Zur Lesart der Einstufungen. „Evidenzstärke“ beschreibt, welche Art von Studien einen Befund trägt: hoch (Metaanalysen randomisierter Studien, Cochrane-Reviews), mittel (einzelne randomisierte oder kontrollierte Studien, auch kleine), niedrig (offene Beobachtungen ohne Kontrollgruppe, Post-hoc-Analysen, Fallserien, Meldedatenbanken), sehr niedrig (Tierversuche, Gewebeversuche, Hypothesen, Einzelfälle). „Gewissheit“ beschreibt, wie sicher die Aussage für die Frage dieser Studie gelten darf, also für Männer unter Alpha-Blockern und anderen Prostatamedikamenten. Beide Einstufungen sind eigene Einschätzungen aus dem Studiendesign laut Abstract, kein GRADE-Verfahren (Ausnahme: die GRADE-Angaben der Cochrane-Reviews [s103, s94]).
- Alpha-Blocker erhöhen die Zahl von Ejakulationsstörungen deutlich, und zwar je nach Wirkstoff unterschiedlich. Metaanalyse randomisierter Studien: Odds Ratio gegenüber Placebo 5,88; Tamsulosin 8,58; Silodosin 32,5; Doxazosin und Terazosin ohne erkennbare Erhöhung [s137]. Die EAU-Leitlinie gibt dieselben Größen wieder (Tamsulosin dort 8,57; Doxazosin 0,80, Terazosin 1,78) [s04]; eine Netzwerk-Metaanalyse von 25 Studien nennt für Silodosin ein relatives Risiko von 24,94 für retrograde Ejakulation gegenüber Placebo [s26]. Evidenzstärke: hoch. Gewissheit: hoch für die Richtung und die Rangfolge der Wirkstoffe, mäßig für die absolute Größe, weil „Ejakulationsstörung“ in den Ursprungsstudien meist ein nebenbei erfasstes Sicherheitsereignis mit uneinheitlicher Definition war.
- Silodosin verursacht mehr Ejakulationsstörungen als Tamsulosin; Naftopidil liegt unter Silodosin. Cochrane-Review: Silodosin gegenüber Tamsulosin RR 6,05 (Konfidenzintervall 3,55 bis 10,31) für sexuelle unerwünschte Ereignisse [s103]; Naftopidil gegenüber Silodosin RR 0,15 (0,06 bis 0,42; moderate Qualität), gegenüber Tamsulosin RR 0,54 (0,24 bis 1,22; niedrige Qualität) [s94]. In der europäischen Phase-3-Studie traten verminderte oder fehlende Ejakulationen bei 14 Prozent unter Silodosin 8 mg und 2 Prozent unter Tamsulosin 0,4 mg auf [s159]. Eine Metaanalyse von vier Studien fand dagegen keinen signifikanten Unterschied zwischen Silodosin und Tamsulosin 0,2 mg [s144]. Evidenzstärke: hoch (Silodosin gegen Tamsulosin), niedrig bis mittel (Naftopidil, nur asiatische Studien von 4 bis 12 Wochen). Gewissheit: mäßig bis hoch.
- Der Hauptmechanismus ist ein Ausfall der Samenemission; ein Rückfluss in die Blase kommt vor, ist aber nicht der Kern. Randomisierte Cross-over-Studien an gesunden Männern: Silodosin, 15 Männer, vollständige Anejakulation, keine Spermien im Urin nach der Ejakulation [s194]; Tamsulosin 0,2 und 0,4 mg, 17 Männer, Ejakulatvolumen von 2,72 auf 1,75 und 1,51 ml, nie Spermien im Mittelstrahlurin [s208]; Tamsulosin 0,8 mg, 48 Männer, vollständige Anejakulation bei 35,4 Prozent [s207]; Silodosin 8 mg als Einzeldosis bei 33 auswertbaren Männern, keine Spermien im Blasenaspirat und im Urin nach der Ejakulation [s30]. Dagegen zeigte ein Farbdoppler-Ultraschall bei drei Männern unter Silodosin einen Einstrom in die Blase [s196], und bei 6 von 10 Männern mit Anejakulation fanden sich Spermien im Urin [s206]. In einer großen Querschnittsstudie war die Einnahme von Alpha-1-Blockern nur schwach mit Spermien im Urinsediment verbunden (OR 1,55) [s130]. Evidenzstärke: mittel. Gewissheit: mäßig; die Studien sind kurz, klein und an gesunden Männern durchgeführt, und eine Mischung beider Mechanismen ist nicht ausgeschlossen.
- Die berichtete Häufigkeit hängt stark von der Erhebungsart ab. Spontan erfasste Ereignisse: 3,9 Prozent unter Alpha-Blockern in der französischen Allgemeinpraxis [s74], 1,8 Prozent in beiden Dosisarmen einer koreanischen Studie [s138], 1,2 Prozent unerwünschte Ereignisse insgesamt in einer russischen Beobachtung an 1000 Patienten, ohne Ejakulationskategorie [s127]. Gezielte Befragung: 42 Prozent, unter tatsächlich sexuell Aktiven 95 Prozent unter Silodosin [s163], 90 Prozent nach vier Wochen [s122], 82,6 Prozent in einer spanischen Querschnittsstudie ohne Ausgangswerte [s195]. Evidenzstärke: niedrig (Beobachtungsstudien). Gewissheit: gering für jede einzelne Zahl, hoch für die Aussage, dass Methode und Definition die Spanne erklären müssen.
- Die Störung ist nach den vorliegenden Daten rückbildungsfähig; Hinweise auf Gewöhnung bei Dauergabe sind punktuell. Nach Silodosin war das Volumen drei Tage später wieder auf dem Ausgangswert [s194]; nach einer Einzeldosis Tamsulosin 0,8 mg war die Erholung bei allen Männern innerhalb von 48 Stunden abgeschlossen [s13]; unter fortgesetztem Silodosin 8 mg bildete sich das Ejakulationsversagen bei 12 von 13 Männern ohne Behandlung zurück [s140]; im Rattenversuch schwächte sich die Hemmung unter Dauergabe niedriger Silodosin-Dosen ab [s192]. Studien zu verringerter oder intermittierender Tamsulosin-Gabe berichten Erholungsraten von 63,3 Prozent [s205], 74,1 und 90,3 Prozent gegenüber 0 Prozent unter unveränderter Dosis [s88] und 80 Prozent [s55]; diese Befunde sind hier als Studienergebnisse wiedergegeben, nicht als Handlungsempfehlung, und stammen aus unkontrollierten oder placebofreien Studien mit bereits betroffenen Männern. Evidenzstärke: mittel (Probandenstudien) bis niedrig (Patientenstudien). Gewissheit: mäßig für die Reversibilität nach kurzer Gabe, gering für Verlauf und Gegenmaßnahmen bei langer Gabe.
- Eine Ejakulationsstörung geht in Post-hoc-Analysen mit stärkerer Symptombesserung einher. Metaregression: unabhängiger Zusammenhang mit der Besserung von IPSS und Qmax [s137]; Post-hoc-Analysen zu Silodosin: 28 Prozent berichteten eine „retrograde Ejakulation“, davon 82 Prozent als Orgasmus ohne Samenemission [s170], und die IPSS-Differenz war in der Gruppe mit Störung größer [s179]. Evidenzstärke: niedrig (Gruppenbildung nach einem Ereignis nach der Randomisierung). Gewissheit: gering; die Autoren sehen einen Hinweis auf die Stärke der pharmakologischen Wirkung, keinen Beweis für Ursächlichkeit.
- Zur Samenqualität unter Alpha-Blockern gibt es nur wenige kurze Studien an gesunden Männern. Tamsulosin 0,8 mg über fünf Tage: Gesamtspermienzahl pro Ejakulat −54,6 Mio. gegenüber +81,5 Mio. unter Placebo und +46,2 Mio. unter Alfuzosin, Anteil beweglicher Spermien −13,8 Prozent, unter Placebo −2,3 Prozent [s183]; Einzeldosis 0,8 mg: Aspermie bei 80,7 Prozent, Azoospermie im Ejakulat bei 80,7 Prozent, Normalisierung binnen zwei Tagen, keine retrograde Ejakulation [s13]; Silodosin 8 mg, 63 Männer: reversible Azoospermie, im einjährigen zweiten Studienteil (Einnahme drei Stunden vor dem Verkehr) keine ungewollte Schwangerschaft, vier Teilnehmer gingen in der Nachbeobachtung verloren [s73]. Evidenzstärke: mittel bis niedrig (randomisiert, aber klein und kurz). Gewissheit: gering für die Übertragung auf Patienten unter Dauertherapie in Standarddosis.
- Spermien im Ejakulat sind nicht dasselbe wie Spermienbildung. Eine randomisierte Studie an 200 Männern (Silodosin 8 mg: Gesamtspermienzahl nach drei Monaten 0,113 gegenüber 75,967 unter Placebo, Schwangerschaften 4 gegenüber 17 Prozent) [s15] und die Studien aus Punkt 7 messen, was im Ejakulat ankommt. Eine Übersicht ordnet die Wirkung der gehemmten Samenemission zu und nicht einer Hemmung der Spermatogenese; die Evidenz für eine Verhütungswirkung nennt sie unzureichend [s17]. Evidenzstärke: mittel (eine Randomisierung). Gewissheit: gering bis mäßig; die Zahlen im Abstract (Einheiten fehlen, auffällig enge beziehungsweise weite Streuungen) ließen sich nicht prüfen.
- Zu Spermienform, Spermien-DNA, Zeugungsfähigkeit und Fruchtbarkeit unter Dauertherapie ist nichts Belastbares veröffentlicht. Die einzige Patientenstudie mit Spermienparametern unter einem Alpha-Blocker (Tamsulosin gegen Alfuzosin, 80 Männer) berichtet im Abstract keine einzige Zahl [s106]; eine russische unkontrollierte Auswertung bei 758 Männern mit chronischer Prostatitis, die überwiegend Tamsulosin erhielten, berichtet gebesserte Spermienmerkmale, hat aber Antibiotika als Störfaktor und keine Kontrolle [s142]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: keine Aussage möglich; Abwesenheit von Studien ist nicht Abwesenheit von Wirkung.
- 5-Alpha-Reduktase-Hemmer verändern Samenparameter leicht, vor allem Volumen und Beweglichkeit, und überwiegend rückbildungsfähig. Randomisierte Einjahresstudie an 99 gesunden Männern: Gesamtspermienzahl nach 26 Wochen −28,6 Prozent (Dutasterid) und −34,3 Prozent (Finasterid), nach 52 Wochen nicht mehr signifikant; die Beweglichkeit sank um 6 bis 12 Prozent, auch bei der Nachkontrolle [s198]. Finasterid 1 mg bei 181 jungen Männern ohne Effekt auf Konzentration, Zahl, Beweglichkeit und Form [s224]. Dutasterid bei Haarausfall: Volumen und Beweglichkeit sinken mit der Behandlungsdauer und steigen nach dem Absetzen [s24]. Die Kombination mit einem Alpha-Blocker erhöht die Ejakulationsstörungen etwa auf das Dreifache (OR 3,75 gegenüber Alpha-Blockern allein) [s137]. Eine Fallserie von 27 Männern aus einer Kinderwunschsprechstunde berichtet nach dem Absetzen von Finasterid im Mittel das 11,6-Fache der Spermienzahl [s152]. Evidenzstärke: mittel (randomisierte Studien, aber gesunde oder junge Männer; Fallserien niedrig). Gewissheit: mäßig für Volumen und Rückbildung, gering für Fruchtbarkeit bei Männern mit BPH.
- Tierversuche zeigen verminderte Samenemission und Fruchtbarkeit nach Alpha-Blockade, teils Hodenveränderungen; ihre Übertragbarkeit ist begrenzt. Rahmen: Von 235 Arzneimitteln mit spermientoxischem Tierbefund hatten 49 dokumentierte negative Wirkungen auf menschliche Spermien, 31 keine oder positive, für 155 gab es keine Humandaten [s96]. Beispiele: Eine Einzeldosis Tamsulosin senkte die Fruchtbarkeit männlicher Ratten, Libido und Paarung blieben erhalten [s229]; bei Ziegenböcken trat nach 3 Stunden bei 91,7 Prozent der Versuche Anejakulation auf, nach 24 Stunden bei 8,3 Prozent [s125]; Hodengewicht und Zahl der Leydig-Zellen sanken bei Ratten nach 28 Tagen Tamsulosin [s77]; dagegen stieg die Spermienkonzentration im Nebenhoden unter Bunazosin [s226, s228]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: gering.
- Meldedatenbanken liefern Signale, keine Häufigkeiten. Von 7404 Meldungen zu Ejakulationsstörungen entfielen bei „retrograder Ejakulation“ 35,4 Prozent auf Tamsulosin [s43]; für Tamsulosin zeigte sich ein Signal bei verminderter Samenqualität (148 Fälle) [s31]; Silodosin hatte unter den Medikamenten mit sexueller Dysfunktion ein Meldeverhältnis von 21,81 [s32]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: gering; die Meldenden kodieren Begriffe, die dem Mechanismus nicht entsprechen müssen.
- Die Ausgangslage ist keine reine Medikamentenwirkung. Fast jeder zweite Mann mit LUTS (46 Prozent) berichtet Ejakulationsstörungen [s67]; vor einer Operation hatten 61,6 Prozent von 224 Männern schon eine veränderte Ejakulation [s54]. Zum Vergleich steigt nach Operationen das Risiko retrograder Ejakulation stark (RR 13,31 nach TUR-P) [s60]. Auch die Erwartung wirkt: Wurden sexuelle Nebenwirkungen vorab genannt, meldeten 40,9 statt 22,2 Prozent ein niedriges Ejakulatvolumen [s86]. Evidenzstärke: niedrig bis mittel. Gewissheit: mäßig.
- Die Quellenlage außerhalb des Englischen ist dünn, die größten Lücken liegen in den nicht erreichbaren Datenbanken. Primärstudien auf Deutsch, Italienisch und Portugiesisch zum Thema fanden sich nicht; das Gewicht liegt auf englischsprachigen Arbeiten aus Japan, Korea, China, der Türkei, Ägypten und Russland. Evidenzstärke: nicht anwendbar. Gewissheit: hoch für die Aussage über den eigenen Suchstand, gering für die Aussage über die Weltliteratur.