Systematische Übersichten ohne gepoolte Hauptanalyse
Deameh und Kollegen 2026 (Jordanien, USA): Hormone, Samenparameter und Stoffwechsel [s05]
Publikation. Deameh MG, Ramez M, Rowaiee R et al., Journal of Sexual Medicine 2026. Systematische Übersicht nach PRISMA. Nur Abstract; der Volltext war nicht abrufbar.
Design und Methodik. Suche in PubMed, Embase, Scopus und Web of Science bis April 2025. Eingeschlossen wurden randomisierte Studien und Kohortenstudien an erwachsenen Männern unter Liraglutid, Semaglutid, Dulaglutid oder Exenatid. Verzerrung: RoB 2 für randomisierte, ROBINS-I für nicht randomisierte Studien.
Population und Ergebnisse. Zehn Studien mit zusammen 639 Männern. GLP-1-RA waren „durchgehend“ mit höherem Gesamttestosteron verbunden, besonders bei Adipositas, Typ-2-Diabetes oder funktionellem Hypogonadismus. Änderungen des freien Testosterons seien uneinheitlich gewesen und häufig durch einen gleichzeitigen SHBG-Anstieg ausgeglichen worden. LH und FSH blieben erhalten oder stiegen, anders als in Vergleichsgruppen unter Testosterontherapie, in denen sie unterdrückt wurden. Verbesserungen der Samenparameter wurden bei adipösen oder hypogonadalen Männern berichtet, bei gesunden Männern ohne signifikante Änderung. Das Abstract nennt keine Effektgrößen, Konfidenzintervalle oder p-Werte.
Stärken. Mehrere Datenbanken, standardisierte Verzerrungsbewertung, getrennte Betrachtung nach Stoffwechselstatus; die Autoren fordern Langzeitstudien mit standardisierten Fertilitätsendpunkten.
Schwächen. Zehn Studien mit 639 Männern sind eine kleine Basis; die Studien unterscheiden sich in Wirkstoff, Population und Vergleichsbehandlung; das Abstract enthält keine quantitative Zusammenfassung. Die Formulierung, GLP-1-RA könnten in einigen Fällen „fertilitätsschonende Alternativen“ zur Testosterontherapie sein, ist eine Aussage der Autoren, die sich auf Hormon- und Samenparameter stützt; Schwangerschaft oder Geburt nennt das Abstract nicht. Einzelstudien und Bewertungsergebnisse sind ohne Volltext nicht prüfbar. Die Zahl der Studien (zehn) steht im Widerspruch zur Angabe in der Übersicht von La Vignera und Condorelli, die dieselbe Arbeit mit 15 Studien führt [s18].
Einordnung. Das Ergebnis (Anstieg des Gesamttestosterons bei Stoffwechselerkrankung, kein Effekt bei Gesunden) deckt sich mit Zafrani und Kollegen [s37] und mit dem Befund der randomisierten Studie an gesunden Männern [s72].
Zafrani, Khan und Zitzmann 2026: GLP-1-RA und männliche Reproduktionsendokrinologie [s37]
Publikation. Zafrani Z, Khan SS, Zitzmann M, Cells 2026. Systematische Übersicht nach PRISMA 2020; bei PROSPERO registriert (CRD420261370402). Abstract und Volltext abgerufen.
Design und Methodik. Suche in PubMed/MEDLINE, Cochrane CENTRAL und Google Scholar vom 1. Januar 2021 bis 31. Januar 2026, nur englische Arbeiten an erwachsenen Männern; zusätzlich Kongressabstracts (Endocrine Society, EAU, International Continence Society) und Literaturlisten. Von 693 Datensätzen wurden 675 gesichtet, 624 ausgeschlossen, 51 Volltexte angefordert; 28 davon waren nicht beschaffbar, von den übrigen 23 wurden 16 ausgeschlossen. Die Arbeit nennt an verschiedenen Stellen acht und sieben eingeschlossene Studien (der Ablauf mit 23 geprüften und 16 ausgeschlossenen Volltexten ergibt sieben) und „etwa 1200“ Teilnehmer, wobei die genaue Zahl davon abhänge, wie überlappende Kohorten gezählt werden. Bewertung mit RoB 2 und ROBINS-I (Version 2) sowie GRADE.
Ergebnisse. Eine Metaanalyse war wegen der Heterogenität nicht möglich; die Synthese ist erzählend. Nach der Beschreibung waren eingeschlossen eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Cross-over-Studie an gesunden Männern, eine prospektive Kohorte, zwei retrospektive Kohorten und drei kontrollierte beziehungsweise Pilotstudien, darunter die Studie mit Testosteronzusatz bei „späten Ansprechern“ auf Tirzepatid. Im Text besprochen werden unter anderem die Cross-over-Studie [s72], die Kohorten von Lisco [s73] und Graybill [s104] und die Pilotstudie [s30]; eine vollständige Liste der Einzelstudien konnte ich dem abgerufenen Text nicht entnehmen. Die Richtung war bei Männern mit Stoffwechselerkrankung einheitlich (Testosteron stieg oder blieb unverändert mit Tendenz zum Anstieg), bei gesunden eugonadalen Männern fehlte ein Effekt. Zusätzlich zitiert die Arbeit eine Studie von Eid und Kollegen mit einem mittleren Anstieg des Gesamttestosterons um etwa 111 ng/dl (zitiert nach [s37]; die Originalarbeit liegt der Gesamtstudie nicht als Quelle vor und wird hier nicht gewertet). Die Sicherheit der Evidenz wurde für Gesamttestosteron als niedrig, für freies Testosteron, SHBG und Erektionsfunktion als niedrig bis sehr niedrig, für Samenparameter als sehr niedrig und für Gewicht und Blutzucker als moderat eingestuft. Das Verzerrungsrisiko war für die eine randomisierte Studie niedrig, für die sechs nicht randomisierten Studien moderat bis ernst.
Stärken. Registriertes Protokoll, getrennte Betrachtung hormoneller, Sexual- und Samenendpunkte, GRADE-Bewertung, offene Benennung der Grenzen (einschließlich des fehlenden Übereinstimmungsmaßes zwischen den Bearbeitern).
Schwächen. Nur drei Datenbanken, englische Texte, Fünf-Jahres-Fenster; 28 von 51 gesuchten Volltexten blieben unerreichbar, was eine erhebliche Lücke ist. Die Zahl der eingeschlossenen Studien wechselt (acht, sieben) und die Teilnehmerzahl wird nur ungefähr genannt. Es gibt keine quantitative Zusammenfassung. Der Gedanke, die Therapie könne bei Männern mit Kinderwunsch „eine Erstlinien- oder Zusatzstrategie“ sein (im Abschnitt über klinische Folgerungen), ist eine Wertung der Autoren, die über die Evidenzsicherheit hinausgeht und hier nicht als Empfehlung übernommen wird.
Einordnung. Die Arbeit formuliert ausdrücklich, die Testosteronanstiege seien Ausdruck einer Rückbildung der metabolischen Unterdrückung der Hypothalamus-Hypophysen-Hoden-Achse und nicht einer direkten androgenen Stimulation; keine klinische Studie habe eine direkte, vom Stoffwechsel unabhängige Wirkung am Rezeptor gezeigt. Als erklärendes Muster nennt sie, die Wirkung müsse sich je nach Geschlecht und Phänotyp dem jeweiligen physiologischen Sollwert nähern (bei adipösen Männern höheres Testosteron, bei Frauen mit PCOS niedrigeres freies Testosteron). Das ist eine Deutung der Autoren, kein Befund.
La Vignera und Condorelli 2026: Inkretintherapie bei Hypogonadismus (PRISMA-Übersicht) [s18]
Publikation. La Vignera S, Condorelli RA, Pharmaceuticals (Basel) 2026. Systematische Literaturübersicht nach PRISMA 2020; Abstract und Volltext abgerufen.
Design und Methodik. Suche am 31. Dezember 2024 in PubMed/MEDLINE, Scopus und Web of Science; aus 326 Treffern (nach 47 Dubletten 279) blieben 90 Volltexte und nach dem Abstract 29 Arbeiten (14 Primärstudien, fünf systematische Übersichten oder Metaanalysen, zehn narrative Arbeiten oder Expertenmeinungen). Bewertung mit RoB 2, Newcastle-Ottawa-Skala und AMSTAR 2, Einordnung der Evidenz nach Oxford-Stufen.
Ergebnis nach dem Abstract. Semaglutid, Liraglutid und Tirzepatid steigerten das Gesamttestosteron bei adipositasbedingtem funktionellem Hypogonadismus im Mittel um 2,5 bis 5,2 nmol/l; der Effekt werde überwiegend durch Gewichtsverlust und verbesserte Insulinresistenz vermittelt. Ob ein bestehender Hypogonadismus das Ansprechen auf Inkretintherapie verschlechtert, sei nicht belegt, und es gebe keine ausreichend gepowerten vergleichenden Studien.
Abgleich mit den Originalen: zentrale Schwäche. Die Tabellen und der Ergebnisteil des Volltextes geben die zusammengefassten Studien in zahlreichen Punkten anders wieder als die Originalarbeiten, die der Gesamtstudie vorliegen. Im Einzelnen:
- Die Semaglutid-Studie von Gregorič und Kollegen wird mit 42 Männern, einem Testosteronanstieg von 9,2 auf 14,5 nmol/l und einem Gewichtsverlust von 8,3 kg (Text) beziehungsweise 9,8 kg (Tabelle) beschrieben. Das Original hatte 25 Männer (13 gegen 12), Mediane von 6,1 auf 7,8 nmol/l Gesamttestosteron und von 115 auf 99 kg Körpergewicht [s48].
- Die Tirzepatid-Studie von La Vignera und Kollegen 2025 wird als „kontrollierte randomisierte Pilotstudie“ mit 24 Männern, 16 Wochen und 5 bis 15 mg wöchentlich beschrieben, Vergleich mit einer „historischen Kontrollgruppe“. Das Original ist nicht randomisiert, hatte 83 Männer in drei gleichzeitigen Gruppen, dauerte zwei Monate und dosierte 2,5 mg, danach 5 mg [s54].
- Die Pilotstudie von Seminara und Kollegen wird im Text und in Tabelle 2 als randomisiert mit 18 Männern über 12 Wochen und in Tabelle 1 als retrospektive Pilotstudie geführt; das Original hatte zehn Männer (je fünf) und sechs Monate [s30].
- Die TriNetX-Studie von Able und Kollegen wird als Studie an 3847 Männern mit Typ-2-Diabetes und Messwerten von Testosteron beschrieben; das Original betrifft 3094 nicht diabetische Männer je Gruppe und wertet Diagnosen von ED und Testosteronmangel aus, nicht gemessene Hormonwerte [s41].
- Portillo-Canales und Kollegen werden mit 156 Männern, Semaglutid und einer spanischen Endokrinologie-Klinik beschrieben (Tabelle: 110 Männer mit Semaglutid 68 %, Dulaglutid 16 %, Tirzepatid 38 %; die Summe liegt über 100 %, möglicherweise wegen Wechsels zwischen Wirkstoffen); das Original wertet 215 Männer aus elektronischen Krankenakten aus (ein Land nennt der Abstract nicht) [s29], der Kongressabstract 110 Männer [s59].
- Die Arbeit von Chernova und Kollegen 2024 erscheint als retrospektive Analyse von 89 russischen Männern unter Liraglutid und in der Tabelle als prospektive Beobachtungsstudie mit 35 Männern; die Quelle ist laut Recherchebefund eine narrative Übersicht ohne eigene Patientendaten [s81].
- Die Studie von Izzi-Engbeaya wird einmal als randomisierte Cross-over-Studie mit 18 Teilnehmern (GLP-1-Infusion), einmal als retrospektive Kohorte mit 428 und einmal mit 1004 Patienten mit COVID-19 beschrieben; in der Gesamtstudie ist sie nur als Zitat in einer russischen Übersicht belegt (Infusion über acht Stunden bei gesunden Männern ohne Änderung von LH, FSH und Gesamttestosteron, zitiert nach [s80]).
- Die Zahlen der Metaanalyse von Orra und Kollegen [s57] erscheinen unter dem Namen „Sattar 2021“. Für die Übersicht von Deameh [s05] werden 15 statt zehn Studien genannt.
- Der Ablauf der Auswahl ist rechnerisch nicht stimmig: Von 90 Volltexten werden 63 ausgeschlossen (8 + 9 + 5 + 4 + 2 + 35), das ergibt 27, nicht 29.
- Die Tabelle nennt Metaanalysen („Corona 2026“, „Mahmood 2025“) mit eigenen Zahlen, die nicht zu den Quellen der Gesamtstudie gehören und nicht geprüft werden konnten.
Stärken. Formale Verzerrungsbewertung, Trennung von Primärstudien und Meinungsarbeiten, Hinweis auf fehlende Vergleichsstudien nach Ausgangstestosteron.
Schwächen. Wegen der oben genannten Abweichungen sind die Zahlen dieser Übersicht nicht verwertbar; die Spanne von 2,5 bis 5,2 nmol/l kann nicht an den Originalen nachvollzogen werden. Die Aussage, Semaglutid habe Testosteron in der Studie von Gregorič stärker angehoben als der Testosteronersatz, widerspricht dem Original, in dem der Testosteronarm den größeren Anstieg hatte (Differenz 6,9 gegenüber 1,6 nmol/l Gesamttestosteron) [s48]. Der daraus abgeleitete „pharmakologische Inkretin-Anteil unabhängig vom Gewichtsverlust“ beruht damit auf einer fehlerhaft wiedergegebenen Studie. Von dieser Übersicht werden keine Zahlen übernommen.
Einordnung. Die Autoren dieser Übersicht sind zugleich Autoren der Catania-Studien [s88, s54]; die Bewertung eigener Arbeiten ist ein möglicher Interessenkonflikt, der aber die Prüfung der einzelnen Angaben nicht ersetzt. Die Schlussfolgerung im Abstract (Verbesserung des Testosterons bei funktionellem Hypogonadismus, überwiegend gewichtsvermittelt) deckt sich mit den anderen Übersichten; die Belegzahlen der Arbeit selbst sind nicht belastbar.
Khalil und Kollegen 2026: Urologische Komplikationen der Adipositas, bariatrische Chirurgie und GLP-1-RA [s14]
Publikation. Khalil W, Bibi K, Fareed T et al., Cureus 2026. Systematische Übersicht; Abstract und Volltext abgerufen.
Design. Suche in MEDLINE, Embase, Scopus und der Cochrane Library (Januar 2000 bis Juni 2025), englische Arbeiten bei Erwachsenen mit BMI ab 35 kg/m². Bewertung mit AMSTAR 2 und GRADE; 84 Studien mit über 165 000 Teilnehmern. Das Thema ist breit (Inkontinenz, Steine, Nierenzellkarzinom, Prostatakrebs, ED, Hypogonadismus).
Ergebnisse zum Thema. GLP-1-RA „erhöhen“ Testosteron (SMD 1,39 ng/ml, derselbe Wert wie bei Salvio [s62], einschließlich der nicht deutbaren Einheit) und verbessern die Erektionsfunktion; nach bariatrischer Chirurgie steige der IIEF um 4 bis 6 Punkte und das Testosteron um 30 bis 50 %.
Schwächen. Die männliche Fortpflanzung ist ein Nebenthema; die GLP-1-Aussage ist eine Übernahme der Metaanalyse von Salvio ohne eigene Auswertung. AMSTAR 2 ist ein Instrument zur Bewertung systematischer Übersichten, nicht zur Verzerrungsbewertung von Primärstudien; die Beschreibung im Abstract ist deshalb methodisch ungenau. Die Tabelle klinischer Hinweise der Arbeit nennt unter anderem, ein GLP-1-RA „könne bei funktionellem Hypogonadismus als Erstlinientherapie versucht werden“; das ist eine Aussage der Autoren und hier keine Empfehlung.
Service und Kollegen 2023: Adipositas, Stoffwechsel und männliche Fertilität [s92]
Publikation. Service CA, Puri D, Al Azzawi S et al., Fertility and Sterility 2023. Systematische Übersicht; nur Abstract.
Design. 112 Artikel aus MEDLINE 2013 bis 2023 zu BMI, Diabetes, metabolischem Syndrom, Bewegung, Gewichtssenkern oder bariatrischer Chirurgie und Samenparametern, Spermienqualität oder Fertilitätsendpunkten.
Ergebnis. Adipositas, Diabetes und metabolisches Syndrom beeinträchtigen Samenqualität und DNA-Integrität; es gebe „zunehmende Evidenz“, dass männliche Adipositas negativ mit Lebendgeburten (natürlich und nach assistierter Reproduktion) zusammenhängt. Für Metformin und GLP-1-RA zeichne sich „ein komplexeres Bild“ mit nützlichen und schädlichen Hinweisen ab.
Einordnung. Sie liefert Hintergrund (Adipositas und Lebendgeburten), keine eigenen Zahlen zu GLP-1-RA; mit nur dem Abstract ist unklar, welche Studien die „schädlichen Hinweise“ tragen (vermutlich der Fallbericht [s123]; aus dem Abstract nicht ableitbar). Nur eine MEDLINE-Suche; keine Angabe zu Verzerrungsbewertung im Abstract.
Fernandes 2026, Masterarbeit (Portugal): GLP-1-RA und männliche Fertilität [s09]
Publikation. Fernandes BFO, „Agonistas do recetor do péptido semelhante ao glucagon tipo 1 e fertilidade masculina“ (Agonisten des GLP-1-Rezeptors und männliche Fertilität), Masterarbeit, Universidade do Porto (Repositório Aberto), 2026. Literaturarbeit; keine Peer-Review-Veröffentlichung.
Design. 17 Studien aus PubMed und der Cochrane Library; Verzerrungsbewertung mit Cochrane RoB 2 und Newcastle-Ottawa-Skala.
Ergebnis. Bei gesunden Männern zeigten sich keine signifikanten Effekte auf die Hormonachse, Samenparameter oder Libido, bei Adipositas, Typ-2-Diabetes oder funktionellem Hypogonadismus Verbesserungen, überwiegend über Gewichtsverlust; unerwünschte Wirkungen seien leicht gewesen.
Einordnung. Sekundärauswertung der englischsprachigen Literatur ohne eigene Daten; nützlich als Beleg dafür, dass die portugiesischsprachige Fachwelt dieselbe Literatur auswertet, nicht als eigenständiger Befund. Wegen des Status einer Abschlussarbeit mit Zurückhaltung zu lesen.
Wang und Kollegen 2026 (China): Scoping-Review zur Samenqualität adipöser Männer [s34]
Publikation. Wang H, Chang H, Zhao Y et al., Journal of Multidisciplinary Healthcare 2026; Peking. Abstract und Volltext abgerufen.
Design. Scoping-Review mit Suche in PubMed, Web of Science und der chinesischen Datenbank CNKI; 28 klinische Studien mit zusammen 1528 Teilnehmern, überwiegend Männern um 30 bis 40 Jahre. Elf Studien betrafen bariatrische Chirurgie; weitere Maßnahmen waren Ernährung, Training, Hormon- und Antioxidanzientherapie, traditionelle chinesische Medizin und Nährstoffe.
Zu GLP-1-RA. Im Volltext werden zwei Arbeiten genannt: die Catania-Studie mit Liraglutid (deutliche Verbesserung konventioneller Samenparameter, Testosteron und SHBG gegenüber dem Ausgangswert) [s88] und die Semaglutid-Studie (Anstieg morphologisch normaler Spermien gegenüber dem Ausgangswert) [s48]. Als Teil der Gewichtsabnahme-Maßnahmen wird Semaglutid unter denen aufgeführt, die den BMI senkten.
Einordnung. Die Arbeit zeigt die Breite möglicher Maßnahmen und fordert Studien zu Nachkommen und Leitlinien auf Grundlage hochwertiger Evidenz. Stärke eines Scoping-Reviews ist die Breite; Schwäche ist das Fehlen einer quantitativen Zusammenfassung und einer formalen Bewertung des Verzerrungsrisikos. Welche der 28 Studien aus CNKI stammen, ist aus den abgerufenen Teilen nicht erkennbar; chinesischsprachige GLP-1-Primärstudien am Menschen wurden darin nicht benannt.
Kuchakulla und Kollegen 2026: Einfluss von GLP-1-RA auf die männliche Fertilität [s17]
Publikation. Kuchakulla M, Poppas PJ, Wald G et al., Urology 2026. Übersichtsarbeit; nur Abstract.
Design. Suche in PubMed, MEDLINE und Embase bis 31. Mai 2025; 16 klinische Studien wurden in Übersichtstabellen aufgenommen. Beschrieben werden Rezeptorverteilung, präklinische Befunde (cAMP/PKA und PI3K/Akt in diabetischen oder adipösen Nagern), In-vitro-Daten und begrenzte klinische Hinweise auf bessere Samenparameter und höheres Testosteron bei adipösen hypogonadalen Männern.
Einordnung. Die Autoren halten einen günstigen Effekt bei Stoffwechselstörung für wahrscheinlich, räumen aber ein, die klinische Evidenz sei begrenzt und uneinheitlich; größere prospektive Studien seien nötig. Keine Zahlen im Abstract; eine eigene Bewertung der 16 Studien ist ohne Volltext nicht möglich.
Jensterle und Kollegen 2019: Die Rolle von GLP-1 in der Reproduktion [s111]
Publikation. Jensterle M, Janez A, Fliers E et al., Human Reproduction Update 2019. Narrative Übersicht; nur Abstract.
Design. PubMed-Suche bis 1. Februar 2019, ergänzt um eigene Kenntnis; 983 Treffer, nach dem Auswahlverfahren sechs Beobachtungsstudien (drei präklinisch, drei am Menschen), 24 Interventionsstudien (neun präklinisch, 15 am Menschen), vier Fallberichte, eine systematische und zwei narrative Übersichten. Diese Gruppen ergeben zusammen 37 Arbeiten.
Ergebnis. In Säugetieren überwiegend stimulierende Rolle von GLP-1 und GLP-1-RA in der Fortpflanzung, die über die reine Gewichtsabnahme hinausgehe; die Befunde zu den männlichen Gonaden seien „am widersprüchlichsten“. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf Frauen (PCOS).
Einordnung. Frühe Übersicht (Recherche bis Februar 2019) mit dem Schwerpunkt Frau; für Männer eine Sammlung von Hypothesen, wobei die Autoren die Datenlage als widersprüchlich beschreiben.
Vergleichende Einordnung der zusammenfassenden Arbeiten
Fasst man die quantitativen Arbeiten nebeneinander, ergibt sich folgendes Bild (alle Werte aus den Abschnitten oben).
| Arbeit | Studien | Endpunkt | Ergebnis | Heterogenität | Sicherheit der Evidenz |
|---|---|---|---|---|---|
| Salvio 2025 [s62] | 7 | Gesamttestosteron, SMD | 1,39 (0,70 bis 2,09) | I² 93 % | GRADE im Abstract nicht genannt; NOS: 3 gut, 1 ausreichend, 2 schlecht |
| Orra 2025 [s57] | 4 | Gesamttestosteron, MD | −129,96 ng/dl (−220,44 bis −39,48) (Anstieg) | I² 97 % | ROBINS-I moderat bis gering |
| Mirghani 2026 [s24] | 7 | Erektionswert, MD | 2,73 (1,64 bis 3,83) | I² 90 % | GRADE sehr niedrig |
| Ezici 2025 [s47] | 4 | IIEF-5, MD | 2,84 (−2,89 bis 8,57) | nicht angegeben | nicht angegeben |
| Yang B. 2025 [s63] | 3 | Erektionswert, GLP-1-RA gegen Metformin | Z = 2,41; p = 0,02 | I² 90 % | NOS 6 bis 8 |
| Yang L. 2026 [s36] | 23 RCT | Gesamttestosteron, GLP-1-Arm | nicht beziffert | nicht angegeben | CINeMA niedrig bis sehr niedrig |
| Peel 2026 [s28] | 3 (Liraglutid) | Spermienkonzentration, MD | 0,58 Mio./ml (−24,76 bis 25,91) | I² 38,1 % | GRADE sehr niedrig |
Drei Beobachtungen lassen sich festhalten. Erstens zeigen die drei Auswertungen mit bezifferten Hormonergebnissen [s62, s57, s24] im Vorher-Nachher-Vergleich oder gegen Antidiabetika höhere Gesamttestosteronwerte; die Auswertung von Ezici und Kollegen fand keinen signifikanten Unterschied [s47]. Gegenüber Hormontherapie war der Unterschied bei Salvio nicht signifikant, und gewichtsgleiche Kontrollen fehlen in allen Pools. Der einzige nach Gewichtsverlust aufgelöste Zusammenhang (Metaregression bei Salvio) spricht für einen über das Gewicht laufenden Effekt [s62]. Zweitens sind die Ergebnisse zur Erektionsfunktion richtungsgleich, aber nach GRADE von sehr niedriger Sicherheit und in der Größe nicht stabil [s24, s47, s63]. Drittens fehlt für Samenparameter und Fertilität jede quantitative Zusammenfassung mit Belastbarkeit; die einzige Metaanalyse zu Liraglutid ergab keinen Effekt (sehr niedrige Sicherheit), die einzelnen Studien zeigen Zuwächse in einer nicht randomisierten Studie [s88], aber nicht in der randomisierten Teilstudie [s96].
Narrative Übersichten, Kommentare und Stellungnahmen
Die folgenden Arbeiten enthalten keine neuen Messwerte am Menschen. Sie ordnen Primärstudien ein, und ihr Gewicht liegt in der Methodik der Literaturauswahl und in der Vorsicht der Schlussfolgerung. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich auf dieselben wenigen Primärstudien stützen (Abschnitt zur Überlappung).
Übersichten mit ausdrücklichem Bezug zu männlicher Fertilität
Kaltsas und Kollegen 2026 [s13] (Journal of Clinical Medicine). Strukturierte narrative Übersicht mit vorgeschlagenem Beratungsrahmen für Männer mit Kinderwunsch. Methodik offen dargestellt: ausdrücklich keine systematische Übersicht, keine PRISMA-Anwendung, Leitfaden SANRA; Suche nur in PubMed bis 10. August 2026 (3150 Treffer der unveränderten Suchanfrage bei der Wiederholung), zusätzlich ClinicalTrials.gov, Zulassungstexte und Leitlinien; nur englische Arbeiten; Quellen ohne Volltext wurden auf Abstract-Ebene bewertet. Ergebnis: Bei Männern mit Stoffwechselstörung berichten überwiegend Liraglutid- oder Semaglutid-Studien Anstiege des Gesamttestosterons; freies Testosteron uneinheitlich; keine ausgeprägte Gonadotropinsuppression wie unter Testosteron. Einige Studien zeigen günstige Samenveränderungen, aber die Stichproben seien klein, die Populationen uneinheitlich und der Medikamenteneffekt vom Gewichtsverlust nicht sicher zu trennen. Die Suche fand keine ausreichend gepowerte GLP-1-spezifische prospektive Studie mit vorab festgelegtem Endpunkt Spermien-DNA-Fragmentierung, natürliche Konzeption, assistierte Reproduktion, klinische Schwangerschaft oder Lebendgeburt, und keine kontrollierte Tirzepatid-Studie mit Samen- oder Fertilitätsendpunkt. Zur väterlichen Exposition vor der Zeugung sei die Evidenz unzureichend; Hinweise zur Schwangerschaft im Beipackzettel belegten für sich kein Risiko durch väterliche Anwendung. Nach Aussage der Autoren sollen die Wirkstoffe für etablierte Stoffwechselindikationen eingesetzt werden, nicht als Mittel gegen männliche Unfruchtbarkeit; der Beratungsrahmen sei selbst entwickelt, nicht validiert. Stärke: klare Trennung von hormonellen, Samen-, Sexualfunktions- und Fertilitätsendpunkten sowie Offenlegung der Suchgrenzen. Schwäche: eine einzige Datenbank, englischsprachig, Beratungsrahmen ohne Validierung.
Broul und Kollegen 2026 [s03] (Andrology). Übersicht mit „Quellen-Triangulation“ aus Humanstudien, ClinicalTrials.gov, Zulassungstexten (FDA/EMA) und Patent- oder Pipeline-Unterlagen, jeweils mit eigenen Auswahlregeln. Ergebnis: Humanevidenz konzentriere sich auf GLP-1-RA, duale GLP-1/GIP-Agonisten, SGLT2-Hemmer und Metformin beziehungsweise väterliche Exposition; Daten zu Fertilität und Lebendgeburt seien spärlich; Studienregister enthielten mehr männliche Fortpflanzungsendpunkte als veröffentlicht; Zulassungstexte betrafen überwiegend Genitalsicherheit und präklinische Reproduktionstoxikologie; Patentansprüche seien keine klinische Evidenz. Änderungen von Hormonen, Sexualfunktion oder Samen könnten dem Stoffwechselerfolg folgen und belegten keine bessere Konzeption oder Geburt; die Arzneimittel sollten (so die Autoren) nach metabolischer Indikation gewählt werden, nicht als Mittel gegen ED oder Unfruchtbarkeit. Stärke: ungewöhnlich breite Quellenbasis, die zeigt, was jede Quellenart tragen kann. Schwäche: nur Abstract abgerufen, Auswahl und Zahlen nicht prüfbar. Der Hinweis, dass Studienregister mehr Endpunkte enthalten als Veröffentlichungen, deutet auf mögliche unveröffentlichte Ergebnisse hin, ohne sie zu quantifizieren.
Varnum [s93], Pereira [s58], Pavli [s74]. Varnum und Kollegen 2023 (Medicina): nicht systematische Übersicht, PubMed bis November 2023; Gewichtsverlust unter GLP-1-RA gehe mit besserer Spermienzahl, -konzentration und -motilität einher, der direkte Hormoneffekt bleibe unklar; Tenor: vielversprechend für adipöse Männer, Langzeitstudien nötig. Pereira und Kollegen 2025 (Human Reproduction, Mini-Übersicht): GLP-1-RA könnten Motilität und Hormonmarker verbessern, „vereinzelte Fälle reversibler Verschlechterung der Spermienqualität“ seien berichtet; unklar, ob der Nutzen vom Gewichtsverlust oder vom Wirkstoff kommt; gefordert werden pragmatische Studien mit funktionellen Fertilitätsendpunkten und die Prüfung der Sicherheit in der Zeit vor der Zeugung. Pavli und Kollegen 2024 (International Journal of Molecular Sciences): Übersicht zu medikamentös induziertem Gewichtsverlust und Fruchtbarkeit bei Frauen und Männern; beim Mann veränderten sich unter medikamentösem Gewichtsverlust Hormonprofil, Spermienbeweglichkeit und -form, Gewicht der Fortpflanzungsorgane und Sexualfunktion; die Autoren vermerken, GLP-1-RA seien in geplanter Schwangerschaft nicht empfohlen und sollten dann abgesetzt werden (Aussage der Autoren; ob sie im Abstract auch auf die väterliche Anwendung zielt, geht daraus nicht hervor). Alle vier Arbeiten haben keine eigene Datenerhebung und nennen keine Effektgrößen im Abstract.
Übersichten zu Sexualfunktion und Erektion
Kounatidis und Kollegen 2025 [s53] (Biomolecules): „Freund oder Feind?“. Narrative Übersicht zum Einfluss von GLP-1-RA auf die Erektionsfunktion; die Vermutung günstiger Wirkung stütze sich auf experimentelle und klinische Arbeiten, zugleich gebe es vorläufige Berichte über eine mögliche Assoziation mit ED. Fuentes-Mendoza und Kollegen 2026 [s10] (Sexual Medicine Reviews): narrative Übersicht (PubMed, Scopus, Embase) zu Gewichtssenkern und Sexualfunktion; bei Männern zeigten GLP-1-RA „vielversprechende“ Ergebnisse für Erektion, Testosteron und Samenparameter; zu Tirzepatid gebe es Fallberichte über mögliche sexuelle Nebenwirkungen; Sexualendpunkte seien in Studien meist sekundär. Olivares und Kollegen 2026 [s26] (Translational Andrology and Urology): narrative Übersicht (Suche 20. März 2026) mit der Schlussfolgerung, zahlreiche Studien hätten Nutzen über Gewicht und Blutzucker hinaus gezeigt, einschließlich positiver Effekte auf männliche Sexual- und Fortpflanzungsfunktion. Merhi 2026 [s23] (Sexual Medicine Reviews): strukturierte Synthese in PubMed; bei Nagern hemmte Exendin-4 das Sexualverhalten hirnregionsabhängig, beim Menschen seien die Befunde gemischt (Pharmakovigilanzanalysen mit unbedeutenden Disproportionalitäten, eine Auswertung sozialer Medien mit gegensätzlichen Libidoberichten, die Cross-over-Studie bei gesunden Männern ohne Effekt auf Verlangen, Hormone und Samen); es bestehe eine Diskrepanz zwischen präklinischen und klinischen Daten. Gelfand und Kollegen 2026 [s11] (Obesity Pillars): narrative Analyse mit gezielter PubMed-Suche; entwickelt ein theoretisches Modell, nach dem GLP-1-RA über 5-HT2C-Rezeptoren das sexuelle Verlangen senken könnten, was durch Nebenwirkungen und höheres SHBG verstärkt, durch Testosteronanstieg, bessere Gefäßreaktion und Stimmung aber ausgeglichen würde; gefordert werden Längsschnittstudien. Das Modell ist eine Hypothese ohne Messwerte. An und Kollegen 2025 [s43] (Sexual Medicine Reviews): Überblick zu ED und Herz-Kreislauf-Erkrankung; erwähnt Kombinationen aus GLP-1-RA und Testosteron nur als Möglichkeit, ohne Daten zu GLP-1-RA zu erheben.
Gemeinsam ist dieser Gruppe: Die Einschätzung ist von „vielversprechend“ (Fuentes-Mendoza, Olivares) bis „gemischt“ (Merhi, Kounatidis) gestaffelt, und alle verweisen auf dieselbe Spannung zwischen verbesserten Erektionswerten in kleinen Studien und Warnsignalen aus Datenbanken [s41, s32, s20], denen Auswertungen mit gegenläufiger Richtung gegenüberstehen [s46, s60].
Übersichten zu Metabolismus, Hormonachse und Antidiabetika
Antonič und Zitzmann 2025 [s44] (The Aging Male): fokussierte Übersicht zur Kombination von Testosterontherapie mit modernen Adipositasmitteln. Lebensstiländerung sei Erstlinientherapie; GLP-1-RA senkten das Gewicht, aber mit Verlust an Muskelmasse; die Autoren präsentieren die Kombination von Testosteron und GLP-1-RA im Abstract als „neuen Behandlungsstandard“ für adipöse Männer mit funktionellem Hypogonadismus. Das ist eine Position der Autoren, die im Abstract nicht mit Zahlen belegt ist; die einzige zugehörige Studie des Pools ist eine Pilotstudie mit zehn Männern [s30]. Paternò und Kollegen 2026 [s27] (Reviews in Endocrine and Metabolic Disorders): Übersicht zu Antidiabetika und männlicher Fortpflanzungsfunktion; in Modellen verbesserten SGLT2-Hemmer und GLP-1-RA Spermienparameter und Hodenstruktur und dämpften oxidativen und entzündlichen Schaden; klinische Evidenz „begrenzt und teils widersprüchlich“; zu Tirzepatid vorläufig günstige Hinweise, direkte Daten zu Spermatogenese und Fertilität begrenzt. Rabijewski 2023 [s91] (Endokrynologia Polska): Übersicht zu Folgen der Adipositas beim Mann; sie hält Testosterontherapie bei adipösen Männern mit funktionellem Hypogonadismus, vor allem mit Kinderwunsch, für kontraindiziert und schreibt, GLP-1-Analoga erschienen „wirksam und sicher“ und könnten künftig die wichtigste medikamentöse Methode sein; das ist eine Wertung des Autors ohne Studienzahlen im Abstract, aus dem Jahr 2023, also vor den meisten hier besprochenen Daten. Jensterle 2019 [s111] siehe oben.
Kommentare, Meinungsbeiträge und Editorial
Cannarella und Kollegen 2021 [s102] (Andrology, Kommentar der Catania-Gruppe): GLP-1-RA erhöhten das Testosteron bei Männern mit funktionellem Hypogonadismus; ein Teil des Effekts sei auf Gewichtsverlust zurückzuführen, andere Hinweise sprächen für eine direkte Wirkung am Hoden; deshalb seien randomisierte Studien zur Hodenfunktion zu entwerfen. Eine Hypothese der Gruppe, die später die Catania-Studien [s88, s54] durchführte. Du Plessis, Omolaoye und Cardona Maya 2024 [s70] (Frontiers in Physiology, Meinungsbeitrag aus Dubai, „Eine Fabel der Vorsicht“): Methodik: PubMed-Abfrage vom 27. August 2024 mit 50 Treffern, davon 16 zum männlichen Faktor; keine systematische Suche. Die Arbeit verweist auf die dreimonatige Dauer der Spermatogenese, auf den Fallbericht zu Liraglutid [s123] und auf eine Arbeit über GLP-1-Signalwege, die die Testosteronbildung herunterregulieren könnten (zitiert nach [s70], Original nicht geprüft), und fordert Studien zu Samen, Hormonen, Dosis und Dauer. Die warnende Grundaussage stützt sich damit im Wesentlichen auf einen einzigen Fallbericht; das Abstract ist im Index leer. Koufakis und Kollegen 2026 [s16] (Diabetes & Metabolism, Editorial): väterliche Adipositas und Diabetes könnten das metabolische Risiko der Nachkommen erhöhen (kleine Effekte, Störfaktoren); Daten zur väterlichen Anwendung von GLP-1-RA seien „spärlich und fragmentarisch“; gefordert werden Studien mit väterlichem Stoffwechselprofil, Medikamentenexposition und Langzeitbeobachtung der Kinder. Klotz 2026 [s15] (Zentralblatt für Chirurgie, deutschsprachiger Titel „GLP-1-Rezeptoragonisten in Urologie und Andrologie: Indikationen, Chancen und klinisch relevante Nebenwirkungen“): narrative Übersicht mit systematischer PubMed-Suche 2020 bis 2026 zu ED, Hypogonadismus, Fertilität, Nephroprotektion, Prostatakrebs, Harnwegssymptomen und perioperativen Aspekten. Ergebnisse (nach dem Abstract): Anstieg des Gesamttestosterons und Verbesserung der Erektion bei adipositasbedingtem Hypogonadismus; als Warnsignal ein 4,5-fach erhöhtes Risiko neu aufgetretener ED bei nicht diabetischen adipösen Männern unter Semaglutid (entspricht der Auswertung von Able und Kollegen [s41]); neue urologische Nebenwirkungen in Fallberichten; kaum Daten für Frauen. Der Autor empfiehlt systematische andrologische Überwachung und Aufklärung; das ist die Position des Autors, keine Empfehlung dieser Studie. Die 4,5-fache Risikoangabe stammt aus einer Auswertung mit sehr kleinen Ereigniszahlen (siehe Abschnitt Beobachtungsstudien) und wird in der Übersicht ohne diese Einschränkung wiedergegeben.
La Vignera und Condorelli 2026 [s19] (Biomedicines): Übersicht über „unkonventionelle Anwendungen“ von Semaglutid und Tirzepatid in fünf Bereichen (Onkologie, Psychiatrie und Suchtmedizin, Orthopädie, ästhetische Medizin, menschliche Fortpflanzung); in der Reproduktionsmedizin führten metabolische Verbesserungen zu Nutzen bei PCOS und männlicher Fertilität, wobei Sicherheitsbedenken rund um die Empfängnis bestünden; über alle Bereiche stamme die Evidenz überwiegend aus präklinischen Modellen, Beobachtungskohorten und pharmakoepidemiologischen Studien, randomisierte Studien seien selten. Der Abschnitt zu Männern ist Teil einer breit angelegten Arbeit; die Autoren sind dieselben wie bei [s18].
Allgemeine Übersichten mit kurzen GLP-1-Abschnitten
Becker und Kollegen 2026 [s02] (JBRA Assisted Reproduction, portugiesisch- und englischsprachiger Raum): narrative Übersicht (PubMed, SciELO, LILACS; 47 Artikel) zu GLP-1-RA und Fruchtbarkeit bei Frauen mit PCOS; für Männer gibt das Abstract nichts an. Sie dient hier nur der Dokumentation, dass die portugiesischsprachige Literatur das Thema bei Frauen behandelt. Bocu und Kollegen 2025 [s45] (Arab Journal of Urology, Lebensstil und männliche Fertilität) und Rocco und Kollegen 2025 [s61] (Arab Journal of Urology, Adipositas und männliche Unfruchtbarkeit): narrative Übersichten ohne eigene Daten. Bocu und Kollegen berichten, Liraglutid habe bei Männern mit metabolischem Hypogonadismus Testosteron und Samenparameter deutlich verbessert, und Gewichtsverbesserung unter GLP-1-Analoga hänge mit besserer Spermienzahl, -konzentration und -beweglichkeit zusammen (die zugrunde liegenden Studien sind im abgerufenen Text nicht erkennbar). Rocco und Kollegen schreiben, bei Mäusen unter Hochfettdiät hätten GLP-1-RA das Serumtestosteron nicht hergestellt, aber Beweglichkeit, Mitochondrienaktivität und DNA-Fragmentation der Spermien verbessert, und sprechen von „aufkommendem Potenzial“. Beide Abschnitte sind kurz und ohne eigene Zahlen. Yazıcı und Kollegen 2023 [s94] (Obesity Facts, Türkei): narrative Übersicht zu den Folgeerkrankungen der Adipositas; zum Mann nennt sie niedriges Testosteron und niedriges SHBG bei Adipositas, Kisspeptin-vermittelte Wirkung von GLP-1 auf die Hypothalamus-Hypophysen-Achse und die randomisierte Studie mit Liraglutid gegen Testosterongel [s112]; Schwerpunkt der Fertilitätsabschnitte ist die Frau. Das Abstract wertet die Wirkung auf Fruchtbarkeit und Sexualhormone als günstig und nicht allein gewichtsvermittelt.
Russischsprachige Übersichten
Aus dem russischen Sprachraum liegen sechs narrative Übersichten ohne eigene Patientendaten vor [s39, s78, s79, s80, s81, s115]; die zugehörigen Recherchebefunde haben mehrere von ihnen mit den Originalen abgeglichen.
Tyuzikov, Grekov und Smirnov 2026 [s39] („Репродуктивные эффекты современных гипогликемических препаратов у бесплодных мужчин с сахарным диабетом 2 типа“ (Reproduktive Effekte moderner blutzuckersenkender Arzneimittel bei unfruchtbaren Männern mit Typ-2-Diabetes), Эффективная фармакотерапия): Volltext gelesen. Sie fasst GLP-1-RA, DPP-4-Hemmer, SGLT2-Hemmer und duale Inkretine zusammen und zitiert die Semaglutid-Studie, die Metaanalyse von Salvio, die Tirzepatid-Pilotstudie [s54], einen Einzelfall (42-jähriger Mann mit Azoospermie, nach Gewichtsverlust unter Semaglutid und Tirzepatid Besserung des Spermiogramms und natürliche Schwangerschaft der Partnerin nach acht Monaten) und ein Kongressabstract von Raheem und Kollegen (sieben Studien, 371 Männer; zitiert nach [s39]). Der Abgleich mit den Originalen ergab zwei Fehler: Die Übersicht gibt für Normalformen unter Semaglutid „2 % mit 95-%-KI 2,0 bis 3,5 gegenüber 4 % mit KI 2,0 bis 5,5“ an, im Original stehen dieselben Zahlen als Median und Interquartilbereich [s48]; und sie beschreibt die 25 Männer als solche mit „familiärer Hypercholesterinämie“, obwohl die Abkürzung „FH“ im Original funktionellen Hypogonadismus bedeutet. Außerdem spricht die Zusammenfassung von „eindeutiger“ Wirkung in „allen Studien und Metaanalysen“, was die kleinen, offenen, heterogenen Arbeiten nicht tragen.
Chernova, Rozhivanov, Rozhivanova und Yesaulenko 2024 [s81] (Вестник репродуктивного здоровья; Volltext gelesen): „Оценка влияния коррекции углеводного обмена и массы тела на эндогенную продукцию тестостерона у мужчин с сахарным диабетом 2 типа, ожирением и синдромом гипогонадизма“ (Bewertung des Einflusses der Korrektur von Kohlenhydratstoffwechsel und Körpergewicht auf die endogene Testosteronproduktion bei Männern mit Typ-2-Diabetes, Adipositas und Hypogonadismus). Narrativ ohne Suchmethodik; trennt Lebensstil, Medikamente und Chirurgie und betont den Gewichtsverlust als Störgröße. Sie zitiert die Studie von Shao [s117] korrekt mit 176 Männern, 12 Wochen und einem Testosteronanstieg von 121,72 ± 56,73 gegenüber 34,67 ± 16,30 ng/dl, die Liraglutid-Studie von Giagulli [s121] und eine Studie mit 71 Patienten, deren Zuordnung zu GLP-1-RA unklar bleibt. Sie vermutet, einzelne Daten sprächen für einen größeren Anstieg, als der Gewichtsverlust allein erwarten lasse (Hypothese). Wie oben erwähnt, ist diese Arbeit als eigene Studie in einer anderen Übersicht fehlerhaft geführt [s18].
Barsukov, Tazina und Faniev 2024 [s78] (РМЖ. Мать и дитя): „Многогранность репродуктивных нарушений у пациентов с ожирением: взгляд эндокринолога, акушера-гинеколога и уролога“ (Vielgestaltigkeit reproduktiver Störungen bei Adipositas: Sicht von Endokrinologe, Gynäkologe und Urologe), beide Geschlechter. Zum Mann: GLP-1-Rezeptoren in Sertoli- und Leydig-Zellen; ein Mäuseversuch mit Exenatid; die Autoren folgern, Männer mit Adipositas, Hypogonadismus und Kinderwunsch könnten „eine ideale Gruppe“ für GLP-1-RA sein (Hypothese, belegt durch Tierdaten und indirekte Hinweise). Kurzer GLP-1-Teil, keine Methodik.
Gamidov, Shatylko und Gasanov 2019 [s115] (Ожирение и метаболизм): „Мужское здоровье и ожирение — диагностика и терапевтические подходы“ (Männergesundheit und Adipositas, Diagnostik und therapeutische Ansätze), eine Übersicht aus der Zeit vor Semaglutid und Tirzepatid, nur Liraglutid. Sie zitiert den Vergleich Liraglutid 3 mg gegen Testosterongel [s112] und gibt ihn korrekt wieder, erwähnt aber nicht, dass der Testosteronanstieg unter Liraglutid zahlenmäßig kleiner war als unter Testosteron.
Merzlova und Kollegen 2024 [s80] (Экспериментальная и клиническая гастроэнтерология): „Мужской гипогонадизм, ассоциированный с ожирением“ (Mit Adipositas assoziierter männlicher Hypogonadismus). Sie zitiert Giagulli, Jensterle und Shao nach den Originalabstracts und eine Infusionsstudie bei gesunden Männern (nach Izzi-Engbeaya, Original nicht abgerufen); die Einheit des Gewichtsverlusts (Prozent) weicht vom Original-Abstract (Kilogramm) ab. Die Autoren folgern, GLP-1-Agonisten könnten beim adipositasbedingten funktionellen Hypogonadismus Bedeutung haben, es fehlten aber klinische Studien zur direkten Rolle im Hodenstoffwechsel.
Bratchikov, Tyuzikov, Grekov und Smirnov 2024 [s79] (Андрология и генитальная хирургия): „Альтернативные негормональные методы восстановления тестостерона при мужском гипогонадизме с позиций доказательной медицины (обзор литературы)“ (Alternative nichthormonelle Methoden zur Wiederherstellung des Testosterons bei männlichem Hypogonadismus aus Sicht der evidenzbasierten Medizin, Literaturübersicht). Zitiert wird eine Metaanalyse (PubMed bis Oktober 2022), nach der klassische Antidiabetika kaum Testosteronanstiege zeigten und nur GLP-1-Analoga günstige Wirkungen auf Gewicht und Testosteron bei Männern mit niedrigem Testosteron und Adipositas; die Daten seien aber klein und heterogen, weitere randomisierte Studien nötig. Sie ist vorsichtiger als die Übersicht desselben Autorenteams [s39] und zeigt den Unterschied im Grad der Sicherheit innerhalb einer Gruppe.
Graue Literatur
Lopez 2026 [s21] ist ein nicht begutachteter Positionstext (Zenodo) zu niedrigem Testosteron „in der GLP-1-Ära“ mit ausdrücklich kommerziellem Bezug zu Nährstoffpräparaten. Er verweist auf Studien und Metaanalysen zu Testosteronanstiegen, ohne eine direkte gonadale Wirkung zu belegen, und wird hier nur zur Dokumentation genannt, nicht als Beleg verwendet.