Verwandte Industriechemikalien (außerhalb der fünf Leitsubstanzen)
Diese Stoffe sind nicht Gegenstand der Fragestellung, werden aber in der Literatur oft zusammen mit den Leitsubstanzen behandelt und stützen Mechanismen oder zeigen Studienmuster. Sie werden hier kompakt aufgeführt.
Schwefelkohlenstoff. Ma et al. 2010 (80 exponierte Männer, 49 Referenzarbeiter, Sperma von 43 und 35): höhere Rate sexueller Funktionsstörungen, weniger Ejakulatvolumen, längere Verflüssigungszeit, niedrigere Akrosomenintegrität, Vitalität und Dichte, mehr Missbildungen (p < 0,01) [s87]. Guo et al. 2016 (76 Exponierte bei 9,73 ± 2,76 mg/m³, 94 Nichtexponierte): höhere FSH- und LH-, niedrigere Testosteronwerte, verminderte Vitalität und Beweglichkeit, antioxidative Kapazität, mitochondriales Membranpotenzial und Atmungskettenkomplexe II und IV [s43]. Le und Fu 1996 (Spermien von 9 Freiwilligen in vitro): Gesamtrate von Chromosomenaberrationen 6,9 %, bei 10 µmol/l signifikant über der Kontrolle [s185]. Tierversuche (50, 250 und 1250 mg/m³ über zehn Wochen): Hodenkoeffizient in der hohen Dosis, Nebenhodengewicht, Spermienzahl und Beweglichkeit in mittlerer und hoher Dosis vermindert [s116]; DNA-Schädigungsrate in Mäusespermien 67,14 %, 84,29 % und 91,00 % in drei Dosisgruppen [s133]; Vitamin E milderte die Lipidperoxidation [s107, s97]; der mitochondriale Apoptoseweg war aktiv [s70] und Cyclosporin A milderte die Keimzellschäden [s59]; Natriumnitroprussid milderte Teile der Wirkung [s73]; die Atmungskettenkomplexe I bis V waren erhöht [s69].
Brompropane. Tierversuche aus Korea, Japan und China zeigen, dass 2-Brompropan Spermatogonien angreift und 1-Brompropan die Spermiation stört, bei vergleichsweise hohen Dosen: Yu et al. 1997 (125 bis 500 mg/kg intraperitoneal, 28 Tage; Nekrose von Spermatogonien und Spermatozyten, Nebenhodenatrophie) [s183]; Omura et al. 1999 (Abnahme der Spermatogonien) [s172]; Son et al. 1999 (Tubuli bis Tag 70 nicht vollständig erholt) [s175]; Li et al. 2001 und Yu et al. 2001 (apoptotischer Zelltod, Bcl-2 vermindert, Bax erhöht) [s147, s156]; Huang et al. 2010 (Apoptoseindex 6,64 ± 3,40 gegenüber 0,59 ± 0,20 bei 1 g/kg über 7 Tage) [s86] und Huang et al. 2009 [s91]; Xin et al. 2010 [s89]; Ichihara et al. 2000 (200, 400 und 800 ppm 1-Brompropan über 12 Wochen, Spermienzahl und Beweglichkeit dosisabhängig vermindert) [s160]; Ohtani et al. 2014 und 2015 (Konferenzbeiträge mit widersprüchlicher Dosisangabe) [s62, s52].
Weitere Stoffe. Dimethylformamid: Chang et al. 2004 (12 Exponierte, 8 Kontrollen) fanden signifikant verminderte Beweglichkeit, in Dosis-Wirkungs-Beziehung zu N-Methylformamid im Urin [s122]. Chloroform: ein Fallbericht eines Laborarbeiters mit Asthenospermie nach Belüftungsausfall liefert allenfalls eine Hypothese [s141]. MTBE: Al-Faqih et al. 2019 (120 Mäuse, 0 bis 4000 ppm per Schlundsonde, 60 Tage) fanden verminderte Körper- und Hodengewichte und Spermienzahlen, erhöhtes LH und erniedrigtes Testosteron [s31]. Phthalate (DEHP): drei Querschnittsstudien aus Taiwan mit veränderter Beweglichkeit, DNA-Fragmentierung und Östradiol [s80, s60, s48]. Vinylchlorid, Trichlorethylen (in vitro), Methylcyclohexan, ein VOC-Gemisch, 2,5-Hexandion und n-Hexan zeigten im Tier- oder Zellversuch Hormon-, Beweglichkeits- oder Oxidationsbefunde [s88, s72, s82, s49, s121, s96]. Ethylbenzol, ein Begleitstoff von Xylol, wurde für einen Innenraumluft-Leitwert bewertet; Reproduktionstoxizität war dabei nicht die entscheidende Größe [s06]. Die Beruf- und Spenderstudien aus China (Tang 2022, Mai 2023, Yang 2024) erfassen keine Lösungsmittel [s22, s15, s12]; die Mai-Arbeit nennt Wohnen nahe einem Chemiewerk einen „Schutzfaktor“, was biologisch kaum plausibel und keinesfalls als Hinweis auf Unschädlichkeit zu lesen ist.
Leitlinien und regulatorische Dokumente
AUA/ASRM-Leitlinie „Diagnosis and Treatment of Infertility in Men“ [s224]. Abgerufen wurde die Webseite der American Urological Association. Statement 8 (bedingte Empfehlung, Evidenzgrad C): Ärzte können Risikofaktoren (Lebensstil, Medikamentengebrauch, Umweltexposition, berufliche Exposition) besprechen, die mit männlicher Infertilität verbunden sind, und darauf hinweisen, dass die aktuellen Daten zu den meisten Risikofaktoren begrenzt sind. Im Diskussionsteil heißt es, Studien zu Umweltfaktoren seien schwer durchzuführen, weil viele Chemikalien allgegenwärtig seien, die Expositionsmessung unzureichend sei, wenige Biomarker validiert seien und Störgrößen die Auswertung erschwerten. Unter den untersuchten Giftstoffen sei der Zusammenhang für einige Schwermetalle und Pestizide als schlüssig beurteilt worden, für das Phthalat DEHP bestehe ein möglicher Zusammenhang; Benzophenone, Bisphenol A, chlorierte antimikrobielle Stoffe, Parabene und Luftverschmutzung seien nicht schlüssig. Glykolether, Benzol, Toluol, Styrol und Xylol werden im abgerufenen Text nicht als eigene Substanzen behandelt [s224].
EAU-Leitlinie „Sexual and Reproductive Health“, Kapitel Männliche Infertilität [s225]. Die Anamnese solle unter anderem „exposure to environmental toxins“ erfassen; die idiopathische Infertilität könne mit endokriner Störung durch Umweltverschmutzung, oxidativem Stress und Spermien-DNA-Schäden oder genetischen und epigenetischen Veränderungen verbunden sein. Im Abschnitt Lebensstil werden Gewichtsverlust, körperliche Aktivität, Rauchen und Alkohol behandelt (Metaanalyse zum Rauchen: 20 Studien mit 5865 Teilnehmern; Alkohol: 15 Querschnittsstudien mit 16.395 Männern). Lösungsmittel, Glykolether, Benzol, Toluol, Styrol oder Xylol werden im abgerufenen Text nicht genannt [s225].
Japanische Gesellschaft für Arbeitsmedizin (JSOH), Grenzwertempfehlungen. Die Empfehlung von 2017 nennt für 2-Butoxyethanol 20 ppm (97 mg/m³) als Ceiling-Wert, gestützt auf Humanerfahrung, dass bei 20 ppm über 2 Stunden keine starken Reizsymptome auftraten, wohl aber bei 98 bis 195 ppm; Konzentrationen unter 20 ppm sollten hämolytische Anämie verhindern und reproduktive Toxizität minimieren; vorgeschlagen werden ein Hautresorptionshinweis und die Einstufung als Reproduktionstoxikum der Gruppe 2 [s38]. Die Empfehlung von 2021 stuft 2-Brompropan (2014 als Reproduktionstoxikum der Gruppe 1 eingestuft) mit einem vorgeschlagenen Arbeitsplatzgrenzwert von 0,5 ppm (2,5 mg/m³; vorher 1 ppm) ein; hämatologische Indizes weiblicher Arbeiter können bei etwa 6,5 ppm vermindert sein, der LOAEL bei männlichen Ratten wurde mit 67 ppm angesetzt, und zwar auf Grundlage von Gehörgangskarzinomen [s23]. Es handelt sich um regulatorische Aussagen ohne Spermadaten; Glykolether sind nur mit 2-Butoxyethanol vertreten, für das die Tierdaten keine Hodenwirkung zeigten [s92, s211].
Weitere Dokumente. Inoue et al. 2025 (Ethylbenzol, Innenraumluft-Leitwert, bisher 3800 µg/m³; niedrigster Wert aus allgemeiner Toxizität mit 0,0858 ppm beziehungsweise 370 µg/m³ auf Grundlage eines Verlusts äußerer Haarzellen bei Ratten) [s06]. Ichihara 2025 (Übersicht zu 1-Brompropan: Neurotoxizität beim Menschen, männliche Reproduktionstoxizität bei Ratten) [s05]. Park 2020 (Übersicht zur reproduktiven Gesundheit in Korea; als reproduktionstoxisch gelistet unter anderem 2-Brompropan, 1-Brompropan, 2-Methoxyethanol, 2-Ethoxyethanol, 2-Ethoxyethylacetat, Dimethylformamid und n-Hexan; für Männer nennt die Übersicht Dibromchlorpropan, ionisierende Strahlung und Blei als Stoffe mit relativ starker Evidenz) [s28]. Prades 2020 (Marseiller Masterarbeit, Befragung von Kinderwunschpaaren; Lösungsmittel, Hitze, psychoaktive Substanzen und ein Körpermassenindex über 25 zählten zu den häufigsten anerkannten Faktoren) [s30].
Fehlanzeigen. In den abgerufenen Übersichtsseiten von ESHRE (Liste „Guidelines and Legal“), der Società Italiana di Andrologia und des AWMF-Registers wurde keine Leitlinie zu beruflichen Lösungsmitteln und männlicher Fruchtbarkeit gefunden; das AWMF-Register lieferte allerdings nur das Gerüst einer JavaScript-Anwendung, sodass das Fehlen dort nicht belegt ist. Eine Cochrane-Suche über Europe PMC ergab 28 Treffer, von denen die ersten fünf keinen Lösungsmittelbezug hatten; ein Cochrane-Review zum Thema wurde nicht gefunden. Nicht abfragbar waren unter anderem SciELO, LILACS, Dialnet, Cairn, eLIBRARY, DergiPark, CNKI und Wanfang; das Ergebnis „keine Studien“ bedeutet in diesen Räumen nur „keine auffindbaren“.
Einordnung der Studienlage
Die Studienlage lässt sich in fünf Aussagen verdichten. Erstens ist die Hodentoxizität der Ethylenglykolether der E-Reihe im Tierversuch konsistent belegt, und die Humanstudien weisen überwiegend in dieselbe Richtung, sind aber klein, selektiv und nicht einheitlich [s210, s206, s196, s93, s100, s164]. Zweitens ist für Benzol das stärkste Humansignal der Spermien-Chromosomenschaden, auch bei Luftwerten um 1 ppm [s90, s76]; ob daraus eine verminderte Zeugungsfähigkeit folgt, wurde nicht gemessen. Drittens sind die Befunde zu Styrol uneinheitlich [s170, s161, s140, s130, s113]. Viertens fehlen für Toluol und Xylol Humanstudien mit Einzelstoffexposition; die Tierdaten zeigen Wirkungen erst bei hohen Dosen oder in Gemischen [s173, s186, s197]. Fünftens nennt keine der beiden großen urologischen Leitlinien einen der fünf Stoffe; die AUA hält die Datenlage zu den meisten Risikofaktoren für begrenzt [s224, s225].