Alpha-Blocker, Prostatamedikamente und retrograde Ejakulation · Kapitel 8 von 23 · Studienlage: Beobachtungsstudien

Zusammenschau der Beobachtungsstudien und Lücken, Widersprüche und Grenzen der Quellenlage

Zusammenschau der Beobachtungsstudien

Häufigkeit und Erhebungsart. Die gemeldeten Raten von Ejakulationsstörungen unter Alpha-Blockern streuen in den Beobachtungsstudien über eine Größenordnung. Die Tabelle stellt die Werte nebeneinander; sie dürfen nicht gepoolt werden, weil Wirkstoff, Dosis, Population, Beobachtungsdauer, Definition und Erhebung wechseln.

StudieWirkstoff, DosisnErhebungRate
Martín-Morales 2008 [s195]verschiedene Alpha-Blocker1177Querschnitt, MSHQ-Domäne82,6 %
Bozkurt 2015 [s122]Silodosin 8 mg30prospektiv, 4 Wochen90 %
Akgül 2021 [s66]Silodosin 8 mg118prospektiv, Fragebögen, 3 Monate52,5 %
SUST 2020 [s71]Silodosin 8 mg98 auswertbarretrospektiv, Anejakulation46,9 % (1 Monat), 50 % (3 Monate)
Sakata 2012 [s163]Silodosin 4 mg zweimal täglich91Fragebogen42 % aller, 95 % der sexuell Aktiven
Cakiroglu 2017 [s100]Silodosin 8 mg96prospektiv erhobene Daten, 12 Monate33 von 96 (34,4 %) retrograde Ejakulation
Descazeaud 2014 [s136]Silodosin914Praxis, gemeldetes Ereignis, 3 Monate17,2 %
Moon 2014 [s140]Silodosin 8 mg100prospektiv, 12 Wochen13 Fälle
Furuya 2010 [s178]Silodosin195retrospektiv, Nebenwirkung10,8 %
Yamanishi 2015 [s131]Silodosin104prospektiv, bis 72 Monate5,8 %
Furuya 2005 [s213]Tamsulosin63 sexuell aktiveretrospektive Befragung30,0 % (Naftopidil 3,0 %)
Iossa 2026 [s12]Tamsulosin 0,4 mg71prospektiv, 4 Wochen49,3 % (klinisch relevant)
Song 2011 [s172]Tamsulosin 0,2 mg177prospektiv, MSHQ, 12 Wochen13,4 %
PERSAT 2020 [s74]Alpha-Blocker381Allgemeinmedizin, Spontanmeldung3,9 % (6 Monate)
Moon 2009 [s189]Tamsulosin 0,2 mg116prospektiv, 3 Monate2 % (retrograde Ejakulation)

Drei Muster fallen auf. Erstens liegen die Raten bei gezielter Befragung sexuell aktiver Männer (42 % bis 95 %, 52,5 %, 82,6 %, 90 %) weit über den Raten bei spontan gemeldeten Ereignissen (3,9 % bis 17,2 %). Die Spannweite innerhalb desselben Wirkstoffs, Silodosin, reicht von 5,8 % bis 90 %; sie ist größer als der Unterschied zwischen Wirkstoffen in den Metaanalysen und spiegelt zu einem großen Teil die Erhebungsart (Deutung, nicht belegt). Zweitens erfassen manche Studien nur sexuell aktive Männer (Sakata: 44 % der Befragten), andere alle; der Nenner ist deshalb nicht vergleichbar. Drittens erfassen Fragebogendomänen (MSHQ-EjD) abgestufte Veränderungen von Volumen, Intensität und Lust, während Ereignismeldungen nur das Auffällige erfassen. Hinzu kommt die Ausgangslage: Bereits vor einem Eingriff hatten 61,6 % der BPH-Patienten einer russischen Kohorte veränderte Ejakulation [s54]; Alter und Symptomschwere gehen mit Ejakulationsstörungen einher [s67, s195].

Dosis und Wirkstoff. Beobachtungsstudien zu Tamsulosin 0,2 mg (Korea, Taiwan, Japan) berichten niedrigere Raten (2 % bis 13,4 %) als Studien mit 0,4 mg (49,3 % klinisch relevante Störung nach vier Wochen) [s172, s189, s162, s12]; ein direkter Beleg für Dosisabhängigkeit ist daraus nicht zu gewinnen, weil Population und Erhebung unterschiedlich sind. Eine randomisierte Dosisvergleichsstudie fand für die abnormale Ejakulation keinen Unterschied zwischen 0,2 und 0,4 mg (jeweils 1,8 %) [s138]. Bei Silodosin zeigt die Studie von Gul und Kollegen mehr unerwünschte Ereignisse unter 8 mg als unter 4 mg [s76]; die Rate unter 4 mg bei Männern mit vorzeitiger Ejakulation betrug 23 % retrograde Ejakulation [s19]. Alfuzosin ist in den Beobachtungsstudien mit der besten oder unveränderten Ejakulationsfunktion verbunden [s195, s141, s62]; die Belege sind überwiegend unkontrolliert, teilweise mit hoher Ausfallquote (60 % bei [s141]), und mehrere Abstracts sprechen Empfehlungen aus, die über die Datenlage hinausgehen [s63, s80, s212].

Mechanismus: Emissionsausfall oder Rückfluss. Die Beobachtungsdaten zum Mechanismus sind uneinheitlich. Für den Emissionsausfall sprechen: kein Spermium im Blasenaspirat oder im Urin nach der Ejakulation bei 33 Männern nach einer Einzeldosis Silodosin [s30], keine retrograde Ejakulation bei 31 gesunden Männern nach Tamsulosin [s13], die nur schwach erhöhte Chance von Spermien im Urinsediment unter Alpha-Blockern (OR 1,55; 1,16 bis 2,08) gegenüber Resektion (OR 2,77) [s130] und die Angabe „Orgasmus mit fehlender Samenemission“ bei 82 % der Ereignisse in den Zulassungsstudien zu Silodosin [s170]. Für zumindest teilweisen Rückfluss sprechen die Bildgebung bei drei Männern [s196], Spermien im Urin nach Verkehr bei 6 von 10 Patienten mit Anejakulation [s206] und die Zuordnung von 18 der 30 betroffenen Patienten als „retrograd“ bei Goktas [s205], deren Kriterien im Abstract nicht erklärt sind. Der Streit ist daher nicht entschieden; wahrscheinlich ist er teilweise ein Streit um Definitionen, Dosis und Wirkstoff. Für die Frage der Fruchtbarkeit ist die Unterscheidung wichtig: Bei Rückfluss können Spermien aus dem Urin gewonnen werden (89 % verwertbare Spermien nach Alkalisierung in einer Fallserie [s109]), bei reinem Emissionsausfall gelangen keine Spermien in die Blase [s30].

Reversibilität und Verlauf. Die Befunde zur Rückbildung sind konsistent, aber schwach gesichert: Nach Einzeldosis Tamsulosin 0,8 mg erholten sich Volumen und Spermienkonzentration bei den meisten Männern innerhalb von 24, bei allen innerhalb von 48 Stunden [s13]; unter fortgesetzter Silodosin-Gabe bildete sich das Ejakulationsversagen bei 12 von 13 Patienten ohne Behandlung zurück [s140]; unter intermittierender oder reduzierter Tamsulosin-Gabe erholte sich die Ejakulation bei 19 von 30 [s205] beziehungsweise 20 von 25 [s55]; in einer randomisierten offenen Studie verschwanden nach dem Absetzen von Tamsulosin bei allen Patienten der Monotherapiegruppe die Symptome der retrograden Ejakulation, ohne dass der Nenner genannt wird [s200]. Gegenläufig stehen die Langzeitdaten: Nach 72 Monaten setzten nur 25 % Silodosin fort, und die Absetzgründe waren überwiegend nicht ejakulationsbezogen [s131], ein Überlebensbias ist wahrscheinlich.

Zusammenhang mit der Wirkung und Therapietreue. Post-hoc-Analysen der Zulassungsstudien und die Metaregression zeigen, dass Männer mit Ejakulationsstörung tendenziell eine größere Symptombesserung haben [s170, s179, s137]; eine türkische Beobachtungsstudie fand das Gegenteil (keine Besserung bei Patienten mit retrograder Ejakulation) [s221]; Furuya und Kollegen fanden, dass Patienten mit Nebenwirkungen jünger waren und niedrigere IPSS-Werte nach der Behandlung hatten [s178]. Bei Akgül und Kollegen wollten 42 % der Männer mit Störung absetzen, aber vor allem die weniger Gebesserten [s66]. Psychisch war die Ejakulationsstörung in einer russischen Kohorte mit Depressionszeichen verbunden, allerdings bei auffälligen Selektionszeichen [s34]. Die einzige Studie zur Informationsbedingung deutet auf einen Nocebo-Anteil beim berichteten niedrigen Volumen, aber nicht bei der Anejakulation [s86].

Samenqualität: was die Beobachtungsstudien tragen. Sie tragen nahezu nichts zur Frage einer Schädigung der Spermienbildung bei Patienten unter Dauertherapie. Der einzige Beobachtungsbefund mit Spermienparametern bei Patienten unter Tamsulosin (Vorteil gegenüber Alfuzosin) enthält keine Zahlen [s106]; die russische Prostatitis-Studie berichtet Zunahmen von Spermienmerkmalen mit Störfaktoren [s142]; die Spermienkonzentrationen bei Probanden nach Einzeldosen spiegeln Abgabe, nicht Bildung [s13, s30]. Für 5-Alpha-Reduktase-Hemmer gibt es kleine Serien mit Erholung der Spermienzahl nach dem Absetzen und eine Studie zur Dutasterid-Dauer [s152, s173, s24]. Pharmakovigilanzsignale für Samenqualität betreffen Finasterid, Dutasterid und, mit schwächerem Signal, Tamsulosin [s31]; sie sind keine Häufigkeitsangaben. Die Tierversuche, deren Übertragbarkeit nach einer Übersicht begrenzt ist [s96], gehören in ein anderes Kapitel.

Lücken, Widersprüche und Grenzen der Quellenlage

  1. Keine kontrollierten Langzeitdaten zur Samenqualität bei Patienten. Weder Spermienkonzentration noch Beweglichkeit, Morphologie oder DNA-Fragmentation unter Dauertherapie mit Tamsulosin oder Silodosin wurden in einer der gefundenen Beobachtungsstudien oder Übersichten mit Zahlen berichtet; ebenso fehlen Daten zu Schwangerschaften der Partnerinnen von Patienten. Die vorhandenen Probandendaten sind kurz und klein.
  2. Begriffliche Unschärfe. „Retrograde Ejakulation“, „Anejakulation“, „verminderte Samenmenge“ und „abnormale Ejakulation“ werden uneinheitlich verwendet; die Cochrane-Reviews werten „sexuelle unerwünschte Ereignisse“ [s103, s94]. Metaanalysen und Meldedatenbanken übernehmen diese Begriffe unkritisch.
  3. Abstract-basierte Zahlen. Konfidenzintervalle, Heterogenität und Verzerrungsrisiko fehlen häufig; Zahlen mit erkennbaren Unstimmigkeiten sind: das Intervall der Netzwerk-Metaanalyse von Li [s26], die nicht zugeordneten Anteile bei Cui [s160], das Intervall bei Guo und Tang [s68], die Privatklinik-Assoziation bei Alshahrani [s21], die Summe der Einzelwerte bei Song [s172] sowie der Unterschied der Tamsulosin-Odds-Ratio zwischen Metaanalyse und Leitlinientext (8,58 gegenüber 8,57) [s137, s04]. Sie sind wie berichtet wiedergegeben und nicht korrigiert.
  4. Widersprüche zwischen Studien. Silodosin gegenüber Tamsulosin: erhöhtes Risiko [s103, s26, s155] gegenüber keinem Unterschied [s144]; Alpha-Blocker gegenüber Mirabegron bei Harnleitersteinen: OR 16,30 [s45] gegenüber vergleichbaren Raten [s23]; Tamsulosin: keine Verschlechterung der Ejakulationsfunktion (0,2 mg) [s148, s162] gegenüber Rückgang des Volumens oder häufigen Störungen [s219, s213].
  5. Populationen. Die Studien betreffen Männer mit BPH, gesunde Probanden, Männer mit Prostatitis, mit vorzeitiger Ejakulation, mit Harnleitersteinen oder mit Alopezie; Ergebnisse sind nur eingeschränkt übertragbar. Die höchsten Fallzahlen stammen aus Spontanmeldesystemen und Praxisbeobachtungen, die niedrigsten Studienqualitäten aus unkontrollierten Fragebogenstudien.
  6. Sprachräume und Zugänglichkeit. Die nicht-englischsprachige Literatur ist dünn und liegt überwiegend nur als Abstract vor; Datenbanken wie eLIBRARY.ru, DergiPark, CNKI-Volltexte, Cairn, SciELO-Suche, LILACS und das AWMF-Register waren nicht erreichbar oder nicht auswertbar. „Keine arabischsprachigen, portugiesischsprachigen oder deutschsprachigen Primärstudien gefunden“ ist ein Zugriffsergebnis, kein Nachweis der Abwesenheit solcher Studien.
  7. Interessenkonflikte und Finanzierung wurden aus den Abstracts nicht geprüft; mehrere Arbeiten tragen Markennamen im Titel oder stammen von denselben Gruppen [s63, s62, s55, s88, s20, s48, s149, s168].
  8. Keine Therapieempfehlung. Wo Autoren Wirkstoffwahl oder Dosierung empfehlen, ist das als Aussage der jeweiligen Arbeit wiedergegeben und nicht übernommen.
Alle Kapitel und Anhänge (27)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Lesehilfe und Abgrenzung bis Systematische Übersichten zu operativen Verfahren und Ejakulationserhalt (Kontext)
  5. Erzählende Übersichten zu Mechanismus, Klinik und Fruchtbarkeit und Zusammenschau der Metaanalysen
  6. Lesehilfe bis Silodosin: Häufigkeit, Belastung und Verlauf der Ejakulationsstörung bei Patienten
  7. Alpha-Blocker allgemein und Tamsulosin: Häufigkeit, Belastung und Verlauf bis Befragungen von Ärzten und Aufklärungspraxis
  8. Zusammenschau der Beobachtungsstudien und Lücken, Widersprüche und Grenzen der Quellenlage
  9. Zur Lesart dieses Abschnitts bis Randomisierte und vergleichende Studien bei Patienten mit LUTS/BPH
  10. Beobachtungsstudien mit Patienten: Silodosin bis Leitlinien
  11. Tierversuche und Gewebestudien
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Koreanisch
  15. Russisch bis Türkisch
  16. Rückfluss in die Blase oder Ausfall der Samenemission? bis Operation oder Medikament: welches schont die Ejakulation mehr?
  17. Unstimmigkeiten innerhalb einzelner Abstracts und Was bleibt als Befund zu den Widersprüchen
  18. Limitationen der Evidenz
  19. Offene Forschungsfragen
  20. Praktische Einordnung
  21. Glossar
  22. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  23. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  24. Diagramme
  25. Quellen s01–s116
  26. Quellen s117–s229
  27. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle