Lesehilfe. Evidenzstärke beschreibt, wie belastbar die vorliegenden Studien nach Design, Größe, Messung der Exposition und Wiederholung durch unabhängige Gruppen sind (hoch, mäßig, niedrig, sehr niedrig). Gewissheit beschreibt, wie sicher die Richtung der Aussage ist (hoch, mäßig, gering, nicht beurteilbar). Beides ist eine zusammenfassende Einschätzung der Autorenschaft dieser Studie nach Sichtung überwiegend der Abstracts und keine formale GRADE-Bewertung. Keine Stufe heißt, dass ein einzelner Mann betroffen ist oder nicht; alle Aussagen betreffen Gruppen.
- Rotierende Wechselschicht hängt mit schlechterer Fruchtbarkeit zusammen, Festschicht nicht. In der prospektiven PREBIC-Kohorte (3425 Männer, 24 Monate) hatten rotierende Schichtarbeiter eine um 16 % niedrigere Schwangerschaftswahrscheinlichkeit im ersten Jahr (HR 0.84; 95 %-KI 0.70 bis 0.99), bei Spermienkonzentration -10.77 %, Gesamtzahl -11.63 % und Vitalität -3.86 %; zwischen fester Tag- und fester Schichtarbeit gab es keinen Unterschied [s09]. Eine chinesische Querschnittsstudie fand für Wechselschicht eine Odds Ratio von 1.26 für niedrige Spermienzahl [s62]. Dem stehen die nicht signifikante Metaanalyse [s23] und die LIFE-Kohorte ohne Zusammenhang [s101] gegenüber. Evidenzstärke: niedrig bis mäßig. Gewissheit: mäßig für Wechselschicht, gering für Nachtarbeit allgemein.
- Hitze und Hodentemperatur sind biologisch plausibel, der Beruf als Hitzequelle ist schwach belegt. Direkte Messungen der Hodensacktemperatur zeigen Zusammenhänge mit der Spermienkonzentration (-40 % je 1 °C Anstieg der medianen Tagestemperatur [s173]); in einer Klinikstichprobe war berufliche Hitzeexposition der stärkste Risikofaktor (OR 4.188; 95 %-KI 1.527 bis 11.484; nur 25 Exponierte [s05]). Die AUA/ASRM-Leitlinie fand keine systematische Übersicht zu Hitzeexposition, die ihre Einschlusskriterien erfüllte [s27]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: gering bis mäßig.
- Lange sitzende Tätigkeit erhöht die Hodentemperatur, verschlechtert aber die Routineparameter nicht verlässlich. Sitzen verlängert die Zeit mit erhöhter Skrotaltemperatur (Median 33.1 °C bei unter 1 Stunde, 34.7 °C bei über 6 Stunden [s174]); eine Analyse von 1747 Männern fand keinen signifikanten Zusammenhang mit der Spermienkonzentration [s159]. Zwei Studien berichten eine höhere Spermien-DNA-Fragmentation bei viel Sitzen [s66, s109]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: gering.
- Fahrerberufe: überwiegend Nachteile in kleinen Studien, nicht trennbar von Sitzen, Vibration, Abgasen und Stress. Sieben von acht Studien berichten Verschlechterungen mindestens eines Parameters (zum Beispiel normale Formen bei Taxifahrern in Rom 45.8 % gegen 64.0 % [s202]); eine polnische Laborauswertung fand keinen Unterschied [s199]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: gering.
- Blei ist die am besten bestätigte Einzelbelastung, vor allem bei hoher Exposition. Die Metaanalyse mit zehn Studien findet niedrigeres Volumen (-0.76 ml), niedrigere Konzentration (-0.63 × 10^6/ml), Gesamtzahl (-1.94 × 10^6), Vitalität (-2.18 %) und Gesamtbeweglichkeit (-1.31 %) [s39]; eine Dreiländerstudie nennt einen Schwellenbereich um 44 µg/dl Blutblei [s171]. Eine französische Kohorte fand keine verminderte Fertilität [s213]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: mäßig bis hoch bei hoher Exposition, gering bei niedriger.
- Lösungsmittel (Glykolether, aromatische Lösungsmittel, Benzol) zeigen in mehreren Designs in dieselbe Richtung. Metaanalyse aus sieben Studien: Volumen SMD -0.35, Konzentration SMD -0.36 [s78]; Glykolether adjustiert OR 2.25 bei hoher Exposition [s131]; Benzol mit mehr Chromosomenabweichungen in Spermien [s117]. Mehrere Benzolstudien stammen aus denselben Betrieben. Evidenzstärke: mäßig bis niedrig. Gewissheit: mäßig.
- Formaldehyd und Kokerei-Emissionen (PAK): Hinweise, überwiegend aus je einer Arbeitsgruppe. Formaldehyd mit niedrigerer Beweglichkeit in zwei Xi'an-Studien [s49, s104]; PAK mit Schäden am Spermienerbgut, während Standardparameter uneinheitlich bleiben [s95, s41, s46]. Evidenzstärke: niedrig. Gewissheit: gering bis mäßig.
- Bor: kein Effekt auf die Spermien, trotz sehr hoher Exposition. Bei Arbeitern mit mittlerer Tagesaufnahme von 47.17 mg Bor fanden sich weder auf Samenparameter noch auf FSH, LH und Testosteron Effekte [s75]; auch das Y:X-Verhältnis blieb unverändert [s65, s69]. Die Studien stammen aus einer Arbeitsgruppe. Evidenzstärke: niedrig bis mäßig (beste Expositionsmessung der Literatur). Gewissheit: mäßig.
- Strahlung: kleine Einzelstudien, hochfrequente Felder unsicher. Radiologiebeschäftigte hatten niedrigere Konzentration und mehr Formabweichungen (30 gegen 30 Männer [s02]); die Dosis-Wirkungs-Metaanalyse zu Radiofrequenz bewertet die Evidenz als sehr unsicher [s31]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: nicht beurteilbar bis gering.
- Psychischer Arbeitsstress und Bildschirmarbeit: widersprüchlich. Hoher Arbeitsstress mit OR 2.14 für eine Konzentration unter der WHO-Schwelle, aufgehoben bei hoher sozialer Unterstützung [s71]; zwei andere Studien fanden keinen Zusammenhang mit Jobstrain [s108, s157]. Computerarbeit: Nachteile [s42, s133, s120], kein Unterschied [s152]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: gering.
- Berufsklassen als solche (Technik, Finanz, Lehrer) liefern wechselnde und nicht wiederholte Befunde. Singapurer Fall-Kontroll-Daten nennen für Lehrer OR 7.72 (KI 1.86 bis 32.10) [s179], Samenspender in Ostchina erhöhte Risiken für Finanzberufe [s53]; Replikation und Erklärung fehlen. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: nicht beurteilbar.
- Schwere körperliche Arbeit ist ein konsistenterer Hinweis als sitzende Arbeit, aber nur in zwei Studien. In der LIFE-Kohorte hatten 13 % der Männer mit schwerer Anstrengung eine Oligospermie gegenüber 6 % [s101]; Müdigkeit und Schwitzen bei der Arbeit korrelierten schwach negativ mit Konzentration und Morphologie [s04]. Evidenzstärke: sehr niedrig. Gewissheit: gering.
- Leitlinien bewerten Berufsfaktoren nur allgemein. AUA/ASRM: Ärzte „may discuss“ berufliche Expositionen und weisen dabei darauf hin, dass die Daten zu den meisten Risikofaktoren begrenzt sind (Conditional Recommendation, Evidenzgrad C) [s27]; EAU-Kapitel ohne eigene Empfehlung zu Berufsgruppen [s216]. Evidenzstärke: nicht anwendbar. Gewissheit: hoch (für die Aussage, dass die Leitlinien so formulieren).
- Die Evidenz ist durch Auswahl, Messfehler und Überlappung begrenzt. Querschnittsdesign, Kinderwunschpatienten, Selbstauskunft, Mehrfachtests und überlappende Stichproben sind die Regel; die Lücken (Feuerwehr, Piloten, Friseure im ostasiatischen Raum) sind teils Recherchelücken. Evidenzstärke: überwiegend niedrig bis sehr niedrig (Ausnahme Blei: mäßig). Gewissheit: hoch für diese Gesamteinschätzung.