Dieser Abschnitt ordnet die Arbeiten von der höchsten Evidenzstufe zur niedrigsten: zuerst quantitative Metaanalysen, dann systematische Übersichten und Scoping Reviews ohne gepoolte Effektschätzung, danach erzählende (narrative) Übersichten, schließlich Leitlinien. Für Berufsgruppen im engeren Sinn gibt es keine einzige Metaanalyse, die Berufe als solche vergleicht. Die vorhandenen Metaanalysen betreffen Einzelexpositionen (Nachtschicht, Lösungsmittel, Blei, Cadmium, Radiofrequenzstrahlung, Mobiltelefone), die in verschiedenen Berufen vorkommen.
Quantitative Metaanalysen
Nachtschichtarbeit und männliche Fortpflanzungsparameter [s23]. Viramgami und Mitarbeiter (Indien, Zeitschrift Endocrine, 2025) legten eine systematische Übersicht mit Metaanalyse nach PRISMA 2020 vor (Protokoll PROSPERO CRD42022379770). Durchsucht wurden PubMed, Scopus und EMBASE; von 6397 Zitaten wurden acht Studien eingeschlossen. Der gepoolte Mittelwertunterschied der Spermienzahl betrug −18,38 × 10⁶ Spermien (95 %-KI −59,82 bis 23,07; drei Studien; I² = 85,12 %). Für das Serum-Testosteron ergaben fünf Studien einen Unterschied von 15 ng/dl (95 %-KI −19,3 bis 49,39; I² = 63 %). Die Autoren deuten dies als niedrigere Spermienzahlen und geringfügig höheres Testosteron bei Schichtarbeitern. Beide Konfidenzintervalle schließen null ein; der gepoolte Effekt ist also statistisch nicht gesichert. Stärken sind das registrierte Protokoll sowie die Prüfung von Heterogenität und Verzerrung. Schwächen sind die sehr hohe Heterogenität, die geringe Zahl der Studien in der Spermienzahl-Analyse (nur drei) und die Einstufung der Mehrzahl der Studien mit hohem Verzerrungsrisiko bei Auswahl der Teilnehmer, Vergleichbarkeit der Gruppen und Expositionserfassung. Das Abstract nennt nicht, aus welchen Ländern die Primärstudien stammen. Einordnung: Die einzige quantitative Zusammenfassung zur Nachtschicht kann einen Effekt auf die Spermienzahl weder belegen noch ausschließen; die einzelnen Schichtstudien dieses Kapitels (siehe Abschnitt Schichtarbeit) zeigen dennoch überwiegend in eine Richtung.
Berufliche Lösungsmittelexposition [s78, s77]. Die Metaanalyse von Ianos und Mitarbeitern (Journal of Occupational and Environmental Medicine, 2018) fasste sieben Studien aus PubMed zusammen, die exponierte Arbeiter mit nicht exponierten Kontrollen verglichen. Sie fand eine signifikante Abnahme des Ejakulatvolumens (standardisierte Mittelwertdifferenz, SMD, −0,35; 95 %-KI −0,63 bis −0,07) und der Spermienkonzentration (SMD −0,36; 95 %-KI −0,64 bis −0,08). Die zugrunde liegende französische Masterarbeit derselben Autorin bzw. desselben Autors [s77] nennt zusätzlich die Zusammensetzung des Kollektivs (272 exponierte und 247 nicht exponierte Arbeiter; Exposition gegenüber Glykolethern, Perchlorethylen, aromatischen Kohlenwasserstoffen, N,N-Dimethylformamid und Schwefelkohlenstoff) und berichtet, Morphologie, Beweglichkeit und Vitalität seien „également diminuées mais de façon non statistiquement significative“ (ebenfalls vermindert, aber nicht statistisch signifikant). Diese Aussage fehlt im Zeitschriftenabstract; die Befunde beschränken sich also auf Volumen und Konzentration. Stärken: erste Metaanalyse zu dieser Frage. Schwächen: nur eine Datenbank, nur sieben Studien, gemischte Lösungsmittel, keine Angaben zur Heterogenität im Abstract. Die Masterarbeit ist nicht begutachtet.
Bleiexposition [s39]. Giulioni und Mitarbeiter (Reproductive Toxicology, 2023) werteten zehn Beobachtungsstudien an Männern mit Umwelt- oder Berufsexposition gegenüber Blei aus (Recherche am 12. November 2022 in MEDLINE, Scopus und Embase; Random-Effects-Modell, Cochran-Mantel-Haenszel, gewichtete Mittelwertdifferenz, WMD). Das Ejakulatvolumen war um −0,76 ml vermindert (95 %-KI −1,47 bis −0,05; p = 0,04), die Spermienkonzentration um −0,63 × 10⁶/ml (95 %-KI −1,15 bis −0,12; p = 0,02), die Gesamtspermienzahl um −1,94 × 10⁶ (95 %-KI −3,77 bis −0,11; p = 0,04), die Vitalität um −2,18 % (95 %-KI −3,92 bis −0,45; p = 0,01) und die Gesamtbeweglichkeit um −1,31 % (95 %-KI −2,33 bis −0,30; p = 0,01). Kein Unterschied zeigte sich bei normaler Morphologie, progressiver Beweglichkeit und Viskosität. Stärken: einheitliches Effektmaß für mehrere Parameter. Schwächen: Alle Intervalle liegen knapp unterhalb von null, die absoluten Unterschiede sind klein; Umwelt- und Berufsexposition sind vermischt; die Studienqualität wird im Abstract nicht ausgewiesen.
Cadmium, Umwelt und Beruf [s38]. Gao und Mitarbeiter (Environmental Geochemistry and Health, 2023) durchsuchten PubMed, Embase und Web of Science über drei Jahrzehnte und poolten Korrelationskoeffizienten. Cadmium war negativ mit Spermienparametern korreliert (r = −0,122; 95 %-KI −0,151 bis −0,092) und positiv mit Serum-Sexualhormonen (r = 0,104; 95 %-KI 0,060 bis 0,147). In Untergruppen war Blut-Cadmium negativ mit Samendichte, Beweglichkeit, Morphologie und Spermienzahl korreliert, Cadmium im Samen negativ mit der Konzentration und mit Testosteron. Das Abstract beschreibt große Heterogenität. Schwächen: sehr kleine Effektstärke; Umwelt und Beruf nicht getrennt; die Zahl der Studien ist im Abstract nicht genannt; Berufsgruppen werden nicht aufgeschlüsselt. Eine türkische Übersicht zu Cadmium [s88] kommt ohne Zahlen zu einer ähnlichen Richtung (siehe unten).
Radiofrequenzstrahlung, Dosis-Wirkungs-Metaanalyse [s31]. Kenny und Mitarbeiter (Environment International, 2024; im Auftrag der WHO) werteten humane Beobachtungsstudien aus (Protokoll PROSPERO CRD42021265401; OHAT-Werkzeug zur Verzerrungsbewertung und OHAT-GRADE). Eingeschlossen waren neun Studien, davon sieben in der Allgemeinbevölkerung und zwei berufsbezogen (Techniker mit Mikrowellenexposition, Seeleute mit Radargeräten). Pro Stunde täglicher Mobiltelefonnutzung ergaben sich für die Spermienkonzentration eine Mittelwertdifferenz (MD) von 1,6 × 10⁶/ml (95 %-KI −1,7 bis 4,9; drei Studien), für die Morphologie 0,15 Prozentpunkte (95 %-KI −0,21 bis 0,51; drei Studien), für die progressive Beweglichkeit −0,46 Prozentpunkte (95 %-KI −1,04 bis 0,13; zwei Studien) und für die Gesamtzahl −0,44 × 10⁶/Ejakulat (95 %-KI −2,59 bis 1,7; zwei Studien). Alle Intervalle schließen null ein; die Sicherheit der Evidenz wird als „very uncertain“ (sehr unsicher) eingestuft. Für die berufliche Exposition war wegen unterschiedlicher Strahlungsquellen keine Zusammenfassung möglich; beide Berufsstudien hatten in mehreren Bereichen ein hohes Verzerrungsrisiko. Stärken: Doppelscreening, formale Bewertung der Evidenzsicherheit. Schwäche: sehr wenige berufsbezogene Studien.
Mobiltelefonstrahlung bei Mensch und Tier [s61]. Yu und Mitarbeiter (Environmental Pollution, 2021) aktualisierten eine systematische Übersicht mit Metaanalyse (39 Studien, Mensch und Tier). In den gepoolten humanen Querschnittsstudien fand sich kein Zusammenhang zwischen Mobiltelefonnutzung und verminderter Spermienqualität; bei reifen Spermien in vitro und im Tierversuch war dagegen die Beweglichkeit und Vitalität vermindert. Berufsgruppen sind nicht das Thema; die Arbeit ist hier der Vollständigkeit halber aufgeführt, weil Vielnutzer (zum Beispiel in Gesprächsberufen) damit nur indirekt angesprochen werden.
Körperliche Aktivität, Übersicht mit Metaanalyse [s67]. Ibañez-Perez und Mitarbeiter (Archives of Gynecology and Obstetrics, 2019) werteten 32 Manuskripte aus. Überwiegend zeigten sich keine großen Effekte; Freizeitaktivität konnte Konzentration und progressive Beweglichkeit begünstigen, Leistungssport einzelne Parameter wie die progressive Beweglichkeit verschlechtern, bei Radfahren deutete sich ein negativer Effekt auf die Konzentration an. Die Arbeit betrifft Freizeit- und Leistungssport, nicht berufliche Belastung; sie liefert aber den Hintergrund für die Studien zu schwerer körperlicher Arbeit.
Systematische Übersichten und Scoping Reviews ohne gepoolte Schätzung
Intensives Training bei Berufs- und Nichtberufssportlern [s16]. Greco und Mitarbeiter (Journal of Clinical Medicine, 2025) schlossen vier Studien mit 156 Teilnehmern ein (Qualitätsbewertung mit den NHLBI-Instrumenten). Sechzehn Wochen intensives Radtraining hatten Volumen, Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie signifikant gesenkt; nach mindestens einer Woche Pause kehrten die Werte auf den Ausgangswert zurück, außer Morphologie und Konzentration. Die Sicherheit der Evidenz wird als „very low“ eingestuft. Schwächen: vier Studien, kleine Gruppen, Leistungssport als Sondersituation.
Nicht ionisierende Strahlung [s20]. Motchidlover und Mitarbeiter (French Journal of Urology, 2025) wählten zwölf Studien aus. Die Mehrzahl der Humanstudien in vivo und der Tierstudien in vitro zeige Effekte auf Zahl, Beweglichkeit und Vitalität, wobei Beweglichkeit und Vitalität am regelmäßigsten betroffen seien. Zahlenwerte nennt das Abstract nicht. Die Übersicht stammt aus der Autorengruppe, die auch weitere französische Arbeiten zum Thema vorgelegt hat [s97].
Biomonitoring von Umwelt- und Berufsschadstoffen [s37]. Cofone und Mitarbeiter (Annali di Igiene, 2023) fassten 21 Artikel (Recherche bis 11. Mai 2023; Newcastle-Ottawa-Skala; PROSPERO CRD42023405607) zusammen, die Schadstoffe in Urin und Blut maßen (Bisphenole, Phthalate, Pestizide, PCB, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Schwermetalle). Die Autoren berichten eine signifikante positive Korrelation zwischen Schadstoffspiegeln und einzelnen Veränderungen der Spermienqualität (verminderte Beweglichkeit, Konzentration, Morphologie). Schwäche: Berufsgruppen werden im Abstract nicht getrennt ausgewiesen; es sind nur Biomonitoring-Studien einbezogen.
Physikalische und chemische Risikofaktoren am Arbeitsplatz [s43]. Ramezanifar und Mitarbeiter (Safety and Health at Work, 2023) werteten nach PRISMA 2020 insgesamt 57 Artikel aus (34 Feldstudien, 23 klinische Studien; 43 zu chemischen, sechs zu physikalischen, acht zu physikochemischen Faktoren; veröffentlicht 2000 bis 2021). Als auf die Fortpflanzungsorgane wirksam benannt werden Lärm, Hitze und Radiofrequenzstrahlung sowie Carbamat- und Organophosphat-Pestizide, Benzol, Toluol, Xylol, Formaldehyd, Stickstoffdioxid, Schwefelkohlenstoff, Mangan, Blei, Nickel und n-Hexan. Männer und Frauen werden gemeinsam ausgewertet; Zahlen nennt das Abstract nicht.
Schichtarbeit und urogenitale Erkrankungen [s74]. Deng und Mitarbeiter (Current Urology Reports, 2018) berichten in einer systematischen Übersicht, Nichtstandard-Schichtarbeit sei mit schlechteren Spermaparametern und geringerer Fertilität, häufigerem Prostatakrebs, stärkerer erektiler Dysfunktion, Beschwerden der unteren Harnwege und hypogonadalen Symptomen verbunden; die Assoziationen seien bei der Schichtarbeits-Schlafstörung (bis zu 20 % der Schichtarbeiter) stärker. Zahlen zu Spermienparametern enthält das Abstract nicht.
Psychosoziale Arbeitsfaktoren [s12]. Das Scoping Review von Ansah und Mitarbeitern (Reproductive Biology and Endocrinology, 2025) schloss 18 Volltexte aus 1322 Datensätzen ein (Zeitraum Januar 1990 bis Januar 2024, nur englischsprachig; Datenbanken JSTOR, Central, PubMed, Web of Science sowie Google und Google Scholar). Die Befunde zu Schichtarbeit, langen Arbeitszeiten und Jobstrain seien „inconclusive“ (nicht schlüssig); Jobstress und kognitive Erschöpfung verminderten die Fertilität über eine geringere Spermienqualität; soziale Unterstützung am Arbeitsplatz puffere den Effekt hoher Anforderungen. Rauchen, schlechte Schlafqualität, Depression und Diabetes in der Vorgeschichte gingen mit schlechterer Spermienqualität einher. Das Abstract formuliert zudem Forderungen nach Interventionen am Arbeitsplatz; das sind Aussagen der Autoren, keine Befunde dieses Kapitels.
Schwermetalle, Scoping Review [s15]. Giulioni und Mitarbeiter (2025) identifizierten 1709 Studien und schlossen 21 ein (PRISMA 2020). Berichtet werden negative Effekte von Blei auf Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie, von Cadmium auf die Blut-Hoden-Schranke und von Arsen auf die Beweglichkeit. Es gibt keine quantitative Zusammenfassung.
Nickel [s33]. Die systematische Übersicht von Vinnikov und Syurin (BMC Public Health, 2024; PRISMA; PubMed, Scopus, Embase ohne Zeit- und Sprachgrenze) umfasst 19 Studien aus 23 Veröffentlichungen aus zwölf Ländern. Nickel wurde in Blut, Samenplasma, Spermien und Urin bestimmt. Es waren 16 Querschnittsstudien von akzeptabler Qualität und drei Fall-Kontroll-Berichte von schlechter Qualität; multivariate Modelle gab es nur in acht Studien. Eine Metaanalyse war wegen uneinheitlicher Effekte nicht möglich. In acht Studien fand sich keine Assoziation, in elf eine Assoziation (neun mit erhöhtem Risiko, zwei mit schützendem Effekt). Nur eine Studie betraf eine beruflich exponierte Population (Defekte des Flagellums, aber bei Schweißern und Kontrollen gleichermaßen). Die Autoren schließen, die Evidenz sei widersprüchlich und ein klarer Beleg für nachteilige Wirkungen höherer Nickelwerte fehle. Die Arbeit zeigt auch, dass für einen häufigen Arbeitsstoff nur eine einzige Berufsstudie vorliegt.
Berufsfaktoren in Fall-Kontroll-Studien, französischsprachige Übersicht [s97]. Ould Hamouda und Mitarbeiter (Journal de Gynécologie Obstétrique et Biologie de la Reproduction, 2016) wählten 13 PubMed-Artikel aus, deren Teilnehmerzahlen von 61 bis 2619 reichten; die methodische Heterogenität, insbesondere bei der Expositionserfassung, war groß. Signifikant mit veränderten Spermaparametern verbunden waren die Berufe „workmen, painters, farmers, welders, plumbers and technicians“; bei den Expositionen waren es Lösungsmittel, Schwermetalle, Hitze, Vibrationen und nicht ionisierende Strahlung. „None of the selected studies has found a link with exposure to pesticides.“ Von den genannten Berufen sind einige in anderen Kapiteln behandelt.
Kritische Übersicht zu physikalischen Agenzien [s40]. Giulioni und Mitarbeiter (Archivio Italiano di Urologia e Andrologia, 2023) berücksichtigten die letzten zwanzig Jahre (MEDLINE, Scopus, Web of Science). Strahlung beeinträchtige insgesamt die Spermien; Konzentrationsänderungen seien nach psychischem Stress und sitzender Arbeit beschrieben; Zusammenhänge zwischen körperlicher Anstrengung und Hormonprofil (Hypophysenhormone, Testosteron) bestünden. Das Evidenzniveau sei, außer für körperliche Belastung, „not adequate“.
Narrative Übersichten
Genitale Hitzebelastung [s137]. Jung und Schuppe (Andrologia, 2007) halten fest: Die Sitzdauer bei der Arbeit korreliere positiv mit der Hodensacktemperatur am Tag, die Tagestemperatur negativ mit der Spermienqualität; eine unmittelbare negative Korrelation zwischen Sitzdauer und Spermienqualität habe sich in den verfügbaren Studien jedoch nicht zeigen lassen. Bei Berufskraftfahrern mit langen Sitzzeiten seien Fertilitätsparameter beeinträchtigt gewesen, bei Fahrern von Lieferwagen, Lastwagen oder schweren Maschinen müssten aber Störfaktoren berücksichtigt werden; Studien zu beruflicher Hitze hätten widersprüchliche Ergebnisse geliefert; Saunabesuche seien nicht hinreichend belegt.
Berufliche Exposition und männliche Fortpflanzungsfunktion [s143, s172, s111, s110]. Jensen, Bonde und Joffe (Occupational Medicine, 2006) sehen den Einfluss von Hitze, ionisierender Strahlung, anorganischem Blei, Dibromchlorpropan, Ethylendibromid, einigen Ethylenglykolethern, Schwefelkohlenstoff und Schweißarbeiten in gut gestalteten epidemiologischen Studien als „strongly supported“ (stark gestützt); bei anderen Stoffen sei der Zusammenhang nur vermutet [s143]. Bonde und Storgaard (International Journal of Andrology, 2002) nennen berufliche Gefahren bekannt, aber mit zu geringer Expositionshäufigkeit, um den Rückgang der Spermienzahl in der Allgemeinbevölkerung zu erklären; eine Ausnahme könne die sitzende Arbeit sein, bei der die Hodenwärmeregulation erschöpft werden könnte [s172]. Bonde (Current Opinion in Endocrinology, Diabetes and Obesity, 2013) fasst zusammen, dass für Bor bei hoher beruflicher Exposition keine Hinweise auf Toxizität für die menschliche Spermatogenese vorliegen, während Benzol selbst in sehr niedrigen Expositionen Chromosomenaberrationen in Spermien verursachen könne; die Befunde zu Bisphenol A und Phthalaten bei Beschäftigten seien uneinheitlich [s111]. Schrader und Marlow (Asian Journal of Andrology, 2014) geben einen Überblick über Methoden zur Untersuchung beruflicher Expositionen und nennen frühe Beobachtungen (Blei bei Arbeitern in Rumänien 1975, Dibromchlorpropan 1977) [s110].
Vibration [s194]. Penkov und Tzvetkov (Central European Journal of Public Health, 1999) fassen Tier-, klinische und epidemiologische Studien zusammen: Bei männlichen Ratten waren Spermienzahl, Spermatogeneseindex und Hodengröße vermindert; bei Arbeitern mit Vibrationsbelastung in Transport und Industrie war die Prävalenz von Oligozoospermie, Asthenozoospermie und Teratozoospermie erhöht.
Quecksilber [s48]. Die Übersicht von Kumar und Mitarbeitern (Journal of the Turkish German Gynecological Association, 2022) beschreibt negative Effekte auf Spermienzahl, Beweglichkeit und Morphologie nach Umwelt-, Berufs- und amalgambedingter Exposition, ohne Zahlenangaben im Abstract; die Autoren sehen eine mögliche Toxizität für das Fortpflanzungspotenzial, „especially in males“. Eine zugehörige Primärstudie aus China [s206] ist weiter unten besprochen.
Deutschsprachige Übersichten [s96, s52]. Köhn (Der Urologe, 2016) und Schuppe (Die Urologie, 2022) halten übereinstimmend fest, dass neben Medikamenten und Lebensstilfaktoren (Alkohol, Tabakrauch) „various environmental and occupational agents, both chemical and physical“ die männliche Fortpflanzung beeinträchtigen können; die Informationslage zu einzelnen exogenen Faktoren und ihren Wirkmechanismen beim Menschen sei begrenzt, die Übertragung aus Tier- und In-vitro-Versuchen schwierig; relevante Expositionen sollten in der andrologischen Diagnostik sorgfältig erfasst werden. Die jüngere Fassung [s52] benennt Störungen auf hypothalamisch-hypophysärer, testikulärer und posttestikulärer Ebene. Beide Abstracts enthalten keine Zahlen und keine berufsgruppenspezifischen Aussagen. Eine deutschsprachige Primärstudie zum Thema wurde nicht gefunden; die deutschen Treffer mit „Beruf“ und „Arbeit“ waren überwiegend MAK-Begründungen zu Einzelstoffen und wurden nicht als Studien zu Berufsgruppen gewertet.
Französischsprachige Übersichten [s73, s81, s176, s47]. Bendayan und Mitarbeiter (Gynécologie Obstétrique Fertilité & Sénologie, 2018) nennen als Umwelt- und Lebensstilfaktoren mit möglichem negativem Einfluss auf die Spermienqualität Tabak, Marihuana, Gewicht und BMI, Hitze, Ernährungszustand, elektromagnetische Wellen und Höhenlage (ohne Zahlen im Abstract) [s73]. Lamothe und Mitarbeiter (Annales d'Endocrinologie, 2018) beschreiben, die Spermienqualität verschlechtere sich seit 40 Jahren, über 35 % der Ursachen männlicher Infertilität seien idiopathisch, und Umwelteinflüsse wirkten vor allem über epigenetische und hormonelle Veränderungen; Berufsgruppen werden nicht genannt [s81]. Pilliere (2002) ist ein Dossier der Zeitschrift „Références en santé au travail“ zu endokrinen Disruptoren bei beruflicher Exposition; erwähnt wird eine beschriebene Abnahme der Spermienqualität „dans certaines régions agricoles“ [s176]. Bansal und Cheema (Buchkapitel, 2022) geben einen Überblick zu Lebensstilfaktoren (unter anderem extreme Hitze), Umweltstress und beruflichen Expositionen und deren Zusammenhang mit sinkender Samenqualität, oxidativem Stress und Spermien-DNA-Schäden; das Abstract enthält keine Zahlen und fordert genauere Studien, etwa zu intensiver Mobiltelefonnutzung und mentalem Stress [s47].
Übersichten aus dem östlichen Mittelmeerraum [s14]. Fares und Mitarbeiter (International Journal of Reproductive Biomedicine, 2025) werteten in einer narrativen Übersicht 63 Studien aus (PubMed und Scopus, Januar 2012 bis Juni 2024), davon etwa 59 % (n = 37) zu männlichen und 36 % (n = 23) zu weiblichen Faktoren. Ein Rückgang von Samenparametern korreliere mit hohen Temperaturen, Bisphenol A und Luftstaub; Phthalate und Pestizide beeinträchtigten das männliche endokrine Fortpflanzungssystem; starke Raucher hätten schlechtere Samenqualität als normale Raucher. Die Evidenz zu Umwelteinflüssen und assistierter Reproduktion sei begrenzt und regional ungleich verteilt. Es fehlt eine systematische Methodik im Abstract, und die Arbeit ist nicht auf Berufsgruppen ausgerichtet.
Russischsprachige Übersichten [s45, s36, s26, s139]. Fesenko und Mitarbeiter (Izmerov-Institut für Arbeitsmedizin) fassen in zwei analytischen Literaturübersichten zusammen: [s45] (2023, physikalische Faktoren): Hitze und Kälte könnten die Fortpflanzungsfunktion stören; für Bäckereien, Keramik, Stahlindustrie und andere heiße Arbeitsplätze seien Störungen beschrieben; bei Männern unter erhöhter Temperatur beginne die Störung der Spermatogenese schon in den ersten Stunden (Degeneration des Keimepithels); ein referenzierter Querschnitt in der Stahlindustrie (2000 bis 2021) habe Veränderungen von Volumen, Morphologie, Zahl und Beweglichkeit gefunden; in Freiwilligenversuchen mit leicht erhöhter Hodentemperatur seien morphologische Spermienanomalien erst nach 73 Tagen zur Norm zurückgekehrt. Untersuchungen zu Lärm und Vibration seien selten, zu Ultra- und Infraschall nur vereinzelt; ionisierende Strahlung gilt als „belegter Faktor“, elektromagnetische Felder (Mobiltelefone, Mikrowellenherde, Laptops, WLAN) könnten Spermatogenese und DNA verändern. [s36] (2024, chemische Faktoren): für organische Lösungsmittel Störungen von Beweglichkeit und Morphologie (Glykolether, Aceton), verlängerte Zeit bis zur Schwangerschaft bei Partnerinnen von Beschäftigten mit Trichlor- und Tetrachlorethylen, gesteigerter Zelltod bei Benzol; bei Phthalaten ein Zusammenhang zwischen Spiegel im Körper und verminderter Spermienqualität; zu Blei „viele Arbeiten“, zu Cadmium, Quecksilber, Bor, Mangan, sechswertigem Chrom und Aluminium Einzelbefunde. Zemlyanova und Mitarbeiter (Gigiena i Sanitariia, 2025) werteten 160 Publikationen aus (eLIBRARY, PubMed, Google Scholar, Web of Science, Scopus): Direkte und indirekte Wirkungen chemischer und physikalischer Faktoren auf die männliche reproduktive Gesundheit verliefen über morphologische und funktionelle Störungen oder über Kaskaden aus oxidativen und entzündlichen Reaktionen und über die endokrine, immunologische, nervöse und kardiovaskuläre Regulation; Lebensstil, Gewohnheiten, Infektionen und chronische Krankheiten erschwerten die Zuordnung [s26]. Potemina und Mitarbeiter (2007, nur Abstract) halten fest, dass die meisten in Luft und Boden von Industriestädten gefundenen Chemikalien Reproduktionstoxika seien und einige berufliche Schadstoffe gonadotrop wirken könnten [s139]. Alle vier Arbeiten sind narrativ; Effektgrößen werden im Abstract nicht berichtet, und eine systematische Qualitätsbewertung der Primärstudien ist nicht erkennbar.
Türkischsprachige Übersichten [s85, s88]. Yılmaz und Mitarbeiter (Androloji Bülteni, 2017) beschreiben, Männer arbeiteten überwiegend in Bereichen mit physikalischen und chemischen Risiken, und die Wirkung des Arbeitslebens auf die männliche Fertilität werde übersehen [s85]. Kavlak und Güner (Androloji Bülteni, 2017) fassen Hinweise aus Experiment und Berufsstudien auf nachteilige Wirkungen niedriger Cadmiumspiegel auf Spermienqualität und Hormone zusammen, bei begrenzten und unzureichenden Informationen [s88]. Beide Abstracts enthalten keine Zahlen.
Reproduktionstoxische Stoffe am Arbeitsplatz in Korea [s63, s89, s123]. Park (Yeungnam University Journal of Medicine, 2020) hält die Humandaten für unzureichend und betont die relativ kurze Latenz bis zu Fortpflanzungsschäden [s63]. Rim (Safety and Health at Work, 2017) wertete von 100 gewählten Artikeln 47 aus (überwiegend deskriptiv), sieht Regelungslücken in Korea außer dem Sicherheitsdatenblatt und nennt als Vorschläge zum Arbeitsschutz unter anderem Gefährdungsüberwachung, Vermeidung, Ersatz, Lüftung und Schutzausrüstung [s89]; das sind Vorschläge der Arbeit, keine Aussagen dieses Kapitels. Park, Shin und Kim (Journal of Korean Medical Science, 2010) berichten in einer Übersicht über Störungen der Fortpflanzungsfunktion und Blasenkrebs, dass 1995 beim Zusammenbau von Tastschaltern 23 von 33 Beschäftigten (25 Frauen, 8 Männer) an Fortpflanzungs- oder Blutbildungsstörungen erkrankten, 17 (68 %) mit Ovarialinsuffizienz; zwei der acht Männer hatten eine Azoospermie, vier eine Oligospermie oder verminderte Beweglichkeit; die Prognose der Fortpflanzungsstörung sei schlecht gewesen [s123]. Das ist derselbe Fall, der als Primärstudie [s203, s192] weiter unten besprochen ist.
Japanische Übersichten und Methodenbeiträge [s147, s145, s146, s160, s80, s100]. Sechs japanische Beiträge liefern keine Studienergebnisse, aber den Rahmen. Kamijima (2005) stellt fest, dass in Japan bisher nur sehr wenige Studien zu Samenindizes an Arbeitsplätzen existieren, und erörtert Studiendesign, Einwilligung von Arbeitgeber und Beschäftigten, Teilnahmesteigerung, Störgrößen (Karenzzeit, Krankengeschichte), Standardisierung und Vorsicht bei der Mitteilung niedriger Samenqualität an eine exponierte Gruppe [s147]. Ichihara (2005, japanisch und englisch) fasst zusammen: 1995 zeigten Beschäftigte einer koreanischen Elektronikfabrik Oligospermie oder Amenorrhoe; japanische Tierversuche belegten, dass 2-Brompropan Spermatogenesezellen und Oozyten erschöpft, während 1-Brompropan stärker neurotoxisch ist und die Spermiation hemmt; die Dosis-Wirkung beim Menschen sei unbekannt [s145, s146]. Takahashi, Hanaoka und Pan (Journal of UOEH, 2004) halten fest, dass epidemiologische Befunde zu beruflicher Exposition und männlicher Reproduktion durch Schwierigkeiten bei der Bestimmung exponierter Gruppen und der Expositionsbeurteilung begrenzt bleiben [s160]. Kamijima (2018) beschreibt, dass Japan den Schutz Schwangerer vor Reproduktionsgefahren am Arbeitsplatz verstärkt hat, männliche Beschäftigte über die Risikobewertung nach dem Arbeitssicherheits- und Gesundheitsgesetz geschützt werden könnten und aus Sicherheitsdatenblättern oft nicht erkennbar sei, ob keine Reproduktionstoxizität vorliegt oder nur Daten fehlen [s80]. Otani und Miura (2016) erinnern an Schwermetalle, die Dibromchlorpropan-Ausbrüche der 1960er und 1970er Jahre und den Fall von 1995 und beschreiben die Entwicklung einfacher Spermientoxizitätstests, weil konventionelle Methoden (Zahl, Beweglichkeit, Kopfmorphologie) teuer oder nicht einfach seien [s100]. Grenzwerte oder Spermienparameter nennt keine dieser Arbeiten.
Leitlinien und Leitlinien-Vergleiche
Leitlinien sind keine Studien; sie werden hier nur zur Einordnung kurz wiedergegeben. Die AUA/ASRM-Leitlinie (Online-Volltext, Stand „Amended 2024“) [s27] hält in Statement 8 fest, Ärztinnen und Ärzte könnten Risikofaktoren (Lebensstil, Medikamente, Umweltexpositionen, berufliche Expositionen) besprechen und darauf hinweisen, dass die aktuellen Daten zur Mehrzahl der Risikofaktoren begrenzt seien (Conditional Recommendation, Evidenzgrad C). Im Abschnitt zu Umweltfaktoren heißt es, der Zusammenhang sei für einige Schwermetalle und Pestizide „conclusive“, für Bisphenol A, Benzophenone, chlorierte antimikrobielle Stoffe, Parabene und Luftverschmutzung „inconclusive“. Wörtlich festgehalten ist: „No systematic reviews met inclusion criteria for the following risk factors: recreational drug use, sleep, sports/exercise, heat exposure, type of underwear, or anatomic abnormalities of genitalia.“ Berufsgruppen im Sinne von Tätigkeiten (Fahrer, Büroarbeit, Schichtarbeit) werden nicht einzeln bewertet. Die Aktualisierung 2024 [s28] nahm 22 Studien in die Evidenzbasis auf (4093 neue Abstracts, nach Screening 125 geeignet); berufliche Exposition wird im Abstract nicht erwähnt. Das EAU-Kapitel zur männlichen Infertilität (abgerufen am 05.10.2026) [s216] nennt als Anamnesepunkte „exposure to environmental toxins“ sowie „exposure to radiation or cytotoxic agents“ und hält als Evidenzaussage (Level 2a) fest, dass bei infertilen Männern Lebensstilfaktoren wie Adipositas, geringe körperliche Aktivität, Rauchen und hoher Alkoholkonsum mit verminderter Spermienqualität verbunden sind; eine eigene Empfehlung zu Berufsgruppen ist nach der Durchsicht nicht enthalten. Die EAU-Kurzfassung 2025 [s19] nennt im Abstract die gründliche urologische Abklärung, die parallele Abklärung der Partnerin und die Beratung zu Gesundheitsrisiken; berufliche Faktoren werden nicht genannt. Der Vergleich von WHO 2025, AUA/ASRM, EAU, ESHRE und NICE [s01] stellt fest, die WHO-Leitlinie verfolge eine Public-Health-Perspektive mit Betonung der Prävention, AUA/ASRM und EAU seien spezialistisch ausgerichtet, ESHRE und NICE paarzentriert „with limited focus on male-specific pathways“. Die australische Leitlinie [s18] empfiehlt laut Abstract, Männer über „potentially modifiable risk factors“ zu beraten; Berufe werden nicht erwähnt. Die französischen Leitlinien von AFU und SALF [s59] verlangen eine systematische Anamnese einschließlich „lifestyle habits“ und „treatments“, zwei Spermiogramme, eine Skrotalsonographie, Hormonbestimmung (mindestens Testosteron und FSH) und einen Karyotyp bei einer Spermienkonzentration ≤ 10 × 10⁶/ml; die CNGOF-Leitlinie 2022 [s32] enthält unter fünf Themenblöcken die „prevention of exposure to environmental factors“, ohne berufsbezogene Empfehlung im Abstract. Eine deutschsprachige AWMF-Leitlinie mit Aussagen zu Berufsgruppen und Spermienqualität konnte nicht abgerufen werden.