Aus den Widersprüchen und Lücken ergeben sich Fragen, die die vorhandene Literatur nicht beantwortet. Sie sind hier als Forschungsfragen formuliert, nicht als Handlungsempfehlungen.
- Wechselschicht gegenüber Festschicht. Wirkt Wechselschicht anders als feste Nacht- oder Spätschicht, und über welchen Weg? Die PREBIC-Kohorte legt einen Unterschied nahe [s09], die Metaanalyse kann ihn wegen weniger Studien nicht stützen [s23]. Offen ist, ob Schlaf [s57], zirkadiane Störung [s62] oder soziale Faktoren der entscheidende Pfad sind. Tierdaten sprechen für Schäden der Spermien-DNA [s10], aber das menschliche Ausmaß ist unbekannt. Hilfreich wären prospektive Kohorten, die Schichtmodell, Chronotyp und Schlaf erfassen und Spermien-DNA-Marker einschließen.
- Sitzen und Hodentemperatur. Warum bleibt der Zusammenhang zwischen Sitzarbeit und Spermienparametern so schwach, obwohl die Skrotaltemperatur klar mit dem Sitzen zusammenhängt [s173, s174]? Offen ist der Bereich, in dem die Temperatur ein Risiko wird, und ob Bildschirmarbeit, Fahrzeugsitz, Hitzearbeit und Freizeit-Sitzen unterschiedlich wirken. Nötig wären Studien mit kontinuierlicher Temperaturmessung und modernen Sitz- und Aktivitätsmessgeräten in heutigen Arbeitswelten, nicht nur Daten aus 1981 bis 1983 [s159].
- DNA-Marker gegenüber Routineparametern. Mehrere Studien finden die Auffälligkeit nur in DNA-Fragmentation, Addukten oder oxidativen Schäden [s66, s95, s60, s30]. Offen ist, ob diese Marker die empfindlicheren Frühindikatoren sind und wie sie mit tatsächlicher Fruchtbarkeit zusammenhängen. Gebraucht werden standardisierte Verfahren und Studien, die Marker, Routineparameter und Schwangerschaftsraten gemeinsam erfassen.
- Dosis-Wirkungs-Beziehungen und Schwellen. Für Blei wurde eine Schwelle von 44 µg/dl diskutiert [s171]; für die meisten Stoffe fehlen belastbare Schwellen. Für Benzol zeigen abgestufte Gruppen ein Muster [s117], doch mit wenigen Männern. Wo liegen heutige Arbeitsplatzbelastungen im Verhältnis zu den untersuchten Spannen? Für viele Studien aus den 1990er Jahren liegen die Expositionen über den damaligen Höchstwerten [s189].
- Mischungen statt Einzelstoffe. Arbeitsplätze mit Mischexpositionen (Kokerei, Schweißrauch, Lacke, Kunststoffwerke) sind die Regel. Mischungsanalysen existieren erst in Ansätzen [s41, s46]. Offen ist, ob sich daraus robuste Aussagen ableiten lassen und ob die Methoden bei größeren Stichproben dieselben Ergebnisse liefern.
- Reversibilität. Erholt sich die Spermienqualität nach Ende der Exposition? Hinweise gibt es aus dem Mausmodell zur zirkadianen Störung (Erholung nach Aufhebung) [s62], aus der Radar-Studie (teilweise Besserung) [s140] und aus dem Tiermodell zu Narkosegas (nicht sichere Rückkehr) [s35]. Beim Menschen fehlen Längsschnittstudien, die dieselben Männer vor, während und nach einer Exposition begleiten, wie es für Styrol ansatzweise versucht wurde [s193].
- Bisher kaum untersuchte Berufe. Köche, Bäcker, Bauarbeiter, Zahnmedizin, Pflege, Lehrer und Finanzberufe sind unzureichend belegt [s179, s53]. Für Narkosegase gibt es nur Tierdaten [s35]. Auch der Einfluss von Arbeitslosigkeit, die in zwei Studien mit niedrigeren Parametern verbunden war [s53, s99], ist ungeklärt.
- Pestizide über alle Berufe hinweg. Eine französische Masterarbeit untersuchte Pestizidexposition über eine Job-Expositions-Matrix in allen Berufen mit nicht signifikanten Abwärtstendenzen [s29]; die Fragebogenstudie aus Tunesien fand Zusammenhänge mit Asthenozoospermie und Nekrozoospermie [s86]. Die Frage jenseits der Landwirtschaft ist offen.
- Strahlung nach Quelle und Dosis. Für Radar, Magnetfelder, Radiofrequenz und ionisierende Strahlung im medizinischen Bereich fehlt in vielen Abstracts die Dosis [s98, s140, s156, s166]. Zu klären wäre, ob die Befunde bei gemessener Dosis tragen, und ob das Geschlechterverhältnis der Kinder [s17, s54] ein brauchbarer Marker ist; direkte Samenanalysen bei Strahlenberufen mit Dosimetrie wären der nächste Schritt.
- Methodische Harmonisierung. Einheitliche Berufsklassifikation, einheitliche WHO-Auflage, wiederholte Proben, standardisierte Karenzzeit, vorab festgelegte Hypothesen und Korrektur für Mehrfachtests würden Vergleiche zwischen Studien erst möglich machen. Das Methodenpapier zu Samenindex-Studien am Arbeitsplatz diskutiert Design, Einwilligung, Teilnahmesteigerung und die Vorsicht bei der Mitteilung niedriger Samenqualität an eine exponierte Gruppe [s147]; die Arbeit zur Anwendung der Spermienanalyse im Arbeitsschutz beschreibt die Entwicklung einfacher Spermientoxizitätstests [s100].
- Teilnahmebereitschaft. Die japanische Beteiligungsstudie zeigt, dass ohne bessere Wege (Information, Privatsphäre, Umgang mit ungünstigen Ergebnissen) betriebliche Samenstudien kaum durchführbar sind: Von 83 Befragten sorgten sich 52 (62,7 %) vor ungünstigen Ergebnissen, 48 (57,8 %) um Ort oder Privatsphäre, und bei vereinfachten Bedingungen wären 36 (43,4 %) bereit [s07]. Ein laufendes Studienprotokoll (N-SEED) kombiniert Spermienmikroskopie mit Umwelt- und Lebensstilfaktoren, zeigt aber noch keine Ergebnisse [s08]. Offen ist, wie Studien gestaltet werden können, damit Beschäftigte teilnehmen, ohne dass die Teilnahme selbst zur Auswahl wird.
- Beitrag der Partnerin und des Paares. Die männerzentrierte Literatur sagt wenig dazu, wie Berufsfaktoren auf Paarebene wirken; ESHRE und NICE gehen paarzentriert vor [s01]. Einzelne Studien wählen daher Endpunkte wie Fehlgeburt [s114] oder Zeit bis zur Schwangerschaft [s83, s84], deren Verbindung zur Spermienqualität ungeklärt ist.
- Replikation durch unabhängige Gruppen. Für Formaldehyd [s49, s104], PAK [s95, s112], Benzol-FISH und Bor stammen die dichtesten Befunde aus einzelnen Arbeitsgruppen. Unabhängige Wiederholungen in anderen Ländern und mit heutigen Expositionen würden zeigen, ob die Ergebnisse übertragbar sind.