Berufliche Lösungsmittel und Industriechemikalien · Kapitel 1 von 19

Das Wichtigste in Kürze

Die folgenden Kernbefunde sind nach Stoffgruppen geordnet. Die Evidenzstärke beschreibt, wie belastbar die Datenbasis nach Studientyp, Größe und Konsistenz ist (hoch, mäßig, gering, sehr gering). Die Gewissheit beschreibt, wie sicher sich der Befund auf heutige Arbeitsplätze und auf den Menschen übertragen lässt (hoch, mittel, niedrig). Beide Einstufungen sind eigene Urteile des Autors auf Grundlage der jeweiligen Abstracts; ein formales Bewertungsverfahren für Verzerrungsrisiken wurde nicht angewandt (siehe Abschnitt „Aufbau und Methodik“).

  1. Glykolether der E-Reihe schädigen im Tierversuch den Hoden über ihre Stoffwechselprodukte. Bei der Ratte genügt eine Einzeldosis von 100 mg/kg 2-Methoxyethanol, um nach 24 Stunden erste Schäden an primären Spermatozyten auszulösen; die Kein-Effekt-Dosis über elf Tage lag bei 50 mg/kg/Tag (2-Methoxyethanol) und 250 mg/kg/Tag (2-Ethoxyethanol) [s219]. Ein Hemmstoff der Alkoholdehydrogenase schützte, die Säuren selbst wirkten gleich stark [s216, s219, s214]. Butoxyessigsäure hatte keine Hodenwirkung [s211]. Evidenzstärke: hoch (für das Tiermodell). Gewissheit für heutige Arbeitsplätze: mittel.
  1. Beim Menschen weisen Studien zu Glykolethern überwiegend auf schlechtere Samenwerte, aber nicht einheitlich. In einer britischen Multicenterstudie hatten Männer mit hoher Glykolether-Exposition ein adjustiertes Odds Ratio von 2,25 (1,08 bis 4,69) für eine niedrige Konzentration beweglicher Spermien; bei mäßiger Exposition lag das Intervall mit 1,46 (0,93 bis 2,28) über der Nullgrenze [s93]. Ethoxyessigsäure im Urin fand sich bei 39 von 1019 Fällen und 6 von 475 Kontrollen (Odds Ratio 3,11) [s196]. Dagegen zeigten die Studien aus Taiwan [s164], zur Geburtenrate bei Werftmalern (Fragebogenmethode, bei zugleich unterschiedlicher Spermienzahl) [s201] und die Pariser Studie zur aktuellen Exposition [s100] keinen Effekt. Evidenzstärke: gering bis mäßig. Gewissheit: niedrig bis mittel.
  1. Benzol: Das deutlichste Humansignal betrifft die Chromosomen der Spermien. In der China Benzene and Sperm Study stieg der Anteil von Spermien mit zusätzlichem X-Chromosom (Disomie X) auf das 2,0-Fache (1,1 bis 3,4) bei niedriger und das 2,8-Fache (1,5 bis 4,9) bei hoher Belastung; bei den neun Männern mit höchstens 1 ppm betrug das Verhältnis 1,8 (1,1 bis 3,0) [s90]. Strukturelle Aberrationen waren abgestuft erhöht (1,42 bis 1,75-fach), die Deletion 1p36.3 auf das 4,31- bis 7,88-Fache [s76]. Evidenzstärke: mäßig (gleichgerichtet, mit Biomonitoring, aber kleine Gruppen und Surrogatendpunkt). Gewissheit: mittel für das Spermien-Erbgut, niedrig für tatsächliche Zeugungsfähigkeit.
  1. Benzol und klassische Samenwerte: uneinheitlich. Ein Rückgang von Gesamtzahl und Beweglichkeit mit der Beschäftigungsdauer wurde in Indien berichtet [s75], erhöhte Spermienanomalien in China [s166], aber in der chinesischen Petrochemie-Studie unterschieden sich auch die nicht exponierten Kontrollen desselben Betriebs von externen Kontrollen, sodass der Effekt nicht dem Benzol allein zugeordnet werden kann [s166]. Evidenzstärke: gering. Gewissheit: niedrig.
  1. Styrol: widersprüchliche, kleine Studien. Die Spermiendichte sank in der ASCLEPIOS-Längsschnittstudie von 63,5 auf 46,0 Millionen/ml, ohne Zusammenhang mit der inneren Belastung [s170]. Die Fekundabilität bei 220 Exponierten war nicht signifikant vermindert (Verhältnis 0,79; 0,59 bis 1,05) und bei hoher Exposition unverändert (1,09; 0,69 bis 1,72) [s161]. Evidenzstärke: gering. Gewissheit: niedrig.
  1. Toluol: keine verwertbare Humanstudie mit reiner Toluol-Exposition. Männliche Druckereibeschäftigte zeigten keine verminderte Fekundität [s174]; Tierversuche fanden Spermienschäden vor allem bei 2000 bis 6000 ppm [s186, s173], bei geringerer Belastung oder kurzer Dauer dagegen keine oder widersprüchliche Wirkungen [s197, s117]. Evidenzstärke: sehr gering. Gewissheit: niedrig.
  1. Xylol: praktisch eine Wissenslücke. Allein-Studien am Menschen fehlen; im Tier senkte Xylol in zwei kleinen Versuchen Hormonwerte beziehungsweise Nebenhodenspermien [s197, s179]. Ein Treffer mit „Xylol“ im Titel behandelte tatsächlich den Wirkstoff Amitraz und ist nicht verwertbar [s45]. Evidenzstärke: sehr gering. Gewissheit: niedrig.
  1. Über alle Lösungsmittel zeigt die Metaanalyse niedrigere Spermienkonzentration und niedrigeres Ejakulatvolumen. Die standardisierten Mittelwertdifferenzen betragen −0,36 und −0,35; nur zwei der sieben Studien waren einzeln signifikant, und eine davon betraf Schwefelkohlenstoff, nicht einen der fünf Stoffe [s35]. Evidenzstärke: gering bis mäßig. Gewissheit: niedrig bis mittel.
  1. Kliniknahe Studien finden häufiger Zusammenhänge als Betriebsstudien, aber ihre Expositionserfassung ist grob. In kanadischen Kinderwunschkliniken lag das adjustierte Odds Ratio für hohe Lösungsmittel-Exposition bei 3,83 (1,37 bis 10,65) in Montreal [s142], in Leicestershire arbeiteten Männer aus infertilen Paaren 1,73-mal häufiger mit Lösungsmitteln [s146]; eine Studie aus Tunesien mit 2122 Männern fand keinen Zusammenhang [s39], eine ägyptische ein Odds Ratio von 3,88 (1,50 bis 10,03) für „Lösungsmittel und Anstrichmaterialien“ [s85]. Evidenzstärke: gering. Gewissheit: niedrig.
  1. Gemische verhalten sich nicht wie die Summe ihrer Teile. Toluol und Xylol milderten bei Ratten die Hodenschäden durch Ethoxyethanol, nicht aber die Knochenmarkschäden [s178, s168]. Befunde aus Einzelstoffversuchen übertragen sich deshalb nicht automatisch auf die Mischexposition am Arbeitsplatz. Evidenzstärke: gering (Tierdaten). Gewissheit: niedrig.
  1. Väterliche Lösungsmittel-Exposition und Schwangerschaftsausgang: Hinweise auf Fehlbildungen, nicht auf Spontanabort. Die Metaanalyse fand für schwere Fehlbildungen ein Odds Ratio von 1,47 (1,18 bis 1,83), für Neuralrohrdefekte 1,86 (1,40 bis 2,46) und für Spontanabort 1,30 (0,81 bis 2,11) [s118]. Das betrifft die Nachkommen, nicht die Zeugungsfähigkeit. Evidenzstärke: gering bis mäßig. Gewissheit: niedrig.
  1. Leitlinien und Grenzwerte helfen kaum weiter. Die AUA/ASRM-Leitlinie nennt in einer bedingten Empfehlung (Evidenzgrad C) berufliche Exposition als Gesprächsthema und stellt fest, dass die Daten zu den meisten Risikofaktoren begrenzt sind [s224]; die EAU-Leitlinie nennt die fünf Stoffe nicht [s225]. Eine AWMF-Leitlinie zum Thema wurde nicht gefunden. Evidenzstärke: nicht anwendbar. Gewissheit der Aussage: hoch (es handelt sich um eine Feststellung der abgerufenen Texte).
  1. Die Literatur ist ungleich verteilt und überwiegend alt. Von den 225 Quellen stammen 2 aus den 1970er, 19 aus den 1980er, 35 aus den 1990er, 77 aus den 2000er, 60 aus den 2010er und 30 aus den 2020er Jahren (die beiden Leitlinien ohne Jahr nicht mitgezählt). Neuere humane Primärstudien zu Glykolethern, Styrol und Xylol sind selten. Weil sich Arbeitsstoffe und Grenzwerte seit den 1980er Jahren verändert haben, ist die Übertragbarkeit älterer Befunde auf heutige Betriebe unsicher. Evidenzstärke: nicht anwendbar. Gewissheit: hoch.
Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Glykolether bis Toluol und Xylol
  6. Mischexposition, Berufsgruppen und Kinderwunschpopulationen bis Zusammenschau der Beobachtungsstudien
  7. Vorbemerkung: Was für Studientypen es überhaupt gibt bis Styrol: Tierversuche und Zellversuche
  8. Benzol: Humanstudien zur Samenqualität bis Umweltbezogene Biomonitoring-Studien
  9. Verwandte Industriechemikalien (außerhalb der fünf Leitsubstanzen) bis Einordnung der Studienlage
  10. Mechanismen und biologische Plausibilität
  11. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  12. Englisch bis Chinesisch
  13. Japanisch bis Türkisch
  14. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  15. Limitationen der Evidenz
  16. Offene Forschungsfragen
  17. Praktische Einordnung
  18. Glossar
  19. Quellenverzeichnis
  20. Diagramme
  21. Quellen s01–s104
  22. Quellen s105–s224
  23. Quellen s225–s225
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle