Fragestellung und Abgrenzung
Untersucht wird, ob und in welcher Form Berufsgruppen, berufliche Tätigkeiten und Arbeitsplatzbelastungen mit Veränderungen der Spermienqualität und der männlichen Fruchtbarkeit zusammenhängen. Ausgenommen sind laut Auftrag die Berufsgruppen Feuerwehr, Piloten, Militär, Schweißer, Friseure, Maler und Lackierer sowie Landwirte. Das hat Folgen für die Darstellung: Reine Pestizidstudien an landwirtschaftlich Tätigen wurden nicht aufgenommen. Arbeiten, in denen ausgenommene Gruppen nur eine Untergruppe bilden, werden als Kontext erwähnt. Ein Beispiel ist die Auswertung von 2054 infertilen Männern in Münster, in der Landwirte und Maler und Lackierer häufiger verminderte Spermienzahlen hatten und Metallarbeiter und Schweißer häufiger verminderte Beweglichkeit [s180]. Ein weiteres Beispiel sind chinesische Samenspender, bei denen Soldaten und Polizisten die niedrigste Konzentration zeigten [s53]. Die Radar- und Panzerstudien aus der Volksbefreiungsarmee [s140, s156, s166, s164] gehören streng genommen zum ausgenommenen Militär und dienen hier nur als Kontext für Strahlenbelastung. Die Tschernobyl-Aufräumarbeiter [s210, s211, s155] sind ein Grenzfall, weil ihre Dosisangaben aus Wehrpässen stammen [s211].
Unter „Spermienqualität“ werden in dieser Studie die Routineparameter des Spermiogramms verstanden (Volumen, Konzentration, Gesamtzahl, Beweglichkeit, Vitalität, Morphologie), dazu erweiterte Marker (Spermien-DNA-Fragmentation, Chromatinstruktur, Chromosomenabweichungen, oxidative Schäden) sowie, wo nichts anderes vorliegt, Hilfsgrößen der Fruchtbarkeit (Zeit bis zur Schwangerschaft, Schwangerschaftsrate, Geschlechterverhältnis der Kinder). Diese Hilfsgrößen sind ausdrücklich indirekt und werden im Text so gekennzeichnet.
Wie recherchiert wurde
Die Recherche lief am 5. Oktober 2026 in drei Teilen, getrennt nach Sprachgruppen. Die PubMed-Webseite war für den Auftrag gesperrt; als Hauptquelle diente die REST-Schnittstelle von Europe PMC, die PubMed, MEDLINE, PMC und die Chinese Biological Abstracts umfasst, dazu die E-utilities des NCBI, soweit nötig.
Gruppe a (Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Spanisch). Durchsucht wurden Europe PMC, die NCBI-Schnittstelle, die französische Archivplattform HAL (Hochschulschriften), Dialnet (spanischsprachig), die Webseiten der Leitlinien von AUA/ASRM und EAU sowie das Cochrane-Verzeichnis über Europe PMC. Aus mehreren tausend Treffern wurden 130 Quellen mit abgerufenem Abstract oder Online-Text aufgenommen. Der Bericht dieser Gruppe nennt acht Leitlinien beziehungsweise Leitlinienvergleiche (darunter zwei Online-Volltexte), rund 30 Übersichtsarbeiten, systematische Übersichten und Metaanalysen, drei Tierversuche und im Übrigen Primärstudien am Menschen.
Gruppe b (Chinesisch, Japanisch, Koreanisch). Über 20 Abfragen in Europe PMC mit Länderfilter (China, Japan, Korea, Taiwan, Hongkong) und mit Berufs- und Expositionsbegriffen, dazu Titelsuchen zu den einzelnen Berufsgruppen sowie Suchen in chinesischer, japanischer und koreanischer Schrift, ferner J-STAGE, CiNii, KCI und KoreaMed. 67 Quellen wurden abgerufen, davon 63 aus dem Zielraum und vier Randfälle aus anderen Ländern. Die Datenbanken CNKI, Wanfang und DBpia waren nicht auswertbar erreichbar. Was über chinesischsprachige Originalartikel berichtet wird, beruht auf den englischsprachigen PubMed-Abstracts.
Gruppe c (Russisch, Arabisch, Türkisch). Europe PMC mit Länder- und Sprachfiltern, NCBI-efetch für die Originaltitel russischer Einträge, CyberLeninka (52 russischsprachige Volltexte gelesen, 16 aufgenommen), der türkische Zitationsindex TR Dizin sowie e-Marefa als arabischer Index. Aufgenommen sind 44 Quellen. eLIBRARY.ru, DergiPark, Arab World Research Source, ASJP und ägyptische Universitätsportale waren nicht nutzbar.
Die drei Berichte nannten zusammen 130, 67 und 44 Quellen. Nach der Zusammenführung enthält das Verzeichnis 216 Quellen; die Differenz erklärt sich überwiegend durch Doppelnennungen derselben Arbeit in mehreren Berichten, eine genaue Aufschlüsselung liegt nicht vor. Im Text wird ausschließlich mit den Kennungen des zusammengeführten Verzeichnisses zitiert (s01 bis s216).
Zusammensetzung der Quellenbasis
Die folgenden Zahlen stammen aus einer Auszählung des Verzeichnisses. Die Zuordnung nach Studiendesign erfolgte anhand des Designfeldes der Einträge und ist deshalb grob; einzelne Arbeiten lassen sich mehreren Kategorien zuordnen.
| Kategorie | Anzahl (ungefähr) | Anmerkung |
|---|---|---|
| Leitlinien und Leitlinienvergleiche | 8 | AUA/ASRM [s27, s28], EAU [s19, s216], WHO-Vergleich [s01], Australien [s18], Frankreich [s32, s59] |
| Metaanalysen | 8 Einträge, 7 eigenständige | Nachtschicht [s23], Lösungsmittel [s78, dieselbe Arbeit als Masterarbeit s77], Blei [s39], Cadmium [s38], Radiofrequenz [s31], Mobiltelefon [s61], körperliche Aktivität [s67] |
| Weitere systematische Übersichten | 6 | zum Beispiel Nickel [s33], Schichtarbeit und Urogenitalerkrankungen [s74], Gesamtübersichten [s37, s43] |
| Narrative Übersichten, Scoping Reviews | rund 35 | deutsch, französisch, japanisch, russisch, türkisch und englisch |
| Kohortenstudien | 11 | zum Beispiel PREBIC [s09], LIFE [s101], dänische Kohorten [s157, s187] |
| Fall-Kontroll-Studien | 15 | zum Beispiel Singapur [s179, s185], Libanon [s134] |
| Querschnittsstudien | rund 95 | die häufigste Bauart |
| Tierversuche | 7 | Ratte, Maus |
| Übrige (Vergleichsstudien, Fallserien, Fallberichte, Laborauswertungen) | rund 30 | meist kleine Gruppen |
Nach Erscheinungsjahr verteilen sich die Quellen so: 2 vor 1990, 24 aus den 1990er Jahren, 65 aus den Jahren 2000 bis 2009, 61 aus den Jahren 2010 bis 2019 und 63 aus den Jahren ab 2020. Die ältesten Einträge sind eine Fall-Kontroll-Studie von 1984 [s215] und eine Vergleichsstudie an Bleiarbeitern von 1987 [s214]; die jüngsten stammen aus 2026, darunter die PREBIC-Kohorte [s09].
Nach Veröffentlichungssprache: 165 Einträge tragen Englisch als Sprachangabe, 23 Russisch, 17 Chinesisch, 8 Französisch, 5 Türkisch, 4 Japanisch, 2 Deutsch, 2 Polnisch und je 1 Arabisch, Spanisch und Bulgarisch (Mehrfachangaben zählen mehrfach, etwa türkisch und englisch bei zweisprachigen Abstracts). Polnisch und Bulgarisch liegen außerhalb der Zielsprachen und sind Zusatzfunde mit englischem Abstract.
Was die Sprachräume beitragen
Die quantitative Evidenz liegt fast vollständig auf Englisch: alle Metaanalysen und alle großen Kohorten. Das Chinesische liefert zwei Generationen von Arbeiten: kleine, meist chinesischsprachige Betriebsstudien aus den Jahren 1995 bis 2009 (Benzol, Lösungsmittel, Pestizide, Metalle) und größere, englischsprachige, die sich seit etwa 2015 auf Lebensstil, Schichtarbeit, Stress und sitzende Tätigkeit richten [s09, s53, s42, s34, s71, s05]. Aus Taiwan stammen Arbeiten mit personenbezogener Luftmessung (PAK, DEHP, Dimethylformamid). Koreanisch geprägt ist die Literatur durch ein einziges Ereignis, die 2-Brompropan-Vergiftung von 1995 in einer Elektronikfabrik [s203, s192, s123]. Die japanische Literatur besteht überwiegend aus Übersichten und Tierversuchen; ein Beitrag von 2005 hält fest, dass in Japan bisher nur sehr wenige Samenindex-Studien an Arbeitsplätzen durchgeführt wurden [s147], und eine Studie von 2026 zeigt, warum: Von rund 2000 eingeladenen Beschäftigten schlossen nur 6 das Protokoll einer betrieblichen Samenanalyse ab [s07]. Die russischsprachige Literatur kommt aus der Arbeitsmedizin (Metallurgie, Erzbergbau, Erdöl und Gas) und arbeitet mit eigenen Konventionen, etwa Gefährdungsklassen und dem relativen Risiko mit ätiologischem Anteil, meist ohne Konfidenzintervalle [s130, s72]. Die türkische Literatur hat mit der Borforschung den größten Einzelblock zu einer Berufs- und Expositionsgruppe [s75, s65, s69, s64, s115, s119, s92, s184]. Aus dem arabischen Raum stammen vier englischsprachige Arbeiten, vor allem aus Marokko und Tunesien [s21, s86, s14, s87]; arabischsprachige Berufsstudien mit Samenanalyse wurden nicht gefunden. Aus dem deutschen Sprachraum gibt es zwei Übersichten aus der Urologie [s52, s96], aber keine Primärstudie zu Berufsgruppen; die Treffer aus der Arbeitsmedizin betreffen Grenzwertbegründungen für einzelne Stoffe. Französisch ist durch eine arbeitsmedizinische Tradition mit Berufsfragebögen in der Andrologie [s125, s91, s97] sowie durch Hochschulschriften geprägt [s77, s29].
Grenzen dieser Studie
Überwiegend Abstracts. Für fast alle Quellen wurde nur das Abstract gelesen. Volltexte lagen vor für die Leitlinienseiten von AUA/ASRM [s27] und EAU [s216], für Teile von sechs Arbeiten aus der ostasiatischen Gruppe [s05, s53, s42, s117, s49, s104] und für 16 russischsprachige Artikel aus CyberLeninka. Stärken und Schwächen der Studien sind deshalb nur so weit beurteilbar, wie das Abstract es zeigt. Fehlende Angaben, etwa zur Kontrolle von Störfaktoren, bedeuten nicht, dass sie in der Arbeit fehlen.
Zahlen aus Abstracts, mit Widersprüchen. Mehrere Abstracts enthalten erkennbare Unstimmigkeiten, die in den Fachkapiteln einzeln benannt werden. Beispiele: Bei Taxifahrern in Teheran wird eine negative Wirkung der Vibration mit P > 0.05 behauptet [s55]; bei Fahrradtaxi-Fahrern in Malawi sind die Werte der Gesamtbeweglichkeit in beiden Gruppen identisch angegeben [s102]; in einer Studie zu Wohn- und Berufsumfeld erscheint die Nähe zu einer Chemiefabrik als „schützend“ [s42]; in einer Arbeit zu Borarbeitern stehen p-Werte größer als 1 [s64]; in einer türkischen Arbeit passen Konfidenzintervall und p-Wert nicht zueinander [s54]. Solche Zahlen werden nur wörtlich und mit Warnhinweis wiedergegeben.
Überschneidungen. Viele Arbeiten stammen aus denselben Arbeitsgruppen oder Betrieben und sind keine unabhängigen Bestätigungen. Dazu gehören die Metallurgen-Studien aus Wolgograd (drei nahezu wortgleiche Veröffentlichungen desselben Datensatzes [s142, s141, s136]), die Kokerei-Studien einer taiwanischen Arbeitsgruppe [s95, s112, s79, s41, s46], die Benzolstudien aus Südchina [s188, s181, s167, s161], die Fenvalerat-Studie in zwei Sprachfassungen [s177, s144] mit teils gemeinsamen Kontrollen [s153], die zwei Formaldehyd-Studien aus Xi'an [s49, s104], die beiden Singapurer Fall-Kontroll-Studien mit jeweils 218 Fällen [s179, s185] und die Borstudien aus Bandırma. Die Metaanalyse zu Lösungsmitteln [s78] und die französische Masterarbeit [s77] sind dieselbe Arbeit.
Selektion. Kinderwunschkliniken, Männerkliniken und Samenspenderprogramme sind selektierte Populationen. In Studien mit Patienten und gesunden Kontrollen vermischt sich der Berufsvergleich mit dem Gesundheitszustand [s11]. Ein Vorteil der Studie an Männern mit nachgewiesener Fruchtbarkeit ist, dass der Befund nicht durch Infertilitätsauswahl entsteht [s50].
Expositionserfassung. In der Mehrzahl der Studien wird Exposition erfragt oder aus der Berufsbezeichnung abgeleitet. Gemessene Expositionen (Blutblei, Urin-Benzol, Bor in Blut und Samen, personenbezogene Luftmessung, Hodensacktemperatur) sind die Ausnahme.
Mehrfachtests und Publikationsverzerrung. Viele Studien vergleichen sehr viele Berufe oder Parameter ohne Korrektur für mehrfaches Testen; nur wenige korrigieren [s109]. Studien mit Befund werden vermutlich häufiger veröffentlicht als Studien ohne.
Fehlende Datenbanken. Nicht erreichbar waren unter anderem CNKI, Wanfang, DBpia, eLIBRARY.ru, DergiPark, Cairn, SciELO und LILACS/BVS. Für Spanisch, Portugiesisch und Italienisch besteht deshalb eine echte Lücke der Recherche, die nicht mit der Abwesenheit von Studien gleichzusetzen ist. Dissertationen wurden nicht durchsucht.
Keine Handlungsempfehlungen. Die Studie enthält keine Therapie-, Schutz- oder Verhaltensempfehlung. Wo Originalarbeiten Vorschläge machen, werden diese als Aussage der Autoren dieser Arbeiten wiedergegeben, nicht als Aussage dieser Studie.
Hinweis zur Übertragbarkeit. Befunde gelten für die jeweilige Arbeitsplatzumgebung, den Betrieb und den Zeitpunkt. Viele Studien sind 15 bis 30 Jahre alt und spiegeln frühere Expositionsniveaus. Die Beobachtungen erlauben keine Aussage über einzelne Männer oder über einen Beruf insgesamt.