Mischexposition, Berufsgruppen und Kinderwunschpopulationen
Cherry et al. 2001: Lösungsmittel und männliche Infertilität (Kanada) [s142]. Fall-Referenz-Studie; Berufe wurden über eine Job-Exposure-Matrix vier Expositionsgraden zugeordnet; Fälle hatten weniger als 12 × 10⁶/ml bewegliche Spermien. Hauptstudie: 656 Männer in Handarbeit in Montreal (1972 bis 1991), zweite Reihe: Männer in Handarbeit aus 10 weiteren Kliniken (1984 bis 1987; die Zusammenfassung nennt 574 und an anderer Stelle 568 Männer). Adjustierte Odds Ratios in Montreal: 2,07 (95-%-KI 1,24 bis 3,44) bei mäßiger und 3,83 (1,37 bis 10,65) bei hoher Exposition; zweite Reihe: hoch 2,90 (1,01 bis 8,34), mäßig 1,01 (0,53 bis 1,92). Stärke: Replikation in einer zweiten Reihe. Schwächen: Expositionszuordnung nur über Berufsbezeichnung, keine Messung, Kinderwunschklinikpopulation, in der zweiten Reihe nur bei hoher Exposition ein Effekt.
Tielemans et al. 1999: Berufliche Expositionen und verminderte Samenqualität [s176] (Niederlande, Fall-Kontroll-Studie mit 899 männlichen Partnern aus zwei Universitätskliniken in Utrecht und Rotterdam, drei Fallgruppen nach unterschiedlichen Grenzwerten der Samenparameter, eine Standardreferenzgruppe). Exposition über berufsspezifische Fragebögen, Job-Exposure-Matrix und Messung von Metallen und Lösungsmittelmetaboliten im Urin. Ein Zusammenhang zwischen aromatischen Lösungsmitteln und verminderter Samenqualität zeigte sich unabhängig von der Methode der Expositionserfassung; er war bei strengeren Grenzwerten und bei primär infertilen Männern stärker. Andere Schadstoffe am Arbeitsplatz waren nicht mit verminderter Samenqualität verbunden. Die Zusammenfassung nennt keine Effektzahlen. Stärke: Übereinstimmung dreier Expositionsmethoden. Einzelstoffe wie Benzol, Toluol oder Xylol werden in der Zusammenfassung nicht getrennt.
Kurinczuk und Clarke 2001: Lederarbeit und männliche Infertilität [s146] (Großbritannien, Leicestershire und Kettering, Fall-Kontroll-Studie mit 1906 interviewten Männern, 88,5 % Teilnahme). Männer aus infertilen Paaren waren 1,10-mal (95-%-KI 0,46 bis 2,63) häufiger Lederarbeiter und 1,73-mal (1,26 bis 2,38; p < 0,001) häufiger in Arbeit mit Lösungsmitteln als fertile Kontrollen. Lederarbeiter hatten 1,20-fach (0,43 bis 3,33) häufiger Oligozoospermie und 1,65-fach (0,37 bis 7,30) häufiger Teratozoospermie; die Spermienkonzentration war nur um 6 % niedriger. Arbeit mit Lösungsmitteln erhöhte das Risiko für Oligo-, Terato- oder Asthenozoospermie nicht, wohl aber die Wahrscheinlichkeit, mit Infertilität vorzustellen, nicht vermittelt über Standard-Samenparameter. Die Exposition wurde nur über den Berufstitel definiert. Das Ergebnis passt nicht in ein einfaches Bild: Die Zugehörigkeit zu einer Lösungsmittelberufsgruppe geht mit Infertilitätsvorstellung einher, ohne dass sich Samenparameter unterscheiden.
Kenkel et al. 2001: Berufliche Risiken bei infertilen Männern [s145] (Münster, Deutschland; retrospektive Analyse von 2054 infertilen Männern in 29 Berufsgruppen, verglichen mit der Gesamtbevölkerung des Bezirks). Landwirte und Maler/Lackierer hatten häufiger reduzierte Spermienzahlen (OR 2,13 bzw. 2,17; 95-%-KI 1,18 bis 3,88 bzw. 1,02 bis 4,65); Metallarbeiter und Schweißer häufiger reduzierte Beweglichkeit (OR 5,99; 1,38 bis 26,00). Stärke: große Fallzahl aus einer deutschen Andrologie-Ambulanz. Schwächen: Vergleich innerhalb einer klinischen Population ohne Expositionsmessung; die Intervalle (besonders 1,02 bis 4,65 und 1,38 bis 26,00) sind weit, 29 Berufsgruppen bedeuten viele Einzelvergleiche.
Oliva et al. 2001: Umweltfaktoren (Argentinien) [s150] (225 Partner aus Paaren der ersten Infertilitätsberatung, 1995 bis 1998, in einer Agrarregion). Multivariable logistische Regression: Exposition gegenüber Pestiziden und Lösungsmitteln war signifikant mit Spermiengrenzwerten deutlich unter der Fruchtbarkeitsgrenze verbunden; Lösungsmittelexponierte hatten niedrigere LH-Werte, Pestizid-Exponierte höhere Östradiolwerte; die Effekte waren bei primärer Infertilität stärker. Die Zusammenfassung nennt keine Effektzahlen.
Wong et al. 2003: Exogene und endogene Faktoren (Niederlande) [s137]. Fall-Kontroll-Studie an 92 fertilen und 73 subfertilen Männern. Risikofaktoren für Oligozoospermie waren Pestizide (OR 8,4; 1,3 bis 52,1) und Schweißen (2,8; 0,9 bis 8,7) unter anderen; entgegen anderen Studien fand sich keine Assoziation mit Farbe oder Hitze. Kleine Gruppen, sehr weite Intervalle; für Farben (und damit Lösungsmittel) ist die Studie ein Nullbefund.
Petrelli et al. 2001: Beruf und männliche Fruchtbarkeit (Italien) [s151] (Multicenterstudie, italienisch mit englischer Zusammenfassung; Titel „Esposizione professionale e fertilità maschile. Risultati di uno studio multicentrico italiano in una popolazione esposta“, deutsch: Berufliche Exposition und männliche Fruchtbarkeit. Ergebnisse einer italienischen Multicenterstudie an einer exponierten Bevölkerung). Zeit bis zur Schwangerschaft bei Paaren mit männlicher Exposition gegenüber Metallen, Lösungsmitteln oder Pestiziden: 153 Arbeiter einer Münzprägeanstalt (Metalle und Lösungsmittel), 322 Landarbeiter mit Pestizidlizenz, 127 Gewächshausarbeiter. Leichte Verzögerung der Empfängnis bei Metallen (OR 1,3; 95-%-KI 0,5 bis 3,6), Lösungsmitteln (OR 1,7; 0,6 bis 4,6) und bei Gewächshausarbeitern mit Pestiziden (OR 1,6; 0,8 bis 3,1 mäßig und OR 2,4; 1,2 bis 5,1 stark); keine Zunahme bei Landarbeitern mit allgemeiner Pestizidexposition. Die Intervalle der Lösungsmittelgruppe schließen die 1 deutlich ein; nur ein Teil des Gesamtbefunds (Gewächshausarbeiter, stark exponiert) ist signifikant. Es ist die einzige abgerufene italienische Primärstudie mit Lösungsmittelbezug.
Luderer et al. 2004: Hormone und Fekundabilität bei Malern [s124] (USA, retrospektive Kohorte und Querschnitt; Maler und Maschinenschlosser mit Zimmerleuten als Referenz). Erfasst wurden Expositionsindizes für alle Lösungsmittel, chlorierte und aromatische Lösungsmittel sowie Verdünner, Entfetter, Lacke und Klebstoffe. FSH stieg mit steigenden Expositionsindizes für alle Lösungsmittel und für chlorierte Lösungsmittel signifikant an; LH und Testosteron zeigten keine signifikanten Zusammenhänge, auch nicht nach Berufsbezeichnung. Die Zeit bis zur Schwangerschaft war bei Malern und Schlossern nicht signifikant länger, ohne Zusammenhang mit den Indizes. Autorenhinweis: Manche Schwangerschaften lagen über 20 Jahre zurück, was die Zuverlässigkeit der Rückerinnerung mindert. Die Autoren sehen im FSH-Anstieg das Potenzial für nachteilige Wirkungen.
Hooiveld et al. 2006: männliche Maler (Niederlande) [s111]. Zufallsstichproben von Malern und Zimmerleuten aus einer Gewerkschaft der Bauarbeiter, Befragung 2001: 398 Maler mit Exposition gegenüber organischen Lösungsmitteln (Farben, Verdünner, Reiniger) in den drei Monaten vor der letzten Schwangerschaft und 302 Zimmerleute. Maler hatten ein erhöhtes Risiko für angeborene Fehlbildungen bei Nachkommen (OR 6,2; 95-%-KI 1,4 bis 27,9) mit positivem Expositions-Wirkungs-Trend (Toluol als Markersubstanz im Expositionsmodell); Hinweise auf funktionelle Entwicklungsstörungen bei mittlerer und hoher Exposition und auf ein etwas niedrigeres Geburtsgewicht; Zeit bis zur Schwangerschaft, Spontanabort und Frühgeburt waren nicht erhöht. Autorenhinweis: kleine Fallzahlen, Selbstangaben zu Exposition und Ergebnis.
Ali et al. 2014: Väterliche Berufsexposition und muskuloskelettale Fehlbildungen (Ägypten) [s55]. Fall-Kontroll-Studie in Mansoura, 2011 bis 2013; von 155 erfassten Fällen blieben 105 (Ausschlüsse: Verweigerung 21, mütterliche Infektion oder Medikamente 17, Fehlbildungen in der Familie 5, väterlicher Diabetes 7) und 135 klinische Kontrollen ohne Fehlbildung. Beide Eltern wurden ärztlich befragt; Lösungsmittel waren als Kleber, Klebstoffe, Politur, Verdünner oder Terpentin definiert. Väterliche Lösungsmittelexposition fand sich bei 22 von 105 Fällen (20,9 %) und 6 von 135 Kontrollen (4,4 %). Multivariable OR für Lösungsmittel 5,69 (95-%-KI 2,88 bis 11,52), für Pestizide 3,40 (1,94 bis 5,88), für Schweißrauch 2,80 (1,19 bis 7,28), für Blei 2,99 (0,99 bis 8,64; nicht signifikant) und für Blutsverwandtschaft 1,88 (1,21 bis 2,87); Bildschirmarbeit unterschied sich nicht (11,4 % gegenüber 8,9 %). Zielgröße ist die Fehlbildung des Kindes, nicht ein Spermienparameter. Schwächen: kleine Fallzahlen, selbstberichtete Exposition und Zielgröße, Klinikkontrollen, weit gefasste Lösungsmitteldefinition mit Alltagsprodukten.
El-Helaly et al. 2010: Berufsexposition und männliche Infertilität (Ägypten) [s85]. Fall-Kontroll-Studie aus Mansoura, Januar 2008 bis Februar 2009: 255 infertile Männer und 267 fertile Kontrollen; berufliche Belastungen per Fragebogen, Samenanalyse nur bei den Infertilen, weil die Kontrollen keine Probe abgeben wollten. Nach Adjustierung erhöhten Lösungsmittel und Anstrichmaterialien das Risiko (OR 3,88; 95-%-KI 1,50 bis 10,03), ebenso Blei (OR 5,43; 1,28 bis 23,13), Bildschirmgeräte (OR 8,01; 4,03 bis 15,87), Schichtarbeit (OR 3,60; 1,12 bis 11,57) und arbeitsbedingter Stress („ziemlich vorhanden“ OR 3,11; 1,85 bis 5,24; „häufig vorhanden“ OR 3,76; 1,96 bis 7,52). Stärken: für die Region große Fallzahl, Adjustierung, mehrere Expositionen in einem Modell. Schwächen: Selbstangabe (Erinnerungsverzerrung), keine Samenanalyse bei den Kontrollen, die Kategorie „Lösungsmittel und Anstrichmaterialien“ fasst unterschiedliche Stoffe zusammen, das Intervall ist weit. Auffällig ist, dass Bildschirmarbeit eine höhere OR hat als Lösungsmittel; das spricht gegen eine rein kausale Lesart der Einzelschätzer, ist aber eine Vermutung und wird von der Studie nicht geprüft.
Daoud et al. 2017: Berufsexposition und Samenqualität bei infertilen Männern (Tunesien) [s39] (Sfax, Querschnittsstudie, 2122 Männer in der andrologischen Abklärung bei Paarinfertilität, Fragebogen). Pestizidexposition ging mit einem höheren Risiko für Asthenozoospermie (adjustierte OR 1,6; 95-%-KI 1,0 bis 2,4) und Nekrozoospermie (OR 2,6; 1,4 bis 4,7) einher; Zementexposition mit einem höheren Oligozoospermie-Risiko (OR 1,1; 0,9 bis 1,4, das Intervall schließt die 1 ein). Zwischen Samenqualität und Exposition gegenüber Lösungsmitteln, Hitze oder mechanischen Vibrationen bestand kein Zusammenhang; Zahlen zu Lösungsmitteln nennt die Zusammenfassung nicht. Dies ist die größte Studie aus dem arabischen Raum und liefert für Lösungsmittel einen Nullbefund, der dem ägyptischen Ergebnis [s85] widerspricht. Mögliche Gründe sind die unterschiedliche Definition („Lösungsmittel“ gegenüber „Lösungsmittel und Anstrichmaterialien“), unterschiedliche Zielgrößen und die Auswahl: Alle Männer waren Patienten einer Kinderwunschabklärung.
Rochdi et al. 2025: Beschreibende Kohorte in Oujda (Marokko) [s07]. 3025 Männer, September 2021 bis Juli 2023; mittleres Alter 40 Jahre, mittlere Infertilitätsdauer 5,5 Jahre, primäre Infertilität bei 88,97 %. Berufsexposition war der am häufigsten genannte Risikofaktor, gefolgt von Varikozele; Rauchen 24,29 %, Alkohol 12,49 %, Hitzeexposition 30,08 %. Spermiogrammabweichungen bei 78,71 %; Spermienzahl unter dem WHO-Referenzbereich 2021 bei 25,60 %, Morphologie 34,13 %, Gesamtbeweglichkeit 32,29 %, Vitalität 62,46 %; Oligozoospermie 29,07 %, Asthenozoospermie 24,68 %, Azoospermie 17,56 %. Im Volltext werden Maler als Berufsgruppe erwähnt, deren toxische Chemikalien die männliche Fertilität beeinträchtigen könnten; eine Auswertung nach Lösungsmitteln enthält die Arbeit nicht. Es ist regionaler Kontext, kein Befund zu den Stoffen.
Meyer et al. 2022: Beruf und Spermienparameter bei nachweislich fruchtbaren Männern [s20] (USA, Study for Future Families). Niedrigere Spermienkonzentration und Beweglichkeit fanden sich in Installations-, Wartungs- und Reparaturberufen; höhere Exposition gegenüber Blei und anderen Giftstoffen in Berufen mit niedrigeren mittleren Konzentrationen (Prävalenzverhältnis Blei 4,1, Pestizide/Insektizide 1,6, Lösungsmittel 1,4); Arbeit mit Blei über mehr als 3 Monate war mit niedrigerer Spermienkonzentration verbunden. Die Zusammenfassung nennt keine Intervalle für Lösungsmittel; der Effekt ist der kleinste der drei genannten. Männer, die bereits ein Kind gezeugt haben, sind eine auf Fruchtbarkeit selektierte Gruppe.
Prades 2020: Befragung von Kinderwunschpatienten (Marseille) [s30]. Prospektive monozentrische Befragung (Masterarbeit), 810 von 1090 Patienten eingeschlossen. 97 % der Männer gaben eine anerkannte oder vermutete reproduktionstoxische Exposition an, wobei Lösungsmittel, Hitze, psychoaktive Substanzen und ein Körpermassenindex über 25 die häufigsten anerkannten Faktoren waren. Das ist eine Selbstauskunft ohne Expositionsmessung und kein Beleg für Kausalität.
Nikolaev und Loginov 2015: Spermatogenese unter schwierigen Umweltbedingungen (Russland) [s51]. 40 Männer im fortpflanzungsfähigen Alter, die nach zwei bis drei Ehejahren wegen Kinderlosigkeit einen Arzt aufsuchten, nach Belastung in vier Gruppen eingeteilt (Erdöl- und Erdgasindustrie, Radar- und Rundfunkanlagen, Kreative, Arbeitslose und Geringverdiener); Kontrollen waren körperlich gesunde Männer mit Kindern. Gemessen wurden Malondialdehyd im Ejakulat und morphokinetische Parameter. Erdgas und Erdölbegleitgas waren nach den Autoren am stärksten schädlich: ein „scharfer Rückgang“ von Spermienkonzentration und Beweglichkeit. Gruppengrößen, Effektgrößen und p-Werte nennt der Abstract nicht; die Expositionsbeschreibung ist qualitativ und nicht lösungsmittelspezifisch. Selektion (Männer mit Kinderwunschproblem gegenüber fertilen Kontrollen) kann nicht ausgeschlossen werden.
Ilyinskikh et al. 2016: Teratozoospermie bei Schichtarbeitern mit Varikozele auf Erdölfeldern [s44] (Russland, 139 Männer in vier Gruppen: Bohrarbeiter mit und ohne Varikozele, Verwaltungspersonal mit und ohne Varikozele). Die Häufigkeit von Teratozoospermie und karyopathologischen Anomalien der Urogenitalepithelzellen war bei Arbeitern mit Varikozele signifikant höher als in allen anderen Gruppen; bei Bohrarbeitern mit Varikozele war die Häufigkeit geschädigter Zellen signifikant höher als beim Verwaltungspersonal mit Varikozele. Das 2×2-Design trennt den Einfluss der Varikozele; Zahlen nennt der Abstract nicht, Lösungsmittel wurden nicht gemessen. Der Befund spricht eher für einen Beitrag der Varikozele als für einen Lösungsmitteleffekt.
Madhan Kumar et al. 2026: Textilarbeiter, Fall-Kontroll-Studie [s02]. 60 teratozoosperme Männer mit beruflicher Exposition gegenüber Lösungsmitteln und Schwermetallen und 30 altersgleiche normozoosperme Kontrollen. ROS 32,0 ± 9,0 gegenüber 15,0 ± 5,0; Malondialdehyd 4,8 ± 1,1 gegenüber 2,1 ± 0,6 nmol/ml; Anteil akrosomintakter Spermien 38,3 ± 9,2 % gegenüber 62,4 ± 10,1 %; Antioxidans-Marker und DNA-Fragmentierung ebenfalls ungünstiger; erhöhte Cadmium-, Blei- und Chromgehalte. Wichtige Einschränkung: Die Fälle wurden über das Ergebnis (Teratozoospermie) ausgewählt, die Exposition ist ein Gemisch aus Lösungsmitteln und Schwermetallen, einzelne Lösungsmittel wurden laut Zusammenfassung nicht gemessen; Lösungsmittel- und Metallwirkung sind nicht trennbar.
Güven et al. 2008: Mautstellenpersonal (Türkei) [s95]. 38 Mautstellenbeschäftigte an Autobahnen (Verkehrsabgase, insbesondere Diesel) gegen 35 Büroangestellte; Ausschluss unter anderem von Varikozele und chronischen Krankheiten, Rauchverhalten gleich, Spermiogramm nach WHO. In der exponierten Gruppe hatten acht Männer eine verminderte Beweglichkeit und sieben eine niedrige Spermienzahl, ein weiterer beides; in der Kontrollgruppe zwei einen leichten Beweglichkeitsdefekt und einer eine niedrige Zahl. Unterschiede bei auffälliger Spermienzahl (p = 0,002) und Beweglichkeit (p = 0,003) waren signifikant; der Anteil normaler Formen war in der Studiengruppe niedriger (p = 0,001). Verkehrsabgase enthalten Kohlenwasserstoffe, aber der Abstract misst keinen einzelnen Stoff und keine Expositionshöhe. Die Studie ist kein Beleg für eine Lösungsmittelwirkung, sondern ein Hinweis auf Luftschadstoffe allgemein, und mit 38 gegen 35 Männern klein.
Lemasters et al. 1999: Lösungsmittel und Treibstoffe bei der Flugzeugwartung [s171] (USA, prospektive Studie). 50 Wartungsmänner einer Luftwaffenbasis und 8 Unexponierte, Messungen vor der ersten Exposition sowie nach 15 und 30 Wochen; Atemluft- und Expositionsmessungen für Treibstoffe (Naphthas, Benzol), 1,1,1-Trichlorethan, Methylethylketon, Xylole, Toluol und Methylenchlorid. Die Expositionen waren niedrig (alle Mittelwerte unter 6 ppm, unter 10 % des US-Grenzwertes außer bei Benzol); Blechschlosser hatten die höchsten Atemluftwerte (Lösungsmittel insgesamt 24 ppb, Treibstoffe 28,3 ppb). Die meisten Spermienmaße blieben im Normbereich; in der Lackiererei sank die Beweglichkeit nach 30 Wochen signifikant um 19,5 %. Die innere Belastung zeigte keinen signifikanten Zusammenhang mit den Veränderungen. Stärke: prospektives Design mit Eigenkontrolle bei niedriger Exposition. Schwäche: nur 8 Kontrollmänner, Befunde nur in Untergruppen.
Tang et al. 2022: Beruf und Spermaqualität bei Samenspendern [s22] (China, 12 301 Spender 2006 bis 2020, 36,2 % Studenten). Soldaten und Polizisten hatten das höchste Volumen (Median 3,8 ml), aber die niedrigste Konzentration (53,6 × 10⁶/ml) und Beweglichkeit (45,5 %); Finanz- und Versicherungsberufe hatten erhöhte Chancen für niedriges Volumen, niedrige Konzentration und niedrige Gesamtzahl (OR 1,43, 1,57 und 1,98); Arbeitslose für niedrige Konzentration und Gesamtzahl (OR 1,84 und 1,58); IT-Arbeit für schlechtere progressive Beweglichkeit (OR 1,27; 1,03 bis 1,57). Die Autoren vermuten sitzende Tätigkeit und intensiven Sport. Lösungsmittel wurden nicht erfasst; die Studie dient als Kontext, Spender sind eine junge, selektierte Gruppe. Mai et al. 2023 [s15] (China, 465 Männer): Wohnen nahe einem Chemiewerk war mit höherem Sperma-pH assoziiert (7,5 gegenüber 7,2; p = 0,001) und wird von den Autoren als „Schutzfaktor“ für Konzentration (OR 0,15; 0,05 bis 0,46) und Gesamtzahl (OR 0,36; 0,13 bis 0,99) bezeichnet; die Zielgröße der Odds Ratios ist im Abstract nicht erläutert, das Ergebnis biologisch kaum plausibel und keinesfalls als Hinweis auf Unschädlichkeit zu lesen. Yang et al. 2024 [s12] (China, 826 auswertbare von 1060 Teilnehmern): In der Univariatanalyse waren häufige Hitze- und Chemikalienexposition am Arbeitsplatz mit schlechter Samenqualität assoziiert (p < 0,05); in der Multivariatanalyse nennt der Abstract als unabhängige Faktoren Alkohol, Body-Mass-Index (24 bis < 28 kg/m²: OR 0,63; 0,46 bis 0,87) und Grünteekonsum, nicht mehr die Chemikalienexposition (Selbstauskunft ohne Substanzbezug). Alle drei Studien sind für die fünf Stoffe nicht spezifisch.
Umweltbiomonitoring flüchtiger organischer Verbindungen und Fertilitätszentren
Poli et al. 2020: Benzol-, Toluol- und Styrol-Metaboliten bei Männern eines Fertilitätszentrums (Italien) [s29]. 86 Männer mit idiopathischer männlicher Infertilität und 46 Kontrollen mit unauffälligen Spermien; Metaboliten von Benzol, Toluol, 1,3-Butadien, 3-Monochlorpropandiol, Styrol und Naphthol im Samenplasma und Urin mittels LC-MS/MS, dazu Effektmarker (oxidierte Nukleinsäureprodukte). Die Biomarker-Konzentrationen waren bei Infertilen und Kontrollen ähnlich; im Samenplasma war die Korrelation zwischen Expositions- und Effektmarkern stärker; als Mechanismus wird Glutathion-Erschöpfung mit oxidativem Stress genannt. Dies ist ein bedeutsamer negativer Befund: Der Gehalt an diesen Metaboliten unterschied Infertile nicht von Kontrollen. Zugleich sind die Stoffe intern korreliert, was eine gleichzeitige Umweltexposition anzeigt.
Perrone et al. 2022 [s21] und Longo et al. 2021 [s26]: Sacco-Tal und Land of Fires (Italien). Perrone und Mitarbeiter untersuchten gesunde junge Männer aus einem durch Industrie belasteten Gebiet, in deren Samen flüchtige organische Verbindungen (VOC) nachweisbar waren; neben Spermiogrammen wurden die basischen Kernproteine (Protamin-Histon-Verhältnis, DNA-Bindung) analysiert. Beschrieben werden drastische Veränderungen in Morphologie, Beweglichkeit, Zahl und Protamin/Histon-Verhältnis sowie verminderte DNA-Bindung; die Zusammenfassung nennt keine Zahlen, die Autoren sprechen von vorläufigen Hinweisen auf einen Zusammenhang mit bestimmten VOC. Longo und Mitarbeiter erfassten VOC-Muster in Blut, Urin und Samen junger Männer aus dem Sacco-Tal und dem Gebiet „Land of Fires“ mit Headspace-SPME und GC-MS ab; einige Verbindungen finden sich in mehreren Körperflüssigkeiten, andere nur in einer; die Gebiete ließen sich statistisch trennen, einige toxische Verbindungen fänden sich überwiegend im Sacco-Tal, entsprechend schlechteren Spermiogrammen dort. Beides sind Korrelationen in Wohngebieten mit Mehrfachbelastung (Pestizide, Dioxine, Lösungsmittel, Schwermetalle), keine Kausalitätsbelege, und beide stammen aus derselben Region.
Engelsman et al. 2023: Feuerwehrleute (Explorationsstudie) [s13]. 774 Fragebogenantworten und 23 Samenproben; Spermienparameter lagen bei Feuerwehrleuten in mehreren Parametern unter den WHO-Referenzwerten, Fehlgeburten 22 % gegenüber 12 bis 15 % in der Allgemeinbevölkerung. Stoffe werden nicht einzeln für Lösungsmittel ausgewertet, die Zahl der Samenproben ist sehr klein; die Studie ist nur Kontext für Mischexpositionen.
Weitere Lösungsmittel und Industriechemikalien (nicht Kernstoffe)
Die folgenden Studien betreffen Stoffe, die nicht zu den fünf Kernstoffen gehören, aber in den Metaanalysen und Übersichten mitgezählt werden.
Ma et al. 2010: Schwefelkohlenstoff in der Textilindustrie [s87] (China, Querschnittsstudie; 80 exponierte Männer und 49 Referenzarbeiter, Sperma von 43 Exponierten und 35 Kontrollen). Die Rate sexueller Funktionsstörungen war bei den Exponierten höher, die Zahl der sexuellen Kontakte niedriger und deren Dauer kürzer (p < 0,001); Exponierte hatten weniger Ejakulatvolumen, längere Verflüssigungszeit, niedrigere Akrosomenintegrität, Vitalität und Dichte und mehr Missbildungen der Spermien (p < 0,01). Alter und Art der Arbeit waren die wichtigsten Einflussgrößen für die Sexualfunktion; die Expositionsdauer hatte keinen signifikanten Einfluss. Die Studie trägt den gepoolten Effekt der Metaanalyse mit (Volumen SMD −1,12, Konzentration SMD −0,66) [s35]. Guo et al. 2016 [s43] (China, 76 Männer mit Schwefelkohlenstoff 9,73 ± 2,76 mg/m³ gegen 94 Nichtexponierte): höhere FSH- und LH-Spiegel und niedrigeres Testosteron; verminderte Vitalität, Beweglichkeit, Chromatinqualität, antioxidative Kapazität, mitochondriales Membranpotenzial und Atmungskettenkomplexe II und IV.
Chang et al. 2004: N,N-Dimethylformamid in der Kunstlederindustrie [s122] (Taiwan, 12 exponierte und 8 Kontrollarbeiter aus einem anderen Betrieb). Die Spermienbeweglichkeit war in der DMF-Gruppe signifikant reduziert; die Bewegungsparameter standen in einer Dosis-Wirkungs-Beziehung zu N-Methylformamid im Urin, nicht zu DMF in der Luft. Zu kleine Gruppen für belastbare Schätzer; Kontrollen aus einem anderen Betrieb. Chang et al. 2001 [s141] (Taiwan): ein Fallbericht über einen 34-jährigen Laborarbeiter mit Asthenospermie nach einer Lüftungsstörung mit rekonstruierter Chloroform-Exposition beim 10- bis 50-Fachen des Grenzwerts; ein Einzelfall liefert allenfalls eine Hypothese.
Eskenazi et al. 1991: Perchlorethylen [s200] (34 Reiniger gegen 48 Wäschereiarbeiter): Spermien der Reiniger waren häufiger rund und seltener schmal, dosisabhängig zur Atemluftbelastung. Rasmussen et al. 1988: Trichlorethylen [s209] (15 Metallarbeiter): kein Unterschied in Zahl und Morphologie, aber Chromosomenaberrationen in Lymphozyten.
Kim et al. 1996 [s184] und Kim et al. 1999 [s169]: 2-Brompropan in einem koreanischen Elektronikbetrieb. 33 Beschäftigte (8 Männer, 25 Frauen) arbeiteten mit einer Reinigungslösung mit 97,4 % 2-Brompropan. Von den acht Männern hatten zwei eine Azoospermie und vier eine Oligospermie (Normalwert über 20 Mio./ml) oder verminderte Beweglichkeit (Normalwert über 50 %). Andere bekannte Noxen (ionisierende Strahlung, Blei, Glykolether und deren Acetate, Benzol, Dibromchlorpropan) wurden als Ursache ausgeschlossen. Die Übersicht der Gruppe von 1999 beschreibt dasselbe Ereignis (23 Arbeiter als „erste 2-Brompropan-Vergiftungsopfer der Welt“) und gibt für Frauen 17 von 25 an, wo die Studie von 1996 16 nennt; der Abstract erklärt die Abweichung nicht. Stärken: sorgfältige Ausschlussdiagnostik. Schwächen: nur acht Männer, keine Kontrollgruppe, keine Dosisangabe; Kausalität bleibt Verdacht. Die Fallserie zeigt, dass ein Ersatzlösungsmittel Hodentoxizität haben kann, und betrifft keinen der fünf Kernstoffe.
Phthalate in PVC-Werken [s80, s60, s48] (Taiwan, Weichmacher, kein Lösungsmittel). Huang et al. 2011 [s80] (45 Arbeiter): Nach Adjustierung für Kaffee, Rauchen und Alter waren DEHP in der Luft mit DNA-Denaturierungsneigung (β = 0,038) und DNA-Fragmentierungsindex (β = 0,140) positiv und mit der Beweglichkeit (β = −0,227) negativ assoziiert (Median Personenluft bei hoher Exposition 23,7 µg/m³). Huang et al. 2014 [s60] (47 Arbeiter, 15 Studenten): Abnahme der Beweglichkeit mit den Urinmetaboliten MEHP (β = −0,549; p = 0,0085), MEHHP (β = −0,155; p = 0,0074) und MEOHP (β = −0,201; p = 0,0041) assoziiert; Spermien-ROS und Apoptose höher; Studenten als Vergleichsgruppe sind ein Schwachpunkt. Fong et al. 2015 [s48] (82 Männer): Urinmetaboliten waren positiv mit Östradiol (p < 0,01) und dem Östradiol-Testosteron-Verhältnis (p < 0,05) assoziiert. Alle drei sind kleine Querschnittsstudien ohne Bezug zu den fünf Kernstoffen.
Zusammenschau der Beobachtungsstudien
- Stoff für Stoff. Glykolether: überwiegend niedrigere Spermienzahl oder -konzentration bei früherer oder hoher Exposition [s210, s206, s196, s93, s100], mit Ausnahme der aktuellen Exposition in Paris [s100] und der taiwanischen Studie ohne Spermienbefund [s164]. Styrol: uneinheitlich (Rückgang der Dichte [s170], DNA-Schäden [s140, s113], keine Aneuploidie [s130], Fekundabilität unverändert [s161]). Benzol: konsistente Chromosomenbefunde in Spermien bei kleinen Gruppen [s90, s76, s162, s148, s128, s126, s120], uneinheitliche klassische Parameter [s75, s166, s153], kein Zusammenhang mit väterlichem Spontanabort [s192]. Toluol und Xylol: nur Mischexposition [s157, s153, s208], eine Druckindustriestudie ohne Fekundabilitätseffekt bei Männern [s174].
- Gemische und Berufsgruppen. Fall-Referenz- und Fall-Kontroll-Studien in Kinderwunschkliniken finden häufiger Lösungsmittel- oder Malerberufe bei Männern mit niedriger Konzentration beweglicher Spermien [s142, s93, s145, s176, s150, s85], andere nicht [s39, s137, s146] (für Standard-Samenparameter). Die Odds Ratios liegen, wo angegeben, zwischen 1,46 und 3,88; die Intervalle sind oft weit. Studien mit Zeit bis zur Schwangerschaft sind überwiegend nicht signifikant [s151, s124, s111, s174, s161], eine Ausnahme bilden Erstschwangerschaften [s180].
- Hormonbefunde. FSH steigt in einer Malerstudie mit der Expositionssumme [s124] und ist in zwei anderen Studien niedriger [s139, s189]; dieses Bild ist uneinheitlich.
- Selektion und Messung. Die Exposition wurde nur bei einem kleinen Teil der Studien gemessen (Luft oder Biomonitoring: [s210, s206, s196, s100, s164, s170, s90, s76, s171]). Fragebogen- oder Berufsbezeichnungs-Studien [s142, s145, s146, s85, s39] sind anfällig für Fehlklassifikation. Studien nur an Kinderwunschpatienten sind auf Männer mit Problemen selektiert; Studien nur an Männern, die Kinder gezeugt haben, schließen die Unfruchtbaren aus [s161, s20].
- Mehrfachveröffentlichungen. Ningbo [s153, s177], Tianjin [s90, s76, s74] und die chinesische FISH-Serie [s162, s148, s128, s126, s223, s120] bestehen aus überlappenden Kollektiven und sind deutlich weniger unabhängige Studien, als es die Zahl der Veröffentlichungen nahelegt.
- Regionale Lücken. Aus dem portugiesisch- und spanischsprachigen Raum konnte keine Primärstudie in der Landessprache abgerufen werden (SciELO, LILACS und Dialnet waren nicht abfragbar); aus Mexiko und Argentinien liegen englischsprachige Arbeiten vor [s157, s150]. Aus der Türkei, Russland und dem arabischen Raum gibt es keine lösungsmittelspezifische Studie mit Luftmessung oder Biomonitoring [s95, s51, s44, s85, s39, s55, s68, s07].
- Reichweite der Aussagen. Die Beobachtungsstudien können Assoziationen beschreiben, aber keine Kausalität belegen; für die fünf Kernstoffe fehlt eine große prospektive Kohorte mit Biomonitoring und Samenanalyse. Die Aussagen gelten für die untersuchten Arbeitsbedingungen und Zeiträume; neuere Humanstudien nach 2015 zu Glykolethern, Styrol und Xylol sind in der abgerufenen Literatur selten.
Dieses Kapitel ordnet ein, was klinische Studien, Leitlinien und Tierversuche zur Frage beitragen, ob berufliche Lösungsmittel und Industriechemikalien (Glykolether, Benzol, Toluol, Styrol, Xylol) die männliche Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Es wertet ausschließlich die in der Quellenliste geführten Arbeiten aus; Zahlen stammen aus den abgerufenen Zusammenfassungen, in wenigen Fällen aus Volltexten. Eine Therapie- oder Handlungsempfehlung wird nicht gegeben. Wo eine Zusammenfassung keine Zahl nennt, steht das ausdrücklich da.