Aus den Widersprüchen und Limitationen ergeben sich Fragen, die mit den vorhandenen Daten nicht beantwortet werden können. Sie sind hier als Forschungsbedarf formuliert, nicht als Empfehlung an Betroffene.
- Wie verläuft die Dosis-Wirkungs-Beziehung für Benzol bei Luftkonzentrationen um und unter 1 ppm? Die bisherigen Hinweise stützen sich auf neun Männer mit höchstens 1 ppm und breite Intervalle [s90]. Nötig wären größere Studien mit Personenluftmessung, Biomonitoring und mehreren Samenproben je Mann.
- Folgt aus den Chromosomenschäden in Spermien eine messbar geringere Zeugungsfähigkeit oder eine Gesundheitsfolge für Kinder? Aneuploidie und strukturelle Aberrationen sind Surrogate; die Tianjin-Autoren selbst nennen offene Fragen zu Fruchtbarkeit, Fehlgeburten und Erbschäden [s76, s90]. Studien, die Spermien-FISH mit Zeit bis zur Schwangerschaft und kindlichen Ergebnissen verknüpfen, fehlen.
- Wie lassen sich die gegenläufigen Styrol-Befunde auflösen? Der Rückgang der Spermiendichte im Vorher-Nachher-Design [s170] und die Nullbefunde zu Fekundität und Aneuploidie [s161, s130] brauchen eine größere prospektive Kohorte mit Biomonitoring und mehreren Samenproben je Person, die auch die intraindividuelle Schwankung abbildet.
- Gibt es eine Wirkung von Toluol und Xylol als Einzelstoffe beim Menschen? Eine dedizierte Humanstudie zur Fruchtbarkeit von Männern mit reiner Toluol- oder Xylol-Exposition wurde nicht gefunden; die Tierdaten sind bei hohen Dosen und im Hormonsystem uneinheitlich [s173, s115, s154, s197, s221].
- Was gilt für die heute verwendeten Glykolether? Die Tierdaten betreffen vor allem die E-Reihe; die Pariser Studie deutet auf geringere Wirkung aktueller Expositionen [s100]. Offen ist, wie sich Ersatzstoffe verhalten, auch im Hinblick auf Entwicklungseffekte: Die Hypospadie-Assoziation mit Methoxyessigsäure beruht auf 15 Fällen und einem weiten Intervall [s37].
- Wie wirken Mischexpositionen? Im Tierversuch mildert die Kombination von Toluol und Xylol die Wirkung von Ethylenglykolmonoethylether auf den Hoden, aber nicht auf das Knochenmark [s178, s168]. Ob Entsprechendes für Beschäftigte mit realen Gemischen gilt, ist ungeprüft; Studien mit stoffgenauer Mischungsanalyse fehlen.
- Ist ein Schaden beim Menschen reversibel? Tierdaten zeigen teilweise Rückbildung (Testosteron nach Erholung, Hodengewicht nach Glykolether) [s115, s219, s204], bei 2-Brompropan dagegen unvollständige Erholung [s175]. Beim Menschen gibt es kaum Daten zu Samenparametern nach Expositionsende.
- Wie lässt sich die Expositionserfassung verbessern? Gefragt sind validierte Arbeitsplatz-Expositions-Matrizen, standardisierte Fragebögen und Biomonitoring-Strategien für die flüchtigen Stoffe, deren Zeitfenster zur Spermienbildung passt [s93, s196]. Auch einfachere Spermaanalyse-Verfahren für den Arbeitsschutz werden diskutiert [s47].
- Lassen sich die väterlichen Effekte auf Nachkommen, etwa Neuralrohrdefekte, bestätigen und erklären? Die Metaanalyse beruht auf einer kleinen Studienzahl und bei Spina bifida auf geringer Teststärke [s118]. Mechanistische Tierarbeiten untersuchen kleine RNAs im Sperma und RNA-Methylierung als mögliche Vermittler [s33, s03, s14]; ihre Übertragbarkeit auf Menschen ist offen.
- Unabhängige Replikation. Die russischen In-vitro-Befunde zu Benzol an Ejakulat sind gegensätzlich und stammen aus einer Gruppe [s17, s24]; die Orenburger Mausserie mit Chrom und Benzol ebenso [s57, s64, s65, s56]. Eine Wiederholung durch unabhängige Gruppen mit Kontrollgruppe und Dosisreihe fehlt.
- Wechselwirkung mit Rauchen, Hitze und anderen Belastungen. Eine petrochemische Studie legt nahe, dass die Berufsbelastung die Wirkung des Rauchens verstärken könnte [s152]; ein Fischversuch fand stärkere Effekte bei Kombination von Hitze und Benzol oder Toluol [s01]. Beide Fragen sind für den Menschen offen.
- Genetische Empfindlichkeit. Das Mausmodell mit ausgeschaltetem Aldh2-Gen weist auf individuelle Unterschiede im Stoffwechsel hin [s103]; beim Menschen wurde das in den ausgewerteten Studien nicht untersucht.
- Paar- und Frauenseite. Die Evidenz zur Fekundabilität betrifft beide Partner; die Studie zur Druckindustrie fand Effekte bei Frauen, nicht bei Männern [s174], und eine Übersicht fand wenig Hinweise für flüchtige Lösungsmittel [s16]. Gemeinsame Auswertungen beider Partner mit Expositionsmessung fehlen.
- Nichtenglische und nicht indexierte Literatur. Eine systematische Auswertung chinesischer, koreanischer, russischer, spanischer und portugiesischer Datenbanken, die hier nicht erreichbar waren, könnte Lücken schließen oder Mehrfachveröffentlichungen aufklären.
- Berichtsstandards. Studien sollten Effektgrößen, Konfidenzintervalle, Gruppengrößen, Einheiten und Störgrößen einheitlich berichten; die ausgewerteten Zusammenfassungen weisen hier viele Lücken und Widersprüche auf [s52, s62, s120, s166].