlich genannte Handelspräparate; Finanzierungsangaben stehen in den Abstracts nur teilweise [s306]. Schließlich beschreiben Zusammenhangsstudien („niedrige Werte bei Infertilen“) einen Zusammenhang, nicht den Nutzen einer Einnahme.

Was sich daraus ergibt

Für die Frage, ob Nahrungsergänzungsmittel die Spermienqualität verbessern, ist der Stand der Evidenz offen und widersprüchlich. Es gibt Signale für Verbesserungen von Laborwerten, aber keinen belastbaren Nachweis für einen Nutzen bei Schwangerschaft und Lebendgeburt, und für die meisten der im Titel genannten Stoffe fehlen die entscheidenden Studien. Die Fachgesellschaften behandeln die Abklärung der Ursachen und die Behandlung getrennt und sind beim Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln zurückhaltend [s44, s20, s162]. Diese Zusammenfassung ist keine Empfehlung für ein Vorgehen im Einzelfall. Die Gesamtstudie ersetzt weder eine Diagnose noch eine ärztliche Beratung.

Alle Kapitel und Anhänge (29)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Lesehinweise und Abgrenzung bis Übersichten und Metaanalysen zu Antioxidantien allgemein
  5. Metaanalysen zu einzelnen Wirkstoffen und Narrative Übersichtsartikel nach Substanz
  6. Übersichten zu Antioxidantien insgesamt und Gesamtbild der Metaanalysen und Übersichten
  7. Lesehinweise bis Glutathion, glutathionabhängige Enzyme und Selen
  8. Totale antioxidative Kapazität und Marker des oxidativen Stresses bis Vitamin D und Carnitine
  9. Genetische Beobachtungsstudien und Mendelsche Randomisierung bis Gesamtbild der Beobachtungsstudien
  10. Leitlinien und Konsensdokumente bis Melatonin
  11. Glutathion bis Selen, Omega-3, Lycopin, Vitamin D, weitere
  12. Tierversuche und Laborarbeiten im Überblick und Zusammenschau und Grenzen der Studienlage
  13. Mechanismen und biologische Plausibilität
  14. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  15. Englisch bis Koreanisch
  16. Russisch bis Türkisch
  17. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  18. Limitationen der Evidenz
  19. Offene Forschungsfragen
  20. Praktische Einordnung
  21. Glossar
  22. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 3)
  23. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 3)
  24. Quellenverzeichnis (Teil 3 von 3)
  25. Diagramme
  26. Quellen s01–s140
  27. Quellen s141–s281
  28. Quellen s282–s428
  29. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle