Weitere Berufe: Feuerwehr, Piloten, Militär, Schweißer · Kapitel 12 von 22 · Studienlage: Klinische Studien, Leitlinien und Tierversuche

Tierversuche und Experimente an Zellen und Was in der Literatur fehlt

Tierversuche und Experimente an Zellen

Tierdaten stützen die biologische Plausibilität, sagen aber nichts über das menschliche Ausmaß aus; die Dosen liegen meist weit über beruflichen Expositionen.

  • Zirkadiane Störung, Ratte [s44]: Ratten, die zwei Monate unter gestörten Lichtbedingungen lebten, die Schichtarbeit nachahmen sollten (zwei Tage Dauerlicht, zwei Tage Dauerdunkel, drei Tage 14:10-Stunden-Hell-Dunkel), behielten ihre Nebenhoden-Spermienzahl, aber Beweglichkeit und Progesteron-induzierte Akrosomreaktion waren vermindert; mitochondriale Biogenese-Marker, mitochondriale DNA-Kopienzahl und ATP-Gehalt waren verändert.
  • Zirkadiane Störung, Maus [s10, s62]: Eine wöchentliche 12-Stunden-Umkehr des Hell-Dunkel-Zyklus über 8 Wochen führte zu erheblichen Spermien-DNA-Schäden, die Transkriptomanalyse zeigte eine Beeinträchtigung des Reparaturwegs der homologen Rekombination; in 40 menschlichen Spermaproben war die CREB1-mRNA bei Patienten mit hohem Spermien-DNA-Schaden niedriger als in der Kontrollgruppe [s10]. Im Mausmodell der Studie [s62] sank die Spermienzahl bei Asynchronie und erholte sich nach deren Aufhebung; vermehrte Apoptose in den Samenkanälchen, herunterregulierte Markergene postmeiotischer Zellen, am stärksten angereicherter Funktionsweg war die homologe Rekombination.
  • Narkosegas, Maus [s35]: 50 ppm Isofluran, 5 Stunden täglich über 30 Tage: Spermienkinetik und Vitalität beeinträchtigt, mit oxidativem Stress, mitochondrialer Dysfunktion und Genomschäden; die Effekte kehrten nach Ende der Exposition nicht sicher zurück. Für Narkosegase beim Menschen liegt in der gesichteten Literatur nur dieser Mausversuch vor.
  • Vibration, Ratte [s124, s194]: In Versuchen an 1119 Ratten (vertikale sinusförmige Vibration, 20 Hz, 126 dB, 6 Stunden täglich über 5 Tage) fanden sich Verzögerung der Spermienbildung mit Auflockerung des Keimepithels durch Degeneration von Sertoli-Zellen, degenerierte Spermatozyten, mehrkernige Spermatiden und atypische Spermien sowie stark verminderte Fertilität der Männchen am 30. Tag; der Verlust von Embryonen vor der Einnistung bei Paarung am Tag 1, 8, 16 und 30 nach Exposition betrug 55,1 %, 49,3 %, 30,0 % und 14,3 % [s124]. Sehr hohe Dosis, Kontrollwerte im Text nicht in Zahlen; Übertragung auf Beschäftigte nicht möglich. Die Übersicht [s194] nennt bei vibrationsexponierten Ratten verminderte Spermienzahl, Spermatogeneseindex und Hodengröße.
  • Mobilfunkstrahlung, Ratte [s82]: 20 Sprague-Dawley-Ratten in vier Gruppen (Schein; 3 cm Abstand und 6 Stunden täglich; 10 cm und 18 Stunden; 3 cm und 18 Stunden), ein Monat: Spermatiden-Zahl (× 10^6/ml) 398,6, 365,40, 354,60 und 298,60 (p = 0,041); Gesamtzahl der Keimzellen in der letzten Gruppe niedriger (p = 0,032), Leydig-Zellen vermindert. Bezug zu Berufsgruppen indirekt (Vielnutzer).
  • Organophosphate, Ratte [s128]: Wistar-Ratten (je n = 10), Dichlorvos (5 und 10 mg/kg) oder Diazinon (3 mg/kg) sechs Tage pro Woche über neun Wochen: beide Wirkstoffe senkten die Beweglichkeit und erhöhten den Anteil gebrochener Spermien; Dichlorvos erhöhte zusätzlich Zytoplasmatropfen; in den Nebenhodenepithelien nahmen Vakuolisierung und Kernschrumpfung zu, der Hoden zeigte keine signifikanten histopathologischen Veränderungen.
  • 2-Brompropan und 1-Brompropan [s145, s146]: Japanische Tierversuche belegen, dass 2-Brompropan Spermatogenesezellen und Oozyten erschöpft, während 1-Brompropan stärker neurotoxisch ist und die Spermiation hemmt; die Dosis-Wirkung beim Menschen sei unbekannt. Die Hodentoxizität des koreanischen Falls wurde im Tierversuch reproduziert [s192].
  • Tier-NOAEL für Bor [s92]: Der NOAEL der Ratte für die Reproduktionstoxizität entspricht einem Blutborwert von 2020 ng/g (siehe oben, Abstand zum Menschen um den Faktor 9).
  • Zellversuch (Benzol, in vitro) [s56]: siehe oben unter Erdöl; die Konzentration von 0,001 µg/ml wurde vom Autor gewählt.

Was in der Literatur fehlt

Für mehrere häufige Berufsgruppen fand sich mit den eingesetzten Suchbegriffen kein verwertbarer Humanbefund: Köche und Bäcker (nur die Hintergrundannahme in [s163]), Bauarbeiter, zahnmedizinisches Personal, Pflegepersonal und Ärzte (außer den Durchleuchtungsstudien); für Lehrer und Finanzberufe liegen nur Fall-Kontroll- beziehungsweise Spenderstudien aus Singapur und Ostchina vor [s179, s53]. Aus dem chinesischen, japanischen und koreanischen Raum wurde keine Studie zu Feuerwehr, Piloten oder Friseuren abgerufen, und aus Japan und Korea keine zu Soldaten oder Schweißern; das ist eine Aussage über die abgerufenen Quellen, nicht über die Weltliteratur. Aus den russisch-, türkisch- und arabischsprachigen Räumen liegt (mit Ausnahme der Nickelübersicht [s33]) keine Metaanalyse und keine Kohortenstudie mit Samenanalyse, die einen Beruf mit der Spermienqualität verknüpft. Von 44 Quellen dieser Räume berichten nur drei Konfidenzintervalle für Berufseffekte auf Samenparameter oder Fertilitätsmarker [s57, s54, s86]. Die Studie mit bester Expositionsmessung, die türkische Borforschung, findet keinen Effekt.

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Berufsklassen, Berufsvergleiche und Arbeitsplatzfragebögen bis Schicht-, Nacht- und Wechselschichtarbeit
  6. Sitzende Tätigkeit, Hitze und Hodentemperatur bis Pestizid-Herstellung und Bromverbindungen
  7. Blei und Batterieherstellung bis Zement und Kernbohrung (Türkei)
  8. Weitere Beobachtungsstudien bis Einordnung der Evidenz im Überblick
  9. Vorbemerkung: Was „klinische Studie“ in diesem Feld bedeutet bis Systematische Übersichten und Metaanalysen
  10. Fahrer und Verkehrsberufe bis Strahlung, elektromagnetische Felder, Luftschadstoffe
  11. Metallurgie und Bergbau (russischsprachiger Raum) bis Fragebogenstudien zur Fruchtbarkeit ohne Samenanalyse
  12. Tierversuche und Experimente an Zellen und Was in der Literatur fehlt
  13. Mechanismen und biologische Plausibilität
  14. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  15. Englisch bis Japanisch
  16. Koreanisch bis Türkisch
  17. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  18. Limitationen der Evidenz
  19. Offene Forschungsfragen
  20. Praktische Einordnung
  21. Glossar
  22. Quellenverzeichnis
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s104
  25. Quellen s105–s216
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle