Alpha-Blocker, Prostatamedikamente und retrograde Ejakulation · Kapitel 11 von 23 · Studienlage: Klinische Studien, Leitlinien und Tierversuche

Tierversuche und Gewebestudien

Die Übertragbarkeit ist begrenzt: Eine Übersicht zu 235 von der FDA zugelassenen Einzelwirkstoffen mit spermatotoxischen Tierbefunden laut Fachinformation fand, dass die gängigen Tiermodelle die Spermientoxizität beim Menschen nicht gut vorhersagen: Für 49 Wirkstoffe gab es dokumentierte negative Wirkungen beim Menschen, für 31 keinen oder einen positiven Effekt, für 155 keine Humandaten [s96].

Samenemission und Fertilität. Ratnasooriya und Wadsworth 1994 [s229] (Ratten, Einzeldosis Tamsulosin 0,15 mg/kg subkutan): signifikante Senkung der Fruchtbarkeit (Implantate, Schwangerschaftsrate, Fertilitätsindex), Effekt spätestens nach sieben Stunden, innerhalb von sieben Tagen abgeklungen; Libido und Paarung praktisch unbeeinträchtigt, die Ejakulationsfähigkeit gestört. Kimsakulvech et al. 2015 [s125] (sechs Ziegenböcke, Latin Square, Tamsulosin 179,8 nmol/kg): Anejakulation bei 11 (91,7 Prozent), 5 (41,7 Prozent) und 1 (8,3 Prozent) der Fälle nach 3, 6 und 24 Stunden; Anteile beweglicher und lebender Spermien nach sechs Stunden signifikant unter denen der Kochsalzgruppe, nach 24 Stunden keine Unterschiede. Eine zweite Arbeit derselben Fragestellung [s124] (sechs Böcke; Tamsulosin 134,8 und 269,7 nmol/kg): Ejakulationsunterdrückung bei beiden Dosen 91,7 Prozent nach drei Stunden, nach zwölf Stunden zeigten alle Tiere wieder Ejakulation, die höhere Dosis führte bis sechs Stunden zu mehr Anejakulation (P < 0,05); Libido und Herzfrequenz unverändert. Sanbe et al. 2007 [s201] (Knockout-Mäuse): Die Schwangerschaftsrate war bei Alpha-1A-Knockout um 50 Prozent vermindert, bei der Dreifach-Knockout-Maus drastisch stärker; die noradrenalininduzierte Kontraktion des Samenleiters war beim Alpha-1A-Knockout deutlich vermindert und beim Dreifach-Knockout vollständig aufgehoben. Das ist ein Gen-Ausfall, keine Arzneimittelwirkung.

Pharmakologische Vergleiche an Ratte und Hund. Yono et al. 2009 [s192] (Ratten, Silodosin 0,1 und 3 mg/kg/Tag, 3 oder 30 Tage): Zahl und Trockengewicht der Ejakulationspfröpfe sanken dosisabhängig; bei niedriger Dosis schwächte sich die Hemmung unter Dauergabe signifikant ab und die mRNA des Alpha-1A-Rezeptors war hochreguliert, was auf Gewöhnung hindeuten könnte (mRNA, nicht Protein; klinisch bleibt die Rate nach drei Monaten hoch [s66]). Yoshizumi et al. 2024 [s47] (Ratten): Prazosin, Terazosin, Tamsulosin und Naftopidil senkten das Gewicht des ausgeschiedenen Seminalmaterials dosisabhängig (Tamsulosin > Terazosin > Prazosin > Naftopidil), der Alpha-1D-Antagonist BMY7378 nicht; nach zweiwöchiger Gabe erhöhte Tamsulosin die Samenblasenflüssigkeit, veränderte aber die retrograde Ejakulation nicht signifikant; die Autoren sehen überwiegend Verlust der Samenemission. Terazosin hemmte im Rattenversuch, obwohl es beim Menschen als risikoarm gilt [s137, s04]. Yoshinaga et al. 2019 [s90] (Ratten): Tadalafil beeinflusste die Ejakulationspfröpfe nicht, Silodosin, Naftopidil und Tamsulosin senkten sie; nur die Alpha-1-Blocker hemmten die nervlich ausgelöste Samenblasenkontraktion (gesunde Ratten, kein BPH-Modell; Autoren aus einem Pharmaunternehmen). Sung et al. 2015 [s129] (telemetrische Messung des Samenblasendrucks bei Ratten, Ejakulation nach Apomorphin; verwertbare Daten bei 10 von 15 Tieren): Der maximale Druck betrug in der Kontrolle 61,4 ± 13,4 mmHg, unter Tamsulosin 3 µg/kg 30,0 ± 5,2, 10 µg/kg 15,1 ± 1,6 und unter Silodosin 1 mg/kg 12,9 ± 2,2 mmHg (alle P < 0,05). Noguchi et al. 2008 [s197] (narkotisierte Rüden; Autoren aus einem Pharmaunternehmen): Alfuzosin, Naftopidil, Prazosin, Silodosin und Tamsulosin hemmten Harnröhren- und Samenleiterdruck dosisabhängig; die Selektivität für den Samenleiter gegenüber der Harnröhre (Verhältnis der ED50) betrug bei Silodosin 7,5, Naftopidil 4,3, Alfuzosin 3,8, Tamsulosin 2,6 und Prazosin 2,5. Tatemichi et al. 2012 [s165] (Ratte, vier Alpha-1-Antagonisten, Hersteller): Alle hemmten noradrenalininduzierte Kontraktionen konzentrationsabhängig (Potenzreihenfolge Tamsulosin > Silodosin > Alfuzosin > Naftopidil) und senkten die Pfropfzahl dosisabhängig; das Verhältnis der ID50 (Pfropfzahl) zu der des Harnröhrendrucks unterschied sich zwischen den Wirkstoffen kaum, die Autoren sehen einen Klasseneffekt. Das widerspricht [s197] und den klinischen Unterschieden; der Widerspruch ist ungeklärt, beide Arbeiten stammen aus der Industrie. Baek et al. 2002 [s220] und Kim et al. 2004 [s218] (Ratten, Druckmessung in Samenblase und Samenleiter nach Stimulation des Nervus hypogastricus): Prazosin, Terazosin und Tamsulosin hemmten beide Drücke ausgeprägt dosisabhängig; serotonerge Substanzen hemmten vor allem den Samenblasendruck (Clomipramin > Serotonin > Fluoxetin > Sertralin ≈ Paroxetin). Die beiden Arbeiten scheinen dasselbe Modell zu beschreiben, bewerten es aber unterschiedlich.

Gewebe. Hayashi et al. 2016 [s110] (isolierte Samenblasen von Meerschweinchen): Silodosin und Tamsulosin unterdrückten dosisabhängig die erste, nervengetriebene Kontraktion; spontane Kontraktionen blieben unberührt. Tambaro et al. 2005 [s215] (Samenleiter der Ratte): Tamsulosin antagonisierte Noradrenalin-Kontraktionen im Nebenhodenabschnitt (pA2 9,2 ± 0,8), verstärkte aber im prostatischen Abschnitt die Spikes und elektrisch ausgelöste Kontraktionen; Alfuzosin (10 µg/kg i.v.) veränderte diese nicht. Giuliano et al. 2006 [s204] (narkotisierte Ratten): Tamsulosin (1 µg/kg i.v.) verminderte die Fläche der Bulbospongiosus-Kontraktionen gegenüber Vehikel und Alfuzosin (beide P < 0,05). Seidensticker et al. 2022 [s64] (ex vivo): Tamsulosin hob Noradrenalin-Kontraktionen in Prostatagängen und Samenblasen auf, Tadalafil nicht. Britto-Júnior et al. 2022 [s58] (In-vitro): Doxazosin und Tamsulosin verschoben die Kurve für 6-Nitrodopamin, nicht die für Noradrenalin, Dopamin oder Adrenalin.

Spermatogenese und Hoden unter Alpha-Blockern. Kohestani et al. 2020 [s77] (30 Wistar-Ratten, 28 Tage Tamsulosin 0,2 oder 0,4 mg/kg/Tag): Hodengewicht (p = 0,004) und Leydig-Zellzahl (p = 0,012) sanken signifikant; die höhere Dosis veränderte auch Spermatogonien, Keimepitheldicke und Kanälchendurchmesser. Der Abstract nennt keine Hormonwerte und schreibt zugleich, Tamsulosin habe das Hormonprofil „verbessert“, während die Schlussfolgerung eine mögliche Senkung der Testosteronkonzentration nennt. Muto et al. 2006 [s209] (Zusammenfassung der Silodosin-Toxizitätsstudien, Hersteller): letale Dosen 800 mg/kg (Ratte) und 1500 mg/kg (Hund); Degeneration des Samenkanälchenepithels nur bei jungen Hunden ab 25 mg/kg/Tag; verminderte männliche Fertilität bei Ratten ab 20 mg/kg/Tag; keine teratogene Wirkung bei Ratte und Kaninchen. Hibi et al. 1995 [s226], Yamamoto et al. 1995 [s228] und Hibi et al. 1996 [s225] (Bunazosin, Ratten, 1 bis 3 Monate, 1 mg/kg/Tag in [s225]): Spermienkonzentration im Nebenhoden, tägliche Spermienproduktion und Kanälchendurchmesser stiegen, die Beweglichkeit blieb gleich; die Autoren vermuten eine erhöhte Speicherkapazität und kurze Transitzeit im Nebenhoden. Machado et al. 2024 [s42] (spontan hypertensive Ratten): Prazosin milderte die schlechtere Spermienkonzentration und Beweglichkeit, nicht den Akrosomschaden; im Hypertonie-Kontext der einzige Befund einer Verbesserung der Spermienqualität durch einen Alpha-1-Blocker in den gefundenen Tierstudien.

Tierversuche zu 5-Alpha-Reduktase-Hemmern. Wang et al. 2005 [s217] (Sprague-Dawley-Ratten, Epristerid und Finasterid oral): beide unterdrückten die Prostataentwicklung, verminderten das Hodengewicht (P < 0,05), senkten DHT, erhöhten Testosteron und hemmten Nebenhodenspermienzahl und Fortpflanzungsfunktion; Gruppengrößen und Dosen fehlen. Jia et al. 2005 [s214] (32 Ratten, vier Gruppen): Finasterid und Testosteronundecanoat verminderten Hoden- und Nebenhodengewicht und hemmten Nebenhodenspermienzahl und Fortpflanzungsfunktion, in der Kombination weniger stark; keine Zahlen zu Spermienwerten. Sun et al. 2018 [s97] (40 Ratten, Finasterid 40 mg/kg/Tag, 14 oder 28 Tage): CD34-Expression um 6,7 und 15,8 Prozent vermindert (P < 0,01), VEGF-Index um 6,9 und 14,1 Prozent; Befund an der Samenblase, hohe Dosis, kein funktioneller Endpunkt. Sirinarumitr et al. 2001 [s223] (neun Hunde mit BPH, 16 Wochen Finasterid): Prostatavolumen −43 Prozent, DHT −58 Prozent, Samenvolumen vermindert, Samenqualität und Testosteron unbeeinträchtigt. Angrimani et al. 2020 [s72] (20 Hunde): Finasterid beeinflusste die Spermien-DNA-Integrität nicht, BPH war mit mehr DNA-Anfälligkeit verbunden. Flores et al. 2022 [s59]: nach Kryokonservierung bessere Spermienfunktion bei mit Finasterid behandelten BPH-Hunden. Daten zu Alpha-Blockern fehlen in den Hundestudien dieser Gruppe.

Pharmakogenetik. Abdullaev et al. 2023 [s48] (106 Patienten, Tamsulosin, Genotypisierung CYP2D6, CYP3A4, CYP3A5): Träger von CYP2D6*10 und 41 mit mäßigen Symptomen hatten nach acht Wochen eine stärkere IPSS-Abnahme (p = 0,046); Allelvarianten beeinflussten die Häufigkeit unerwünschter Ereignisse nicht. Abdullaev et al. 2025 [s20] (103 Männer, Silodosin 8 mg, acht Wochen): CYP3A422-CT-Träger (n = 6) hatten höhere Talspiegel (17,59 ± 2,98 gegenüber 9,0 ± 10,47 ng/ml; p = 0,049); 15 unerwünschte Ereignisse bei 42 Patienten (35,7 Prozent), keine Genotypassoziation. Keine Ejakulationsdaten; sehr kleine Vergleichsgruppe.

Alle Kapitel und Anhänge (27)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Lesehilfe und Abgrenzung bis Systematische Übersichten zu operativen Verfahren und Ejakulationserhalt (Kontext)
  5. Erzählende Übersichten zu Mechanismus, Klinik und Fruchtbarkeit und Zusammenschau der Metaanalysen
  6. Lesehilfe bis Silodosin: Häufigkeit, Belastung und Verlauf der Ejakulationsstörung bei Patienten
  7. Alpha-Blocker allgemein und Tamsulosin: Häufigkeit, Belastung und Verlauf bis Befragungen von Ärzten und Aufklärungspraxis
  8. Zusammenschau der Beobachtungsstudien und Lücken, Widersprüche und Grenzen der Quellenlage
  9. Zur Lesart dieses Abschnitts bis Randomisierte und vergleichende Studien bei Patienten mit LUTS/BPH
  10. Beobachtungsstudien mit Patienten: Silodosin bis Leitlinien
  11. Tierversuche und Gewebestudien
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Koreanisch
  15. Russisch bis Türkisch
  16. Rückfluss in die Blase oder Ausfall der Samenemission? bis Operation oder Medikament: welches schont die Ejakulation mehr?
  17. Unstimmigkeiten innerhalb einzelner Abstracts und Was bleibt als Befund zu den Widersprüchen
  18. Limitationen der Evidenz
  19. Offene Forschungsfragen
  20. Praktische Einordnung
  21. Glossar
  22. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  23. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  24. Diagramme
  25. Quellen s01–s116
  26. Quellen s117–s229
  27. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle