Alpha-Blocker, Prostatamedikamente und retrograde Ejakulation · Kapitel 13 von 23

Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität

Vorbemerkung: was die Daten zur Dosis-Wirkung hergeben

Eine eigene, auf die Ejakulation ausgelegte Dosis-Wirkungs-Studie gibt es in der ausgewerteten Literatur nicht. Die Beziehung zwischen Dosis und Ejakulationsstörung muss deshalb aus vier indirekten Quellen erschlossen werden: aus dem Vergleich verschiedener Wirkstoffe in Metaanalysen, aus Studien mit zwei Dosierungen desselben Wirkstoffs, aus Probandenstudien mit hoher Dosis und aus Tierversuchen mit Dosisreihen. Die Häufigkeitsangaben der Patientenstudien sind zudem nur innerhalb gleicher Erhebungsart vergleichbar; die Tabellen weisen deshalb Dosis, Population, Dauer und Erhebung aus. Alle Zahlen stehen so in den Abstracts; wo ein Konfidenzintervall fehlt, ist das vermerkt.

Wirkstoffvergleich: gepoolte Risiken

VergleichMaßWert (95-%-Konfidenzintervall, wenn angegeben)Quelle
Alpha-Blocker insgesamt gegenüber Placebo, EjakulationsstörungOR5,88[s137, s04]
Tamsulosin gegenüber PlaceboOR8,58 (Leitlinientext 8,57)[s137, s04]
Silodosin gegenüber PlaceboOR32,5[s137, s04]
Doxazosin gegenüber PlaceboOR0,80 (Leitlinientext)[s04]
Terazosin gegenüber PlaceboOR1,78 (Leitlinientext)[s04]
Tamsulosin gegenüber SilodosinOR0,09[s137]
5-ARI gegenüber Placebo (Finasterid 2,70; Dutasterid 2,81)OR2,73[s137]
Kombination gegenüber Alpha-Blocker alleinOR3,75[s137]
Kombination gegenüber 5-ARI alleinOR2,76[s137]
Silodosin gegenüber Placebo, sexuelle Nebenwirkungen (4 Studien, 1968 Teilnehmer)RR26,07 (12,36 bis 54,97)[s103]
Silodosin gegenüber Tamsulosin (13 Studien, 2129 Teilnehmer)RR6,05 (3,55 bis 10,31)[s103]
Silodosin gegenüber Naftopidil (5 Studien, 763 Teilnehmer)RR5,93 (2,16 bis 16,29)[s103]
Silodosin gegenüber Alfuzosin (2 Studien, 155 Teilnehmer)RR37,21 (5,32 bis 260,07)[s103]
Naftopidil gegenüber Tamsulosin (12 Studien, 965 Teilnehmer)RR0,54 (0,24 bis 1,22)[s94]
Naftopidil gegenüber Silodosin (5 Studien, 652 Teilnehmer)RR0,15 (0,06 bis 0,42)[s94]
Silodosin gegenüber Placebo, retrograde Ejakulation (Netzwerk-Metaanalyse)RR24,94 (ohne Intervall im Abstract)[s26]
Tamsulosin plus Dutasterid gegenüber Tamsulosin allein, EjakulationsstörungOR3,37 (1,97 bis 5,79)[s92]
Dasselbe, retrograde EjakulationOR2,30 (1,08 bis 4,93)[s92]
Alpha-Blocker gegenüber Placebo bei Harnleitersteinen, retrograde Ejakulation (8 Studien)RR3,10 (1,81 bis 5,29)[s70]
Silodosin gegenüber Kontrollen bei Harnleitersteinen, abnormale Ejakulation (6 Studien)OR2,84 (1,56 bis 5,16)[s118]
Alpha-Blocker gegenüber Mirabegron bei Harnleitersteinen, retrograde EjakulationOR16,30 (5,87 bis 45,31)[s45]

Die Odds Ratios für Doxazosin und Terazosin sind niedrig, weil sie sich von Placebo nicht unterscheiden; die Zahlen für Alfuzosin sind im Cochrane-Review wegen der kleinen Basis (zwei Studien) sehr breit. Der Unterschied zwischen den Harnleitersteinstudien (OR 2,84 bis 16,30, andere Population und anderer Vergleichsarm) und den BPH-Daten zeigt, wie stark Population und Vergleichsarm das Ergebnis verschieben. Die Studie [s23] fand beim Vergleich mit Mirabegron dagegen gleich häufige Ejakulationsstörungen, und [s144] fand keinen Unterschied zwischen Silodosin und Tamsulosin 0,2 mg.

Häufigkeit einzelner Studien nach Wirkstoff, Dosis und Erhebungsart

Silodosin. Die Häufigkeit schwankt je nach Dosis, Population und vor allem nach Erhebung zwischen wenigen Prozent und nahezu allen Männern.

StudieDosis, DauerPopulationErhebungAnteil mit EjakulationsstörungQuelle
Roehrborn 2011 (Phase 3, post hoc)8 mg, 12 Wochen466 Männer mit BPHMeldung als Ereignis28 Prozent (131), Placebo 0,9 Prozent[s170]
Chapple 20128 mg, 12 Wochen381 Männer mit BPHMeldung als Ereignis14 Prozent, Tamsulosin 2 Prozent[s159]
Descazeaud 2014Praxis, 3 Monate914 PatientenMeldung als Ereignis17,2 Prozent[s136]
Yu 2011 (Taiwan)4 mg zweimal täglich, 12 Wochen209 Patienten (zwei Arme)Meldung als Ereignis9,7 Prozent, Tamsulosin 1,0 Prozent[s177]
Furuya 2010Praxis, mittlere Dauer 3,1 Monate195 Patientenretrospektiv, Meldung10,8 Prozent[s178]
Yamanishi 2015Verlauf über 6 Jahre104 PatientenMeldung als Ereignis5,8 Prozent[s131]
Moon 20148 mg, 12 Wochen100 Männer, IPSS ≥ 20Meldung als Ereignis13 Fälle[s140]
Takeshita 20164 mg einmal täglich, 4 Wochen30 MännerMeldung als Ereignis3 (10 Prozent)[s117]
Sakata 20124 mg zweimal täglich91 PatientenBefragung42 Prozent aller; 95 Prozent der sexuell Aktiven (38 von 40)[s163]
Yokoyama 20114 mg zweimal täglich, 3 Monate41 Patienten unter SilodosinFragebogen24,4 Prozent völliges Fehlen des antegraden Ergusses[s176]
Yamaguchi 20138 mg, 12 Wochen23 sexuell AktiveFragebogen87 Prozent weniger Volumen[s156]
Akgül 20218 mg, 3 Monate118 PatientenMSHQ-EjD52,5 Prozent[s66]
Cihan 20208 mg98 ausgewertetFragebogen46,9 Prozent (Monat 1), 50 Prozent (Monat 3) Anejakulation[s71]
Bozkurt 20158 mg, 4 Wochen30 sexuell AktiveBefragung, Ultraschall90 Prozent[s122]
Abdellatif 20254 mg täglich100 Männer mit vorzeitiger EjakulationMeldung23 Prozent retrograde Ejakulation[s19]
Nouh 20268 mg, 3 Monate100 gesunde FertileMeldung, Placebovergleich84 Prozent spärliches Ejakulat, Placebo 6 Prozent[s15]
Kobayashi 20084 mg zweimal täglich, 3 Tage15 gesunde MännerMessung100 Prozent Anejakulation[s194]
Pushkar 20158 mg1000 PatientenMeldungnicht als Ereigniskategorie genannt; 1,2 Prozent Abbruch[s127]
Kirilenko 20168 mg, 8 Wochen26 PatientenMeldung3 Patienten (Anejakulation)[s120]

Zwei Befunde fallen auf. Erstens liegen die in randomisierten oder Praxisstudien als Ereignis gemeldeten Werte bei Silodosin zwischen 5,8 und 28 Prozent, die in gezielten Befragungen oder mit Messung erhobenen Werte zwischen 24,4 und 100 Prozent. Zweitens fällt auf, dass die niedrigere Dosis (4 mg) nicht zu durchgehend niedrigeren Werten führt: 95 Prozent der sexuell Aktiven in [s163] bei 4 mg zweimal täglich, 23 Prozent retrograde Ejakulation in [s19] bei 4 mg täglich. Dosis und Erhebungsart sind in den Studien vermengt.

Tamsulosin.

StudieDosis, DauerPopulationErhebungBefundQuelle
Hellstrom und Sikka 20060,8 mg, 5 Tage48 gesunde MännerMessung, Placebo und AlfuzosinAnejakulation 35,4 Prozent; mehr als 20 Prozent weniger Volumen 89,6 Prozent[s207]
Lopes 20260,8 mg einmalig31 gesunde MännerMessungAspermie 80,7 Prozent; deutliche Volumenabnahme 93,6 Prozent[s13]
Hisasue 20060,2 und 0,4 mg, 3 Tage17 gesunde MännerMessungVolumen 2,72 auf 1,75 und 1,51 ml[s208]
Park 2004Tamsulosin, Dosis im Abstract nicht genannt, 12 Wochen165 Beender von 268Volumen (Methode im Abstract nicht genannt)minus 14 Prozent (4 Wochen), minus 22 Prozent (12 Wochen)[s219]
Song 20110,2 mg, 12 Wochen177 MännerMSHQ13,4 Prozent insgesamt[s172]
Furuya 2005Praxis88 Patienten (63 aktiv)Befragung30,0 Prozent, Naftopidil 3,0 Prozent[s213]
Masumori 20090,2 mg, 12 Wochen47 PatientenBefragung16,7 Prozent abnormes Gefühl; 96,0 Prozent weniger Volumen (sexuell Aktive)[s188]
Yokoyama 20110,2 mgVergleichsarmFragebogen2,6 Prozent neu vermindertes Volumen[s176]
Yu 20110,2 mg einmal täglichVergleichsarmMeldung1,0 Prozent[s177]
Kim 20140,2 und 0,4 mg, 12 Wochen220 Männer (zwei Arme)Meldung1,8 Prozent in beiden Armen[s138]
Moon 20090,2 mg116 PatientenMeldungretrograde Ejakulation 2 Prozent[s189]
Vishnevsky 20130,4 mg, 6 Wochen34 Männer (Cross-over)Meldungretrograde Ejakulation 14,7 Prozent[s158]
Gezmiş 20260,4 mg, 8 Wochen214 MännerMSHQ-EjD-SFMedian 11 auf 7[s05]
Iossa 20260,4 mg, 4 Wochen71 Männerklinisch relevante Störung49,3 Prozent[s12]
Goktas 20060,4 mg, mindestens 3 Monate405 PatientenMeldung30 mit abnormer Ejakulation (7,4 Prozent, aus den Angaben berechnet)[s205]
PERSAT 2020 und 2023Praxis381 und 309 Patienten unter Alpha-BlockernMeldung3,9 Prozent und 4,9 Prozent[s74, s51]

Die Spanne bei Tamsulosin (1,0 bis 30,0 Prozent bei Patienten, mit Messung bis 80,7 Prozent bei hoher Dosis in Probanden) hängt an denselben Faktoren: Dosis, Erhebungsart, Population, Definition. Die Vergleichswerte in randomisierten Studien (Tamsulosin 2 Prozent in [s159], 1,0 Prozent in [s177]) liegen im unteren, die Fragebogenwerte (96,0 Prozent weniger Volumen in [s188]) im oberen Bereich. Der Wert von 7,4 Prozent bei [s205] ist eigene Rechnung aus den berichteten 30 von 405 und steht so nicht im Abstract. Die spanische Prävalenz von 82,6 Prozent unter Alpha-Blockern insgesamt [s195] ist wegen fehlender Ausgangswerte und Vergleichsgruppe nicht in diese Tabelle einzuordnen.

Weitere Alpha-Blocker und 5-ARI. Naftopidil: 3,0 Prozent [s213], 7,4 Prozent abnormes Gefühl und 73,1 Prozent verminderte Menge unter sexuell Aktiven [s188], 2,4 Prozent neu vermindertes Volumen [s176], 40 Prozent verminderte Menge [s156]. Alfuzosin: 0 Prozent Anejakulation und 20,8 Prozent mit mehr als 20 Prozent weniger Volumen in der Probandenstudie [s207]; 1 Prozent höchste berichtete Häufigkeit, Placebo 0 Prozent [s123]. Doxazosin 0,4 Prozent bei Placebo 1,4 Prozent [s123]; keine retrograde Ejakulation in [s158]. Finasterid (12 Monate) 4,4 gegenüber 1,5 Prozent, Dutasterid (24 Monate) 2,2 gegenüber 0,8 Prozent [s123].

Dosisvergleiche innerhalb eines Wirkstoffs

WirkstoffDosenErgebnisQuelle
Tamsulosin0,2 gegenüber 0,4 mg (3 Tage, 17 gesunde Männer)Volumen 1,75 gegenüber 1,51 ml gegenüber 2,72 ml im Ausgangswert; beide Dosen signifikant, direkter Dosisvergleich nicht berichtet[s208]
Tamsulosin0,2 mg gegenüber 0,4 mg (12 Wochen, 220 Männer ohne Ansprechen auf 0,2 mg)abnormale Ejakulation 1,8 Prozent in beiden Armen; Qmax-Gewinn 3,0 gegenüber −0,25 ml/s[s138]
Tamsulosin0,2 gegenüber 0,4 mg (Netzwerk-Metaanalyse, 7 Studien)kein signifikanter Unterschied bei IPSS, Lebensqualität, Qmax, Restharn; Nebenwirkungen nicht aufgeschlüsselt[s104]
Tamsulosin0,4 mg gegenüber 0,8 mg0,8 mg (5 Tage, 48 gesunde Männer): Anejakulation 35,4 Prozent; 0,4 mg nur in Patientenstudien mit anderer Erhebung[s207]
Silodosin4 gegenüber 8 mg (234 Patienten, 3 Monate)bei schweren LUTS 8 mg wirksamer (IPSS p = 0,015); unerwünschte Ereignisse unter 8 mg häufiger (p = 0,024); Ejakulation nicht getrennt berichtet[s76]
Silodosin4 mg bei Bedarf, einzeln (Einzeldosis, 50 gesunde Männer)Samenmenge um 1,8 ml, Orgasmusqualität um 1,3 Punkte vermindert[s181]
Silodosin4 mg bei Bedarf, 2 Stunden vor Verkehr (8 Männer)Anejakulation 25 Prozent, verminderte Menge 37,5 Prozent[s164]
Silodosin4 mg täglich (400 Männer mit vorzeitiger Ejakulation)retrograde Ejakulation 23 Prozent[s19]
Silodosin0,1 und 3 mg/kg/Tag (Ratte, 3 oder 30 Tage)Pfropfzahl dosisabhängig vermindert; bei niedriger Dosis unter Dauergabe Abschwächung[s192]
Tamsulosin3 und 10 µg/kg (Ratte)Samenblasendruck 30,0 und 15,1 mmHg gegenüber 61,4 in der Kontrolle[s129]
Tamsulosin134,8 und 269,7 nmol/kg (Ziegenbock)höhere Dosis länger anejakulatorisch (P < 0,05 bis 6 Stunden)[s124]
Silodosin25 mg/kg/Tag (junge Hunde) und 20 mg/kg/Tag (Ratte)Degeneration des Samenkanälchenepithels beziehungsweise verminderte Fertilität (Herstellerangaben)[s209]

Das Gesamtbild: Eine Dosisabhängigkeit ist in Tiermodellen und in Probandenstudien mit hoher Dosis klar, bei Patienten mit üblichen Dosen nicht sauber nachweisbar. Bei Tamsulosin änderte die Verdopplung von 0,2 auf 0,4 mg die gemeldete Rate nicht [s138]; bei Silodosin war die höhere Dosis mit mehr unerwünschten Ereignissen verbunden [s76]. Die Metaregression [s137] und die EAU-Leitlinie [s04] liefern die einzige übergreifende Aussage: je wirksamer der Alpha-Blocker, desto häufiger die Ejakulationsstörung.

Subgruppen und Einflussfaktoren

FaktorBefundStudie, PopulationQuelle
Alter, jüngerhöheres Risiko: Betroffene jünger (65,4 gegenüber 69,2 Jahre); EAU: junges Alter offenbarer Risikofaktor195 Patienten unter Silodosin; Leitlinientext[s178, s04]
Alter, höhergeringerer Rückgang der Ejakulationsfunktion (ρ = −0,334, Vorzeichenkonvention im Abstract unklar)214 Männer unter Tamsulosin 0,4 mg[s05]
Alter, höherstärkster Einflussfaktor für Ejakulationsstörung (Prävalenz 82,6 Prozent)1177 Patienten unter Alpha-Blockern, Querschnitt[s195]
Alter über 70Ejakulationsfunktion weniger belastend (z = 2,441; p = 0,015)150 Männer[s34]
Alter unter 65Spermien im Urinsediment OR 1,71 (1,32 bis 2,21)5005 Männer[s130]
Prostatagröße, Vorsprung in die Blasebei Vorsprung über 10 mm geringerer Rückgang (p < 0,001); Prostatalänge ρ = −0,250214 Männer[s05]
Prostatagröße, kleinStörung häufiger bei kleinerer Prostata und weniger Harnsymptomen177 Männer unter Tamsulosin 0,2 mg[s172]
Sexuelle Aktivität42 Prozent aller, 95 Prozent der sexuell Aktiven (38 von 40)91 Patienten unter Silodosin[s163]
Sexuelle Aktivität71,6 Prozent der Befragten sexuell aktiv; 30,0 Prozent Ejakulationsstörung unter Tamsulosin88 Patienten[s213]
Ansprechen der Harnsymptomestärkere IPSS-Besserung bei Ejakulationsstörung (−4,36; −6,44 bis −2,27)Post-hoc, Silodosin[s179]
Ansprechen der HarnsymptomeChance auf mindestens 3 Punkte IPSS und 3 ml/s 1,75-fach466 Silodosin-Patienten[s170]
Ansprechen der HarnsymptomeBetroffene setzen eher ab, wenn IPSS vor Behandlung und IPSS-Abnahme niedriger118 Patienten[s66]
Frühere Ejakulationsstörung61,6 Prozent hatten schon vor der Operation eine Störung; 5,5 Prozent in der Vorgeschichte (Silodosin-Kohorte)224 Männer vor Operation; 1000 Patienten[s54, s127]
Information vor Therapieniedriges Volumen 40,9 gegenüber 22,2 Prozent; Anejakulation 6 gegenüber 4 Prozent129 Männer unter Silodosin[s86]
Seelischer Zustandalle 47 Männer mit Ejakulationsstörung mit Depressionszeichen, gegenüber 34,9 Prozent ohne150 Männer[s34]
Gemeinsame Gabe mit 5-ARIetwa dreifaches Risiko; OR 3,37 für EjakulationsstörungMetaanalysen[s137, s92]
Blutdruckmedikation, hohes Alterzum Absetzen führende Ejakulationsstörung bei einem Patienten (2,5 Prozent laut Abstract)48 Männer ab 65 Jahren unter Silodosin[s101]
Neurogene BlaseEjakulationsstörung als Hauptnebenwirkung, Zahl nicht genannt82 ausgewertete Patienten unter Silodosin 8 mg[s126]
Kinderwunsch, kleine Prostataretrograde Ejakulation 33 von 96 unter Silodosin gegenüber 11 von 96 nach TUIP192 Männer[s100]
Gesund oder krankGesunde Männer unter Tamsulosin 0,8 mg zeigen Anejakulation bei 35,4 Prozent48 Probanden[s207]
WirkstoffklasseTamsulosin, Silodosin hoch; Doxazosin, Terazosin wie Placebo; Naftopidil niedrigerMetaanalysen, Vergleichsstudien[s137, s94, s213]
GenotypCYP2D6*10 und *41: stärkere IPSS-Abnahme; keine Assoziation mit Nebenwirkungen106 Patienten unter Tamsulosin[s48]
SexualitätsphänotypEjakulationsstörung unter Silodosin bei hypersexuellem Phänotyp weniger typisch (ohne Zahlen)40 Patienten[s149]
Herkunft, DosisAsiatische Studien verwenden häufig Tamsulosin 0,2 mg; Übertragbarkeit von Naftopidil auf andere Gruppen unbekanntÜbersichten[s104, s169]
Nachbeobachtungslückenur 98 von 187 Männern mit vollständiger Dreimonatsbeobachtung187 Patienten[s71]

Zwei Dinge fallen auf. Erstens widersprechen sich die Altersbefunde. Die Querschnittsstudie [s195] und die Studie zu Prostatamaßen [s05] arbeiten mit Fragebogenwerten, die Meldung nach Therapiebeginn [s178] und der Leitlinientext [s04] mit dem neu aufgetretenen Ereignis; ob die unterschiedliche Messung den Widerspruch erklärt, ist eine Deutung und nicht belegt. Zweitens ist die Gruppe der sexuell aktiven Männer der entscheidende Nenner: Dass bei Silodosin 42 Prozent aller, aber 95 Prozent der sexuell Aktiven eine Störung angaben [s163], erklärt einen erheblichen Teil der Spanne zwischen den Studien.

Reversibilität: wie schnell und unter welchen Bedingungen sich die Ejakulation erholt

Nach Absetzen.

Substanz, StudieBeobachtungQuelle
Silodosin, 15 Probanden, 3 TageEjakulatvolumen 3 Tage nach Ende wieder auf dem Ausgangswert[s194]
Tamsulosin 0,8 mg einmalig, 31 ProbandenSpermienkonzentration normalisiert innerhalb von 2 Tagen; bei den meisten innerhalb 24, bei allen innerhalb 48 Stunden erholt[s13]
Tamsulosin, Ziegenböcke (6)Anejakulation 91,7 Prozent nach 3, 41,7 Prozent nach 6, 8,3 Prozent nach 24 Stunden[s125]
Tamsulosin, Ziegenböcke (6), zweite Arbeitnach 12 Stunden alle Tiere wieder ejakulationsfähig[s124]
Tamsulosin 0,15 mg/kg, RatteEffekt innerhalb 7 Tagen abgeklungen[s229]
Silodosin 8 mg, Pilotstudie mit 63 gesunden Männernreversible Azoospermie im Abstract festgestellt, ohne Zahlen[s73]
Tamsulosin, 58 Patienten (russisch)nach Absetzen von Tamsulosin verschwanden bei 100 Prozent der Monotherapiegruppe die Symptome der retrograden Ejakulation (Nenner nicht genannt)[s200]
Tamsulosin, Cross-over (34 Männer)Ejakulationsstörungen nicht mehr nach Wechsel zu Doxazosin[s158]

Unter fortgesetzter Gabe, mit Dosisanpassung.

StudieMaßnahmeErgebnisQuelle
Goktas 2006Tamsulosin 0,4 mg jeden zweiten Tag, 30 Männer mit abnormer Ejakulation, Woche 6Erholung bei 19 von 30 (63,3 Prozent): 12 von 18 mit retrograder Ejakulation (p = 0,02), 7 von 12 mit vermindertem Volumen oder fehlendem Ejakulat (p = 0,42 und 0,61)[s205]
Soliman 2019, Gruppe Aintermittierende volle Dosis, 3 Monatenormale Ejakulation bei 74,1 Prozent[s88]
Soliman 2019, Gruppe Bniedrige Dosis90,3 Prozent[s88]
Soliman 2019, Gruppe CStandarddosis weiter0 Prozent[s88]
Soliman 20230,4 mg jeden zweiten Tag mit Verkehr an den Tagen ohne Einnahme, 25 Männer, 3 MonateVerbesserung bei 20 von 25 (80 Prozent); IPSS 6,6 ± 1 auf 7,3 ± 1,1, Restharn 87,6 ± 15,1 auf 100,4 ± 15,1 ml[s55]
Moon 2014Silodosin 8 mg, Ejakulationsversagen bei 13 Männernbei 12 von 13 vollständig ohne Behandlung abgeklungen[s140]
Cihan 2020Silodosin 8 mgAnejakulation 46,9 Prozent (Monat 1), 50 Prozent (Monat 3), kein Rückgang[s71]
Yamanishi 2015Silodosin über 6 Jahre5,8 Prozent Ejakulationsstörung; 25,0 Prozent nach 72 Monaten noch unter Behandlung[s131]
Yono 2009Silodosin niedrig dosiert, Ratte, 30 TageHemmung der Pfropfzahl abgeschwächt, mRNA des Rezeptors erhöht[s192]

Die Daten zur Erholung unter Dosisanpassung sind nicht kontrolliert: Zwei der drei Studien haben keine Kontrollgruppe ([s205], [s55]), die dritte hat einen Standardarm, aber Selbstbericht ohne Messinstrument ([s88]); ob die Besserung durch die Dosisreduktion oder durch Spontanschwankungen entstand, ist offen [s205]. Der Preis wurde nur teilweise gemessen: In [s55] stiegen IPSS (6,6 auf 7,3) und Restharn (87,6 auf 100,4 ml) leicht; die Autoren sprechen von „signifikanter Änderung“, nennen aber keine Statistik; das Ausgangs-IPSS war ungewöhnlich niedrig. In [s88] verbesserten sich IPSS, Lebensqualität und Qmax gegenüber der Vorbehandlung; die Richtung der Gruppenunterschiede bei Qmax und Lebensqualität nennt der Abstract nicht. Die Autoren von [s88] schließen, mit 0,4 mg jeden zweiten Tag lasse sich die Lebensqualität verbessern, ohne vom Behandlungsziel abzuweichen; das ist deren Aussage, keine Empfehlung dieser Studie. Eine japanische Post-hoc-Analyse deutet die Ejakulationsstörung dagegen als Marker eines starken pharmakologischen Effekts [s179], eine türkische Studie folgert, retrograde Ejakulation könne nicht als Erfolgsindikator dienen [s221]. In [s205] besserte sich die Ejakulation bei retrograder Ejakulation signifikant, bei vermindertem Volumen und fehlendem Ejakulat nicht.

Reversibilität der Samenparameter unter 5-Alpha-Reduktase-Hemmern.

StudieDauer und DosisBefundQuelle
Amory 200752 Wochen, Dutasterid 0,5 mg und Finasterid 5 mg, gesunde Männer, Nachkontrolle 24 WochenGesamtspermienzahl nach 26 Wochen −28,6 und −34,3 Prozent; nach 52 Wochen −24,9 und −16,2 Prozent (nicht signifikant); Nachkontrolle −23,3 und −6,2 Prozent (nicht signifikant); Beweglichkeit minus 6 bis 12 Prozent, auch bei der Nachkontrolle[s198]
Amory 2007, Volumen52 WochenSamenvolumen −29,7 Prozent (Dutasterid, signifikant), −14,5 Prozent (Finasterid)[s198]
Overstreet 199948 Wochen Finasterid 1 mg, dann 60 Wochen ohnekeine signifikanten Effekte auf Konzentration, Gesamtzahl, Beweglichkeit, Morphologie; Volumen −11 Prozent gegenüber −8 Prozent Placebo[s224]
Samplaski 2013Finasterid im Mittel 57,4 Monate, 1,04 mg/Tag; 27 Männernach Absetzen Spermienzahl im Mittel 11,6-fach; bei 57 Prozent mit schwerer Oligozoospermie auf über 15 Mio./ml; kein Mann mit Abnahme[s152]
Kim 2025 (Alopezie)Dutasterid 0,5 mg, 5 Gruppen von unter 6 bis über 24 Monaten, 6 Monate PauseVolumen und Beweglichkeit nehmen mit Dauer ab, steigen nach Absetzen; Grenzwerte 17,8 und 20,3 Monate[s24]
Tu und Zini 2011niedrig dosiertes FinasteridDNA-Fragmentationsindex 30 auf 21 und 16,5 Prozent nach 3 und 6 Monaten ohne Mittel[s173]
Chi und Kim 2011Dutasterid, mindestens 1 JahrOrgasmusfunktion und Verlangen nach 6 Monaten auf Ausgangsniveau; Erektion nach 12 Monaten weiter vermindert[s166]
Tsai 2018Dutasterid 0,5 mg, 24 Wochen, danach 24 Wochen offensexuelle Nebenwirkungen 16 gegenüber 8 Prozent (blind), alle reversibel[s98]

Auch hier gilt: Die berichtete Erholung betrifft meist Volumen und Gesamtzahl, die Beweglichkeit nicht in allen Studien [s198]; in der Alopezie-Studie werden Grenzwerte für „anhaltende Beeinträchtigung“ nach 17,8 und 20,3 Monaten genannt [s24], obwohl dieselbe Arbeit einen Wiederanstieg von Volumen und Beweglichkeit nach dem Absetzen berichtet. Die DHT-Absenkung (94 und 73 Prozent [s198]) zeigt den pharmakologischen Hintergrund; ob die Wirkung auf die Samenparameter über denselben Weg läuft, ist nicht untersucht.

Zusammenfassung zur Reversibilität. Für Alpha-Blocker ist die Erholung nach Absetzen in Kurzzeitstudien innerhalb von zwei bis drei Tagen belegt [s194, s13]. Unter fortgesetzter Gabe ist das Bild gemischt: Rückbildung bei 12 von 13 Männern in einer koreanischen Studie [s140], keine Rückbildung zwischen Monat 1 und Monat 3 in einer türkischen [s71]. Intermittierende oder niedrig dosierte Gabe führte in unkontrollierten oder kleinen Studien bei 63,3 bis 90,3 Prozent der bereits betroffenen Männer zur Erholung [s205, s88, s55], bei einem Standardarm ohne Erholung [s88]. Ob die Erholung dauerhaft ist und was sie die Harnsymptomatik kostet, ist über drei Monate hinaus nicht untersucht. Für Samenqualität im engeren Sinn (Konzentration, Beweglichkeit, Morphologie, DNA) fehlt bei Alpha-Blockern jede kontrollierte Verlaufsmessung beim Menschen. Bei den 5-Alpha-Reduktase-Hemmern sind die Veränderungen der Samenparameter meist mild und nach Absetzen rückläufig [s198, s152, s24]; die Datenlage stammt von Gesunden, Alopezie-Patienten und selektierten subfertilen Männern, nicht von BPH-Patienten unter Dauertherapie.

Operation und Alpha-Blocker im Vergleich als Einordnung

Verfahren oder WirkstoffMaßWertQuelle
Reguläre TUR-P (randomisierte Vergleiche)Erhalt der Ejakulation34 Prozent[s83]
Prostatic Urethral LiftErhalt der Ejakulation100 Prozent[s83]
AquablationErhalt der Ejakulation90 Prozent[s83]
TUR-P gegenüber Ausgangswert (Metaanalyse)retrograde Ejakulation, RR13,31 (8,37 bis 21,17)[s60]
Laserverfahren gegenüber AusgangswertRR17,37 (5,93 bis 50,81)[s60]
Ejakulationsschonende Endoskopie gegenüber konventionellOR für Erhalt der antegraden Ejakulation15,11 (8,96 bis 25,46)[s06]
TUIP gegenüber Silodosin 8 mg nach 12 Monatenretrograde Ejakulation11 gegenüber 33 von je 96[s100]
Nach BPH-Operation (224 Männer, 3 Monate)Anejakulation 40,2 Prozent, retrograde Ejakulation 34,8 Prozent, antegrad erhalten 25 Prozent[s54]

Diese Zahlen sind Maßstäbe, keine Handlungsanweisung. Sie zeigen, dass in [s100] unter Silodosin 8 mg häufiger retrograde Ejakulation berichtet wurde als nach TUIP (33 gegenüber 11 von je 96), und dass in der Operationsserie [s54] nur bei einem Viertel der Männer die antegrade Ejakulation erhalten blieb. Ein direkter Vergleich zwischen Alpha-Blockern und TUR-P ist mit diesen Daten nicht möglich, weil sie aus verschiedenen Studien mit verschiedener Erfassung stammen.

Was fehlt

Für die Fragestellung dieses Kapitels fehlen folgende Daten, die in der gesamten ausgewerteten Literatur nicht gefunden wurden: eine kontrollierte Samenanalyse mit Zahlen bei BPH-Patienten vor und unter Tamsulosin oder Silodosin; Untersuchungen zu Spermienmorphologie und Spermien-DNA-Fragmentation unter diesen Wirkstoffen; Schwangerschaftsraten der Partnerinnen von Patienten unter Dauertherapie; Langzeitdaten zur Ejakulationsfunktion über sechs Jahre hinaus [s131]; direkte Dosis-Wirkungs-Studien zur Ejakulation bei Patienten; eine Studie, die bei Männern im reproduktiven Alter mit Kinderwunsch Fertilitätsendpunkte unter Alpha-Blockern berichtet; und eine Leitlinie, die zur Samenqualität unter Alpha-Blockern konkrete Aussagen trifft. Die vorhandene Literatur erlaubt daher drei Aussagen mit hoher Sicherheit (die Ejakulation wird unter Tamsulosin und Silodosin gemindert, die Wirkung ist wirkstoff- und erhebungsabhängig, sie ist in Kurzzeitstudien reversibel) und lässt die Frage nach einer Beeinflussung der Samenqualität im Sinne der Spermienbildung offen.

Alle Kapitel und Anhänge (27)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Lesehilfe und Abgrenzung bis Systematische Übersichten zu operativen Verfahren und Ejakulationserhalt (Kontext)
  5. Erzählende Übersichten zu Mechanismus, Klinik und Fruchtbarkeit und Zusammenschau der Metaanalysen
  6. Lesehilfe bis Silodosin: Häufigkeit, Belastung und Verlauf der Ejakulationsstörung bei Patienten
  7. Alpha-Blocker allgemein und Tamsulosin: Häufigkeit, Belastung und Verlauf bis Befragungen von Ärzten und Aufklärungspraxis
  8. Zusammenschau der Beobachtungsstudien und Lücken, Widersprüche und Grenzen der Quellenlage
  9. Zur Lesart dieses Abschnitts bis Randomisierte und vergleichende Studien bei Patienten mit LUTS/BPH
  10. Beobachtungsstudien mit Patienten: Silodosin bis Leitlinien
  11. Tierversuche und Gewebestudien
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Koreanisch
  15. Russisch bis Türkisch
  16. Rückfluss in die Blase oder Ausfall der Samenemission? bis Operation oder Medikament: welches schont die Ejakulation mehr?
  17. Unstimmigkeiten innerhalb einzelner Abstracts und Was bleibt als Befund zu den Widersprüchen
  18. Limitationen der Evidenz
  19. Offene Forschungsfragen
  20. Praktische Einordnung
  21. Glossar
  22. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  23. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  24. Diagramme
  25. Quellen s01–s116
  26. Quellen s117–s229
  27. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle