Dieser Abschnitt stellt die Beobachtungsstudien am Menschen einzeln dar, geordnet nach dem Stoff, der in der jeweiligen Studie im Vordergrund steht, danach nach Mischexposition und Berufsgruppen sowie nach Kinderwunschpopulationen und Umweltbiomonitoring. Ein kontrollierter Interventionsversuch am Menschen existiert aus ethischen Gründen nicht; alle Befunde stammen aus Querschnitts-, Fall-Kontroll-, Fall-Referenz- und Kohortendesigns sowie aus Fallserien. Vorab sind fünf Besonderheiten der Literatur festzuhalten, die bei jeder Einzelstudie mitzudenken sind.
Erstens sind die meisten Studien klein: Viele Gruppen umfassen zwischen 8 und 60 exponierte Männer. Zweitens ist die Exposition häufig nur über Berufsbezeichnung, Fragebogen oder Mischprodukte („Farben und Lösungsmittel“) erfasst, selten über Luftmessung oder Biomonitoring. Drittens erfassen die Studien unterschiedliche Endpunkte: Spermienparameter (Zahl, Konzentration, Beweglichkeit, Morphologie), Spermien-Erbgut (Aneuploidie, Strukturaberrationen, DNA-Schäden), Hormone, Zeit bis zur Schwangerschaft (Fekundabilität) und Schwangerschaftsausgang. Diese Endpunkte sind nicht austauschbar. Viertens sind die Teilnahmequoten oft niedrig; wo Samenproben freiwillig abgegeben wurden, kann Selbstselektion die Ergebnisse in beide Richtungen verschieben. Fünftens gibt es Mehrfachveröffentlichungen: Dieselben Arbeiter erscheinen in mehreren Berichten (Ningbo, Tianjin, die chinesische FISH-Serie), was bei der Zählung unabhängiger Studien berücksichtigt werden muss. Konfidenzintervalle liegen nur bei einem Teil der Arbeiten vor; wo die abgerufene Zusammenfassung keine Zahl nennt, ist das vermerkt und es wird keine Zahl ergänzt.
Glykolether
Glykolether sind Lösungsmittel in Farben, Lacken, Druckfarben und Reinigungsmitteln. Tierexperimentell ist die Hodentoxizität der E-Reihe (vor allem 2-Methoxyethanol, 2-Ethoxyethanol) über die Alkoxyessigsäuren belegt; beim Menschen gibt es folgende Studien.
Welch et al. 1988: Werftmaler, Teil II, männliche Fortpflanzung [s210] (Querschnittsvergleich). Untersucht wurden 73 Maler einer großen Werft und 40 Kontrollen. Eine arbeitshygienische Erhebung ergab für die Maler zeitgewichtete Mittelwerte von 0 bis 80,5 mg/m³ 2-Ethoxyethanol (Mittel 9,9 mg/m³) und von 0 bis 17,7 mg/m³ 2-Methoxyethanol (Mittel 2,6 mg/m³). Die Männer gaben Auskunft zu Gesundheit und Lebensgewohnheiten, wurden körperlich untersucht und lieferten eine Samenprobe (pH, Volumen, Trübung, Verflüssigung, Vitalität, Dichte, Zahl pro Ejakulat, Beweglichkeit per Videoaufzeichnung, Morphologie und Morphometrie); im Serum wurden Testosteron, FSH und LH bestimmt. Maler hatten häufiger Oligospermie und Azoospermie und eine erhöhte Odds Ratio für eine niedrigere Spermienzahl pro Ejakulat, bei Kontrolle für Rauchen. Die Zusammenfassung nennt keine Effektgröße. In der Metaanalyse [s35] ergibt sich daraus für die Konzentration eine SMD von −0,27 (−0,65 bis 0,12). Die Teilnahmequoten lagen bei 50 % (Exponierte) und 32 % (Kontrollen) [s35]. Stärken: Messung der Exposition in der Luft, umfassende Samenanalyse, Hormonwerte. Schwächen: moderate Teilnahme, Mischung zweier Glykolether, die Autoren diskutieren Verzerrung und Störgrößen selbst.
Welch et al. 1991: Indirekte Fertilitätsanalyse bei Malern [s201] Folgearbeit an 74 verheirateten Malern und 51 verheirateten Kontrollen. Die Gruppen unterschieden sich in der Spermienzahl, die fragebogenbasierte Auswertung der Geburtenrate (Vergleich beobachteter mit erwarteten Geburten) zeigte jedoch keinen Expositionseffekt. Die Autoren schließen, die Fragebogenmethode sei weniger empfindlich als die Samenanalyse. Das ist methodisch wichtig: Studien, die nur die Zeit bis zur Schwangerschaft oder Geburtenzahlen erfassen, können reale Samenveränderungen übersehen.
Ratcliffe et al. 1989: Samenqualität bei 2-Ethoxyethanol-Exponierten [s206] (Querschnittsstudie in einer Metallgießerei, in der 2-Ethoxyethanol als Bindeschlamm eingesetzt wurde). Atemzonenmessungen: nicht nachweisbar bis 24 ppm (geometrisches Mittel 6,6 ppm); Harnmetabolit 2-Ethoxyessigsäure: nicht nachweisbar bis 163 mg/g Kreatinin. Nur 37 exponierte Männer (50 % Teilnahme) und 39 nicht exponierte Vergleichspersonen (26 % Teilnahme) gaben eine Probe ab. Die mittlere Spermienzahl pro Ejakulat betrug 113 gegenüber 154 Millionen (p = 0,05) nach Berücksichtigung von Karenzzeit, Probenalter, Alter, Tabak, Alkohol, Koffein, Urogenitalerkrankungen und Fieber; die mittlere Konzentration 44 gegenüber 53 Millionen/ml (nicht signifikant). Kein Effekt auf Volumen, Vitalität, Beweglichkeit, Geschwindigkeit, normale Morphologie oder Hodenvolumen, wohl aber Unterschiede im Anteil abnormer Spermienformen. In der Metaanalyse: SMD der Konzentration −0,35 (−0,80 bis 0,11) [s35]. Schwächen: niedrige Beteiligung, die die Autoren selbst als mögliche Quelle von Verzerrung nennen; kleine Gruppen; Grenzsignifikanz. Stärke: Kombination aus Luftmessung und Metabolitenmessung im Urin.
Veulemans et al. 1993: Ethylenglykolether und Spermatogenesestörungen [s196] (Fall-Kontroll-Studie an Erstpatienten einer Klinik für Fortpflanzungsstörungen). 1019 Fälle (nach Spermiogramm infertil oder subfertil) und 475 Kontrollen (normal fertil). Als Expositionsmaß dienten die Harnmetaboliten Methoxyessigsäure und Ethoxyessigsäure. Ethoxyessigsäure wurde bei 39 Fällen und 6 Kontrollen nachgewiesen (OR 3,11; p = 0,004); Methoxyessigsäure nur bei einem Fall und zwei Kontrollen. Ethoxyessigsäure im Urin war mit lösungsmittelhaltigen Zubereitungen, besonders Farbprodukten, und mit Berufsgruppen aus dem Farbumfeld verbunden. Eine Korrelation zwischen der Konzentration von Ethoxyessigsäure und Spermienparametern fehlte; die Autoren erklären das mit der erwarteten Latenz zwischen Exposition und Befund. Die Zusammenfassung nennt kein Konfidenzintervall. Stärken: Biomarker statt Selbstauskunft, große Fallzahl. Schwächen: Eine einzelne Urinprobe spiegelt nur die jüngste Exposition; das zeitliche Verhältnis zwischen Exposition und Diagnose ist unklar; der Nachweis bei 39 von 1019 Fällen betrifft nur eine kleine Minderheit.
Cherry et al. 2008: Beruf und männliche Infertilität, Glykolether [s93] (Großbritannien, Fall-Referenz-Studie). Männer aus 14 Kinderwunschkliniken in 11 Zentren, 1999 bis 2002, rekrutiert nach 12 Monaten ungeschützten Verkehrs und ohne frühere Samenanalyse. Fälle waren Männer mit niedriger Konzentration beweglicher Spermien (MSC) bezogen auf die Zeit seit der letzten Ejakulation (unter 12 × 10⁶ bei 3 Tagen Karenz); Referenzen waren die übrigen Männer. Von 2118 beschäftigten Männern waren 874 (41,3 %) Fälle. Arbeit mit organischen Lösungsmitteln, besonders Glykolethern, in den drei Monaten vor dem ersten Klinikbesuch war mit niedriger MSC verbunden. Unadjustierte Odds Ratios für mäßige und hohe Glykolether-Exposition gegenüber keiner: 1,70 (95-%-KI 1,11 bis 2,61) und 2,54 (1,24 bis 5,21). Nach Adjustierung für Hodenoperation, frühere Zeugung, Boxershorts, Alkohol und manuelle Arbeit: mäßig 1,46 (0,93 bis 2,28), hoch 2,25 (1,08 bis 4,69). Ein anderer beruflicher Risikofaktor wurde nicht identifiziert. Stärken: große Fallzahl, mehrere Zentren, Fragebogen vor Kenntnis des Samenbefunds (nach Beschreibung in der Folgearbeit [s58]). Schwächen: Kinderwunschklinikpopulation als ausgewählte Gruppe; im mäßigen Bereich schließt das adjustierte Intervall die 1 ein; Expositionsfenster nur die letzten drei Monate. Die Adjustierung senkte beide Schätzer; der Dosis-Wirkungs-Trend (mäßig, hoch) bleibt in der Richtung erhalten.
Cherry et al. 2014: Berufsexposition und Spermienmorphologie [s58] (dieselbe britische Multicenterstudie, nun mit computergestützter Morphometrie und drei Falldefinitionen: schlechte Morphologie mit normalen Formen unter 4 %, niedrige MSC unter 4,8 × 10⁶, oder eines von beiden). Expositionen wurden von Arbeitshygienikern bewertet. Morphologiedaten lagen für 1861 von 2011 beschäftigten Männern vor; 296 (15,9 %) hatten schlechte Morphologie; von 2011 Männern mit Spermienzahl hatten 453 (22,5 %) niedrige MSC; 654 von 1981 (33,0 %) eines von beiden. Schlechte Morphologie war nach Adjustierung mit selbstberichteter Blei-Exposition über die Lebensarbeitszeit verbunden (OR 1,33; 1,00 bis 1,75). Niedrige MSC war ebenfalls mit Blei und mit einer von Hygienikern bewerteten Glykolether-Exposition verbunden. Für die kombinierte Falldefinition waren die selbstberichtete Benutzung von Abbeizmittel (OR 1,47; 1,07 bis 2,03) und Blei, nicht aber Glykolether, signifikant. Die Autoren fanden keine berufliche Exposition, die allein mit der Morphologie zusammenhängt. Schwächen: viele Einzelvergleiche, teils Selbstangaben zur Exposition. Einordnung: Das Glykolether-Signal ist damit in derselben Studie je nach Falldefinition unterschiedlich ausgeprägt.
Multigner et al. 2007: Glykolether und Samenqualität bei Beschäftigten der Stadt Paris [s100] (Frankreich, Querschnittsstudie). Zwischen 2000 und 2001 wurden 109 Männer rekrutiert, die Samen-, Blut- und Urinproben abgaben und andrologisch untersucht wurden. Nach Beruf und verwendeten Produkten im Zeitraum 1990 bis 2000 wurden sie als beruflich exponiert oder nicht exponiert eingestuft; die aktuelle Exposition wurde über sechs Harnmetaboliten bestimmt. Frühere Glykolether-Exposition war mit einem erhöhten Risiko für Spermienkonzentration, rasch progressive Beweglichkeit und normale Morphologie unterhalb der WHO-Referenzwerte verbunden. Hormonspiegel waren nicht beeinflusst. Die aktuelle Exposition war niedrig und mit Samenqualität und Hormonen nicht korreliert. Die Zusammenfassung nennt keine Odds Ratios, daher werden hier keine wiedergegeben. Folgerung der Autoren: Die meisten heute verwendeten Glykolether beeinträchtigten die Samenqualität vermutlich nicht; früher verbreitete könnten langfristige Wirkungen haben. Stärke: Biomonitoring der aktuellen Exposition. Schwächen: kleine Stichprobe, rückblickende Expositionsklassifikation.
Shih et al. 2000: Ethylenglykolmonomethylether in Laminatfabriken [s164] (Taiwan, Querschnittsstudie). 53 Imprägnierarbeiter aus zwei Fabriken mit EGME-Einsatz bildeten die Expositionsgruppe, 121 Laminierarbeiter mit indirekter Exposition die Kontrollgruppe. Erhoben wurden EGME in der Luft, Methoxyessigsäure im Urin und das Blutbild; Sperma wurde von 14 Exponierten und 13 Kontrollen analysiert. Hämoglobin, Hämatokrit und Erythrozytenzahl der exponierten Männer waren signifikant niedriger; die Anämiehäufigkeit lag bei 26,1 % gegenüber 3,2 %. Nach Adjustierung für Geschlecht, Body-Mass-Index und Beschäftigungsdauer war die Erythrozytenzahl negativ mit der EGME-Luftkonzentration assoziiert, Hämoglobin, Hämatokrit und Erythrozytenzahl negativ mit Methoxyessigsäure im Urin. Der pH-Wert des Spermas war bei den Exponierten niedriger, Spermienzahl und Morphologie unterschieden sich nicht. Die Autoren folgern, EGME sei ein Blutgift, die Daten stützten aber nicht die Annahme einer spermatotoxischen Wirkung. Stärken: gepaarte Luft- und Biomonitoring-Daten, offener Bericht eines Nullbefunds beim Sperma. Schwächen: Die Spermagruppen (14 und 13) sind so klein, dass ein mäßiger Effekt nicht ausgeschlossen werden kann; keine Konfidenzintervalle im Abstract. Das Fehlen eines Befunds ist hier kein Beleg für Unschädlichkeit.
Loh et al. 2003: 2-Ethoxyethylacetat im Siebdruck [s129] (Taiwan, Querschnittsstudie, ohne Spermadaten). 29 hoch exponierte Arbeiter (geometrischer Mittelwert in der Luft 7,41 ppm, Bereich 1,35 bis 16,5 ppm) und 56 Vergleichsarbeiter (Mittelwert 0,07 ppm). Bei exponierten Frauen waren Hämoglobin und Hämatokrit signifikant niedriger, bei Männern fand sich kein Unterschied. Die Studie ist hier nur aufgenommen, weil das Lösungsmittel als reproduktionstoxisch gilt und der Befund bei Männern berichtet wird; zur Fruchtbarkeit liefert sie nichts.
Hanaoka et al. 2002: Epoxidharz-Spritzer mit gemischten Lösungsmitteln [s139] (Japan, Querschnittsstudie). 42 Männer, die Epoxidharz-Härter mit Bisphenol-A-Diglycidylether und gemischten organischen Lösungsmitteln versprühten, und 42 gematchte Kontrollen aus denselben Maschinenbetrieben. Bisphenol A im Urin: Median 1,06 µmol/mol Kreatinin gegenüber 0,52 bei den Kontrollen; die Urinmetaboliten der Lösungsmittel waren bei den Spritzern durchweg höher. FSH war bei den Spritzern niedriger (Median 5,3 gegenüber 7,6 mIU/ml); FSH zeigte eine schwache Korrelation mit Bisphenol A im Urin, nicht aber mit den Lösungsmittelmetaboliten. LH und freies Testosteron unterschieden sich nicht. Stärken: gematchte Kontrollen im selben Betrieb, Biomonitoring. Schwächen: ein Hormon- und kein Spermabefund; die Wirkung der Lösungsmittel ist vom Effekt der Epoxidkomponenten nicht zu trennen; die klinische Bedeutung ist offen. Lee et al. 1995: Lösungsmittelgemische in der Schuh- und Fischereiindustrie [s189] (Korea; KoreaMed): Männliche Arbeiter mit Lösungsmittelmischexposition hatten signifikant niedrigere FSH-Spiegel als nichtexponierte Männer (Kontrollgruppe 33 Männer und 85 Frauen); die Autoren deuten dies als neuroendokrine Wirkung über die Hypothalamus-Hypophysen-Achse. Die Zahl der Exponierten, Hormonwerte und p-Werte fehlen im abgerufenen Abstract; Spermadaten gibt es nicht. Beide Studien zeigen in der Gegenrichtung zu Luderer [s124] (FSH steigt mit der Exposition) niedrigere FSH-Werte; die Befunde sind also hormonell nicht einheitlich.
Warembourg et al. 2018: Pränatale Exposition und Genitalfehlbildungen [s37] (geschachtelte Fall-Kontroll-Studie in zwei Mutter-Kind-Kohorten mit 5303 Schwangeren; 14 Fälle von Kryptorchismus, 15 von Hypospadie). Von fünf untersuchten Harnmetaboliten waren nur Methoxyessigsäure und Phenoxyessigsäure ausreichend nachweisbar (Nachweisraten 8 % bis 93 %). Hypospadie war mit dem höchsten Terzil der Methoxyessigsäure verbunden (OR 4,5; 95-%-KI 1,4 bis 23,4); kein Zusammenhang bestand mit Phenoxyessigsäure und keiner mit Kryptorchismus. Die Studie betrifft die Entwicklung männlicher Nachkommen bei mütterlicher Exposition, nicht die Fruchtbarkeit Erwachsener; die Fallzahl ist sehr klein, das Intervall entsprechend weit.
Einordnung Glykolether. Fünf Studien mit Samen- oder Biomarkerendpunkten weisen in Richtung niedrigerer Spermienzahl oder -konzentration oder verminderter Fruchtbarkeitsparameter [s210, s206, s196, s93, s100]; Odds Ratios geben zwei davon an: Cherry et al. mit Intervallen, die den Nullwert nach Adjustierung nur bei hoher Exposition ausschließen [s93], und Veulemans et al. mit einem Biomarkerbefund bei einer Minderheit der Fälle (OR 3,11, ohne Intervall in der Zusammenfassung) [s196]. Die taiwanische EGME-Studie findet Blutarmut, aber keinen Spermienbefund [s164]. Die aktuelle Exposition in Paris war ohne Effekt [s100], die Geburtenrate in der Malerstudie (Fragebogenmethode) unverändert [s201], und in der britischen Folgeanalyse fehlte der Glykolether-Effekt bei der kombinierten Falldefinition [s58]. Alle Studien beruhen auf kleinen Gruppen oder Kinderwunschpopulationen, mit niedrigen Teilnahmequoten bei den Querschnittsstudien (26 % bis 50 %).
Styrol
Styrol ist Ausgangsstoff für Polystyrol und glasfaserverstärkte Kunststoffe (Bootsbau, Behälter, Rotorblätter). Die wichtigsten Humanbefunde stammen aus dem europäischen Projekt ASCLEPIOS (Dänemark, Italien, Niederlande) und einem toskanischen Biomonitoring-Programm.
Kolstad et al. 1999: Samenqualität und Spermienchromatin nach Styrol-Exposition [s170] (Längsschnittvergleich mit Eigenkontrolle). Samenproben von 23 Beschäftigten der Kunststoffindustrie bei Einstellung und nach 6 Monaten Styrol-Exposition sowie von 21 nicht exponierten Landwirten; innere Belastung über Mandelsäure im Urin nach der Schicht. Die Spermiendichte fiel unter Styrol-Exposition von 63,5 auf 46,0 Millionen/ml, bei Nichtexponierten gab es keinen Rückgang; die Gesamtspermienzahl halbierte sich nahezu ausgehend von 175 Millionen pro Ejakulat. Ein Zusammenhang mit der inneren Belastung ließ sich nicht zeigen; für das DNA-Denaturierungsmuster (Chromatinstruktur) wurde dagegen bei kleinen Zahlen eine Expositions-Wirkungs-Beziehung beschrieben. Die Autoren sprechen selbst von vorläufigen Ergebnissen; die Befunde der inneren und äußeren Vergleiche seien nicht einheitlich, wohl wegen der hohen Schwankung der Samenparameter innerhalb einer Person, der geringen Studiengröße und eines schwachen inneren Expositionsgradienten. Stärken: Eigenkontrolle vor und nach Exposition, Biomonitoring. Schwächen: sehr kleine Gruppen, nicht dosisabhängig.
Kolstad et al. 2000: Zeit bis zur Schwangerschaft bei Männern der Kunststoffindustrie [s161] (ASCLEPIOS, retrospektive Befragung). Unter 1560 dänischen, italienischen und niederländischen Beschäftigten wurden 220 styrol-exponierte Männer und 382 nicht exponierte Referenzen identifiziert, die ein Kind gezeugt hatten. 768 historische Styrol-Messungen (1970 bis 1996) und Urinmetaboliten bildeten die Expositionsgrundlage; gemessen wurde die Zeit bis zur Schwangerschaft des jüngsten Kindes. Die Fekundabilität war bei Exponierten nicht signifikant verringert (Fekundabilitätsverhältnis 0,79; 95-%-KI 0,59 bis 1,05); bei hoher Exposition lag das Verhältnis bei 1,09 (0,69 bis 1,72). Es zeigte sich kein einheitliches Muster einer Schädigung nach Arbeitsaufgabe oder Expositionsmaß. Die Autoren halten einen starken Effekt auf die männliche Fekundität für unwahrscheinlich. Schwächen: nur Männer, die ein Kind gezeugt haben (Ausschluss der Unfruchtbaren), Erinnerungsfehler. Das obere Intervallende von 1,05 und der Punktschätzer 0,79 lassen einen mäßigen Effekt von bis zu rund 40 % verminderter Fekundabilität statistisch weiterhin offen.
Migliore et al. 2002: Integrität der Spermien-DNA bei Styrol-Exponierten [s140] (Querschnittsstudie). 46 exponierte Männer und 27 nicht exponierte Kontrollen (Alter 18 bis 45 Jahre), Beschäftigte der Kunststoffindustrie mit mindestens 2 Jahren Tätigkeit in den letzten 5 Jahren. Konzentration und Morphologie unterschieden sich nicht; im Comet-Test zeigte sich ein signifikanter Unterschied der Spermien-DNA-Schäden (P < 0,001). Die Zusammenfassung nennt keine Effektgröße. Die Autoren sehen den Comet-Test als empfindlichen Nachweis.
Naccarati et al. 2003: Spermien-FISH bei Styrol-Exponierten [s130] (Querschnittsstudie). Mehrfarben-FISH an Samenproben mit normalen Samenparametern: 18 Exponierte, 13 Kontrollen; Sonden für Zentromere der Geschlechtschromosomen und von Chromosom 2. Aneuploidie und Diploidie unterschieden sich nicht signifikant. Bei Nichtrauchern (kleine Untergruppe) fand sich eine erhöhte Häufigkeit von Nullisomie der Geschlechtschromosomen. Alter war mit XX-Disomie verbunden, Rauchen mit Nichttrennung der Geschlechtschromosomen in der Meiose II. Insgesamt wirkten die Störgrößen stärker als die Styrol-Exposition. Die Auswahl von Männern mit normalen Samenparametern engt zudem den untersuchten Bereich ein.
Migliore et al. 2006: Biomarker der Genotoxizität in somatischen und Keimzellen [s113] (Toskana, Italien, Querschnittsstudie, 42 Exponierte und 25 Kontrollen). Die Ausscheidung von Mandel- und Phenylglyoxylsäure entsprach einer Exposition oberhalb des Grenzwertes von 20 ppm (Schichtmittel). Mikrokerne in Lymphozyten: 13,8 ± 5,2 gegenüber 6,2 ± 5,1 (P < 0,001). DNA-Schäden in Spermien (Comet-Test, Prozent DNA im Kometenschweif): 11,02 ± 2,99 gegenüber 7,42 ± 2,30 (P < 0,001). Aneuploidie und Diploidie in Spermien unterschieden sich nicht. Zwischen den Schäden in Blut- und Keimzellen bestand eine Korrelation (r = 0,475; P < 0,001), nicht aber mit Expositionsmaßen. Die Autoren sehen darin eine Stütze für die Hypothese einer Störung der Fortpflanzungsfähigkeit. Stärken: gleichzeitige Messung somatischer und Keimzellmarker an denselben Personen. Schwäche: Querschnitt, kleine Gruppen.
Fu et al. 2013: Polyether-Hersteller mit Acrylnitril, Ethylenoxid, Propylenoxid und Styrol [s67] (China, Querschnittsstudie). 70 Arbeiter mit gleichzeitiger Exposition gegenüber diesen vier Stoffen und 50 Führungskräfte als Kontrollen; Befragung, Luftmessungen und Gesundheitsuntersuchung. Die Spontanabortrate war bei den Partnerinnen männlicher Arbeiter und bei den weiblichen Arbeitern der Expositionsgruppe signifikant höher (p < 0,01); DNA-Schädigung und Mikrokernrate waren bei Arbeitern mit unterschiedlicher Beschäftigungsdauer höher als bei den Kontrollen (p < 0,01). Spermadaten gibt es nicht, und die Wirkung lässt sich wegen der Vierfachexposition nicht dem Styrol zuordnen. Schwächen: Befragung zu Schwangerschaftsausgängen (Erinnerungs- und Meldeverzerrung), im Abstract keine Adjustierung beschrieben, Vergleich mit Führungskräften (sozioökonomischer Unterschied).
Einordnung Styrol. Beim Menschen zeigt ein Vorher-Nachher-Design eine Abnahme der Spermiendichte [s170]; Vergleichsstudien zeigen Spermien-DNA-Schäden [s140, s113], aber keine Zunahme der Aneuploidie [s130, s113]; die Zeit bis zur Schwangerschaft ist nicht signifikant verändert [s161]. Das Gesamtbild ist uneinheitlich und von kleinen Fallzahlen geprägt; die Gruppen der Spermienstudien umfassen 18 bis 46 Exponierte. Ein Endpunkt mit klinischer Relevanz (Schwangerschaftseintritt) ist unauffällig, die Laborendpunkte (DNA-Schäden) sind auffällig, ohne dass beide verknüpft wären.
Benzol
Für Benzol liegen vor allem Studien zu Spermien-Chromosomen und Spermien-DNA vor, ergänzt durch einige Arbeiten zu klassischen Samenparametern. Ein Großteil stammt aus China; mehrere chinesischsprachige Arbeiten sind nur über englische Zusammenfassungen zugänglich.
Xing et al. 2010: China Benzene and Sperm Study, Aneuploidie [s90] (Tianjin, Querschnittsstudie mit Mehrfarben-FISH). 33 benzolexponierte und 33 nicht exponierte Männer aus chinesischen Fabriken; gemessen wurde die Aneuploidie für die Chromosomen X, Y und 21. Individuelle Exposition über Personenluftmessung sowie Benzol und trans,trans-Muconsäure im Urin. Bei Nichtexponierten war Benzol nicht nachweisbar; bei Exponierten reichte die Luftkonzentration von unter der Nachweisgrenze bis 24 ppm (Median 2,9 ppm), 27 % (n = 9) hatten höchstens 1 ppm. Die Exponierten wurden nach Muconsäure im Urin in zwei Gruppen eingeteilt (Mediane 1,9 und 14,4 mg/l; Median Luftbenzol 1 und 7,7 ppm). Inzidenzratenverhältnisse (IRR) gegenüber Nichtexponierten: Disomie X 2,0 (95-%-KI 1,1 bis 3,4) bei niedriger und 2,8 (1,5 bis 4,9) bei hoher Exposition; Hyperhaploidie insgesamt 1,6 (1,0 bis 2,4) und 2,3 (1,5 bis 3,6). Bei den neun Männern mit höchstens 1 ppm: Disomie X 1,8 (1,1 bis 3,0), Hyperhaploidie 2,0 (1,1 bis 3,9). Stärken: personenbezogene Luftmessung plus Biomarker, Dosisabstufung, Schätzer mit Intervallen, Effekte auch um 1 ppm. Schwächen: nur 33 Männer je Gruppe, die Gruppe mit höchstens 1 ppm ist mit neun Männern sehr klein, Querschnittsdesign, eine Samenprobe pro Person; Aneuploidie ist ein Surrogatendpunkt und kein Nachweis verminderter Fruchtbarkeit.
Marchetti et al. 2012: Strukturelle Chromosomenaberrationen in Spermien [s76] (Tianjin). Spermien-FISH für Duplikationen oder Deletionen von 1cen und 1p36.3 sowie Brüche in 1cen–1q12 bei 30 benzolexponierten und 11 nicht exponierten Arbeitern. Einteilung nach Harnbenzol (Mediane 2,9, 11,0 und 110,6 µg/l; Mediane Luftbenzol 1,2, 3,7 und 8,4 ppm). Adjustierte IRR für alle strukturellen Aberrationen zusammen: 1,42 (1,10 bis 1,83), 1,44 (1,12 bis 1,85) und 1,75 (1,36 bis 2,24) bei niedriger, mäßiger und hoher Exposition; für die Deletion von 1p36.3 allein: 4,31 (1,18 bis 15,78), 6,02 (1,69 bis 21,39) und 7,88 (2,21 bis 28,05). Chromosomenbrüche waren in der Hochexpositionsgruppe erhöht (IRR 1,49; 1,10 bis 2,02). Die Autoren äußern Bedenken für Fruchtbarkeit, Fehlgeburten und Erbschäden bei Kindern und sehen Benzol als möglichen Risikofaktor für das de-novo-1p36-Deletionssyndrom; sie weisen darauf hin, dass Aberrationen aus Stammzellen stammen können. Schwächen: Die Kontrollgruppe ist mit 11 Männern klein, was die sehr breiten Intervalle bei der 1p36.3-Deletion erklärt; ob höhere Aberrationsraten zu geringerer Zeugungsfähigkeit oder Erbschäden bei Kindern führen, wird nicht gemessen.
Ji et al. 2012: Aneuploidien in Lymphozyten und Spermien [s74] (dieselbe Tianjin-Population, 33 Exponierte und 33 Nichtexponierte, Luftbenzol bis 24 ppm, Median 2,9 ppm). In Lymphozyten war Benzol mit dem Zugewinn von Chromosom 21 verbunden, nicht aber der Geschlechtschromosomen; in Spermien dagegen mit dem Zugewinn der Geschlechtschromosomen, nicht aber von 21. Bei Nichtexponierten korrelierte der Zugewinn von Geschlechtschromosomen zwischen Lymphozyten und Spermien, bei Exponierten nicht. Die Autoren sehen eine selektive Wirkung von Benzol auf Chromosom 21 in Blutzellen und auf die Geschlechtschromosomen in Spermien. Die drei Berichte [s90, s76, s74] beruhen auf überlappenden Arbeiterkollektiven und zählen nicht als drei unabhängige Studien.
Chinesische FISH-Serie der Arbeitsgruppe um Zheng und Zhang (2000 bis 2005) [s162, s148, s128, s126, s223, s120]. Sechs Einträge mit englischen Zusammenfassungen, Benzolreihe-Exposition und 13 bis 15 Exponierten pro FISH-Studie; identische Luftmittelwerte (42,29 mg/m³ in drei, 86,49 mg/m³ in zwei Arbeiten) sprechen für überlappende Kollektive, zwei Einträge [s126, s223] tragen im Zusammenfassungstext dieselben Zahlen und werden als eine Untersuchung gewertet.
- Liu et al. 2000 [s162] (Zweifarben-FISH für X und Y): 74 517 Spermienkerne von 13 Exponierten, 89 662 von 13 Kontrollen; mittlere geometrische Luftkonzentration 83,95 mg/m³. Disomie X 0,15 ± 0,05 % gegenüber 0,10 ± 0,04 %, Y 0,13 ± 0,05 % gegenüber 0,10 ± 0,04 %, XY 0,20 ± 0,11 % gegenüber 0,13 ± 0,06 %; signifikant waren die X-Disomie und die Gesamt-Disomie (0,48 % gegenüber 0,33 %).
- Li et al. 2001 [s148] (Chromosomen 9 und 18): 14 Exponierte und 16 Kontrollen (136 401 bzw. 156 955 Spermien); zeitgewichtete Luftkonzentration 86,49 mg/m³. Disomie 9: 0,168 ± 0,063 % gegenüber 0,050 ± 0,030 %; Disomie 18: 0,055 ± 0,031 % gegenüber 0,033 ± 0,025 %; Diploidie 0,073 ± 0,045 % gegenüber 0,040 ± 0,036 %; Nullisomie 9 und 18: 0,206 ± 0,047 % und 0,068 ± 0,044 % gegenüber 0,067 ± 0,037 % und 0,048 ± 0,034 %; Gesamtrate numerischer Aberrationen 0,570 ± 0,144 % gegenüber 0,218 ± 0,071 %.
- Liu et al. 2003 [s128] (Zentromer 1, 1p-Ende, Zentromer 18): 15 Exponierte (144 282 Spermien) und 14 Kontrollen (135 937 Spermien), zeitgewichtete Luftkonzentration 42,29 mg/m³ (nationaler Höchstwert laut Abstract 6 mg/m³). Disomie 1: 0,088 ± 0,041 % gegenüber 0,045 ± 0,024 %; Disomie 18: 0,087 ± 0,049 % gegenüber 0,035 ± 0,028 %; terminale Duplikation und Deletion 1p: 0,16 ± 0,037 % und 0,14 ± 0,053 % gegenüber 0,082 ± 0,023 % und 0,069 ± 0,028 %; die Diploidie unterschied sich nicht.
- Zhao et al. 2004 [s126] (Chromosomen 7 und 8; derselbe Datensatz im Indexeintrag [s223]): 15 Exponierte und 12 Kontrollen; Gesamtrate der Aberrationen 0,745 % gegenüber 0,289 %.
- Song et al. 2005 [s120] (Comet-Assay): 27 Arbeiter mit mehr als zwei Jahren Benzolexposition und 35 Kontrollen; Luftbenzol 86,49 ± 2,83 mg/m³; Muconsäure im Urin 1,40 ± 0,62 mg/l (n = 27) gegenüber 0,82 ± 0,16 mg/l (n = 35). Der Anteil Kopf-DNA betrug bei Exponierten 70,18 ± 7,36 % (n = 13) gegenüber 90,62 ± 2,94 % bei Kontrollen (n = 16; p < 0,001), also deutlich mehr DNA-Schädigung.
Stärken der Serie: objektives Verfahren mit Zehntausenden ausgewerteten Spermien pro Gruppe; alle Berichte weisen in dieselbe Richtung. Schwächen: nur 12 bis 16 Personen je Gruppe, Mittelwert ± Standardabweichung statt Intervallen und ohne Berücksichtigung, dass die Person die statistische Einheit sein müsste, Luftkonzentrationen weit über den nationalen Grenzwerten (nicht auf niedrige Exposition übertragbar), im Abstract von Song 2005 eine erkennbare Einheitenverwechslung („mg/cm³“), teilweise überlappende Kollektive, keine Angaben zu Rauchen und Alter in den Zusammenfassungen.
Katukam et al. 2012: Benzol und Fruchtbarkeit in der Arzneimittelwirkstoffindustrie [s75] (Indien, Querschnittsstudie). Blut- und Samenproben von 160 benzolexponierten Arbeitern und 200 nicht exponierten Kontrollen; Benzol in Körperflüssigkeit per Headspace-Chromatographie, Spermien-DNA mit Comet-Test. Makroskopische Samenparameter waren unverändert. Es fand sich ein dauerabhängiger Rückgang von Gesamtspermienzahl und Anteil beweglicher Spermien (p < 0,05), eine dauerabhängige Zunahme abnormer Morphologie (p < 0,01) und signifikant längere Comet-Ausläufer in den exponierten Gruppen (p < 0,01); in der Regressionsanalyse war Gruppe II signifikant (p < 0,05; t = 2,301). Stärke: mit 160 und 200 Männern eine der größeren Benzolstudien. Schwächen: Gruppeneinteilung und Expositionshöhen werden in der Zusammenfassung nicht näher beschrieben, Störgrößen (Rauchen, Alter) nicht genannt.
Wang et al. 2000: Gemischtes Benzol in niedriger Konzentration, Samenqualität und sehr frühe Fehlgeburten [s166] (China, Petrochemie und Chemiefaser; chinesisch mit englischer Zusammenfassung). 126 exponierte und 60 nicht exponierte Beschäftigte; Samenanalysen bei 70 Exponierten, 90 betriebsinternen und 132 externen Kontrollen; bei Frauen Beta-hCG im Urin zur Erfassung sehr früher Fruchtverluste (42 Exponierte, 49 interne und 118 externe Kontrollen). Luftbenzol 0,7 bis 27,0 mg/m³; Harn-trans,trans-Muconsäure korrelierte mit der Luftkonzentration (r = 0,64; P = 0,03). Progressive Beweglichkeit und Beweglichkeit: Exponierte 1,97 ± 0,63 und 0,55 ± 0,16, interne Kontrollen 1,97 ± 0,69 und 0,55 ± 0,17, externe Kontrollen 2,56 ± 0,61 und 0,60 ± 0,13 (P < 0,05 gegenüber den Exponierten und internen Kontrollen). Abnormitätsrate: 85,71 % bei Exponierten, 70,00 % bei internen und 76,51 % bei externen Kontrollen (P < 0,05; der Abstract ist hier in sich widersprüchlich). Sehr frühe Fehlgeburten: 10,42 % und 9,60 % in Exponierten und internen Kontrollen gegenüber 5,09 % bei externen Kontrollen (P < 0,05). Wichtige Beobachtung: Auch die internen Kontrollen derselben Fabrik, die nicht exponiert sein sollten, unterschieden sich von den externen Kontrollen. Das spricht für Störfaktoren im Betrieb oder für eine unscharfe Abgrenzung von Exponierten und Nichtexponierten; der Effekt kann nicht allein dem Benzol zugeschrieben werden. Stärken: relativ große Stichprobe, zwei Kontrollgruppen, Biomonitoring.
Xiao et al. 2001 und 1999: Benzol, Toluol, Xylol und Samenqualität [s153, s177] (Ningbo, China, Schuhherstellung, Spritzlackierung, Farbherstellung; englische Fassungen). Je 24 verheiratete Arbeiter gegenüber Kontrollen; in Blut und Samen einiger Exponierter wurden Benzol, Toluol und Xylol per Headspace-Gaschromatographie nachgewiesen, wenn die Luftkonzentration den zulässigen Höchstwert überschritt, nicht bei Kontrollen. Die Spermienvitalität und -beweglichkeit sanken; Akrosin-Aktivität, Gamma-GT-Aktivität und relative LDH-C4-Aktivität waren niedriger, Fruktose höher (Veröffentlichung 2001 [s153]). In der früheren Arbeit [s177] war der Anteil von Samen mit Verflüssigungszeit über 30 Minuten erhöht; es bestand eine positive Korrelation zwischen Verflüssigungszeit und Toluol im Samen und negative Korrelationen zwischen Vitalität, Beweglichkeit oder Akrosin-Aktivität und Beschäftigungsdauer. Beide Arbeiten betreffen dasselbe Kollektiv und sind keine unabhängige Bestätigung. Stärke: direkte Messung der Stoffe im Sperma. Schwächen: sehr kleine Gruppe, Größe der Kontrollgruppe und Zahlenwerte im Abstract nicht angegeben, keine Adjustierung für Rauchen, Alkohol oder Alter im abgerufenen Text, Mischexposition. In der Metaanalyse [s35] ergibt sich für die Konzentration eine SMD von 0,06 (−0,45 bis 0,57), also kein Unterschied.
Ducci et al. 2001: trans,trans-Muconsäure im Samenplasma [s144] (Querschnitt an 32 beruflich nicht exponierten Männern). Samen-Muconsäure bei Normozoospermie 170 ± 100 ng/ml, bei Teratozoospermie 310 ± 180 (P < 0,01), bei Oligozoospermie 400 ± 180 (P < 0,001) und bei Oligoasthenozoospermie 430 ± 230 ng/ml (P < 0,01). Negative Korrelation mit Spermienkonzentration (r = −0,62; P < 0,001), Anteil normaler Spermien (r = −0,41; P < 0,05) und Anteil vitaler Spermien (r = −0,89; P < 0,001). Raucher 350 ± 160 gegenüber Nichtrauchern 280 ± 210 ng/ml. Es ist eine Korrelation in einer kleinen Stichprobe ohne berufliche Exposition; die Richtung der Verursachung bleibt offen, und Rauchen ist ein Störfaktor.
Strücker et al. 1994: Väterliche Benzol-Exposition und Spontanabort [s192] (Befragung der Ehefrauen von 823 Männern in zwei Chemiebetrieben). Analysiert wurden 1739 Schwangerschaften (1270 nicht exponiert, 274 exponiert); die Exposition wurde über Beschäftigungsdaten in zwei Stufen (unter 5 ppm, ab 5 ppm) dem Zeitpunkt jeder Schwangerschaft zugeordnet. Adjustierte OR für Spontanabort bei väterlicher Exposition gegenüber etwa 5 ppm: 1,1 (95-%-KI 0,7 bis 1,8). Die Autoren schließen, väterliche Benzolexposition erhöhe das Risiko nicht. Stärke: Expositionszuordnung pro Schwangerschaft über Betriebsdaten. Schwäche: Selbstangaben der Ehefrauen, das Intervall lässt Effekte bis rund 80 % Risikoerhöhung offen.
Wen et al. 2007: Benzolvergiftung, Silikose und Gasvergiftung [s104] (China, Querschnittsstudie mit Patienten). 174 Patienten (48 Benzolvergiftung, 71 Silikose, 55 Gasvergiftung) und 80 gesunde Kontrollen. Spermienanomalien: Benzolvergiftung 62 ± 14 %, Silikose 41 ± 7 %, Gasvergiftung 48 ± 8 %, Kontrollen 27 ± 5 %; die Anomalien bei Benzolvergiftung waren signifikant höher als in den anderen Patientengruppen, und es wurden Neumutationen in Spermien nachgewiesen. Chromosomenaberrationsraten 0,4 % (Benzol), 0,51 % (Silikose), 0,42 % (Gas), 0,20 % (Kontrollen). Stärke: Vergleich mit anderen Berufskrankheiten als zusätzliche Referenz. Schwächen: Patienten mit manifester Erkrankung (Selektion), die Zahl der Männer mit Samenprobe fehlt im Abstract, Vergleichbarkeit nach Alter und Rauchen nicht beschrieben.
Wang et al. 2001: Petrochemie und Rauchen [s152] (Querschnittsstudie, 68 Petrochemie-Arbeiter, davon 23 Nichtraucher und 45 Raucher, und 130 Männer ohne Exposition, davon 49 Nichtraucher und 81 Raucher). Nichtrauchende Arbeiter hatten eine niedrigere Vorwärtsbeweglichkeit (P < 0,05) als Kontrollen; rauchende Petrochemie-Arbeiter hatten eine deutlich schlechtere Samenqualität (Dichte, Gesamtzahl, Vorwärtsbeweglichkeit; P < 0,01). Die Autoren schließen, berufliche Petrochemie-Exposition könne die schädliche Wirkung des Rauchens verstärken. Einzelne Stoffe werden in der Zusammenfassung nicht genannt.
Einordnung Benzol. Das stärkste Humansignal betrifft Chromosomenschäden in Spermien, sogar bei Luftwerten um 1 ppm [s90, s76], ergänzt durch die chinesische FISH-Serie bei höheren Konzentrationen. Ob daraus verminderte Zeugungsfähigkeit folgt, wird nicht gemessen; die Studie zu väterlichem Spontanabort fand keinen Zusammenhang [s192]. Klassische Samenparameter sind in kleinen Studien uneinheitlich beeinflusst [s75, s166, s153]; in einer Studie mit internen Kontrollen derselben Fabrik fiel die Abgrenzung zwischen Exponierten und Nichtexponierten unscharf aus [s166]. Eine Studie mit Benzolmetabolit im Samenplasma zeigt eine Korrelation bei nicht exponierten Männern [s144].
Toluol und Xylol
Zu Toluol und Xylol allein gibt es keine Humanstudie zur Fruchtbarkeit von Männern mit reiner Einzelstoffexposition. Die Befunde stammen aus Mischexpositionen.
Plenge-Bönig und Karmaus 1999: Toluol in der Druckindustrie [s174] (Querschnittsbefragung von 150 männlichen und 90 weiblichen Beschäftigten, modifizierter Fragebogen der Europäischen Studie zu Infertilität und Subfekundität). Das Fekundabilitätsverhältnis wurde anhand der Zeit bis zur Schwangerschaft oder Phasen ungeschützten Verkehrs ohne Schwangerschaft mit Überlebenszeitanalyse (proportionale Hazard-Modelle) berechnet, kontrolliert für Alter, Herkunft, Rauchen, Parität, Beckenentzündungen und Koitusfrequenz. Männer berichteten 256 Perioden, von denen 169 analysiert werden konnten. Bei männlichen Beschäftigten mit unterschiedlicher Toluolbelastung zeigte sich keine Verminderung der Fekundität; bei Frauen (39 Perioden während der Exposition) war sie vermindert (FR 0,47; 95-%-KI 0,29 bis 0,77; bei Beschränkung auf die erste Periode FR 0,48; 0,24 bis 0,97). Die Zusammenfassung nennt für Männer keine Zahlenwerte. Für die männliche Fruchtbarkeit ist das Ergebnis neutral, bei kleiner Zahl auswertbarer Perioden.
De Celis et al. 2000: Kohlenwasserstoffe in der Gummiindustrie [s157] (Mexiko-Stadt, Vergleichsstudie). 48 exponierte (2 bis 24 Jahre) und 42 nicht exponierte Arbeiter; Dauermessungen der Luft: Ethylbenzol 220,7 bis 234 mg/m³, Benzol 31,9 bis 47,8 mg/m³, Toluol 189,7 bis 212,5 mg/m³, Xylol 47 bis 56,4 mg/m³. Der Anteil der Männer mit normalem Ejakulat betrug bei Nichtexponierten 76 %, bei Exponierten 17 %; verändert waren Viskosität, Verflüssigung, Spermienzahl, Beweglichkeit und der Anteil normaler Formen; einige Auffälligkeiten korrelierten mit der Expositionsdauer. Die Luftkonzentrationen sind hoch; in der Metaanalyse hat die Studie für die Konzentration die SMD −0,98 (−1,42 bis −0,54), den stärksten Einzelbefund [s35]. Dies ist die Studie mit dem deutlichsten Unterschied bei gleichzeitiger Exposition gegenüber Benzol, Toluol, Xylol und Ethylbenzol; sie erlaubt keine Zuordnung zu einem Einzelstoff und beruht auf sehr hohen Konzentrationen.
Taskinen et al. 1989: Spontanaborte und Fehlbildungen bei Ehefrauen lösungsmittelexponierter Männer [s208] (Finnland, Fall-Referenz-Studie in einer biologisch überwachten Kohorte; Styrol, Toluol, Xylol, Tetrachlorethylen, Trichlorethylen, 1,1,1-Trichlorethan; Schwangerschaften aus Registern). Die Odds Ratio für Spontanabort stieg mit väterlicher Lösungsmittelexposition insgesamt, mit hoher oder häufiger Toluolexposition und mit sonstigen Lösungsmitteln (darunter Verdünner) sowie mit mütterlichem schwerem Heben. Für Fehlbildungen wurde kein signifikanter Zusammenhang gefunden, bei wenigen Fällen ohne belastbare Schlussfolgerung. Die Zusammenfassung nennt keine Effektgrößen.
Sallmén et al. 1998: Zeit bis zur Schwangerschaft bei Ehefrauen lösungsmittelexponierter Männer [s180] (Finnland, retrospektive Studie an biologisch überwachten Männern). Nach drei Aussendungen beteiligten sich 316 Ehefrauen (72,1 %); 282 Paare ohne Verhütung zu Beginn der Schwangerschaft gingen in die Auswertung. Die Expositionseinstufung stützte sich auf Arbeitsbeschreibung, Fragebogenangaben zum Lösungsmitteleinsatz und biologische Messungen. Adjustierte Fekundabilitäts-Dichteverhältnisse: 0,80 (95-%-KI 0,57 bis 1,11) bei hoher oder häufiger und 0,74 (0,51 bis 1,06) bei niedriger oder mittlerer Exposition. Bei Erstschwangerschaften 0,36 (0,19 bis 0,66) und 0,53 (0,27 bis 1,04); bei Paaren mit mindestens einer früheren Schwangerschaft 0,96 (0,62 bis 1,49) und 0,77 (0,47 bis 1,24). Die Autoren sehen begrenzte Hinweise auf eine verminderte Fruchtbarkeit und verlangen sorgfältig angelegte weitere Studien. Auffällig ist, dass der Effekt bei Erstschwangerschaften deutlich stärker ist; möglich ist, dass Paare mit früheren Schwangerschaften als selbst bereits „fruchtbar“ ausgewählt sind.
Hosni et al. 2013: infertile Maler in Kairo [s68] (Ägypten, Fallserie, 27 infertile Maler). Gemessen wurden Spermiogramm, Blutblei und die Hormone FSH, LH, Testosteron und Prolaktin. Spermienzahl und Beweglichkeit waren bei einer Expositionsdauer von mindestens 15 Jahren signifikant niedriger; Blutblei und Hormonspiegel unterschieden sich in dieser Einteilung nicht signifikant. Es bestand eine signifikant negative Korrelation zwischen Blutblei und Spermienzahl sowie Beweglichkeit, aber keine zwischen Blutblei und den Hormonen. Bei Blutblei von mindestens 20 µg/dl war die Beweglichkeit signifikant vermindert und Testosteron als einziges Hormon erhöht; der Rückgang der Spermienzahl war nicht signifikant. Maler sind typischerweise auch Lösungsmitteln ausgesetzt, aber die Studie hat nur Blei gemessen; ohne Kontrollgruppe und bei n = 27 kann sie zu Lösungsmitteln nichts aussagen. Sie wird aufgenommen, weil sie in der regionalen Literatur als „Malerstudie“ geführt wird.
Wang et al. 2003: infertile Maler, Spermienhals unter dem Elektronenmikroskop [s136] (Wuhan, China, Fallserie). Die Spermien von acht infertilen Malern im Alter von 21 bis 32 Jahren wurden transmissionselektronenmikroskopisch untersucht; die Anomalien des Verbindungsstücks ließen sich in sechs Typen einteilen. Eine Kontrollgruppe und eine Expositionsmessung fehlen; ein Zusammenhang mit Lösungsmitteln wird nicht gezeigt, nur durch den Beruf nahegelegt.