Myo-Inositol, Astaxanthin, NAC, Melatonin und weitere Antioxidantien · Kapitel 6 von 24 · Studienlage: Metaanalysen und Übersichten

Übersichten zu Antioxidantien insgesamt und Gesamtbild der Metaanalysen und Übersichten

Übersichten zu Antioxidantien insgesamt

Alahmar 2018 [s232]. „The effects of oral antioxidants on the semen of men with idiopathic oligoasthenoteratozoospermia“. Übersicht (Autor aus dem Irak) über Studien von 2002 bis 2017 zu oralen Antioxidantien (Vitamin C und E, L-Carnitin, Coenzym Q10, Zink, Selen, Pentoxifyllin) bei Männern mit idiopathischer Oligoasthenoteratozoospermie. Die meisten Studien seien randomisiert gewesen und hätten in mindestens einem Parameter Verbesserungen berichtet; die auffälligste Wirkung auf Motilität und Konzentration habe die Gabe mehrerer Antioxidantien gehabt; über Dosis, Dauer und Einzel- gegenüber Kombinationsgabe bestehe keine Einigkeit. Der Abstract bezeichnet die Arbeit dennoch als Beleg für den Einsatz oraler Antioxidantien. Einordnung: Eine Verbesserung in mindestens einem Parameter ist ein schwacher Maßstab bei vielen gleichzeitig geprüften Zielgrößen.

Majzoub und Agarwal 2017 [s264]. „Antioxidant therapy in idiopathic oligoasthenoteratozoospermia“. Übersicht (MEDLINE/PubMed) zur Antioxidantientherapie bei idiopathischer Oligoasthenoteratozoospermie. Glutathion, Vitamin E und C, Carnitine, CoQ10, NAC, Selen, Zink, Folsäure und Lycopin hätten oxidativ bedingte Spermienschäden vermindert; doppelblinde placebokontrollierte Studien seien begrenzt; neuere systematische Übersichten und Metaanalysen berichteten Vorteile für Samenparameter und Lebendgeburtenrate. Weitere RCT seien zur Wirksamkeit und Sicherheit und zur nötigen Dosis erforderlich. Einordnung: Die Aussage zu den Lebendgeburten stammt aus der Zeit vor den jüngeren Cochrane-Fassungen mit Sensitivitätsanalyse [s228, s111].

Saleh et al. 2024 [s63]. „Antioxidant therapy for infertile couples: a comprehensive review of the current status and consideration of future prospects“. Umfassende Übersicht aus Ägypten zur antioxidativen Therapie bei infertilen Paaren: biologische Mechanismen, mögliche Nebenwirkungen, therapeutische Wirksamkeit, klinische Anwendung bei natürlicher Empfängnis und assistierter Reproduktion, aktuelle Praxismuster. Trotz mancher Befunde zu verbesserter Fertilität bleibe die Datenlage zu Dosierung, Kombination, Dauer und Patientengruppen unschlüssig; Lebendgeburten- und Fehlgeburtsraten seien als Endpunkte noch zu prüfen. Zahlen enthält der Abstract nicht.

Mo et al. 2025 [s30]. „The mechanism of oxidative stress in asthenozoospermia and antioxidant strategies: a review“. Übersicht aus China zum oxidativen Stress bei Asthenozoospermie: Quellen reaktiver Sauerstoffspezies (Entzündung, Infektion, Lebensstil, Umweltschadstoffe), physiologische Rolle bei Reifung, Kapazitation, Akrosomenreaktion und Befruchtung, schädliche Wirkung auf Membranlipide, DNA und Mitochondrien; mitochondriale Dysfunktion gilt als zentraler Mechanismus. Die Autoren sehen Potenzial für antioxidative Strategien und fordern den Übergang von der empirischen zur mechanismusgeleiteten Therapie. Zahlen enthält der Abstract nicht.

Nguyen et al. 2025 [s32]. „Redox Imbalance in Male Infertility: From Empirical Antioxidant Therapy to Precision Medicine and Epigenetic Insights“. Übersicht (PubMed-Suche zu oxidativem Stress, reduktivem Stress, Antioxidantien, Redoxungleichgewicht und männlicher Infertilität). Antioxidantien könnten Samenparameter verbessern, ihre Wirkung auf Schwangerschafts- und Lebendgeburtenraten bleibe unschlüssig; herkömmliche Diagnostik übersehe Redoxungleichgewicht, weshalb empirisch Antioxidantien gegeben würden; empirische Therapie ohne bestätigten oxidativen Stress könne unbegründet sein und die Gefahr der Übertherapie bergen (reduktiver Stress sei ebenfalls schädlich). Die Autoren empfehlen, Redoxgleichgewicht wiederherzustellen statt Sauerstoffspezies zu beseitigen, und fordern standardisierte Diagnostik. Das ist eine Aussage der Autoren.

Almujaydil 2023 [s71]. „The Role of Dietary Nutrients in Male Infertility: A Review“. Übersicht aus Saudi-Arabien zu Nährstoffen (Omega-3-Fettsäuren, Vitamine, Mineralstoffe, Pflanzenstoffe) und deren Einfluss auf Samenmerkmale, Spermien-Bioenergetik und Spermienfunktion. Omega-3-reiche Ernährung beeinflusse Spermienqualität und Stabilität von Membran und Mitochondrien; Pflanzenstoffe wirkten je nach Dosis positiv oder negativ auf Motilität, Samenqualität und mitochondriale Funktion. Zahlen enthält der Abstract nicht.

Said Fares et al. 2025 [s36]. „The role of diet and food supplements in infertility management in the Eastern Mediterranean Region: A narrative review“. Narrative Übersicht aus dem Libanon zu Ernährung und Nahrungsergänzung bei Infertilität in der Region Östliches Mittelmeer (PubMed und Scopus, Januar 2012 bis Juli 2023): 112 Arbeiten. Für Männer hätten eine Ernährung reich an rotem Fleisch, fettreichen Lebensmitteln und Vollkorn und arm an Fisch, Geflügel, fettarmen Milchprodukten und Gemüse einen positiven Einfluss auf die Spermienzahl; Vitamine und Supplemente verbesserten Gametenqualität, Hormonlage und antioxidative Kapazität, nicht aber einheitlich über alle Studien. Einordnung: Der Abstract nennt keine Effektgrößen für die Ernährungsaussage; die Region ist in der übrigen Literatur wenig vertreten.

Korneyev et al. 2022 und 2025 [s124, s25]. „[Oxidative stress and male infertility a clinical perspective]“ (deutsch: Oxidativer Stress und männliche Infertilität: eine klinische Perspektive). Die Übersicht von 2022 beschreibt oxidativen Stress als wichtigen Faktor der männlichen Infertilität und führt Beta-Carotin, Vitamin E und C, Selen und Zink als Antioxidantien an, die die ROS-Bildung senkten und Spermienparameter und Schwangerschaftsrate verbesserten. „[Antioxidants and micronutrients for the prevention and correction of reproductive dysfunction in men, the role of polyunsaturated fatty acids: a review of studies]“ (deutsch: Antioxidantien und Mikronährstoffe zur Vorbeugung und Korrektur reproduktiver Funktionsstörungen bei Männern, Rolle mehrfach ungesättigter Fettsäuren: eine Studienübersicht). Die Übersicht von 2025 fasst russische Studien zu den Komplexen BESTFertil (L-Carnitin, L-Arginin, Vitamin C und E, Folsäure, Zink, Selen, Glutathion, Coenzym Q10, Ginsengwurzelextrakt) und BESTFertil-DHA (mit Omega-3-Fettsäuren) zusammen; berichtet werden höhere Konzentration, Motilität und Normalform-Anteil und niedrigere DNA-Fragmentation, ohne Zahlen im Abstract. Einordnung: Wegen des Produktbezugs ist die Sichtweise der zweiten Übersicht eingeschränkt.

Gyaurgiev et al. 2020 [s186]. „[Modern view on the use of antioxidants in the treatment of male infertility]“ (deutsch: Moderne Sicht auf den Einsatz von Antioxidantien bei der Behandlung männlicher Infertilität). Russischsprachige Übersicht zur Rolle von Antioxidantien. Sie bewertet die Wirksamkeit antioxidativer Therapie bei verschiedenen Redoxstörungen, beschreibt mögliche Voraussetzungen und Mechanismen von Komplikationen der Antioxidantiengabe, begründet die Notwendigkeit, oxidativen Stress labordiagnostisch zu sichern, und erörtert das Kombinationspräparat Androdoz, das nach der Literatur Volumen, Zahl, Vitalität und Anteil aktiv beweglicher Spermien verbessern könne. Einordnung: Die Übersicht weist ausdrücklich auf mögliche Komplikationen hin und verknüpft das mit einem Produkt.

Efremov et al. 2017 [s258]. „[Isolated teratozoospermia: is there a role for antioxidant therapy?]“ (deutsch: Isolierte Teratozoospermie: Gibt es eine Rolle für die antioxidative Therapie?). Russischsprachige Übersicht zur isolierten Teratozoospermie. Überproduktion von ROS hänge mit dem Auftreten abnormer Spermien zusammen; abnorme Morphologie könne mit DNA-Schäden und gestörter Chromatinkondensation einhergehen; die meisten Studien zeigten unter Antioxidantien positive Veränderungen. Die Autoren geben eigene Empfehlungen zur antioxidativen Therapie bei idiopathischen Formen ab; das Abstract nennt keine Zahlen. Das sind Aussagen der Autoren, keine Empfehlungen dieser Studie.

Kurashova et al. 2021 [s166]. „Indicators of the Lipid Peroxidation-Antioxidant Protection System as Important Metabolic Markers of Reproductive Potential in Men“. Übersicht zu Lipidperoxidation und antioxidativem Schutz als Fertilitätsmarker; behandelt werden oxidativer Stress im Samen und systemisch, Zusammenhänge bei Adipositas und Diabetes mellitus und Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen. Die Autoren sehen in der Messung des oxidativen Stresses eine Chance für personalisierte Diagnostik und Vorbeugung.

Long et al. 2024 [s56]. „[Antioxidants in cryopreservation of human sperm: Advances in research]“ (deutsch: Antioxidantien bei der Kryokonservierung menschlicher Spermien: Forschungsfortschritte). Chinesischsprachige Übersicht zu Antioxidantien bei der Kryokonservierung menschlicher Spermien: Mechanismen des oxidativen Stresses beim Einfrieren und Auftauen und Fortschritte bei häufig verwendeten Antioxidantien. Es geht um die Aufbereitung von Proben im Labor, nicht um die Einnahme.

Evans et al. 2021 [s156]. „Male subfertility and oxidative stress“. Übersicht zur Rolle reaktiver Sauerstoffspezies in der männlichen Fertilität, zu Einflüssen von Lebensstil, Alter und Krankheit, zu ihrer Messung und zur Vermeidung bei In-vitro-Fertilisation. Wirksamkeitsdaten zu Antioxidantien enthält der Abstract nicht.

Urman und Oktem 2014 [s307]. „Food and drug supplements to improve fertility outcomes“. Übersicht aus der Türkei zu Nahrungs- und Arzneimittelergänzungen bei Infertilität. Die meisten bestünden aus Antioxidantien; ihre Anwendung sei biologisch plausibel, ihr fehle aber wegen schlecht geplanter kleiner Studien wissenschaftliche Stützung; die Literatur lege einen günstigen Effekt von Antioxidantien auf männliche Infertilität nahe; für weibliche Infertilität sei kein Präparat zweifelsfrei belegt; „absence of evidence is not the evidence of absence“, man solle sich aber vor scheinbar harmlosen Wirkungen hüten.

Gudeloglu et al. 2014 [s299]. „Medical management of male infertility in the absence of a specific etiology“. Übersicht aus der Türkei zur empirischen medikamentösen Behandlung männlicher Infertilität ohne erkennbare Ursache: Hormone (Gonadotropine, Antiöstrogene, Aromatasehemmer) und Antioxidantien wie Carnitin, Lycopin, Glutathion und Vitamin E; der Abstract nennt keine Zahlen.

Gulino et al. 2014 [s300]. „[Male infertility: non-surgical therapy]“ (deutsch: Männliche Infertilität: nichtchirurgische Therapie). Italienischsprachige Übersicht zur nichtchirurgischen Therapie (Hormontherapien, Antiöstrogene, Aromatasehemmer, Oxytocin, Gentherapie, Spermatogonien-Stammzelltransplantation); Antioxidantien nennt der Abstract nicht.

Nieschlag 2013 [s313]. „[Male infertility: recent developments]“ (deutsch: Männliche Infertilität: neuere Entwicklungen; die Arbeit ist deutschsprachig, abgerufen wurde nur die englische Übersetzung des Titels im Indexeintrag). Deutschsprachige Übersicht zu neueren Entwicklungen. Der Abstract hält fest, die meisten empirischen Behandlungen seien nach den Maßstäben der evidenzbasierten Medizin als unwirksam erwiesen worden (Beispiel Varikozelenoperation: Schwangerschaftsraten wie nach Beratung); Rauchstopp gilt als Vorbeugung; Antioxidantien nennt der Abstract nicht. Einordnung: Der Beitrag gehört zur Debatte um empirische Behandlung, ohne die Antioxidantien ausdrücklich zu bewerten.

Methorst et al. 2023 [s93]. „[Medical treatments for male infertility]“ (deutsch: Medizinische Behandlungen der männlichen Infertilität). Französischsprachige Übersicht der Urologie (Suche nur englischsprachiger Literatur bis Mai 2023, Studien, Übersichten, Metaanalysen). Es sei plausibel, dass mehrere medizinische Behandlungen die männliche Fertilität verbessern: durch Hormone, die die Spermatogenese anregen, oder durch Minderung der Wirkung oxidativen Stresses; bei Oligoasthenozoospermie seien bestimmte Hormonbehandlungen nützlich; bei nichtobstruktiver Azoospermie hänge der Nutzen von FSH und Testosteron ab; Antioxidantiengabe scheine einzelne Spermiogrammparameter zu verbessern und Schwangerschafts- und Lebendgeburtenraten zu beeinflussen. Einordnung: Die Aussage zu Schwangerschaft und Lebendgeburt knüpft an die Cochrane-Fassungen an; ihre Sensitivitätsanalysen [s111, s228] stellt die Übersicht im Abstract nicht dar.

Gesamtbild der Metaanalysen und Übersichten

Die gepoolten Auswertungen stimmen darin überein, dass Antioxidantien als Klasse in manchen Spermienparametern Unterschiede zeigen, und widersprechen sich in der Frage, ob daraus Schwangerschaften und Lebendgeburten folgen. Der Effekt auf die Lebendgeburt schrumpft in den Cochrane-Fassungen mit wachsender Studienbasis und verschwindet nach Ausschluss von Studien mit hohem Verzerrungsrisiko [s228, s111]; die strengste Auswertung mit Placebovergleich, Mindestdauer und GRADE findet keinen überzeugenden Effekt eines Supplements [s28]; die jüngste Auswertung nach Wirkmechanismus bewertet die Sicherheit der Evidenz als sehr niedrig und die Vorhersageintervalle schließen null ein [s10]. Die einzelnen Substanzen sind sehr unterschiedlich belegt: Für Carnitine, Coenzym Q10 und Vitamin E gibt es mehrere Metaanalysen mit teils widersprüchlichen Ergebnissen, für NAC drei bis sieben RCT, für Myo-Inositol eine Metaanalyse mit nicht benannten Studien, für Astaxanthin eine Metaanalyse mit drei Humanstudien ohne signifikanten Effekt, für Melatonin, Glutathion, Magnesium und Vitamin B12 keine Metaanalyse am Menschen. Narrative Übersichten sind häufig positiver als die gepoolten Auswertungen, nennen aber selten Zahlen; mehrere stammen von Autoren, die zugleich Präparate prüfen oder bewerben (zum Beispiel [s25, s186]).

Alle Kapitel und Anhänge (29)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Lesehinweise und Abgrenzung bis Übersichten und Metaanalysen zu Antioxidantien allgemein
  5. Metaanalysen zu einzelnen Wirkstoffen und Narrative Übersichtsartikel nach Substanz
  6. Übersichten zu Antioxidantien insgesamt und Gesamtbild der Metaanalysen und Übersichten
  7. Lesehinweise bis Glutathion, glutathionabhängige Enzyme und Selen
  8. Totale antioxidative Kapazität und Marker des oxidativen Stresses bis Vitamin D und Carnitine
  9. Genetische Beobachtungsstudien und Mendelsche Randomisierung bis Gesamtbild der Beobachtungsstudien
  10. Leitlinien und Konsensdokumente bis Melatonin
  11. Glutathion bis Selen, Omega-3, Lycopin, Vitamin D, weitere
  12. Tierversuche und Laborarbeiten im Überblick und Zusammenschau und Grenzen der Studienlage
  13. Mechanismen und biologische Plausibilität
  14. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  15. Englisch bis Koreanisch
  16. Russisch bis Türkisch
  17. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  18. Limitationen der Evidenz
  19. Offene Forschungsfragen
  20. Praktische Einordnung
  21. Glossar
  22. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 3)
  23. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 3)
  24. Quellenverzeichnis (Teil 3 von 3)
  25. Diagramme
  26. Quellen s01–s140
  27. Quellen s141–s281
  28. Quellen s282–s428
  29. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle