GLP-1-Rezeptoragonisten (Semaglutid, Tirzepatid) · Kapitel 7 von 20 · Studienlage: Beobachtungsstudien

Erektile Funktion: Datenbankkohorten, Meldedaten und genetische Näherung bis Zusammenfassende Bewertung der Beobachtungsstudien

Erektile Funktion: Datenbankkohorten, Meldedaten und genetische Näherung

Die folgenden sechs Arbeiten beantworten dieselbe Frage mit sehr unterschiedlichen Mitteln und kommen zu gegensätzlichen Ergebnissen. Eine gemeinsame Zusammenschau steht am Ende dieses Abschnitts.

Able und Kollegen 2025: Semaglutid bei nicht diabetischen adipösen Männern, TriNetX [s41]

Publikation. Able C, Liao B, Saffati G et al., International Journal of Impotence Research 2025. Retrospektive Kohortenstudie mit der Datenbank TriNetX; Abstract abgerufen.

Design und Population. Männer von 18 bis 50 Jahren ohne Diabetes (keine Diabetesdiagnose, HbA1c höchstens 6,5 %, nie Insulin oder Metformin) mit BMI über 30 kg/m², denen nach dem 1. Juni 2021 (Zulassung für Gewichtsabnahme) Semaglutid verordnet wurde. Ausgeschlossen waren frühere ED-Diagnose, PDE5-Hemmer, intrakavernöse Injektionen, Penisprothese, Testosteronmangel oder -verordnung in der Vorgeschichte, Beckenbestrahlung, radikale Prostatektomie und pulmonale Hypertonie. Es wurden 3094 Männer mit Semaglutid-Verordnung (Alter bei Verordnung 37,8 ± 7,8 Jahre, BMI 38,6 ± 5,6) mit einer gleich großen Gruppe nicht exponierter Männer verglichen (Matching; die Abgleichsvariablen nennt der Abstract nicht).

Endpunkte und Ergebnisse. Primär: neue ED-Diagnose oder neue PDE5-Hemmer-Verordnung mindestens einen Monat nach der Verordnung; sekundär: Diagnose Testosteronmangel. Ergebnis: 1,47 % gegenüber 0,32 % (Risikoverhältnis 4,5; 95-%-KI 2,3 bis 9,0) und 1,53 % gegenüber 0,80 % (RR 1,9; KI 1,2 bis 3,1). Aus den Prozentwerten ergeben sich rechnerisch rund 45 gegenüber 10 Männern mit dem primären Ereignis (eigene Rechnung, im Abstract nicht genannt).

Stärken. Große Stichprobe, Beschränkung auf nicht diabetische Männer (keine Vermischung mit diabetesbedingter ED), klare Ausschlusskriterien, Fragestellung zu einer sehr häufig verwendeten Anwendung (Gewichtsabnahme).

Schwächen. Sehr niedrige Ereigniszahlen mit entsprechend breitem Konfidenzintervall; Datenbank mit Abrechnungs- und Verordnungscodes (der Endpunkt „ED oder PDE5-Hemmer“ ist kein gemessener Erektionswert); mögliche Entdeckungsverzerrung (wer in Behandlung ist, wird häufiger angesprochen und kommt häufiger zu Verordnungen); keine aktive Vergleichsgruppe (Vergleich mit Männern ohne Verordnung, die sich in Gewichtsverlauf und Arztkontakt unterscheiden können); der Gewichtsverlust selbst ist ein möglicher Auslöser sexueller Aktivität und damit von PDE5-Verordnungen; die Informationen zum Matching fehlen. Der Abstract weist darauf hin, dass die Packungsbeilagen sexuelle Funktionsstörung als Nebenwirkung führen.

Einordnung. Häufig zitiert (unter anderem in [s15, s32]) und das stärkste Warnsignal der Beobachtungsliteratur, aber ohne Dosis, ohne Zeitverlauf und ohne Vergleich mit einer Gewichtsabnahme auf anderem Weg. Die Zahl „4,5-fach“ beschreibt ein relatives Risiko bei sehr seltenem Ereignis.

Tang und Kollegen 2026 (USA): Target-Trial-Emulation, GLP-1-RA gegen DPP-4-Hemmer bei Typ-2-Diabetes [s32]

Publikation. Tang H, Lu Y, Zhang B et al., EClinicalMedicine 2026; Penn Medicine (University of Pennsylvania Health System), gefördert von den US-amerikanischen National Institutes of Health. Abstract und Volltext abgerufen.

Design und Methodik. Emulation einer Zielstudie mit elektronischen Krankenakten (Januar 2019 bis September 2024; Gesundheitssystem mit mehr als 6,5 Millionen Patienten). Erwachsene Männer mit Typ-2-Diabetes (ICD-10 E11), die ein GLP-1-RA oder einen DPP-4-Hemmer neu begannen (Auswaschphase ein Jahr); Ausschluss früherer ED und Dialyse. Endpunkt: erstmalige ED-Diagnose (ICD-10 N52), Beobachtung bis ED, Tod oder 30. September 2024 (Intention-to-treat). Gewichtung mit stabilisierter inverser Wahrscheinlichkeitsgewichtung (sIPTW), Cox-Modelle, Subgruppen, Sensitivitätsanalysen (Standard-IPTW, Matching, SGLT2-Hemmer als anderer Vergleich), Kalibrierung mit 38 Negativkontroll-Endpunkten und externe Validierung in TriNetX.

Population. Vor der Gewichtung 4864 Männer unter GLP-1-RA und 5568 unter DPP-4-Hemmern; die Gruppen unterschieden sich stark (Alter 58,7 gegenüber 66,2 Jahre; BMI 35,3 gegenüber 30,5 kg/m²; Adipositasdiagnose 37,2 gegenüber 16,7 %; Sulfonylharnstoffe 16,9 gegenüber 28,3 %). Nach Gewichtung 4910 und 5524 mit standardisierten Differenzen unter 0,1 für die Schlüsselvariablen. HbA1c fehlte bei 40,3 % der Männer und wurde einfach imputiert.

Ergebnisse. Vor der Gewichtung: 557 Ereignisse bei 4864 (44,4 pro 1000 Personenjahre) gegenüber 422 bei 5568 (24,6); Hazard Ratio 1,78 (KI 1,57 bis 2,02). Nach Gewichtung: 495 von 4910 gegenüber 451 von 5524, 35,2 gegenüber 28,0 pro 1000 Personenjahre; HR 1,26 (KI 1,08 bis 1,46; p = 0,004); mittlere Nachbeobachtung 2,86 gegenüber 2,92 Jahre. Subgruppen und Sensitivitätsanalysen (einschließlich SGLT2-Hemmer als Vergleich) ergaben ähnliche Ergebnisse, bei Einzelwirkstoffen eine höhere Rate unter Dulaglutid, andere Schätzungen ungenau; keine signifikante Wechselwirkung. In der externen Validierung (224 022 Anwender von GLP-1-RA und 114 660 von DPP-4-Hemmern in TriNetX, 98 131 gematchte Paare, Nachbeobachtung 2,68 gegenüber 3,31 Jahre) betrug die HR 1,13 (KI 1,10 bis 1,17). Nach Kalibrierung mit Negativkontroll-Endpunkten blieb die Richtung gleich, der Zusammenhang war aber abgeschwächt und nicht mehr signifikant.

Stärken. Methodisch die anspruchsvollste Beobachtungsstudie zur ED: aktiver Vergleich, Neuanwender-Design, Gewichtung, Negativkontrollen, externe Validierung, nicht kommerzielle Förderung.

Schwächen. Der Endpunkt ist ein Diagnosecode, der leichte Fälle verfehlt; Diabetesdauer und Vorbehandlung fehlten oder waren unvollständig; ein erheblicher Teil des Rohunterschieds (HR 1,78) verschwand durch Gewichtung, was auf starke Confounding-Anteile hinweist; Gewichtsverlauf und Blutzuckerverlauf nach Beginn wurden nicht als Mediatoren untersucht; die Behandlungsgruppen weisen unterschiedliche Nachbeobachtungsdauern auf. Die Autoren schreiben selbst, die Ergebnisse könnten Rest- oder Selektionsverzerrung widerspiegeln und belegten keine Kausalität; sie halten autonome Funktionsänderungen als mögliche Erklärung für denkbar (Hypothese).

Einordnung. Die Studie ergibt eine mäßig erhöhte Rate neuer ED-Diagnosen gegenüber DPP-4-Hemmern, die nach Kalibrierung nicht mehr statistisch gesichert ist. Das spricht für Verzerrung, schließt einen Effekt aber nicht aus. Gegenläufig dazu steht eine explorative Auswertung der REWIND-Studie mit Dulaglutid gegen Placebo (HR 0,92; KI 0,85 bis 0,99; zitiert nach [s63], die Originalarbeit liegt nicht vor), während die Datenbank bei Dulaglutid eine höhere Rate sah.

Cowart und Kollegen 2025: Tirzepatid und ED bei Typ-2-Diabetes [s46]

Publikation. Cowart K, Murphy C, Carris N, Journal of Diabetes and Its Complications 2025. Retrospektive Kohortenstudie mit TriNetX; Abstract abgerufen.

Design und Population. Männer von 18 bis 70 Jahren mit Typ-2-Diabetes und ohne frühere ED, 13. Mai 2022 bis 17. Mai 2025. Drei Eins-zu-eins-Vergleiche nach Propensity-Score: Tirzepatid gegen Sitagliptin, gegen injizierbares Semaglutid und gegen Dulaglutid. Endpunkt: ED-Diagnose oder PDE5-Hemmer-Verordnung.

Ergebnisse. Risikoverhältnisse für den zusammengesetzten Endpunkt: Tirzepatid gegen Sitagliptin 0,70 (KI 0,64 bis 0,76), gegen Semaglutid 0,67 (0,62 bis 0,72), gegen Dulaglutid 0,55 (0,51 bis 0,59); alle p < 0,001. Fallzahlen nennt der Abstract nicht.

Stärken. Aktive Vergleichsgruppen, mehrere Vergleiche, Propensity-Score-Matching.

Schwächen. Keine Fallzahlen im Abstract, Datenbankcodes als Endpunkt; Tirzepatid ist in dem Beobachtungsfenster (ab 13. Mai 2022) neu, sodass Anwender, Verordnungsmuster und Nachbeobachtungsdauer von den Vergleichswirkstoffen abweichen können (Einschätzung); die Studie vergleicht Wirkstoffe untereinander und beantwortet damit nicht, ob die Anwendung insgesamt ED erhöht oder senkt.

Einordnung. Eine geringere ED-Rate unter Tirzepatid gegenüber anderen Antidiabetika; die Richtung ist gegenläufig zu Tang und Able, wobei Population, Vergleich und Endpunkt verschieden sind. Dass die größte Differenz gegenüber Dulaglutid besteht, passt zu der höheren Rate unter Dulaglutid in der Subgruppe von Tang [s32], steht aber im Gegensatz zum fehlenden Signal für Dulaglutid in der FAERS-Auswertung [s20].

Pourabhari Langroudi und Kollegen 2025: Meldedaten zu männlicher sexueller Dysfunktion [s60]

Publikation. Pourabhari Langroudi A, Chen AL, Basran S et al., International Journal of Impotence Research 2025. Querschnittsauswertung der FDA-Spontanmeldungen (FAERS); Abstract abgerufen.

Design und Ergebnisse. Meldungen vom vierten Quartal 2003 bis zum ersten Quartal 2024 mit der Plattform OpenVigil 2.1; männliche Meldungen zu Orgasmusstörung, ED oder vermindertem Verlangen unter Tirzepatid, Semaglutid, Dulaglutid, Exenatid, Lixisenatid und Liraglutid; Disproportionalitätsmaße ROR, PRR und RRR mit Evans-Kriterien. 182 Fälle (überwiegend 40 bis 60 Jahre; Exenatid 24,2 %, Semaglutid 21,4 %; Diabetes häufigste Indikation mit 43,9 %). Trotz signifikanter Chi-Quadrat-Werte (p < 0,0001) waren ROR 0,41 (KI 0,36 bis 0,48), PRR 0,41 (0,36 bis 0,48) und RRR 0,42 (0,36 bis 0,48) niedrig; die Autoren sehen eine schwache Assoziation und ein insgesamt niedriges Risiko, betonen aber die Notwendigkeit der Beobachtung bei zunehmender Verwendung.

Schwächen. Spontanmeldungen unterliegen Meldeverzerrung, enthalten keine Nenner und keine Kontrolle für die Grunderkrankung; ein ROR unter 1 bedeutet, dass solche Meldungen unter GLP-1-RA seltener vorkommen als im Durchschnitt aller Arzneimittel, und sagt nichts über das absolute Risiko; zusammengefasst wurden sehr verschiedene Wirkstoffe und Endpunkte.

Lin und Kollegen 2026 (China): Sexuelle Sicherheitssignale gängiger Antidiabetika, FAERS [s20]

Publikation. Lin S, Ding X, Dang X, Zhan Q, Andrology 2026; Affiliated Hospital of North Sichuan Medical College, Nanchong. Retrospektive Pharmakovigilanzstudie nach den READUS-PV-Leitlinien; Abstract und Volltext abgerufen.

Design und Methodik. Disproportionalitätsanalyse mit FAERS (ab Zulassung des jeweiligen Wirkstoffs bis erstes Quartal 2025) für GLP-1-RA (Exenatid, Liraglutid, Dulaglutid, Semaglutid, Tirzepatid), DPP-4-Hemmer, Metformin, SGLT2-Hemmer und weitere Klassen; Meldungen nach MedDRA kodiert; ROR als Hauptmaß, ergänzend PRR, EBGM und Informationskomponente (IC); Zeit bis zum Beginn und Weibull-Formparameter.

Ergebnisse. 49 Meldungen zu ED unter Semaglutid, 54 unter Sitagliptin, 42 unter Dapagliflozin, jeweils ausschließlich Männer. Semaglutid: ROR 1,53 (KI 1,16 bis 2,03; IC025 0,19); Sitagliptin 1,52 (1,16 bis 1,98); Dapagliflozin 1,51 (1,11 bis 2,04). Kein Signal: Liraglutid ROR 1,32 (0,94 bis 1,87), Tirzepatid 0,93 (0,63 bis 1,37), Dulaglutid 0,50 (0,34 bis 0,72), Exenatid 0,31 (0,22 bis 0,44), Linagliptin 1,04, Metformin 1,14 (0,97 bis 1,34). Bei Semaglutid kamen 46,9 % der Meldungen von Männern zwischen 18 und 64 Jahren (40,8 % ohne Altersangabe), 61,2 % von Verbrauchern und 69,4 % aus den USA; mehr als 70 % der Semaglutid-Meldungen stammten aus den Jahren 2022 bis 2024. Die Zeit bis zum Auftreten (Median 26,5 Tage bei zwölf Fällen mit Zeitangabe; Weibull-Formparameter 1,08, KI 0,62 bis 1,53) entsprach einem „Zufallsausfall“-Muster ohne Häufung unmittelbar nach Beginn.

Stärken. Mehrere Wirkstoffe und Klassen im Vergleich, mehrere Disproportionalitätsmaße, transparente Berichterstattung.

Schwächen. Die Autoren nennen selbst: Untermeldung und mögliche Übermeldung durch öffentliche Aufmerksamkeit, fehlender Nenner, keine Kausalität, schwankende Qualität der Meldungen, nicht erfasste Vorerkrankung mit ED. Öffentliche Aufmerksamkeit kann die Meldehäufigkeit erhöhen (so die Autoren); die Zeitangabe lag nur bei einem Viertel der Semaglutid-Fälle vor (zwölf von 49). Das Signal für Semaglutid liegt in der Größenordnung der Signale für Sitagliptin und Dapagliflozin und ist nicht GLP-1-spezifisch.

Einordnung. Die beiden FAERS-Auswertungen [s60, s20] kommen mit verschiedenen Methoden (Wirkstoffklasse zusammengefasst gegen Einzelwirkstoffe, andere Plattform, anderer Zeitraum) zu entgegengesetzten Maßen (ROR 0,41 gegenüber 1,53 für Semaglutid); Spontanmeldungen erlauben keine Risikoschätzung, und die Unterschiede zeigen vor allem, wie stark das Ergebnis von der Wahl der Vergleichsgruppe abhängt.

An, Xie und Gan 2024 (China): Mendelsche Randomisierung, GLP-1-RA und ED [s66]

Einordnung in dieses Kapitel. Die Studie ist weder randomisiert noch eine Kohorte; sie nutzt genetische Daten als Näherung und gehört methodisch zu den Beobachtungsstudien.

Publikation. An H, Xie K, Gan H, Frontiers in Endocrinology 2024; West China Hospital, Sichuan University. Wirkstoffziel-Mendelsche-Randomisierung; Abstract und Volltext abgerufen.

Design und Methodik. Als genetisches Maß für die GLP-1-RA-Wirkung dienten 22 Einzelnukleotid-Varianten, die die Expression des GLP1R-Gens in Blut beeinflussen (cis-eQTL aus dem eQTLGen-Konsortium, 31 684 Blutproben, überwiegend europäischer Herkunft; F-Statistiken 47,19 bis 52,93). Ergebnisdaten: Typ-2-Diabetes (65 085 Fälle, 335 112 Kontrollen) und Adipositas (23 971 Fälle, 388 084 Kontrollen) aus FinnGen; ED aus einer europäischen Meta-GWAS (UK Biobank, Estnisches Genzentrum, Partners-Biobank; 6175 Fälle, 217 630 Kontrollen). Hauptmethode: inverse Varianzgewichtung, ergänzt durch gewichteten Median, MR-Egger und MR-PRESSO; Zwei-Schritt-MR für Mediatoren; Zwei-Stichproben-cis-MR zur Anpassung für Störgrößen.

Ergebnisse. Positive Kontrollen: genetisch abgebildete GLP-1-RA senkten das Risiko für Typ-2-Diabetes (OR 0,846; KI 0,807 bis 0,887) und Adipositas (OR 0,755; KI 0,705 bis 0,809). Für ED: OR 0,493 (KI 0,430 bis 0,565; p < 0,001), bestätigt durch gewichteten Median und MR-PRESSO; keine Hinweise auf Pleiotropie (p = 0,899) oder Heterogenität (p = 1,000). Mediatoren (Anteile des Gesamteffekts): Typ-2-Diabetes 2,89 % (KI 1,28 bis 4,49 %), Adipositas 6,83 % (2,25 bis 11,41 %), Bluthochdruck 3,22 % (1,21 bis 5,23 %), Herz-Kreislauf-Erkrankung 3,06 % (0,51 bis 5,62 %).

Stärken. Genetische Instrumente sind weitgehend frei von den Störgrößen, die Beobachtungsstudien verzerren; positive Kontrollen, mehrere Methoden, Mediationsanalyse.

Schwächen. Das Instrument bildet die Expression eines Rezeptorgens im Blut ab, nicht eine Arzneimittelexposition; es modelliert eine lebenslange, geringfügige genetische Veränderung, keine Therapie über Wochen oder Monate, sodass ein OR von 0,493 kein erwarteter Therapieeffekt ist. Ob die Blutexpression die Expression im Penisgewebe oder im Hoden widerspiegelt, ist offen. Das sehr enge Konfidenzintervall sagt nichts über die Gültigkeit der Instrumentenannahmen. Die Daten stammen überwiegend aus europäischen Bevölkerungen; die ED-Diagnose beruht teils auf Codes und Selbstangabe. Es ging nur um ED, nicht um Hormone, Samen oder Fertilität. Die Mediatoren erklären nur etwa 3 bis 7 % des Effekts; der größere Teil bleibt ungeklärt. Die Autoren verlangen Bestätigung in randomisierten klinischen Studien.

Zusammenschau der Daten zur Erektionsfunktion

ArbeitDesignPopulationMaßErgebnis
Lisco 2024 [s73]retrospektive Kohorte108 Männer, Diabetes, EDIIEF-5, Differenz+2,26 ± 0,26 gegenüber Metformin allein
Able 2025 [s41]Datenbankkohorte2 × 3094 Männer, ohne DiabetesRisikoverhältnis neue ED/PDE5-Hemmer4,5 (2,3 bis 9,0)
Tang 2026 [s32]Target-Trial-Emulation4910 gegen 5524, DiabetesHazard Ratio neue ED-Diagnose1,26 (1,08 bis 1,46); nach Kalibrierung nicht signifikant
Cowart 2025 [s46]DatenbankkohorteDiabetes, Tirzepatid gegen andereRisikoverhältnis0,70, 0,67 und 0,55 (alle Konfidenzintervalle unter 1)
Pourabhari Langroudi 2025 [s60]Meldedaten182 MeldungenROR0,41 (0,36 bis 0,48)
Lin 2026 [s20]Meldedaten49 Semaglutid-MeldungenROR1,53 (1,16 bis 2,03)
An 2024 [s66]Mendelsche Randomisierunggenetisches MaßOdds Ratio0,493 (0,430 bis 0,565)

Die sieben Arbeiten widersprechen sich, und die Widersprüche lassen sich großenteils durch Population (mit oder ohne Diabetes), Vergleichsgruppe (unbehandelt, Metformin, DPP-4-Hemmer, andere GLP-1-RA, kein Vergleich) und Endpunkt (Fragebogenwert, Diagnosecode, Meldung, genetisches Risiko) erklären. Keine dieser Arbeiten misst die Erektionsfunktion nach einem einheitlichen Verfahren bei zufällig zugeteilter Behandlung. Die höhere ED-Rate in Datenbanken kann aus Verzerrung (Behandlungswahl, Entdeckung, Gewichtsverlust-bedingte Aktivität) oder aus einem Effekt stammen; die Studien sind nicht in der Lage, beides zu trennen.

Querschnittsstudien (Kontext)

Antinozzi und Kollegen 2021 (Italien): Adipokine und Peptidhormone in Serum und Seminalplasma [s100]

Publikation. Antinozzi C, Lista M, Caponecchia L et al., Frontiers in Endocrinology 2021; Andrologie-Einheit des Krankenhauses Santa Maria Goretti, Latina. Querschnittsanalyse; Abstract und Volltext abgerufen.

Design und Population. Von 124 aufeinanderfolgenden Männern (Februar 2017 bis Februar 2018) blieben nach Ausschluss von 20 Proben mit mehr als 1 Mio. Leukozyten pro ml, fünf nicht obstruktiven Azoospermien und einer Kryptozoospermie 98 Männer: 34 normalgewichtig, 30 übergewichtig, 34 adipös (BMI ab 30 kg/m²). Bei 82 von ihnen (26, 30, 26) lag zusätzlich eine Blutprobe vor. Gemessen wurden drei Adipokine und sechs Peptidhormone (darunter GLP-1 und GIP) im Serum und im Seminalplasma (Luminex-Verfahren) sowie die Standard-Samenanalyse nach WHO.

Ergebnisse. GLP-1 war im Serum höher als im Seminalplasma; bei adipösen Männern waren GLP-1 in Serum und Seminalplasma höher als bei nicht adipösen. Die Samenparameter unterschieden sich zwischen den drei Gewichtsgruppen nicht. Testosteron im Serum war bei Nicht-Adipösen höher. GLP-1 korrelierte nur mit der Zahl progressiv beweglicher Spermien (Spearman-Rho 0,225; p < 0,05).

Stärken/Schwächen. Die Studie ist explorativ: 98 Männer, Mehrfachtests mit nur einer schwachen Korrelation, Serum nur bei 82 Männern, keine Behandlung mit GLP-1-RA. Die Studie sagt etwas über körpereigenes GLP-1, nichts über die Wirkung von GLP-1-RA. Die Autoren schreiben selbst, die Stichprobe sei klein und die Daten müssten bestätigt werden.

Rozhivanov und Kollegen 2022 (Russland): Hypogonadismus und Steroidprofil bei Typ-2-Diabetes [s99]

Publikation. „Features of steroidogenesis in men with hypogonadism and type 2 diabetes“ (Besonderheiten der Steroidogenese bei Männern mit Hypogonadismus und Typ-2-Diabetes; russischsprachige Originalarbeit, Titel nach der englischen Fassung in Europe PMC), Проблемы эндокринологии 2022; monozentrische, nicht interventionelle Querschnittsstudie, Moskau, Oktober 2021 bis Januar 2022; Abstract abgerufen.

Ergebnisse. 347 Männer mit Typ-2-Diabetes; mittels Flüssigchromatographie-Massenspektrometrie wurde das Steroidprofil bestimmt. Die Prävalenz des Hypogonadismus betrug 69,5 %; hypogonadale Männer waren stärker adipös (BMI-Median 33,1 gegenüber 30,8 kg/m²; p < 0,001) und hatten niedrigere Spiegel von 17-Hydroxypregnenolon und 17-Hydroxyprogesteron. GLP-1-RA nahmen 7,5 % der Männer (6,6 % bei Hypogonadismus gegenüber 9,4 % ohne; p = 0,491); eine Analyse nach GLP-1-Einnahme erfolgte nicht.

Einordnung. Kein GLP-1-Bezug in der Auswertung; die Studie liefert nur Hintergrund zur Häufigkeit des Hypogonadismus bei Diabetes und zeigt, dass nur 7,5 % der Männer GLP-1-RA nahmen.

Fallberichte

Fontoura und Kollegen 2014 (Brasilien), Reproductive BioMedicine Online [s123]. Der Fallbericht ist der einzige Einzelbefund im Pool, der eine Verschlechterung von Samenparametern unter einem GLP-1-RA beschreibt. Nach dem Abstract zeigt er eine schädliche Wirkung von Liraglutid auf die männliche Fortpflanzungsfunktion, Messwerte nennt der Abstract nicht. Die Metaanalyse von Peel und Kollegen beschreibt den Verlauf: ein Mann mit Adipositas (100 kg) in Abklärung einer Unfruchtbarkeit; allmähliche Azoospermie etwa fünf Monate nach Beginn von 0,6 mg Liraglutid täglich; nach dem Absetzen in den folgenden fünf Monaten teilweise Erholung der Konzentration, Volumen und Beweglichkeit ohne wesentliche Änderung, Normalformen 8 % gegenüber 2,5 %; ICSI fünf Monate nach dem Absetzen mit Zwillingsschwangerschaft [s28]. Andersen und Kollegen betonen, der Fall betreffe 0,6 mg, nicht die höhere Dosis ihrer Studie [s96]. Stärke: zeitlicher Zusammenhang mit Besserung nach Absetzen. Schwäche: ein Einzelfall ohne Kontrolle, ohne Ausschluss anderer Ursachen (Gewichtsverlust, Erkrankung, Begleitmittel), ohne Wiederbeginn; die Ursache ist nicht gesichert.

Tariq, Garza Gangemi und Herrera Caceres 2026, Urology Case Reports [s33]. Ein 40-jähriger Mann entwickelte drei bis vier Wochen nach Beginn von Tirzepatid Harndrang, Juckreiz am Penis, Brennen beim Wasserlassen, Becken- und Dammschmerz und sexuelle Funktionsstörung; die Infektionsdiagnostik war negativ. Vier Tage nach dem Absetzen besserten sich die Beschwerden, nach zehn Tagen waren sie vollständig abgeklungen, zwei Wochen nach der letzten Injektion ohne Rückfall. Die Autoren sprechen von neuartigen urologischen Nebenwirkungen und raten, arzneimittelbedingte Ursachen bei untypischen Beschwerden mit negativer Infektionsdiagnostik zu bedenken. Ein einzelner Bericht; ein kausaler Zusammenhang ist nicht belegt (kein erneuter Beginn, keine Spiegel); mit der Fruchtbarkeit hat der Fall nichts zu tun, er betrifft die Sexualfunktion und Harnwege.

Lima und Kollegen 2025 (Brasilien), Brazilian Journal of Health Review [s55], „Hipogonadismo hipogonadotrófico associado à obesidade e efeitos do tratamento com liraglutida - relato de caso“ (Obesitätsassoziierter hypogonadotroper Hypogonadismus und Wirkung der Liraglutid-Behandlung, Fallbericht). Ein 31-jähriger Mann mit morbider Adipositas (Grad III) und hypogonadotropem Hypogonadismus verlor unter Liraglutid und Fluoxetin in zwölf Monaten 65 kg und berichtete über bessere Libido und Lebensqualität (nach dem Recherchebericht; nur Abstract). Wegen der Begleitmedikation und des Einzelfalls kaum verwertbar; keine Hormon- oder Samenwerte genannt.

Zusammenfassende Bewertung der Beobachtungsstudien

  1. Testosteron. Alle Hormonkohorten mit gemessenen Werten berichten einen Anstieg des Gesamttestosterons bei Männern mit Adipositas oder Diabetes (Spannweite von etwa +41 ng/dl gegenüber Kontrolle [s73] über etwa +58 bis 67 ng/dl [s29, s59] und +122 ng/dl gegenüber +35 ng/dl unter Glimepirid [s117] bis zur nahezu Verdreifachung in Catania [s88] und +128 % gegenüber +44 % unter Diät [s54]); die Kohorte von Graybill fand in der Gesamtgruppe keinen Anstieg [s104]. Die Größenordnung hängt auffällig vom Studienzentrum und vom Design ab: Je kleiner und je weniger kontrolliert die Studie, desto größer der Effekt.
  2. Gewichtsbezug. Wo untersucht, hing der Testosteronanstieg mit dem Gewichts- oder Taillenumfangsverlust zusammen (r = −0,443 [s117]; r = −0,28 und −0,26 [s29]; Metaregression bei [s62]). Keine Beobachtungsstudie hat eine Kontrollgruppe mit gleichem Gewichtsverlust ohne GLP-1-RA.
  3. Samen und Fertilität. Die Belege stammen aus einer nicht randomisierten Studie mit großen Zuwächsen [s88] und einer einarmigen Pilotstudie mit nicht signifikanter Konzentration und kleinem Anstieg der Normalformen [s106]; hinzu kommt ein Fallbericht mit Verschlechterung [s123]. Keine Beobachtungsstudie erhob Schwangerschaften, Lebendgeburten oder DNA-Fragmentation als Endpunkt.
  4. Erektile Funktion. Gegensätzliche Befunde je nach Quelle; keine Studie erlaubt eine Kausalaussage (siehe Zusammenschau).
  5. Tirzepatid. Eine nicht randomisierte Pilotstudie mit zwei Monaten Dauer [s54], eine Datenbankkohorte [s46], eine Pilotstudie mit Testosteronzusatz [s30], ein Fallbericht [s33] und ein in einer Übersicht referierter Einzelfall [s39]; Studien mit Samenendpunkt fehlen.
  6. Väterliche Exposition. Es gibt keine Kohortenstudie zu Fehlbildungen oder Geburtsergebnissen nach väterlicher Anwendung; nur Editorials und Übersichten weisen auf die Lücke hin [s16, s13].
  7. Quellenlage. Von den hormon- und samenbezogenen Beobachtungsstudien stammen vier aus Italien [s88, s54, s121, s73], zwei davon aus der Arbeitsgruppe in Catania [s88, s54]; ein Zentrumseffekt ist deshalb nicht auszuschließen.
Alle Kapitel und Anhänge (23)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Abgrenzung und Lesehilfe bis Quantitative Metaanalysen
  5. Systematische Übersichten ohne gepoolte Hauptanalyse bis Narrative Übersichten, Kommentare und Stellungnahmen
  6. Vorbemerkung zu Design und Verzerrung bis Nicht randomisierte Studien mit Hormon-, Samen- und Sexualfunktionsendpunkten
  7. Erektile Funktion: Datenbankkohorten, Meldedaten und genetische Näherung bis Zusammenfassende Bewertung der Beobachtungsstudien
  8. Lesehinweis und Gesamtbild der Evidenz bis Fallberichte
  9. Metaanalysen und systematische Übersichten bis Leitlinien und Empfehlungen von Fachgesellschaften
  10. Tierversuche und Zellmodelle
  11. Mechanismen und biologische Plausibilität
  12. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  13. Englisch bis Japanisch
  14. Koreanisch bis Türkisch
  15. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  16. Limitationen der Evidenz
  17. Offene Forschungsfragen
  18. Praktische Einordnung
  19. Glossar
  20. Quellenverzeichnis
  21. Diagramme
  22. Quellen
  23. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle